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Bettina entdeckt die Wirklichkeit

Bettina hatte den Kampf zwischen Phantasie und Wirklichkeit verloren: Die Phantasie in Gestalt der Poesie hatte den Kürzeren gezogen. Für die zweite Hälfte ihres Lebens als Frau eines märkischen Landedelmannes und als kinderreiche Mutter braucht sie einen weltoffenen Sinn für Realitäten, die bisher so gut wie ganz außerhalb ihres romantischen Daseins, ihrer phantastisch-bewegten Innerlichkeit lagen. Man ist versucht, mit betontem Widersinn zu sagen, daß sie auch als Weltkind in außerordentlichem Maß »ihren Mann« stellte. Sie hat, wie schon jetzt verraten werden darf, auch dies neue so anders gerichtete Leben gemeistert.

Wo in ihrem Wesen waren die Voraussetzungen und die Kraftreserven für eine solche Umstellung? Zunächst in ihrem schon früher hervorgehobenen ungewöhnlich starken Willen, der vor keinem Hindernis, vor keiner Aufgabe zurückscheute, sich alles und jedes zutraute, wie bisher im Bereich der Phantasie, so jetzt in dem der Wirklichkeit. Es lohnt sich, rückschauend den Spuren einer realen Entwicklung in ihrer Vergangenheit nachzugehen. Die ersten Voraussetzungen waren schon in ihrem Bluterbe gegeben. Ihr italienischer Vater Pietro Antonio Brentano stand als Geschäftsmann inmitten der ausbündigsten Realitäten, Menschen von praktischer Begabung waren ihre Brüder; der älteste, Franz, wie der jüngste, Christian, der Verwalter eines ausgedehnten böhmischen Landgutes. Auch ihre Schwäger standen mit Ausnahme Savignys im praktischen Leben. Von ihrem Großvater, dem alten Laroche, rühmt Goethe in »Dichtung und Wahrheit« die Schalkhaftigkeit und den heiteren Geschäfts- und Weltsinn. Nicht bloß die Vorliebe für rote Nelken war also von ihm an Bettina vererbt. Ihre Mutter, Maximiliane, und Großmama Laroche hatten ihr dagegen die vorherrschende Phantasie geschenkt. Aus den Erzählungen ihrer Großmutter in der »Grillenhütte« lernt Bettina frühzeitig die ritterlichen Taten ihrer Ahnen kennen. Freilich sträubt sich ihre kindliche Phantastik gegen die Unterweisung im geschichtlichen Wissen durch einen unmöglichen Magister. Bald genug sollte die Geschichte als unmittelbare Gegenwart bildend an sie herantreten. Die große Französische Revolution wirkt vom Westen herüber auf ihre aufgeschlossenen Sinne. Die Großmutter erzählt von dem mächtigen Volksführer Mirabeau; im Fritzlarer Kloster, danach in und um Offenbach sieht sie das Treiben der französischen »Emigranten« … Es kam die romantische Fahrt auf dem Kutschbock durch das mitternächtige Deutschland von 1806, quer durch bedrohliche, feindliche Heere. Die Welt widerhallte von den blutigen Waffensiegen Napoleons. Es kamen die Heldenkämpfe der Tiroler, die sie zu leidenschaftlicher Begeisterung fortrissen, die Schlacht bei Landshut, der Volkskrieg in Spanien, die zwiegespaltene Münchener Atmosphäre mit der immer schärferen Parteinahme für und wider Napoleon. Sie lernte den Weltdiktator hassen, das Vaterland und die Freiheit lieben.

Eine andere neue Bettina formte sich unaufhaltsam.

Noch hatte sie kaum den grausamen Zusammenbruch ihres Phantasietraums mit Goethe, die schmerzvolle Enttäuschung ihrer Mignonsehnsucht verwunden, da umtosten sie auch schon die waffenklirrenden Stürme der Befreiungskriege. Es galt also, fast von heute auf morgen neue Kräfte einzusetzen, zu üben, zu bewähren. Nicht mehr nur das ferne Tirol von 1809, sondern ihr eigenes Volk war aufgestanden, um das Joch des Welteroberers zu zerbrechen und abzuschütteln.

Im April 1813 wurde zur Verteidigung der Hauptstadt der Landsturm gebildet …

Am 2. Oktober gebar Bettina ihren zweiten Sohn. Es wird erzählt, sie habe ihn ursprünglich »Dreizehntche« oder »Landstürmerche« taufen lassen wollen und nur auf Einspruch des Predigers davon Abstand genommen. Auch ein »Siegmund« gab ja deutlich genug ihr und ihres Mannes Siegeszuversicht kund … Die wie ein Naturereignis losbrechende und um sich greifende Volkserhebung ließ Bettinas Herz hoch und höher schlagen. Was nur gehen und stehen konnte, eilte unter die Fahnen. Savigny, damals Rektor der Berliner Universität, ließ die studentische Jugend marschieren und trat selber, wie auch Arnim, in den Landsturm ein.

Zwei Briefe aus jenen ersten Zeiten der Befreiungskriege zeigen die ganze Bettina – wie sie ein anderer, ein neuer Mensch wurde und doch mit ihrem hochfliegenden Schwung die alte blieb.

In einem Brief an ihre Schwester Meline schildert sie einmal das kriegsmäßige Berlin vom Sommer 1813 mit breitem, schalkhaftem Behagen, mit farbiger Anschaulichkeit: »Stelle Dir z. ;B. in Gedanken Savigny vor, der mit dem Glockenschlag Drei wie besessen mit einem langen Spieß über die Straße rennt, den Philosophen Fichte mit einem eisernen Schild und langem Dolch; der Philolog Wolf mit seiner langen Nase hatte einen Tiroler Gürtel mit Pistolen, Messern aller Art, Streitäxten angefüllt … Pistor trug einen Panzer von Elendstierhaut mit vielen englischen Ressorts, einem Spieß und zwei Pistolen« … So läßt sie die ganze Professorenschaft in landstürmerischer Notbewaffnung – wieder wie auf einem Spitzwegbild – an der Schwester vorbeiziehen. Man fühlt, wie sie fiebert und zugleich ihr Übermut sich überschlagen will und meint, sie fahnenschwingend selber voranmarschieren zu sehen, als wäre das Blut jenes Fahnenjunkers Laroche aus dem Dreißigjährigen Krieg in ihr wach geworden … Aber nicht nur der humorige Übereifer ihrer angeborenen Tapferkeit rührt sich mächtig in der neuen Bettina; ein heiliger Ernst trägt und durchdringt den ganzen Menschen und will auch andere tragen …

Nicht so standhaft und tapfer wie Bettina hatte sich ihre Schwester, Gunda Savigny, im Sommer 1813 mit ihren Kindern vor dem andringenden Feind nach Schlesien und Böhmen geflüchtet, wo sie ihr Bruder Clemens empfing, während ihr Mann in Berlin als Gemeiner in einer Schützenkompanie Dienst tat. Bettina bedauert in einem Brief vom 13. Juli 1813 die ängstlich um ihren Mann besorgte Schwester. Sie preist die Befriedigung, die es bereite, in der Gefahr auszuharren. Allein in der Tätigkeit, in der unerschrockenen Anspannung aller Kräfte sieht sie die Gewähr für die Überwindung des Bösen, für den Sieg der guten Sache. »Es ist doch das wohltätigste, sich in einem solchen Zeitmoment ganz für das Notwendigste zu bestimmen und gegen das Schlechte mit Gewalt aufzutreten … Wenn Du nur, liebste Gundel, auch dem Savigny seinen Teil an dem Ganzen gönntest und nicht fortwährend in einem Traum der Angst fest fortschliefest! Ei, so erwecke Dich und sehe, daß es Tag ist und daß wir Kraft haben, dem Sturm zu begegnen … Sei ein tapferer Held in Dir und schließe Dich dadurch an die Kette aller Wirkenden an!« …

Ist das dieselbe Bettina, die einst und überall – nur bekümmert um sich und ihren Traum – das Leben in eitel Poesie verwandeln wollte?

Im Gegensatz zu Bettinas geselliger Natur, die sich überall gern und rasch mit einem Kreis von bedeutenden, oder doch für bedeutend gehaltenen Persönlichkeiten, von Freunden und Bewunderern umgab, fühlte Achim sich in Berlin nicht recht wohl. Jede Art der »Geistreichigkeit«, wie sie in solchen Zirkeln gedeiht, war ihm wesensfremd. Es wird erzählt, daß er sich bald aus jeder Gesellschaft entfernte, wenn seine Frau sich zum Mittelpunkt machte oder sich dazu machen ließ … Allerhand Ärgernisse und Enttäuschungen in seinem Militärverhältnis, die mit der vom König aus politischen Gründen verfügten Auflösung des Landsturms zusammenhingen, vermehrten noch seine Abneigung gegen die Hauptstadt …

Die Not der Zeit brachte neue fühlbare Einschränkungen, in die sich beide mühelos fanden. Bettina ertrug es mit gutem Mut und froher Laune, daß die letzte und einzige Schüssel, die sie noch besaß, in Stücke brach; daß die Mahlzeiten immer karger wurden: »Manches hat uns die Zeit gelehrt, was wir unter andern Umständen viel schwerer gelernt haben würden. Ich kann jetzt mit einer Schüssel mittags auskommen; ich kann grobe Strümpfe und gestickte Hemden tragen und Arnim hat in den Landsturmzeiten die verfluchten französischen Jabots von seinen Hemden gerissen … Kurz der Luxus ist bei uns, bei den meisten Leuten so verbannt, daß es beinahe überall wie bei Diogenes im Fasse aussieht …«.

Die Rücksicht auf die Kinder gab schließlich den Ausschlag: Im Frühjahr 1814 zogen Arnims aufs Land, wo die Lebensbedingungen – zumal auf eigener Scholle – günstiger und billiger waren.

Das »Ländchen Bärwalde«, das Achim von seiner Großmutter geerbt hatte, bestand aus dem Rittergut Wiepersdorf, aus einem Pfarrdorf und sechs kleineren Ortschaften. Wiepersdorf mit seinem ansehnlichen, zweiflügeligen Herrenhaus bot der Familie ein geräumiges, wohnliches Heim. Die Vorliebe für die Natur, schon Bettina dem »Kind« eigen, traf sich mit Arnims angestammter Vorliebe für das Landleben, so daß beide sich schnell in der neuen Umgebung einlebten. Erstaunlich gleichwohl, wie bald sich Bettina in dem ungewohnten Dasein und den Aufgaben der Landedelfrau zurechtfand. Ihre Kräfte schienen auch jetzt wieder an den Widerständen zu wachsen. Ihr guter Humor half ihr, auch die geistige Enge und Dürre des neuen Zustandes ertragen und überwinden. Noch kaum recht warm geworden in den neuen Verhältnissen, schrieben Arnims an Savignys einen gemeinsamen Einladungsbrief, wobei einer dem andern die Feder aus der Hand nimmt. Bettina, die Wortführerin in diesem von Glück erleuchteten Einladungsschreiben, schildert das Wiepersdorfer Leben in den lockendsten Farben. »Die Kinder sind meine Freude und Arnims Seligkeit«, ruft sie aus und bittet die Schwester: »Sage allen Leuten, die mir gut sind, daß ich sehr glücklich hier bin!«

Das Idyll von Philemon und Baucis, das sich nach Achims und Bettinas Hochzeit im kleinen Haus am Berliner Monbijouplatz anspann, findet in der ländlichen Abgeschiedenheit von Wiepersdorf erst recht seine Fortsetzung und Erfüllung. Der Hintergrund großen geschichtlichen Geschehens, auf dem sich das Landleben der Familie von Arnim entwickelt, setzt das Glück Bettinas und Achims erst in die volle Beleuchtung. Den siegreichen Kämpfen in Deutschland mit dem Höhepunkt der Völkerschlacht bei Leipzig folgt der ruhmvolle Feldzug in Frankreich; die Einnahme von Paris, der Sturz Napoleons, der Zusammenbruch seiner Weltmonarchie, der Erste Pariser Friede. Auch das Ländchen Bärwalde muß natürlich seine Siegesfeier haben. Bis nach Prag zu Bruder Clemens fliegt die Einladung aus Wiepersdorf: »Nächsten Sonntag haben wir Dankfest mit Klarinetten, Waldhörnern und Maienbehängen in der Kirche«, verkündet der Lockruf. Dies »Siegesfest« am 24. April 1814 gibt beiden Arnims unerschöpflichen Stoff zur Unterhaltung und zu Briefen an die Verwandten. Sie wetteifern in lustigen Schilderungen, die zeigen, wie sie in Spaß und Ernst zusammenstimmen, eine frohe, innige Einheit geworden sind und sich auch mit den Bewohnern ihres Ländchens als Einheit fühlen. »Um 5 Uhr waren alle Schützen und Gerichtsmänner des Ländchens mit den musikalischen Banden und den Chorschülern im Schulhaus versammelt und zogen nach dreimaliger Salve aus zehn Feuerschlünden mit dem Lied »Nun danket alle Gott« zur Predigerwohnung. Die Festpredigt hält Pastor Salpius aus Meinsdorf, der in seiner Predigt, »wie es den Meisten geht, das Beste vergißt« und beiden Arnims ein nie versiegender Born der Erlustigung ist … Nicht bloß so festliche Ereignisse wie das Dankfest – auch die alltäglichsten Sorgen und Nöte der Hausfrau und Mutter finden ihren Niederschlag in den Wiepersdorfer Briefen.

Der Haushalt nimmt den breitesten Raum ein. Die Dienstbotennöte reißen auf Wiepersdorf nicht ab: die Köchin, die Mamsell, die Kinderfrau und anderes Gesinde treten auf, bald gelobt, bald getadelt. Ganze Listen von Bestellungen fliegen zu Schwester Gunda. »Es ist wunderschön hier, ich vermisse Berlin gar nicht, aber wohl mein Plätteisen, meine Waschwanne, mein Schauerfaß, meinen Zuber, Kehrbesen, Schrubber, Schippe und Sonnenhut, meinen Savigny und Gundel. Wenn es Euch möglich ist, so packt es alles zusammen und bringt's hierher; wenn Du kommst, wirst Du mich an dem Webstuhl finden, ich webe jetzt Leinwand zu Wischtüchern für Gundel, da werd ich ihr die Elle zu 2 Groschen 6 Pf. courant verkaufen, welches sehr billig ist. Dafür soll sie mir bunte Wolle und Garn kaufen, wovon ich wieder Röcke und Kleider wirken werde, und wenn Ihr etwas in der Haushaltung nötig habt, so meldet es nur; kurz, ich werde sehen, wie ich uns aufhelfe.« Bettina kann Berlin um so mehr missen, als Arnims ihren Aufenthalt zwischen dort und dem Lande teilen, die Winter meistens in der Stadt zubringen, um Savignys, ihren »besten Freunden«, näher zu sein und die Fühlung mit den geistigen Kreisen der Hauptstadt nicht zu verlieren. Auch die Verwandten benutzten jede weitere Reise, um für ein paar Tage die Wiepersdorfer Gastfreundschaft zu genießen. »Es kann keine drei Tage mehr dauern, so steht alles in der Blüte«, lockt Bettina. Von Berlin heimgekehrt, wo sie mit den Geschwistern Jahreswende feierte, meldet die beglückte Mutter, die nur ihren Jüngsten mitgenommen hatte: »An dem Tag, an welchem wir ankamen, kamen wir abends zehn Uhr in unser irdisches Paradieschen. Die Englein lagen frisch und gesund im Bett und ich dachte gleich: Das will ich dem Savigny schreiben.« Mit immer neuen Kücken füllt sich das paradiesische Wiepersdorfer Nest und die mütterliche Bettina ist immer auf eines stolzer als auf das andere: »Ich bin überzeugt, daß ich der ganzen jährigen Generation den Preis streitig mache mit meinem Siegmund; alle Sorgen, alle Angst werden mir reichlich vergolten.« Vier Söhne und drei Töchter schenkte sie im Lauf der Jahre ihrem Mann.

Auch von Gästen wird das Wiepersdorfer Gutshaus nie leer, die mit allen ihren Eigenheiten bis ins einzelne geschildert werden, so z. B. der schrullige »Kammerherr«, Arnims älterer Bruder Karl Ludwig mit dem Spitznamen Pitt, der mit seinen Narrheiten und Absonderlichkeiten das ganze Haus auf den Kopf stellt … Über alledem darf auch die Gutsfrau nicht zu kurz kommen: »Arnim hat die neue Kuh mit einem Frisierkamm gekämmt und hat ihr den ganzen ersten Tag Gesellschaft geleistet. Wir haben 6½ Scheffel Knullen (Kartoffeln) gesteckt, es werden aber noch mehr gesteckt; denn es soll ein rechter Überfluß werden« … Zu Arnims Geburtstag muß ein großer Ochse bluten, den der Amtmann schon längst mit den köstlichsten Leckerbissen gefüttert hat.

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14. Caroline Schlegel

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15. Bettina v. Arnim als Mignon

So vielfältig Bettinas Tätigkeit als Hausfrau, Mutter und Gutsfrau ist, so sehr sie sich in die kleinsten Kleinigkeiten der Wirklichkeit vertieft, so daß sie sogar einen Frauenverein für Vertilgung des Ungeziefers stiften will, sie läßt sich bei all ihrer Entdeckerfreude nicht von der Wirklichkeit auffressen. Während der Berliner Aufenthalte pflegt sie mit gleich eifriger Gründlichkeit den Umgang mit alten und neuen Freunden. Bettina, das »Kind«, ist mit all seiner bewegten Geistigkeit lebendig geblieben; sie sucht die robuste Wirklichkeit des Landlebens mit ihrer geistigen Sphäre zu vereinigen. Savignys sahen mit Verwunderung, wie die Schwester und Schwägerin nicht verlor, sondern gewann durch die nahe Berührung und Verflechtung mit dem Alltag und rühmten ihre große Liebenswürdigkeit im Verkehr. Auch die fast religiöse Verehrung für Goethe bleibt wach, obwohl es nicht gelingen will, wieder ein näheres Verhältnis mit ihm anzuknüpfen. –

Im Winter 1817 bringt Arnim seine Frau nach Berlin; im Sommer darauf führt ihn eine Badereise nach Karlsbad. Am 8. August schreibt ihm Bettina dorthin, er möge, sollte Goethe in Karlsbad sein oder erwartet werden, doch ja bleiben, solange es ihm Freude mache.

Goethe kam nicht dorthin.

In der Aussicht, die sich nicht erfüllte, hatte Bettina bereits einen Brief an Goethe vorbereitet. Als der Brief fertig war, fand sie nicht den Mut, ihn abzuschicken. Der Brief ist erhalten und bezeugt, daß das »Kind« sich mit seinem Phantasie-Goethe noch ebenso verbunden fühlt und weiß wie je: »Nicht geahndet habe ich es, daß ich je wieder so viel Herz fassen würde, an Dich zu schreiben. Bist Du es denn? Oder ist es nur meine Erinnerung, die sich so in der Einsamkeit zu mir lagert und mich allein mit ihren offenen Augen anblickt … Heute hatte ich die Haare in Händen, die Deine Mutter sich abschnitt, um sie mir als Zeichen ihrer Liebe nach ihrem Tode reichen zu lassen; und da faßte ich Herz: einmal will ich Dich noch rufen! Was kann mir widerfahren, wenn Du nicht hörst?« Das frühere Du fließt ihr wie selbstverständlich in die Feder; es ist derselbe Ton und Rhythmus wie in den Tagen leidenschaftlichster Liebe und steigert sich auch noch wie einst bis zu den höchsten Gipfeln religiöser Ekstase. All die bunte Zeit und Kraft kostende Geschäftigkeit der letzten Jahre hat also ihre Liebe nicht verschlungen, nur verdeckt.

 

Über zwei Jahrzehnte hin bleibt das breit-behagliche, humorbeschwingte Wiepersdorfer Idyll, wie es sich in Bettinas und Achims Briefen vielgestaltig und bis in die kleinsten Züge der Wirklichkeit abzeichnet, dasselbe. Leise nur mischen sich mit den Jahren da und dort auch ernste, blasse Farben in seine heitere Buntheit.

Noch unter dem Eindruck des ersten, aufregenden Schreckens schreibt im April 1816 Bettina an Savigny: »Unser Arnim war sehr krank und scheinbar dem Tode nahe.« Die vorausgegangene fürchterliche Nacht hatte die Krisis gebracht. Es handelte sich vermutlich um eine sehr heftige und plötzlich einsetzende und sich steigernde Lungenentzündung, die gleich das Schlimmste befürchten ließ. Zwei Boten riefen den Arzt herbei, der erst am nächsten Morgen kam und glücklicherweise »die beste Hoffnung« gab. »Ihr lieben Freunde, würdet den lieben Mann nicht mehr erkennen, so sehr ist er durch die Heftigkeit der Krankheit abgezehrt. Ich kann Gott nicht genug danken, daß er mich in dieser schrecklichsten Periode meines bisherigen Lebens so gestärkt hat.« Noch unter ihrer großen Bestürzung zuckt ein Flämmchen ihres Humors. Sie erinnert sich an das Sprichwort »Unkraut vergeht nicht« – nicht um sich damit zu trösten, sondern um sich zu schrecken: »Da er das edelste Wesen ist, das ich kenne, dachte ich immer, das ist wohl ein Kraut, das bald in den himmlischen Garten versetzt werden mag … Lieber, bester Savigny, wie seltsam ist der Mensch durch sein Glück mit dem Schmerz verkettet, und wie ist er auch wiederum hierdurch in der ewigen Macht Gottes … Ich war so glücklich, daß ich noch sein liebes Gesicht vor mir hatte … daß ich gewürdigt war, ihn so innig zu kennen, wie ihn keiner kennt. Kein Anderer weiß, wie tief herrlich harmonisch sein Inneres gebildet ist.« So seltsam und widerspruchsvoll, wie sich in diesen Sätzen Scherz und Ernst, Angst und Tapferkeit, Gottvertrauen und peinliche Selbstbeobachtung treffen, sind auch an der neuen Bettina, die die Wirklichkeit entdeckt hat, die Gegensätze vermischt. Es gibt kaum ein zarteres, innigeres Bekenntnis ihrer Liebe zu Achim, als sie es in diesen Zeilen ablegt. Man fühlt es. Man fühlt, was für ein Halt ihr ein solcher Mann sein mußte.

Wie ganz auch Savigny Bettinas Entwicklung als Wirkung neuer, ihr zugewachsener Kräfte erfaßt, geht aus seinem Antwortbrief hervor: »Gott ist gut und hat auch hier Kräfte in Dir erschaffen, zu tragen, was viele Andere hätte unterliegen machen.«

Arnims Krankheit vom April 1816 blieb eine Warnung, die zu Sorge und Vorsicht mahnte. Seine bis dahin ungebrochene Gesundheit war offenbar erschüttert, was sich auch in leidigem Grübeln über tatsächliche oder eingebildete Krankheiten zeigte. Er war 35 Jahre alt, als ihn jene schwere Lungenentzündung an den Rand des Grabes brachte. Seither kränkelte er. Ein Mann auf der Höhe des Lebens, in der zweiten Hälfte der Vierzig, leidet an »Gichtschmerzen«. Wer hätte es diesem blühend schönen, hochgewachsenen Edelmann angesehen, daß seine leuchtende Seele in einem anfälligen Körper wohnte? Zunehmende Geldsorgen drückten auch auf seine Stimmung; gelegentlich entschlüpft ihm darüber ein Seufzer, der verrät, daß er sich um die Zukunft seiner kinderreichen Familie bangt, der er einen unverschuldeten Besitz hinterlassen möchte.

Den Winter 1830/31 verbrachte Bettina wieder einmal in Berlin bei ihren Geschwistern. Achim war allein in Wiepersdorf zurückgeblieben. So bald als möglich wollte er den Seinigen nach Berlin folgen. Für den 21. Januar 1831 hatte er einige Nachbarn zur Jagd geladen, war aber dann selbst, weil er sich nicht wohl fühlte, daheimgeblieben.

Am Abend: sein Diener hatte ihm den Tee gebracht. Da fand er seinen Herrn tot am Boden …

»Unser Arnim ist nicht mehr«, schreibt Savigny an die Brüder Grimm. »Wir erhielten durch einen Boten die Nachricht, daß er an einem Nervenschlag plötzlich und schmerzlos gestorben sei … Niemand von den Seinigen war bei ihm auf dem Gut. Den Jammer der armen Frau und der verwaisten Kinder können Sie sich denken.«

Die Wirklichkeit hatte Bettina zum Abschluß eines zwanzigjährigen glücklichen Idylls ihr bitterstes Antlitz gezeigt …


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