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Im Sommer 1842 endigte Bettinas Lieblingsbruder Clemens, der nach ihr begabteste unter den Geschwistern, in den Armen seines Bruders Christian zu Aschaffenburg seine »ewige Pilgerschaft«!
Einen »armen Pilger« hieß dieser verlorene Sohn der Poesie sich selber in der zweiten Hälfte seines bewegten, wechselvollen Lebens, das er schließlich Jahre hindurch am Krankenlager der von Visionen heimgesuchten Nonne Katharina Emmerich in Dülmen verweinte. Ihre Verzückungen zeichnete er auf, und bei ihr fand er nach unruhiger, zügelloser Lebensfahrt in mystischer katholischer Strenggläubigkeit Ruhe und Herzensfrieden.
Die katzenjämmerliche Episode mit der 17jährigen Auguste Busmann, die von Frankfurt aus 1807 mit Clemens in die weite Welt läuft und eine schnell wieder getrennte Ehe mit ihm erzwingt – diese Episode, zusammengehalten mit der frommen Zerknirschung von Clemens am Krankenbett der Nonne Katharina, gibt das traurige, widerspruchsvolle Bild der fast unfaßbaren inneren Zerrüttung und äußersten Haltlosigkeit des genialen »verlorenen Sohnes der Romantik«.
Wie viele Bilder aus glücklicherer Jugendzeit – seit jenen Tagen, wo der Bruder die halbwüchsige Schwester beim Puppenspiel überrascht hatte – mochten vor Bettina aufsteigen! Ihre Trauer um ihn mußte sich vertiefen bei dem Gedanken, daß sie und Clemens sich mit den Jahren ferner gerückt waren, teils durch ihre, teils durch seine Schuld …
Schon im Jahr 1825 urteilte Clemens in einem Brief an Görres über Bettina: »Ich war sehr traurig in der Nähe dieses großartigsten, reichstbegabten, einfachsten, krausesten Geschöpfes. In stetem Reden, Singen, Urteilen, Scherzen, Fühlen, Helfen, Bilden, Zeichnen, Modellieren, Alles in Beschlag nehmen und mit Taschenspielerfertigkeit sich alle und jede Umgebung zurecht gewalttätigen, um das Gemeine als Modell zum Höheren in irgend einen Akt zu stellen und das Ungemeine sich gesellig bequem zu setzen … Sie tut mir unaussprechlich leid.«
Man darf über so krausen, überladenen Sätzen des Briefschreibers nicht vergessen, was dem Dichter Clemens Brentano trotz allem die deutsche Literatur verdankt als dem Mitherausgeber des »Wunderhorns«, als dem Sänger bester sangbarer Lieder und Balladen, dem Erzähler der »Chronika« und köstlicher Märchen, die zum dauernden Besitz der deutschen Romantik gehören …
Streng und überkritisch ist das Urteil des Bruders über die Schwester. Man fühlt das leise Fremdgewordensein der Geschwister. Aber ist es nicht Menschenlos, dies Auseinanderrücken bei zunehmendem Alter und unter verschiedenen Lebensbedingungen? – – – – – – – – – –
Vierundsechzig Jahre alt war der Bruder, als er starb. Bettina selbst ging auch schon auf die Sechzig zu … Hohe Zeit, ein dem Jugendgefährten gegebenes Versprechen einzulösen und dem Toten einen Kranz unverwelklicher Jugend auf's Grab zu legen! Ein Jahr nach dem Königsbuch gab Bettina den »Frühlingskranz« heraus – es war ihr letztes im besten Sinne dichterisches Werk. In dem prächtigen Briefbuch, das so viele ihrer frühesten und teuersten Träume festhält, wetteifern Bruder und Schwester im Hochgesang jugendlicher Liebe und Naturseligkeit. Der Frische und Lebendigkeit dieser Erinnerungsblätter ist es anzufühlen, wie sich die Dichterin beim Sammeln und Sichten von ihren politischen Streifzügen der jüngsten Zeit erholt …
Bettina und das Alter wollen sich nicht zusammenreimen. Verbindet sich nicht mit ihr ungesucht und ungewollt die Vorstellung ewiger Jugend? Und der Jugend fühlte sich ja Bettina auch in allen Lebensaltern besonders verbunden! Die »Günderode« ist durchglüht, durchsungen und durchbraust von lauter Jugend und darum auch der studentischen Jugend gewidmet, die der Dichterin in Berlin mit einem Fackelzug dankbar huldigte. Bei der Jugend hat Bettina stets das regste, oft stürmische Echo gefunden. Nach dem Erscheinen des Königsbuches war es vornehmlich das Junge Deutschland, das ihr begeistert Beifall gab.
Es gibt ein schönes Altersbild Bettinas, ein Pastell von der Hand des Menzelschülers Carl Johann Arnold. Das weiße Haar unter dem dunklen Spitzentuch, die leicht eingesunkene Schläfe, der feinsinnliche Mund zeigen, daß an diesen Zügen das Leben nicht vorüberging, ohne daran zu arbeiten und zu formen. Aber das Auge straft diese Altersspuren samt und sonders Lügen. Das freie linke Auge des im Profil gegebenen Kopfes glüht in jugendlichem Feuer, in einem Temperament, dem die Jahre nichts anhaben konnten. Dieser südländische Kopf ist ganz erfüllt von intensivstem Leben und einer nicht zu zähmenden Lebensbegierde. Der spöttisch überlegene Zug um den Mund, und der Mundwinkel zeugen von vielem Reden … Aus dem Ende der vierziger Jahre stammt eine Schilderung von Bettinas äußerer Erscheinung, die dieses Pastell ergänzt: »Wir waren gewöhnlich gegen Abend bei ihr; sie war beim Sprechen – den Frankfurter Dialekt hatte sie beibehalten – stets in Bewegung, bald stehend, bald umhergehend, bald hier, bald dort sitzend. Wenn aber die Dämmerung hereinbrach und sie traulich und traumhaft von alten Erinnerungen erzählte, saß sie oft auf einem Fauteuil zusammengekauert, aber nicht auf dem Sitze, sondern oben auf der Lehne, mit den Füßen auf dem Sitz, ein schwarzes, seidenes Tuch um den Kopf geschlungen; der Gesichtsausdruck war dann bald wie der einer wahrsagenden Zigeunerin, bald, wenn sarkastische Raketen in ihrem Redestrom aufleuchteten, wie der eines Mephisto in weiblicher Verkleidung« …
Bettina verdankte ihre rastlose geistige Frische und Beweglichkeit zu einem guten Teil einer Gesundheit, die im Gegensatz zu der ihres früh verstorbenen Mannes ebenso kräftig wie widerstandsfähig war. Erst im letzten Jahrzehnt ihres Lebens erfährt man von gelegentlicher Anfälligkeit. Varnhagen, ihr unermüdlicher Chronist, berichtet sogar von einem Schlaganfall, der eine Kur im südlichen Schwarzwald, in Badenweiler, notwendig machte. Sie schien guten Erfolg zu haben; er notiert in sein Tagebuch am 19. September 1855: Ihr Schwiegersohn, Herman Grimm – der bekannte Kunst- und Literaturhistoriker der Berliner Universität –, bringe die besten Nachrichten von Bettina von Arnim und schließt: »Sie kann in vierzehn Tagen gesund und munter hier in Berlin eintreffen.«
Auch die Schriftstellerin Bettina ruhte und rastete nicht. Man kann sie sich ja eigentlich überhaupt nur immer redend oder schreibend vorstellen, denn sie teilte sich ohne Unterlaß mit – sei es im gesprochenen Wort oder im geschriebenen der Briefe und Bücher. Auch in ihren letzten Werken macht sich zögernd das Alter bemerkbar.
Mit dem »Frühlingskranz« waren ihre dichterischen Briefromane und Erinnerungswerke abgeschlossen. Sie hatte dem Bruder und der eigenen Jugend ein Gedächtnismal gesetzt … Erst vier Jahre danach, im Revolutionsjahr 1848, also zu recht ungünstiger Zeit, erschien ihr neues Buch unter dem Titel »Ilius Pamphilius und die Ambrosia«.
Ilius Pamphilius mit seinem bürgerlichen Namen Philipp Nathusius wurde 1815 im Magdeburgischen geboren als der Sohn eines wohlhabenden Grundbesitzers und Industriellen. Schon als Knabe machte er Verse, obwohl er bestimmt war, das väterliche Erbe zu übernehmen. Sein Interesse gehörte also schon frühzeitig der Poesie, die ihm von Großmutters Seite – er war ein Enkel der Lyrikerin Philippine Gatterer – im Blute lag. In seinen ersten Jünglingsjahren nahm er denn auch lebhaften Anteil an den zeitläufigen literarischen Bewegungen, den Ideen und Bestrebungen des Jungen Deutschland. Es gab eine Zeit, wo er des Abends »mit einem italienischen Freiheitsdrama zu Bett ging« und »am Morgen mit einem deutschen Demagogenroman« aufstand … Des »Knaben Wunderhorn« versetzte ihn in eine wahre »Volksliederwut«.
Im März 1835 erlebte der Zwanzigjährige seine Schicksalsstunde: »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde« fiel in seine Hände und ließ ihn nicht wieder los. Er schrieb an Frau von Arnim: »Wenn Du doch der Wein sein könntest, der mich wieder anlebte, Bettina, ich schwärme für Dich, aber wahrhaftig nicht, was die Menschen schwärmen nennen. Ich will nichts als Wahrheit, und die muß ich bei Dir auf jeden Fall finden.« Mit einem Freund reiste er fiebernd vor Erregung nach Berlin. Über seinen Besuch Unter den Linden berichtet er: »Sie war schwarz gekleidet, mit bunter Enveloppe, aus den Ärmeln kamen zwei kleine Hände; der bloße Kopf voll schwarzer Haare, an jeder Seite fiel eine Locke herab. Das Gesicht, ja wie soll man's beschreiben? …« Bettina in ihrer impulsiven Art offenbar sofort eingenommen von ihrem jungen Besucher, stellte ihn gegen das Licht, um ihn recht genau anzusehen und entließ ihn bereits mit der Aufforderung, ihr, wenn er Lust habe, zu schreiben. Bald kam ein regelmäßiger Briefwechsel in Gang, aus dem mit den Jahren das Buch »Ilius Pamphilius« entstand.
In bewußter Parallele zu »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde«, in dem die schwärmerische Liebe eines jungen Mädchens zum alternden Dichter das Thema bildet, läßt sich in Ilius die reife, alternde Frau, Ambrosia, von einem dichterisch gestimmten jungen Mann anschwärmen. Schon das Problem an sich, die Liebe des jungen Mannes und der alternden Frau ist heikel, und Heikel ist auch die Rolle, die Bettina-Ambrosia in dem Buch spielt. Der Stoff wie seine Behandlung sind der Verfasserin nicht als freie Eingebungen ihres Dichtertums zugefallen, sondern mehr oder weniger erdacht, wie es wohl oder übel geschieht, wenn die zunehmenden Jahre die Kraft der Phantasie schwächen und mildern und die Hilfe des Verstandes notwendig machen. Es ist, als ob der Kultus mit dem jugendlichen Prokop von Freyberg wieder auflebte; er wird noch peinlicher durch die Ernüchterung, die nur allzubald bei beiden Briefpartnern in das erzwungene Liebesspiel einbricht.
Bettina scheitert bei dem Versuch, den jungen Mann, der als Mensch und Dichter hinter ihrem Idealbild zurückblieb, nach ihrem Willen zu formen. Sie versagt, als Nathusius seinen eigenen Weg geht und sich verlobt. In verletzender Form weigert sie sich, seine Braut in den Freundschaftsbund einzuschließen. Das Ewig-Mittelmäßige, das nun einmal das Leben ist, triumphiert zu Bettinas und des Ilius Enttäuschung und Ernüchterung! …
»Das Unverhoffte, das Gefahrvolle, das Tollkühnste selbst kannst Du wagen. Das Mittelmäßige allein macht rettungslos elend« … Wie elend das Mittelmäßige macht, hatte Bettina an Ilius Pamphilius bitter genug erlebt. An einem Höheren, Mächtigeren sollte sich ihr die gleiche Erfahrung noch schmerzhafter erneuern. Auch der König, den sie nach ihrem Idealbild hatte formen wollen, blieb weit dahinter zurück. Das mittelmäßige Schicksal der Märzrevolution bewegte sie begreiflicherweise in all seinen Phasen. Das beweist eine Anzahl leidenschaftlicher Briefe, die sie noch im Jahre 1646 an Friedrich Wilhelm richtete, als alle Blütenträume der Revolution kläglich verkümmerten.
Noch einmal ließ Bettina ihren warnenden und aufrüttelnden Sibyllenruf vernehmen. Vier Jahre nach dem »Ilius« erschienen ihre »Gespräche mit Dämonen«, eine Fortsetzung des Königsbuches, die sie Friedrich Wilhelm IV. am 3. August 1852 mit einem Begleitschreiben überreichte. Es sei ihr zu Ohren gekommen, so führt sie da aus, der König habe verlauten lassen, sie hasse die Könige, aber sie seien ihr gut genug, wenn sie ihrer bedürfe. Sie hält dies Gerücht dem König unerschrocken entgegen und erklärt: »Dies Buch wird darlegen, nicht, daß ich die Könige hasse, aber daß ich einen unter ihnen lieben durfte, den, wie es darin geschrieben steht, sein guter Dämon zur Größe hinanleiten wollte, die unsterblich über die anderen Fürsten ihn erhob.« Damit ist Zweck und Inhalt dieses Alterswerkes gegeben, denn ein Alterswerk in vollem Sinn ist das ebenso gedankenkühne wie verworrene Buch.
Als Titel war ursprünglich »Die Wolkenkammer« vorgesehen. Weder der eine noch der andere Titel kann für besonders glücklich und treffend gelten. Varnhagen, so oft der Gewährsmann für die Bettina dieser Spätzeit, glaubt zu wissen, sie selbst habe das Buch als ein Königs- und Volksbuch gedacht … Die Dämonengespräche wiederholen in der Hauptsache die Gedanken, die schon aus dem Königsbuch vertraut sind, in überspitzter und übersteigerter Form, vor allem Bettinas Lieblingsidee, den König »im Brennpunkt der Volkssonne« als »Genius seines Volkes« zu sehen. Wie im Königsbuch mischt Bettina willkürhaft ihre seltsam aristokratischen und demokratischen Anschauungen. Auf der einen Seite erhebt sie den Herrscher bis zum »Priesterkönig«, zum göttlichen und sittlichen Lehrer; auf der anderen Seite ist der König »Volksgewissen, Volksgesetz, Volksgenie«, dem sie die extremsten liberalen Forderungen stellt: Teilnahme des Volkes an der Gesetzgebung, Abschaffung des Krieges, Abschaffung der Todesstrafe, Republik des Geistes, allgemeine Toleranz, Emanzipation der Juden … Sie krönt das ganze Werk mit der Idee einer großartigen Völkersymphonie, in der ihre sozialen, politischen und religiösen Forderungen zusammenklingen und neben dem »Geist des Islam« Völker aller Nationen, Fürsten und Proletarier vereinigt sind …
Groß ohne Frage ist die Konzeption dieses letzten Werkes. Bettina wollte das Höchste und Äußerste aussprechen, das sie schaute, dachte und empfand; aber der hohen Konzeption entsprach leider nicht mehr das Gestaltungsvermögen. Wie die riesenhaften Umrisse gewitternächtiger Wolkenbilder ragen des Werkes Ideen in den Himmel und bleiben zwar dunkel und unfaßbar, aber sind doch denkwürdige Visionen einer großen, seherischen und künstlerischen Kraft …
»Meine größte Anlage: lieben«, bekennt Bettina in weiser, intuitiver Selbsterkenntnis; und ein andermal: »Frage nach der Liebe, die ist meine Kunst, in ihr soll ich darstellen, in ihr soll ich mich fassen und heiligen.« Diese Losung stand auch mit leuchtenden Buchstaben über ihren letzten Lebensjahren, über den politischen Irrnissen und Wirrnissen. Wohl konnte ihr noch immer heißblütiges Temperament zuweilen über das Ziel hinausschießen und fehltreffen wie bei ihrem Schwager Savigny, den sie während seiner kurzen Ministerschaft voreingenommen und erbittert bekämpfte und für alle von ihr gerügten politischen Fehler der Regierung verantwortlich machte, aber am Ende triumphierte doch immer wieder ihr unverwüstlicher Frohmut, – ein Optimismus, der tief und reich aus einem überströmend gütigen Herzen quoll … Man sieht, wie es schalkhaft um die beredten Lippen zuckt, wenn sie sich bewußt wurde, wie vergnüglich im Grunde ja ihre »zwei Salons« – der demokratische und der aristokratische – die Geister schieden und doch auch in ihrem Namen wohl oder übel unter dem gleichen Dach vereinigten; wie sie es war, die kraft ihrer überlegenen Persönlichkeit die Geister band und bannte; der sie sich friedlich fügen mußten – mit oder ohne Willen. Ihr weit- und hochfliegender Geist ruhte nicht bei Tag und Nacht. Unabsehbar das Reich ihrer Erinnerungen an Menschen, die ihr begegnet, die sie gekannt, gesprochen, geliebt. Unabsehbar auch heute wie einst ihr unermüdliches Tagewerk. Sie wußte nicht, was Langeweile war. Nur geistlose Menschen langweilten sich! … Nicht zu übersehen und zu erschöpfen ihre Pläne, ihre Aufgaben. Jeder Tag ist ihr zu kurz, kurzweilig – nicht langweilig!
Wann hätte sie je ihrem Goethegedenken genug getan? Was war schon das Denkmal des Goethebriefwechsels für Ihn, den Einzigen! Mußte sie nicht ein zweites, schöneres seinem Werk und Wesen widmen und schaffen? Würdiger und größer als das erste? …
Die letzten Jahrzehnte ihres Lebens waren beherrscht von der Idee, dem obersten Gott ihres Tempels ein neues, anderes, ähnlicheres Denkmal zu setzen, nicht in Buchstaben und Worten, sondern in Marmor …
Mußten nicht alle Künste Ihm dienen, der ihrer aller Inbegriff und Erfüllung war? Sie schreibt im Oktober 1838 an Varnhagen: »Wie oft habe ich in früheren Jahren das Rätsel meines Lebens gesucht und mich gefragt, warum ich auf der Welt sei. Nun wohl, diese Chimäre, Goethes Monument, ist das Rätsel meines Daseins« … Der Lösung dieses Rätsels gehörte in den letzten Jahren, die das Schicksal ihr noch gönnte, jeder freie Augenblick. Man erinnert sich jenes Bildes, das sie einmal an seinem Geburtstag schaute und aufzeichnete: Das Bildnis des am Meeresstrand auf goldenem Sessel thronenden Goethe im weißen Gewand, den Purpur untergebreitet. Es ist nicht der Goethe des »Briefwechsels mit einem Kinde«, nicht Goethe-Apoll, den sie damals erschaute, nein, sie wollte Goethe aussprechen, ihn der Menschheit mitteilen, wie nur sie es konnte und wußte. Nicht nur seine Jugend, seine Schönheit, auch seines Alters Weisheit, die geballte Kraft seines Geistes, der sich nichts im Himmel und auf Erden vergleichen konnte. Den ganzen Goethe-Jupiter, der die Welt regierte! …
Aus dieser frühen Vision erstand das Monument, das sie bis in die letzten Jahre, ja Tage immer auf's Neue beschäftigte. Schon schwach, kaum mehr imstande zu gehen, ließ sie sich zu dem Modell hinführen und betrachtete es, langsam herumgehend, von allen Seiten …
Ein stiller, sanfter Tod endigte am 20. Januar 1859 das erfüllte Leben Bettinas. Das Modell ihres Goethe-Monuments stand zu Häupten ihres letzten Lagers.
Nach Bettinas eigenem Zeugnis nannte Goethe selber das ihm gewidmete Monument, als er es im Modell sah: ein verklärtes Erzeugnis ihrer Liebe, eine Apotheose ihrer Begeisterung und seines Ruhms ….
22. Altersbildnis Bettinas
23. Wohn- und Sterbezimmer Bettinas
In den höchsten und seligsten Augenblicken ihrer Begeisterung war sie durchdrungen und erhoben von dem Gefühl der Verwandtschaft seiner und ihrer Natur, war erfüllt von dem Bewußtsein, sein Bild der Welt neu geschenkt zu haben … War sie nicht selber unsterblich durch das Denkmal, das sie dem Unsterblichen in Wort und Bild gesetzt? Als ein Teil von ihm ging sie ein in seine Unsterblichkeit. Allmächtig wie der Goethe-Jupiter ihres Monuments regierte auch sie die Welt. Es war und blieb dabei: »Mein Glaube ist mein Zauberstab, durch ihn erschaffe ich meine Welt.« Eine Welt, in der am Anfang und am Ende triumphierte das große Ich der romantischen Poesie, das die Welt erschuf und schöpferisch verklärte … Wie doch schrieb die zwanzigjährige Bettina schon an ihre Freundin Günderode: »Und was ich niemand sage als nur Dir, es liegt mir so nah, daß ich oft in Träumen mich nach dem Szepter umsehe, wo Gott den für mich hingelegt hat, und würde gewiß die Verwirrung lichten« …
Es ist leichter, eine Erscheinung wie Bettina durch ihre Fehler und Mängel anschaulich zu machen, als durch ihre großen Fähigkeiten.
So gehen denn auch die zeitgenössischen und späteren Urteile über diese seltene Frau weit auseinander, und es überwiegen diejenigen, die von ihren Schwächen und Absonderlichkeiten ausgehen. Statt vieler, die vielleicht bekannter sind, hier nur noch zwei aus berufenem Mund von Männern ganz verschiedenen Standpunktes.
Zuerst der preußische Geschichtsschreiber Heinrich von Treitschke: »Bettina war ein Kind der Sonne, halbwelschen Blutes, aufgewachsen in der freien Luft am grünen Rhein, die Gattin eines edlen, geistvollen Dichters, die schöne Mutter schöner Kinder, für alle Künste wunderbar begabt, ganz Phantasie und Gemüt, so daß ihr die herzbewegenden Worte und die farbigen Bilder von selber kamen; bei all ihren seltsamen Nixenlaunen, doch eine fromme, tapfere, mildtätige Frau« …
Dann der schwäbische Kulturhistoriker Johannes Scherr: »… Sie wäre bei ihrer universellen Empfänglichkeit, bei ihrem wunderbaren Rapport mit der Natur, bei dem unerschöpflichen Schatz ihrer Liebe und ihrer religiös glühenden Teilnahme für alles, was der Menschheit frommt, die größte Dichterin aller Zeiten geworden, wenn sie Eins verstanden hätte, freilich ein Unumgängliches: Das Geheimnis der Form« …
Endlich Bettina über sich selbst: »Man kann einen Charakter wie den meinigen nicht aus den Angeln heben, denn er ist stärker als die Hebel, die man anzulegen vermag. Die Zukunft wird einstimmen in den Grundton meines Geistes, und der wird ihre Modulationen leiten und stützen.«
Die Zukunft hat weithin eingestimmt in den Grundton ihres Geistes. Der Kundige wird ohne Mühe Ausstrahlungen dieses kühnen Geistes entdecken, bis hin zu Stirner und Nietzsche, zu Schopenhauer und Richard Wagner und bis in die Gegenwart.
Es gibt keine Formel, in die sich dieses wunderbar-wunderliche Bettina-Wesen einfangen läßt, wohl aber einen Schlüssel, der es ebenso erschöpfend wie gerecht erschließt: »… frage nach der Liebe, die ist meine Kunst, in ihr soll ich darstellen, in ihr soll ich mich fassen und heiligen.«
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