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Bettina war etwa siebzehn Jahre alt, Karoline von Günderode um fünfundzwanzig, als die beiden jungen Mädchen sich kennen lernten und näher aneinander anschlossen.
Bettina war also so recht in dem Alter, wo die Jüngere gern zu der Älteren aufschaut. Kommt noch dazu, daß die Ältere eine angehende, ja anerkannte Dichterin ist und die Jüngere so ausbündig-schwärmerisch veranlagt, so wird aus dem Aufschauen leicht schrankenlose Bewunderung, wo nicht Vergötterung. Für Karoline war es gewiß noch besonders anziehend, der Schwester eines schönen, jungen und vielgenannten Dichters nahezutreten, der den Inbegriff romantischer Geistesart in sich verkörperte. Und außerdem war die junge Freundin eine Enkelin der weit über Frankfurt hinaus gekannten und angesehenen Schriftstellerin Sophie Laroche.
Möglich, ja wahrscheinlich, daß die Zwei sich mindestens vom Sehen kannten und gefielen, als das Stiftsfräulein von Günderode eines Tages in der Offenbarer Grillenhütte vorsprach und Bettina im Lauf des immer lebhafteren Gesprächs einlud, sie gelegentlich in ihrer Wohnung zu besuchen.
Karoline von Günderode war eine geborene Karlsruherin, deren beide Eltern dichterisch befähigt waren. Der Vater, ein höherer Beamter, hatte 1771 einen Band »Idyllen« veröffentlicht, die Mutter war mit literarischen Beiträgen in verschiedenen Zeitschriften vertreten. Nach dem Tode des Vaters zog sich die Witwe nach Hanau zurück, wo sie in engen Verhältnissen lebte, und Karoline wurde 1797 in das Frankfurter Adlige Evangelische Damenstift aufgenommen, was um so gebotener war, als der Kammerherr von Günderode außer ihr noch fünf Töchter und einen Sohn hinterlassen hatte … Das Stift war kein Kloster, hatte aber in manchem klösterlichen Zuschnitt. Die Bewegungsfreiheit der Stiftsdamen – meist junge Mädchen aus verarmten adligen Familien – war nicht gehemmt; Karoline jedenfalls empfing viele Besuche und reiste auch viel. Dazu unterhielt sie, wie üblich in dieser Zeit des überregen Briefschreibens, einen ausgedehnten schriftlichen Verkehr.
Die menschenhungrige Bettina war nicht ungern der Einladung des Stiftsfräuleins gefolgt und hatte sie besucht. Die Besuche wiederholten sich hinüber und herüber bald täglich und wurden noch durch immer häufigere Briefe ergänzt.
Schon rein äußerlich waren Bettina und Karoline auffallende Gegensätze. Fast unbegreiflich erscheint diese Freundschaft, vergegenwärtigt man sich die innere Verschiedenheit der beiden Mädchen, wie sie die Schilderung Bettinas festhielt: Sie (Karoline) »war so sanft und weich in allen Zügen wie eine Blondine. Sie hatte braunes Haar, aber blaue Augen; die waren gedeckt mit langen Augenwimpern; wenn sie lachte, so war es nicht laut, es war vielmehr ein sanftes, gedämpftes Girren, in dem sich Lust und Heiterkeit vernehmlich aussprach: sie ging nicht, sie wandelte, wenn man verstehen will, was ich damit auszusprechen meine; – ihr Kleid war ein Gewand, was sie in schmeichelnden Falten umgab, das kam von ihren weichen Bewegungen her, – ihr Wuchs war hoch, ihre Gestalt war zu fließend, als daß man es mit dem Wort schlank ausdrücken könnte, sie war schüchtern – freundlich und viel zu willenlos, als daß sie der Gesellschaft sich bemerkbar gemacht hätte« … Setzt man zu diesem sprechenden Bildnis, wie es die zarteste Liebe malt, Zug für Zug das Gegenteil, so hat man das ebenso ähnliche Porträt der braunen, wilden Bettina dieser und späterer Jahre …
Gerade die weltgreifende Gegensätzlichkeit ihrer Naturen macht die beiden Freundinnen nicht bloß zu Vertrauten ihrer intimsten Herzensgeheimnisse, sie gab ihnen auch Anreiz und Antrieb, sich über das Kleinste und Größte, über Welt und Gott auszusprechen … Nirgendwo hat Bettina so wie im Verkehr mit der Günderode ihr Dichtertum, die ganze Poesie ihres Wesens und ihres Weltbildes ausgesagt … Von den Herzensgeheimnissen nur so viel: die ganze Romantik ist von einer Atmosphäre des Liebelns und der Verliebtheit durchzogen und erfüllt, die sich in ihrer Vielfalt kaum mehr von uns Heutigen erfassen und nachfühlen läßt. So spielen auch erotische Beziehungen und Berührungen zwischen der Günderode und Savigny, Clemens Brentano und der Günderode, die sich in zum Teil verwirrenden brieflichen Geständnissen und Bekenntnissen auswirken … Wie viel mehr noch gilt dies für Bettina mit ihrem bedingungslosen Evangelium der Poesiewerdung des Lebens! …
Reiner noch und mächtiger als jede solche romantische Tändelei ist für das Naturkind Bettina das unmittelbare Leben mit aller Natur und Kreatur: Von der Biene, die sich im Tau der Blüte badet, bis hoch hinauf zum klingenden Reigen der Sterne. Mächtiger und reiner ist für sie das Erleben der Musik, die sie als den Urquell aller Kunst und insbesondere ihrer eigenen, dichterisch gestimmten Seele empfindet. Denn eine Dichterin von Gottes Gnaden ist Bettina, nicht in dem oberflächlichen, überschätzenden Sinn, mit dem die Romantiker oft jedes bescheidenste Talent als Genie nahmen, sondern in jenem hohen und höchsten Sinn, wo die Natur selbst Sprache und Gestalt gewinnt: als Verkörperung der Poesie, die sich in allem offenbart. Es ist kein Zufall, daß Bettina selber nicht nur einmal betont, sie wolle keine Bücher schreiben, keine Dichterin werden. Ihr unbändiger Freiheitssinn sträubt sich gegen jede herkömmliche Form, wie im Leben so in der Kunst. Sie sucht immer und überall die Unmittelbarkeit alles Seins zu erspüren, auszuwittern und auszudrücken. Man kommt vielleicht einem fast Unsagbaren am nächsten, wenn man sie ihr Dichtertum wie alles wahre Genie auf die Formel bringen läßt: »Nicht ich dichte, sondern es dichtet!« Dies ist wohl auch der Punkt, wo sich alle echte und beste Romantik mit der Mystik und der Magie begegnet. Bettinas letztes und höchstes Bemühen in den brieflichen und mündlichen Unterhaltungen mit der Günderode gipfelt in dem Versuch, das Geheimnis ihres Wesens, den in ihr wirkenden Naturgenius, der Freundin verständlich zu machen. »Die Gedanken hängen sich«, so meint sie, »wie die Schmetterlinge an die Blumen an mich«. Die Günderode widerum, die es mit der »heiligen Deutlichkeit« hält, sieht in der Genialität, der wildschweifenden Phantastik nur das Formlose, nur die Unordnung, die Ablehnung alles bewußten Bildens – lauter Gefahren, denen sie in Übereinstimmung mit der Großmutter Laroche und mit dem Bruder Clemens durch Erziehung des Wildlings Bettina begegnen möchte.
Es handelt sich zunächst darum, der Schülerin, deren Wissen sehr im Argen lag, einige Grundkapitel beizubringen, die in der allgemeinen Bildung nicht fehlen dürfen. Vor allem soll Geschichte getrieben werden. »Der Geschichtslehrer kommt dreimal die Woch: Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, eingeklammert hinten und vorn in zwei Feiertage, Freitag, Samstag am End, Sonntag und Montag am Anfang. Er unterrichtet mich so, daß ich wahrscheinlich der Zukunft ewig den Rücken drehen werde und so auch um die liebe Gegenwart geprellt wär. Wenn die unreifen Aprikosen in der Großmutter Garten nicht meinen Diebssinn weckten, mit denen ich doch für meinen Verstand etwas Handgreiflicheres zu erbeuten gedenk als: ›Die Geschichte Ägyptens ist in den ersten Zeiten dunkel und ungewiß‹ …« In jedem Wort und Satz ist der Mutwille eines aufsässigen Kindes spürbar, lacht und kichert der Kobold und »Spritzteufel«, der Bettina heißt. Der Geschichtslehrer war ein Herr Arendswald. Hier sein Portrait, als er ihr vor der Haustür begegnet: »Da kam mein guter Herr Arendswald vorbei, er nahm den Hut ab, ich sagte ihm nicht, daß er ihn wieder aufsetzen solle, denn ich hatte gesehen, daß ein Loch darin war und wollt' diese Wissenschaft gern vor ihm verbergen … Meine Augen fielen auf seine Stiefel, da präsentierte sich ganz ungerufen der kleine Schelm, der große Zeh, welchen Arendswald durchaus nicht bei der Audienz dulden wollte … Wo sollte ich meine Augen hinrichten … Ich sah auf seinen Bauch, da fehlten alle Knöpfe und die Weste war mit Haarnadeln zugeklammert. Wo er die mag hererwischt haben? Denn er trägt einen Caligula, welches bekanntlich die höchste geniale Verwirrung im Haarsystem ist.« … Der Übermut der Schülerin, dem neben aller Spottlust doch auch Zartsinn und sozialer Takt beigemischt sind, wird durch das herausfordernd klägliche Bild des armen Teufels von Geschichtslehrer einigermaßen verständlich.
Nicht nur die Geschichte des Altertums, auch die Naturwissenschaft wird in den Unterricht einbezogen. Mit mehr Interesse läßt sich Bettina von Arendswald in die Wunder der Elektrizität einführen, die sie oft und gern zu Gleichnissen benützt: »Ich bin ein elektrischer Funke!« …
Ihre früh hervortretende Musikalität wird im Lehrplan durch das Studium des Generalbasses berücksichtigt: »Heut morgen war der Geschichtskerl nicht da, da hab ich Generalbaß studiert, von dem könnte ich eher sagen, daß ich was gelernt hab', über den hab' ich Gedanken, er spricht mich an wie ein Geheimnis …«
Der Unterricht Arendswalds und des Musiklehrers wird erweitert durch schriftliche und mündliche Gespräche mit Großmutter Laroche und mit der Freundin. Auch Bruder Clemens steuert das Seinige bei. »Großmama«, die eine geschichtlich bewegte Vergangenheit, die Französische Revolution und die Revolutionskriege miterlebt hat, spricht besonders gern über den großen Volkstribunen Mirabeau; die Günderode über die Philosophen der Romantik; Clemens verordnet Schillers »Ästhetische Briefe« als Lektüre. Auch bei diesen Gegenständen behauptet sich oft trotzig und respektwidrig Bettinas unabhängiger Sinn. Die Philosophen lehnt sie überhaupt ab und heißt Schelling, Fichte, Kant schlechtweg »unmögliche Kerle«! Die Musik ist und bleibt ihr Element, ist ihr der »Urgeist aller Elemente« …
Wohltätige Abwechslung brachten allerhand kleine Reisen an den Rhein und an die Lahn, wie sie sich durch die Besuche bei den zahlreichen Geschwistern und Verwandten immer wieder boten. Die Landsitze und Weingüter der wohlhabenden Familien Brentano und Savigny luden zu jeder Jahreszeit zu gastlichem Verweilen ein …
Als besonders dankbares Reiseziel erwies sich für Bettina und Clemens der »Forsthof«, wo in Marburg Schwager und Schwester Savigny hausten. Der schöne alte Herrensitz, der verwilderte Garten mit dem efeuumrankten alten Gemäuer schlug Bettina mächtig in Bann und sie wurde nicht müde, die versponnene Romantik des unter dem Marburger Schloß gelegenen Wohnsitzes mit schwärmender Phantasie zu beleben und zu genießen. Hier, wenn irgendwo, schwelgte ihr Dichtergemüt in seliger Naturstimmung und Naturschau. »Ich wohnte einen ganzen Winter am Berg dicht unter dem alten Schloß. Der Garten war mit der Festungsmauer umgeben, aus dem Fenster hatte ich eine weite Aussicht über die Stadt und das reichbebaute Hessenland; überall ragten gotische Türme aus den Schneedecken hervor; aus meinem Schlafzimmer ging ich in den Berggarten; ich kletterte über die Festungsmauer und stieg durch die verödeten Gärten … So verging ein Teil des Winters, ich war in einer sehr glücklichen Geistesverfassung, andere würden sie Überspannung nennen, aber mir war sie eigen … An der Festungsmauer, die den Garten umgab, war eine Turmwarte (der heutige ›Bettinaturm‹), eine Leiter stand drin« … Hier konnte die Elfe, als die sie sich fühlte, in silbernen Mondnächten ihre Flügel breiten und schwingen; hier der Kobold Bettina nach Herzenslust herumtollen am Tag und in der Nacht und halsbrecherische Kletterfahrten unternehmen …
Es will Frühling werden … »Das Wetter hat sich geändert. Der grüne Bergrasen lacht das bißchen Schnee aus, was Winter sein will. Ich bin den ganzen Tag nicht zuhaus, ich muß auf die alte Wart'« … Gestern war sie früher oben. »Die Luft wehte weich und die ganze Landschaft war verändert, weil über Nacht der Schnee weggeschmolzen war, und könnt' mich auf nichts besinnen in der schmeicheligen Natur. So geht's gewiß den schnee-entlasteten Tannen und den Wiesen, und die gelben Weiden und die Birken taumeln in dem lauen Wehen wähnend und schwankend, als könnt' der Frühling wohl einmal den Winter überhüpfen; sie sind im Winterschlaf vom Frühlingstraum geneckt, ich auch – Frühling ist Seligkeit, weil's Begeisterung ist von der Zukunft, Seligkeit ist Begeisterung zum Leben, das ist Frühling. Wer ewig zum Leben begeistert ist, der ist immerdar Lebensfrühling, das Leben ist aber bloß Begeistrung, denn sonst ist's Tod« …
Schwer wurde es Bettina, vom alten Forsthof mit seinen Gärten, seinen Mauertrümmern und der geliebten alten Warte Abschied zu nehmen … Was alles mochte sie der Freundin erst wieder mündlich zu erzählen haben! »Meine Seele ist eine leidenschaftliche Tänzerin!« ruft sie einmal aus mitten im beglückenden Rausch der beseligenden Trunkenheit ihrer Begeisterung, wo ihre äußerste, schon fast mystische Ekstase kaum mehr Worte findet und eher stammelt als redet. Und doch ist ihre ganze rhythmische Beschwingtheit in solche Unsagbarkeiten geprägt … Es ist der älteren, formverlangenden Günderode gewiß nicht immer leicht geworden, mit dieser Tänzerin Schritt zu halten, mitzuschwärmen im Wirbel der Gesichte, die das wundersame Märchenkind mit dem Zauberstab seiner Phantasie in schrankenloser Willkür entfesselte …
Es fehlte bei alledem den jungen Mädchen doch nicht an glückhaft-leichten, lustigen Stunden, wo sie ihren Mutwillen die Zügel schießen lassen und miteinander auf Phantasiereisen gingen. Sie dachten sich an heißen Sommertagen in die Regionen des eisigen Nordens, im kalten Winter in die sengenden Wüsten Afrikas. Dann wollte ihr ausgelassenes Gelächter über das närrische Phantasiespiel kein Ende nehmen.
In ernsteren Stunden dachten sie sich – freilich auch schon das Komische streifend – als Stifterinnen einer neuen Religion, die sie die »Schwebe-Religion« nannten. Der Günderode mußte es manchmal wirblig werden über all den Gedankensprüngen und kühnen Traumkapriolen Bettinas; denn die war immer die Anstifterin und Anführerin der hirnschelligen Spiele wie der ernsthaften Unterhaltung. Es ist kein Wunder, daß Karoline und der Bruder Clemens gelegentlich von der »Besessenheit« Bettinas sprechen. »Ich weiß nicht, bist du das Spiel böser Dämonen«, ruft ihr die Günderode zu.
Der Freundin und dem Bruder schien es dann wohl, als stritten sich in Bettinas Seele die weiße und die schwarze Magie.
Auch Bettina läßt es nicht an besorgten Ratschlägen für die Freundin fehlen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich mit den Jahren die Verschiedenheiten der beiden Naturen verschärften. Bettina litt unter der Melancholie der Freundin, die sie nicht dulden wollte: »Ich habe nie deine Reden über Leben und Sterben leiden mögen!« …
Warf das Schicksal seine Schatten voraus? …
Was die Briefe der Günderode nicht verraten, ist eben jene Schwermut, die Bettina nicht gelten läßt und bekämpft. In Bettina offenbart sich, richtig verstanden, die Poesie als »Urphänomen« oder, um mit Hamann zu reden, als die »Muttersprache des menschlichen Geschlechts«. Karoline dagegen, die ihre Dichtungen unter dem Decknamen »Tian« veröffentlichte, war mit Willen und Wissen Dichterin, ein Talent freilich von begrenzten Maßen und ohne starke persönliche Note. Sie war keine eigenwüchsige Dichterin. In den wenigen Werken, die sie in Druck gab, ist neben dem Selbstempfundenen allerhand Angeeignetes und Anempfundenes. Es finden sich Ossiansche Nachklänge neben Einwirkungen von Jean Paul, den die Günderode gern las. Ihre Dramen, erschienen unter dem Sammeltitel »Poetische Fragmente«, sind ohne dramatisches Temperament, sind mehr rhetorische Monologe und Dialoge, mehr Deklamationen als Handlungen. Ihre eigentliche Begabung ist lyrisch, und da sind ihr vereinzelte Strophen gelungen, die aus dem Herzen kommen und zum Herzen sprechen.
Sinn und Wesen ihres Dichtertums umschreibt sie selbst mit dem schönen Ausspruch: »Gedichte sind Balsam auf Unstillbares im Leben« und mit dem Bekenntnis: »Ich suche in der Poesie wie in einem Spiegel mich zu sammeln und durch mich hindurchzugehen in eine höhere Welt, und dazu sind meine Poesien die Versuche …«
Wie in ihren »Dramen« die tragischen Liebeskonflikte überwiegen, so herrschen in ihrer Lyrik die dumpfen und trüben Töne vor den bejahenden und hellklingenden. Es liegt öfter wie eine Ahnung kommenden Schicksals in ihren Versen:
»Sieh alles Leben! Es ist kein Bestehen,
Es ist ein ewiges Wandern, Kommen, Gehen,
Lebend'ger Wandel. Buntes, reges Streben!
O Strom! in dich ergießt sich all mein Leben!
Dir stürz' ich zu! Vergesse Land und Port!«
Auch in dem Gedicht »An Clemens« flieht sie aus der rauhen Wirklichkeit des Lebens in die Poesie:
»Auch ich lag träumend auf der Erde,
Ihr dunkler Geist war schwer auf mir,
Da trat mit freundlicher Geberde
Die heil'ge Poesie zu mir.«
Während sich Bettina in begeisterter Lebensbejahung der allmächtigen Poesie hingibt, flüchtet die Freundin müde und verzagt in den Port der heiligen Kunst.
6. Jugendbildnis Bettinas
Aufnahme im Besitz von Frau v. Savigny, München
7. Familie des Kanzlers La Roche im Grünen Zimmer in Ehrenbreitstein.
Maximiliane La Roche sitzt zwischen den Eltern.
Ölgemälde von Tischbein
Ihre große Liebessehnsucht ist durch schwere und bittere Enttäuschungen gegangen. Schon ihr Verhältnis zu Savigny stand von vornherein unter dem unglücklichen Stern, daß die Gegensätze zwischen ihrer und seiner Natur unaufhaltsam einem Bruch, einer tragischen Auseinandersetzung zutrieben. Man kann Savigny nicht eigentlich eine romantische Natur nennen. Wie schon in seinem Verhältnis zu Clemens, vereinigt er ein seltenes Talent zur Freundschaft, ein liebenswertes Menschentum mit einer Schärfe und Klarheit des Verstandes, die alles andere als romantisch waren. Der Mensch Savigny war so liebenswert, daß mehr als einmal, selbst dann, wenn unübersteigliche Hindernisse und schroffe Gegensätze die lebendigsten Bande der Freundschaft zerrissen, die Beziehungen von Mensch zu Mensch auch die gefährlichste Krisis überdauerten. Das wird schon deutlich auf seiner Rheinreise mit Clemens, wo die Verschiedenheit der beiden Freunde, des unbeirrbaren, zielsicheren Juristen und des romantischen Schwärmers zu allerhand Disharmonien führt. Savignys unabdingbares Streben nach Gerechtigkeit und Klarheit im Urteil über die Menschen, beherrscht auch sein Urteil über die nächststehenden Freunde. Man tut gut daran, wenn einem im Kreise um Bettina ein schwankendes Charakterbild begegnet, sich bei Savigny Rat zu holen. Es war wohl gerade diese männliche Klarheit, die auch auf die Frauen so anziehend wirkte. Ein Musterbeispiel ist Bettina selbst, die trotz schwerster Differenzen und über bitterste Auseinandersetzungen hinweg ihrem nachmaligen Schwager bis zuletzt ein Gefühl hoher Achtung, ja Bewunderung bewahrte. Ähnlich vollzog sich auch die Wandlung in Savignys Verhältnis zu Bettinas Herzensfreundin, der Günderode. In einem Briefe an Bettina übte er jene strenge, unbestechliche Kritik, die für ihn so charakteristisch ist und in diesem Fall die beiden Freundinnen trifft: »Den passiven Naturen ist das Höchste, ja das einzig Wichtige die Tiefe und Eigentümlichkeit ihrer Empfindung … Die meisten Menschen dieser Natur sind in Gefahr, das Tiefe und Bedeutende mit dem Außerordentlichen zu verwechseln und bei vielen bleibt und wächst dieser Irrtum immerfort. Flache Menschen werden dann ganz geschmacklos und selbst der Pöbel tut ihnen nicht unrecht, indem er sie überspannt und romanhaft nennt. Bei bedeutenderen Menschen ist derselbe Irrtum fast noch gefährlicher, indem er sich bei ihnen mit der wahren Empfindung, die sie haben, vermengt und so unergründlicher wird. So bist Du, und daß Du so bist und bleibst, kommt von einer Gottlosigkeit her, die Deine gute, wahrhafte Natur gewiß schon ausgestoßen hätte, wenn es die sinnliche Schwäche Deines Gemüts zuließe. Alles nämlich, was Deine Seele augenblicklich reizt, unterhält und erregt, hat einen solchen absoluten Wert für Dich, daß Du ihm auch die schlechteste Herkunft leicht verzeihst. Etwas recht von Herzen lieben, ist göttlich und jede Gestalt, in der sich uns dieses Göttliche offenbart, ist heilig. Aber daran künsteln, diese Empfindung durch Phantasie höher spannen als ihre natürliche Kraft reicht, ist sehr unheilig.«
Über dem anmutigen, zugleich temperamentvoll-beschwingten und ernsten Bildnis, das Bettina von ihrer Freundin Karoline entwirft, liegt von vornherein ein melancholischer Schatten. Kein Zweifel, wenn diese phantasievolle, zarte, liebebedürftige, weiche Braune vom Schicksal in Flammen gesetzt wurde, mußte ein solches tiefwühlendes Erlebnis tragisch enden. Die ihr ganzes Leben bestimmende Leidenschaft, die kein klar denkender Savigny und kein »Urheber der fliegenden Geistreichigkeit« wie Brentano hatte erwecken können, trat ihr in Gestalt des Marburger und späteren Heidelberger Universitätsprofessors für Altphilologie Friedrich Creuzer entgegen. Nach allem, was über ihn zu ermitteln ist, ist es kaum zu verstehen, wie der unschöne, kränkelnde Mann die Leidenschaft eines schönheitshungrigen, zum Heroismus neigenden jungen Mädchens entzünden konnte. Seine geistigen Vorzüge müssen ausnehmend groß und reich gewesen sein; denn die Romantiker zählten Creuzer und seine von den Fachwissenschaftlern viel angefochtenen Werke über Mythologie und Symbolik zu ihresgleichen.
Über die Entstehung der beiderseitigen Leidenschaft fehlt das Wie und das Wo, fehlen nähere Daten. Weiß man, daß der um neun Jahre ältere Creuzer mit einer um dreizehn Jahre älteren Frau verheiratet war und deren drei Kinder aus erster Ehe er erst als Lehrer, dann als Vater betreute, so spitzt sich die Tragödie unerbittlich zu. Eine schwere Krankheit auf seiner Seite, während der ihn seine Frau aufopfernd pflegte, bewog Creuzer zu dem Gelöbnis, das seine Gemütsart charakterisiert, der Geliebten zu entsagen, wenn er wieder genesen würde. Er schrieb dann auch in diesem Sinne an Karoline, ohne zu berücksichtigen, wie schwer ein solcher Bruch des gegebenen Wortes eine Natur wie die ihrige belasten und verwirren mußte. Sie, die in ihrer mehr romanhaften als romantischen Veranlagung bereit gewesen war, ihrer Liebe jedes Opfer zu bringen, selbst – als Mann verkleidet mit ihm zu leben, wohin er sie führen würde, mußte Creuzers verändertes Verhalten als schnöden und treulosen Verrat empfinden und daran rettungslos zerbrechen. Und diese letzte größte Enttäuschung gab ihr den Dolch in die Hand, den sie sich ins Herz stieß …
Ein Dunkel schwebt über dem Ende von Karolinens Freundschaft mit Bettina, einer Freundschaft, die ihr die wenigen glücklichen Jahre ihres Daseins bescherte. Offenbar litt die Günderode mehr und mehr unter der zunehmenden Gegensätzlichkeit der beiden Naturen. Bettinas überquellender Reichtum, ihre willkürhafte, ungebändigte Phantastik »außer aller Ordnung« drückte je länger je lähmender auf das schwerlebige, sanfte und edle Frauenwesen. Es kam hinzu, daß Bettina in ihrer oft so sprunghaften und rücksichtslosen Art aus der schroffen Ablehnung, die sie Creuzer gegenüber empfand, kein Hehl machte. So entschloß sich Karoline, vielleicht ehe ihr eine Laune Bettinas zuvorkam, den Verkehr mit der langjährigen Freundin abzubrechen … Doch das sind nur Vermutungen, die nicht untrüglich zu beweisen sind. Wenn sie den Tatsachen entsprechen, so wäre der Bruch mit der geliebten Freundin, als deren »Widerhall« sie sich wissen durfte, ein Glied mehr in der Kette der Schicksalsschläge, die eine Karoline von Günderode nicht überleben konnte.