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Juni war ins Land gezogen. Blühende Rosen erfüllten die Luft mit süßem Wohlgeruch, und die Vögel sangen ihre schönsten Lieder.
Joe Jannion saß wieder daheim in friedlicher Beschäftigung; er arbeitete in seinem Garten, sorgsam jedes Unkraut entfernend, während seine Schwester Naomi, ein Strickzeug in der Hand, ihm zuschaute.
»Waren viele zum Begräbnis gekommen, Joe?« fragte sie.
»Fast die halbe Stadt,« lautete die lakonische Antwort.
»Herr Chancellor auch?«
»Natürlich.«
»Was wird er jetzt anfangen, Joe?« fragte sie nach einer Pause. »Herrn Dawsons Tod muß doch einen großen Unterschied machen.«
»Das will ich meinen,« nickte Jannion. »Der Schlagfluß, der Phineas Dawson wegraffte, war das schlimmste, was seine Witwe treffen konnte. Er wirft all' ihre Berechnungen über den Haufen. Solange ihr Mann lebte, war sie sicher, denn Arthur Chancellor befand sich zwischen zwei Feuern. Er hatte John Mowbray geschworen, dessen Unschuld zu beweisen, und da er Fräulein Mowbray heiratet, sind ihre Interessen auch die seinen. Aus der anderen Seite konnte er keinen Schritt flehen die wahre Schuldige unternehmen, ohne das Lebensglück seines besten Freundes und langjährigen Partners zu zerstören. Für einen Mann wie ihn war das eine peinliche Situation. Fräulein Lester aber hatte erstaunlich klug gehandelt, Dawson zu heiraten, um sich vor Chancellor zu schützen. Jetzt freilich ist sie ganz in der Gewalt des Mannes, den sie aus Erden am meisten zu fürchten hat.«
»Das sieht aus, als habe die Vorsehung es so bestimmt, Joe,« bemerkte Fräulein Naomi salbungsvoll.
Jannion lachte skeptisch. »Pah! Mir kommt's nicht so vor. Nenne es lieber Unvorsichtigkeit. Phineas Dawson gab sich zu sehr den Genüssen des Lebens hin. Wäre er darin mäßiger gewesen, läge er jetzt nicht unterm Rasen. Es hat keinen Sinn, die Vorsehung verantwortlich zu machen, wenn ein Mensch auf seine Gesundheit loswütet und dann dafür büßen muß.«
»Sag' mal, Joe – könnt' man's ihr nachweisen?«
»Was? Den Mord? Mit der größten Leichtigkeit Da ist erstens Frau Schimmel, die Meredith in Heidelberg aufgesucht hat und die bestätigen kann, daß Annette Lester mit Trinkall verkehrte und sich von ihm entführen ließ. Da ist zweitens Frau Annesley, die Annette von Algier nach Craysfoot brachte. Es dürfte der armen Seele hart ankommen, gegen ihren Schützling zu zeugen, aber sie wird die Wahrheit nicht verhehlen.«
»Und sie weiß so viel,« schob Naomi ein.
»Eh, sie weiß alles, weiß, daß Frau Francis vorher Annette Sarah Lester hieß und daß ihr das am Tatort gefundene Armband gehört. Auch den Dolch, mit dem der Mord verübt wurde, hat sie gesehen. Ferner besitzt sie den Brief vom 11. November, in dem Annette erklärt, sie ginge ihren Gatten suchen. Außerdem ist da noch das Zeugnis des Stationsvorstehers und des Pächter Trent, der sie nach dem Morde nach Bloxton fuhr. Die Sache liegt ganz klar; es fehlt auch nicht ein Glied in der Kette, wenn man alles zusammengestellt.«
Naomi schaute eine Weile nachdenklich vor sich hin, dann fragte sie weiter: »Glaubst Du, daß sie ahnt, wieviel man über sie in Erfahrung gebracht hat?«
»Sie weiß, daß ich in Algier war,« entgegnete Jannion, »und was sie nicht weiß, kann sie erraten. Doch weshalb fragst Du? Meinst Du etwa, sie könne uns entschlüpfen? Dafür ist keine Gefahr. Sie wird überwacht und wenn sie das Haus verließe, würde ihr jemand nachgehen.«
»Das klingt ja, als ob Herr Chancellor sie gerichtlich verfolgen wolle.«
»Ich glaube nicht, daß er das jetzt schon tun wird; einmal muß es aber dazu kommen. Was bleibt ihm übrig? Es ist nicht allein Trinkalls Blut, das um Rache schreit. Dann wäre das allgemeine Mitleid auf ihrer Seite und selbst Chancellor würde dasselbe teilen. Es ist aber das Opfer eines Unschuldigen, der für ihr Verbrechen büßen mußte, das hier in Betracht kommt und deshalb ist es eine heilige Pflicht, den Makel zu tilgen, der seinem und der Seinigen Namen anhaftet. Wie gesagt, beträfe es nur Trinkall, würde Chancellor vielleicht weniger unerbittlich sein, obgleich er eigentlich nicht der Mann ist, die Gesetze zu umgehen. Aber in seinen Augen muß sie doppelt verdammenswert erscheinen, denn sie hat nicht nur einen Mord begangen, sondern sie ließ auch einen Unschuldigen für ihre Sünde büßen. Und was tat sie, als sie merkte, daß ihr der Boden unter den Füßen zu heiß wurde? Anstatt die Flucht zu ergreifen, was unter den Umständen das klügste gewesen wäre, blieb sie ruhig in Lancaster und schließlich setzte sie ihrem Werk die Krone auf, indem sie Phineas Dawson heiratete, um dadurch Arthur Chancellor die Hände zu binden. Man sieht, es ist ihr alles einerlei, sobald es sich um ihre Interessen handelt. Solch eine Frau ist gefährlich für ihre Nebenmenschen und muß verhindert werden, weiteres Unheil anzurichten.«
»Wird man Frau Annesley erlauben, sie mit fort zu nehmen?« fragte Naomi, die das Thema lebhaft interessierte.
Jannion schüttelte den Kopf. »Chancellor will nichts davon hören. Als ich darauf hindeutete, wandte er ein, das hieße eine Verbrecherin in Schutz nehmen und jetzt hat er noch mehr Ursache gegen sie als damals.«
»Das verstehe ich nicht,« unterbrach ihn Naomi.
»Nicht? Na, das wundert mich,« entgegnete Jannion. »Siehst Du denn nicht ein, daß er ihr zu Lebzeiten Dawsons hätte sagen können, was er entdeckt, ihr die Wahl lassend, entweder nach Ablegung eines durch Zeugen beglaubigten Geständnisses mit Frau Annesley das Land zu verlassen oder auf der Stelle verhaftet zu werden? Ich habe mir die größte Mühe gegeben, ihn um Frau Annesleys willen dazu zu bewegen.«
»Ich werde niemals einen Verbrecher in Schutz nehmen, sagte er mir, überdies genüge ein einfaches Geständnis noch lange nicht, um den Namen John Mowbrays vor aller Welt zu rechtfertigen. Doch – wozu regen wir uns darüber auf, Naomi? Vergiß nicht, Dawson ist erst heute begraben worden. Sein Tod hat Arthur Chancellor tief erschüttert, er wird nicht gleich gegen die Witwe vorgehen. Laß ihm Zeit; wir werden früh genug erfahren, was er zu tun gedenkt.«