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7. Kapitel

John Mowbray erwartete das über ihn verhängte Geschick mit der Ruhe und Festigkeit eines wahrhaft unerschrockenen Geistes. Ihn hatte das Urteil nicht überrascht. Er wußte von Anfang an, welche Schwierigkeiten er denen bereitete, die es unternommen hatten, seine Unschuld darzutun, wenn er sein Schweigen über die Angelegenheit, die ihn am 11. November zu dem Ausritt veranlaßt, aufrecht erhielt. Er hatte alles vorausgesehen und wenn das Gesetz die Sühne verlangte, so wollte er nicht davor zurückbeben.

In den düsteren Tagen, die der Verurteilung John Mowbrays folgten, kam seine Schwester täglich zu ihm. Arthur Chancellor hatte ihr die besondere Gunst erwirkt, jeden Tag einige Stunden bei dem Gefangenen verweilen zu dürfen. Und so erschien sie am frühen Morgen vor dem Gefängnistor und blieb bis zum sinkenden Abend bei dem geliebten Bruder. Ihre Anwesenheit war für den unglücklichen Mann wie ein Lichtstrahl in der dumpfen Monotonie seiner letzten Tage. Um Helens willen heuchelte er Interesse für die Schritte, die zu seinen Gunsten unternommen wurden, teilte er scheinbar die Hoffnungsfreudigkeit, mit der sie diese Bemühungen für seine Rettung verfolgte. Allein innerlich gab er sich keinen trügerischen Hoffnungen hin, deren Nichterfüllung die Bitterkeit des Todes noch vermehrt hätte. In dem Augenblick, als das Todesurteil ihn zum Verbrecher stempelte, verlor er alles Interesse am Leben. Seiner Schwester gegenüber berührte er niemals die Veranlassung seines schrecklichen Loses. Nur einmal deutete er auf das Geheimnis seines seltsamen Schweigens hin. Er übergab Helen ein versiegeltes Päckchen, das, wie er ihr sagte, die Erklärung seiner Handlungsweise enthielt; doch mußte sie ihm schwören, es nicht vor Ablauf eines Jahres zu öffnen.

Inzwischen wurde keine Mühe gespart, eine Revision des Prozesses zu erzielen. Da dies jedoch nicht gelang, so reichten Chancellor und Dawson ein Gnadengesuch ein, indem sie gleichzeitig die angesehensten Familien der Grafschaft überredeten, ihren Einfluß zugunsten des Verurteilten zu verwenden.

Alle Anstrengungen erwiesen sich jedoch als fruchtlos, denn der Staatssekretär erklärte, er könne keinen Grund finden, der Königin die Ausübung ihres Begnadigungsrechtes anzuraten. Die unruhigen Verhältnisse im Lande – so motivierte er die Ablehnung des Gesuches – gestatteten nicht eine Ausnahme zu machen, die der Regierung den Vorwurf der Parteilichkeit zuziehen könne. Es seien keine Beweise vorgebracht worden, daß Francis Trinkall durch andere Hand gefallen sei als die des Mannes, den seine Mitbürger dieses Verbrechens schuldig erklärt hatten. Wollte die Krone trotzdem das Urteil aufheben, so würde die öffentliche Meinung nur zu geneigt sein, zu behaupten, es gäbe im Staat ein Gesetz für die Reichen und ein anderes für die Armen und daß die höhere Lebensstellung den Verurteiltem vor der ihm zu erkannten Strafe geschützt habe, während sie an einem Manne aus dem Volke ohne Gnade vollstreckt worden wäre. Das Gnadengesuch sei daher endgültig abgewiesen und das Gesetz müsse seinen Lauf nehmen. So war der Würfel gefallen – John Mowbrays Schicksal unwiderruflich besiegelt! –

Die Hinrichtung wurde auf den letzten Sonnabend im Januar festgesetzt und erst am vorhergehenden Tage erhielt Arthur Chancellor das Ablehnungsschreiben des Staatssekretärs.

Mit schwerem Herzen begab er sich noch am selben Abend nach dem Gefängnis, um seinem unglücklichen Klienten einen letzten Besuch zu machen.

Nach all den Aufregungen der letzten Wochen und dem fruchtlosen Resultat seiner Bemühungen fühlte er sich niedergeschlagen und abgespannt. Erst als er im Sternenschimmer den Schloßhügel hinanstieg, belebten sich seine erschlafften Lebensgeister in der frischen, kalten Luft, die seinen überreizten Nerven wohltat.

Das helle Mondlicht zitterte aus den ruhigen Gewässern der Seebucht, die unter den silberleuchtenden Strahlen weithin erglänzte. Auf dem Gipfel der Anhöhe blieb Chancellor stehen. Unter ihm lag das weite, fruchtbare Tal der Loan, deren glitzernde Wellen mit leisem Gemurmel der See zustrebten. Die große Kathedrale mit ihren altersgrauen Türmen sah im bleichen Mondschein noch verwitterter aus, während die mittelste Turmspitze, der stumme Zeuge eines Glaubens, der auch den Schwächsten lehrt, über den Wechsel der Zeiten zu triumphieren, gleichsam mit erhobenem Finger nach höheren Regionen emporwies, wo die Leidenschaften und Schwächen der Menschen enden und es keine irrende Gerechtigkeit gibt.

Arthur Chancellor nahm den Hut ab, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und schaute gedankenvoll auf die friedliche Landschaft zu seinen Füßen. Erst nach einer Weile vermochte er sich von dem Anblick loszureißen; mit hastigen Schritten eilte er nun dem Schlosse zu, dessen dunkle Umrisse sich scharf vom nächtlichen Horizont abhoben.

Durch einen abgebröckelten Teil der Mauer konnte er das bereits errichtete düstere Todesgerüst sehen; ein Schauer durchlief ihn und seufzend wandte er den Kopf ab.

Schon begann die Menge der Neugierigen zusammenzuströmen. Einige hatten sich dicht neben dem Galgen gelagert, andere hinter Heuschobern, um sich vor der scharfen Luft zu schützen. Männer und Weiber hockten zusammen, den Tagesanbruch erwartend, um das verrohende Schauspiel zu genießen, das dem Pöbel als Abschreckungsbeispiel vorgeführt wird.

Je mehr sich Chancellor dem Gefängnisgebäude näherte, desto dichter wurden die Menschenmassen. Haufenweise saßen sie beieinander auf dem gefrorenen Boden, verzehrten die mitgebrachten Vorräte und wappneten sich mit geistigen Getränken gegen die erstarrende Kälte. An einer Stelle hatte ein Straßenprediger einen Kreis von Zuhörern um sich versammelt, die er in kräftigen Ausdrücken ermahnte, die Wege der Sünder und Gottlosen zu meiden. Einige Schritte weiter intonierten ein paar Balladensänger in unmelodischen Tönen ein trauervolles Lied, die Tragödie von Manningford und das schimpfliche Ende des »Herrn Mowbray« in schlechten Reimen schildernd. Taschendiebe übten ihr lichtscheues Gewerbe aus, freche Dirnen lungerten umher und die Luft war erfüllt von derben Scherzen, Lästerungen und wilden Flüchen.

Chancellor fühlte sich tief abgestoßen von diesen widerlichen Szenen, die seine Gefühle verletzten. Nur mit Mühe konnte er sich einen Weg durch die Menge bahnen und war daher froh, als ein Polizeibeamter ihn erkannte und sicher in das Innere des Gebäudes geleitete.

Er fand John Mowbray in Gesellschaft des Gefängnisdirektors und des Kaplans. Eine wunderbare Ruhe und Fassung zeigte sich in der Haltung des Verurteilten, die Chancellors volle Bewunderung erregte. Obgleich seine Gesundheit durch die Haft und die Ungewißheit seines Schicksals gelitten hatte, war er jetzt doch wieder im Besitz seiner früheren Lebhaftigkeit. Unverzagt, ohne Furcht schaute er, dem nahen Tod ins Auge.

»Glauben Sie nicht, daß ich den Wert des Lebens mißachte, weil ich bereit bin, es zu verlassen,« sagte er, während seine Augen in fieberhaftem Glanze leuchteten. »Der Tod ist nicht der schlimmste Feind, den ein Mann zu fürchten hat. Schande, ein Dasein ohne Zweck, ohne Hoffnung, das ist härter als der Tod. Dem möchte ich entgehen. Was läge vor mir, wenn ich das Leben behielte? Eine lange Gefangenschaft unter dem Auswurf der Menschheit, für immer getrennt von dem einzigen Gegenstand, der mir das Leben wert machen könnte. Mein Name ist ein leerer Schall geworden; erst nach Jahren könnte ich versuchen, den Fleck zu tilgen, der darauf ruht. Und was nützte mir die Freiheit nach den langen Jahren ohnmächtigen Kämpfens gegen ein unabänderliches Geschick? Ich könnte mich nicht mehr von dem Schandmal des Verbrechens reinigen, weil zu viel Zeit verloren gegangen ist. Meinen Sie, daß eine solche Aussicht geeignet wäre, mich ans Leben zu fesseln?«

In ehrfurchtsvollem Schweigen lauschten die Anwesenden seinen Worten. Sie wußten, daß es keinen Zweck haben konnte, jetzt noch Hoffnungen in ihm erwecken zu wollen oder darauf hinzuweisen, daß seine Unschuld früher oder später ans Tageslicht kommen werde; aber trotz ihres Schweigens empfanden sie das Tragische der Situation aufs schmerzlichste.

War es nicht herzergreifend, einen Mann, dem das, Leben noch so viel zu bieten hatte, so grenzenlos gleichgültig gegen dieses kostbare Gut zu sehen? Die Götter hatten ihn mit den beneidenswertesten Gaben bedacht. Hohe Stellung und Geburt, Reichtum, Aussicht auf ehrenvolle Auszeichnung, Geist und männliche Schönheit waren ihm zuteil geworden. Und nun hatte ein grausames Geschick seinen Lebenshorizont verdüstert und das, was der Mensch am höchsten schätzt, für ihn wertlos gemacht.

Selbst dem alten Soldaten, der den Posten des Schloßgouverneurs bekleidete und manchen Tapferen auf dem Schlachtfelde den Heldentod erleiden sah, schien das Los John Mowbrays zu Herzen zu gehen, denn er wischte sich heimlich eine Träne aus den Augen.

»Doch ich will die Zeit nicht vergeuden,« fuhr der Verurteilte fort. »Es war ja nicht, um davon zu reden, daß ich Sie noch einmal zu mir bitten ließ, Herr Chancellor, vielmehr wünsche ich eine letzte Bitte an Sie zu richten. Ich weiß, es ist ein großer Freundschaftsdienst, den ich von Ihnen begehre und bevor ich ihn nenne, möchte ich Ihr Urteil über mich hören. Nehmen Sie sich Zeit, ehe Sie antworten. Bin ich in Ihren Augen schuldig oder nicht?«

»Ich habe Sie von Anfang an so wenig schuldig des Mordes an Francis Trinkall gehalten wie mich selber,« lautete die feste Antwort. »Nicht einen Augenblick habe ich an Ihrer Unschuld gezweifelt und glaube auch jetzt noch daran.«

Diese überzeugungsvolle Erklärung legte sich wie Balsam auf John Mowbrays verwundetes Gemüt. Die Welt war also doch nicht so voll von Ungerechtigkeit als er gedacht. Es gab wenigstens noch einen Mann, dem er die heiligsten Interessen, die er zurückließ, anvertrauen konnte und der seiner Schwester Helen als Freund und Ratgeber zur Seite stehen würde, nun die Verantwortlichkeit einer hohen Stellung auf ihr ruhte.

»Gott segne Sie für das Vertrauen, das Sie mir bezeugen,« sagte er mit tiefbewegter Stimme. »Sie dürfen versichert sein, es keinem Unwürdigen geschenkt zu haben. Vor ihm, der die Herzen prüft und vor dem ich bald als meinem Richter stehen werde, wiederhole ich feierlich, daß ich unschuldig bin an dem Blute des Ermordeten. Sein Tod ist mir unbegreiflich. Er hatte keinen Feind in Manningford und die Schwierigkeit für einen Fremden, sich ungesehen ins Dorf zu stehlen und unbemerkt wieder zu entkommen, erscheint so groß, daß ich diejenigen entschuldige, die dies als unmöglich hinstellten. Dennoch muß es so gewesen sein und der Elende, dem es gelang, sich jeder Beobachtung zu entziehen, wandelt noch sicher und unverdächtig auf Erden. Wäre ich frei, würde ich es zu meiner Lebensaufgabe machen, ihn aus dem Dunkel, in dem er sich verbirgt, ans Tageslicht zu zerren. Dieses Werk, das ich nicht selbst vollbringen kann, muß ich in andere Hände legen.«

Arthur Chancellor hatte längst bemerkt, auf wen sich John Mowbrays Gedanken richteten. Es war nicht das erste Mal, daß der Advokat den Plan erwogen hatte, den Mörder Trinkalls aus eigene Faust auszuspüren, konnte er es doch nicht verwinden, daß all seine Bemühungen gescheitert waren. Noch mehr aber hatte der Anblick Helen Mowbrays, die sich in bitterem Leid um den geliebten Bruder verzehrte, den Wunsch in ihm geregt, den Schuldigen zu finden, der zu dem ersten Verbrechen ein zweites hinzugefügt, indem er einen Unschuldigen an seiner Stelle den Tod erleiden ließ.

Arthur Chancellor hatte die schwere Aufgabe übernommen, Helen die schreckliche Nachricht zu bringen, daß alle Hoffnung vernichtet und das Schicksal ihres Bruders besiegelt sei. Nie in seinem Leben war sein Herz von so tiefem Mitgefühl bewegt gewesen als angesichts des unglücklichen jungen Mädchens, dessen grenzenloser Schmerz ihn in Versuchung führte, sich selbst den Eid aufzuerlegen, nicht zu ruhen, bis der wirkliche Täter entdeckt worden. Es bedurfte daher nur eines geringen Anstoßes, seinen Wunsch in einen festen Entschluß zu verwandeln und diesen Anstoß gab John Mowbrays rührende Bitte. »Es ist unendlich viel, was ich von Ihnen begehre,« hatte er gesagt. »Wollen Sie es übernehmen, den Mörder ausfindig zu machen?«

Und seine Frage verhallte nicht ungestört. Alles was an Hochherzigkeit und Ritterlichkeit in Arthur Chancellors Brust wohnte, vereinigte sich, die Bitte des dem Tode Geweihten zu unterstützen. Ohne Zögern gab der Advokat das ersehnte Versprechen. »Ich verpfände Ihnen mein Ehrenwort,« sagte er, Mowbrays Hand ergreifend, »daß nichts ungeschehen bleiben soll, das Geheimnis dieses Verbrechens zu lüften und der Welt Ihre Unschuld zu beweisen.«

John Mowbray ergriff die dargebotene Hand voll Wärme. »Ich glaube Ihnen und danke Ihnen von ganzem Herzen,« sagte er mit überirdischem Glanz in den Augen. »Ihr Versprechen hat dem Tode seinen letzten Stachel genommen, denn meine Prophezeiung wird sich bewahrheiten. Mir wird doch noch einst Gerechtigkeit widerfahren und der dunkle Flecken, der jetzt auf meinem Namen ruht, wird getilgt werden.«

Es war unmöglich, Zeuge eines solch zuversichtlichen Vertrauens zu sein, ohne es zu teilen, klangen die feierlich gesprochenen Worte doch wie die eines Menschen, der, bereits der irdischen Welt entrückt, von höheren Sphären herab das Wesen dieser Welt klarer erschaut als andere Sterbliche.

Mit dem Bewußtsein einer hohen, einer heiligen Mission, an deren Gelingen er nicht zweifelte, verließ Arthur Chancellor das Gefängnis. Und so vertieft war er in diesen Gedanken, daß er dem Polizisten, der ihn sicher durch die angesammelte Volksmenge geleitete, mechanisch folgte, ohne auch nur mit einem Blick die widerlichen Szenen zu streifen, die ihn kurz vorher mit so viel Abscheu erfüllt hatten.

Der leise Druck einer Hand auf seiner Schulter rief ihn in die Wirklichkeit zurück. Er wandte sich um, erstaunt ein Weib vor sich zu sehen, dessen Augen mit einem Ausdruck intensiver Angst auf ihn gerichtet waren.

»Kommen Sie nicht eben aus dem Gefängnis, mein Herr?« fragte die Unbekannte in atemloser Erregung. »Ist es wahr, daß man ihn nicht begnadigt hat?

Überrascht schaute Chancellor auf die Sprechende. Es war ein schönes Frauenantlitz, das er im Schein des Mondlichtes sah, obgleich sich in diesem Augenblick Verzweiflung und Schrecken darin malten, ein Antlitz wie das Bild der heiligen Cäcilia, voll keuscher Reinheit und Unschuld.

»Ist er wirklich nicht begnadigt?« wiederholte die Fremde ihre Frage.

»Wirklich nicht,« entgegnete der Advokat.

»Aber sie werden ihn doch nicht hängen?« stieß sie in leidenschaftlicher Angst hervor. »Noch ist es Zeit, noch kann er gerettet werden. Man wird doch nicht einen Unschuldigen richten?«

»Leider kann nichts mehr für ihn geschehen. Morgen – –«

Allein die Unbekannte wartete das Ende des Satzes nicht ab. Wie ein gehetztes Wild jagte sie davon, blitzschnell in der Menge verschwindend. So rasch verlor Chancellor sie aus den Augen, daß er fast glaubte geträumt zu haben. Sicher hatten ihm seine überreizten Nerven diese Erscheinung vorgespiegelt. Aber dann sagte er sich, das könne doch kein Phantasiegebilde gewesen sein; zu deutlich hatte er ihre Stimme vernommen, zu deutlich ihr schönes Antlitz und ihre seltsame Kleidung, die aus einem langen grauen Mantel und grauer Mütze mit einem Schleier gleicher Farbe bestand, gesehen.

»Wer kann sie sein?« fragte er sich verwundert. Eifrig spähte er umher, konnte sie aber nirgends entdecken und so setzte er seinen Weg fort, überzeugt, daß es nutzlos gewesen wäre, die Spur des rätselhaften Weibes verfolgen zu wollen.


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