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Bettina und Christiane

Es fällt schwer, sich das »Kind«, das mit einem Goethe in Briefwechsel stand, das mit den Zauberfittichen einer ungebändigten Phantasie die höchsten und fernsten Gipfel erfliegt, das mit den Geistern der Elfen in den Blumenkelchen Zwiesprache hält und zur Sphärenmusik der Sterne tanzt, das als Kobold auf Stuhllehnen und Schreibtischen knabenhaften Mutwillen treibt – sich dies Kind Bettina als ehrsame Ehe- und Hausfrau zu denken. Noch eben unterschreibt sie an Goethe: »Dein ewig treues Kind, das keinen andern Weg weiß als zu Dir«, und zwei Monate nach der Hochzeit steht in einem Brief an denselben Goethe zu lesen: »Ich weiß nicht, warum ich so glücklich bin?« … Bettina beschreibt dann mit anheimelndem Behagen das Tagwerk in dem kleinen Haus und Garten am Berliner Monbijou-Platz, das Arnims bewohnten.

Man fürchtet einen tragischen Bruch in Bettinas Dasein und Wesen, statt dessen findet man ein Idyll: »Von morgens früh gehe ich der Musik nach, und Arnim treibt seine eigenen Geschäfte, gegen Abend bearbeiten wir ein kleines Gärtchen hinter unserm Häuslein, das mitten in einem großen Garten liegt – und nun Philemon und Baucis konnten nicht ruhiger leben!« – Diesem fast kleinbürgerlichen Stilleben fehlt auch der Rahmen der dichterisch erlebten Natur nicht, wie er Bettina eigen ist: »Ich wohne hier in einem Paradies! Die Nachtigallen schmettern in den Kastanienbäumen vor meinem Schlaffenster und der Mond, der immer so hell geschienen, weckt mich mit seinen vollen Strahlen« …

»Die beiden Jahrzehnte, die Bettina mit ihrem Gatten verlebte, sind sicherlich die schönsten ihres Daseins gewesen«, meint der Herausgeber ihrer Sämtlichen Werke und scheint recht zu behalten, wenn man die verstehenden brieflichen Äußerungen liest, nach denen Bettina ohne jede Erschütterung von der ersten in die zweite Hälfte ihres Lebens trat, aus stürmischer, innerer Bewegtheit in die Stille der Erfüllung. Hatte die sechsundzwanzigjährige Bettina in der Tat im Frieden eines Idylls die Erfüllung ihres Frauentums und ihrer Mignonsehnsucht gefunden? Geht die Gleichung dieser zwei Komponenten ihres Daseins wirklich ohne Bruch auf?

Antwort auf diese Frage konnte nur das »Kind« geben, das sich bisher so gefügig in die Wendung seines Schicksals gefunden hatte. Daß es eine Antwort nicht überhaupt schuldig bleiben würde, ergab sich mit psychologischer Folgerichtigkeit aus der Spannung der in Bettina wirksamen Gegensätze und aus ihrer sprunghaften, explosiven Natur …

Die geplante Reise an den Rhein, die Arnim seiner Frau versprochen hatte als nachträgliche, bisher unterbliebene Hochzeitsreise, führte das junge Paar zunächst nach Halle, wo auf Giebichenstein bei dem befreundeten Kapellmeister Reichardt Station gemacht und Bettina von der Frau und den Kindern »fast angebetet« wurde: »Es wurde ihr eine Bank im Garten errichtet, die ihren Namen trägt.« Über den ersten glücklichen Verlauf der Reise berichtet Arnim nach Berlin bereits aus Weimar an den Schwager Savigny. Goethes Sekretär Riemer hatte für ein vortreffliches Unterkommen gesorgt, was um so wichtiger war, als Bettina ihr erstes Kind erwartete. Das Quartier war so stimmungsvoll wie nur denkbar: »Eine schöne, ganz fertig eingerichtete Wohnung am Park neben Goethes Garten.« Alles war so angenehm, daß der Briefschreiber Lust verspürte, Jahre darin zu verleben.

Goethe empfing die Reisenden – immer nach Arnims Erzählung – unendlich gütig: »Sein Geburtstag traf ihn so jugendlich, daß er sich erstaunte, zum 63. Male ihn zu begehen. Wir sind fast alle Tage in seinem Hause und mit den Seinen gewesen.« … Alles ließ sich ebenso schön wie unterhaltsam an: Am Abend des 30. August geht der jugendliche Sechziger mit seinen auswärtigen Gästen nach dem Schießhaus, wo ein Vogelschießen stattfand und Katzenkomödie, Schattenspiele, Volkssängerinnen in angenehmer Abwechslung mit Lotteriespielern und Würfelspielern den schönen Baumgang nach dem Schießhaus belebten … Man wetteiferte bei Hof, auf der Bibliothek und überall, wo er hinkam, sich Arnim liebenswürdig und gefällig zu erweisen. Der Aufenthalt in Weimar war für vierzehn Tage in Aussicht genommen, wo nötig für länger. Arnim ergeht sich brieflich gegenüber Savigny in seiner bekannten barocken, spaßhaften, derb-erdständigen Manier über den erwarteten »Erstling«.

Auf den 13. September lud Goethes Freund, Johann Heinrich Meyer, der sog. »Kunscht-Meyer«, die Damen zur Besichtigung einer Kunstausstellung in die von ihm geleitete Zeichenschule. Bei dieser an sich so unverfänglichen Gelegenheit ließ sich die Frau Geheimrat Goethe durch kritische Äußerungen der Frau von Arnim reizen. Ein spitzes Wort gab das andere. Da hüpfte der stets sprungbereite Kobold aus Bettinas Herz auf ihre Zunge. Die beiden Frauen ereiferten sich mehr und mehr in hitzigem Wortstreit. Tätlichkeiten drohten, ja begannen … Bettina in maßloser Wut gebrauchte ein häßliches Schimpfwort.

Aus heiterem Himmel folgten sich Blitz und Donner. Das »Kind« rächte sich in unbewachten Augenblicken für die lange geübte Selbstbeherrschung. Die mühsam verborgene Eifersucht brach mit grellen, zündenden Funken aus ihrer »elektrischen Natur«. In ihr brodelte und kochte es: Wie?! Dieser grobschlächtigen, ungeistigen Person sollte ein Goethe gehören – er, der Einzige, der Gott, für den sie geschaffen war wie keine sonst; dem ihr ganzes Leben geweiht war, all ihre Verehrung und Liebe!?

Der Bruch war da.

Nicht bloß zwischen Frau und Frau, sondern, was schlimmer war, zwischen dem »Kind« und seinem Abgott, zwischen Bettina und Goethe, der sich – wie zu erwarten – bedingungslos auf die Seite seiner Frau stellte, wie Arnim neben die seinige.

Es ist nicht verwunderlich, daß sich der skandalöse Auftritt in der Zeichenschule in der kleinen Residenz an der Ilm, die ohnehin für ihre Klatschsucht berufen war, wie ein Lauffeuer verbreitete. Die Nächstbeteiligten, vorab die beiden Frauen, wurden sich wohl erst allmählich bewußt, was geschehen war. Ob, wie sie es behauptete, Bettina die Angegriffene war, ob Frau Christiane, wird sich – wie stets in derlei Streitfällen – nie einwandfrei ermitteln lassen. Fest steht nur, daß Frau von Arnim am 17. September an Goethe schrieb: sie wolle seiner Frau ihr Betragen verzeihen, er würde ihr immer lieb bleiben … Goethe gab keine Antwort, auch ein Schreiben Arnims in derselben Sache blieb unbeantwortet … Man versteht ohne weiteres, daß Goethe, besonders da vor der Öffentlichkeit die Achtung vor seiner Frau verletzt worden war, keinen Spaß verstand und den Arnims das Haus verbot …

Möglich, ja wahrscheinlich, daß Goethe selbst den Bruch unschwer verschmerzte, wenn er auch unter so unerfreulichen Umständen erfolgt war und die Trennung von Arnim, den er aufrichtig hochschätzte, mitbedeutete. Goethe hat sich in den kommenden Jahren über Bettina, die er sonst stets mit vollendeter Nachsicht, ja mit zartem und gerechtem Verständnis beurteilte, sehr scharf ausgesprochen.

Unter dem Eindruck des Zerwürfnisses setzten Arnims ihre Reise nicht gerade frohen Herzens fort. In einem ausführlichen Brief an Savigny schildert Achim aus Frankfurt die Vorgänge, die zur vorzeitigen Abreise aus Weimar geführt hatten. So ritterlich, wie es von ihm nicht anders zu erwarten war, nahm er für seine Frau Partei. Leider ließ er es dabei an versteckten und derben Anspielungen auf Goethe und seine Umgebung nicht fehlen, die man um so lieber missen möchte, als sie von häßlichen Klatschereien über die Geheimrätin begleitet sind, wie sie in Weimar umliefen. Im übrigen klingt durch die Verärgerung, ja Erbitterung Arnims doch das ehrliche und schmerzliche Bedauern über die Trübung des guten Einvernehmens mit Goethe: »Am Hofe sah ich ihn zum letzten Mal, er grüßte so freundlich, als wäre gar nichts geschehen; aber er vermied es durch die künstlichsten Märsche, daß ich ihn nicht anreden konnte … Ich hätte ihm gern doch noch einmal die Hand gedrückt … Bettina mag nicht mehr gerne von Goethe hören.«

Unterwegs hellte sich die Stimmung der Reisenden zusehends auf, je mehr sie sich dem Rheingau und Bettinas Heimat näherten. Auf Schloß Trages, dem Besitztum Savignys, wo sie am 4. Tag ankamen, und im »Ballsaal« das Mittagsmahl einnahmen, wurden sie gastlich empfangen. Schon als sie unter fürchterlichem Hundegebell in den Hof fuhren, »hüpfte ihnen das Herz«. Im Hause selbst gar umdrängten sie Erinnerungen aus früheren Tagen »wie eine große, ungebetene, aber doch willkommene Gesellschaft von Glückwünschenden« …

Von Frankfurt, wo kurz die nötigen Familienbesuche erledigt wurden, ging es nach Winkel am Rhein, dem Landsitz des Familienältesten Franz Brentano. Das junge Paar nistete sich hier für längere Zeit ein. Der gesegnete Weinherbst, ihnen von alters her vertraut, stand auf seiner Höhe. »Ein Überfluß von Trauben vom Morgen bis in die Nacht« … Berge und Strom und rebenumkränzte Dörfer und Städtchen im satten Herbstsonnenschein! Erst recht für Bettina erwachte hier in naher und weiterer Umgebung wonnig-wehmütiges Erinnern. In Winkel hatte sie vor Jahren mit der Günderode in naturseliger Freundschaft geschwärmt und geschwelgt, hatte die schöne, gefühlvolle und schwermütige Freundin den Tod gesucht und gefunden. Achim beschwor das Andenken der Frühverstorbenen, indem er in eine seiner besten Novellen die Schilderung einer Rheinfahrt verwob, die man gern in jene Tage der Erinnerungen verlegt: »Wir stiegen ans Land und sahen einander stillschweigend an und wiesen auf die Landzunge, die im Strom versunken. Ein edles, musenheiliges Leben sank da in schuldlosem Wahn und der Strom hat den geweihten Ort ausgetilgt und an sich gerissen, daß er nicht entheiligt werde. Arme Sängerin, können die Deutschen unserer Zeit nichts, als das Schöne verschweigen, das Ausgezeichnete vergessen und den Ernst entheiligen? Wo sind Deine Freunde? Keiner hat der Nachwelt die Spuren Deines Lebens und Deiner Begeisterung gesammelt; die Furcht vor dem Tadel der Heillosen hat sie alle gelähmt. Nun erst verstehe ich die Schrift auf Deinem Grabe, die von den Tränen des Himmels jetzt fast ausgelöscht ist; nun weiß ich, warum Du die Deinen alle nennst, nur die Menschen nicht. Und wir gedachten mit Rührung dieser Inschrift und einer sagte sie dem andern, der sie vergessen hatte:

Erde, du, meine Mutter, und du, mein Ernährer, der Lufthauch,
Heiliges Feuer, mir Freund, und du, o Bruder, der Bergstrom,
Und mein Vater, der Äther, ich sage euch allen mit Ehrfurcht
Freundlichen Dank; mit euch hab' ich hienieden gelebt;
Und ich gehe zur andern Welt, euch gerne verlassend.
Lebt wohl, Bruder und Freund, Vater und Mutter, lebt wohl!«

Im Winkeler Landhaus selbst gab es Konzerte, bei denen Bettina sang. Arnim fuhr stromauf und stromab. In Bonn sah er seinen Jugendfreund Görres wieder; rheinaufwärts fuhr er bis Straßburg. Auch in Heidelberg, dem früheren Hauptlager der Romantik, wo er einst mit Clemens Brentano Volkslieder gesammelt und »des Knaben Wunderhorn« herausgebracht hatte, besuchte er alte Freunde.

Inzwischen blieb die schonungsbedürftige Bettina in Frankfurt bei ihrer Familie. Auch sie ging auf Spuren der Erinnerung und am Roßmarkt gedachte sie der Mutter Goethes und ihres letzten Besuches bei ihr. Damals hatte ihr die mütterliche Freundin abschiednehmend dafür gedankt, daß sie der Trost ihrer späten Jahre gewesen, und sie gebeten, die Begeisterung für Wolfgang nie erlöschen zu lassen …

Tastend näherte sich das »Kind« so in wehmütigem Erinnern wieder dem Herzen des Entfremdeten in Weimar. Die Neigung zu ihm gewann es wieder mehr und mehr über die schmerzlichste Verstimmung, bis es seinem stolzen Eigenwillen das schwere Opfer abgewann, ein nochmaliges Wiedersehen mit ihm und seine Verzeihung zu suchen.

Entschluß und Ausführung lagen bei Bettina stets nahe beisammen. Sie mußte, sie wollte den Bann brechen, der ihr das Herz abdrückte … Als sie im Januar mit Arnim von Frankfurt zurückkehrte, machte sie den Umweg über Weimar. Nicht bei Goethe selber klopfte sie im Haus am Frauenplan an, sondern bei seiner Schwiegertochter Ottilie. Was es sie kostete, was in ihr sehnte und stürmte, wie herzwund sie seither und jetzt war durch den über sie verhängten Bann, verrät der Brief, in dem sie zerknirscht alle Schuld an dem folgenschweren Auftritt vom September 1811 auf sich nahm. »Ich finde nur Beschwichtigung, wenn ich mir alle Schuld aufbürde … Ich hätte es ihm unmöglich machen sollen, sich von mir loszusagen; durch mich mußte ihm nur harmonische Empfindung zuwachsen, und ich habe ihn vielleicht tausendfältig gestört, doch ich weiß nichts davon und mir ist es eine Erleichterung, mich von ihm bestraft und zu schwer bestraft zu empfinden. Sagen Sie ihm das auch!« … Wenn irgendwo, so klingt in diesem demütigen Reuebekenntnis auch das wunde, zerrissene Herz des unglücklichen »Kindes«, der heimatlos gewordenen Mignon mit. Der häßliche Zwischenfall in der Weimarer Zeichenschule war ja für ihr inneres Leben viel, viel mehr als das Ende einer freundschaftlichen Beziehung zu dem großen Dichter. Das Kind Bettina, Bettina-Mignon, war unsanft wie nie mit der Wirklichkeit des äußeren Lebens zusammengestoßen. Nicht der äußere Bruch traf ihr Herz an seiner empfindlichsten Stelle, der innere verwundete sie an der Wurzel ihres geistigen Daseins. Bettina-Mignons hochfliegender Traum war jäh und unbarmherzig verletzt und in Fetzen gerissen; der Tempel ihrer schwärmerischen Andacht lag mit seinem Götterbild, das sie geschaffen und verehrt hatte, in Trümmern … Jetzt erst, bei der Begegnung in Weimar mit Ihm war der »selige Wahn«, mit dem Bettina alle Wirklichkeit überwältigt glaubte, überwunden worden – überwunden von dem grauen, lächerlich-poesielosen Alltag, den die Philister »die Wirklichkeit« nannten …

Ob Goethe die Botschaft Bettinas je erhielt? Gewiß ist nur, daß er der reuigen, demütigen Bitte des »Kindes« taub blieb und kein Zeichen der Versöhnung gab. Bettina beruhigte sich nicht dabei, daß er unsichtbar blieb und der Gott ihrer Anbetung gestürzt war.

Schneller als gedacht, schon im nächsten Sommer gab sich für Bettina die Möglichkeit eines Wiedersehens und einer Aussprache von Angesicht zu Angesicht.

Am 5. Mai 1812 wurde Bettinas erstes Kind geboren, ein Knabe, der in der Taufe den Namen Freimund erhielt. Arnims reisten im Juli darauf mit ihrem Erstgeborenen zu einer Badekur nach Teplitz, begleitet von Savigny und Gunda. Das Schicksal wollte es, daß gleichzeitig auch Goethe und Beethoven zur Kur dort weilten. Entschlossen wie Bettina es immer war, ergriff sie die Gelegenheit und sprach Goethe auf der Kurpromenade an. Er wollte sich jetzt so wenig sprechen lassen wie im Januar und wandte sich »mit einem Lebewohl« fort. So berichtet Arnim in einem Brief an Savigny. Goethe schreibt an seine Frau: »Von Arnims nahm ich nicht die mindeste Notiz; ich bin sehr froh, daß ich die Tollhäusler los bin« … Er bestätigte also, daß ihm die Entfremdung nicht unlieb war und hält es mit seinem Vierzeiler »Die Zudringlichen«: »Was nicht zusammengeht, das soll sich meiden!«

Wohl oder übel mußte sich Bettina darein fügen, daß der Bann, den Goethe über sie verhängt hatte, unüberwindlich war und blieb …

Ihr Märchenleben mit Goethe: wann und wie würde es je einen anderen Abschluß finden können?

Einstweilen stellte die Wirklichkeit sie vor Aufgaben, die nicht mit der Phantasie zu lösen waren, sondern ihre Poesie in sich selber trugen …


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