Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

11. Kapitel

Aus Annette Lesters Tagebuch.

Heute morgen habe ich mir in der Heiligkreuzstraße bei Gale ein neues Tagebuch gekauft; genau so, wie ich es gern haben wollte. Es hat ein Schloß, ist in Juchtenleder gebunden, was ich so gern rieche, und hat sehr glattes, cremefarbiges Papier. Wirklich ein schönes Buch! Habe auch gleich meinen Namen darauf geschrieben mit den großen Schnörkelbuchstaben, wie wir sie bei Madame Schimmel im lieben alten Heidelberg gelernt. So – da steht's. Man kann's auf zehn Schritt weit lesen: Annette Sarah Lester. Ein Glück, daß ich immer Sally genannt worden bin. Immer, außer einmal.

Wie oft habe ich schon gewünscht, ich wäre nie nach Heidelberg gegangen oder für immer dort geblieben. Glücklicher wäre ich vielleicht nicht geworden – wer weiß! Aber jedenfalls wäre ich dann unschuldig, was ich jetzt nicht bin. Entzückendes altes Heidelberg! Wie liebte ich es, obgleich Madame Schimmel ein Scheusal und viel zu pedantisch für eine Natur wie die meinige war. Wäre ich in Heidelberg glücklicher geworden? Ich glaube nicht. Es war doch ein recht geplagtes Leben dort und schließlich hatte ich's so satt, daß ich mich freute, als ich fortkam. Ich bin jetzt acht Wochen hier. Früher habe ich oft geschworen, ich würde nie mit Tante Pritchard in dieser häßlichen, alten und langweiligen Stadt leben. So oft sie mich auch einlud, ich lehnte es immer ab, sie zu besuchen. Weshalb ich jetzt eingewilligt habe? Ah, das hat eine besondere Bewandtnis. Erstens wollte ich nicht kommen, weil ich meine liebe Schwester Alice Scobell Lester nicht ausstehen kann. Wir haben uns nie vertragen, ich hasse ihre heuchlerisch sanfte, hinterlistige Art. Na – jetzt ist sie ja glücklich fort. Nachdem sie allen Reiz verloren und ganz verblüht war, hat sie's mit sechsunddreißig Jahren noch fertig bekommen, einen Mann zu angeln. Man hat mir erzählt, sie habe es lange auf Herrn Chancellor abgesehen gehabt. Schließlich nahm sie einen Witwer mit einem Dutzend Kindern. Ihr Gatte, Herr Benedict, ist Geistlicher an der Kathedrale, aber ein untergeordneter. Gestern war die Hochzeit und ich heiße jetzt Fräulein Lester! Das ist der eine Grund, weshalb ich hier bin. Mit der gutmütigen Tante Pritchard läßt sich's allenfalls leben, besonders da Alice nicht mehr bei ihr ist. Trotzdem wäre Lancaster für mich ein unerträglich langweiliger Ort, hätte ich nicht meine Gründe, weshalb ich vorläufig hierbleiben will. Wird mir schwer genug werden, in diesem Nest auszuhalten und ich könnt's auch wirklich nicht, wäre es nicht um – Arthur Chancellors willen. Er ist der interessanteste Mann, den ich kenne. Andere denken das vielleicht nicht, aber für mich ist er es, weil er eine Mission hat – die Mission, den Mörder Francis Trinkalls zu entdecken. Gewöhnlich interessieren mich Menschen mit derartigen Missionen wenig; aber in diesem Falle ist es etwas anderes. Ich bin ganz fasziniert davon. Wird es ihm gelingen? Ich glaube kaum. Meine Aufgabe soll es sein, ihn an der Ausführung seines Vorsatzes zu verhindern und diesen Zweck werde ich erreichen, selbst auf die Gefahr hin, ihn heiraten zu müssen. Wenn ich das letztere vermeiden kann, tue ich es gewiß, denn sein Partner, Phineas Dawson, gefällt mir viel besser und ich weiß, daß der mich gern hat. Er ist allerdings schon ziemlich alt – ich denke sechsundfünfzig Jahre – wie Herr Benedict, allein er hat etwas sehr Einnehmendes und Freundliches in seinem Wesen. Und ein hübscher Mann ist er auch trotz seiner grauen Haare und seines schneeweißen Bartes. Für manchen Geschmack ein wenig zu stattlich, doch was schadet das? Er ist wie ein kräftiger Baum, der in seinem Umfang jedes Jahr einen neuen Ring ansetzt.

Es ist wirklich ein Vergnügen, die beiden Partner zusammen zu sehen. Sie sind wie Brüder, Dawson aber bedeutend älter als Chancellor. Und einer vertraut dem andern wie sich selbst. Ich liebe treue Freundschaft zwischen Männern zu sehen. Diese zwei sind wie David und Jonathan, wie Orest und Pylades, gegenseitig zu jedem Opfer bereit.

Dawson habe ich, seit ich hier bin, oft gesehen. Er kommt sehr häufig. Tante Pritchard behauptet, ich sei der Anziehungspunkt für ihn und darin mag sie recht haben. Chancellor ist geschäftlich so sehr in Anspruch genommen, daß er sich schon wochenlang nicht hat blicken lassen; früher soll er oft gekommen sein. Alice sagte mir mal im Vertrauen (bei ihr etwas Seltenes) sie glaube, er käme nicht mehr zu uns, weil sie Herrn Benedict heiraten werde. Solch eine Einbildung! Ich weiß besser, was ihn fernhält. Er steckt bis über die Ohren in dem Prozeß Mowbrays, das allein ist der Grund, denn er hat es mir selbst gesagt.

Gestern abend sah ich ihn zum erstenmal. Das heißt eigentlich nicht zum erstenmal. Vor einiger Zeit bin ich zufällig auf ihn gestoßen. Ob er sich dessen entsinnt? Wie ich nur so dumm handeln konnte? Ich war ein rechter Esel. Aber gestern abend sahen wir uns offiziell zum erstenmal.

Nach der Trauung beim Hochzeitsessen war fast die ganze Geistlichkeit da. Auch Dekan Donovan mit seiner furchtbar alt aussehenden Frau und seiner hübschen Tochter Kitty. Ein keckes, lustiges Ding! Warum heiratet Chancellor sie nicht? Kitty ist meine intime Freundin, die einzige von der ganzen Gesellschaft, die mir gefällt. Manche Leute finden Chancellor hübsch. Mein Geschmack ist er nicht, aber er interessiert mich außerordentlich.

Als wir einander vorgestellt wurden, habe ich doch ein wenig gezittert, denn ich dachte, er würde mich erkennen. Er hatte einen so eigentümlichen Ausdruck in seinen Augen, als ob mein Anblick eine Erinnerung in ihm erwecke. Ich merkte während des Abends auch, daß er mich einige Male sehr aufmerksam betrachtete. Offenbar wußte er nicht recht, was er von mir denken sollte und das war mir gerade erwünscht.

Ich glaube, ich habe nie besser ausgesehen wie gestern abend. Es lag mir natürlich viel an meiner Erscheinung, weil ich wußte, wen ich treffen würde. Eine sorgfältige Musterung im Spiegel stellte mich ganz zufrieden, denn was ich sah, konnte wohl gefallen. Ein kleiner, wohlgeformter Kopf, auf dem eine Flechtenkrone von blauschwarzem Haar ruhte, große dunkle Augen, umsäumt von langen Wimpern; ein kleiner Mund mit Korallenlippen, hinter denen zwei Reihen Perlenzähne hervorschimmerten, eine symmetrisch gebaute Gestalt und Hals und Nacken von blendender Weiße. Ich habe keine Vorliebe von dekolletierte Toiletten. Meine Art mich zu kleiden macht viel mehr Effekt als diejenige der Frauen, die ihre Reize zu sehr zur Schau tragen. Meine Toilette von taubengrauer Farbe mit alten Pointlacespitzen – ein Geschenk der Tante Pritchard – stand mir ausgezeichnet und war äußerst geschmackvoll. Ich sah so jugendlich aus – trotz meiner vierundzwanzig Jahre – so reizend und so – unschuldig.

Arthur Chancellor führte mich zu Tisch; er war ein aufmerksamer und unterhaltender Gesellschafter. Unter anderem bedauerte er, daß seine Berufspflichten ihn verhindert hätten, meine Bekanntschaft schon früher zu machen; er habe von seinem Partner so viel Angenehmes über mich gehört. Seine Schmeichelei ließ mich erröten; ich lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema und bemitleidete ihn wegen der Aufregung, die ihm der jüngste Prozeß bereitet haben müßte.

»Ein recht trauriger Fall,« bemerkte ich, »es scheint, daß man jetzt doch ernstliche Zweifel an der Schuld des unglücklichen John Mowbray hegt.«

»Ich bin von seiner Unschuld überzeugt,« entgegnete mein Tischnachbar mit größter Wärme.

»Dann wäre die Sache ja ganz schrecklich,« äußerte ich mit niedergeschlagenen Augen.

»O, ich war stets von seiner Unschuld überzeugt,« wiederholte Chancellor, »und jetzt glaube ich noch bestimmter, daß ein unseliger Irrtum begangen worden ist.«

»Wirklich?« rief ich voll Interesse. »Bitte sagen Sie mit weshalb. Haben Sie eine neue Entdeckung gemacht?«

»Ja, es hat sich nämlich herausgestellt, daß das in dem Prozeß so wenig beachtete Armband ein Beweisstück von höchster Wichtigkeit ist, da es genügen dürfte, die Unschuld John Mowbrays über jeden Zweifel erhaben darzutun. Die beiden Zeugen, die behaupten, die Herren Trinkall und Mowbray zusammen am Flußufer gesehen zu haben, waren doch glaubwürdiger als wir dachten. Sie irrten sich nur in der Annahme, Trinkalls Begleiter sei ein Mann gewesen. In Wirklichkeit war es eine Frau.«

Mein Atem ging schneller, als ich dies hörte, und einen Augenblick fürchtete ich, ohnmächtig zu werden oder mich in auffälliger Weise zu verraten. Zum Glück bewahrte ich meine Fassung, beschäftigte mich angelegentlich mit den Speisen auf meinem Teller und sagte so leichthin, als ich es vermochte: »Das ist ja eine merkwürdige Geschichte. Bitte, erzählen Sie weiter.«

»Da ist nicht viel mehr zu erzählen,« entgegnete er. »Haben wir nur erst den Eigentümer des Armbandes gefunden, so wissen wir auch, wer Francis Mörder war.«

»Und Sie sind bemüht, den Eigentümer zu finden?« fragte ich jetzt ganz ruhig.

»Ja,« lautete seine entschiedene Antwort. »Ich werde nicht ruhen, bis der wirklich Schuldige entdeckt ist und an derselben Stelle steht, an der John Mowbray stand, damit er für sein doppeltes Verbrechen büßt.«

Die Kaltblütigkeit, mit der er seine Absicht kundgab, Jagd auf den armen Teufel zu machen, ließ mich innerlich erschauern. Äußerlich aber blieb ich völlig unbewegt, ja, ich sprach sogar die Hoffnung aus, es möge ihm gelingen.

Ich setzte dann alle Hebel in Bewegung, meinem Tischnachbarn zu gefallen, und nach des guten Dawsons Gesicht zu urteilen, hatte ich auch keinen geringen Erfolg. Natürlich erzählte ich ihm von meiner Schulzeit in Heidelberg; es schien ihn sehr zu interessieren und über meine Schilderung der Madame Schimmel hat er weidlich gelacht. Er fragte mich, ob ich auf dem Kontinent noch andere Gegenden gesehen hätte außer Heidelberg, was ich verneinte, obgleich es nicht wahr ist. Ich erwiderte, daß ich nach Beendigung meiner Studien noch eine Weile als Lehrerin bei Madame Schimmel geblieben sei.

»Ah, ich verstehe,« sagte er darauf, »und von Madame Schimmel sind Sie hierher gekommen.« Ich ließ ihn ruhig bei diesem Irrtum.

Es ist doch gut, daß ich hier bin, um Arthur Chancellor zu überwachen. Es scheint ein gefährlicher Mensch zu sein – erbarmungslos wie das Gesetz, das er in sehr glänzender Weise vertritt. Mein Interesse für seine Aufgabe hat ihn aber recht für mich eingenommen; er wird jetzt nichts tun in der Sache, ohne daß ich es erfahre und zwar von seinen eigenen Lippen. Ein Glück, daß ich hierhergekommen bin, ich hätte sonst nichts von dem neuen Beweisstück gehört. Das Armband hat sein Geheimnis preisgegeben; es wird nun meine Sache sein, alle zu täuschen und zu verwirren. Gelingt das nicht, so muß ich schon Arthur Chancellor heiraten.

Nun will ich mal lesen, was ich geschrieben. Habe ich mich darin selbst beschuldigt? Nein, nicht im geringsten.

Es existiert eine Person auf Erden, die mir sehr teuer ist und der durch Arthur Chancellor Gefahr droht. Wenn es mir möglich ist, werde ich sie retten, mich sogar für sie opfern, indem ich Chancellor heirate. Den Namen der Person will ich lieber nicht niederschreiben.

Als sich Chancellor von mir verabschiedete, dankte er mir für den angenehmen Abend, den ich ihm bereitet hätte. Allerdings hatte ich mich viel mit ihm abgegeben, hatte ihm vorgesungen und vorgespielt, was er verlangte, während mein guter Phineas allein in einem Winkel saß und recht unglücklich dreinschaute. Ich glaubte, Arthur Chancellor wird uns sehr bald wieder besuchen.

3. März. In den letzten vierzehn Tagen ist Chancellor sehr oft hier gewesen. Tante Pritchard neckt mich damit und meint, ich hätte jetzt zwei Pfeile auf meinem Bogen. Dawson kommt nämlich noch öfter wie sein Partner. Betreffs Chancellors irrt sich die Tante jedoch, das weiß ich, seit er mir heute einen Abschiedsbesuch gemacht hat. Er geht morgen auf längere Zeit nach Manningford, da die Firma – das ist er selbst – die Vermögensverwaltung Fräulein Mowbrays übernommen hat. Dadurch verliere ich die Macht, die ich schon über ihn gewonnen zu haben glaubte, und das ist mir sehr unlieb. Auch scheint ihm Fräulein Mowbray zu gefallen, denn er hielt eine wahre Lobrede auf sie, als ich von ihr sprach. Das ist mir ebenfalls unangenehm. Und schließlich beunruhigt mich noch ein drittes. Chancellor sagte mir nämlich, man habe in Manningford einen weiteren Anhaltspunkt gefunden, dem er nachzuforschen beabsichtigte. Wegen seiner Abwesenheit werde ich nun nichts darüber erfahren. Na – einerlei! Ich habe meinen guten Phineas, und wenn's zum äußersten kommt, heirate ich den.«


 << zurück weiter >>