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Mit allen Sinnen hatte Bettina den von Blüten überschäumenden, überschwenglichen Wiener Frühling genossen und mit ganzer, erhobener Seele, wie nur sie es konnte, die einzigartige Erscheinung Beethoven erlebt, die ihr das Geheimnis, das sinnlich-übersinnliche Wesen ihres eigensten Urelementes, der Musik, offenbarte, wie nie zuvor. Wohl schon in der ersten der vier Wiener Wochen war sie von ihrer Schwägerin Toni, der Frau ihres ältesten Bruders Franz, bei Beethoven eingeführt worden, den sie »unendlich liebgewann« … Tief empfand sie den Gegensatz der großen, volkreichen Donaustadt zu dem stillen böhmischen Bukowan, wo die Reisegesellschaft Christian, den jüngsten der Brentano-Brüder, besuchte und auf dem von ihm bewirtschafteten Familiengut für einige Hochsommerwochen rastete.
»Vor kurzem war ich noch in der großen Wienstadt, ein Treiben, ein Leben unter den Menschen, als ob es nie aufhören sollte; da wurden in Gemeinschaft die üppigen Frühlingstage verlebt, in schönen Kleidern ging man gesellig umher. Jeder Tag brachte neue Freude und jeder Genuß wurde eine Quelle interessanter Mitteilungen. Über das alles hinaus ragte mir Beethoven, der große übergeistige, der uns in eine unsichtbare Welt einführte und der Lebenskraft einen Schwung gab, daß man das eigene beschränkte Selbst zu einem Geist-Universum erweitert fühlte« … Sie brauchte Zeit und Lebenskraft, um das Wunder Beethoven in sich zu verarbeiten. Nur die Offenbarung Beethoven? … So nachhaltig und tiefgreifend war ihre innere Ergriffenheit und Erschütterung gewesen, daß es eine Weile scheint, als wollte in ihrer Phantasiewelt der musikalische Genius den dichterischen ablösen, Beethoven an die Stelle Goethes treten. Dem war nicht so. Der Magnetberg blieb unerschüttert; ja, der Phantasie-Beethoven ordnet sich dem Erlebnis Goethe unter, ohne etwas von seiner eigenen Hoheit zu verlieren. Bettina tat, was in ihren Kräften stand. Sie steigerte ihre innere Bewegtheit und dichterische Sprache zum Äußersten, um Goethe für ihren neuen Abgott zu gewinnen, was ihr freilich nur soweit gelingen konnte, als es seine Musikalität erlaubte, die bei dem von ihr abgelehnten Zelter ihre Grenzen hatte …
»Wie ich diesen sah, von dem ich Dir jetzt sprechen will, da vergaß ich der ganzen Welt« – mit diesen Worten, die anheben wie eine Orgelfuge nach tonschwerer Pause, beginnt Bettina, das Kind, im »Briefwechsel« ihr Erlebnis – Beethoven – zu schildern, als stünde sie im Begriff, eine neue unerhörte Erscheinung einzuführen, die dem Dichter ebenbürtig, wo nicht überlegen, der Partner eines neuen Kults werden sollte … Mit dem Bildnis, das Bettina analog demjenigen Goethes in ihrer Phantasie erschafft, ist es im Hinblick auf Wahrheit und Dichtung noch weniger gut bestellt als mit dem ihres Dichters. Lediglich drei Briefe und ein Sonett sind die dokumentarische Grundlage, auf der die Echtheit ihres Beethovenerlebnisses sich gründet. Zwei dieser Briefe sind unecht, sind wie das Sonett poetisches Rankenwerk Bettinas um eine große Persönlichkeit. Um so erstaunlicher ist die Kunst, mit der sie ein Bildnis des alternden, ertaubten Tonschöpfers gleichsam aus dem Nichts erstehen läßt – ein Bildnis, stark und eindringlich genug, um, wie das von ihr erschaffene Bild Goethes im »Briefwechsel mit einem Kinde« in den Allgemeinbesitz unserer Kunde vom späten Beethoven überzugehen. Fast allen ihren Zeitgenossen weit voraus, drang sie in das Innerste unseres größten musikalischen Genies.
So der Eindruck Beethovens auf Bettina.
Wie der der jungen Freundin auf ihn? In dem einzigen, angeblich echten Brief aus Wien vom 10. Februar 1811 heißt es: »… Ihren ersten Brief habe ich den ganzen Sommer mit mir herumgetragen, und er hat mich oft selig gemacht, wenn ich auch Ihnen nicht so oft schrieb und Sie gar nichts von mir sehen, so schreibe ich Ihnen doch tausendmal tausend Briefe in Gedanken …
Sie heiraten, liebe Freundin, oder es ist schon geschehen, und ich habe Sie nicht einmal zuvor noch sehen können, so ströme denn alles Glück Ihnen und Ihrem Gatten zu, womit die Ehe die Ehelichen segnet. – … An Goethe, wenn Sie ihm von mir schreiben, suchen Sie alle die Worte aus, die ihm meine innigste Verehrung und Bewunderung ausdrücken, ich bin eben im Begriff, ihm selbst zu schreiben wegen Egmont, wozu ich die Musik gesetzt …
Nun lebe wohl, liebe, liebe Freundin, ich küsse Dich so mit Schmerzen auf Deine Stirne und drücke damit wie mit einem Siegel alle meine Gedanken für Dich auf. – Schreiben Sie bald, bald, oft
Ihrem Bruder
Beethoven.«
Es galt in Bukowan noch mit einem andern nicht ausgeträumten Liebestraum fertig zu werden. Seit der Trennung in Neumark, auf der Reise von Salzburg nach Wien, stand Bettina in regem Briefwechsel mit Max von Freyberg. Ihre Briefe aus jenen böhmischen Sommertagen zeigen in ihrer wachsenden Hochspannung, daß es ihr nicht leicht wird, mit dem »Götterjüngling«, dem sie ihren jüngsten, dionysischen Tempeldienst widmete, ins Rechte zu kommen. Ließ die Offenbarung Beethoven, dieses »übergeistige Erleben« sie den Abstand zu ihrem Liebesabenteuer mit Freyberg beschämend empfinden? Fühlte sie ihre fraglos große geistige Überlegenheit gegenüber dem jungen Studenten? Sie, der »Erzengel Gottes«, wie er sie nannte, hatte in dem leichtentzündlichen, schwärmerisch-religiösen Jüngling doch wohl Hoffnungen erweckt, die sie im Angesicht der Wirklichkeit im Schloßgarten zu Bukowan und der weichen, zu nachdenklicher Sammlung stimmenden böhmischen Walddörfer nicht aufrecht erhalten konnte und durfte?
Der Besuch ihres Bruders Clemens und ihres Freundes Arnim stand vor der Tür …
Es war an der Zeit, daß sie in ihrem Innern Ordnung schaffte und dem stürmischen Freyberg andeutete, daß der mystische Seelenbund von Salzburg und Altötting ein Geheimnis bleiben müsse. Sie geht noch weiter. Um sich und ihn zu sichern, schreibt sie ihm am 24. Juni 1810: »Heut ist Arnim angekommen. Ich habe mich erfreut an seiner Gestalt, an seinem Angesicht; es strahlt was Lichtes, Freies aus ihm heraus, was er selbst nicht kennt, was mir aber das Liebste an ihm ist, gerade weil ich ihn so lieb habe.«
So reich ist die Skala der Freundschaft, der Leidenschaft und der Liebe, die Bettina durchlebt, daß man daraus allein eine ganze Psychologie ihrer Erotik zusammenstellen könnte. So hat auch ihr Gefühl für Achim von Arnim von vornherein eine besondere und bestimmte Note: Wie überzeugend und überzeugt klingt es, wenn sie von ihm redet: Man sieht das Lichte, Freie, das aus Gesicht und Gestalt des Dichter-Edelmannes herausstrahlt; sieht seinen federnden und zugleich mannhaften Schritt, sein klares Auge; fühlt bei Bettina die Achtung als Grundton ihrer Empfindungen für ihn; bei beiden das edle Gleichgewicht sinnlichen und seelischen Wohlgefallens …
So manchem Wechsel sonst Bettinas Liebesempfindungen und Verliebtheiten unterworfen sind, gleich bleibt seit der ersten Begegnung ihre Achtung vor Arnim. Hier liegt wohl auch der Grund, warum Arnims beharrliche, gerade und reine Mannesliebe Siegerin bleibt über alle früheren und gleichzeitigen Werbungen um Bettina …
Die Liebe zwischen den beiden war zwar keine »Liebe auf den ersten Blick«, aber immerhin eine Liebe vom ersten Sehen. Arnim, nicht bloß Dichter, sondern auch Landwirt und märkischer Junker, war nicht der Mann für ein loses, empfindsames oder geistreiches Getändel. So waren denn auch die Beziehungen, die sich zwischen ihnen seit der ersten Begegnung anspannen, nicht jenes romantische Spiel, wie es damals die ganze Atmosphäre erfüllte, sondern ein Gefühls- und Gedankenaustausch von Gehalt und, wenigstens von seiten Arnims, schon frühzeitig auf ein ernsthaftes, reales Ziel gerichtet. Noch war zwischen beiden von Hochzeit und Ehe nicht gesprochen worden, als Achim in Bukowan erschien, zudem im Geleit des Freundes und Bruders Clemens, der sich über das Verhältnis der zwei im klaren war, seit er Schwester und Freund einander zugeführt hatte … Auch Bettina war darüber nicht im Zweifel, daß ein Verehrer wie Arnim, so treu und ritterlich, wie er sich in all den verflossenen Jahren erwiesen, sich nicht unbegrenzt oft vertrösten und beiseitestellen ließ. Ein Mann wie er – das mochte sie fühlen – konnte sich wohl mit der großherzigsten Nachsicht und Einfühlung in alle Schwankungen der Freundschaft und in die geniale Sprunghaftigkeit ihres Wesens finden; aber es gab eine Grenze, über die hinaus er sich nicht hinhalten ließ. Einmal vor ein Entweder-Oder gestellt, galt für ihn nur ein entschlossenes: Bis hierher und nicht weiter! Sie selber ahnte, ja wußte, in seltener Klarheit, daß in dieser standhaften, ritterlichen Liebe ein Bestes, Köstlichstes auf dem Spiele stand, und sie machte deshalb die Entscheidung nicht sich noch ihm leicht. Eine »Himmelsliebe« wie die Schwärmerei mit Freyberg verschwimmt und verdunstet vor dem Magnetberg Goethe wie ein Federwölkchen in unendlichen Fernen des Sommerhimmels. Anders verlangte es ihre achtungsvolle Zuneigung für Achim. Ihm gegenüber war bedingungslose Offenherzigkeit geboten – auch über jenes Heiligtum ihres Wesens und ihrer Liebe, in dem sie das Idealbild ihres Einzigen, »ihres« Dichters, barg und verehrte. Sie hatte deshalb Arnim schon im Sommer 1809 mit einer bei ihr nicht häufigen Deutlichkeit zugerufen: »O Arnim! O Goethe! Ihr seid mir zwei werte Namen. Hätte die Welt gleich hinter Euch ein End gehabt, so wär ich auf ewig bei und mit den Guten geblieben.« …
12. Gunda Brentano
13. Friedrich Carl v. Savigny
Und im Sommer 1810 in Bukowan tritt dieser Arnim leib- und seelhaftig vor sie hin, bringt seine bisher so stille und spröde Werbung mannhaft vor, spricht von Hochzeit und Ehe. Kurz vorher war seine Großmutter gestorben; als ihr Erbe war er auch wirtschaftlich instand gesetzt, eine Familie zu gründen. Jetzt war für ihn der Zeitpunkt unaufschiebbar geworden, von Bettina ein endgültiges Ja oder Nein zu erbitten … Und Bettina? Was hatte sie auf diese gewichtige, ernsthafte Werbung zu sagen? Sie spricht wohl das von ihm erhoffte und ersehnte Ja, aber es bleibt auch jetzt noch schwebend, ein Ja mit Vorbehalt. Ist es die Scheu vor der Bindung für ein Menschenleben? Vor einer Bindung ihrer fliegenden Natur an die handfeste Wirklichkeit? Denkt sie an den blutjungen Freyberg? Oder, was wahrscheinlicher ist, an – Goethe? … An Goethe! Sie nimmt Arnim als letzte, ihr heilige Bedingung das Versprechen ab, nie eifersüchtig auf Goethe zu sein.
Achtung mit Achtung erwidernd, wie es seiner hochsinnigen Art entspricht, gibt er sich auch jetzt und wieder zufrieden; räumt sich und ihr eine letzte Bedenkfrist ein, reist ohne Ja oder Nein von Bukowan wieder ab.
Es ist unmöglich mit verbürgten Worten auszusagen, was alles damals im Bukowaner Sommer zwischen den zwei ernstlich ringenden Menschen zur Sprache gebracht wurde. Wahrscheinlich, daß nach einer offenen und gründlichen Aussprache über Bettinas Stellung zu Goethe auch ihre mancherlei Liebeleien, so neuerdings die mit Freyberg, berührt und von Arnim, dem Romantiker, verstehend und großmütig beiseitegeschoben wurden.
Als Clemens und Achim zurückreisten, schloß sich ihnen Savigny an, um in Berlin auf Wohnungssuche zu gehen. Inzwischen hatte Arnim noch von unterwegs schriftlich und eindringlich seine Werbung wiederholt.
Auf seinen Brief gibt Bettina mit herzwarmen Worten endlich ihr lang und sehnsüchtig erwartetes Jawort und schreibt dabei: »Du bist unendlich gut und herrlich, das weiß ich, aber Du bist noch besser, als ich es weiß und fühlen kann. Liebes Kind meines Herzens, warum soll ich nicht Dein sein? Warum, wenn Du an mich verlangst, soll ich Dir nicht geben? … Sei von mir geliebt, sei mein, sei getrost!«
Frischfröhlich schreibt Arnim zurück und zerhaut den gordischen Knoten: »Ich meine, wir heiraten uns, wann und wo es sei, nur bald. An Mobilien brauchst Du so nicht viel, wenn Du ein Fortepiano hast, ich hab mein Schreibpult.«
Anfang August holte Savigny die Seinen, mit ihnen auch Bettina, aus Bukowan nach Berlin. Noch in Böhmen, in Teplitz, gab es am 12. August eine freundschaftliche Begegnung mit Goethe. Bettina erzählt ihm da von der Günderode, von Bukowan und von München.
Riemer, Goethes Sekretär, schrieb damals unter dem Eindruck, den er von ihr empfing: »Sie ist noch so klug und unklug wie sonst und gleich unbegreiflich.« Das Urteil Goethes über »das Kind« klingt in dieser Äußerung hörbar mit. Am Tage nach ihrer Weiterreise schrieb Goethe selbst an feine Frau Christiane: »Sie war wirklich hübscher und liebenswürdiger wie sonst. Aber gegen andre Menschen sehr unartig. Mit Arnim ist's wohl gewiß.« Man spürt die Distanz, die Goethe brieflich und mündlich Bettina gegenüber stets wahrt, und die merken zu lassen auch vor Christiane angezeigt sein mochte. Wieviel mag sich Bettina von diesem Wiedersehen versprochen haben, und wie wenig hielt die Wirklichkeit von dem, was ihre Mignonsehnsucht sich davon erträumte!
In Berlin beziehen Savignys und Bettina Wohnung am Monbijou-Platz … Noch verstreicht ein halbes Jahr, bis Achim und Bettina ihr in der Stille eingegangenes Verlöbnis vor der Welt bestätigen. Wie sehr Bettina nach wie vor mit Goethe beschäftigt ist, wie fest und bewußt sie den Geistesbund mit ihm weiterpflegt, geht daraus hervor, daß sie in jenen Monaten für ihn die Erinnerungen sammelt, die sie aus den Erzählungen seiner Mutter, der »Frau Rat«, im Gedächtnis festhielt und auf seinen eignen Wunsch für »Dichtung und Wahrheit« beisteuern sollte. Mit welchem Hochgefühl mag sie diesen vertrauensvollen Auftrag als Mitarbeiterin ihres Dichters empfangen und erfüllt haben!
Am 4. Dezember, ehe das für sie so schicksalsvolle Jahr 1810 zur Neige ging, feierte Bettina mit Achim Verlobung. Sie gibt eine bezeichnende Schilderung dieses ganz in ihrem Geschmack aus dem Stegreif erfolgten Verspruchs: »Am 4. Dezember war kalt und schauerlich Wetter. Es wechselte ab im Schneien, Regnen und Eisen; da hielt ich Verlobung mit Arnim unter freiem Himmel um ½9 Uhr abends in einem Hof, wo hohe Bäume standen, von denen der Wind den Regen auf uns herabschüttelte, es kam von ungefähr.« Es war nur in der Ordnung, daß die Natur, die ihr so innig verwandte, schauerlich-romantisch, magisch-beziehungsvoll bei dem improvisierten Verlöbnis mitspielte! … Noch am selben Abend wurden in der Wohnung von Schwager und Schwester die Ringe gewechselt …
Erst recht ihre Hochzeit feierten die beiden im Vorfrühling am 11. März 1811 so unauffällig und stegreifmäßig wie möglich als »abgesagte Feinde aller Gratulationen und Hochzeitsspäße«. Dem Freund Wilhelm Grimm berichtet Arnim: »Den 11. März hatten wir zum Tag der Trauung bestimmt. Die Frau des Pfarrers … war die einzige Zeugin unsrer Trauung und ersetzte den mangelnden Myrtenkranz Bettinens, die unsre hiesige Gewohnheit nicht kannte, nach der er ein bedeutendes Zeichen ist, mit dem ihren, welchen sie vor fünfzig Jahren getragen, es war ein zierlich Krönchen, grüne Seide kraus über Draht gesponnen zur Nachahmung der Myrte, wie es in jener Zeit Mode. Bettine glich darin mit dem schwarzgescheitelten Haar einer Fürstin älterer Zeit … Nach der Trauung führte ich eilig Bettinen nach Hause und aß in einer freudigen Einsamkeit beim Restaurateur.« Abends begibt sich Arnim wie gewöhnlich zu Savignys, bei denen Bettina wohnt, und wartet ab, bis Clemens fortgeht, der dort ebenfalls seinen Abend zu verbringen pflegte. »Als er fort war, gingen Savignys auch zu Bette, ich tat, als wenn ich Abschied nähme, trabte die Treppen in Begleitung der kleinen Kammerjungfer hinunter, als ob ich schwer beschlagene Hufeisen trüge, unten aber schlug ich die Tür scheinbar zu, zog dann die Stiefel schnell aus und war in drei Sprüngen in Bettinens Zimmer, das mit großen Rosenstöcken und Jasminen, zwischen welchen die Nachtlampe stand, sowohl durch den grünen Schein der Blätter wie durch die zierlichen Schatten an der Decke und Wand verziert war. Die Natur ist reich und milde, was aber von Gott kommt und zu Gott kehrt, ist das Vertrauen. Früh schlich ich mich unbemerkt fort.« Trockener Humor und feingestimmte Romantik mischen sich hier wie in einer der eigenartigen Novellen Arnims.
So gewollt unfestlich und stegreifmäßig der Lebensbund Bettinas und Achims in Berlin begann – was dieser Schritt für Bettina bedeutete, wird so recht offenbar aus Briefen, die sie um diese Zeit an Goethe richtet. Der eine, in dem sie dem Großen von Weimar ihre Verlobung mitteilt, schließt: »Du Einziger, der mir den Tod bitter macht« und ruft ihm dann ein dreifach gesteigertes Lebewohl zu, indem sie den Magnetberg beschwört als einzig »Erbteil meiner Mutter«, als »Bronnen, aus dem ich trinke«. Ergreifender noch klingt der erste Brief nach ihrer Vermählung aus, den sie im Mai 1811 an Goethe sendet und unterschreibt: »Dein ewig treues Kind, das keinen andern Weg weiß als zu Dir« … Ist es schuldbewußte Reue über den Verrat an dem »seligen Wahn«, mit dem sie durch lange Jahre hin ihr Dasein mit dichterischer Inbrunst verklärte, über den Abfall vom Ideal, vom obersten Gott im Tempel ihrer Träume? Ist es das Leid der nie gestillten Sehnsucht, mit dem Bettina-Mignon den Zusammenbruch ihres phantastischen Königreichs beweint? Ist es die Anklage des treulos verlassenen Kindes, das sich in seiner Herzensnot in die Arme des Geliebten flüchtet und von ihm doch noch Trost und letzte Hoffnung erwartet – von ihm, dem Einzigen, ihrem allmächtigen Dichter? Es ist eines wie das andere, ist alles in allem! …
Die Neuvermählten beschlossen, im kommenden Sommer die noch immer aufgeschobene Hochzeitsreise mit einer Fahrt an den Rhein und nach Frankfurt nachzuholen und in diese Reise einen Besuch in Weimar einzulegen. Ob der Plan einem Lieblingswunsch Bettinas entsprang, die, vom Strom der Wirklichkeit fortgerissen, nach einer letzten rettenden Planke griff, die sie doch noch an das Ufer ihres Traumlands trüge? Ob Achim sich von einer Begegnung seiner jungen Frau mit dem leibhaftigen Goethe, dem Dreiundsechzigjährigen, eine ernüchternde Wirkung auf sie versprechen durfte? … Das mußte das Wiedersehen mit Goethe an seinem nächsten Geburtstag in Weimar erweisen …