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Gefallen sollt' es einem jeden,
Im Denken und im schönen Reden,
Im Worte wählen und im Dichten
Die Knaben wohl zu unterrichten.
Die Menschen kommen und sie gehen,
Viel kann man hören oder sehen,
Im Lauf der Zeit auf dieser Erden,
Was wert ist, gut erzählt zu werden.
Doch ist's ihm keine kleine Last,
Der dieser Arbeit sich befaßt,
Denn lernen muß er, er muß denken
Und ganz sich in sein Werk versenken,
Den Vätern gleich vor langen Jahren,
Den großen Meistern wohlerfahren.
Die Enkel gehen andre Wege;
Sie werden müßig, werden träge,
Denn schlecht und ruchlos ward die Welt,
So daß es ihnen nicht gefällt
Das Spielmannshandwerk zu erwählen.
Nun laßt Euch folgendes erzählen:
Schon ziemlich lange ist es her,
Wohl siebzehn Jahre oder mehr,
Da ging ein Mann aus freien Stücken
Und kehrt' der Stadt Abbeville den Rücken.
Mit Gütern war er reich versehn,
Sein Weib und Kind tät' mit ihm gehn.
Weil just ein großer Krieg entbrannt,
Hielt es ihn nicht im Heimatland,
Nach starkem Schutz verlangt es ihn,
Dem grimmen Feinde zu entfliehn,
Weshalb er eilig zu Paris
Dem König Huldigung erwies
Und ward sein guter Untertan.
Da er ein kluger, edler Mann,
Da seine Frau gar wohlgesinnt
Und da sein Sohn ein braves Kind,
Gut unterricht' und fein erzogen,
War alle Welt ihm sehr gewogen.
Oft kam der Nachbarn frohe Schar,
Viel Ehre brachten sie ihm dar,
Kaum wußten sie ihr Glück zu fassen,
Zu wohnen in der gleichen Gassen.
So war er schon der Jahre sieben
In Freuden zu Paris verblieben,
Und als ein Kaufmann sehr erfahren
Kauft' und verkauft' er viele Waren.
Er legte Geldes manches Stück
Für spätre Jahre auch zurück
Und lebte ledig aller Not.
Auf einmal doch gefiel es Gott
Und nahm ihm die, die manches Jahr
Sein Weib und sein Gefährte war.
Als einz'ges Kind, ich sagt' es schon,
Verblieb ihm nur der junge Sohn,
Der bei dem Vater viele Tage
Verbracht' in Schmerz und bittrer Klage.
In Sehnsucht er sich ganz verzehrt
Nach ihr, die ihn so sanft genährt.
Den Vater jammert seine Not:
»Mein Sohn, die Mutter ist nun tot,
Gott möge ihr im ew'gen Leben
Für ihre Sünden Gnade geben.
Nun trockne Augen und Gesicht,
Das viele Klagen hilft dir nicht.
Du weißt, daß frühe oder spat
Für jedermann die Stunde naht,
Ins Jenseits kann nur der gelangen,
Der durch den bittren Tod gegangen.
Doch höre mich, mein trauter Sohn,
Ins Jünglingsalter tratst du schon,
Mir sind die jungen Jahre fern.
Drum sähe ich es jetzund gern,
Du tätest an die Ehe denken.
Und könnt' ich meine Augen lenken
Auf Leute, die an Ehr' und Macht
Es hierzulande weit gebracht,
Mir tät, weiß Gott, mein Geld nicht leid.
Denn deine Freunde all' sind weit,
Wohl viele Tage würd' es nehmen,
Wenn sie dir hier zu Hilfe kämen,
Und deine Sache wär' verloren.
Nach einer Fraue wohlgeboren,
Mit wackren Mannen, festem Haus,
Vielholder Sohn, schau ich jetzt aus,
Und sollte ich die rechte finden,
Gern würde ich dich ihr verbinden
Und keinen blanken Gulden sparen.«
Nun müßt Ihr Herren noch erfahren,
Drei Ritter, welche Brüder waren,
Sie lebten dort zu selben Zeiten,
Von Vaters und von Mutters Seiten
Mit manchem hohen Herrn verwandt,
Als kühn und speergeschickt bekannt.
Doch ihr Vermögen war verschwendet,
Ihr ganzes Erbteil war verpfändet,
Die Wiesen, Felder, Waldreviere,
Zu folgen jeglichem Turniere.
Kein Gläubiger übt' mehr Geduld,
Von Tag zu Tag wuchs ihre Schuld
Und schaffte ihnen große Qual.
Dem Ältsten ließ sein Ehgemahl,
Die frühe starb, ein Kind zurück,
Das erbt' von ihr zu seinem Glück
Fern in Paris ein großes Haus,
Gar schön und stattlich sah es aus
Und ihr zu eigen wars allein,
Ihr Vater durfte nicht hinein
Und durfte drauf kein Recht erheben.
Auch war die Jungfrau wohl umgeben
Von ihrer Mutter Anverwandten,
Die hoch in Macht und Ansehn standen.
Der Kaufmann aber unverweilt
Zum Vater und zur Sippe eilt,
Die Hand des Sohnes anzutragen.
Worauf die Ritter eiligst fragen
Nach Hausgerät, nach Geld und Gut,
Und er beginnt mit frohem Mut:
»Das sollt Ihr allsogleich erfahren;
An Gelde hab' ich und an Waren
Wohl an die fünfzehnhundert Pfund,
Und Lügen spräche nur mein Mund,
Wollt' ich mit größren Gütern prahlen.
Dem Sohn will ich die Hälfte zahlen.«
Die Ritter aber rufen: »Nein,
Vielteurer Herr, das kann nicht sein,
Gehörtet Ihr zum Templerorden
Und wäret Ihr ein Mönch geworden,
Ihr dürftet Euch so knapp nicht fassen,
Ihr müßtet alles überlassen
Dem Tempel oder der Abtei.
O nein, da sind wir nicht dabei.
Nein Herr, Ihr seid nicht unser Mann!«
»Was soll ich geben, sagt mir an?«
»Das tuen wir Euch gerne kund.
Wir wollen, daß zu dieser Stund'
Ihr alles lasset Eurem Knaben,
Den ganzen Reichtum soll er haben;
Ihr sollt Euch jedes Rechts begeben
Und keinen Anspruch drauf erheben
Noch irgendeiner hierzulanden.
Seit Ihr mit diesem einverstanden,
Ist Euch der Jungfrau Hand gewährt,
Sonst habt Ihr sie umsonst begehrt.«
Ein Weilchen sieht der brave Mann
Den Sohn mit ernsten Blicken an;
Zu schlechtem Ende führt sein Sinnen,
Denn alsobald tat er beginnen:
»Ich füge mich, Ihr edlen Herrn,
Und tue Euren Willen gern;
So denn mein Sohn die Jungfrau nimmt,
Ist alles nur für ihn bestimmt,
Nichts will ich mehr für mich behalten,
Ganz nach Belieben soll er schalten,
Zur Stund' soll er versehen werden.«
Und all sein Eigentum auf Erden
Gibt unser Braver Stück für Stück,
Geplündert bleibt er ganz zurück
Als wie ein Reis, das da entlaubt
Und jeder Schale ist beraubt.
Nicht einen Bissen darf er essen,
Den ihm sein Sohn nicht zugemessen.
Als dies gesprochen und geschehn,
Die Ritter gleich zum Jüngling gehn
Und unverweilt, wie sich's gebührt,
Ward ihm die Jungfrau zugeführt,
Und ihre Hand ward ihm beschieden.
So lebten lange sie in Frieden.
Schon floß dahin das zweite Jahr,
Als sie ein Knäblein ihm gebar,
Sie nimmt es sicher in die Hut
Und nährt es wohl und pflegt es gut
Und richtet ihm manch warmes Bad.
Der Ahn bei ihnen Obdach hat.
Der tat sich selbst den größten Schaden
Als, hoffend auf der andern Gnaden,
Er all sein' Habe von sich ließ.
Zwölf Jahre lebt er zu Paris
Im selben Hause wie sein Sohn;
Sein Enkel war ein Knabe schon
Und hörte oftmals seinen Ahnen
Den Vater an die Zeiten mahnen,
Da er des Freiens einst gedachte
Und es der Ahn ihm möglich machte.
Das Kind behielt's im tiefsten Innern,
Sein Lebtag des sich zu erinnern.
Der Alte schon zum Greise ward,
Es drückten ihn die Jahre hart
Und trübe wurden die Gedanken.
Am Stocke mußt' einher er schwanken,
Sein Leben deucht' ihm lang genug.
Gern hätt' der Sohn das Leichentuch
Dem Vater in das Haus gebracht,
Denn seine Dame, stolz und hart,
Wollt' länger nicht den Greis ertragen;
Zum Gatten hebt sie an zu klagen:
»Herr, liebt Ihr mich, so hört mein Wort,
Ich bitt' Euch, jagt den Vater fort,
Bei meiner trauten Mutter Seele,
Kein Bissen geht mir durch die Kehle,
So lange er noch hier im Haus.
Geht alsobald und führt es aus.«
Vor seinem Weib in Angst und Bangen,
Kommt schnell zum Vater er gegangen
Und spricht: »Ach, Vater, macht Euch fort
Und sucht Euch einen andern Ort,
Dort gehet Eurem Wohlsein nach.
Zwölf Jahre unter meinem Dach
Hab' ich zu essen Euch gegeben;
Nun möget Ihr wo anders leben,
Hier könnet Ihr nicht länger bleiben.
Auf, auf! und lasset Euch nicht treiben!«
»Ach liebster Sohn, was willst du tun?
Laß nur an deiner Tür mich ruhn;
Das warme Feuer will ich missen,
Ich will kein Bett, kein Federkissen
Und keine Decke. Bin schon froh,
Gibst du mir draußen etwas Stroh.
Und daß ich fristen kann mein Leben,
Laß mir noch Trank und Speise geben,
So wirst du auch Vergeltung finden
Bei Gott für alle deine Sünden,
Als trügest du ein Büßerkleid.«
»Mein Vater, flüchtig ist die Zeit,
Laßt ruhen Streit und unnütz Wort,
Ich bitte Euch, und macht Euch fort,
Mein Weib könnt' Euch am Orte sehn.«
»Ach, Sohn, wohin soll ich denn gehn?
Den rechten Weg magst du mir zeigen,
Kein Heller ist mir ja zu eigen!«
»Geht nur hinunter in die Stadt,
Dort werden Tausende noch satt,
Noch jeder Unterhalt dort fand;
Auch seid den Leuten Ihr bekannt
Und findet viele Häuser offen,
Ihr könnt es mit Bestimmtheit hoffen.«
»Sohn, was geh' ich die Leute an,
Hast du dein Haus mir zugetan,
Mir, der ich gar nichts für sie bin,
Wird wohl bei ihnen kein Gewinn,
Da alles mir mein Sohn versagt.«
»Nun, Vater, ist's genug geklagt.
Ihr wißt's, ich kann Euch nicht allein
In meinem Hause Helfer sein.«
Da faßt den Vater bittrer Schmerz,
Daß schier er meint, ihm brach' das Herz.
So schwach er ist, erhebt er sich
Und spricht und weinet bitterlich:
»Mein Sohn, so sei denn Gott befohlen!
Doch bitt' ich eines, laß mir holen
Zuvor ein Stück von deinem Leinen.
Gar kleine Gabe will's mir scheinen;
Die Kälte kann ich nicht ertragen
Und um den Leib will ich's mir schlagen,
Weil allzu dünn und kurz mein Kleid.«
Dem Sohn ist alles Geben leid,
Und voller Zorn er also spricht:
»Das Leinen, Vater, ziemt Euch nicht,
Und keines sollet Ihr bekommen,
Es werde mir denn fortgenommen.«
»Mir bebt das Herz im Leib, mein Kind,
Denk' ich an Wetter und an Wind.
Die Decke sei mir nicht verwehrt,
Womit du sonst bedeckst dein Pferd,
Auf daß der Frost mir tu kein Leid.«
Dazu ist nun der Sohn bereit,
Daß baldigst nach empfang'ner Spende
Der Alte sich von hinnen wende.
Dem Enkel ward sogleich befohlen,
Die Decke aus dem Stall zu holen.
Der Vater zu dem Knaben spricht:
»Geh, trauter Sohn, und zögre nicht
Und schaue, ob der Stall noch offen;
Und hast du also ihn getroffen,
Von meinem braunem Rosse nimm
Die Decke ab und gib sie ihm.
Als gut Gewand soll sie ihm nützen,
Als Mantel vor der Kälte schützen.
Die allerbeste soll er haben.«
Das Wort gefällt dem klugen Knaben,
Er spricht: »Kommt mit mir, lieber Ahn.«
Und alsobald ward es getan;
Voll tiefem Schmerz und bittrem Gram
Vom Sohn der Alte Abschied nahm,
Dem Enkelkinde zugewandt.
Der Knabe gleich die Decke fand,
So wie der Vater es bestimmt
Die größte er und beste nimmt;
Mit seinem Messer in der Mitten
Hat er sie baldigst durchgeschnitten
Und gibt die Hälfte seinem Ahn.
»Mein Enkel, was hast du getan?
Groß' Grausamkeit hast du vollbracht,
Die Decke hast du mir zerschnitten,
Nun laß' mich klagen gehn und bitten.«
»So geht nur, Ahn,« der Knabe spricht,
»Wohin Ihr wollt, mich kümmert's nicht,
Von mir sollt Ihr nicht mehr empfangen.«
Der Alte kommt zum Sohn gegangen
Und spricht zu ihm: »Nun magst du sehn
Wie dir mit deinem Sohn geschehn.
Was hast du in vergangnen Tagen
Ihn nicht gezüchtigt und geschlagen,
Auf daß er achte dein Gebot?
Nun schafft er dir gar schwere Not.
Die halbe Decke nahm er mir.«
Der Vater drauf: »Gott helfe dir,
Die ganze gib dem Ahn sofort!«
Der Knabe hört des Vaters Wort,
Spricht wohlgemut und läßt ihn schelten,
»Womit soll ich's Euch einst vergelten?
Die Hälfte will ich Euch bewahren,
Und bin ich dann in vielen Jahren
An Ehre, Macht und Reichtum groß,
So schaff' ich Euch des Ahnen Los,
Ganz, wie es ihm mit Euch gegangen.
All Euer Gut will ich verlangen,
Wie er Euch einstens gab das seine;
Und stirbt er elend und alleine,
Ich will, wofern ich noch am Leben,
Den gleichen Tod Euch einstens geben.«
Der Vater hört's und seufzt und sinnt,
Den rechten Weg wies ihn sein Kind.
Zum Alten kehrt er sein Gesicht
Und sagt: »Mein Vater, scheidet nicht,
Ich bitte Euch, Gott sei davor!
Der Sünde lieh ich willig Ohr.
Von meinem Haus auf alle Zeit
Ihr jetzund Herr und Meister seid;
Und weigert uns die Frau den Frieden,
Sei ander Obdach Euch beschieden.
Gar gut versehn will ich Euch wissen
Mit Decken und mit weichen Kissen.
Und also soll fortan es sein:
Ich schwör's, von jedem Becher Wein,
Von jedem Mahl, das ich berühre,
Das Beste, Vater, Euch gebühre.
Ihr werdet ferner ohne Sorgen
An warmem Herde wohl geborgen
Und meinem Kleid sei Eures gleich,
Der ich durch Eure Habe reich
Und mächtig ward an Gut und Ehre.«
Ihr Herren, merket wohl die Lehre,
Seht, wie den Vater dieser Art
Der Sohn vor schlechter Tat bewahrt.
Wohl sollten alle sich besinnen,
Die Kinder haben und mit ihnen
An angemessne Heirat denken;
Ihr sollt sie nicht zu reich beschenken,
Damit Ihr nicht in kurzer Zeit
Wo Herr Ihr wäret, Diener seid.
Nur soviel Ihr in Zucht und Ehren
Für Euer Leben könnt entbehren
Gebt in die Ehe eurem Kind.
Denn Kinder ohne Mitleid sind,
Ihr drückt sie bald als schwere Last.
Die machen sich umsonst gefaßt
Auf Hilfe und auf frohes Leben,
Die andrer Gnade sich ergeben,
An Euch mög' sich mein Rat bewähren.
Der Meister aller guten Lehren,
Bernier, verfaßte diesen Sang,
Nehmt hin ihn, wie er ihm gelang.