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Die Zeit des »ungemessenen Glücks«, von der Bettina in ihrer verträumten Klostergeborgenheit schwärmte, ließ noch auf sich warten. Statt dessen hatte das Schicksal auf der Schwelle zur Jungmädchenzeit für das liebebedürftige Herz des braunen, feingliedrigen Rehchens von Anno dazumal einen neuen herben Schlag bereit. Am 9. März 1797 starb in Frankfurt Pietro Antonio Brentano, der geliebte Vater, in dessen wärmenden und schützenden Mantel sich die Kleine so gerne geborgen hatte …
Der neue Trauerfall brachte eine neue, einschneidende Veränderung in ihr Dasein. Binnen weniger Jahre hatte sie beide Eltern verloren. Was sollte mit der bald Dreizehnjährigen werden, die in das verwaiste Haus in der Großen Sandgasse zurückkehrte?
Es war eine gute, folgenschwere und Bettinas ganze Zukunft bestimmende Fügung, daß nun »die Großmama« im nahen Offenbach gerade dies Enkelkind zu sich nahm. Keine war wie sie berufen, das Vermächtnis des Pietro Antonio und ihrer Lieblingstochter Maximiliane (»Maxe«) anzutreten! Die phantastische Besonderheit des begabten und problematischen Kindes verlangte in den Jahren, denen es entgegenwuchs, eine Erziehung von tiefem, einfühlendem Verständnis.
In Großmama Laroche waren alle Voraussetzungen dafür gegeben: eine starke Persönlichkeit und warme, verwandtschaftliche Liebe …
Fein und distinguiert schon ihr etwas altertümliches Äußeres: Große silberweiße Locken spielen um ihr Gesicht. Das lange, schwarze »Grosdetourkleid« mit langer Schleppe, noch nach dem früheren Schnitt, der in ihrer Jugendzeit Mode war, lange Taille mit einem breiten Gurt … »Ei, wie fein ist doch die Großmama! alle Menschen sehen gemein aus ihr gegenüber. Die Leute werfen ihr vor, sie sei empfindsam, das stört mich nicht.«
Sophie von Laroche war nicht nur nach ihrer äußeren Erscheinung ganz eine Figur des zum Ende neigenden achtzehnten Jahrhunderts der Empfindsamkeit. Dem vornehmen, etwas konventionell wirkenden Äußeren der seltenen Frau entsprach auch ihr inneres Wesen und ihr bisheriger Lebensgang einer Schriftstellerin von Ruf und Bedeutung. Die rüstige, selbstbewußte Siebzigerin war, im oberschwäbischen Städtchen Biberach als Sophie von Gutermann herangewachsen, sie war dort die Jugendgeliebte des literaturberühmten Dichters Wieland und selber als Erzählerin durch ihren 1771 erschienenen Erstlingsroman »Geschichte des Fräuleins von Sternheim« bekannt und einflußreich geworden. Unter vielen namhaften Persönlichkeiten hatten einst in ihrem Hause in Ehrenbreitstein auch der Dr. Goethe verkehrt, den sein Darmstädter Jugendfreund Merck in ihren damaligen schöngeistigen »Salon« einführte.
Wie ihre Erscheinung trug auch ihre Häuslichkeit im frankfurtnahen Offenbach einen eigenen »poetischen Schimmer: alles in der höchsten Reinlichkeit und Heimlichkeit erhalten«. – Zu jeder Stunde, zu jeder Jahreszeit ist nichts vernachlässigt, »selbst das aufgeschichtete Brennholz ist unter ihrer Aufsicht der Schönheitslehre« … Nimmt man zur literarischen Vergangenheit der Großmutter Laroche ihren Schönheitssinn, ihre innige Naturliebe und endlich den peinlichen Ordnungssinn, den Bettina halb belustigt, halb kritisch anmerkt, so ahnt man, wie, viel das angehende junge Mädchen in diesem großmütterlichen Heim mehr als bloß verwandtschaftlich berühren mußte. Wie viel dort sie ansprach, wie viel sie aber auch von der »Großmama« lernen konnte.
»Die Grillenhütte« hatte Großmama ihr Offenbacher Heim getauft, das für die kommenden Jahre Bettinas Heimat werden sollte. Ob die merkwürdige Bezeichnung auf die Grillen abzielte, die das kleine Haus umzirpten, ob auf jene, die in der alten Dame Kopf und Herz spukten – gewiß ist, daß Sophie von Laroche und ihre Enkelin die Vorliebe für die einen wie die andern miteinander teilten, die große Liebe zu aller Natur und Kreatur, wie die phantastisch-grüblerische Gemütsveranlagung …
Wie die Hängenden Gärten des Fritzlarer Klosters, wird bald der die Grillenhütte umgebende große Hausgarten Bettinas Lieblingsaufenthalt, mit dem sie immer inniger verwächst. Oft begegnet sie sich dort mit der Großmutter. Wenn Frau von Laroche in den Garten kommt, biegt sie alle Ranken, wo sie gern hinmöchten. »Sie kann keine Unordnung leiden, kein verdorbenes Blatt, ich muß ihr alle Tage die absterbenden Blumen ausschneiden. Gestern war sie lange bei der Geißblattlaube beschäftigt und sprach mit jedem Trieb: ›Ei, kleines Ästle, wo willst du hin?‹ Und da flocht sie alles zart ineinander und band's mit rotem Seidenfaden ganz lose zusammen und da darf kein Blatt gedrückt sein: ›Alles muß fein schnaufen könnens sagte‹, sie. Und da brachte ich ihr heute morgen weiße Bohnenblüten und rote, weil ich ihr gestern eine Szene aus ihrem Roman vorgelesen hatte, worin die eine Rolle spielen; sie fand sie auf ihrer Frühstückstasse … Mir ists lieb, wenn sie so schwätzt!« …
So viel Bettina von dieser ihrer Großmutter erzählt, so selten gedenkt sie ihrer Mutter, Goethes angeschwärmter und geliebter »Maxe«. Im XIII. ;Buch von »Dichtung und Wahrheit«, an der Stelle, wo Goethe einen seiner Besuche in Ehrenbreitstein bei der Familie Laroche schildert, malt der Dichter ein feines und zartes Pastellbild der ältesten Tochter Maximiliane, ein Bild, das anmutet, zartfarbig und duftig wie eine Miniatur der Rosalba: »Eher klein als groß von Gestalt«, liest man da von Bettinas Mutter, »niedlich gebaut, eine anmutige Bildung, die schwärzesten Augen und eine Gesichtsfarbe, die nicht reiner und blühender gedacht werden konnte.« Wie tief der Eindruck war, den Goethe damals von dieser »himmlischen Erscheinung« empfing und bewahrte, beweist eine viel zitierte Äußerung in einem Brief an Bettinas Großmutter, Sophie Laroche, aus dem Jahr 1773: »Von Ihrer Maxe kann ich nicht lassen, solang ich lebe und ich werde sie immer lieben dürfen!«
Schon damals war eine Heirat zwischen Maximiliane und dem Frankfurter Kaufmann Pietro Antonio Brentano von den Eltern Laroche geplant. Wer hätte geahnt, daß jene frühe Dichterliebe in dem Kinde namens Bettina wieder aufkeimen und sich vollenden würde? Jenem Kinde, das dem Ehebund zwischen Goethes Maximiliane und Pietro Antonio Brentano sein Leben verdanken sollte!? …
Von Werther zu Rousseau ist kein weiter Weg. Wie Sophie Laroche alle Merkmale der naturschwelgenden Wertherzeit und des großen Genfers trägt, so repräsentiert der verstorbene »Großpapa« die rationalistische Seite seines Jahrhunderts. Nur gelegentlich wird der alte Herr mit seinem Stock mit goldenem Knopf erwähnt und von seiner von ihm auf Bettina vererbten Vorliebe für rote Nelken gesprochen. Sein Wahlspruch, den er auch auf Bettina hätte vererben können, lautete: »Alles aus Liebe!« Auch er trat mit einem schriftstellerischen Werk an die Öffentlichkeit, mit mehrbändigen kritischen »Briefen über das Mönchwesen vom Standpunkt eines aufgeklärten Katholiken« … Der alte Laroche stand als kurmainzischer Geheimrat in den Diensten des Ministers Grafen Stadion. Erst in der glänzenden kurfürstlichen Residenz zu Mainz, später in Warthausen bei Biberach, wo Stadion seinen Ruhesitz hatte und sich um den ehemaligen angesehenen Staatsmann ein erlesener Kreis schöngeistiger Menschen sammelte, hatte Frau von Laroche Gelegenheit, auch ihre geselligen Talente auszubilden. Nach der Verabschiedung des Geheimrats übersiedelte die Familie Laroche nach Ehrenbreitstein. Dort genoß Sophie von Laroche ihre literarischen Erfolge. Ihre Witwenjahre verlebte sie in der Offenbacher »Grillenhütte«.
Oft und gern erzählte sie in Haus und Garten dem Enkelkind aus ihrem reichbewegten Leben. Selten nur wird in den Gesprächen das Andenken an Bettinas Mutter berufen. Wenn es doch geschieht, kämpft die alte Frau gleich mit den Tränen. Einmal, als sie mitteilsamer werden will, unterbricht sie sich mit den pathetischen Worten: »Sei versichert, hätte die Venus Urania noch ein Kind gehabt, außer dem Amor, so müßte es das Ebenbild deiner Mutter sein!« Ein andermal als Bettina noch so viel über die Mutter hätte hören mögen, wehrt sie weiteren drängenden Fragen und schließt die Unterhaltung schmerzlich-erregt: »Alles, was ihr Kinder an Schönheit und Geist teilt, das hat eure Mutter in sich vereint!« Ihr Schmerzenskind Maximiliane mochte sie an ihr eigenes, ähnliches Schicksal erinnern: wie sie selbst, war diese ihre Lieblingstochter zu einer Vernunftehe gezwungen worden …
Nicht die Familiengeschichte allein, wie sie Großmutter Laroche bis hinauf zu den kriegerischen französischen Ahnen und bis zum Dreißigjährigen Krieg verfolgte, genügte der unersättlichen Einbildungskraft Bettinas. Ein günstiger Zufall hatte ihr den Schlüssel zum Bibliothekszimmer der Grillenhütte in die Hände gespielt. Wahllos verschlang sie dort, was sie an Büchern erraffen konnte.
Einstweilen freilich bot auch der Alltag Nahrung genug für alle Sinne des jungen Menschenkindes. –
In Offenbach ist Jahrmarkt! … Schon am frühesten Morgen wacht die junge Schläferin auf vom Rufen der Italiener, die Parapluies feilbieten. Die wahre Lockstimme für sie und unwiderstehlich! Der Italiener mag Regen wittern, denn sonst gehen sie nicht so früh herum. Sie läßt il signor Pagliaruggi heraufkommen und kauft sofort einen grünseidenen Regenschirm. Um ihn gleich auszuprobieren, geht sie vors Tor auf die Messe am Main. Bei den Klickerfässern bleibt sie stehen, kauft 30 Klicker von Achat, Marmor und Kristall. Damit geht sie am Fluß hinunter bis zu den »Steinergeschirrleuten« in ihren strohernen Hütten, auch die Esel besucht sie, die sie mit Geschrei begrüßen und die kleinen Hemdlosen, die da herumlaufen und -klettern. Sie teilt ihre Klicker aus, und da die kleinen Hemdlosen keine Taschen haben, gibt sie ihnen ihre Handschuhe, in die sie die Klicker schüttet, und die sich die Kleinen mit Bindfaden um den Leib binden.
Jetzt ruft ein Schiffer sie an, ob sie nicht übersetzen wolle. »Es wird wohl regnen?« fragt sie zurück. Der Schiffer tröstet sie mit ihrem grünseidenen Wetterdach. Am anderen Ufer entschließt sie sich, zu Großmamas Milchfrau im nahen Oberrad zu gehen und dort Milch zu trinken. Von Oberrad geht der Stegreifspaziergang weiter noch der »Gerbermühle« und von da zurück nach Offenbach.
Wieder in Offenbach – noch immer ist's früh am Tag – sieht Bettina den Bäckerjungen laufen, der am Haus schellt, wo die »Emigranten« wohnen und die Französische Revolution spukt. Die hohen Herrschaften aus Frankreich zeigen sich frühstückshungrig am Fenster. Der Duc de Choiseul kauft Brötchen. Unterdessen kommt auch noch die Milchfrau und viele Milchtöpfchen kommen zu allen Fenstern der Emigranten heraus. Als wäre sie von Spitzbuben umringt, schleicht sich Bettina durch den Milchhandel der vornehmen Herren: ehemals waren sie von einer großen Dienerschaft umringt und nun müssen sie sich selber bedienen …
Ebensogern wie bei den Büchern in der Bibliothek ist Bettina im Garten, hilft dem Gärtner bei seiner Arbeit, plaudert wie Großmama Laroche mit jedem Blättchen, jeder Blüte; sitzt unter einer Pappel und halt drei kleine Kätzchen im Schoß, die sie zärtlich hütet; lebt und webt mit aller Kreatur …
Fast unversehens wird aus dem Kind, das sich nicht scheut, noch ab und zu die Puppe hervorzuholen, der Backfisch, der gefallen will und sich Kleidersorgen macht.
Der Frankfurter Vetter Moritz Bethmann, der die kleine Base anschwärmt und sie ihn, lädt nach Niederrad zum Ball ein. Die Kleidersorgen wachsen. Nach langen Beratungen entscheidet sie sich für eine weiße »Crepetunika mit blauer Schärpe«, dazu auf den Kopf einen Kranz von Aschenkraut …
Endlich ist der sehnlich erwartete Tag da! Um halb acht Uhr abends fährt Bettina auf den Ball. Unterwegs kommen die Leute von Moritz dem Wagen mit Fackeln entgegen und begleiten ihn durch den hochstämmigen Wald, der ringsum mit bunten Lampions beleuchtet ist … Über den Wipfeln lächeln die Sterne … Bettina ist begeistert … Am Forsthaus, wo der Ball stattfindet, wartet Vetter Moritz. »Ach, wie schön ist es hier!« ruft sie ihm schon von weitem entgegen. »Ja? Gefällt Dir's? Du bist auch schön!« antwortet Moritz galant. Wie war sie vergnügt! Sie mußte über sich selbst lächeln und erwachte wie aus einem Traum, als das Tanzen begann …
Nach dem Nachtessen an kleinen Tischen wird weiter getanzt bis lange nach Mitternacht. Dann fahren alle Gäste heim, Bettina in hoher, luftiger Gig. Vetter Moritz breitet ihr seinen Mantel über die Füße und fragt, ob sie froh gewesen sei. »Ja«, sagt sie, »alles war schön und stimmte ineinander: der Rasenteppich und die bunten Lichter und die Sterne am Himmel, rauschende Bäume und die Musik der Geigen und Flöten – und auch die süßen Reden«, setzt sie keck hinzu … Vier Reiter jagen mit Fackeln voran durch den Wald, und als man vor den Wald kommt, ist der Mond aufgegangen und die Reiter jagen zurück wie die Pfeile.
Ganz trunken sah ihnen Bettina nach. »Schreib dirs ins Herz«, sagt sie sich heimlich, »das ist dein Leben!«
Die glückliche Ballnacht kann nicht das ganze Leben währen. Der Alltag tritt wieder in seine Rechte. Im Fritzlarer Kloster war die Erziehung nicht viel über die Anfangsgründe des Wissens, über Handarbeiten und Guitarrespielen hinausgegangen. Frau von Laroche hätte nicht die Verfasserin des »Fräulein von Sternheim« sein müssen, wäre sie nicht auch für Bettina darauf bedacht gewesen, Ordnung in ihren phantastischen Kopf, Grundsatz in den Tageslauf zu bringen. Bettina aber, deren zerstreutes und mutwilliges Wesen jedem Zwang widerstrebte, fand immer wieder Mittel und Wege, den Schmetterlingsschwarm ihrer Gedanken ins Bunte und Weite fliegen zu lassen und ergötzte sich lieber noch heimlich an kindlichen Spielen, als daß sie an ernsthaftes Lernen denken mochte … So auch an einem Apriltag 1798: Plötzlich und unwiderstehlich kommt ihr ihre alte Puppe in den Sinn. Erinnern und Herbeiholen ist eins. Sie spielt mit ihr – – – Da öffnet sich die Tür und ein fremder Mann, der ihr wohlgefällt, mit seiner blendenden Stirn und dem schwarzen Haar, so dicht und weich, tritt ein. Die Puppe fliegt unter den Tisch.
Der überraschende Besucher nimmt sie in die Arme.
»Weißt Du, wer ich bin?« fragt er. »Ich bin der – Clemens.« Sie klammert sich an den neugeschenkten Bruder und will ihn nicht wieder loslassen … »Ach, das war eine große Wendung in meinem Schicksal«, schreibt sie später an den Bruder, als ich gleich denselben Augenblick statt der Puppe Dich umhalste« … Die Zeit der kindlichen Spiele ist für Bettina endgültig vorüber …