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Das Denkmal

Bettina war fünfundvierzig Jahre alt, als sie ihren Gatten verlor. Eine Schwedin, die mit ihr in Berlin im Hause Savigny damals bekannt wurde, gibt eine lebendige Schilderung des Eindrucks, den Frau von Arnim auf sie machte: »Sie sieht wunderlich aus, kohlschwarzes Haar in großen hängenden Locken um das kleine magere, bleiche Antlitz, braune, scharfe Augen, dazu eine kleine, feine, zierliche Gestalt, kleine Hände und Füße. Witzig, lebhaft und unterhaltend – nur sehr unruhig.« Sie ist also noch immer »elektrisch«, wie sie früher so gern versicherte. Ähnlich wie die Schwedin äußert sich zur selben Zeit die bekannte Berliner Schriftstellerin Hedwig von Olfers: »Bezaubernd geistreich ist die Frau, das ist wahr, sie sagt in einer halben Stunde, wovon eine andre ehrliche Frau ihr ganzes Leben lang für klug passieren könnte.« Der nachmals berühmte Geschichtsschreiber Leopold Ranke, der in jungen Jahren bei Bettina verkehrte, faßt sein Urteil dahin zusammen: »Welch eine Natur ungebändigter Fülle!« … Diese und andere bedeutende Zeitgenossen, die zu ihrem Berliner Freundes- und Bekanntenkreis gehörten, sind sich einig in der Meinung über ihre bei manchen Extravaganzen hervorragende Persönlichkeit und das Fesselnde ihrer anmutigen Erscheinung.

Ihr unruhiges und überschäumendes Temperament hatte in der Ehe mit Arnim inmitten eines ausgedehnten Pflichtenkreises als Ehefrau, Mutter und Gutsherrin Halt und Schranke gefunden. Nun, nachdem sie mit Arnim so viel verloren hatte, traten notwendig die in den vergangenen zwanzig Jahren zurückgedrängten, gezügelten, wohl auch unterdrückten Besonderheiten der Brentanoschen Familiennatur und ihrer persönlichen genialischen Veranlagung wieder stärker hervor. Beherrschende Grundstimmung ihrer phantastischen Geistigkeit war und blieb ihre innere Verbindung mit Goethe und der ihm geweihte Kultus. Wie sehr sie unter dem Bruch mit ihm und unter dem Bann litt, den er über sie verhängt hatte, beweisen ihre immer wiederholten Versuche, die Versöhnung zu erzwingen und das alte, einzigartige Verhältnis wieder herzustellen. Zwischen 1817 und 1831 verging kaum ein Jahr, wo sie nicht eine persönliche Begegnung mit ihm in Weimar suchte oder wenigstens ihre Mignonsehnsucht in Briefen, die bisweilen gar nicht abgeschickt wurden, verströmte: »Ich kann nicht ohne Kniebeugung an dem Herd vorübereilen, von dessen Gluten meine Liebe genährt, meine Phantasie entzündet, an dem meiner Jugend Götter heimisch waren …« Klagen von erschütterndem Leid klingen auf – oft unverständlich in ihrer Maßlosigkeit, Klagen um den Geliebten, an dessen Verlust sie nicht glauben kann; unverständlich in ihrer Übersteigerung, wenn man bedenkt, daß sie zu gleicher Zeit in zarter und inniger Gemeinsamkeit mit Arnim verbunden ist, mit ihm und ihren Kindern ein idyllisches Dasein führt. »Zehn Jahre der Einsamkeit«, liest man da, »haben mich getrennt vom Quell, aus dem ich Leben schöpfte.« Sie tröstet sich mit der Hoffnung: »Es wird wieder eine Zeit kommen, in der ich leben werde« … Ihre aufgeregte Phantasie schwelgt in Bildern der Wiedervereinigung mit Ihm; sieht ihn am Meeresstrand auf goldenem Thronsessel im weißen wollenen Gewand, den Purpur untergebreitet, in der Ferne die weißen Segel auf hoher Flut … »Und Du ruhend im Morgenlicht, gekrönt mit heiligem Laub, mich aber sehe ich zu Deinen Füßen … – so denk ich mich zu Deinem Dienst in tausend Bildern und es ist, als sei dies die Reise meines Daseins.«

Und was bleibt in Wahrheit von all diesen schwelgerischen Bildern? Goethe nennt sie gegenüber dem Großherzog Karl August ein »unbequemes Erbstück« seiner guten Mutter und behandelt sie entsprechend.

Bettina stöhnt am Rande der Verzweiflung: »Wie oft denke ich an Goethe … Es gibt eine überirdische Sorge, und der Durst wird so groß und die Sehnsucht so brennend; ich erinnere mich der Zeit, da meine Phantasien meine Liebe bereicherten, wie ich da am Abend mannigfaltig bewegter Tage gleichsam in die Heimat meiner Liebe einkehrte, wie mich der Schlaf nur dann überwältigte, wenn ich ganz in ihm versunken war« …

Ja, was bleibt übrig?

Daß sie 1831, als sie wieder nicht ohne Halt zu machen an Weimar vorbeifahren kann, es mit Bitten und Betteln dahin bringt, ihren Dichter aus dem Fenster eines Dachkämmerchens sehen zu dürfen, wie er sich in seinem Hausgarten ergeht … Bettina, das »Kind«, darf den Dichter ihrer Sehnsucht, den König ihrer Phantasie nur noch aus demütigender Ferne sehen … »Mein Geschick ist tragisch« …

Noch einmal, 1832, in seinem letzten Frühling, klopft sie bei ihm an. Bettina-Mignon, die ruhelos Suchende, ungestillt Sehnende, schickt ihren Sohn Siegmund, den neunzehnjährigen, mit Grüßen zu Goethe. Der Greis nimmt den verwaisten Sohn Arnims nachsichtig und gütig auf. Siegmund bringt von der verbannten Mutter den beschwörenden Bittruf, zu vergessen: »Umfasse mich neu in diesem Kinde!« Goethe schrieb dem jungen Gast einen Vierzeiler ins Stammbuch, der nach Eckermann das Letzte war, was er überhaupt schrieb. Die Verse sind eine kaum verhüllte Absage.

So endigte, acht Tage bevor der Unsterbliche die Augen für immer schloß, Bettinas Liebestraum doch noch und wieder mit einem schmerzlich-disharmonischen Klang!

Wie nahm nun Bettina, in deren innerem wie äußerem Leben Goethe eine so überragende Rolle spielte, seinen Tod auf?

Anfang April 1832, also etwa vierzehn Tage nach seinem Tod, schreibt sie an den Weimarischen Kanzler Friedrich von Müller: »Auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, allwo er wiedererkennen wird die Freunde, deren Seelenspeise er bleiben wird bis zu ihrem Übergang.« Um ihrer Äußerung über Goethes Tod besonderes Gewicht zu geben, wählt Bettina diesen feierlichen Anklang an die Worte des apostolischen Glaubensbekenntnisses. Nicht zum erstenmal vergleicht sie den angebeteten Dichter mit Christus; aber nicht immer gibt sie dem Vergleich einen so sakralen Ausdruck. Sie greift in die höchsten religiösen Sphären, um ja auch in Weimar richtig gehört und verstanden zu werden. »Nun, lieber Freund«, fährt sie zum Kanzler Müller fort, »ich gehöre zu denen, die nur in ihm leben; ich spreche nicht von ihm, ich spreche zu ihm: Ich bin reichlich mit Gegenrede von ihm belohnt, er bleibt mir keine Antwort schuldig, keiner Zärtlichkeit versagt er Aufnahme, keine Bitte weist er ab.« Man fühlt unter den vorsichtig gewählten Worten Bettinas Bitterkeit und Enttäuschung. Sie versieht sich bei dem sachlichen Juristen Müller, der zu Goethes näherer Umgebung gehörte, keiner Voreingenommenheit zu ihren Gunsten. Man fühlt aber letztlich – und das ist wohl das Wichtigste – daß der Tod zwischen ihr und dem geliebten Freund den Mittler gemacht hat. Jedes Mißverständnis, jeder Mißklang ist aufgelöst. Erst der Tod hat die Bahn wirklich freigemacht für das Wesen und das Verständnis des ganz besonderen, religiösen, heiligen Verhältnisses von ihr zu ihm …

 

Seit 1821 bestand in Frankfurt der Plan, dem größten Sohn der Stadt ein Denkmal zu weihen – ein Plan, den Bettina durch Entwürfe ihrer Hand anregte und förderte. Es wurde ein Aufruf erlassen und die Finanzierung durch angesehene Geldleute übernommen.

Außer in musikalischen Kompositionen hatte Bettina sich auch schon frühzeitig in bildnerischen Arbeiten versucht und seiner Zeit in München in der Werkstatt des Bildhauers Friedrich Tieck mit Erfolg modelliert. Für die Schaffung des Denkmals war in dem Berliner Bildhauer Christian Rauch ein Meister von Ruf und großem Format gewonnen. Sein Entwurf fand nicht Bettinas Beifall. Sie fühlte sich die Nächste, mit einem eigenen Entwurf auf den Plan zu treten. Wer war berufener als sie, die sich wie keine mit ihrem Dichter bis zur Einswerdung verbunden glaubte? Der Gedanke eines Gedächtnis-Monuments schaffte mächtig in ihr! – wie mächtig, zeigten jene Briefworte, mit denen sie den Dichter thronend auf goldenem Sessel im Morgenlicht, angetan mit weißem wallendem Gewand schilderte! Ist das nicht schon die Vision eines Monuments? Nicht in Erz oder Marmor, sondern in hoher, dichterisch-verklärter Sprache? … Es bedarf nur des Funkens, der hinüber springt von ihrem inbrünstigen Glaubensbekenntnis zu dem verewigten Goethe auf jene Denkmalsidee und ihr die Mission eingibt, in Form eines dichterischen Briefwechsels das lebendigste und ihr kongenialste Goethe-Denkmal zu schaffen! …

Ob und wann der Funke sprang, ist nur zu erahnen …

Nach Goethes Tod, aus tiefstem Leid und in erhabenster Ekstase wurde Bettina – die Dichterin geboren. Ihr Hauptwerk »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde« wurde da im Keim empfangen und in den nächsten Jahren gestaltet …

»Es wird wieder eine Zeit kommen, in der ich sein werde!« So hatte Bettina in einem Brief an Goethe vom Sommer 1822 dem unversöhnlichen Dichter prophezeit und damit eine Zukunft geweissagt, in der sie wieder wie einst das »Kind« in innigster Gemeinschaft mit Ihm verbunden, also in Wahrheit »sein« werde. Alles Sein in der Wirklichkeit galt ihr ja nichts, verglichen mit dem Sein und Leben in der Poesie.

Als sie Achim von Arnim in die Ehe gefolgt war, schien der schwere Kampf zwischen ihm und dem Gott der Phantasie, zwischen der Wirklichkeit und dem »seligen Wahn« zugunsten des Wiepersdorfer Idylls entschieden zu sein. Redlich bemühte sich Bettina, die Wirklichkeit in ihrem neuen großen Aufgabenkreis zu entdecken und daneben doch den schönen Schein über all die Jahre hin unwankbar zu behaupten … Und jetzt, nachdem ihr in kurzer Frist Achim, ihr Mann, und Goethe, ihr über alles geliebter Dichter, genommen waren, konnte sie sich wieder ganz und ungehemmt dem Gott ihrer Träume ergeben? Als hätten die zwanzig Jahre erfüllten Frauentums und der Ehe nie bestanden, wäre der weite, lange Weg von Goethe zu Goethe nur ein Umweg gewesen …?

Sie hatte immer nur als rastlos tätiger Mensch an der Wirklichkeit gelernt. Noch bleibt ihr eine letzte Entdeckung, ein letztes Lernen Vorbehalten: sie begreift ihre einzigartige Aufgabe, die Sendbotin Goethes zu sein und wird an ihr zur Schriftstellerin …

Dichter ist man, Schriftsteller wird man. Dichterin war Bettina immer gewesen – als braunes, feingliedriges Rehchen im Fritzlarer Kloster so gut wie als leidenschaftliche Priesterin ihres Goethekults. Ihr Bruder Clemens, der ihr wesensverwandteste unter ihren Geschwistern, und ihre Herzensfreundin, die Günderode, hatten sie öfter aufgemuntert, ein Buch zu schreiben. Fast heftig lehnte sie dies Ansinnen ab. Ihr ungebärdiger Sinn widerstrebte jeder Regel, jedem Zwang – auch dem Zwang, ihre Gedanken, die wie farbenprächtige, leichtgeflügelte Schmetterlinge sie umgaukelten, einzufangen und durch Schrift und Druck in feste Formen zu bannen. Wohl weiß sie, daß die »große Stimme der Poesie in uns« die Seele auf alles Rechte hinweist, aber sie bleibt bei ihrer Absage an alle geschriebene Poesie: »So ein Gedanke in der Luft flattert so lustig, aber auf dem Papier kann er sich nicht wiegen wie auf der Blume und kann sich nicht auf die Rosen setzen von einer zur anderen, er sitzt da wie angespießt« …

Doch es ist nicht mehr die Zeit der Hängenden Gärten, der Blumen im Klostergarten und im Garten von Großmamas Grillenhütte. Bettina steht nicht mehr in ihrer Kindheit und Jungmädchenzeit mit all ihrer Unbewußtheit und Unbedingtheit. Nicht bloß sie selber ist eine andere geworden – auch die Zeit, in der sie atmet und steht, hat sich gewandelt. Vielleicht auch ihr Tempelbild, ihr Dichter? Damals, ja damals schritt er seiner Zeit voran – o wehevolles Erinnern! – Wie ein Apoll, der Führer der Musen, das Sinnbild ewig heiterer Jugend und Schönheit! Da riß er die trägen Herzen mit, beschwingte und begeisterte die Herde der stumpfen und lauen Philister!

War nicht gar – die Frage schreckte sie – aus dem Tempelbild noch zu seinen Lebzeiten ein Museumsbild geworden? Nicht vor seiner Zeit schritt er, nicht mit ihr; er hielt sich abseits: er war der Geheime Rat, der hohe Beamte, der frostig-vornehme Höfling. Es mochte noch hingehen, daß er kühl und ablehnend blieb im Feuersturm der Befreiungskriege, denn er gehörte nicht einem Volk allein, sondern der ganzen Menschheit …

Auch in jener erstarrten Götterpose auf goldenem Sessel am Meeresstrand – wie konnte er so seines Volks, einer Welt Ideal, Liebling und Führer sein? Sie nur kannte den Goethe-Apoll seiner und ihrer Jugend. Sie allein, keiner sonst. Sie, das »Kind« Bettina konnte dank ihrer großen geistig-sinnlichen Liebe Jung-Goethe im Bild verklären, dichterisch neu erwecken! …

Riesengroß, über Menschenkraft die Aufgabe: eine Sendung wider Zeit und Umwelt. Ein neues Geschlecht stand gegen ihn: das Junge Deutschland!


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