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15. Kapitel

Aus Annette Lesters Tagebuch.

Morgen ist mein Geburtstag! Wenn Liebe mich einem glücklichen Weibe machen könnte, müßte ich unendlich glücklich sein, denn mein guter Phineas liebt mich unbeschreiblich. Wären die Mädchen nur gescheiter – sie würden dann immer nur einen ältlichen Gatten wählen. Dafür gibt schon unser Shakespeare den besten Rat, denn sagt er nicht:

»Laßt doch das Weib den Gatten nehmen
Der älter ist als sie. So paßt sie dann zu ihm
Und so beherrscht sie auch sein Herz.
Warum kommt solche Weisheit stets zu spät?«

Ja, hätte ich diesen guten Rat früher gekannt, wäre mir wohl der eine unselige Irrtum meines Lebens erspart geblieben und all die Folgen, die der eine falsche Schritt nach sich gezogen hat.

Mein ältlicher Bräutigam ist alles, was man von einem solchen verlangen kann: freundlich, zärtlich, ein ergebener Sklave. Ich brauche nicht zu befürchten, daß seine Liebe schwinden wird, wie es so oft der Fall bei jungen Ehemännern ist. Die wird bleiben bis zuletzt. Wie gesagt, ich müßte eine glückliche Frau sein, wenn Liebe mich glücklich machen könnte.

Aber – bin ich es? – –

Warum heirate ich Phineas Dawson? Warum nicht Arthur Chancellor? Die letztere Frage ist leicht zu beantworten – er gab mir keine Gelegenheit, ihn zu fragen. Vor sechs Wochen ging er nach Manningford und kam erst heute hierher zurück, um meiner Hochzeit beizuwohnen. Wie hätte ich es also anfangen sollen?

Aber warum in aller Welt heirate ich denn den guten Phineas? Aus Liebe nicht, obgleich ich ihn sehr schätze und bewundere. Viele Frauen heiraten, um einen Beschützer zu haben. Weshalb sollte ich das nicht auch tun? Ich bedarf ja eines solchen – mehr als jedes andere Weib.

Mich bedroht eine wirkliche – eine schreckliche Gefahr, und seit Arthur Chancellor nach Manningford gegangen ist, ist mir diese Gefahr immer nähergerückt – zu bedrohlich, um mich nicht zu beunruhigen. Ich weiß jede Wendung, jede Bewegung, die Chancellor seitdem gemacht hat, denn mein guter, unvorsichtiger Phineas sagt mir alles. Deshalb weiß ich auch, warum jener unverschämte Mensch, namens Jannion, der sich in alles einmischt, nach Algier gereist ist und was er dort ausspioniert hat. Ich habe auch gehört, was der geschwätzige Tölpel, der Pächter Trent in Manningford, Arthur Chancellor von der Person in Grau erzählt hat, und wie nun Himmel und Erde in Bewegung gesetzt werden, um diese Spur zu verfolgen. Obgleich noch nicht alles entdeckt ist, kann es doch bald geschehen, und dann ist das Spiel zu Ende und eine gewisse Person, die ich hier nicht nennen will, mag sich vorsehen. Aus diesem Grunde heirate ich meinen guten Phineas. Eine gewisse Person muß um jeden Preis geschützt werden, wenn ich mich auch für sie zu opfern habe.

Arthur Chancellor hat sich mit Helen Mowbray verlobt.

Die sprichwörtliche Feder wäre eine unnötige Waffe gewesen, mich zusammenknicken zu lasten, als ich die betrübende Nachricht erhielt, die mir mein lieber Phineas selbst hinterbrachte. Ich war wirklich niedergeschmettert. Erst glaubte ich, mein ältlicher Bräutigam habe mich getäuscht und mir vieles verschwiegen, was Chancellor über die schreckliche Mordgeschichte erfahren hat. Aber mein Phineas ist eine ehrliche Haut – er hat mir alles gesagt, was er selbst wußte. So kam ich zu dem Schluß, Chancellor verschweige seinem Partner manches, was mir zu wissen sehr nötig ist. Die Gefahr war näher, als ich dachte, und so war es Zeit für mich zu handeln.

Mein guter Phineas wurde sentimental und da ich ihn ein wenig ermutigte, gestand er mir seine Liebe. Wir waren rasch einig; fünf Minuten später lag ich in seinen Armen und er küßte mich mit der Leidenschaft eines jugendlichen Liebhabers.

Phineas bat mich, ihm sein Glück nicht länger vorzuenthalten, als durchaus nötig sei. Ich überließ ihm alle Bestimmungen und das Resultat ist, daß wir nach kaum vierwöchentlicher Verlobung morgen Hochzeit halten. Tante Pritchard scheint sehr zufrieden mit meiner Wahl; sie gratulierte mir, daß ich eine so gute Partie mache.

Wie ungeduldig mein Phineas ist! O diese jungen alten Männer! Wie weit überlegen sind sie den blasierten greisen Jünglingen!

Morgen um diese Zeit werde ich Arthur Chancellors Operationen lahm legen können. Bin ich erst Frau Phineas Dawson, so nützen ihm all seine Entdeckungen nichts. Nach dem morgenden Tag fürchte ich ihn nicht mehr. In zwölf Stunden wird eine gewisse Person sicher vor ihm sein.«


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