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Maria und die Mutter

Einem Weibe starb der Mann;
Die war von Herzen zugetan
Dem Kinde, das er hinterließ.
Zum einz'gen Troste ward ihr dies.
Biderbe wuchs der Sohn heran
Und ward ein ehrsam tücht'ger Mann.
Doch nun geschah an einem Tage,
Daß zu des Weibes großer Klage
Der einz'ge Sohn gefangen,
Der Kerkerhaft, der langen,
Im Halsring man ihn überwies.
Die arme Frau, des seid gewiß,
In Tränen und in Klage
Verbrachte ihre Tage.
Das Leid man schaute, das sie trug,
Sie jammerte viel und genug.
Und endlich eilt sie im Gebet
Zur Mutter Gottes und erfleht
Voll Andacht, daß sie Hilfe leihe
Und ihren teuern Sohn befreie
Aus seiner Feinde Händen,
So daß die Haft beenden
Mög gnadenreich der Jungfrau Macht.
So betet innig Tag und Nacht
Die Arme, jedoch nicht gelingt
Ihr, daß Maria Hilfe bringt.
Den Kerker niemand ihr erschloß,
So daß es sie zuletzt verdroß,
Daß unerhört blieb ihr Gebet.
Und als sie eines Tages geht,
Wie sie gewohnt, zur Kirche hin,
Ein schönes Bildwerk war darin,
Ganz meisterlich, zu schauen
Von unsrer lieben Frauen.
Das Kindlein saß in ihrem Schoß.
Die Frau bemerkte, daß sie bloß
Allein in diesem Raume war.
Sie nahm die günst'ge Stunde wahr,
In frommem, einfältigem Sinn
Kniet sie sich vor dem Bildwerk hin,
Die Hände faltend im Gebet,
Sie also zu Maria fleht,
Da unfroh, kummervoll ihr Mut:
»Maria, holde Jungfrau gut,
Ich bin so oft vor dich getreten
In heißen, innigen Gebeten
Am Abend und am Morgen,
Auf daß in meinen Sorgen
Du deine Hilfe mir verleihst
Und meinen lieben Sohn befreist.
Ihn gnädig tätst erlösen
Von allen jenen Bösen,
Die ihn bewahrn in strenger Haft.
Doch sehe ich, daß meine Kraft,
Die im Gebet ich angewandt,
Als ganz vergeblich sich erfand.
Zu dir und deinem Kind ich schrie,
Allein Erhörung fand ich nie!
Verweigerst du mir Hilfe stets,
Bin ich am Ende des Gebets.
Ich kann die Mühe mir ersparen;
Doch soll dasselbe widerfahren
Dir, was geworden ist mein Los.
Ich will das Kind von deinem Schoß
Dir rauben, da mein Trost geraubt,
Die Not mir diesen Schritt erlaubt.
Dein Knabe mir als Geisel gilt,
Und eher bin ich nicht gewillt,
Ihn dir zurück zu bringen,
Bis du dich lässest zwingen,
Den meinigen zu schaffen mir.
Tu nun, wie es behaget dir.
Sieh her, ich nehme deinen Sohn,
Mein Sprechen war kein leeres Drohn.«
Zum Bildwerk tritt sie unverweilt
Und nimmt das Kindlein und enteilt,
Gehüllet in ein weites Tuch,
Sie sorgsam es nach Hause trug;
Ganz heimlich in dem Kämmerlein
In seidne Tücher, reich und fein,
Und andres kostbares Gewand
Sie wickelt ein das teure Pfand;
Packt es in ihre Truhe ein
Und spricht: »Will dich die Mutter dein
Entbehren, sie es dulden mag,
Und nimmer kommen wird der Tag,
Daß ich zurück dich trage,
Eh' endet meine Plage.«
Und Lohn ward ihrem Mut zuteil:
Maria kam zu ihrem Heil,
Die liebevolle Helferin,
In selb'ger Nacht zum Kerker hin,
Allwo sich in Gefangenschaft
Der Sohn befand in schwerer Haft,
Entbehrend alle Freuden.
Doch ohne Zeitvergeuden
Maria öffnet jede Tür
Des Kerkers, eilig tritt sie für,
Löst Ketten und den Halsring schnell,
Spricht: »Liebes Kind, geh auf der Stell'
Zur Mutter, frei und ohne Kette,
Und sag, daß ich gelöst dich hätte.
Du magst in Freiheit bei ihr leben,
Heiß' sie mein Kind mir wiedergeben,
Das sie als Geisel von mir nahm.«
Der Knabe froh nach Hause kam,
Erzählte voller Freuden,
Wie er befreit vom Leiden.
Die Truhe schloß sie eilig auf,
Entnahm das Bildnis, und darauf
Trug sie zum Gotteshaus das Bild
Und gab zurück der Jungfrau mild
Ihr holdes Kindlein, sprach dazu:
»Nun hat mein Herze gute Ruh,
Du edle keusche Gottesmagd,
Dir sei viel Dank und Lob gesagt!
Zu Trost und Hilfe gern bereit,
Hast du mir meinen Sohn befreit,
Aus bittern Kerkermauern.
Mein Lob soll ewig dauern;
Vergessen will ich nimmer dein,
Nimm hin dein eignes Kindelein,
Das du zurückgewonnen!«
Seht hier dem Schmerz entronnen
Die Mutter durch Marias Kraft,
Die immer neue Wunder schafft.
Wer sich in Demut vor ihr neigt
Und ihrem Dienste willig zeigt,
Dem hilft sie gern in treuem Sinn,
Des sei gelobt die Königin.


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