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5. Kapitel

Die kurze Pause war zu Ende. Die Geschworenen und Anwälte kehrten auf ihre Plätze zurück, der Angeklagte nahm seine vorige Stellung wieder ein, der Richter präsidierte mit feierlicher Miene und der zweite Akt des Dramas begann.

Ein besonderes Interesse erregte das Erscheinen des Polizeisergeanten John Collins auf der Zeugenbank. Er war ein Mann von gedrungenem Körperbau mit frischem, gutmütigem Gesicht.

»Nach erhaltener Meldung des Verbrechens,« berichtete er, »begab ich mich am 12. November morgens nach Manningford. Fünf Minuten nach acht erreichte ich die Stelle am Ufer, wo der Körper des Ermordeten lag. Augenscheinlich war er schon seit mehreren Stunden tot. Er trug einen Gesellschaftsanzug, darüber einen dicken Überrock, der aber nicht geschlossen war, sondern die Brust freiließ. Diese sowohl wie der Hals zeigten gefährliche Verletzungen. Seine Wäsche war blutbefleckt und die Blutlache, in der er lag, gefroren. Seine Uhr, Kette, Ringe und Börse fand ich in unversehrtem Zustand vor.

Ich ließ die Leiche vorerst nach Westlakes Pachthof bringen und untersuchte dann den Schauplatz der Tat. Es waren keine Spuren eines Kampfes bemerkbar, ebensowenig Fußspuren, wohl weil der Boden durch den Frost steinhart geworden war.

Von der Brücke bis zur sogenannten Liebchensruhe sind es einige hundert Schritt. Der Körper des Ermordeten lag etwa fünfhundert Schritt von der Bank entfernt und nicht weit von der Eiche waren noch Blutflecke sichtbar. Eine Waffe fand ich nicht, obgleich ich alles, auch den Fluß, absuchen ließ.

Meine weiteren Nachforschungen ergaben, daß um die Zeit des 11. und 12. November kein Fremder in Manningford gesehen worden war. Ich füge noch hinzu, daß ich persönlich von Seiten Herrn Mowbrays niemals Drohungen gegen Herrn Trinkall gehört habe; im Dorfe allerdings wußte jedermann darum.«

»Ich glaube, Mylord,« wandte sich jetzt Dr. Gazabee zu dem Richter, »es dürfte viel Zeit ersparen, wenn ich zugebe, daß mein Klient heftige Worte gegen Herrn Trinkall gebraucht hat und daß die Beziehungen zwischen dem Ermordeten und seinen Untergebenen durchaus gute waren. Nach dieser Richtung hin könnten also weitere Zeugenaussagen wegfallen.«

Der Richter stimmte diesem Vorschlag bei.

»Nun, Freund Collins,« begann Dr. Gazabee hierauf das Kreuzverhör mit dem Polizeisergeanten, »Sie sind achtundzwanzig Jahre im Dienst und in all' dieser Zeit haben Sie niemals einen solchen Fall in Händen gehabt wie diesen?«

»Nein, mit einem Mord hatte ich nie zu tun,« lautete die Antwort.

»Ganz recht,« nickte Dr. Gazabee, »das war's, was ich meinte. Nachdem Sie bei der Untersuchung herausgefunden, daß Herr Trinkall unter seinen Leuten keinen Feind besaß, auch kein Fremder in Manningford gesehen worden, fiel Ihnen plötzlich ein, von Drohungen gehört zu haben, die John Mowbray gegen den Ermordeten ausgestoßen, und das brachte Sie auf die Vermutung, er habe die Tat begangen.«

»Der Streit zwischen den beiden Herren war so allgemein bekannt,« erklärte Collins, »daß ich es für meine Pflicht hielt, ihn zu befragen, ob er imstande sei, irgendwelchen Aufschluß zu geben?«

»So – so!« bemerkte Dr. Gazabee nicht ohne Ironie, »Ihre eigenen Ideen waren so verworren und unklar, daß Sie hofften, Herr Mowbray werde Sie erleuchten. Wenn ich nicht irre, kennen Sie ihn schon sehr lange. Haben Sie je etwas über ihn gehört, was Sie dazu verleiten konnte, ihn eines solchen Verbrechens für fähig zu halten?«

»Nein.«

»War Ihre persönliche Kenntnis seines Charakters nicht eine derartige, daß ein Verdacht gegen ihn gar nicht in Ihnen aufgekommen wäre?«

»Allerdings – ich gebe das zu, aber – –«

»Keine aber!« unterbrach ihn Dr. Gazabee scharf – »Antworten Sie einfach: Ja oder nein. Nach Ihrer persönlichen Meinung hätten Sie den Angeklagten dieses Verbrechens nicht schuldig gehalten?«

»Nein.«

»Gut. Aus Anlaß des leidigen Dorfklatsches verhafteten Sie Herrn Mowbray. Haben Sie seitdem versucht, eine andere Lösung für das Verbrechen zu finden oder eine andere Spur zu verfolgen?«

»Nein.«

»Sie sagen, Sie hätten den Fluß und das Ufer absuchen lassen, hätten aber keine Mordwaffe entdeckt. Fanden Sie etwas anderes?«

»Ja: ich fand ein Damenarmband unter einem Haufen welker Blätter.«

»Ich möchte das Armband sehen,« äußerte Dr. Gazabee.

Das Schmuckstück wurde ihm gereicht und nachdem er es besichtigt, auch mit Arthur Chancellor im Flüsterton darüber diskutiert hatte, wandte er sich wieder zu Collins: »Wie ich erfahren, zeigt das Monogramm auf dem Armband die Initialen von Frau Trinkalls Mädchennamen: A. S. L., trotzdem soll sie jede Kenntnis von der Existenz des Gegenstandes abgeleugnet haben.«

»Das stimmt.«

»Können Sie sich erklären, wie das Armband an den Ort kam, wo Frau Trinkalls Gatte ermordet wurde?«

»Nein, ich habe keine Ahnung. Möglich wäre es ja immerhin, daß es früher dort verloren worden ist und schon wochenlang vor dem Morde unter den welken Blättern lag.«

»Das ist Ihre Erklärung. Nun – nehmen wir einmal an, dies Armband stehe in irgend einem Zusammenhang mit dem Verbrechen – ich behaupte durchaus nicht, daß es wirklich der Fall – nehmen wir es also nur an – wäre es da nicht Ihre Pflicht gewesen, alles aufzubieten, den Eigentümer desselben zu finden?«

»Ja.«

»Taten Sie es?«

»Nein.«

»Das ist nun das zweite Beispiel, wie Sie im Verlauf Ihrer Untersuchung zu Schlußfolgerungen gelangen. Ein alberner Dorfklatsch veranlaßt Sie, Herrn Mowbray des Mordes zu verdächtigen und der Fund eines Armbandes, das die Initialen der Frau Trinkall zeigt, bringt Sie noch nicht einmal auf den Gedanken, es könnte in Beziehung zu dem Verbrechen stehen, wodurch Ihnen vielleicht ein wichtiger Anhaltspunkt entgangen ist. Ich habe Sie nichts mehr zu fragen.«

»Hat Frau Trinkall beschworen,« warf hier der Erste Staatsanwalt ein, »daß das Armband nie in ihrem Besitz gewesen, sie es auch nie bei ihrem Gatten gesehen hat?«

»Ja.«

»Sie haben wohl auch nur unter der Leitung des Hauptmanns Brabazon gehandelt?«

»Ja,« nickte Collins, sichtlich froh, die Verantwortlichkeit für sein Tun auf einen anderen abwälzen zu können.

Der nächste Zeuge war Doktor Mac Fie, Chirurg und Professor der Universität Edinburg. Er hatte bei Besichtigung der Leiche Trinkalls fünf Verletzungen gefunden. Zwei Wunden im Schulterblatt erschienen nur als oberflächliche Risse; ein dritter Stich hatte die Halsschlagader getroffen, ohne sie jedoch völlig zu durchschneiden, die beiden übrigen jedoch waren tiefe Schnittwunden in der linken Brustseite und absolut tödlich. Die Lunge war bis in den Rücken durchbohrt.

»Mit welcher Art Waffe sind die Verletzungen beigebracht worden?« fragte der Erste Staatsanwalt.

»Jedenfalls mit einem zweischneidigen Instrument.«

»Haben Sie sich ein Urteil darüber gebildet, in welcher Reihenfolge der Mörder sein Opfer gestochen hat?«

»Meiner Meinung nach ist der Ermordete unversehens überfallen worden und zwar erhielt er die ersten Stiche rasch nacheinander von hinten in die Schulter. Naturgemäß drehte er sich gegen seinen Angreifer um und erhielt nun den Stich in den Hals. Die Wand der Arterie wurde durchbohrt aber nicht zerschnitten.«

»Und die Wunden in der Brust?«

»Die sind mit großer Vehemenz beigebracht worden; sie gehen durch die ganze Lunge, was einen tödlichen Bluterguß hervorrief.«

»Konnten diese Wunden von der Hand eines Weibes stammen?«

»Nein.«

»Um welche Zeit dürfte das Verbrechen begangen worden sein?«

»Vielleicht um elf Uhr, jedenfalls nicht später als Mitternacht.«

»Welchen Grund haben Sie für diese Annahme?«

»Ich war am 11. November mit Herrn Trinkall zusammen in der Gesellschaft des Hauptmanns Kendall. Das Essen dauerte nur bis neun Uhr. Der Mageninhalt des Toten zeigte sich in dem Verdauungsprozeß, wie er zwei bis drei Stunden nach einem reichlichen Mahl stattfindet.«

»Sie untersuchten später auch die Verletzungen des Angeklagten?«

»Ja. Er hatte einen verstauchten Fuß und war im Gesicht sowie an den Händen stark zerschunden.«

»Konnte er, wie er behauptet, mit diesen Wunden einen weiten Weg zu Pferd zurückgelegt haben?«

»Unmöglich wäre es nicht, doch hätte er dabei die größten Schmerzen aushalten müssen.«

Während der Erklärungen des Arztes herrschte Totenfülle im Saale und es ging wie ein Seufzer der Erleichterung durch die Zuhörerschaft, als sich Dr. Gazabee zum Kreuzverhör erhob.

»Sie betrachten die Verletzungen, die Herr Mowbray hatte, nicht als das Resultat eines persönlichen Kampfes?«

»Nein. Sie rührten wahrscheinlich von einem Falle her.«

»Hätte ein Sturz vom Pferde sie verursachen können?«

»Zweifellos.«

»Und wenn sich dieser Unfall nun in der Nähe von Manningford zutrug, so wäre der Angeklagte – wenn auch unter großen Schmerzen – doch imstande gewesen, seinen Weg fortzusetzen?«

»Ich bestreite diese Möglichkeit durchaus nicht.«

»Sie bemerkten vorhin, daß Sie nicht glaubten, die Tat sei von einer Frau verübt worden. Wollen Sie mir Ihre Gründe angeben, weshalb Sie es nicht für möglich halten?«

»Wegen der dabei angewendeten Kraft. Die Wunden in der Brust müssen mit furchtbarer Gewalt beigebracht worden sein, denn die Klinge, die sicher acht bis zehn Zoll lang war, ist bis ans Heft eingedrungen. Die Lunge war vollständig durchbohrt.«

»Aber die Wunde am Hals erforderte nicht viel. Kraft?«

»Nein, die nicht.«

»Und die im Rücken?«

»Schon bedeutend mehr.«

»Wirklich? Sie bezeichneten sie doch als oberflächliche Risse.«

»Ganz recht; allein Sie müssen bedenken, wie dick die Kleidung war, durch die der Stich dringen mußte. Herr Trinkall trug einen Überrock von besonders schwerem Stoff. Das brach die Gewalt des Stoßes und erklärt die verhältnismäßig unbedeutende Verletzung der Schulter.«

»Nun sagen Sie mir einmal geradeheraus, Herr Doktor, könnte man die Tat nicht einem Weibe zuschreiben, das sich in heftiger, leidenschaftlicher Erregung befand?«

»Hm – ich wage nicht zu sagen, wessen ein Weib in der Raserei fähig wäre.«

»Sie halten es also nicht für absolut unmöglich?«

»Nein – das nicht.«

»Die Wunde am Hals kann von einer Frau herrühren?«

»Ja.«

»Nun, bitte, erwägen Sie genau, ehe Sie meine folgende Frage beantworten. Sie haben zugegeben, Daß ein Weib imstande wäre, die Wunden an Hals und Schulter beizubringen, könnte dies nicht auch – bei Verdoppelung ihrer Kräfte – bei den anderen der Fall sein?«

»Meines Erachtens nein, ausgenommen, dieses Weib wäre eine Amazone gewesen.«

»Sind Sie gewiß, daß die ersten Stöße von hinten geführt wurden?«

»So sicher, als hätte ich es mit eigenen Augen gesehen.«

»Läßt dieser Umstand nicht vermuten, die Tat sei eher von einem Weibe als von einem Manne wie Herrn Mowbray verübt worden?«

»Das ist Ansichtssache. Ein Mann mit mörderischen Absichten würde sich wenig darum kümmern, ob er von vorn oder hinten angreift.«

Das scharfe Wortgefecht zwischen dem Juristen und dem Zeugen dauerte noch eine Weile, der Arzt blieb jedoch mit echt schottischer Beharrlichkeit bei seiner Meinung, so daß Dr. Gazabee aus diesem Kreuzverhör keinen Vorteil für seinen Klienten zu ziehen vermochte.

Es wurden noch weitere Sachverständige vernommen, die in jeder Beziehung mit ihrem Kollegen übereinstimmten.

Als letzter Zeuge erschien Polizeichef Brabazon, der in militärischer Kürze über seine Unterredung mit dem Angeklagten Bericht erstattete. Das Publikum lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit, wußte doch jedermann, daß John Mowbrays Weigerung, sein Alibi nachzuweisen, hauptsächlich zu seiner Verhaftung geführt hatte.

»Ich bedeutete dem Angeklagten,« begann Brabazon, »daß das Verbrechen ein sehr geheimnisvolles sei und daß aus Anlaß seiner gegen Herrn Trinkall ausgestoßenen Drohungen sein Name in unliebsamer Weise in der Sache genannt werde. Es erschiene daher in seinem Interesse sowohl wie im Interesse der Untersuchung von größter Wichtigkeit, daß er allen Verdacht durch den Nachweis eines Alibis entkräfte. Er erklärte nun, Manningford am 11. November früh verlassen zu haben und erst am folgenden Morgen um zwei Uhr zurückgekehrt zu sein, würde auch sicher über den Grund seiner Abwesenheit Auskunft geben, wären ihm nicht die Lippen durch eine Ehrenpflicht verschlossen. Aus diesem Grunde lehnte er es ebenfalls ab, Zeugen anzugeben, die bestätigen konnten, daß er in der Zeit von zehn bis nach Mitternacht nicht in Manningford gewesen sei. Betreffs seiner Verletzungen erklärte er, deren Ursache nicht angeben zu können, ohne ein ihm heiliges Geheimnis zu verraten. Es blieb mir daher nichts übrig, als ihm seine Verhaftung anzukündigen, was er mit großer Ruhe hinnahm, indem er nochmals versicherte, daß seine Ehre ihm unverbrüchliches Schweigen auferlege. Die Blutspuren, die ich auf seiner Wäsche und an seinen Kleidern fand, leugnete er nicht als solche ab, weigerte sich jedoch, ihren Ursprung zu erklären. Ich stellte ihn nunmehr unter Anklage des Mordes an Francis Trinkall. Seine Verteidigung behielt er sich vor.«

»Sie sind in der Welt viel herumgekommen, Herr Polizeihauptmann,« wandte sich Dr. Gazabee zu Brabazon. »Ist es außer dem Bereich Ihrer Erfahrung, daß ein mutiger Mann lieber den Tod – selbst einen entehrenden – erleidet, als daß er eine Handlung begeht, die sich nicht mit seiner Ehre verträgt?«

»Ich habe dergleichen schon erlebt,« gab Brabazon zu.

Hier unterbrach der Richter das Verhör. »Es ist nicht nötig, Kollege Gazabee, diese Frage weiter zu erörtern; niemand wird bestreiten, daß es Verhältnisse gibt, in denen ein Mann seine Ehre höher hält als sein Leben. Es muß jetzt Aufgabe der Geschworenen sein zu erwägen, ob die Ausrede des Angeklagten, aus Ehrengründen schweigen zu müssen, stichhaltig genug ist, seiner Sache zu nützen.«

»Ich füge mich Ihren Anordnungen,« entgegnete Dr. Gazabee. »Mir genügt Ihre Übereinstimmung, daß ein Mann, der zwischen Ehre und Tod zu wählen hat, lieber den letzteren erleidet, selbst unter den schmachvollsten Umständen.« Und sich nochmals zu Brabazon wendend, fragte er diesen: »Ist kein weiterer Versuch nach der Verhaftung Herrn Mowbrays gemacht worden, einen andern Aufschluß über das Verbrechen zu erhalten?«

»Nein.«

»Hat der Angeklagte vor dem Leichenbeschauer Zeugnis abgelegt?«

»Ja.«

»Ich bitte um Vorlesung desselben.«

John Mowbrays Erklärungen lauteten: »Während der letzten zwölf Monate war ich häufig in Privatangelegenheiten abwesend. Bei diesen Gelegenheiten entfernte ich mich meist früh am Morgen und kehrte erst spät zurück, so daß ich die Dienerschaft nicht in Anspruch nahm, mir auch stets mein Pferd selbst sattelte.

Am 11. November verließ ich Manningford um vier Uhr morgens. Von dieser Stunde an bis zu meiner Heimkehr den nächsten Morgen um zwei Uhr bin ich von Manningford abwesend gewesen. Ich wußte nichts von der Ermordung Francis Trinkalls.

Obgleich ich offen bekenne, Drohworte gegen ihn gebraucht zu haben, hatte ich doch nie die Absicht, ihm ein Leid zuzufügen oder sein Leben zu gefährden; nur wäre ich fähig gewesen, in irgend einer Sache seine Wünsche zu durchkreuzen, wie er es mit mir getan hat. Wohin ich ging und welcher Art meine Angelegenheit war, kann ich nicht sagen. Meine Ehre hält mir die Lippen versiegelt, denn von meinem Schweigen hängen Interessen ab, die mir höher gelten als mein Leben.«


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