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19. Kapitel

In einem elegant möblierten Zimmer eines der schönsten Häuser auf der Südseite der Kathedrale, das Phineas Dawson nach seiner Hochzeitsreise gemietet hatte, saß Annette, das Gesicht in die Sofakissen vergraben. Die Witwenhaube war von ihrem Kopf herabgeglitten und ihre ganze Haltung verriet die äußerste Verzweiflung. So saß sie regungslos, bis das Dröhnen der großen Kathedralsglocke, die die elfte Abendstunde verkündete, sie aus ihrem dumpfen Brüten aufschreckte. Sie wankte ans Fenster, öffnete es und schaute Maus.

Es war eine stille, friedliche Nacht. Kein Lüftchen regte sich, und die sommerliche Hitze, die bereits herrschte, gab der Atmosphäre etwas Schwüles, Bedrückendes. Die mächtige Kathedrale lag in majestätischer Ruhe, von vergangenen Jahrhunderten träumend. Sie ragte düster zum nächtlichen Himmel empor, und wo die Schatten hinfielen, erschien das verwitterte Simswerk schwarz wie Ebenholz.

Mit einem tiefen Seufzer schaute Annette zu den Sternen auf, die hie und da zwischen leichten Wölkchen hervorschimmerten. Plötzlich schlug das Geräusch eines schweren, gleichmäßigen Schrittes, wie der einer Patrouille an ihr Ohr. Auf die Straße hinabspähend gewahrte sie einen Mann, der langsam vor dem Hause aus und ab schritt. Unermüdlich schritt er hin und her mit monotoner Regelmäßigkeit, und wie gebannt beobachtete die junge Frau ihn eine Viertelstunde lang. Erst als die Turmuhr wieder schlug, verließ sie ihren Platz, schloß das Fenster jedoch nicht, sondern zog nur die Vorhänge zusammen.

Die Luft hatte sie doch etwas erfrischt und ihr die verlorene Selbstbeherrschung zurückgegeben. Geräuschlos stahl sie sich in ihr Schlafgemach, dessen Türe sie verschloß. Dann zündete sie eine Lampe und alle Kerzen an den Wandleuchtern an, so daß das Zimmer taghell erleuchtet war. Ein paar Minuten stand sie wie unentschlossen vor dem hohen Drehspiegel, der ihre in tiefe Trauer gehüllte Gestalt zurückwarf. Ruhig, fast mechanisch löste sie ihr Haar. Es floß in üppiger Fülle an ihr herab, fast den Boden berührend. Dann öffnete sie ein Schränkchen, dem sie eine blitzende Waffe entnahm. Es war ein acht Zoll langer Dolch, dessen in getriebenem Metall gearbeiteter, mit Edelsteinen besetzter Griff als ein Meisterstück der Waffenschmiedekunst gelten konnte.

Eine Weile betrachtete Annette die silberglänzende Waffe mit scheuem Interesse, dann warf sie ihr Haar zurück, und die Augen schließend, setzte sie sich die Spitze des Dolches auf die Brust. Sekundenlang stand sie unbeweglich, als müsse sie erst Kraft sammeln, den tödlichen Stoß zu führen; doch plötzlich ließ sie die Hand sinken und warf die Waffe weit von sich.

»Nicht damit!« flüsterte sie leise vor sich hin, während ein Schauer ihren Körper durchflog. »Es gibt noch einen anderen Ausweg.«

Wieder trat sie mit derselben apathischen Haltung an das Schränkchen, dem sie diesmal eine kleine blaue Phiole entnahm. Sie hielt sie gegen das Licht, betrachtete sie genau und schüttete sich schließlich etwas von dem Inhalt auf die Hand. Es war ein braunes Pulver von bitterem Geschmack. Befriedigt vor sich hinnickend, füllte Annette ein Glas mit Wein, dem sie einen Teil des Pulvers zusetzte.

»Meine arabische Wärterin ließ sich wohl nicht träumen,« murmelte sie halblaut, »daß dies einmal meine Zuflucht in der höchsten Not werden würde.« Gelassen beobachtete sie, wie das Pulver sich auflöste, dem Wein eine trübe Färbung verleihend. Annette setzte das Glas an die Lippen und versuchte den Trank.

Jetzt schmeckte es nicht mehr bitter. Wieder nickte sie zufrieden vor sich hin, und nachdem sie das Glas zur Hälfte geleert, nahm sie ihr Tagebuch zur Hand. Sie las die engbeschriebenen Seiten von Anfang bis zu Ende; dann ergriff sie die Feder und begann zu schreiben.

»Meine letzte Hoffnung zerrann, als man Phineas heute in die Erde senkte.

Nach dem Begräbnis kam Arthur Chancellor, um als alleiniger Testamentvollstrecker den letzten Willen meines Gatten zu verlesen. Phineas hat mir alles hinterlassen. Doch wozu den Inhalt seines Vermächtnisses erwähnen, da es mir doch völlig gleichgültig ist. Höchstens um zu zeigen, wie sehr Phineas mich liebte, wie rücksichtslos er mir vertraute. Tut es mir leid, daß ihn ich verloren habe? Ja, wie der in der Wüste verdurstende Reisende traurig ist, wenn er Wasser zu sehen glaubt und sein Tier hintreibt, um dann zu entdecken, daß es nur eine Täuschung war, daß er dennoch sterben muß.

Ich habe auf diesen Blättern wissentlich keine Unwahrheit niedergeschrieben und will es auch jetzt nicht tun. Geliebt habe ich meinen Gatten nicht; aber ich schätzte und bewunderte ihn, und wenn er gelebt hätte, würde ich alles aufgeboten haben, ihn glücklich zu machen, ihm eine gute Frau zu sein. Daß ich ihn nicht lieben konnte, war nicht meine Schuld. Mein Herz starb an dem Tage, an dem ich erfuhr, was ich war! Lebe wohl, Phineas! Du bist im Tode glücklich, und es ist mein einziger Trost, daß du starbst, ohne zu ahnen, was ich bin. Mit dir ging meine letzte Hoffnung zu Grabe. Ich fühle nicht die Kraft in mir, allein gegen das Schicksal weiter zu kämpfen.

Bei der Testamentseröffnung waren viele Personen anwesend. Als ich eintrat, saß Arthur Chancellor am Ende des großen Speisetisches, das Testament in der Hand. Niemand bemerkte, daß der Teilhaber meines Gatten mir keine Beachtung schenkte; nur unsere Blicke begegneten sich, und in dem stahlharten Glanz seiner erbarmungslosen Augen konnte ich mein Schicksal lesen. Es war nicht zum ersten Male, daß sein Blick mich warnte. Ich bemerkte sein Erstaunen, als ich an meinem Hochzeitstag meinen vollen Mädchennamen ins Kirchenbuch einschrieb. Als wir von unserer Hochzeitsreise zurückkehrten, sah ich verhaltenen Zorn in seinem Blick; da wußte ich, daß er alles erfahren und daß nur die Rücksicht für Phineas ihn abhielt, mich anzuzeigen. Heute waren seine Augen erbarmungsloser denn je auf mich gerichtet. Ich fühle mit unumstößlicher Gewißheit – er wird mich nicht freigeben – meine Lage ist hoffnungslos – – – –

Grolle ich Arthur Chancellor deshalb? Es fiele mir schwer, nein zu sagen, doch weshalb sollte er mich auch schonen? Vielleicht – wenn er alles wüßte, würde er milder urteilen. Wenn es wahr ist, was die Heilige Schrift sagt, daß die Sünde im Wollen liegt, dann bin ich unschuldig! Ich habe Francis Trinkalls Tod nicht gewollt. Hätte er mir nicht solch erbärmliche Vorwürfe gemacht, wäre er duldsam gewesen mit dem Kummer eines Weibes, dem er so schweres Unrecht zugefügt hatte, so würde ihm nichts geschehen sein. Nicht genug, daß ich erfahren mußte, ich sei nicht seine Frau, verhöhnte er mich auch noch wegen meiner Torheit, seinen Worten geglaubt zu haben. Er wandte sich dann verächtlich von mir ab, nachdem er mir seine eigene Liebesgabe, die ich ihm zurückgegeben, vor die Füße geworfen hatte. Das war zu viel! Ohne zu überlegen, von Entrüstung und Zorn übermannt, lief ich ihm nach und griff ihn mit dem Dolch – auch sein Geschenk – an, den ich mitgebracht hatte. Ich stieß so rasch und heftig zu, daß er tot zu Boden sank. Warum hatte er mich auch zum Wahnsinn getrieben mit seinem Hohn und seiner Verachtung? – – –

Wollte ich John Mowbrays Tod? Nein. Bis zuletzt glaubte ich, er würde noch gerettet werden. Sein Name war in aller Mund und ganz Lancaster sprach von seiner sicher zu erwartenden Begnadigung. Als ich hörte, er sei zu Tode verurteilt, litt ich namenlose Seelenqual. Sollte auch dieses Mannes Blut auf mir lasten, eines Menschen, der mir kein Leid getan, der durch mein Verbrechen schon soviel erduldet hatte? Das durfte nicht geschehen. Ich beschloß, selbst auszuforschen, ob er wirklich sterben müsse; war dies der Fall, dann wollte ich meine Schuld bekennen, um ihn zu retten.«

Ermattet legte Annette die Feder nieder und stützte den Kopf in die Hand, so daß die Haarwellen sie umhüllten wie ein Schleier der Nacht. Nach einer Weile raffte sie sich gewaltsam wieder auf, ergriff das Glas und leerte es bis zur Neige. Einen Augenblick kehrten die Kräfte zurück, und sie schrieb hastig weiter:

»Es stellte sich meinem Entschluß jedoch eine Schwierigkeit in den Weg. Wie, wenn man mich erkannte und John Mowbray am Ende doch noch begnadigt würde? Wozu dann die Aufmerksamkeit auf mich lenken? Plötzlich entsann ich mich der grauen Quäkertracht, die ich in Craysfoot getragen hatte, darin würde mich niemand erkennen. Ich holte sie aus meinem Koffer hervor, legte sie an und schlüpfte gegen Abend fort. Als ich vor dem Schloß die Menschenmenge versammelt sah, wußte ich nicht, wohin ich mich wenden sollte. Endlich sah ich Arthur Chancellor aus dem Gebäude kommen. Es war das erste Mal, daß wir uns begegneten, doch kannte ich ihn von Ansehen, da Tante Pritchard ihn mir eines Tages vom Fenster aus gezeigt hatte, als er an unserem Hause vorüberging.

Jetzt im Halbdunkel erkannte ich ihn aber nicht; erst als das Mondlicht auf sein Gesicht fiel, merkte ich, wen ich angesprochen. Instinktiv erriet ich die Gefahr, die mir drohte, wenn er mich zurückhielt und ausfragte; ich ließ ihn daher stehen und bevor er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, war ich in der Menge verschwunden. Mein ganzer Mut sank dahin. Ich hatte den guten Willen John Mowbray zu retten, allein mit der Schwachheit des Weibes schrak ich vor der Gefahr zurück, die meine zufällige Begegnung mit Arthur Chancellor heraufbeschwor.

Ich werde so müde und möchte jetzt schlafen. Ein paar Worte muß ich aber doch noch niederschreiben, ehe ich die Feder hinlege. Warum konnte ich nicht mit Ruth Annesley glücklich sein? Weil ich mich stets der Hoffnung von neuem hingab. Längst schon, damals während der traurigen Tage und Nächte in Algier, die ich, Franks Rückkehr erwartend, verbrachte, hätte ich seine Treulosigkeit ahnen sollen. Als ich dann zu zweifeln begann, war mein Friede dahin und die monotone Ruhe in Craysfoot wurde mir zur Qual. Ich fühlte es – ich konnte unmöglich so weiterleben, in der marternden Ungewißheit, ob mein Gatte noch lebte, ob ich sein Weib war oder nicht. Hätte ich seine Adresse gewußt, so würde ich ihm geschrieben haben, doch die hatte er mir stets verheimlicht.

Ganz zufällig erlangte ich sie eines Tages. Ich fand in einem alten Zeitungsblatt seinen Namen. O, wie ich glücklich war! Nun wußte ich, wo ich ihn finden konnte. Welches Weib glaubt bereitwillig, daß der Mann, dem sie vertraut, ein Schurke sei? Welches Weib, das sich für eine rechtmäßige Gattin hält, würde sich, ohne Beweise zu haben, als Verstoßene betrachten, deren Ehe vor dem Gesetz nicht gilt? Manchmal fürchtete ich das Schlimmste, deshalb wagte ich nicht, mich Ruth Annesley anzuvertrauen. Und doch klammerte ich mich wieder an Hoffnungen. Ich ging zu ihm in der festen Zuversicht, er werde alles zurecht bringen, allein er bereitete mir die bitterste Enttäuschung und durch seinen Hohn weckte er den Dämon in mir. Meine Finger werden steif – ich kann kaum weiter schreiben? Wie dunkel das Zimmer wird! Was soll ich tun? Ich weiß, man bewacht mich. Ich sah den Wächter unter meinem Fenster, habe jede Nacht seinen Schritt gehört. Wann wird Arthur Chancellor seinen Schlag gegen mich führen? Warum zögert er? Bei den Menschen ist – kein – Erbarmen, nur – bei – Gott – –«

Die Feder entfiel ihrer Hand, als sie das letzte Wort schrieb; schwer sank der Kopf nach vorn und unter dem lähmenden Einfluß des Trankes, den sie genommen, schlief sie ein. In dieser Stellung fand man sie am nächsten Morgen. Anfangs glaubten die Leute, sie sei von Müdigkeit übermannt eingeschlafen, doch die eisige Kälte des Körpers, die Steifheit der Glieder belehrte sie bald, daß hier ein Mächtigerer als der Schlaf, daß hier der Tod Einkehr gehalten hatte.

Die Jury bei der Leichenschau waltete ihres Amtes mit großer Milde. Obgleich ihr Tagebuch, das verlesen wurde, zu der Annahme führte, Annette habe selbst Hand an sich gelegt, ließ das ärztliche Gutachten eine andere Deutung zu. Der Arzt, der den Inhalt der Phiole geprüft und demselben einen fremdklingenden Namen gegeben, erklärte vor Gericht, das Pulver werde von arabischen Ärzten als Fieberarzenei und beruhigendes Mittel gegeben und könne nur in großen Dosen schädlich wirken. Demzufolge ließ man die Annahme eines Selbstmordes fallen und gab ein unglückliches Versehen als Todesursache an.

Frau Annesley brachte Annettes sterbliche Hülle nach Craysfoot und bestattete sie nach den Gebräuchen der Quäker zur Erde. Kein Grabstein bezeichnet die Ruhestätte des unglücklichen Weibes; aber in Ruth Annesleys Herzen lebt das Andenken an ihre junge Freundin fort, und wenn sie deren Sünde auch nicht entschuldigt, so gedenkt sie doch ihrer mit jenem Mitleid, das nur ein reines Herz für eine irrende Mitschwester empfinden kann.


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