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Einst hatte das Fritzlarer Klosterkind auf der Schwelle der Sakristei den Bienen nachgeschaut und in unendlichen Traumfernen ein ungemessenes Glück geahnt.
Die Jahre kamen und schwanden, aber das erahnte Glück war nicht gekommen. Ringsumher schwebte und geisterte es und schien greifbar nahe. Der Bruder Clemens meinte es in der Ehe mit Sophie Mereau zu finden; die Schwester Gundel fand es in Savigny.
Welches ungemessene Glück war Bettina, dem Märchenkind, aufbehalten? … Nur ein ganz besonderes, einmaliges, in Wahrheit unermeßliches durfte es sein.
Eine seltene Freundin war ihr beschieden und grausam wieder entrissen … Wo blieb ihre große Liebe? Sollte es ein Dichter sein? … Dann nur ein ganz großer, einziger und unvergleichlicher. Von keinem wußte sie so viel wie von dem der Großmutter Laroche befreundeten Wolfgang Goethe, der, wie sie wußte, ihre Mutter leidenschaftlich geliebt hatte …
Nach dem Tod der Günderode war ihr Herz frei für die große Leidenschaft. Sie sehnte sich lange schon danach, Goethe kennenzulernen, mit dessen in Frankfurt stadtbekannter Mutter die Familie Brentano in freundschaftlichem Verkehr stand. Es mußte ihr gelingen, über die Frau Rat wenigstens geistig ihrem Sohn näher zu kommen.
Was Bettina ernstlich wollte, setzte sie durch.
Schon Anfang des Jahres 1807 starb Großmutter Laroche. Mit ihr versank ein Jahrhundert, eine Welt von Erinnerungen … Bettinas Aufenthalt wechselte nun zwischen der verwaisten »Grillenhütte« und zwischen dem alten, von Bruder Franz bewohnten Brentanoschen Bank- und Handelshaus in der Sandgasse, zwischen Offenbach und Frankfurt. Dadurch kam sie auch räumlich der Frau Rat wieder näher.
Goethes Mutter, als Frau Rat oder Frau Aja in der deutschen Geschichte unsterblich wie ihr großer Sohn, war wie geschaffen, Bettinas phantasievolle Kindhaftigkeit zu verstehen. Sie hielt es ja schon immer und allerwege mit der Jugend und junge Freunde ihres Sohnes waren es auch, die ihr in beschwingter Stunde nach der Mutter der sagenhaften vier Haymonskinder den gern angenommenen Namen der »Frau Aja« verliehen hatten.
Mehr als einen Zug ihres quellfrischen, ursprünglichen Wesens hatte sie mit Bettina gemein. Auch sie plauderte gern: »Ich besitze einen Schatz von Anekdoten, Geschichten usw., daß ich mich anheischig mache, acht Tage in einem fort zu plaudern.« Ihres Sohnes Werke kannte sie halb auswendig, wie viele ihrer Briefe durch lange wörtliche Zitate beweisen …
Auch im Temperament und in der Freude am Kleinen trafen sich die beiden Frauen. Der ihr befreundeten Herzogin Anna Amalia gibt Mutter Goethe einmal den Rat, den sie sich auch selbst zu eigen gemacht hat: »alle kleinen Freuden aufzuhaschen, aber sie ja nicht zu anatomieren, mit einem Wort, täglich mehr in den Kindessinn hineingehen« …
Wiederum gab es, was auch natürlich genug war, viel Gegensätzliches im Wesen der Beiden. Die grundehrliche, gerade Natur der Rätin war aller Mystik abhold und so sehr ihr die »Lust zum Fabulieren« eignete, war ihr alles Flunkern, Ausschneiden und Faseln wider die Natur, wie überhaupt alles Verstiegene. Wer, wie Frau Aja, von sich sagt, Mutter sei der einzige Name, der ihr Glück umfasse, mußte die verwaiste und vereinsamte Bettina mit der zuversichtlichen Hoffnung erfüllen, bei der Mutter Goethes Vertrauen und Verständnis zu finden.
Ihre Hoffnung wurde nicht enttäuscht! Der Empfang war herzlicher, als ihn Bettina sich je hatte erhoffen können.
Nur allzu gern kommt sie wieder und wieder in das alte Haus am Roßmarkt, das die Mutter des Dichters seit 1795 bewohnte, macht sich heimisch auf der Fußbank (Schawell) der Frau Rat, lauscht mit offenen Sinnen und empfänglicher Seele ihren bis ins Kleinste und Feinste getreuen Erinnerungen an die Geburt, an die Knabenzeit ihres Wolfgang, den sich die andächtige Lauscherin von Stufe zu Stufe zu dem Ihrigen macht. Ja, wer so erzählen könnte wie die Frau Rat, von der ihr Sohn mit stolzem Dank bezeugt: »Von meiner Mutter ist mir die Gabe angeerbt, alles was die Einbildungskraft hervorbringen, fassen kann, heiter und kräftig darzustellen.«
Was die horchende, leidenschaftliche, phantasievolle Besucherin etwa noch mißte, tat sie aus Eigenem hinzu.
Die helle, geräumige Wohnstube der Rätin erfüllte sich mit Bild um Bild. Aus dem Knaben Wolf, der noch mit Theaterpuppen spielte und allerlei Hausrat von Porzellan aus dem Fenster warf, wurde der im Eislauf dahinschwingende Göttersohn, wurde der stürmische, toll-feurige Jüngling, dem das hinreißende Feuer der Liebe, der erhebenden dichterischen Begeisterung aus den Augen schlug.
Das vertraute alte Frankfurt erstand ringsum mit der altertümlichen Pracht der Kaiserkrönung. Die gefährlichen Leipziger Jahre taumelten vorüber. Die kunstbegeisterten in Straßburg folgten.
»Es schlug mein Herz geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde
Und an den Bergen hing die Nacht.«
Der Reiter brauste mit dem »Erlkönig« um die Wette. Der Ritter »Götz« eroberte wie mit einem mächtigen Zauberschlag ganz Deutschland: Die Namen Goethe und Götz waren auf allen Lippen. Ei, wie leuchten die Augen der Mutter von zärtlichstem Stolz auf den wachsenden und wachsenden Genius des Sohnes, dem der Weimarer Herzog huldigt! Das leuchtende Auge will sich umfloren: der Herzog und seine gütige, großdenkende Mutter rufen ihn zu sich in die ferne Residenz an der Ilm. Noch eben hatte der tränenselige Werther nicht bloß ganz Deutschland, sondern die ganze Welt erobert mit seinem blauen Frack und seinen Stulpenstiefeln, und schon galt es Abschied nehmen von der Mutter, vom Elternhaus, von Frankfurt, von wo er – keiner wußte es wie sie – die Keime all seiner großen und größten Werke mit sich nahm, um sie draußen in deutscher und südlicher Ferne sich zu köstlichen Blüten entfalten, zu herrlichen Früchten reifen zu lassen. Einen »Faust« sogar trug er im Reisesack. Und wie sie ihn in Weimar empfingen, den Wolf, den Einmaligen, Einzigen! …
Jung-Goethe, niemand konnte ihn so schildern wie die Mutter. Niemand sah ihn so lebendig wie die im Lauschen und Schauen fiebernde Bettina auf ihrem Schawell.
Jung-Goethe! Das Bild, das die Frau Rat mit hinreißenden Strichen und satten Farben hinwarf, begegnete sich entzündend mit dem in Bettinas Sinn und Herzen. Seinen jungen, unentrinnbaren Zauber, wie er alle Welt in Begeisterung versetzte, hat damals, berufen wie keiner, der alte, neidlose Wieland, der weitberühmte Hofdichter Anna Amalias unter dem Eindruck der ersten Begrüßung in unvergeßbaren Versen eingefangen:
»Auf einmal stand in unsrer Mitten
Ein Zaubrer! – Aber, denke nicht,
Er kam mit unglückschwangerm Gesicht
Auf einem Drachen geritten!
Ein schöner Hexenmeister es war
Mit einem schwarzen Augenpaar,
Zaubernden Augen voll Götterblicken,
Gleich mächtig zu töten und zu entzücken.
So trat er unter uns, herrlich und hehr,
Ein echter Geisterkönig daher;
Und niemand fragte, wer ist denn der?
Wir fühlten beim ersten Blick, 's war er!
Wir fühlten's mit allen unsern Sinnen,
Durch alle unsre Adern rinnen.
So hat sich nie in Gottes Welt,
Ein Menschensohn uns dargestellt,
Der alle Güte und alle Gewalt
Der Menschheit so in sich vereinigt!
So feines Gold, ganz innrer Gehalt,
Von fremden Schlacken so ganz gereinigt!
Der, unzerdrückt von ihrer Last,
So mächtig alle Natur umfaßt,
So tief in jedes Wesen sich gräbt,
Und doch so innig im Ganzen lebt!« …
Die Griechen haben in Phöbus Apollon den Gott der Sonne, den Inbegriff aller leiblichen und geistigen Schönheit, den Schutzgeist der Künste und Tugenden, den Bringer allen Lichts der Welt versinnlicht und versinnbildlicht … Dieser Goethe-Apoll war der Goethe Bettinas! Ihn für alle Zeit unverlierbar zu hegen, zu feiern, zu lieben, war das von Bettina erträumte, nun Gestalt gewordene ungemessene Glück, das sich ihr in den Erzählungen der Frau Rat offenbarte.
Bettina war zwanzig oder einundzwanzig Jahre alt, als ihr das Bild Goethes in all seiner Jünglingsschönheit und Manneskraft aus den Erzählungen seiner Mutter aufging wie nie zuvor. Aber wenn sie sinnend zurückschweifte, fand sie, daß er ihr früher, viel früher vertraut geworden war. Nicht bloß, daß ihr die Liebe und Bewunderung für ihn gleichsam ins Blut vererbt war, von der Mutter und Großmutter her. Noch in ganz anderem und tieferem Sinn war er ihr herzverbunden. Es ist der uralte Glaube aller Liebe, daß sich der Liebende und der Geliebte vorherbestimmt wissen durch den ewigen Willen der Sterne … Bettina, das Naturkind, hätte nicht sein müssen, die sie war, wenn sie nicht einer solchen Naturbestimmung und Naturverbindung mit Goethe als einer magischen Berührung nachgegangen wäre, nachgeträumt hätte. »Welche höhere Wirklichkeit gibt es denn als den Traum?« Verwandtschaft im Innersten der Natur selbst ist immer und überall die tiefste Traumdeuterin: »Warum wühlt's mir im Herzen, wenn ich mich dran erinnere, daß die Blütenkätzchen von den Pappeln und diese braunen, klebrigen Schalen von den Knospen mich beregneten, wie ich da so still in der Mittagsstunde saß und dem Streben der jungen Weinranken nachspürte, wie die Sonnenstrahlen mich umwebten, die Bienen mich umsummten, die Käfer hin- und herschwirrten, die Spinne ihr Netz ins Gitter der Laube hing. – In solcher Stunde bin ich Deiner zum erstenmal inne geworden. – Da lauschte ich, da hörte ich in der Ferne den Lärm der Welt, da dachte ich: du bist außer dieser Welt, aber mit wem bist du? – Wer ist bei dir? – Da besann ich mich auf nah und fern, da war nichts, was mir angehörte. Da konnte ich nichts erfassen, mir nichts denken, was mein sein könnte. Da trat zufällig, oder war's in den Wolken geschrieben, Deine Gestalt hervor.« Fast magisch-romantisch entdeckt sie durch die Natur, in der Natur sich selbst wesensgleich mit dem Geliebten.
Auf so schmalem und steilem Felsgrat hoch über aller Wirklichkeit ist für die kühne Traumwandlerin kein dauerndes Sichhalten und Sichbehaupten ohne Gefahr des Absturzes ins Bodenlose der Verzweiflung. Der Geist der Versuchung tritt zu ihr. Weiß sie denn, wer und wie er ist – der wirkliche, leibhaftige Goethe? Ist er in Wahrheit der Größte, der Einzige, den sie braucht? Braucht er sie? … Stimmen der Ernüchterung, der Verkleinerung raunen rings: er ist nicht mehr so wie sonst, er ist stolz und hochmütig. Seine Schönheit hat abgenommen, und er sieht nicht mehr so edel aus wie früher. Hatte nicht schon anno 1792 der große Friedrich Schlegel verlauten lassen, er sei eine »kaltgewordene Seele«, der Werther, Goetz, Faust, Iphigenie seien der Anfang eines großen Mannes – es sei aber bald ein »Höfling« daraus geworden!? Sie wehrt sich gegen solche Afterrede und Afterweisheit mit dreifachem »Nein«; er ist nicht unschön! Er ist ganz edel, er ist nicht hochmütig gegen mich. Trotzig ist er nur gegen die Welt, die da draußen lärmt – außerhalb meiner Stille, meiner Träume; aber mir, die freundlich von ihm denkt, ist er gewogen! Zugleich fühlt sie, daß er ihr gut ist und denkt sich von seinem Arm umfaßt und durch ihn von der ganzen Welt getrennt … Im Herzen spürt sie ihn nah – in seinem Herzen und in ihrem eigenen: »Es war, als habe man Dich aus meinem Herzen gerufen.«
So rang Bettina gegen die Anfechtungen der Welt und des eigenen Herzens. Unerschütterlich glaubt ihr Glaube an ihn. Man spricht von seiner »Freigeisterei«, daß er nicht an den Teufel glaube, und sie glaubt auf der Stelle auch nicht an den Teufel und ist ganz sein und liebt ihn …
Und wie entdeckt sie seine ganze Herrlichkeit in seinen Werken! Auf der gleichen Rasenbank, auf der sie zuerst seiner gedacht und ihn in Schutz genommen, strömt ihr im Lesen überwältigend eine von ihm geschaffene Welt entgegen … Der Bruder Clemens bringt ihr den »Wilhelm Meister«. Den schlägt sie auf, liest den Namen Goethe gedruckt: »Den sah ich an wie Dich selber« … »Deine Lieder waren die ersten, die ich kennen lernte, o, wie reichlich hast Du mich beschenkt für diese Neigung zu Dir, wie war ich erstaunt und ergriffen!« …
Sie findet und fühlt sich in – Mignon:
»Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
Nach jener Seite.
Ach! der mich liebt und kennt
Ist in der Weite.«
Mich, mich hat er besungen und beglückt! ruft sie sich zu. Sie, Bettina, war jene – Mignon, sein ureigenstes Geschöpf. »Ich mußte so alles selbst erfahren, wie ich Deine Bücher allmählich verstehen lernte.«
Goethe ist ihr wiedergeschenkt, wiedergeboren aus seinem Werk …
Anfang des Jahres 1807 zog Bettina mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Lulu und deren Mann, dem Bankier Jordis, nach Kassel, wohin er als Hofbankier des Königs Jérome von Westfalen berufen war.
Im April des gleichen Jahres hatte Jordis eine Geschäftsreise nach Berlin zu machen, auf die er seine Frau und als ihre Begleiterin Bettina mitnahm.
Bettina gibt der Frau Rat eine ausführliche, launige Schilderung der Reise, die sie höchst abenteuerlich auf dem Bock der Kutsche mitmacht. Der Vorsicht halber hatten sich die Frauen in Männerkleider gesteckt, da man damit rechnen mußte, die kriegführenden Armeen zu passieren. Schwager Jordis machte sich über seine Begleiterinnen lustig, seine Frau sah gut aus, Bettina verglich er mit einem Savoyarden-Buben. Mit den Postillons sprach sie gebrochen deutsch, um für einen Franzosen gehalten zu werden. Als die Reisenden in einem verschneiten Wald die Straße verloren – Totenstille ringsum in einem Silberparadies von Tannen und Fichten – kletterte der »Savoyardenbub«, bewaffnet mit einer Pistole, auf den höchsten Baum, um nach der verlorenen Fahrstraße Ausschau zu halten. Nach allerhand heiteren und ernsthaften Zwischenspielen ging die Fahrt weiter über Magdeburg bis Berlin.
Bettina war in Berlin wie geistesabwesend und ging wie eine Blinde unter all den vielen Menschen umher. Sie hatte nicht geruht, bis ihr Jordis vor Antritt der Reise feierlich versprach, den Heimweg über Weimar zu nehmen. Seither lag ihr nichts im Sinn als Weimar und – Goethe … Jordis, um sie zu necken, drohte ihr, doch nicht den Umweg über Weimar machen zu wollen. Lulu, die die Pein der Schwester nachfühlte, legte sich ins Mittel: Das Bettina gegebene Versprechen müsse gehalten werden.
Am 23. April um die Mittagszeit kamen die Rasenden in Weimar an.
Der erste Brief, den Bettina noch unter dem frischen Eindruck des Erlebten nach Frankfurt an die Frau Rat schreibt, ist ein Kabinettstück ihrer großen, lebendigen Erzählungskunst, die mit souveräner Willkür Poesie und Wahrheit mischt, und soll deshalb so ausführlich wie möglich gegeben werden. Die erregte Spannung des mit ungeduldiger Neugier erwarteten und mit Inbrunst ersehnten Ereignisses der ersten Begegnung mit Goethe zittert noch in jeder Zeile:
»Ich will Ihr gern alles schreiben, aber ich hab' jetzt immer soviel zu denken, es ist mir fast eine Unmöglichkeit, mich loszureißen, ich bin in Gedanken immer bei ihm« …
»In Weimar kamen wir um 12 Uhr an; wir aßen zu Mittag, ich aber nicht. Die beiden legten sich auf's Sopha und schliefen; drei Nächte hatten wir durchgewacht. Ich rate Ihnen, sagte mein Schwager, auch auszuruhen; der Goethe wird sich nicht viel draus machen, ob Sie zu ihm kommen oder nicht, und was Besonderes wird auch nicht an ihm zu sehen sein. Kann Sie denken, daß mir diese Rede allen Muth benahm? – Ach, ich wußte nicht, was ich tun sollte, ich war ganz allein in der fremden Stadt; ich hatte mich anders angekleidet, ich stand am Fenster und sah nach der Turmuhr, eben schlug es halb drei. – Es war mir auch so, als ob sich Goethe nichts draus machen werde, mich zu sehen; es fiel mir ein, daß ihn die Leute stolz nennen; ich drückte mein Herz fest zusammen, daß es nicht begehren solle – auf einmal schlug es drei Uhr.« Sie läuft nach dem Lohnbedienten. Da kein Wagen aufzutreiben ist, machen sie sich zu Fuß auf den Weg. »Es war ein wahrer Schokoladenbrei auf der Straße, über den dicksten Morast mußte ich mich tragen lassen.« So kam sie zu Wieland; sie führte sich ein wie eine alte Bekannte, obwohl sie ihn nie gesehen hatte. Der schelmische alte Herr nahm sie scherzhaft, wie es zu ihr paßte und schrieb ihr das erbetene Billett an Goethe: »Bettina Brentano, Sophie La Rochens Enkelin wünscht Dich zu sehen, lieber Bruder, und gibt vor, sie fürchte sich vor Dir, und ein Zettelchen, das ich ihr mitgebe, würde ein Talisman sein, der ihr Mut gäbe. Wiewohl ich ziemlich gewiß bin, daß sie nur ihren Spaß mit mir treibt, so muß ich doch tun, was sie haben will, und es soll mich wundern, wenn Dir's nicht ebenso wie mir geht.«
»Mit diesem Billett ging ich hin, das Haus liegt dem Brunnen gegenüber; wie rauschte mir das Wasser so betäubend, – ich kam die einfache Treppe hinauf, in der Mauer stehen Statuen von Gips, sie gebieten Stille. Zum wenigsten ich könnte nicht laut werden auf diesem heiligen Hausflur. Alles ist freundlich und doch feierlich. In den Zimmern ist die höchste Einfachheit zu Hause, ach so einladend! Fürchte Dich nicht, sagten mir die bescheidnen Wände, er wird kommen und wird sein, und nicht mehr sein wollen wie Du, – und da ging die Tür auf und da stand er feierlich ernst, und sah mich unverwandten Blickes an; ich streckte die Hände nach ihm, glaub ich, – bald wußt ich nichts mehr, Goethe fing mich rasch auf an sein Herz. Armes Kind, hab ich Sie erschreckt, das waren die ersten Worte, mit denen seine Stimme mir in's Herz drang; er führte mich in sein Zimmer und setzte mich auf den Sopha gegen sich über. Da waren wir beide stumm, endlich unterbrach er das Schweigen: Sie haben wohl in der Zeitung gelesen, daß wir einen großen Verlust vor wenigen Tagen erlitten haben durch den Tod der Herzogin Amalie? Ach! sagt' ich, ich lese die Zeitung nicht. – So! – Ich habe geglaubt, alles interessiere Sie, was in Weimar vorgehe. – Nein, nichts interessiert mich als nur Sie, und da bin ich viel zu ungeduldig, in der Zeitung zu blättern. – Sie sind ein freundliches Kind. – Lange Pause – ich auf das fatale Sopha gebannt, so ängstlich. Sie weiß, daß es mir unmöglich ist, so wohlerzogen da zu sitzen. – Ach Mutter! Kann man sich selbst so überspringen? – Ich sagte plötzlich: hier auf dem Sopha kann ich nicht bleiben, und sprang auf. – Nun! sagte er, machen Sie sich's bequem; nun flog ich ihm an den Hals, er zog mich auf's Knie und schloß mich an's Herz. – Still, ganz still war's, alles verging. Ich hatte so lange nicht geschlafen; Jahre waren vergangen in Sehnsucht nach ihm, – ich schlief an seiner Brust ein; und da ich aufgewacht war, begann ein neues Leben.« …
Bettina – Mignon hatte ihren »Meister« gefunden …
8. Clemens Brentano
9. Achim v. Arnim
Im Besitz von Frau v. Savigny, München