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Durch schöne Worte, falschen Schein,
Durch gut gewählte Schmeichelei'n
Weiß mancher Schelm zu hintergehn,
Als Ehrenwerter dazustehn;
Hat er voll List sein Ziel erreicht,
Sich bald sein wahres Wesen zeigt,
Und wer zuvor ihm Ehre gab,
Mit Abscheu nun sich wendet ab.
Drum weiß man nie, auf wen vertraun:
Die Bösen kann man nicht durchschaun;
So kommt auch jener in Verdacht,
Der nie ein Lügenwort gesagt.
Drum Tag und Nacht der Treue sinnt,
Wie er Gelegenheit gewinnt,
Zu zeigen seine Ehrlichkeit,
Ist zum Beweise gern bereit
Zu Taten, die noch nie geschehn;
Des werdet Ihr ein Beispiel sehn.
Von einer Dame sag ich Euch,
Der holdesten im Königreich,
Nicht Gräfin zwar, noch Herzogin,
Doch edlen Stamms; in jedem Sinn
Mit höf'scher Sitte wohl vertraut;
Sie war als Gattin angetraut
'nem Edelmann aus reichem Haus.
Es ging bei ihnen ein und aus
Manch Ritter, im Turnier gewandt,
Und jeder gastlich Herberg' fand.
Man kargte nicht mit Speis und Gold,
Der Wirt, zwar selbst dem Kampf abhold,
Die kühnen Ritter gern empfing
Und keiner ihm vorüberging.
Und nun geschah es, daß allhier
Ward angekündigt ein Turnier;
Das Schloß gewährte Gastlichkeit
Drei Rittern, die zum Kampf bereit,
Zwei reich, mit glänzendem Geleit,
Wohl auch bewährt in Tapferkeit,
Der dritte arm, doch reich an Ehr,
Man sagt, er fällte schon ein Heer
Von Gegnern, an zweihundert schier,
Und nie versäumt' er ein Turnier;
Sobald der Helm sein Haupt bedeckt,
Ihn weder Stahl noch Schaft erschreckt.
Sie drei in Liebe nun entbrannt;
Doch keiner Gegenliebe fand.
Die Dame, zwar drob nicht empört,
Hat keinem Minne doch gewährt,
Wenn sie auch sanft mit Schmeichelei'n
Umwarb der reichste von den drei'n,
Sich und sein alles lieberregt
Der Dame er zu Füßen legt:
»Ach,« sprach er, »holde Herrin süß,
Mein Herz, mein Tod, mein Paradies,
Auf Euren Wunsch verspritze ich
Mein Blut im Kampfe williglich.
Nehmt all mein Gut, so's Euch gefällt,
Nehmt mich, ich brauche kein Entgelt;
Nicht trachte ich nach Eurer Huld,
Hört an mein Werben in Geduld.
Vor Euch, so schön, so klug und rein,
Scheint alles, was ich biete, klein,
Erweichet Euer stolzes Herz,
Gebt Hoffnung meinem Liebesschmerz.
Nehmt Ihr mich an als Kavalier,
Blüh' ich der Ritterschaft zur Zier,
In Courtoisie und Heldentum
Wird niemand ernten größern Ruhm.«
Die andern haben gleicher Art
Der Dame ihre Liebe zart
In heißem Werben auch erklärt,
Doch keinem hat sie Gunst gewährt;
Sie zog sich still in ihr Gemach.
Die Ritter an dem nächsten Tag
Verließen ihrer Herrin Haus
Und rüsteten zum Kampf sich aus,
Je nach Vermögen jedermann,
Da morgen das Turnier begann.
Die Herrin nahm aus ihrem Schrein
Ein leinen Hemde weiß und fein
Und ihrem Knappen gab sie dies,
Auf dessen Treu sie sich verließ;
Sie schickte ihn zum Kampfesort
Mit der genauen Weisung fort:
»Gib dieses Hemd ohn' Aufsehn hin
Dem Ritter (und sie nannte ihn),
Sag ihm, will er sich wahrhaft weihn
Nur meinem Dienst, soll er allein
In Eisenschuh'n, Helm, Degen, Schild
Erscheinen auf dem Kampfgefild'
Und sonst von Waffenschutz befreit
Anlegen dieses reiche Kleid.
Nimmt er es an und kleidet sich,
Wie ich befohlen, williglich,
So kehre schnell zu mir zurück;
Wenn nicht, versuche gleich dein Glück
Bei jenem (und sie nannte ihn)
Und rede dort in gleichem Sinn.
Und sollte der es auch verschmähn,
So mußt du zu dem dritten gehn,
Demselben, der heut morgen noch
Mit dir die Unterredung pflog.
Und bring die Botschaft noch einmal,
Genau, wie ich es dir befahl.«
Der Knappe macht sich wegbereit,
Er nimmt das sonderbare Kleid
Und zum Turnier begibt er sich,
Entledigt seines Auftrags sich.
Der Ritter nahm das teure Pfand,
Versprach, gehorsam das Gewand
Zu tragen ohne Panzerschutz
Und unbewehrt zu bieten Trutz
Den Gegnern zu der Herrin Ruhm.
Er küßte drauf dies Heiligtum
Und kehrte zu der Ritter Schar;
Jedoch erbleicht sein Antlitz war.
Bang denkt er nun der nahen Schlacht.
Die Tapferkeit vergeblich facht
In ihm den Stolz von dazumal:
»Nicht ohne Opfer, ohne Qual
Ein Held sich hoher Minne weiht«
Und Amor ihn der Falschheit zeiht,
Wenn er nicht deren Willen tut,
Der er verschrieben hat sein Blut.
Aufs neue Feigheit ihn bedrängt
Stets, wie er auch sein Handeln lenkt,
Wird bleiben er des Lohnes bar:
Trägt er das Hemd, droht ihm Gefahr
Zu sterben, gibt er es zurück,
So ist verscherzt der Liebe Glück.
So kämpfte Feigheit mit der Lieb',
Bis ersterer der Sieg verblieb.
Der Herrin Gabe er verschmäht,
Gepanzert zum Turniere geht.
Der zweite Ritter ebenso
War erst der hohen Ehre froh,
Da ihm das Hemde überbracht
Der Knecht und Botschaft ihm gesagt.
Doch gleichfalls Furcht ihn übermannt
Und er zurückgibt das Gewand;
Der Knappe darauf unverweilt
Zum dritten jener Ritter eilt.
Der nimmt das Hemde voller Dank
Und frohen Herzens in Empfang
Und wie die Herrin ihm gebeut
Zu handeln, ist er gern bereit:
Er sei gefeit, zu bieten Trutz
Mehr als in jedem Waffenschutz.
Sein einzig Gut, ein edles Pferd
Als Lohn dem Boten er beschert
Und ihm die Botschaft übergibt,
Daß er der Herrin, die er liebt,
Für ihre Gabe sage Dank,
Und morgen bei dem Waffengang
Mög' seiner Kühnheit sie vertrau'n
Und huldvoll auf den Sieger schau'n.
Die Nacht vergeht, der Tag bricht an,
Der Herold ruft: Legt Waffen an!
In nächtlich stiller Einsamkeit
Hat unser Held das teure Kleid
Viel tausendmal stolz und beglückt
Geküßt und an sein Herz gedrückt.
Und sich gelobt: »Vor nächster Nacht
Hab' darin Taten ich vollbracht,
Wie sie zu einer Dame Ehr
Die Welt noch nie vernahm bisher!«
Doch Ruhm und Lieb beherrscht ihn nicht
Allein; noch eine Stimme spricht:
Die Feigheit, zu der Furcht gesellt,
Zeigt ihm das blut'ge Waffenfeld,
Den Feind, dem ohne Panzerkleid
Er unterliegen muß im Streit.
»Nie ward ein andrer Held bis jetzt
Wie du dem Tode ausgesetzt;
Betrügen wird dich Tapferkeit,
Nichts erntest du als Spott und Leid;
An Leib und Seele, edler Held,
Verloren, schmäht dich Gott und Welt.«
So banges Grau'n auch ihn beschleicht,
Als Furcht ihm diese Schrecken zeigt,
Sein Herz mahnt ihn dagegen laut,
Daß er dem Liebesgott vertraut.
Die Liebe malt in hellem Licht,
Was er sich von dem Sieg verspricht!
Die Freuden, unerreichbar hoch,
Wie sie genoß kein Ritter noch,
Er wird, mit Ruhmesglanz geschmückt,
Von seiner Herrin angeblickt
Mit süßem Lächeln, stolz ihr nah'n,
In ihren Armen Dank empfah'n,
Umarmung, weise Rede, Kuß,
In immer wechselndem Genuß.
Die Freudenhoffnung nach der Qual
Wird wandeln seinen Leib in Stahl.
Hat Furcht ihn kurze Zeit erregt,
Wird Schweigen ihr nun auferlegt.
Mut mahnt ihn warnend an die Schmach,
Die ihn erwartet, gibt er nach.
Wenn er sich so mit Eisen deckt,
Daß ihn nicht Speer noch Lanze schreckt,
Wo bliebe dann sein Heldentum?
Sein Lohn für auserlesnen Ruhm?
Doch wenn er schlecht beritten wagt
Des Panzers bar die heiße Schlacht,
Und harte Schläge ihn bedrohn,
Die er bezahlt mit gleichem Lohn,
Wenn unter Wunden er nicht wankt,
Wird doppelt ihm der Mut gedankt:
Des Richters Spruch ihm Mut verheißt
Und Huld die Freundin ihm erweist.
Auf solche Art wird er gefeit
Durch Liebe und durch Tapferkeit.
Das Hemd scheint ihm ein Talisman,
Dem sich kein Schutz vergleichen kann,
Selbst nicht das stärkste Panzerkleid,
Nie wäre er zum Tausch bereit,
Selbst wenn die Herrin, fühlend Reu',
Ihn spräche vom Gelöbnis frei.
Zu lang schon, dünkt ihn, zögert er,
Er schnürt die Schuh, ergreift den Speer,
Setzt auf den Helm und nimmt den Schild,
Besteigt das Pferd, und Kampflust wild
Belebt ihn, daß Verwundung, Tod,
Ihn nicht als Schrecknis mehr bedroht,
So zum Turnier das Roß er lenkt,
Voll Inbrunst an die Herrin denkt,
Er naht, von seinem Schild bedeckt,
Und Staunen seine Kraft erweckt.
Von seinen mächt'gen Schlägen schallt
Der Platz. Der Ritter mit Gewalt
Kühn auf den starken Gegner dringt,
Daß diesem Schild und Helm zerspringt.
Bald ist sein Hemde arg zerfetzt,
Sein Leib durch Wunden schwer verletzt;
Doch ungebrochen ist sein Mut,
Ihn reizet siegestrunk'ne Glut.
Den Schlägen, die sein Schwert bedrohn,
Die einz'ge Waffe, spricht er Hohn;
Sein Mut ihm stets von neuem sagt,
Daß er den kühnsten Angriff wagt,
Und keine Wunde unbezahlt
Das teure Hemde blutig malt.
Es ist von Blut schon übersatt,
Dies reizt ihn nur zu neuer Tat,
Das Hemd ist ganz in Blut getränkt,
So daß der Feind auf Schonung denkt.
Doch dessen ist der Held nicht froh,
Und keine Wunde schmerzt ihn so,
Als das Gefühl vermeinter Schmach,
Daß er dem Gegner scheine schwach.
Er fordert ihn heraus aufs neu!
So bleibt er seinem Schwure treu,
Die Probe vor dem Volk besteht,
Als Held aus dem Turniere geht.
Mit Wunden ist er so besät,
Daß ihm die letzte Kraft vergeht.
Mit Staunen alles Volk umher
Vernahm die wundersame Mär,
Daß ohne Panzer unverzagt,
Der Ritter das Turnier gewagt.
Aus 30 Wunden fließt sein Blut,
Doch nicht gebrochen ist der Mut,
Und bis zum letzten Augenblick
Bleibt auf dem Kampfplatz er zurück;
Zuteil wird ihm der Kühnheit Preis,
Die Palme in der Ritter Kreis
Wird ihm von allen zuerkannt,
Und als er heimwärts sich gewandt,
Begleitet ihn die ganze Schar,
Und bringt ihm Huldigungen dar.
Man geht ihm hilfreich an die Hand
Und will das blutige Gewand
Entfernen, um der Wunden Pein
Zu lindern und ihm Arzt zu sein.
Doch er (voll Staunen man es hört)
Beim Könige des Himmels schwört,
Daß er es nimmer von sich läßt,
Selbst wenn er drum sein Leben läßt.
Der Knappe, der das Hemd gebracht,
Das beste Heilkraut hat erdacht;
Er mahnt die Herrin ihrer Pflicht,
Indem er von den Taten spricht,
Die ihre Liebe jüngst erzwang,
Und daß er, der den Preis errang,
Verwundet nun darnieder liegt,
Der Lebensquell in ihm versiegt.
Sie sprach: »O Elend über mich,
Schuld seines Todes trage ich,
Zwei hatten nur der Worte süß,
Doch jener hielt, was er verhieß.«
Der Knecht darauf: »Sie prahlten viel,
Doch Bangen hemmt' sie vor dem Ziel.«
Die Dame treu den Ritter pflegt,
Für seine Heilung Sorge trägt,
Ihm dankbar ihre Liebe weiht
Und dadurch neue Kraft verleiht
Dem Helden, der des Schmerzes bar,
Entrinnet glücklich der Gefahr
Zu sterben durch der Wunden Zahl.
Die andern beiden Reuequal
Erleiden und im Zorn erglühn,
Daß sie gehandelt nicht so kühn,
Wie jener, der das Hemde trug.
Es ist des Kummers schon genug,
Daß sie der Dame Huld verscherzt,
Doch stärker noch die Schande schmerzt,
Die sie in dem Turnier ereilt.
Der Sieger ward indes geheilt.
Der Edelmann, dem sie vermählt,
Von deren Tun ich jetzt erzählt,
Hielt glänzend Hof, wie jedes Jahr,
Da er nicht arm an Habe war;
Denn er besaß ein großes Lehn
Und liebte, auf dem Schloß zu sehn
Die Blüte edler Ritterschaft,
Die ihre jugendliche Kraft
Bei Festspiel und Turnier bewies.
Und Feste er auch jetzt verhieß
Zu feiern eine Woche lang
In Kampf, bei Mahl und Becherklang.
Der Edelmann, nicht geiz'ger Art,
An Trank und Speise niemals spart'.
Ihm war Verschwendung ein Genuß,
Wie andern holder Frauenkuß.
So ward an seinem Hof gewährt,
So viel wie jeder nur begehrt.
Die Jungfrau und die Herrin gar
Die reichen Speisen brachten dar
Zur Tafel und den edlen Wein,
Der Gäste Herzen zu erfreu'n.
Der Ritter, dem der Brauch bekannt,
Nimmt nun das blutige Gewand,
Es seinem Knappen übergibt
Und ihm dabei den Auftrag gibt:
»Die Dame möge es beim Mahl,
Wenn sie bedient der Gäste Zahl,
Zur Freude ihm, aus Dankbarkeit
Anlegen auf ihr festlich Kleid.«
Als jene diesen Wunsch vernimmt,
Sie gern das werte Kleinod nimmt,
Ihr schien, was er verlangte, klein;
Ein königliches Kleid zu sein
Dünkt ihr dies Hemd, von Blut durchtränkt,
Wenn sie des Heldenmuts gedenkt,
Mit dem der Liebste, der es trug,
Sich ihr zum Ruhme tapfer schlug.
Und was ihr süßer Freund erfleht,
Sie ohne Zögern zugesteht.
Sie rühret keine Speise an,
Eh sie nach seinem Wunsch getan,
Kein feines Gold, kein Edelstein
Schien wertvoll wie dies Hemd zu sein.
An ihre Lippen sie es drückt,
Bevor sie sich zum Festmahl schmückt. –
Wem von den beiden höh'rer Preis
Gebührt, ich nicht zu sagen weiß. –
Ein jeder spricht sein Urteil aus,
Den sie bediente bei dem Schmaus:
Mit Schmähung ist man bei der Hand;
Denn es ist allen ja bekannt,
Daß ihr Gemahl kein tapfrer Held,
Drum ist es klar, daß sie gewählt
Die Tracht zu eines andern Ehr,
Und das verletzt die Gäste sehr.
Sie weinen heiße Thränen gar,
Erklären sie der Sitte bar.
Zum Garten gehn sie aus dem Saal,
Nachdem genossen ist das Mahl.
Die Dame, nun die Pflicht erfüllt,
Auch ihren Durst und Hunger stillt.
Vom Gatten, den ihr Tun empört,
Man dennoch keinen Tadel hört;
Er blieb derselbe wie bisher
Und sprach nicht weniger, nicht mehr.
Der Dichter bittet nun die Schar,
Die ihn zu hören willig war,
Den Ritter und die Edelleut,
Die Damen und die junge Maid,
Zu sagen, wem der Preis gebührt,
Wer größre Taten ausgeführt:
Ob er, des Leben auf das Spiel
Gesetzt um hoher Minne Ziel,
Ob sie, die lieber wählte Schmach,
Als daß sie ihm die Treue brach.
Nun richtet recht und sprechet frei,
Auf daß Euch Amor gnädig sei!