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Bettina und das Junge Deutschland

Die revolutionären und kriegerischen Erschütterungen des ausgehenden i8. und anhebenden 19. Jahrhunderts lassen sich in ihren vollen Auswirkungen auch heute noch nicht überblicken. Die französische Revolution von 1789 hat die geistige und politische Entwicklung der europäischen Völker viel länger und nachhaltiger bestimmt, als es gemeinhin bekannt und aufgehellt ist.

Kaum zwei größere Gegensätze lassen sich bei oberflächlicher Betrachtung denken als die »Romantik« und das »Junge Deutschland«, diese üblichen Einteilungsbegriffe unserer Literaturgeschichte. Wie tief hat die Französische Revolution seinerzeit die Besten unserer Geister aufgeregt, und wieviel hat sie zur politischen Urteilsbildung beigetragen! Der Arzneistoff der Politik dringt in alle Gehirne, färbt alles Denken. Von heute auf morgen tauchen ganz neue Schlagworte auf und werden in den alltäglichen Umlauf gesetzt, Schlagworte wie: Liberalismus, Sozialismus, Reaktion und Restauration, denen der Stempel ihrer französischen Herkunft an der Stirn steht. Beide, die »Romantik« und das »Junge Deutschland« sind politisch infiziert: die erste im reaktionären, christlich-mittelalterlichen Sinn; die andere im radikal-revolutionären. Über die Zugehörigkeit zur einen oder zur anderen Gruppe entscheidet Herkunft, Klasse und zumeist auch das Temperament.

Ein Temperament wie das Bettinas mit seiner Begeisterung für Freiheit und Unabhängigkeit wird sich naturnotwendig auf die Seite des politischen und sozialen Fortschritts schlagen. Man denkt an den Rationalismus des 18. Jahrhunderts, wie ihn Großvater Laroche vertrat, und wie er in abgewandelter Form im Liberalismus wieder zutage kam.

Mit dem Tode Goethes ist in der deutschen Literatur das vollständige Chaos eingetreten.

Erst jetzt wird fühlbar, in wie umfassendem Sinn Goethe der geistige Führer nicht bloß der deutschen Literatur, sondern seines Volkes war. Wohin der Blick sich wendete, traf er auf keine Erscheinung, kein Talent, geschweige Genie, das sich an künstlerischem Rang hätte mit ihm vergleichen, an Universalität der Bildung, an menschlicher und künstlerischer Fülle und Weite mit ihm hätte messen dürfen. Der dichterische Nachwuchs fehlte fast ganz. Wer es noch nicht wußte, konnte aus diesem Chaos, aus seinem Umfang und seiner stürmischen Gärung erkennen und begreifen, was Kultur, was Genie und was Bildung war. Nirgendwo in der Literatur machten sich Begabungen bemerkbar, die über ein Mittelmaß an Originalität und Können hinauszuwachsen versprachen … Einige so gut wie unbekannte Schriftsteller fanden sich zu einer neuen Richtung zusammen; bezeichnend genug war kaum einer darunter, der den Ehrennamen eines Dichters im vollen Begriff verdient hätte. Einig in der Verneinung alles dessen, was sie nicht wollten und was bisher Wert und Geltung gehabt hatte, erhoben sie diese Verneinung zu ihrem Programm, ihrer Losung, ihrem Feldgeschrei. Aktualität und Gegenwartsnähe um jeden Preis war ihre erste und grundsätzliche Forderung an die Publizisten … Poesiewerdung des Lebens, Allmacht der Phantasie hatte die Romantische Schule als Sinn aller Kunst und als künstlerisches Ideal verkündigt.

Doch wenn auch einzelne Unterschiede auftauchten, gab es Einen, der in sich all das vereinte oder vereinigt hatte, was das Junge Deutschland nicht war und wollte. Wenn man Goethe, den »Alten von Weimar«, verneinte, war mit dieser negativen Zielsetzung die positive gewonnen … Noch zu seinen Lebzeiten rührte sich die mehr oder minder offene Gegnerschaft, ja offene Feindschaft. Sie wurde laut und überlaut, als er kaum die Augen geschlossen hatte. Schriftsteller, wie Ludwig Börne und der sehr viel unbedeutendere Wolfgang Menzel, kritisierten das große Menschentum Goethes mit einem Haß, der heute kaum zu begreifen, noch weniger begreiflich zu machen ist. Ausgangspunkt solcher Angriffe war schon während der Befreiungskriege Goethes angeblicher Mangel an vaterländischer Gesinnung, an nationalem Ethos, ebenso wie später sein Mangel an Gegenwartsnähe und an sozialem und politischem Zeitverständnis. Ein anderer, heute längst Vergessener aus den jungdeutschen Reihen schalt Goethes Bildung eine »Theaterbildung«. Gutzkow, neben Laube lange der Wortführer der Jungen, suchte Goethes Genie an der Wurzel zu treffen, indem er alle Lyrik mit feindseliger Kälte und höhnischer Überheblichkeit ablehnte, also die Poesie in ihrem Urelement verneinte, in eben jenem Element, das die vorausgegangene Romantik als Anfang und Ende aller Kunst gepriesen und für allmächtig erklärt hatte …

Was nun aber sollte an die Stelle der entthronten Poesie treten? Ihr Gegensatz natürlich: die Prosa, und mit der Prosa nach Ablehnung auch aller bisher gültigen dichterischen Formen die politische Tendenzliteratur. Zwei Meister dieser demokratischen Tendenz-Journalistik waren die idealen Vertreter des Programms des Jungen Deutschlands, ohne doch selber zur engeren Richtung zu gehören: Heinrich Heine und Ludwig Börne …

Heinrich Heine, ein geistiger Abkömmling Clemens Brentanos und in seiner reifsten Lyrik, ob er wollte oder nicht, ein bester und glänzendster Vertreter der romantischen Dichtung, vereinigte in seiner bestechenden Erscheinung all die hohen Gaben, die ihn als künstlerischen Prosaisten, beispielhaften Gegenwartsschilderer und Tendenzschriftsteller zum Haupt des Jungen Deutschlands geeignet machten. Mit Recht erhob er den Anspruch auf solche Führerschaft, die ihm jedoch von Börne und Gutzkow leidenschaftlich bestritten wurde. Denn das war ein weiteres Merk- und Kennzeichen der neuen »Stürmer und Dränger«, daß sie sich alle untereinander ingrimmig befehdeten …

Überblickt man aus der heutigen Perspektive und Wertmessung das Junge Deutschland und sein Programm, so fragt man mit Erstaunen, wie es möglich war, daß eine literarische Partei mit so dürftigen Leitgedanken je so schnell und willig das Ohr der Öffentlichkeit gewann und überhaupt eine Zeitlang eine noch so kurze Rolle in der Literatur spielen konnte. Heine und Börne, untereinander wieder spinnefeind, durften als selbständige Geister angesprochen werden. Nur sie haben eine bleibende Spur in der Entwicklung der deutschen Literatur hinterlassen und weisen sich noch heute durch Werke aus, die ihren Anspruch auf Führertum erklären. Auf ein Führertum freilich, das sich bei Heine auf seine glänzende lyrische Begabung gründete, bei ihm und seinem feindlichen Bruder Ludwig Börne auf die nicht zu unterschätzende Schaffung einer erlesenen künstlerischen Prosa als Organ der Kritik und der Zeitschilderung. Charakteristisch für Börne die bissig-ehrliche Äußerung: »Seit ich fühle, habe ich Goethe gehaßt, und seit ich denke, weiß ich auch warum!« Charakteristisch für Heine seine überlegen elegante Abfertigung von Börnes Goethehaß: »Goethes künstlerische Form hielt er für Gemütlosigkeit. Er glich dem Kinde, welches, ohne den Sinn einer griechischen Statue zu ahnen, nur die marmornen Formen betastet und über Kälte klagt« …

Es wäre irrig, die mißtönigen, maßlosen Stimmen des Goethehasses, die aus den Reihen des Jungen Deutschlands kommen, zu überwerten und aus der Lautheit des Geschreis auf die Vielzahl und Bedeutung der Anhängerschaft zu schließen. Noch gab es das andere, gerechtere Deutschland, das sich gegenüber dem »Alten von Weimar«, dem greisen und dem toten, mehr Augenmaß und Kunstverständnis bewahrt hatte! Wie wohl tut es, wenn Clemens Brentano 1839 in einem Brief an Freiligrath Stellung nimmt zu den Irrungen und Verwirrungen der damaligen jungen Literatur und schreibt: »Goethe, der selber groß und seine Zeit überragend war, durch Maß, Gesetz, Ordnung und Beherrschung der unendlichen Idee, er kannte keine andere Freiheit als das strenge Gesetz der Kristallisation.« Ein Urteil, das um so schwerer wiegt, weil es an Goethe all das rühmte, was Brentano selber abging …

Noch also stand Bettina nicht allein, als ihr erstes großes Buch sich vorbereitete und innerlich heranreifte. Viele mochten nicht so klug und großsinnig denken wie ihr Lieblingsbruder. Trotzdem: es war noch nicht zu spät für das von ihr gedachte Werk, das Goethe inmitten einer fremden, zum Teil feindseligen Welt glänzender und sieghafter denn je wieder auferstehen lassen wollte … Aus ihrer eigenen Natur kamen Bettina noch andere überraschende Hilfskräfte. Oft, ja immer in ihrem bisherigen Leben hatte sie dort gestanden, wo die Jungen standen. Überall, in Marburg, in Landshut, in München, in Berlin hielt sie es mit der studentischen Jugend gegen die Banausen und Philister. Die revolutionären Kräfte, die im Jungen Deutschland sich regten und mächtig waren, sprachen in Bettinas Geist und Herz nicht bloß zuungunsten der Wortführer. Sie war klug und hellsichtig genug, um sich zu sagen, daß jene vorlauten, ehrfurchtslosen Goethe-Verkleinerer nicht nur unrecht hatten. Alles was lebte und wirkte, hatte – auch nach Goethes Meinung – Daseinsberechtigung; nichts in aller Natur war sinnwidrig und ohne Ursache. Auch die Revolutionen, die von 1789, die die Menschenrechte verkündigte, so gut wie die vom Juli 1830, die den morschen, liederlichen Bourbonenthron umstürzte und den Moderstaub aus Palästen und Hütten fegte, hatten ihr ewiges Naturgesetz und Naturrecht. War da nicht – verwegenes Denken! – doch auch ein Irrtum, ein Fehler, ein Leerlauf in dem Wunderorganismus, der Goethe hieß? Ein Mangel, der erkannt und zugegeben werden mußte, auch wenn es weh tat!? Ja, es war so! Er fürchtete, verabscheute die Revolutionen wie alle Unordnung; er ließ das Volk, das arme, mißleitete, mißbrauchte, nicht gelten. Und sie? Bettina? In ihrem Inneren war ein Ruf hell und laut und klar nicht gegen, sondern – wohin geriet sie? – für die Revolution. Für alle Unterdrückten und Leidenden, die gegen ein Joch aufbäumten … Wie doch hatte schon ihr Achim gesungen? »Daß wir adlig all auf Erden, muß der Adel Bürger werden!« … Oja! Es gab nicht nur das Kind Bettina – es gab, sie fühlte, spürte es, während sie so dachte – auch eine revolutionäre Bettina. Das italienische Blut, das wilde, rebellische, war stärker in ihr als das lammsgeduldige deutsche! … War nicht unter den Wehen der Revolutionen und den kriegerischen Erschütterungen der letzten Jahrzehnte auch in Deutschland ein neues Menschentum, auch ein neuer Frauentypus herangewachsen, zu dem sie gehörte so gut wie zur Romantik?! …

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18. Wiepersdorf

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19. Bettinas Wohnhaus in Berlin

Unter der Überschrift: »Rahel, Bettina, die Stieglitz« gab 1839 der federgewandteste Vorkämpfer des Jungen Deutschlands, Karl Gutzkow, einen Überblick über die jüngste Literatur und schrieb: »Wer einst die organische Entwicklung unserer neuen Literatur zeichnen will, darf den Sieg nicht verschweigen, den drei durch Gedanken, ein Gedicht und eine Tat ausgezeichnete Frauen über die Gemüter gewannen. Mit Rahel zeichnet sich die höhere Empfänglichkeit, bis zu der es weibliche Wesen bringen können, gegen die Folie der gewöhnlichen Frauenbildung ab. Bettina warf auf das Antlitz zahlloser Frauen den rosigen Abglanz einer freieren Anschauung der Menschen und Dinge, so daß sie wieder etwas Dreistes, Großherziges und Naives zu denken und zu sagen wagten. Charlotte Stieglitz endlich zeigte, wie groß die Opfer werden können und werden müssen, wenn man aus dem gewöhnlichen Kreise des Handelns und Fühlens heraustritt und von dem verbotenen Baume der modernen Erkenntnis kostet.«

Hier wird also die romantische Bettina mit aller Bestimmtheit für das Junge Deutschland beansprucht. Die Überzeugung, ein neues, seiner Rechte und Pflichten bewußtes Frauentum zu repräsentieren, mußte Bettinas Selbstgefühl und Zutrauen zu dem Werk, das ihr vorschwebte, heben und stärken! …

Im Jahre 1835 erschien das erste Werk der Schriftstellerin Bettina von Arnim, der Briefroman »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde« und offenbarte mit seinem meteorhaften, ungewöhnlichen Erfolg, wie groß in Wirklichkeit der Kreis derjenigen war, die nach Goethe, dem ewigjungen, dürsteten und sich zu ihm bekannten.

Ein Naturwunder, das alle gültigen Gesetze umkehrte und umstieß, hätte nicht größeres Staunen hervorrufen können als dieses Buch. Es war, als wäre im späten Herbst nach einer schon fast winterlichen Nacht ein Frühlingstag mit all seinem Zauber des Lichts und der Wärme angebrochen, so wirkte das Buch einer bis dahin unbekannten Verfasserin, die mit bald fünfzig Jahren schrieb wie die leibhaftige Jugend.

Sollte man mehr die Dichterin bewundern, die gleich als Meisterin dastand, über alle Mittel der Sprache und des Stils gebot, mehr das Gedicht, das einen vor drei Jahren verstorbenen Achtziger in der Vollkraft seiner dichterischen und menschlichen Jugend verlebendigte – so täuschend ähnlich, so anschaulich lebendig machte, daß man versucht war, wie einst die Alten, ein Bild des Griechenmalers Apelles mit Händen zu prüfen, ob man die leibhaftige Wirklichkeit oder nur eine künstlerisch ähnliche Nachahmung vor sich habe. Denn das war doch wohl der Zauber aller Zauber, daß es dieser Bettina gelang, einen Liebesroman zwischen einer neuen Mignon, einem gläubig-sehnsüchtigen »Kind« und dem alten Goethe so echt, so hinreißend, so glaubhaft darzustellen! Jeder, der dies Bild Jung-Goethes sah und mitlebte, rief: er ist es! So und nicht anders war er! So war seine Kindheit, so seine Mutter, die köstliche »Frau Rat«, so liebte er mit dem Frühlingssturm um die Wette reitend, so sah und schaute er, wie keiner vor und nach ihm, die Natur – ganz Auge, sonnenhaftes Auge. So erstieg er Gipfel um Gipfel in spielender Kraft, ward selber zum Werther, zum Egmont, zum Tasso, zu – Faust. Sang seine Lieder wie das Volk selbst und doch wie der größte Kunstsänger, wie der tiefste Magier, dem kein Geheimnis in aller Natur verschlossen ist … Kein Zweifel, Goethe war wieder da, war seinem Volk, aller Welt wiedergeschenkt, und das alles dank der unerhörten Zauber- und Liebesmacht einer Frau … Es ist gewiß kein Zufall, daß unter denen, die leidenschaftlich für Goethe Partei nahmen, hervorragende, mit feinster Intuition begabte Frauen an erster Stelle stehen. Eine ganz andere Bekennerin Goethes war Rahel Varnhagen, die älteste des Dreigespanns moderner Frauen, von denen Gutzkow schrieb. Nicht mit einem Band erdichteter Briefe, überhaupt nicht mit einem Buch, das sie selbst herausgegeben hätte, trat Rahel an die Öffentlichkeit. Sie wirkte in der Stille von Mensch zu Mensch für Goethe und bildete als »Gesellschaftskünstlerin«, die sie war, eine der ersten Goethe-Gemeinschaften in der Hauptstadt. Während es Bettina durchaus mit der Poesie, mit dem schönen Schein hielt, war Rahels Geistigkeit auf Lessing ausgerichtet, auf die Losung der Wahrheit, wie denn auch Wilhelm von Humboldt aus nahem persönlichem Umgang die Wahrheit als Hauptzug ihres intellektuellen und sittlichen Wesens hervorhebt. Die Stieglitz endlich verkörpert die Höhe weiblicher Hingebung, die ihre Liebe mit dem Tod besiegelt. So wenig Bettina und Rahel verbindet, so daß sie sich zeitweise mehr abzustoßen als anzuziehen scheinen, es gibt doch Querverbindungen, die beider Verwandtschaft enthüllen; auch Querverbindungen von Charlotte Stieglitz zu Bettinas Herzensfreundin, der Günderode und ihrem Opfertod …

Die Bildung von literarischen Zirkeln nach Art der schöngeistigen Pariser Salons gehört zum Bild des damaligen geselligen Berlins.

Wie um Rahel, so sammelte sich auch um Bettina in der Hauptstadt ein wachsender Kreis bedeutender Menschen. Der große literarische Erfolg des Goethe-Briefwechsels rückte sie mehr und mehr in den Vordergrund.

Einen Sieg, weit über alles Hoffen und Erwarten, hatte Bettina, das »Kind« errungen. Wäre ihr dieser Sieg auch nur einen Augenblick zweifelhaft erschienen – die Wirkung, die ihr Buch bei Alt und Jung hervorbrachte, hätte sie schnell eines Besseren belehrt. Die Goethe-Feinde und Goethe-Hasser im Lager des Jungen Deutschlands räumten in aufgelöster Flucht das Feld. War ein größerer Triumph zu denken, als daß der grobschlächtigste unter ihren Gegnern, Wolfgang Menzel, über das Buch schrieb: »Wenn jede Liebe blind macht, blinder hat sie sich noch nie gezeigt als bei Bettina. Ihr Buch, bekanntgemacht zur Verherrlichung Goethes, hat seine Blöße gezeigt, hat seine geheimsten Gebrechen aufgedeckt.« War eine solche Verblendung und Parteiwut zum Lachen oder zum Weinen? Sie, die Goethe durch ihr Werk wieder auferstehen ließ, sollte für seine Gegner die Waffe liefern!? Bettina hielt es allerwegen am liebsten mit dem Lachen wie mit den Jungen. Und die Jungen – schönster Sieg! – hielten es mit ihr! Einer um den andern gab klein bei. Sogar Gutzkow, der gescheiteste und sachlichste Vorkämpfer des Jungen Deutschlands, lenkte ein. Er wie auch Laube rühmten Bettinas Buch, ihre Begeisterung und Liebesfähigkeit, die Schönheit und den Schwung ihrer Gedanken; erfaßten, worauf es ihr einzig ankam, ihre Liebe zu Goethe im Kern: als Wirkung seiner Poesie, seiner ungebrochenen und unbrechbaren Schöpfermacht.

Die mit ihrem Bucherfolg wachsende Berühmtheit Bettinas blieb nicht ohne Wirkung auf Art und Umfang ihres geselligen Verkehrs. Es würde ein falsches und schiefes Bild geben, wollte man von den Menschen, die bei ihr aus und ein gingen und die sich selbst ihre Freunde hießen und so heißen durften, abträgliche Schlüsse auf ihren Charakter und Geschmack ziehen. Es war eine ihrer liebenswürdigen Schwächen, daß sie gern »berühmte« Leute um sich sah, ohne nach ihrer sonstigen Eignung für den Umgang zu fragen. Bettinas Herz war weit und groß genug, um wie einst gleichzeitig für einen Freyberg und einen Goethe zu schwärmen und Tempel zu bauen. So störte es sie auch nicht, den grundgelehrten Theologen des Gefühls, Friedrich Schleiermacher, der ihre Kinder konfirmierte und dem sie erst wenige Jahre vor feinem Tode nähertrat, und jenen Fürst Pückler, den Treitschke den »Virtuosen der eleganten Liederlichkeit« nannte, nebeneinander zu ihren Freunden zu zählen. Schon damals schüttelten viele den Kopf, denen es nicht recht eingehen wollte, das »Kind« des Briefwechsels in solcher Gesellschaft zu sehen. Es ist beinahe unfaßbar, daß sie ihr hochgestimmtes Haupt- und Erstlingswerk vor aller Öffentlichkeit gerade diesem frivolen adligen Weltmann widmete, der sich als »Semilasso« den billigen Tagesruhm eines glänzenden Reiseschilderers erworben hatte und als Gartenkünstler von Muskau und Branitz noch heute verdienten Ruf genießt. Den fürstlichen Gärtner trennte freilich eine Welt von dem geistesmächtigen, redegewaltigen Kanzelredner der Berliner Dreifaltigkeitskirche, dessen Predigten Bettina nie versäumte. Seltsames Spiel der Ironie: in einem Brief an Pückler hat Bettina 1834 demselben Schleiermacher als ihrem mystischen Seelenfreund einen überschwenglichen Nachruf gewidmet.

Schon im Jahr 1833 hatte der Tod Rahels in die Berliner Geselligkeit eine empfindliche Lücke gerissen. So wenig über die näheren Beziehungen der beiden Frauen bekannt ist – allein die Tatsache, daß Bettina am Sterbebett Rahels weilte, spricht für ihre nahe freundschaftliche Verbundenheit. Varnhagen, der seine Frau Rahel noch lange überlebte, gehörte je länger je mehr zu den engsten Vertrauten Bettinas. Er hat sich bekanntlich durch seine Erinnerungsbücher um das Andenken seiner Frau große Verdienste erworben. Seine Tagebücher zeigen ihn freilich leider in seiner Klatschsucht als einen ebenso gefährlichen Freund wie Feind, und er hat auch das Vertrauen, das Bettina in ihn setzte, mit der Verbreitung übler Nachrede gelohnt … Auch sonst hat Bettina neben vielem Lob aus der Mitte ihres Salons recht scharfen, teils verdienten, teils unverdienten Tadel erfahren müssen. Der nie um einen Witz verlegene Fürst Pückler hat ihr den gefährlichen Vorwurf der »Gehirnsinnlichkeit« zugeschleudert. Es ist bezeichnend für die Zeit wie für Bettina selbst, daß die Urteile über sie und ihr widerspruchsvolles Wesen sich meist in die Form des Paradoxes kleiden. Karoline Schelling sprach mehr geistreich als liebevoll von »natürlicher Unnatürlichkeit« …

Trotzdem: wer noch heute unvoreingenommen und verständniswillig die ungebändigte Fülle ihres Wesens, die quellfrische Phantastik und herzwarme Gemütsinnigkeit des »Kindes« auf sich wirken läßt, wie der Goethe-Briefwechsel sie vermittelt, wird sich gern das Lob Schleiermachers zu eigen machen: »Gott war besonders guter Laune, als er die Bettina schuf.«


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