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14. Kapitel

Volle vierzehn Tage verstrichen, ohne daß Chancellor Zeit gefunden hatte, seinen Plan mit Don zur Ausführung zu bringen. Die Verwaltung des Grundbesitzes sowie die Kontrollierung der ausgedehnten Eisenwerke in Avonbridge nahmen seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch, hatte doch Helen Mowbray ihm die alleinige Erledigung aller Geschäftsangelegenheiten ihres Bruders übertragen.

Viel Kopfzerbrechen machten ihm die von John Mowbray aus der Bank gezogenen Summen, die seiner Ansicht nach in engerem Zusammenhang mit der häufigen Abwesenheit des Gutsherrn standen. Auch die Identität Fishers konnte nicht festgestellt werden, so eifrig Chancellor auch nach ihm forschte. Die vier Wechsel, die dieser Mann erhalten hatte – der letzte auf 4000 Pfund ausgestellt – waren in der gewöhnlichen Weise an der Bank in Avonbridge präsentiert worden. Sie trugen auf der Rückseite den Namen L. Fisher. Anscheinend von Frauenhand geschrieben.

Je mehr sich Chancellor mit der Angelegenheit beschäftigte, desto mehr kam er zu der Überzeugung, daß die Auffindung Fishers ihm die Lösung der geheimnisvollen Ausflüge John Mowbrays bringen und ihm den sichersten Beweis liefern würde, daß der unschuldig Verurteilte der feigen Mordtat völlig ferngestanden hatte.

Erst gegen Ende März fand Chancellor Zeit, seinen Versuch mit Don anzustellen. Vor Tagesanbruch ging er in den Stall, sattelte selbst das Pferd und ritt dann langsam dem Dorfe zu. Die große Turmuhr verkündete die vierte Stunde, als er die Brücke passierte, auf der das Ehepaar Joy Francis Trinkall vor seinem gewaltsamen Ende gesehen hatte. Von hier aus zweigten sich zwei Straßen ab; die eine führte nach dem vierzig Meilen entfernten Lancaster, die andere rechts am Flusse entlang nach Avonbridge. Ohne Zögern schlug Chancellor den ersteren Weg ein, da er sich sagte, daß, wenn John Mowbray durch Avonbridge geritten sei, er doch sicher von jemandem gesehen worden wäre, zumal er dort sehr bekannt war. In diesem Falle hätte sich vielleicht auch ohne sein Zutun ein Alibi für ihn nachweisen lassen. So mußte man wohl annehmen, daß er zu seinen Ausflügen die Straße nach Lancaster benutzt hatte.

Diese Schlußfolgerung schien sich als richtig zu erweisen, denn Don äußerte seine Zufriedenheit durch munteres Wiehern und griff in einer Weise aus, die darauf hindeutete, er wisse, daß er einen langen Weg vor sich habe.

Die ersten Meilen führten durch einen zwar fruchtbaren aber dünnbevölkerten Landstrich, an den sich eine öde Heidegegend schloß. Chancellor schien sie ohne Ende zu sein, doch Don trabte unbeirrt weiter, seinem sicheren Instinkt folgend.

Die Monotonie der Heide machte endlich wieder einem freundlicheren Landschaftsbild Platz, und nach einem weiteren Ritt von einigen Stunden blieb das Pferd aus eigenem Antrieb vor einem Dorfwirtshaus stehen. Es war von der langen Anstrengung mit Schaum bedeckt, so daß Chancellor abstieg, um dem ermüdeten Tier Rast zu gönnen.

Der Wirt, ein kleiner, wohlbeleibter Mann mit kugelrundem Gesicht, mußte das Hufgeräusch vernommen haben, denn er erschien, neugierig auslugend, an der Haustüre.

»Ich möchte mein Pferd eine Stunde einstellen und erfrischen, während Sie mir etwas zu essen geben,« redete Chancellor ihn an.

»Zwei Stunden meinen Sie,« verbesserte der Wirt, den Hals des Rosses streichelnd. »Sie sind aber nicht derselbe Herr, der sonst hierherkam,« fügte er hinzu, indem er den Advokaten scharf musterte. »Der ließ Don immer zwei Stunden ausruhen und gut füttern. Heda, Jim,« rief er einem Stallburschen zu, »sorg' mal für den Gaul und gib ihm 'ne ordentliche Ration Weizen. Und Sie, werter Herr,« wandte er sich wieder zu Chancellor, »kommen Sie gefälligst herein. Ein gutes Frühstück sollen Sie haben – Kaffee, Hammel und Eier – delikat! Ja, John Dunn versteht seine Sache – jeder kehrt gern bei ihm ein.« Er lachte vergnügt vor sich hin, während er Chancellor in das Staatszimmer des Gasthofes führte. Dort brannte ein lustiges Kaminfeuer und schon nach kurzer Zeit hatte der Wirt ein reichliches Frühstück aufgetragen. Von dem langen Ritt hungrig geworden, ließ Chancellor es sich schmecken. Dunns Fragen nach dem früheren Besitzer des Pferdes beantwortete er ausweichend, da er merkte, daß der Wirt John Mowbray nur als durchreisenden Fremden gekannt hatte. Immerhin war das Experiment mit Don soweit geglückt, denn das kluge Tier hatte genau den Weg eingehalten, den es so oft mit seinem früheren Herrn gemacht. Chancellor war daher überzeugt, daß er, dank dem Instinkt des Pferdes, auch den rätselhaften Herrn Fisher finden werde.

Nach zweistündiger Rast verließen Roß und Reiter das Wirtshaus und als sie gegen Mittag die Spitze eines Hügels erreicht hatten, erblickte Chancellor zu seinen Füßen eine weite, fruchtbare Ebene und in der Ferne Kirchtürme sowie Fabrikschornsteine, Zeichen einer größeren Stadt. Er fragte sich im stillen, ob diese das Ziel seiner Reise sein werde, doch sein stummer Führer gab ihm bald Antwort darauf, indem er, am Fuße des Hügels angelangt, die breite Landstraße verließ, in einen Feldweg einbog und unermüdlich weiter trabte, bis er ein malerisch gelegenes Dörfchen erreichte. Vor der Türe des Stallgebäudes einer kleinen, abseits stehenden Villa machte er Halt. Chancellor stieg ab, und, das Pferd am Zügel führend, begab er sich nach der Vorderseite des Hauses. Hier ward ihm jedoch eine unangenehme Überraschung zu teil; alle Läden waren fest geschlossen und an einem derselben hing ein Schild mit der Aufschrift: Zu vermieten.

Der Besitzer des Grundstücks, ein redseliger, alter Herr, der in der Nachbarschaft wohnte, erzählte dem Advokaten auf dessen Ersuchen alles, was er über seinen letzten Mieter wußte, wobei auch manches mit unterlief, das seiner eigenen Phantasie entsprang.

Im Februar des vergangenen Jahres, so berichtete Herr Bunce, habe ein gewisser Fisher die Villa für zwölf Monate gemietet. Er sei ein Fremder, wie es schien ein Spanier, gewesen, der seinen wirklichen Namen geheim hielt. Drei Monate vor Ablauf seines Kontraktes habe er den ganzen Hausrat verkauft und die Gegend verlassen.

»Was mir sehr angenehm war,« fügte Frau Bunce, die ihrem Gatten an Redseligkeit nichts nachgab, hinzu. »Der Mensch hatte so wilde, schwarze Augen und brachte solch unheimliche Kerle hierher, wie man sie in diesem christlichen Land nicht gesehen hat, seit Königin Elisabeth die spanische Armada vernichtete. Ich konnte wahrhaftig manchmal nicht schlafen aus Angst, wir würden eines Morgens mit durchschnittener Kehle erwachen.«

Wie dieses Phänomen zustande gekommen wäre, ließ die gute Dame unerörtert. Immerhin gelang es Chancellor, den phantasiereichen Schilderungen des schwatzhaften Ehepaares einiges zu entnehmen, das für seine Zwecke wertvoll war. Er erfuhr erstens, daß dieser Fisher ein Ausländer zu sein schien, der unter angenommenem Namen lebte und, obgleich er fließend englisch sprach, doch einen fremden Akzent hatte. Zweitens verließ Fisher seinen Wohnort am 12. November – einen Tag nach Francis Trinkalls Ermordung und John Mowbrays letztem Besuch in diesem entlegenen Dörfchen Wilsley und einen Tag, bevor Fisher nachweislich einen Scheck von 4000 Pfund in eine Londoner Bank eingezahlt hatte.

Diese wichtigen Ermittelungen entschädigten Chancellor einigermaßen für die Enttäuschung, den so eifrig gesuchten Fisher nicht gefunden zu haben. Gleichzeitig bestärkten sie ihn in seiner Ansicht, daß John Mowbray in eine revolutionäre Bewegung verwickelt gewesen war, und daß er aus diesem Grunde ein so unverbrüchliches Schweigen beobachtet hatte.

Das Dunkel, das die rätselhaften Ausflüge des Gutsherrn umgeben, begann sich zu lichten, wenigstens glaubte Chancellor nun hinreichend klar zu sehen, um eine Lösung des Geheimnisses zustande zu bringen. Er sah sich für den langen, anstrengenden Ritt aber auch noch durch ein anderes Resultat belohnt. Von Manningford bis Wilsley hatte er, einschließlich der zweistündigen Rast im Wirtshaus, zehn Stunden gebraucht. Der Rückweg beanspruchte mindestens die gleiche Zeit, selbst mit einem so ausdauernden Pferd wie Don es war. John Mowbray konnte deshalb an jenem Tag Manningford auf keinen Fall vor Mitternacht erreicht haben, und seine Aussage vor Gericht, er habe die Turmuhr bei seinem Ritt durch das Dorf zwei Uhr schlagen hören, war nun durch Chancellors eigene Erfahrung bestätigt worden. Gelang es noch den Beweis zu liefern, daß John Mowbray am 11. November den genannten Fisher in Wilsley besucht hatte, so blieb kein Zweifel mehr an seiner Unschuld und die Welt mußte dann wohl erkennen, daß der unglückliche Mann ein Opfer der Justiz geworden war.

Chancellor kehrte erst am folgenden Tage nach Manningford House zurück, das er kurz nach sechs Uhr erreichte.

Die Damen hatten sich bereits zurückgezogen, um Toilette für den Abend zu machen, denn die Hauptmahlzeit des Tages wurde stets unter Beobachtung eines gewissen Zeremoniells eingenommen. Chancellor mußte sich daher beeilen, seine staubigen Kleider zu wechseln, fand sich aber doch noch rechtzeitig im Salon ein, um Frau Nilson zu Tisch zu führen.

Während des Essens bot sich ihm keine Gelegenheit, Helen Mowbray das Ergebnis seines Ausfluges nach Wilsley mitzuteilen, denn sie hatte es vom ersten Tage an mit ihm ausgemacht, in Gegenwart ihrer Tante weder den Namen ihres Bruders auszusprechen, noch über die zu dessen Rechtfertigung unternommenen Schritte zu reden, da die Nerven der alten Dame durch das furchtbare Ereignis zu sehr erschüttert worden waren. Helen wollte daher alles vermeiden, was die Tante an jene qualvollen Tage erinnern konnte.

So bezwang sie auch jetzt ihre Ungeduld, bis sich Frau Nilson, über Müdigkeit klagend, nach beendeter Mahlzeit in ihr Zimmer zurückzog. Helen begleitete sie dorthin, und nachdem sie liebevoll für die kleinen Bedürfnisse der Tante gesorgt, begab sie sich klopfenden Herzens zu Chancellor zurück.

Er saß am Schreibtisch; vor ihm lagen eine Anzahl Briefe, die in den letzten zwei Tagen eingelaufen waren und mit deren Durchsicht er sich beschäftigte.

Bei Helens Eintritt erhob er sich und ging ihr entgegen.

»Sie wissen nicht, wie sehr es mich verlangt, Ihren Reisebericht zu hören,« sagte sie, sich an den Kamin lehnend. Sie stützte den Kopf leicht in die Hand und schaute ernst zu ihm auf. »Ich konnte in Ihrem Gesicht lesen, daß Sie gute Nachricht brachten.«

»Ist mein Gesichtsausdruck wirklich so verräterisch?« fragte er mit halbem Lächeln. »Für einen Advokaten keine wünschenswerte Eigenschaft. Viel zu erzählen habe ich nicht, kann Ihnen aber doch sagen, daß meine Bemühung nicht ganz vergeblich war, wenn auch nicht so erfolgreich, wie wir es gewünscht hatten. Don erwies sich als ein ausgezeichneter Führer. Er brachte mich nach Wilsley, einem kleinen Ort in der nächsten Grafschaft, acht volle Stunden von hier, also sechzehn Stunden hin und her, den Aufenthalt nicht mitgerechnet. Die kürzeste Frist für den Ritt dorthin und zurück wären demnach doch noch vierundzwanzig Stunden. Verstehen Sie, von welcher Bedeutung dies ist?«

»Gewiß,« entgegnete Helen. »Es bedeutet, daß, wenn John am 11. November Manningford um vier Uhr morgens verließ, er unmöglich zurück sein konnte, als Francis Trinkall ermordet wurde. O, bitte, erzählen Sie mir alles, was Sie erfahren haben.«

»Meine zweite Entdeckung war, daß Herr Fisher am Tage, nachdem Ihr Bruder bei ihm gewesen, Wilsley verlassen hat und daß den darauffolgenden Tag der Scheck in eine Londoner Bank eingezahlt wurde. Wahrscheinlich ist Fisher dann nach dem Kontinent gereist. Letzteres läßt sich nur vermuten, würde aber vollauf erklären, weshalb er sich nicht meldete, da doch so viel von seinem Erscheinen abhing. Zweifellos wußte er bei seiner Abreise nichts von dem Mord und ahnt vielleicht bis jetzt nicht, in welcher Gefahr er seinen Freund zurückließ.«

»Sie haben Herrn Fisher also gar nicht gesehen?« fragte Helen mit sichtlich enttäuschter Miene.

»Darüber müssen Sie sich nicht beunruhigen,« entgegnete Chancellor. »Ich habe bereits an unsere Agenten in London geschrieben, diesem Fisher nachzuspüren, und so werden wir wohl bald etwas von ihm hören. Der Name ist natürlich nur ein angenommener, um sich besser verbergen zu können. Man beschrieb ihn mir als einen Spanier, doch dürfte das wohl nicht richtig sein. Ein Ausländer war er allerdings, ebenso die Leute, die ihn in Wilsley aufsuchten. Mir scheint, er kam nur nach England, um Geld zu erhalten und Waffen für irgend eine Revolutionspartei zu kaufen.«

»War der Mann vielleicht ein Italiener?« unterbrach ihn Helen erregt.

»Ja, das glaube ich,« nickte Chancellor. »Aus diesem Grunde habe ich unsere Londoner Agenten angewiesen, unter den fremden Flüchtlingen, die sich dort aufhalten, nachzuforschen und dabei hauptsächlich die Italiener zu berücksichtigen. Nur ein wenig Geduld und wir werden den geheimnisvollen Herrn Fisher aufgespürt haben.«

»Sehen Sie dort das Bild?« fragte Helen, wie von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, indem sie auf ein meisterhaft gemaltes Ölgemälde, das ihnen gegenüber an der Wand hing, deutete. »Fällt Ihnen nichts daran auf?«

Das Bild zeigte eine Dame von großer Schönheit, mit leuchtenden dunklen Augen, feinen Gesichtszügen und olivenfarbigem Teint. Die schlanke Gestalt hatte etwas überaus Anmutiges, Graziöses.

Chancellor musterte das Gemälde. »Ich sehe nur, daß es eine große Ähnlichkeit mit Ihrem Bruder hat.«

»Ist Ihnen noch nicht der Gedanke gekommen, daß dieser Fisher, den Sie suchen, der Bruder meiner Mutter sein könnte? Sie war eine Italienerin und er heißt Graf Carlo Fiesoli. Jetzt wird mir alles klar aber – zu spät.«

Von innerer Erregung überwältigt, sank Helen schluchzend in einen Sessel.

Im nächsten Augenblick kniete Chancellor neben ihr.

»Ich kann es nicht ertragen, Sie so bekümmert zu sehen, Helen,« sagte er, seine Hand auf die ihrige legend. »Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen, daß Sie jetzt erst klar sehen. Beruhigen Sie sich und sagen Sie mir alles, was Sie denken.«

»O, ich war wirklich mit Blindheit geschlagen,« schluchzte das junge Mädchen fassungslos. »Ich hätte dies damals gleich erkennen sollen.«

»Und wenn das auch der Fall gewesen wäre,« suchte Chancellor sie zu beschwichtigen, »was hätten Sie tun können? Die ganze Sache ist in ein tiefes Geheimnis gehüllt, das noch keiner von uns zu durchdringen vermochte. Wenn wir alles wissen werden, wird es sich herausstellen, daß, hätten Sie auch schon früher gewußt, was Sie jetzt entdeckt zu haben scheinen, doch derselbe Schwur, der Ihrem Bruder selbst um den Preis des Lebens Schweigen auferlegte, ebenfalls Ihre Lippen versiegelt hätte. Vertrauen Sie mir, Helen! Sagen Sie mir alles und lassen Sie mich Sie trösten, wie ich es jeden Tag und jede Stunde meines Lebens, seit ich Sie kenne, ersehnt habe.«

»O, Sie sind mir Trost und Stütze,« erwiderte das junge Mädchen dankbar. »Was wäre mein Leben wert ohne Sie?«

»Sagen Sie das noch einmal, Helen,« bat Chancellor. »Ich darf Sie doch Helen nennen?« fragte er mit einer Naivität, die ihr trotz ihrer Tränen ein Lächeln abzwang.

»Ich werde Ihnen meine Geschichte erzählen,« sagte sie, ihre Selbstbeherrschung wiedergewinnend, »es wird Ihnen dann manches klarer werden. Meine Mutter stammte aus Venedig, starb aber bald nach meiner Geburt. Ihr Bruder war der Graf Carlo Fiesoli. Ich habe ihn nur ein einziges Mal gesehen, als ich noch ein ganz kleines Ding war, das kaum erst gehen konnte. Er kam hierher und zwischen ihm und meinem Vater kam es zu heftigen Streitigkeiten. Ich glaube, es betraf Geldangelegenheiten. Vielleicht verlangte er von meinem Vater die Mittel, irgend einen Anschlag auszuführen, denn er war ein echter Revolutionär, stets bereit, politische Verschwörungen zum Besten seines Vaterlandes anzuzetteln. Wenigstens hörte ich meinen Vater das öfter sagen. Seit jener Zeit verschwand er gänzlich aus unserem Gesichtskreis. Zwanzig Jahre verstrichen, ohne daß ich je von ihm gehört hätte. Erst durch John erfuhr ich wieder etwas über ihn, er hatte ihn in Paris getroffen. Dann aber hat er Onkel Carlo nie mehr erwähnt. Trotzdem bin ich überzeugt, daß John ihm bei ihrer damaligen Begegnung versprach, seine revolutionären Pläne zu fördern und zu unterstützen, denn obgleich mein Bruder stolz war, ein Engländer zu sein, floß doch auch italienisches Blut in seinen Adern. Er glich meiner Mutter außerordentlich, nicht nur im Äußeren, sondern auch im Charakter – impulsiv, leicht empfänglich, enthusiastisch, rasch im Handeln. Er war eigentlich ein Idealist, besaß aber dabei die Energie und den zähen Eigensinn des Briten. Vielleicht werden Sie einwenden, ich sei zu voreilig in meinen Schlußfolgerungen ohne genügende Beweise für die Annahme, daß dieser Herr Fisher und mein Onkel Carlo ein und dieselbe Person sind. Nicht wahr, das ist Ihre Meinung?«

»Durchaus nicht,« entgegnete Chancellor ernst. »Ich glaube vielmehr, daß Ihre Ansicht die richtige sein dürfte. Aber nehmen wir an, Ihre Identifizierung Fishers mit dem Grafen sei nur eine Vermutung. Der Wert derselben würde sich daraus ergeben, daß sie dazu beitrüge, die Tatsachen aufzuklären. Ist dies der Fall, dann darf man annehmen, daß die Vermutung der Wahrheit nahe kommt.«

»Und Sie glauben, daß meine Ansicht imstande wäre, alles zu erklären, was uns bisher dunkel geblieben ist?«

»Ich bin fest davon überzeugt,« entgegnete Chancellor. »Sie erklärt zum Beispiel, wie ein Engländer, gleich Ihrem Bruder, der doch hinreichend von seinen eigenen Interessen in Anspruch genommen war, sich in den Wirbel einer revolutionären Propaganda hineinziehen lassen kann. Sein italienisches Blut und seine nahe Verwandtschaft mit dem Grafen Fiesoli genügten, um dem letzteren eine solche Macht über den nach Ihrer Beschreibung so leicht empfänglichen Charakter Mowbrays zu geben. Hatte Ihr Bruder sich erst einmal verpflichtet, dem Projekt beizutreten und dasselbe durch Zuwendung großer Summen materiell zu unterstützen, so war es natürlich, daß er über sein darauf bezügliches Tun und Lassen unverbrüchliches Schweigen beobachtete, um nicht das Leben des Grafen zu gefährden und der gemeinsamen Sache Schaden zu bringen. Das wäre aber zweifellos geschehen, hätte er frei heraus gesprochen und das Ziel seiner Ausflüge, sowie den Zweck angegeben, der ihn nach Wilsley führte. Ihre Ansicht erklärt auch, warum er in so heldenmütiger Weise dem Tode ins Auge schauen konnte. Zweifellos beseelte ihn der Gedanke, der schon manchem Patrioten auf dem letzten Gang heroischen Mut verlieh, daß er sein Blut für eine heilige Sache, für das Wohl des Vaterlandes opferte.«

»Dann bin ich zufrieden,« sagte Helen tief aufatmend. »Bin ich auch mit Leib und Seele Engländerin und die echte Tochter meines Vaters, so liebe ich doch auch die Nation meiner Mutter. Wenn John sein Leben für Italien ließ, was liegt daran, wo und wie er starb? Die einen opfern sich fürs Vaterland in heißem Kampf auf blutgerötetem Schlachtfeld; die andern auf dem Schafott, aber die heilige Sache hat auch der letzteren Todesart alles Entehrende genommen, denn für das Vaterland zu sterben ist das vornehmste Opfer.«

Helen Mowbray sprach mit einem Ernst und einer Begeisterung, die ihrer Schönheit einen unnennbaren Zauber verlieh. Sie hatte sich in der Erregung des Augenblicks erhoben und zu voller Höhe aufgerichtet; ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten und ihr Busen, dessen blendende Weiße eine leichte Kreppwolke verhüllte, hob und senkte sich vor innerer Bewegung. Arthur Chancellor stand wie bezaubert, ihre sinnberückende Schönheit überwältigte ihn und, alle Vorsicht außer Acht lassend, sprach er ihr von seiner Liebe, von seinen Hoffnungen.

»Helen,« sagte er mit tiefbewegter Stimme, »bleiben Sie und hören Sie mich an! Lassen Sie mich Ihnen gestehen, was mir schon so oft auf den Lippen lag, was ich Ihnen längst verraten hätte, wären Sie nicht so unnahbar gewesen. Obgleich ich dessen nicht würdig bin, wagte ich es, meine Augen zu einem kostbaren Schatz zu erheben, mich der Hoffnung hinzugeben, eines Tages Ihre Liebe gewinnen zu können. War diese Hoffnung eine trügerische, so sagen Sie es mir und ich werde versuchen, die bittere Enttäuschung zu tragen, so gut ich es vermag. Nur eins erflehe ich von Ihnen: ersticken Sie nicht gewaltsam die Stimme Ihres Herzens aus Furcht vor dem Urteil der Welt.«

»Das Urteil der Welt fürchte ich nicht,« entgegnete Helen in steigender Erregung. »Nur für Sie habe ich gezittert; einzig und allein der Gedanke an all die Qualen, die Ihnen die Welt auf tausendfältige grausame Art bereiten würde, wenn Sie mich, die Ausgestoßene, Entehrte zur Gattin erwählten, gab mir die Kraft, Ihrer Liebe zu widerstehen, die eigenen Gefühle zu unterdrücken. Mein Herz braucht nicht erst gewonnen zu werden, Sie haben es längst erobert. Was Sie aber nicht überwinden können, das ist meine Vernunft, die sich gegen eine Verbindung sträubt, die Ihnen nur Nachteil bringen kann. Begreifen Sie es denn nicht, daß es mir unmöglich wäre, meinen ehrlosen Namen mit dem Ihrigen zu vereinen und daß es besser ist, ich bereite Ihnen jetzt einen kleinen Schmerz, um Sie vor einem größeren zu bewahren?«

Sie sprach ernst und eindringlich, doch Chancellor achtete nicht darauf. Der Damm war gebrochen, die so lange zurückgehaltene Leidenschaft brach unaufhaltsam hervor.

»Wenn Sie mir Ihr Glück anvertrauen würden, Helen,« sagte er, ihre Hände ergreifend, »warum dann nicht auch Ihre Ehre? Und selbst, wenn ich eines so hohen Schatzes nicht würdig wäre, müßte ich nicht am besten beurteilen können, was mein eigenes Glück und meine eigene Ehre betrifft? Sie sprechen von einem »kleinen Schmerz« – Jahre der Trennung würden die Wunde nicht schließen. Doch wozu uns gegenseitig quälen? Es muß ja nicht sein. Sie haben mir selbst gestanden, daß unsere Herzen eins sind. Und haben wir nicht auch einen gemeinsamen Lebenszweck, ein gleiches Ziel? Glauben Sie, daß mir die Rechtfertigung Ihres Namens nicht ebenso sehr am Herzen liegt wie Ihnen? Nicht nur, weil ich es dem Toten gelobte, sondern noch mehr um Ihretwillen, Helen. Lassen Sie unser Leben und unsere Namen eins sein, wie wir es in allen anderen Dingen sind – lassen Sie uns gemeinsam Hand in Hand unsere Mission vollenden! Geben Sie mir das Recht, vor der Welt als der anerkannte Verteidiger Ihrer Sache zu erscheinen, ein Recht, das mir keiner streitig machen würde, wenn man wüßte, daß ich Ihr Verlobter wäre. Sagen Sie nicht nein, Helen, sagen Sie – –«

»Ja,« kam es leise, ganz leise über des jungen Mädchens Lippen: aber das Ohr des Liebenden fing den Laut doch auf und er mußte ihn wohl richtig verstanden haben, denn Helen Mowbray wehrte sich nicht, als er sie in stürmischer Leidenschaft an sich zog und mit dem ersten Kuß die unauflösliche Vereinigung ihrer Seelen besiegelte.


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