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Nun höret die Geschichte an
Von einem Mönch, der Sakristan:
Derselbe war in Lieb entbrannt
Zu einer Frau, Idoine genannt.
Anmutig war sie, tugendreich.
Wohlunterrichtet, klug zugleich.
Ihr Gatte, Herr Guillaume genannt,
Das Amt des Wechslers mit Verstand
Betrieb, so daß er viel gewann.
Er war ein ehrenwerter Mann,
Und kehrte nie im Gasthaus ein,
Sein eigen Haus war schön und rein.
Den Brotkorb tat er nicht verschließen,
Ließ daraus andre gern genießen;
Und wer um eine Gabe bat,
Die Bitte nie vergeblich tat.
Zu Reichtum hatten sie's gebracht;
Allein der Teufel immer wacht:
Mit arger List und Tücke stahl
Er ihnen alles auf ein Mal:
Zum Jahrmarkt reiste unser Held;
Er brauchte für den Handel Geld,
Und dies vertraute man ihm an,
Weil er ein guter Handelsmann.
Mit achtzig provevoisiens
Zog er zur Messe nach Provins.
Er hatte eingekauft viel Tuch
Und war des Handels froh genug.
Doch wegelagern auf den Straßen,
Daß sie den Reichen nicht verpassen,
Die Diebe, die kein Unrecht scheun,
Den Kaufmann hinterrücks bedräun.
Und als Guillaume sie kommen sahn,
Ward ausgeführt der arge Plan:
Die Diebe völlig ihn umschließen.
Er wird vom Pferd herabgerissen,
Ihm selber zwar kein Leid geschieht,
Doch all sein Gut verloren sieht.
Mit seinem Hund folgt ihm zu Fuß
Der Diener. Dieser leiden muß
Ein härter Schicksal. Die drei Diebe
Entleiben ihn durch Messerhiebe.
Guillaume sah jenen enden so,
Erschrocken er nach Hause floh.
Dem Tode war er zwar entronnen,
Doch gar nichts hatte er gewonnen.
Nein, jene, die das Geld geliehn,
Als sie ihn sahn nach Provins ziehn,
Die hatten fest darauf gebaut:
Er bringt zurück, was ihm vertraut.
Die murrten: »Das Geschäft ist schlecht!
Gebt uns zurück, was unser Recht!
Was ist geschehn mit unserm Geld?«
Den Nachbarn sagte unser Held:
»Ihr Herrn, um euren Zorn zu kühlen,
Biet' ich euch drei Getreidemühlen,
Die mir zu eigen, nehmt sie hin,
Laßt mich in Frieden, denn ich bin
Vom Schicksal gar so arg betrogen.«
Und jene fröhlich heimwärts zogen,
Da ihr Verlust gedeckt und mehr.
Inzwischen Angst und Sorge schwer
Die Gattin des Guillaume erlitt.
Und zu der Holden seinen Schritt
Er wendet, redet gut ihr zu.
»Idoine, geliebte Freundin du,
Bei Gott, bekümmre dich nicht mehr.
Hat zugegeben unser Herr,
Daß all mein Gut mir abgenommen,
So wird er uns zu Hilfe kommen,
Da er noch thront an seinem Platz.«
Und sie entgegnet: »Holder Schatz,
Gott helfe mir, ich kann nur sagen
Sehr muß ich den Verlust beklagen,
Auch trug ein hartes Los davon
Der Diener, statt der Treue Lohn.
Doch bin ich froh, daß du am Leben.
Verlornes Gut kann wiedergeben
Uns das Geschick; doch Tote nie.«
So trösteten sich nächtlich sie. –
Am andern Tag zur Mittagszeit
Ging sie zum Kloster, das geweiht
Dem Sohn der heilgen Jungfrau war.
Sie wollte beten am Altar;
Ein Kerzenlicht entzündet hat
Und bat die Jungfrau fromm um Rat
Für ihres lieben Herrn Gewinn.
Sie kniete vor dem Altar hin,
Den Augen, die zwei Sonnen glichen,
Entströmten Tränen, und entwichen
Gar manche Seufzer ihrer Brust,
Daß im Gebet sie stocken mußt!
Es schaute sie der Sakristan,
Der lange sie schon liebte, an,
Er trat heran, begrüßte sie
Und sprach: »Frau, seid willkommen hie!
Und möge es Euch wohlergehn!«
Sie ließ die Tränen nicht mehr sehn
Und gab ihm ohne Scheu zurück:
»Gott schütze, Herr, Euch, schenk Euch Glück!«
Dann fragte sie ihn sanft und weich:
»Mein werter Herr, wie geht es Euch?«
»Gut, Frau,« entgegnete der Mann,
»Es kommt allein auf Euch nur an,
Wollt Ihr mir höchstes Glück bescheren,
Müßt Ihr mir Eure Huld gewähren
Und mich empfangen ganz allein.
So würde mir erfüllet sein,
Was ich schon lange Zeit gewollt.
Und überreich sei Euer Sold;
Da ich allhier Schatzmeister bin,
So geb' ich hundert Pfunde hin.
Und Ihr lebt gut von dieser Stund!«
Idoine vernahm nur: »hundert Pfund«,
Und dachte nach, was ihre Pflicht,
Ob sie sie nähme oder nicht.
Denn schönen Klang hat: hundert Pfund.
Doch liebte sie aus Herzensgrund
Guillaume, den braven, guten Mann,
Sprach leise zu sich selber dann:
»Ohn sein Erlauben nehm' ich nicht.«
Der Mönch zum zweiten Male spricht:
»Frau,« sagt er ihr, »bei meinem Kleid,
Ich fühle heftiges Mitleid;
Um Euch litt ich schon lange Schmerzen,
Vier Jahre lieb' ich Euch von Herzen,
Doch nie berührt' Euch meine Hand.
Jetzt Leidenschaft mich übermannt!«
Bei diesem Wort er sie umfängt
Und küßt die Frau, die, arg bedrängt,
Sich eilig vor ihm zieht zurück
Und schilt: »Mein Herr, mit Ungeschick
Werbt Ihr um mich, wie ich gesehn.
Ich werde jetzt nach Hause gehn
Und fragen meinen Herrn um Rat.«
»Mich wundert«, sprach er, »in der Tat,
Daß Ihr an ihn Euch wenden wollt.«
»Sorgt nicht,« sprach sie, »ich werde hold
Und zärtlich sein zu meinem Herrn.
Dann jeden Wunsch erfüllt er gern.«
Der Mönch nun eine Büchse nimmt,
Die für Almosen war bestimmt,
Gibt hin sie und was sie enthält:
Zehn Sous. Idoine nimmt gern das Geld.
Idoine kehrt nun zurück ins Haus;
Dort sah es leer und ärmlich aus,
Man fand auch nicht ein Krümchen Brot,
Denn beide litten große Not
Seit jenem Überfall im Wald.
Es schwieg Guillaume, sie sagte: »Bald
Kann ich von Sorge Euch befrein.
Müßt aufmerksames Ohr mir leihn.
Befolgt Ihr meinen guten Rat,
So heißt man reich Euch in der Tat,
Eh noch zwei Tage sind vergangen.«
»Wie wollt' Ihr zu dem Ziel gelangen?«
Sprach er. Idoine die Büchse zeigt,
Die ihr der Mönch jüngst überreicht,
Schließt auf, gibt ihm, was sie enthält,
Zehn Sous. Guillaume nimmt gern das Geld.
Dann sagt sie: »Süßer, holder Herr,
Bei Gott, erzürnt Euch nicht zu sehr,
Wenn ich Euch etwas beichten muß.«
Und so vom Anfang bis zum Schluß
Berichtet treu sie, was geschehn.
Wie sie der Sakristan gesehn
Im Kloster, wie er sie bedrängt,
Und daß er hundert Pfund ihr schenkt,
Sobald sein Werben sie erhört.
Guillaume hört zu, er lacht und schwört,
Daß keine Schätze dieser Welt,
Nicht Othomans, Abiélors Geld
Ihm je so lockend würden sein,
Sein eigen Weib drum zu verleihn.
Er wolle lieber betteln gehn
Und Hungers sterben, als sie sehn
Mit einem andern Mann vereint.
Idoine hört zu und freundlich meint:
»Herr, wenn man eine List erfände,
Den Mönch zu täuschen zu dem Ende,
Daß man die Taler doch erhält
Und er um seinen Lohn geprellt.
Er wird nicht, mußt er uns bezahlen,
Vorm Abt und Prior damit prahlen.«
Er gibt zurück: »Treibt keinen Spott.
Die Taler hätt' ich gern, bei Gott!
Ich überlege in der Tat,
Doch weiß ich leider keinen Rat.«
»Ich aber weiß ihn, gebet acht,«
Sagt sie: »hört, was ich ausgedacht!
Ich geh in früher Morgenzeit
Zum Kloster, zum Altar, geweiht
Dem heil'gen Martin; treff' ich an
Dort den bekannten Sakristan,
So bitte ich ihn ohne Scheu,
Daß er mich aufsucht und getreu
Mir sein Versprechen hält zum Dank.
Er hält's gewiß, ich bin nicht bang.
Zu kommen ist er froh gewillt,
Bringt mit die Büchse, reich gefüllt.«
»Wir werden's sehn, Frau, spricht der Mann,
Verdammt, wenn schief geht dieser Plan!«
»Er glückt, ich bin ganz unverzagt,
Von mir befürchtet nichts«, sie sagt.
»Nun aber, Frau, es ist schon spät
Und Zeit, daß man zum Essen geht,
Wir können später überlegen.«
Sie ist dem Vorschlag nicht entgegen,
Gibt ihm zehn Sous und sagt: »Geschwind
Kauft Speisen, die Euch lockend sind.«
Guillaume geht nun zum Kaufmann schnell,
Holt Brot und Braten auf der Stell;
Idoine sich einen Knaben borgt,
Der Wein und Würze ihr besorgt,
Die Sauce macht sie selbst bereit,
Dann essen sie voll Heiterkeit.
Sie sitzen beide ganz allein,
Der Knabe nur dabei darf sein.
Als sie getrunken und gegessen,
War's Zeit zum Schlafen. Ganz vergessen
War Armut, Sorge und Verdruß,
Sie schliefen sanft nach manchem Kuß.
Und als der Morgen kam heran,
Zog sich Idoine mit Sorgfalt an,
Als sie sich wohl zurecht gemacht
Und sich gehüllt mit Vorbedacht
In einen schönen seidnen Schleier,
Ging sie ins Kloster zu der Feier;
Allein sobald sie kam ans Ziel,
Sah fort sie gehn der Leute viel,
Die schon gehört die Messe an.
Das störte nimmer ihren Plan.
Sie trat sofort vor den Altar,
Wo ihr der Mönch begegnet war,
Und wollte vor Sankt Martin beten.
Der Mönch sah sie zum Altar treten
Und herzlich froh ward ihm zu Mut.
Trat näher: »Wahrlich, leid mir's tut,
Daß Ihr mich so in Zweifel ließt,
Nun sagt mir, was Ihr heut beschließt;
Denn ich war so vor Liebe krank,
Daß ich nicht aß und auch nicht trank,
Seitdem ich sprach Euch gestern morgen.«
Sie sagte: »Seid ganz ohne Sorgen,
Bevor der nächste Tag erscheint,
Seid Ihr gewiß mit mir vereint,
Wenn Ihr mir das Versprochne bringt.«
Der Mönch erwidert: »Unbedingt,
Ich bringe, Frau, Euch hundert Pfund,
Vielleicht noch mehr, ich habe Grund,
Euch zu beschenken nach Verlangen,
Wenn Ihr in Liebe mich umfangen.
Das ist mein einziges Begehrn,
So wahr ich glaub' an Gott den Herrn.«
Nachdem er sie mit Geld versehn,
Sie beide auseinandergehn.
Sie kann nun kaufen, was ihr fehlt;
Er in den Schränken, Büchsen zählt
Das Geld, und in Reliquienschreinen,
Wo große Schätze sich vereinen;
Die Opfergaben, die man spendet,
Nachdem die Messe fromm beendet.
Ein großer Sack füllt schnell sich an,
Und nicht gelogen hat der Mann,
Der hundert Pfund versprach zum Dank.
Zu bringen mehr ihm nicht gelang,
Denn alle Büchsen sind schon leer.
Nun jubelnd geht entgegen er
Dem Schicksal, das ihm Unheil sinnt.
Indessen macht bereit geschwind
Idoine das Essen ihrem Mann,
Er ißt voraus, damit er kann
Sofort im Bette sich verstecken,
Des Mönches Schandtat aufzudecken,
Mit einem Knüppel wohl versorgt,
Der einem Burschen abgeborgt.
Als abends nun in der Abtei
Kantate und Gesang vorbei,
Die Mönche in den Schlafsaal gehn;
Doch unser Mönch bleibt ungesehn
Allein im Klostersaal zurück.
Er schläft nicht, denkt nur an sein Glück.
Dann geht ganz heimlich er hinaus,
Direkt zu des Herrn Guillaume Haus,
Wie er geschmiedet seinen Plan.
Er kommt zur Pforte, ruft Idoine,
Sie öffnet, läßt ihn ein, schließt zu.
Guillaume nur scheinbar pflegt der Ruh.
Idoine den Mönch ins Zimmer bringt,
Mit seiner Liebsten ißt und trinkt
Allein er; dieses Abenteuer
Der Arme wird bezahlen teuer.
»Mein süßer Freund,« sie zu ihm sagt,
»Wo ist das Geld, das Ihr verspracht?«
Und er: »Frau, nehmt den Beutel hin,
Es sind wohl hundert Pfund darin,
Die Wahrheit sag ich Euch bestimmt.«
Idoine sofort den Beutel nimmt
Und bringt in Sicherheit den Schatz.
Da sieht sie bei dem Ofenplatz
Die Schlüssel, die der Sakristan
Schnell unter jene Bank getan;
Idoine war lieblich anzusehn,
Er konnte nicht mehr widerstehn,
War durch die Schönheit ganz benommen,
Stand auf, in ihre Näh' zu kommen.
Sie sagte: »Das verhüte Gott!
Wir würden ja der Leute Spott,
Die an dem Haus vorübergehn!
Sie könnten uns von draußen sehn.
Doch in dem Zimmer nebenan
Sei Euer Wille Euch getan!«
Der Mönch erhebt sich, kummervoll,
Daß er noch immer harren soll;
Eilt mit ihr hin, wo, wie ihr wißt,
Der Ehemann voll Hinterlist
Im Bett liegt, ihn zu überraschen.
Das Glück will unser Mönch erhaschen,
Doch Herr Guillaume, durchaus nicht faul,
Springt auf und ruft: »Beim heilgen Paul,
Wißt, Mönch, Ihr seid nicht bei Verstand,
Von meiner Frau laßt ab die Hand,
Nie werde ich Euch das erlauben,
Die Ehre meiner Frau zu rauben.
Nie soll's die Mutter Gottes sehn!«
Die Sinne unserm Mönch vergehn;
Denn, als er sich verteid'gen will,
Macht ihn ein Schlag Herrn Guillaumes still.
Ein zweiter trifft ihn ins Genick.
Er stürzt nach vorn mit mattem Blick;
So heftig war der Schlag und schwer,
Daß man vernimmt kein Atmen mehr.
Als nun Idoine ihn sterben sieht,
Ein Seufzer ihrer Brust entflieht:
»Ich Elende, was ist geschehn!
Nach Babylon möcht' ich nun gehn!
Zum Unglück bin ich nur geboren,
Zu Leid und Kummer auserkoren!
Für mich ward dieser Plan gefaßt!
Guillaume, warum nur diese Hast?«
»Frau,« sagte er, »ich war in Not,
So groß schien der, der mich bedroht,
Ich hatte Furcht zu unterliegen.
Und wolltest du für sein Vergnügen
Etwa dich willig geben hin?
Jetzt bleibt uns weiter nichts als Fliehn.
Wir müssen in ein fremdes Land,
So weit, daß wir dort unbekannt.«
»Wir können nicht, o Herr,« sie sagt,
Und als er nach dem Grunde fragt:
»Gesperrt ist jedes Tor der Stadt,
Die ihre sichern Wachen hat.«
Idoine weint heftig wie ein Kind,
Guillaume denkt nach, auf Rettung sinnt.
Als er ein wenig nachgedacht,
Hebt er den Kopf und eilig fragt:
»Sag, Schönste, welchen Weg er nahm,
Als er vom Kloster zu dir kam?«
»Herr, durch das Türchen bei der Hecke;
Der Schlüssel liegt dort in der Ecke!«
Guillaume hebt schnell den Schlüssel auf
Und nimmt ein weißes Tuch darauf,
Das wickelt er nun um den Kopf
Des Mönchs und hebt den armen Tropf
Auf seine Schultern, eilt hinaus;
Idoine verläßt mit ihm das Haus,
Zeigt ihm den Weg; in dunkler Nacht
Bleibt sie allein, bis er vollbracht
Das grause Werk, den Mönch versteckt,
Daß keiner seine Tat entdeckt.
Guillaume war findig und geschickt,
Gar bald das Pförtchen er erblickt,
Durch das der Mönch herausgegangen.
Er setzt ihn ab, schließt auf mit Bangen,
Trägt ihn hindurch und sieht sich dort
Ganz nah bei 'nem gewissen Ort,
Zu dem ein Gang die Mönche führt.
Kaum hat den Raum er aufgespürt,
Als er den Mönch dort niederläßt
Und eilig dann den Platz verläßt.
Am Boden Stroh er liegen fand,
Draus hastig einen Strick er wand;
Den band er an; das Ende nahm
Und ungesehen so entkam
In eine alte, dunkle Straße.
Er hatte Angst in solchem Maße,
Daß ihm der Schweiß herunterrann.
Bald traf er seine Frau auch an,
Die ebensolche Angst stand aus!
Zusammen eilten sie nach Haus
Und waren nun von Furcht befreit;
Sie glaubten sich für alle Zeit
Vom Mönch erlöst, den sie erschlagen.
Der hatte auch davon getragen
Den Todesstoß; der Tote schlief
Mit offnem Rachen fest und tief.
Die Mönche all' im großen Saal
Der Ruhe pflegten ohne Qual.
Dem Refektorium nahe bei
Schlief schlecht der Prior der Abtei,
Der viel gegessen, 's trieb ihn fort
Durch jenen Raum, an jenen Ort.
Als eilig er den Gang erreicht,
Sein Angesicht vor Zorn erbleicht,
Blickt an den Sakristan erregt,
Der weder Hand noch Fuß bewegt.
»Ha,« ruft er, »wie ist das gemein,
Fest eingeschlafen hier zu sein!
Recht hab' ich, morgen Euch zu strafen
Früh beim Kapitel für dies Schlafen!
Versäumtet Ihr es, Sakristan,
Ihr hättet Schlimmres nicht getan!«
Um ihn zu wecken, tritt er näher:
»Herr Sakristan, ich säße eher
Ganz dicht dem heißen Roste bei,
Brach' eher mir ein Bein entzwei,
Als daß ich schlief an solchem Ort.
Ich rate Euch: Sucht auf sofort
Den Schlafsaal, wo Ihr hingehört!
Wacht auf!« und rüttelt ihn empört.
Doch der war ganz wahrhaftig tot.
Dem Prior fiel, der ihm gedroht,
Entgegen er der Länge lang.
Dem Prior wurde schrecklich bang:
»Was soll das heißen?« rief er aus.
»Beim heilgen Geist! Ist das ein Graus!
Der Mönch ist tot, was mach' ich nun?
Wie unrecht, daß ich in sein Tun
Mich mischte! Heute diesen Gang
Kam ich zum Unglück nachts entlang.
Wie schaff' ich Rat in solcher Not;
Man wird der Schuld an seinem Tod
Vor'm Abt mich zeihn! Denn harter Streit
Hat uns vorgestern arg entzweit.«
So klagte er in Angst und Schrecken,
Bedacht, den Toten zu verstecken,
Sann er voll Eifer hin und her,
Was nun zu tun das Beste war',
Aus der Affäre sich zu ziehn.
»Am besten ist, ich schaffe ihn
In dieser Nacht noch in die Stadt,
Und damit es den Anschein hat,
Als hätte man ihn dort erschlagen,
Will ich ihn vor die Haustür tragen
Der allerschönsten Bürgersfrau
(Die Leute kennen sie genau),
Die es im ganzen Orte gibt.
Am andern Morgen jeder schiebt
Die Schuld gewiß auf jenes Haus.«
Wie er geplant, so führt er's aus,
Er nimmt den Toten auf den Rücken
Und seine List scheint ihm zu glücken.
Er bald zu jenem Haus gelangt,
Dem unser Mönch das Gift verdankt,
Von dem er nie genesen kann,
Hängt an die Tür den toten Mann.
Nun Guillaume, nimm dich nur in acht!
Wenn diesen Fund man morgen macht,
Dann glaub' ich, kommt dein Ende bald!
Mit der Gefahr im Hinterhalt
Idoine und Guillaume ruhten aus
Nach ausgestandnem Schreck und Graus.
Sie fühlten sich von Angst befreit
Und schliefen friedlich alle beid';
Da hebt sich plötzlich starker Wind,
Das Tuch des Mönchs packt er geschwind
Und hebt den toten Körper auf,
Der poltert an die Tür darauf.
»Beim heiligen Homer!« ruft aus
Idoine, »wer ist vor unserm Haus?
Guillaume, steht eilig auf und seht,
Es hat uns jemand ausgespäht!«
Herr Guillaume zieht sich hastig an,
Zum Ausgang er so schnell er kann
Mit seinem schweren Knüppel eilt
Die Türe öffnet unverweilt:
Da stürzt der tote Sakristan
Entgegen ihm, dem armen Mann,
So daß er auf den Rücken fällt.
Guillaume schreit laut, sodaß es gellt
(Denn er weiß nicht, wie ihm geschieht,
Der sich so überfallen sieht).
»Zu Hilfe Frau! 's ist deine Pflicht!
Wer auf mich fiel, das weiß ich nicht!
Ob's ein Gespenst, ob es ein Mann?
Ich töte ihn, sobald ich kann.«
Idoine springt aus dem Bett, macht Licht
Und sieht des toten Mönchs Gesicht.
»Es ist der Mönch, wir sind verraten.
So strafen sich die bösen Taten!«
Er sagte: »Ihr die Wahrheit sprecht;
Verrat und Habgier wird gerächt!
Verdammt sei, was durch Hinterlist
Und Tücke nur erworben ist!
Daraus entsteht nur Angst und Plage.«
Tot ist der Mönch ganz ohne Frage!
Ein Rätsel bleibt's für alle zwei,
Wie er zurückgekommen sei!
»Der Teufel hat ihn hergeschafft!«
Guillaume hat wieder aufgerafft
Den Toten, schleppt ihn von der Stelle.
Idoine gibt ihm für alle Fälle
Ein Blatt, darauf geschrieben steht
Der Name Gottes. So er geht
Vertrauend besserem Gelingen.
Er will ihn zu Herrn Tibout bringen,
Dem Pächter von dem Klostergut,
Der das Getreide hält in Hut,
Der Geld besitzt in großen Haufen
Und alles, was für Geld zu kaufen.
In dessen Hof Herr Guillaume will
Verstecken seinen Toten still.
Tibout jüngst hatte abgeschlachtet
Ein fettes Schwein, und unbeachtet
Zum Trocknen hing es, wie er glaubt.
Doch wurde es ihm nachts geraubt
Und von dem Diebe gleich geborgen
In einem Haufen Heu. Voll Sorgen
Kommt nun Guillaume an diesen Ort;
Nicht mag er bringen weiter fort
Den Toten, da er müde ist
Und auch in Furcht: »Durch welche List«,
So denkt er nach, »werd ich ihn los?
Der Haufen Heu ist riesengroß,
Ich grab' ihn ein und deck ihn zu,
So mag er liegen da in Ruh.«
Er macht mit eigner Hand ein Loch,
Den Sakristan zu bergen; doch
Spürt überrascht ein seltsam Ding,
Das schwarz zu werden schon anfing
(Es war das Schwein, das, wie ihr wißt,
Vor kurzem hier geborgen ist),
Will von der Hülle es befrein,
Und niemand kann erstaunter sein
Als Guillaume. Der spricht: »Ei fürwahr!
Ein zweiter Mönch liegt hier; sogar
Er auch schon schwärzlich wird, mir scheint,
Ich will begraben sie vereint!«
Er will es tun, doch geht es nicht.
Guillaume drauf zu sich selber spricht:
»Will nachsehn erst, ich bin gespannt,
Welch andrer Mönch den Tod noch fand.«
So drehte er herum das Tier.
»Das ist ja Fleisch, Gott helfe mir!
So brauch ich nichts von dem zu missen,
Was man im Walde mir entrissen!
Ich habe Fleisch genug und Geld.«
Er nimmt das Fleisch, den Sack aufhält
Und steckt den toten Mönch hinein,
Genau wie vorher stak das Schwein.
Und war bemüht, ihn zu verstecken,
Den Sack wie vorher zuzudecken.
Dann rennt er heimwärts voller Hast,
Beladen mit der seltnen Last.
Die Frau sieht kommen ihren Mann
Und fragt: »Ist das der Sakristan?«
»Beim heiligen Germanus, nein!
Das ist ein dickes, fettes Schwein.
Wir haben Fleisch, nun gehe du
Und hole frischen Kohl dazu.«
Der Dieb, der jüngst das Schwein gestohlen
Und es versteckt, um es zu holen
Bei passender Gelegenheit,
Der spielte während dieser Zeit
In einem Wirtshaus mit Bekannten
Beim Weine; doch der Durst war schlecht.
Er sprach: »Es war uns allen recht,
Wenn wir ein Stückchen Rostfleisch hätten,
Von einem Schwein, von einem fetten,
Das würde Durst zu machen taugen.«
Ein jeder schwört bei seinen Augen:
»Mein lieber Freund, Ihr redet wahr!
Doch sind wir allen Fleisches bar.
Ein jeder Schlächter Nachtruh hält,
Und auch gebricht es uns an Geld.«
»Ihr Herren, hört, ich hab ein Schwein,
Das soll Euch überlassen sein,
Ich geb' es gern, hab's selbst gestohlen;
Es ist sehr fett, ich kann es holen.
Ich nahm's dem Klosterpächter ab
Und machte ihm aus Heu ein Grab,
Drin es bis zum Gebrauche ruht.«
»So holt es schnell aus seiner Hut!«
Und der, der öfter schon gestohlen,
Ging schnell zum Hofe, es zu holen.
Er grub den Sack hervor und trug
Den Mönch ins Wirtshaus ohn' Verzug.
Ein jeder rief ihm zu: »Willkommen!«
Nachdem den Sack er abgenommen,
Sprach er: »Ihr Herrn, der ist so schwer«,
Dann riefen sie Cortoise her,
Die in dem Wirthaus dient als Magd.
Der, der den Sack herbeitrug, fragt:
»Sind diese Näpfe alle rein?
Wir' woll'n ein Stück von unserm Schwein
Am Roste braten und es essen,
Wir holen Holz, und du indessen
Machst sauber die Geräte all'.«
Sie tat, wie jener ihr befahl;
Die Männer gingen eilig fort
Und kamen bald an einen Ort,
Wo sie viel große Pfähle fanden,
Die ein Gehege rings umstanden.
Sie rissen jeder einen aus
Und kehrten wieder in das Haus,
Wo sie verlangten schnell ein Beil;
Das wurde ihnen auch zuteil.
Die Pfanne war indes gescheuert
Und unterm Rost war gut gefeuert.
Die Magd sich an den Sack begab,
Sie löst den Strick, die Hülle ab,
Versucht den Inhalt zu zerstücken,
Doch will ihr das durchaus nicht glücken.
»Vergebens quält sich ab die Magd«,
Der eine Dieb zum andern sagt.
Das Mädchen, das die Worte hört,
Erwidert ihnen ganz empört:
»Das Schwein ist bei Sankt Leonhardt
Gleich wie ein Strick so zäh und hart!
Mir scheint auch, es hat Schuhe an!«
Da schnellt vom Platze jedermann:
»'s hat Schuhe an«, ein jeder brüllt;
Da wies sie ihnen unverhüllt
Den Mönch, der in dem Sacke steckte,
Und dadurch so den Dieb erschreckte,
Daß er sich unzählige Mal
Bekreuzigte, entsetzt und fahl.
Der Gastwirt fragte ihn alsdann:
»Guarnot, was hast du hier getan?
Warum hast du den Mönch erschlagen?«
»Wie könnt Ihr mich so etwas fragen;
Bei allen Heil'gen, nie berührte
Den Mönch ich und nichts davon spürte,
Daß ich ihn in dem Sacke trug.
Ihr tut mir unrecht; Teufelsspuk,
Ich weiß es, muß im Spiele sein,
Der wandelte zum Mönch das Schwein.
Und müßt' ich jetzt zur Beichte kommen,
Ein Schwein war's, das ich mitgenommen!
Vielleicht der Teufel selbst es ist,
Der sich in Mönchsgestalt mit List
Gehüllt, um uns im Weg zu sein;
Doch werde ich uns schnell befrein,
Bring zu Tibout ihn auf der Stell'!«
Die andern rufen: »Mache schnell,
Wo du's geraubt, häng's an den Ort!«
»Bei Dionys, glaubt meinem Wort!«
So nahm er wieder auf die Last,
Gelangte an sein Ziel mit Hast.
Im Hof er eine Karre fand,
Die an des Hauses hohe Wand
Er lehnte, um hinaufzuklettern,
Wo unterm Dache zwischen Brettern
Er kurz vorher das Loch gemacht
Und so den Raub an sich gebracht.
Er stößt den Sack ins Haus zurück
Und hängt ihn auf am alten Strick.
Dann schnell er auf die Erde springt
Und den Genossen Nachricht bringt;
Erzählt, was er indes getan,
Wie er gehängt den Sakristan
An jenen Strick, wo erst das Schwein. –
Doch lassen wir die Diebe sein.
Vom Pächter handle mein Bericht,
Der dieses alles ahnte nicht.
Er schlief mit seiner Frau im Bett,
Die weckte ihn, da es schon spät.
»Es ist schon Morgen,« sprach sie »Mann,
Steh eilig auf und zieh dich an,
Hol von der Mühle Brot herbei,
Wir haben nur der Brote zwei.«
»Frau,« fing der Pächter an zu klagen,
»Ich bin ja krank seit dreien Tagen.
Den kleinen Kaufmann wecke du,
Martin Sura, der ab und zu
Bei uns im Hause bleibt die Nacht,
Den Botengang er willig macht,
Wenn du ihm bietest guten Kuchen.«
»Gewiß, ich will es gern versuchen.«
»Martin, schnell stehe auf!« sie sagt;
»Nun Frau, warum denn ich?« er fragt.
»Du mußt für uns zur Mühle gehn.«
»Ihr spottet mein, ich hab' gesehn,
Daß Ihr getötet Euer Schwein.
Soll ich Euch etwa Diener sein,
Weil ich auf Eurem Stroh geruht,
Und Euer Schwein ist Euch zu gut,
Als daß Ihr mich es ließet schmecken,
Statt mich zu schwerem Dienst zu wecken?
Kein Bauer ist an diesem Ort,
Der mir nicht schenkte, auf mein Wort!
Ganz andre Dinge, als Ihr tut!«
»Martin,« spricht sie, »nur ruhig Blut!
Und höre auf mit deinen Klagen,
Ich schenke dir für deinen Magen
Brot und ein Stück gebratnes Schwein.
Wirst du mir dann gefällig sein?«
»Frau,« sagt nun jener, »auf mich zählt!
Ich tue das, was Ihr befehlt!«
»Martin,« sagt sie, »ich geb' mein Wort
Und du erhältst dein Teil sofort.«
Drauf wieder sie den Gatten drängt:
»Ihr wißt doch, wo Ihr aufgehängt
Das Schwein, so steht nun eilig auf,
Geht in die Kammer dann hinauf,
Für Martin ein Stück abzuschneiden,
Er ist gefällig dann uns beiden.«
Der Pächter in die Kammer geht
Und fragt, was dem zu Diensten steht,
Von welchem Teil er schneiden soll.
Der Mann sagt: »Herr, Ihr scherzet wohl.
Das Schwein Euch mehr, denn mir gehört;
Ich nehme an, was Ihr beschert.«
»So tust du recht. Nun mache Licht.«
»O nimmer, Herr, das braucht Ihr nicht,
Ihr wißt ja, wo der Braten hängt.«
Tibout das Schwein zu fassen denkt,
Greift mit der Hand, um es zu packen
Und ein Stück Rostfleisch abzuhacken.
Statt dessen er den Mönch erfaßt
Und fühlt sich plötzlich durch die Last
Des schweren Sackes umgeschmissen –
Der Strick, der mürbe, war gerissen –.
Tibout fällt auf den Rücken hin,
Liegt halb in einem Koffer drin,
Ruft: »Martinet, erhebe dich!
Das ganze Schwein fiel über mich.«
Martin erhob sich, machte Licht
Und sah des Mönches Angesicht.
Nichts läßt sich seinem Schreck vergleichen,
Er macht voll Angst des Kreuzes Zeichen
Wohl dreißigmal, vielleicht auch mehr,
Und ruft: »Beim heil'gen Martin, Herr,
Das ist kein Schwein, nein, keine Spur!
Der Teufel ist's in Mönchstonsur.
Gott helfe mir! Er ist beschuht.
Verloren ist nun unser Gut,
Das oben hing, das schöne Schwein,
Den Mönch wir tauschten dafür ein.«
»Und ich«, sprach Tibout, »muß nun sterben,
Am Galgen ohne Schuld verderben.
Denn morgen schon sagt jedermann,
Daß ich erschlug den Sakristan.«
Sprach Martin: »Es muß Euch gelingen,
Zurück in die Abtei zu bringen
Den Toten, wo er hingehört.
Nicht einen Lauch ist Klagen wert.
Viel besser ist's, sich zu bedenken!
Ach, könnt' ich doch den Kerl erhenken,
Der uns gebracht in solche Pein.«
Tibout sprach: »Fang mein Füllen ein,
Ein Mittel habe ich gefunden,
Der Mönch wird auf das Tier gebunden.
Zum Reiter wird er unbedingt.«
Martin sofort das Füllen bringt
Und sich bemüht, den toten Mann
Zu binden fest am Sattel an.
»Ich werde eine Lanze bringen,
Mit ihr bewaffnet soll er dringen
In diesen Hof auf schnellem Roß,
Zu kämpfen gegen einen Troß.
Und durch Geschrei treibt Ihr es an.
»Zu Hilfe, helft, der Sakristan
Entführt mein Füllen mit Gewalt.«
Im Augenblick der Ruf erschallt:
»Zu Hilfe, helft!« Das Füllen rast,
Und hundert Mönche nahn, erfaßt
Vom Wahnsinn glauben sie den Reiter.
Sie eilen ihm entgegen. Weiter
Rennt wild das Füllen und erreicht
Das Tor des Klosters, wo sich zeigt
Der Prior, der zu früh aufstand.
Die Lanze trägt noch in der Hand
Der tote Mönch und trifft ihn schwer.
Er fällt vom Pferd. Der Mönche Heer
Schreit fliehend, wilden Schreckens voll:
»Kehrt um, der Sakristan ist toll!
Wer bleibt, der ist zum Tod verdammt!«
Ob kühn, ob zaghaft, allesamt
In toller Flucht den Platz verließen,
Um sich im Kloster einzuschließen.
Das Füllen in die Küche springt
Und dem Gerät Verderben bringt.
In Stücke geht das Tischgeschirr,
Die Schüsseln, Teller mit Geklirr,
Die Näpfe und die Mörser all.
Mit immer heftigerem Prall
Wird hundertmal in wildem Tosen
Die Lanze an die Wand gestoßen.
So bricht sie selbst zuletzt entzwei
Und endlich ist der Lärm vorbei.
Das Füllen rennt in schnellem Trab
Zu einem Graben, springt hinab
Mit Wucht, die Gurte platzen alle,
Das Tier kommt mit der Last zu Falle.
Aus dem verworrnen Haufen mühn
Die Mönche sich, hervorzuziehn
Mit Eisenhaken Mann und Pferd.
Kein Laut ward mehr von ihm gehört,
Denn er war ganz zermalmt und tot.
Also Guillaume kam aus der Not
Und wurde niemals angeklagt.
Also Guillaume ward nicht versagt
Sein Recht vom Mönche, der mit Gold
Ihm seine Frau verführen wollt!
Das Schwein und hundert Pfund ward sein.
Also gab Herr Tibout sein Schwein
Und ebenso sein Füllen dran,
Und also starb der Sakristan.