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13. Kapitel

Wollen Sie mich zu den Ställen begleiten, Herr Chancellor? Sie können sich dann selbst ein Pferd aussuchen.«

Mit dieser Einladung betrat Helen Mowbray das Wohnzimmer. Sie war im Reitkostüm, die lange Schleppe desselben über den einen Arm geschlagen, in der Rechten eine juwelenbesetzte Reitgerte.

Obgleich erst eine Woche seit Chancellors Ankunft verstrichen war, hatte die Anwesenheit des Advokaten bereits einen günstigen Einfluß auf die junge Herrin von Manningford House ausgeübt. Ihre Züge trugen nicht mehr den harten Ausdruck, den Verzweiflung und Gram ihnen aufgeprägt; der Blick ihrer schönen Augen war weniger ernst und trübe, und die strengen Linien um den Mund hatten ihre ursprüngliche Weichheit wiedergewonnen. Helen besaß von Natur ein heiteres Temperament. Wohl war dasselbe durch die furchtbare Tragödie, die ihr den geliebten Bruder geraubt, aufs schwerste erschüttert worden, allein, nun ihr die Hoffnung winkte, den befleckten Namen der Familie wieder zu Ehren zu bringen, John Mowbrays Unschuld beweisen zu können, brach es sich doch wieder Bahn. Auch die Notwendigkeit, sich den Anforderungen des täglichen Lebens zuzuwenden, ihre Aufmerksamkeit und ihre Zeit der Verwaltung des ausgedehnten Besitztumes zuzuwenden, wirkte wohltätig auf sie ein. Die Rosen auf ihren Wangen erblühten aufs neue, und wie sie jetzt vor Chancellor stand in dem enganliegenden Kostüm, das die Ebenmäßigkeit ihrer schlanken Gestalt vorteilhaft zur Geltung brachte, war sie wirklich ein Anblick, der selbst einen alten Mann wieder jung machen konnte.

Der Advokat hatte seit jener ersten Andeutung mit keinem weiteren Wort die Gefühle berührt, die ihm das schöne freudlose Mädchen einflößte. Instinktiv erriet er Helens Scheu, neue Bande anzuknüpfen, solange ihrem Namen noch ein Flecken anhaftete; er wußte auch, daß sie in keine Verbindung willigen werde, die ihren Gatten dem Gespött der Welt hätte aussetzen können. So wartete er geduldig, bis das Schicksal die wirren Fäden der geheimnisvollen Ermordung Trinkalls lösen und ihre Herzen, von keiner Schranke beengt, in gegenseitiger Liebe aneinanderketten würde.

Die Stallungen, zu denen Helen ihren Gast geleitete, lagen in ziemlicher Entfernung außerhalb des Parkes. Früher befanden sie sich dicht hinter dem Herrenhaus und enthielten gleichzeitig die Wohnungen des Stallpersonals. John Mowbray gefiel diese Einrichtung aber nicht; sobald er in den Besitz seiner Erbschaft gelangte, ließ er die alten Gebäude niederreißen und neue errichten, jedoch viel weiter vom Hause entfernt, an der Landstraße nach Avonbridge. Dieser Umstand gab der von John Mowbray während der Gerichtsverhandlung geäußerten Behauptung, die Dienerschaft, die im Hause schlief, habe seine Rückkehr nicht merken können, volle Wahrscheinlichkeit.

Chancellor wählte sich unter den Reitpferden einen prächtigen Hengst aus, dessen Haut, außer einem weißen Stern auf der Stirn, glänzend schwarz war. Don, so hieß das Tier, war John Mowbrays Lieblingspferd gewesen; er hatte es stets geritten, wenn er seine mysteriösen Ausflüge unternahm.

Helen, die für eine ebenso anmutige wie vollendete Reiterin galt, bestieg einen wunderschönen Goldfuchs von überaus leichter Gangart.

Nachdem Chancellor und seine Begleiterin durch ein kleines Gittertor – dasselbe, das John Mowbray benutzte, wenn er spät heimkehrte – den Park verlassen hatten, ritten sie in kurzem Galopp die Landstraße entlang, die über einen Hügel an der Hochlandsfarm vorüber nach Bloxton führte.

»Ich wünschte, der gute alte Don könnte sprechen,« bemerkte Helen mit einem zärtlichen Blick auf den Hengst. »Er würde uns gewiß so manches verraten, worüber wir noch im Unklaren sind.«

»Das wäre möglich,« nickte Chancellor. »Ich will ihm doch mal eines Tages die Zügel schießen lassen und sehen, wohin er mich trägt.«

»Der Versuch dürfte sich vielleicht lohnen,« entgegnete Helen, »denn der brave Don ist klug wie ein Mensch. Trotzdem bezweifle ich den Erfolg. Hätte mein Bruder sein Pferd in irgend einem Wirtshaus eingestellt, so wäre dies doch bekannt geworden; er ließ es aber wahrscheinlich an einem einsamen Orte zurück und machte den Rest des Weges zu Fuß.«

»Auf jeden Fall werde ich es versuchen,« erklärte Chancellor. »Möglicherweise kann das Tier uns doch einen Anhaltspunkt geben, weshalb sein Herr so oft abwesend war.«

Dieser Entschluß entsprang dem Wunsch, nicht müßig zu bleiben, während Jannion die Spur der unbekannten Geliebten Trinkalls suchte. Chancellor hatte nicht die Absicht, ruhig den Schluß des Jahres abzuwarten, um den Inhalt des versiegelten Pakets, das John Mowbray seiner Schwester gegeben, zu erfahren. Er wollte die Unschuld des Hingerichteten schon vorher und zwar durch klare Beweise feststellen. Der beste Beweis würde natürlich die Entdeckung des wirklichen Täters sein. Ebenso wichtig jedoch war es, ein Alibi für John Mowbray zu finden, das, selbst wenn der Schuldige nicht ermittelt werden konnte, genügte, den Toten von dem ihm zur Last gelegten Verbrechen freizusprechen.

Chancellor hatte noch einen weiteren Plan im Sinne. Die Inschrift auf dem am Tatort gefundenen Armband ließ seiner Meinung nach keinen Zweifel zu, daß sich in der Mordnacht eine fremde Person in Manningford aufgehalten hatte. Auch betrachtete er Helens Mitteilung, daß ein Zug um halb drei morgens von Bloxton abgehe, sowie ihren Verdacht, Pächter Trent könne – vielleicht ohne es zu wissen – dem Mörder zur Flucht verhalfen haben, als einen zu wichtigen Fingerzeig, um ihn unbeachtet zu lassen. Da Francis Trinkall nach dem ärztlichen Gutachten zwischen zehn und elf Uhr ermordet worden war, so hätte der Verbrecher hinreichend Zeit gehabt, Bloxton zu erreichen und den Frühzug zu benutzen.

Nachdem die Reiter die Spitze des Hügels erreicht hatten, führte ihr Weg sie an gut bebauten Feldern vorüber und dann abermals über eine Anhöhe, von der aus sie im Gegensatz zu der früheren fruchtbaren Landschaft ein wildromantisches Tal erblickten, das gänzlich unbewohnt und auf der einen Seite von ödem Marschland begrenzt war. Im Hintergrund des Bildes schimmerte das Schienennetz der kleinen Ortschaft Bloxton, die sich um diesen Knotenpunkt der Eisenbahnlinie gebildet hatte.

Chancellor sagte sich, daß diese Strecke einem unbemerkten Entkommen des Mörders sehr günstig gewesen wäre, begriff aber nicht, wie ein Fremder, der die Gegend nicht kannte, darüber so gut hätte orientiert sein können. Diese Frage fand jedoch bald ihre Lösung durch den Stationsvorsteher in Bloxton, der, nachdem Chancellor ihn um Auskunft über den Reiseverkehr des Monats November gebeten, bereitwillig in seinen Büchern nachschlug.

»Wir haben am zwölften November für den Frühzug zwei Uhr dreißig fünf Reisende – alle nach London fahrend – eingetragen,« berichtete er. »Es sind vier Billetts dritter und eins erster Klasse ausgegeben worden. Das Billett erster Klasse war für eine Dame.«

»Wirklich?« rief Chancellor überrascht aus. »Woher wissen Sie das?«

»Weil ich selbst am Schalter stand und dies das einzige Billett war, das für den Zug gelöst wurde. Der Verkehr ist hier oft sehr lebhaft, weil Bloxton Knotenpunkt verschiedener Linien ist. Die wenigen von hier direkt Abfahrenden sind meist Geschäftsleute, die gewöhnlich die dritte Klasse benutzen. Solange ich hier angestellt bin, hat noch keine Dame zu so ungewohnter Stunde ein Billett verlangt. Schon deshalb ist mir der Vorfall in der Erinnerung geblieben.«

»War sie jung oder alt?« fragte Chancellor, erfreut über den guten Erfolg seiner Nachforschung.

»O, eine junge Dame. Ich besinne mich ganz genau. Ich wollte gerade das Zeichen zur Abfahrt geben, als sie auf dem Bahnsteig erschien und ein Billett erster Klasse nach London verlangte. Da sie kein Gepäck bei sich hatte, rief ich ihr zu, einzusteigen, während ich das Billett holte.«

»Fiel Ihnen ihr Äußeres auf?« forschte Chancellor weiter. »Wie war sie angezogen?«

»Hm – ich hielt sie für eine junge Quäkerin. Sie war ganz in Grau gekleidet und trug einen unförmig großen Hut.«

»Würden Sie sie wiedererkennen?«

Der Stationsvorsteher schüttelte zweifelnd den Kopf. »Versprechen könnt' ich's nicht,« meinte er. »Unsere Beleuchtung ist hier keine glänzende, und ich sah die Dame nur sehr flüchtig; kaum eine halbe Minute später ging der Zug ab. Vielleicht würde ich sie aber doch wiedererkennen, wenn ich sie sähe.«

»Sie wissen wohl nicht, wie sie zum Bahnhof gelangte, ob zu Fuß oder zu Wagen?«

»Doch, das kann ich Ihnen sagen. Pächter Trent von der Hochlandsfarm fuhr sie her. Ich sprach ihn, nachdem der Zug abgefahren war. Er könnte Ihnen sicher noch bessere Auskunft geben als ich.«

Chancellor dankte dem Beamten für seine Mitteilungen und kehrte zu Helen zurück, die ihn vor dem Bahnhofsgebäude erwartet hatte. Während sie den Heimweg einschlugen, erzählte er ihr das Resultat seiner Unterredung mit dem Stationsvorsteher. »Ihre Vermutung war richtig,« schloß er. »Trent half der Mörderin bei ihrer Flucht. Das Merkwürdigste an der Sache ist, daß ich ihr schon Auge in Auge begegnet bin, es müßten denn zwei Frauen in Grau existieren, die beide in geheimnisvoller Beziehung zu dem Morde stehen.«

»Zwei Frauen in Grau?« wiederholte Helen verständnislos.

Chancellor berichtete ihr sein Abenteuer mit der Fremden, die ihn am Vorabend der Hinrichtung Mowbrays angesprochen und ein so lebhaftes Interesse für das Schicksal des Verurteilten an den Tag gelegt hatte.

»Wer kann es gewesen sein?« fragte Helen nachdenklich.

»Die Frage läßt sich leicht beantworten,« entgegnete Chancellor, »wenn die Frau, die ich auf dem Schloßhügel in Lancaster traf, identisch ist mit derjenigen, die Trent am Abend des Mordes nach Bloxton gefahren hat. In diesem Falle war es Nany, die Besitzerin des Armbandes und Francis Trinkalls Mörderin.«

»Und Sie haben sie seitdem nie wiedergesehen?« fragte Helen erregt.

»Nie! Sie verschwand vor meinen Augen, als sei sie ein Phantom gewesen. Natürlich lenkte ich sofort die Polizei auf ihre Spur, allein trotz aller Bemühungen war sie nicht zu finden. Doch jetzt hoffe ich sie aufzuspüren, selbst wenn es Jannion nicht gelingen sollte, Näheres über sie in Erfahrung zu bringen.«

Ein freundlicher Blick aus Helens schönen Augen lohnte ihn für seinen Eifer. »Ich werde Sie zu meinem Ritter erheben,« sagte sie scherzend. »Sie wissen ja, in alten Zeiten zogen die Ritter aus, bedrängten Frauen beizustehen.«

»So steht's geschrieben,« ging Chancellor auf ihren Ton ein. »Mich dünkt aber, daß sie nach Vollbringung ihrer Heldentaten gewöhnlich die von ihnen Befreite als Ehegemahl heimführten. Doch lassen Sie uns diesen Vergleich nicht weiter ausspinnen; ich könnte sonst auf die Vermutung kommen, Sie hätten Ihre Worte ernst gemeint.«

Helen wandte ihm ihr Gesicht zu; es war jetzt wieder ernst. »Mancher wird mich für unweiblich halten,« sagte sie, »daß ich mir nicht den Anschein gebe, Sie nicht zu verstehen. Ich weiß, ich müßte Ihre Hingabe anders lohnen, allein ich lebe jetzt nur für einen Zweck – die Rechtfertigung meines Bruders. Alles andere tritt davor zurück.«

»Und wenn Sie Ihr Ziel erreicht haben werden, was dann?«

»Soweit wollen wir nicht denken,« entgegnete Helen ausweichend. »Wer kann sagen, ob die Wahrheit je ans Tageslicht kommen wird? Es wäre grausam, Ihnen Hoffnungen zu machen, denn daran halte ich unerschütterlich fest: solange der Name der Mowbrays entehrt ist, werde ich ihn nie mit dem eines Gatten vertauschen.«

Chancellor war klug genug, keinen Widerspruch gegen diesen Entschluß zu erheben, obgleich es ihn drängte zu erfahren, ob sie seine Liebe erwidere. Gedankenvoll ritt er neben ihr her, und auch sie wurde schweigsam. Ihr Herz schlug höher, als sie die Wolke bemerkte, die sein Gesicht überschattete und deren Ursache sie erriet. Seine Ergebenheit, sein Eifer für ihre Interessen sowie für die Mission, die er, getreu seinem Gelöbnis, zu erfüllen suchte, ließen sie nicht ungerührt bleiben, allein noch war sie sich über ihre eigenen Gefühle nicht klar geworden. Was sie für Liebe hielt, war vielleicht nur unbegrenzte Dankbarkeit, obgleich sie sich eingestand, daß seine Gegenwart wie Balsam auf die ihr vom Schicksal geschlagenen Wunden wirkte. Arthur Chancellor hatte sicher einen besseren Lohn verdient als ihre spröde Zurückhaltung; dennoch durfte sie nicht anders handeln, ihn nicht den giftigen Pfeilen boshaften Spottes aussetzen. Nach dem schmachvollen Ende ihres Bruders war sie von der Gesellschaft gemieden, ausgestoßen worden; konnte sie ein gleiches Geschick über den Mann heraufbeschwören, der sich ihrer so großherzig, so ritterlich angenommen hatte? Ihr Herz sträubte sich dagegen und immer von neuem wiederholte sie sich, daß seine Liebe zu ihr nur Unglück bringen werde, solange ihr Name in den Augen der Welt entehrt blieb.

»Pächter Trent wünscht Sie zu sprechen, Herr Chancellor,« meldete der Hausmeister, als der Anwalt mit Helen von dem Ritt nach Bloxton zurückkehrte. Chancellor wechselte seine Kleidung und begab sich dann in das Zimmer, das ihm als Bureau diente.

Hier saß Silas Trent, seiner wartend. Er war ein hoher Fünfziger, ein Mann, dessen abstoßendes, leichenfarbiges Gesicht den Ausdruck der Habgier und Verschlagenheit zeigte. Der unstäte Blick der kleinen, tiefeingesunkenen Augen, der harte, grausame Zug um die dünnen Lippen ließen deutlich erkennen, daß diesem Menschen jede edlere Regung fremd war.

Eine nur mühsam unterdrückte Unruhe malte sich in Trents Zügen, während er das Erscheinen des Advokaten erwartete. Die Angelegenheit, die ihn unaufgefordert nach Manningford House geführt, betraf die Erneuerung seines jetzt abgelaufenen Pachtvertrages. Er wußte, daß er wenig Aussicht auf Erfolg haben würde, denn Chancellor, an den Fräulein Mowbray ihn gewiesen, befand sich schon über eine Woche am Orte, ohne von Trents Existenz Notiz genommen zu haben. Das beunruhigte den Pächter; er hielt es daher für angezeigt, selbst die Initiative zu ergreifen. Nur ungern hätte er den Hof verlassen; er wünschte zu bleiben, nicht aus Anhänglichkeit an die Scholle, die ihn ernährte, sondern weil er insgeheim besondere Vorteile daraus zog, und aus diesem Grund wollte er nichts unversucht lassen, sich die Pacht zu sichern. Was ihn dabei störte und beunruhigte, war der Gedanke, daß er es anstatt mit einem unerfahrenen Weibe, wie er gehofft, mit einem weltklugen, gesetzkundigen Manne zu tun haben werde.

Verlegen erhob er sich von seinem Sitz, als Chancellor das Zimmer betrat, fuhr sich mit den langen, dürren Fingern durch das bereits stark ergraute Haar und heftete einen lauernden Blick auf den Advokaten, als suche er die Stärke des Gegners zu ermessen.

Chancellor nahm vor dem Schreibtisch Platz, ordnete einige Papiere und wandte sich dann zu Trent. »Wer war die Person in Grau, die Sie an jenem Abend, als Herr Trinkall ermordet wurde, nach Bloxton fuhren?«

Diese unerwartete Frage traf den Pächter wie eine Kugel. Darauf war er nicht vorbereitet gewesen; ihm lag nur die Erneuerung seines Vertrages im Sinn. Um sie zu erlangen, würde er ruhig alle Vorwürfe über seine unerhört schlechte Bewirtschaftung des Bodens hingenommen und die umfassendsten Verbesserungen gelobt haben – natürlich ohne die Absicht, dieses Versprechen zu halten. Der plötzliche, von der eigentlichen Sache so weit abliegende Angriff Chancellors brachte ihn daher aus der Fassung. Doch nicht für lange; seine Fuchsnatur kam ihm rasch wieder zu Hilfe.

»Gütiger Himmel, Herr Doktor,« sagte er mit erstaunlicher Unverfrorenheit, »ich wußte im ersten Augenblick gar nicht, wen Sie meinten. Die junge Person war meine Nichte. Ich fuhr sie damals nach Bloxton, weil sie in London eine Stellung angenommen hatte.«

»Wie heißt Ihre Nichte und wo wohnt sie?« fragte Chancellor kurz, indem er eine Feder ergriff und sich zum Schreiben anschickte.

»Sie heißt Mary Anne Smith,« erwiderte Trent, sein glattrasiertes Kinn streichend, »die Adresse ist mir leider entfallen, aber ich kann meine Frau fragen, die wird's wissen.«

Ärgerlich warf Chancellor die Feder auf den Tisch. »Wie unterstehen Sie sich, mir solche falschen Angaben zu machen,« rief er aufgebracht. »Wenn Sie den Hof so schlecht bewirtschaften, wie Sie plumpe Lügen anbringen, so tat Herr Mowbray wohl daran, Ihnen die Pacht zu entziehen. Die junge Person war weder Ihre Nichte noch ein Dienstbote. Bevor Sie sie nach Bloxton brachten, hatten Sie sie nie gesehen. Das ist alles erwiesen.«

»Wenn Sie soviel wissen,« warf Trent rasch ein, »weshalb befragen Sie mich dann darüber?«

»Um Ihnen die Möglichkeit zu lassen, Ihre Tage am eigenen Herde zu beschließen anstatt im Gefängnis, das Sie reichlich verdient hätten,« lautete die strenge Antwort. »Sie haben der Person, die Herrn Trinkall ermordete, zur Flucht verholfen; das ist eine strafbare Handlung.«

»Wenn die Person ihn ermordete, wofür wurde dann der andere gehängt?« fragte Trent in zynischem Tone.

»Sie erbärmlicher Schurke!« rief Chancellor in höchster Entrüstung aus. »Wagen Sie es in diesem Hause mit einem Wort, Herrn Mowbrays Unschuld zu bezweifeln, so bringe ich Sie geradeswegs ins Gefängnis und verklage Sie als Mitschuldigen an der Ermordung Herrn Trinkalls. Sie verhalfen der Person, die die Bluttat beging, zur Flucht, und anstatt Herrn Mowbray durch Ihre Aussage zu retten, schwiegen Sie feige und ließen den Unglücklichen kalten Blutes für ein Verbrechen büßen, das er, wie Sie wußten, nicht verübt hatte. Wie wollen Sie Ihre schändliche Handlungsweise rechtfertigen?«

Trent wurde totenblaß; er stand wie gelähmt unter der Wucht dieser Anklage. Schweigend stierte er vor sich hin.

»Haben Sie keine Gewissensbisse, Mensch?« fuhr Chancellor eindringlich fort. »Leider ist es zu spät, das Unrecht wieder gut zu machen, das Sie durch Ihr sündhaftes Schweigen verursacht haben. Die Schuld an Herrn Mowbrays Tod lastet auf Ihnen, und die einzige Sühne, die Sie für Ihre Freveltat bieten können, ist ein offenes Bekenntnis, in welcher Weise Sie an dem Verbrechen beteiligt waren. Als Fräulein Mowbrays Rechtsanwalt werde ich Ihnen in ihrem Namen die Bürgschaft geben, daß man Sie nicht gerichtlich belangen wird.«

Trent überlegte einen Augenblick, dann sagte er kurz: »Schreiben Sie es nieder.«

Chancellor ergriff ein Blatt Papier, warf rasch einige Zeilen darauf und reichte dem Pächter die Bürgschaft. Zufrieden nickend legte dieser das Dokument in sein Taschenbuch. »So,« sagte er, »nun will ich Ihnen alles berichten, was ich weiß. Vor Gott erkläre ich aber, daß ich an jenem Abend, als ich die Person nach Bloxton fuhr, nicht ahnte, daß sie mit dem Mord in Verbindung stand. Das erfuhr ich erst später. Ich kehrte in meinem Wägelchen von Avonbridge zurück, als sie mir in der Nähe der Brücke begegnete und mich anrief, weil sie wissen wollte, ob sie noch von Avonbridge nach London käme. Auf meine Antwort, es gehe nur um halb drei Uhr morgens ein Zug von Bloxton ab, bot sie mir ein Goldstück, wenn ich sie hinfahren wollte. Sie erklärte mir, sie sei in Stellung in London, habe in Manningford Freunde besuchen wollen, sie aber nicht getroffen, und da sie in der Gegend fremd sei, zöge sie vor, direkt nach London zurückzufahren. Meine Frage, ob sie bei einer Quäkerfamilie sei – sie trug nämlich solches Kleid – bejahte sie. Wir sprachen unterwegs sehr wenig zusammen; sie war auffallend still und ich bin gerade auch kein Schwätzer. Wir erreichten den Zug nur mit knapper Not, aber sie kam doch noch mit.

Der Polizei, die nach dem Mord auch bei mir nachfragte, sagte ich nichts von der Person, weil ich keinen Verdacht gegen sie hatte. Erst als das Armband gefunden wurde, dachte ich an sie, aber ich hielt's für meine eigene Sicherheit geraten, zu schweigen. Ob ich die Person an ihrem Gesicht wiedererkennen würde, weiß ich nicht, denn sie hat 'nen Schleier vorgehabt; an ihrer Stimme würde ich sie jedoch gleich erkennen. Ich hab' auch gewußt, daß die Joys sich irrten, als sie sagten, sie hätten Herrn Mowbray an seinem Mantel erkannt. Es war der lange Mantel der Person, den sie sahen. Na, sie konnten sich wohl täuschen, denn es war gerad' die Nacht recht neblig und vom Mond nicht viel zu sehen. Das ist alles, was ich weiß.«

Chancellor nahm Trents Aussage zu Protokoll und ließ sie von dem Hausmeister als Zeugen unterschreiben.

»Wie ist's nun mit dem Hof?« fragte Trent nach seinem Hut greifend. »Kann ich bleiben?«

»Der Vertrag wird nicht erneuert werden,« entgegnete Chancellor; »Sie können aber als Pächter bleiben, solange Sie den Hof ordentlich bewirtschaften.«

»Verwünscht!« murmelte Trent vor sich hin als er das Zimmer verlassen. »Auf die Weise werd' ich 'nen Haufen Geld hineinstecken müssen.«

Bald nach seinem Weggang trat Helen bei Chancellor ein. »Haben Sie irgend welche Auskunft von Trent erlangt?« fragte sie.

Schweigend reichte ihr der Advokat das Dokument, das sie mit gemischten Gefühlen – halb Zorn über die grausame, niedrige Gesinnung des Pächters, halb Befriedigung über die ihren Bruder entlastende Aussage – durchlas.

»Ihre Vermutung betreffs Trent war demnach richtig,« sagte Chancellor, als Helen ihm das Blatt zurückgab. »Ich habe nämlich eine Entdeckung gemacht, die möglicherweise für uns von Wichtigkeit sein könnte. Bei der Durchsicht des Kontobuches der Bank fand ich, daß in den letzten zwölf Monaten wiederholt beträchtliche Summen ohne ersichtlichen Zweck zurückgezogen worden sind. Einige der Beträge lauten auf den Hinterleger selbst und ihre Höhe ist mir aufgefallen. Die Abhebung der Summen geschah meist zwei bis drei Tage vor einem der geheimnisvollen Ausflüge Ihres Bruders. Außerdem lauten vier der Beträge auf einen gewissen Fisher, der jedoch unauffindbar ist. Die letzte Auszahlung an Fisher wurde im Kontobuch am 14. November eingetragen, allein der Wechsel war bereits am 11. November – dem Tag der Ermordung Trinkalls – ausgestellt worden. Diese in eine Londoner Bank gezahlte Summe ist sehr hoch – sie beläuft sich auf 4000 Pfund.«

»Viertausend Pfund!« rief Helen überrascht aus.

»Die genaue Höhe dieser unerklärlichen Zahlungen beträgt 21 245 Pfund,« berichtete Chancellor weiter. »Um solchen Forderungen zu entsprechen, muß das Stammkapital herangezogen worden sein. Es fragt sich nun, für wen dies geschehen und wer dieser Fisher ist.«

»Ja, wer das wüßte,« seufzte Helen. »Ich habe keine Ahnung, für welchen Zweck mein Bruder diese Summen gebraucht hat. Da stehen wir abermals vor einem Rätsel. Werden wir je die Lösung finden?«

»Nur nicht den Mut verlieren!« sprach Chancellor ihr zu. »Es wird sicher alles gut enden. Ich will aber doch bald den beabsichtigten Versuch mit Don machen. Vielleicht bringt das kluge Tier uns auf die Spur des geheimnisvollen Herrn Fisher.«


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