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Das Gasthaus »Zum Ochsen« gehört zu den ältesten und in seiner Architektur malerischsten Gebäuden Lancasters. Die breite Front, der Heiligkreuzstraße zugekehrt, zeigt den Baustil vergangener Jahrhunderte; ein mächtiger Torbogen führt in einen großen, gepflasterten Hof, auf allen Seiten von Wirtschaftsräumen umschlossen, und eine hölzerne Galerie läuft um den oberen Stock, in dem die Gastzimmer liegen.
Das Wirtshaus war und ist noch jetzt berühmt wegen seiner prächtigen Treppe aus reich geschnitztem irischem Eichenholz, seiner ausgezeichneten Küche und seiner vorzüglichen Weine.
In früheren Zeiten bildete es das Hauptquartier der älteren, hier verkehrenden Advokaten, während die jüngeren, angehenden Juristen das zweite Hotel der Stadt »Zum Falken« bevorzugten.
Es war der zehnte Januar, der Vorabend der Gerichtsverhandlung gegen John Mowbray.
In einem großen, getäfelten Zimmer des Gasthofes saß Dr. Gazabee, der berühmte Londoner Rechtsgelehrte, der speziell herbeigerufen worden war, um die Verteidigung des Angeklagten zu führen, in einem Sessel ausgestreckt vor dem lodernden Kaminfeuer. Augenscheinlich hatte er soeben zu Abend gespeist, denn das Tafeltuch war noch nicht weggenommen. Zwei silberne Leuchter mit Wachskerzen erhellten das etwas düstere Gemach und spiegelten sich in der geschliffenen, mit Sherry gefüllten Karaffe, die auf einem Seitentischchen stand und aus der der Advokat sich von Zeit zu Zeit ein Glas einschenkte, während er aufmerksam in den Prozeßakten blätterte.
Er war ein großgebauter Mann mit einer starken Stimme und ziemlich ungeschliffenem Wesen, überragte jedoch seine Kollegen nicht nur in der Gestalt um Kopfeslänge, sondern auch in seiner Eigenschaft als einer der ausgezeichnetsten Kriminalisten und Vertreter des Juristenstandes. So groß war sein Ruf, daß im Volk die Meinung herrschte, eine Verteidigung durch Dr. Gazabee sei für den Angeklagten gleichbedeutend mit dessen Freisprechung, mochten die Schuldbeweise auch noch so erdrückend sein. Im Kreuzverhör suchte er seinesgleichen; auch gab es nur einige unter seinen Kollegen, die sich rühmen durften, so bestimmend und beeinflussend wie er auf den Urteilsspruch der Geschworenen einwirken zu können.
Er hatte wahre Falkenaugen – scharf und sprühend – und wehe dem sich widersprechenden Zeugen, den ein Blick aus diesen mächtigen Augen traf. Kinn und Oberlippe waren glatt rasiert, aber ein prächtiger, wohlgepflegter Backenbart umkräuselte seine Wangen. Scharfsinnig, schlagfertig und gesetzeskundig, galt Dr. Gazabee für eine Macht auf seinem Gebiet, mit der auch der Staat gezwungen war zu rechnen, denn sobald es ruchbar wurde, daß der berühmte Jurist die Verteidigung John Mowbrays übernommen, hatte man aus London den Ersten Staatsanwalt Sir Edward Browbeat geschickt, um die Anklage zu vertreten.
Nachdem Dr. Gazabee die Akten zu Ende gelesen, legte er das Heft neben sich auf den Tisch, trank ein Glas Sherry, schob die Hände in die Taschen und blickte nachdenklich in die züngelnden Flammen. Er wurde in seinen Betrachtungen durch das Eintreten des alten, grauhaarigen Aufwärters Benson gestört, der den Advokaten seit dessen Studienzeit kannte.
»Die Herren Chancellor, Dawson und Silvester wünschen Sie zu sprechen, Herr Doktor,« meldete Benson, indem er die Tür weit öffnete.
Dr. Gazabee schaute auf die Uhr, die die neunte Stunde anzeigte, erhob sich von seinem Sitz und begrüßte die Anwälte, mit denen er eine Besprechung verabredet hatte. Dann stellte er sich mit dem Rücken gegen den Kamin, vergrub seine Hände wieder in den Taschen und fragte mit seiner lauten Stimme, dabei listig mit den Augen zwinkernd: »Nun, lieber Chancellor, haben Sie Ihren Klienten glücklich überredet, nicht darauf zu bestehen, sich selbst die Schlinge um den Hals zu legen?«
Chancellor zuckte die Achseln. »Wir werden nicht imstande sein, ein Alibi nachzuweisen, wenn Sie das meinen. Herr Mowbray verharrt in seiner Zurückhaltung und verweigert jede Auskunft über sein Tun und Lassen am 11. November.«
»Welchen Grund gibt er für sein Schweigen an?« fragte Dr. Gazabee.
»Er behauptet, wenn er frei herausspräche, würde er einen besseren Mann, als er selbst sei, einem schlimmeren Schicksal als dem Tod überliefern.«
»Hm!« lautete die trockene Antwort. »Glaubt er wirklich, die Geschichte werde einer Jury einleuchten? Betrachten Sie Ihren Klienten ruhig als gehängt, Chancellor; ich habe manchen armen Teufel auf geringere Indizien hin baumeln sehen.«
»Still, still, Doktor!« rief Herr Dawson dazwischen, »der Hanf ist noch nicht gesät, aus dem ein Strick für John Mowbray gedreht werden soll. Wir wissen, daß es unzählige Spitzbuben gibt, gegen die es vor Gericht zehnmal stärkere Beweise gab und die ruhig in ihrem Bett gestorben sind – Dank Dr. Gazabee.« Herr Dawson, der den Rechtsgelehrten seit Jahren kannte und mit seinen Eigenheiten vertraut war, wußte zur Genüge, daß er bei Beratungen mit seinen Kollegen stets die pessimistischen Anschauungen über den Prozeß, den er zu führen unternahm, zum besten gab.
»Hm!« nickte Dr. Gazabee. »Die Sache steht demnach so: ich soll die Zeugen kleinhacken und Mowbray aus der Klemme ziehen, indem ich die Geschworenen überrumple.«
Der derbe Scherz des Rechtsgelehrten beleidigte das feine Gefühl Arthur Chancellors, dem jedes Einschüchtern der Zeugen, jede Beeinflussung der Geschworenen vermittelst einer forcierten Beredsamkeit widerstrebte.
»Es gibt wohl noch eine andere, einwandfreiere Verteidigungsart, lieber Doktor,« bemerkte er. »Da ist z. B. das Armband. Ließe sich das nicht zugunsten des Angeklagten verwerten?«
Dr. Gazabee antwortete nur mit einem launigen Lächeln.
»Klingeln Sie bitte mal, Silvester,« sagte er zu dem jungen Advokaten, indem er eine Prise aus seiner Tabaksdose nahm. »Klingeln Sie und beordern Sie Benson den Punsch zu bringen.«
Damit endete Arthur Chancellors erste Beratung mit dem größten Kriminalisten seiner Zeit. Nicht ein Wort äußerte letzterer mehr über die Verteidigungsweise, die er zu befolgen gedachte. Statt dessen regalierte er seine Kollegen mit einem vorzüglichen Punsch und erzählte ihnen geistreiche Geschichten aus alter und neuer Zeit.
»Sehr befriedigende Unterredung war das!« murmelte Dawson, nachdem er sich von Dr. Gazabee verabschiedet hatte und seinen Paletot anzog. »Der Mann ist seiner Sache sicher und so kann man hundert gegen eins wetten, daß John Mowbray bis morgen abend freigesprochen sein wird.«