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Elbfreuden im Winter
Durch die Weidenbüsche am Strand von Neumühlen brauste ein kalter Wind und jagte ihre gelben Blätter vor sich her, bis er sie über den Strand hinweg in den Fluß trieb, wo sie, von den anrollenden Wellen bald an das Land geworfen, bald wieder zurückgerissen, endlich zu Boden sanken, wenn sie sich voll Wasser gesogen hatten.
Die Zweige der Weiden waren bald so kahl, daß sie für Jörs kein Versteck mehr boten, in dem er auf einen Schmuggler lauern konnte. Die Sommergäste waren alle fortgezogen und die Aussicht auf einen Fang damit geschwunden. Das sicherste Zeichen, daß nichts mehr mit dem Schmuggel zu machen sei, sah Jörs an Nielsens Ewer, mit dem der Knecht seit ein paar Wochen verschwunden war. Er fuhr Torf damit nach Hamburg, wie der Zollwächter bald entdeckte.
Jörs richtete vandalische Verwüstungen in Nielsens Haus und Garten an. Aus den Zimmern war schon fast alles Holzwerk in den Ofen gewandert und die Möbel zertrümmert oder verkauft und in Rum verwandelt. Die grünen Jalousien, die Nielsen jedes Jahr frisch anstrich und die stets weithin freundlich leuchteten, waren verschwunden und ebenfalls verbrannt. Die Bäume und Sträucher im Garten umgehauen und herausgerissen und sogar der Wein samt dem Staket zur Feuerung benutzt. Der Platz, der sonst durch seine Nettigkeit auffiel, war jetzt zu einer Wüstenei geworden, in der der Trunkenbold wie ein böser Geist hauste.
Der Dezember war mit kalten Winden gekommen. In den ersten Tagen gelangte die Nachricht an die Börse, daß abermals das Schiff Stubborns »Die Gebrüder« mit Mann und Maus in der Sundastraße untergegangen sei, worüber der Reeder ganz unglücklich war und ihn die Versicherungssumme kaum trösten konnte, weil die Schiffsassekuradeure erklärten, sie würden kein Schiff seiner Firma mehr annehmen.
Auf diese Nachricht betrachtete sich Jörs vollends als Eigentümer des Hauses und machte sogar Versuche, es zu verkaufen, die jedoch scheiterten, weil ihm alle Besitzdokumente fehlten und die Nachbarn die Sache verhinderten.
Der Wind setzte sich bald nach Osten um und blies so kalt, daß dünne Eisblättchen auf der Elbe zu treiben begannen. Der Winter war da!
Im Hafen entstand jetzt ein Gewühl, und es wurde mit einer Hast aus- und eingeladen, daß man glauben konnte, die Leute wollten sich warm arbeiten. Diese Eile wurde dadurch hervorgerufen, daß man das Einfrieren fürchtete und mit den Schiffen, die noch in See gehen mußten, aus der Elbe kommen wollte. Die Kälte nahm bald so überhand, daß junges Eis mit der Ebbe und Flut auf und ab trieb, das die Ränder knirschend aneinander rieb und sich an den Schiffen und Pfählen wie Glas brach, weshalb die aufkommenden Fahrzeuge ihren Bug mit starken Brettern benagelten, denn dies junge, scharfe Eis schnitt wie Messer in die Planken.
Jetzt ging die eigentliche Erntezeit für den Kapitän Grabert an, der sein kleines Dampfschiff am Vorderteil mit einem ganzen Bollwerk von Holzstücken umgab und Schiffe die Elbe hinauf und hinab schleppte. Dabei stand er wie immer auf dem Radkasten und heizte mit Grog ein, daß er glühte und der Kälte Trotz bot wie ein guter Ofen. Er brachte eines Tages eine ganze Torfewerflotte mit durch die Eisplatten heraufgeschleppt und ließ sie bei St. Pauli los, wo die Fahrzeuge das Ufer suchten, um sich vor dem Treibeis zu schützen. Auch Nielsens Ewer war mit dabei und gewann einen Platz in der Nähe des Schiffspavillons. Sobald er festgelegt war, sah sich der Schiffer auf dem Wasser um, kratzte sich hinter dem Ohr und bemerkte zu einem Nachbar, daß sie wohl hier ihr Winterquartier machen und durch Tauschhandel ihr Leben fristen müßten.
Der Nachbar, der ebenfalls trübselig über die Elbe blickte, nickte mit dem Kopf und bemerkte, daß er seine Kartoffeln gern gegen den Torf austauschen wolle, da er dann nicht zu frieren und der andere nicht zu hungern brauche, was doch wenigstens ein Trost beim Einfrieren sei.
Hierbei sahen beide den Leuten in einer Schute zu, die sich durch das dünne Eis arbeiteten, indem vorn einige mit langen hölzernen Hämmern die Eisdecke zerschlugen, während andere die Schollen beiseite schoben und dabei die Schute durchdrängten. Ein mühsames Geschäft voll angestrengter Arbeit, von dem die Mannschaft, bei den Ewern angekommen, einige Minuten ausruhte. Einer der Arbeiter sah dabei Nielsens Schiffer aufmerksam an und fragte ihn: »Bist du nicht Hansen von Nielsens Ewer aus Neumühlen?«
»Der bin ich«, erwiderte dieser.
»So? Weißt du schon, daß ›Die Gebrüder‹ verloren sind, mit denen Nielsen als Kapitän fortging?«
»Alle Donner! Nicht ein Wort! Und die Mannschaft?« rief Hansen.
»Mit Mann und Maus untergegangen. Keine Spur von der Mannschaft«, war die Antwort.
»Woher weißt du das?« fragte der Schiffer.
»Ich war früher bei Stubborn als Schutenführer und erfuhr es gestern auf unserem Kontor bei Spickmann.«
»Weshalb bist du bei Stubborn weg?« forschte Hansen weiter. »Hast du –?« Hier machte er einen bezeichnenden Griff in die Luft – »und haben sie dich dabei erwischt?«
»O nee, mien Jung, so dumm sind wir nicht, daß wir uns erwischen lassen. O nee!« sprach Wilm lachend, denn er war es. »Ich habe für den alten Schuft, den Trick, ein Geschäft besorgt, das er hernach nicht bezahlen wollte, und da sind wir aneinander geraten. Ich dachte nun, der alte Spitzbube sollte zu Kreuz kriechen, denn ich weiß genug von ihm, um ihn in's Teufels Küche zu bringen; ich käme aber selber mit hinein, wenn ich's sagen wollte und da bin ich lieber weitergegangen. Aber gevitzliputzlit wird der Halunke, sobald ich ihn in die Hände kriege.«
Hierbei holte Wilm mit seinem Eishammer hoch aus und schlug das Eis in Stücke, indem er sich einbildete, er habe Trick unter dem Hammer. Die Schute arbeitete sich wieder aufwärts, während Hansen murmelte: »Der arme Nielsen!« wobei ihm zwei Tränen über die Backen liefen. Er konnte sich jetzt als Eigentümer des Ewers betrachten, dachte aber nicht im geringsten daran, sondern sah in der Erinnerung nur die vergangenen Tage mit der lustigen Schmuggelei und dann seinen Herrn weit draußen im blauen Meer versinken. »Was mußte ihn aber auch der Teufel reiten, wieder aufs Salzwasser zu gehen! Er saß so warm und wir befanden uns im Winter so schlau draußen, wo jetzt sein Todfeind, der verdammte Jörs, sitzt und alles zugrunde gehen läßt. Herr Gott! Es ist eigentlich gut, daß Nielsen nicht wiedergekommen ist, denn ich glaube, er hätte den Dänen nun erst wirklich umgebracht, wenn er sein Haus und den Garten sähe, wenn er nur noch zwei Tage warten konnte, wo sich zeigte, daß diese Blindschleiche gar nicht tot war. Hm – wie die Geschichte wohl zusammenhängt«, brummte er in sich hinein, indem er die Segel abband und sie in die Kajüte trug, die er damit austapezierte, um sich gegen die Kälte zu schützen.
Wilm war damals, als Herr Trick nicht auf den Knien zu ihm kam, in seinem Trotz zu Spickmann gegangen, um zu sehen, ob man ihn brauchen könne. Er zog sich zu diesem Gang sonntäglich an und traf den jungen Spickmann auf dem Kontor, wo er ihm sein Anliegen vortrug. Dieser war in ziemlich übler Laune und eben daran, den Schutenführer wieder wegzuschicken, als er dessen Hut erblickte.
Er wurde plötzlich aufmerksam und sah Wilm forschend an. Wilms Hut war nämlich von der Familie und ein genaues Ebenbild des Freimaurerhutes, den Schnepfe an jenem Sonntag in Neumühlen trug. In Spickmann stieg der Gedanke auf, Wilm könnte ein Freimaurer sein, und da er es für sehr gefährlich hielt, bei dieser geheimen Gesellschaft nicht gut angeschrieben zu stehen, weil ihm Schnepfe mitgeteilt, daß jeder notiert würde, der einem Freimaurer irgend hinderlich gewesen, so nahm er sein Glas und betrachtete Wilms nochmals genauer.
Da dieser kein besonders gutes Gewissen besaß und nicht wußte, weshalb ihn Spickmann scharf fixierte, so begann er den Hut mit dem Ärmel zu putzen, worauf er seine Nase mit dem Daumen rieb und dabei verlegen schmunzelte.
Es war ausgemacht, der Mann war ein Freimaurer und Spickmann stand ganz zufällig an der Pforte von wichtigen Entdeckungen. Er wußte schon lange, daß sich die Mitglieder an geheimen Zeichen beim Gruß erkennen und glaubte hier einen Anhaltspunkt zu finden, deshalb rieb er gleichfalls seine Nase mit dem Daumen auf eine so komische Art, daß Wilm geradeheraus lachen mußte.
Spickmann nickte zufrieden und klopfte Wilm auf die Achsel. »Schon gut, Meister,« sprach er, »Sie können antreten, wenn Sie wollen.« Worauf er ein Auge schloß, ihn mit dem andern anblinzelte und geheimnisvoll nickte.
Der Tag, an dem sich Wilm mit dem Eis herumbalgte, um eine Ladung Öl an den Speicher zu bringen, neigte sich eben seinem Ende zu, und der Schutenführer war auf dem Nachhauseweg, als ihm ein Mann auffiel, der, den Kopf in beide Hände gestützt, am Geländer der Vorsetzen stand und nach dem Hafen hinüberblickte. Neben ihm am Boden lag eine Reisetasche und ein Geigenkasten, wonach es schien, als warte er auf eine Gelegenheit, mit einem Schiff hinüberzukommen, welches nach See wollte. Der Mann war schon von mehreren Bootsleuten angesprochen worden, die ihm ihre Dienste anboten. Er schüttelte jedoch stets stumm mit dem Kopfe und blickte wieder in das Taugewirr der Schiffe.
Wilm blieb stehen und ging zögernd an die Seite des Mannes, den er leise berührte. Er drehte sich langsam um und sah ihn mit einem zerstreuten Blicke an, dann lächelte er auf eine bittere Weise und sprach: »Ah, Wilm! So! Sagt einmal, schämt Ihr Euch nicht, hier mit einem Mann zu sprechen, der Euren Baas bestohlen haben soll und deshalb eben aus dem Gefängnis kommt?«
»Oh, oh! Gott soll den Baas verdammen, wenn Sie Stubborn oder Trick damit meinen«, sprach Wilm vor Zorn rot. »Nein, nein! Ich brauche mich gar nicht zu genieren, denn erstens glaube ich nicht ein Wort von der Geschichte und zweitens bin ich schon lange nicht mehr bei Stubborn. Ich könnte Ihnen noch mehr sagen, aber –. Wollen Sie abreisen?« fragte Wilm, auf die Sachen zeigend.
»Abreisen? Wenn ich dies doch könnte, ich wollte mit Vergnügen tausend Meilen zwischen mir und hier haben und gern meinem Bruder nachgehen«, seufzte Schwarz traurig, denn dieser stand vor Wilm.
»Ihrem Bruder nachgehen?« fragte der Schutenführer gedehnt – »Ihrem Bruder? Wissen Sie denn, wo Ihr Bruder ist?«
»Nun, er wird ja wohl in Singapore sein. Ich muß ihm sofort schreiben, daß –«
»Schreiben?« sagte Wilm mit einem Gesichtsausdruck, der Schwarz auffiel, denn es schien, als müsse er etwas hinunterschlucken, was nicht hinunter wolle – »Schreiben? – Sie wissen also nicht?«
»Nun, Mann! Wenn's noch mehr Unheil gibt als mich schon betraf, so kommt heraus damit. Ich bin einmal drin«, sprach Schwarz mit heiserer Stimme.
»Nein!« knurrte Wilm kopfschüttelnd. »Es ist nichts. Sagen Sie mir erst vor allen Dingen, wo Sie wohnen. Oder wenn Sie etwa ausziehen, wohin?« Hierbei zeigte er auf die Sachen. »Ich will Ihnen dann etwas bringen, wofür Sie mir versprechen müssen, niemand zu verraten, wie ich dazu gekommen bin. Ich will's Ihnen erzählen, damit Sie die Halunken kennenlernen. So, jetzt kommen Sie. Wohin?«
»Wohin? Nach dem Winserbaum sollte ich sagen, und da ich heute aus dem Winserbaum komme, fragt mich wieder einer: Wohin? Und ich weiß es wieder nicht. Ja, ja, Wilm, seht mich nur erstaunt an. Ich verließ endlich heute vormittag das Gefängnis, weil man nichts gegen mich aufbringen konnte. Ich habe keinen Pfennig Geld mehr. Ich lief in der ganzen Stadt umher, mir eine Wohnung zu suchen. Die Bekannten drehten mir den Rücken zu und die Unbekannten verlangten Bürgschaft. Nun, da stehe ich und frage: Wohin?« schloß Schwarz mit bitterem Lachen.
»I, daß die Halunken der Teufel vitzliputzlien sollte!« schrie Wilm erstaunt. »Also so weit kann ein ehrlicher Mann wie Sie gebracht werden! Nun, nur Geduld – es wird sich schon wieder machen. Jetzt kommen Sie mal mit mir. Vorwärts! Doch halt! Eben fällt mir ein, daß meine Alte wütend auf Sie ist. Was Teufel, und meine Tochter weint, wenn Sie erwähnt wurden. Was haben Sie mit meinen Frauenzimmern gehabt?«
Schwarz horchte verwundert, als diese Frage an ihn getan wurde. Er erklärte, durchaus von nichts zu wissen. Er müsse Wilms Frau unwissentlich beleidigt haben.
»Na, das mag sein, wie es will,« brummte dieser, »es geht aber nicht, bei mir kann ich Sie nicht unterbringen, ist auch kein Platz. Müssen anderswo sehen. Jetzt kommen Sie.« Damit lief der Schutenführer ohne weiteres so schnell mit den Sachen davon, daß Schwarz ihm kaum folgen konnte. Er ging zum Hafentor hinaus, nach St. Pauli hinauf und in den Keller von Prieß an der Ecke des Spielbudenplatzes, wo er die Sachen niedersetzte und ein Beefsteak nebst einer Flasche Wein verlangte. Dann sprach er: »Hier wollen wir nun vor allen Dingen die Quartierfrage überlegen. Wo bringen wir Sie unter? Halt! Da fällt mir was ein, wobei Sie vielleicht manches erfahren können, und auf ein paar Tage ging's ganz gut. Fürchten Sie sich vor ein wenig Torfgeruch?«
Schwarz meinte, ihm sei jetzt alles gleichgültig.
»Nun denn, warten Sie hier, 's ist ein kurioses Quartier, aber besser als gar keins«, rief Wilm und verschwand.
Schwarz war durch alles Vorhergegangene so niedergedrückt, daß er Wilm wie im Traum nachsah und regungslos sitzen blieb. Er begriff nicht, wie er in eine solche Lage gekommen und war besonders deshalb so mutlos, weil er sich die Ursache der schnellen Abreise seines Bruders nicht erklären konnte und an irgendeine geheime Schuld glaubte.
Wilm fand ihn in derselben Stellung wie er ihn verlassen. Er brachte Hansen mit, der Schwarz ansah und dann seinem Begleiter zunickte. Wilm schenkte ein Glas Wein ein und nötigte den Heimatlosen, zu trinken, worauf er ihm mitteilte, daß er vor der Hand in Hansens Kajüte wohnen solle und daß es dort höchst gemütlich sei, warm und alle Erfordernisse zu einem guten Punsch. »Nur etwas niedrig«, schloß er seine Anpreisung. Schwarz drückte Wilm die Hand und nahm das Asyl dankbar an.
Nielsen hatte viel auf seinen Ewer gehalten und die Kajüte luxuriös eingerichtet. Man konnte zwar nur unter dem Oberlicht aufrecht stehen, aber sonst glänzte alles, und der Ofen mit seiner Kochmaschine und den Messingtüren sah ordentlich stattlich aus. An den Seitenwänden befanden sich Kleider- und Proviantschränke, die wie die Decke weiß lackiert und mit Goldleisten und gemalten Blumen verziert waren, und in der etwa dreiviertel Elle hohen Einfassung des Oberlichtes sah man in Öl gemalte Seestücke, die der Maler Bernhart erst diesen Sommer auf einer Studienfahrt hineingemalt hatte, zu der ihm Nielsen den Ewer borgte.
Schwarz fühlte sich merkwürdig heimisch und getröstet in diesem kleinen Raum, aus dem zwei zierliche Fenster den Blick auf die Wasserfläche boten, die sich hier hinter den Schiffen gerade bis zum Köhlbrand ausdehnte.
Der Frost arbeitete die Nacht grimmig fort und kittete richtig die Decke auf dem Strom fest. Am Rande so stark, daß die Schutenfahrt aufhörte und die Schuten- und Bootsführer Ferien hatten. Im Strom kam das Eis jedoch bald wieder ins Treiben, weil es einige große Dampfer durchbrachen, die sich den Weg nach der See erzwangen.
Da sah denn Schwarz am Morgen durch das kleine Fenster ein anderes Strombild. Die Milchleute von den Inseln kamen drüben aus dem Köhlbrand und bahnten sich ihren Weg nach der Stadt, tapfer durch Wasser und Eisschollen. Sie mußten kommen, denn was würden Laarsen und seine Kollegen gesagt haben, wenn die Milchleute einmal ausgeblieben wären? Das wäre ein leeres Blatt in der Weltgeschichte der Keller gewesen, und der Grogkessel wäre vor Verwunderung gesprungen wegen unnatürlich zurückgehaltenen Dampfes. Die Wackeren wußten, daß Hamburg auf sie rechnete und seinen Kaffee im Vertrauen auf ihre roten Eimer kochte, und wenn der Mond vom Himmel gefallen wäre und die Elbe versperrt hätte, sie wären darüber hinweggeklettert trotz der Ringgebirge und Löcher und wären doch an die Stadt gekommen.
So erschienen sie auch heute in ihren Eiskähnen, flachen, leichten Fahrzeugen mit einer Art Kufen an den Seiten. In der Mitte lagen rote Fässer, denn rot müssen alle Gefäße bei den Milchleuten angemalt sein, das ist so unwiderruflich festgestellt, wie daß die Jacken blau sind. In einem offenen Stück Wasser daherrudernd, fuhren sie direkt auf eine Eisscholle los. Kaum berührte der Kahn sie mit der Spitze, so sprangen ein paar Mann auf die Scholle und zogen ihn hinauf, worauf die andere Mannschaft hüben und drüben heraussprang und das Fahrzeug an beiden Seiten packend über das Eis schleppte, bis wieder Wasser kam, wo alle in den Kahn sprangen und hindurchruderten, um ihn bei der nächsten Scholle abermals als Schlitten zu gebrauchen.
Schwarz stieg bald aus der warmen Kajüte in die frische kalte Winterluft hinauf. Er wollte nach der Stadt gehen, um sich eine Existenz zu suchen. Indem er am Strande auf dem Eis bis nach Marbs Werft hinging, traf er dort den Meister Wöllers, der eben zusah, wie sein Kutter auf das Land gezogen wurde, um in das Winterquartier zu kommen.
Meister Wöllers begrüßte Schwarz mit einiger Verlegenheit und erzählte ihm dann, welchen Auftrag er von seinem Bruder erhalten und wie er um den Brief gekommen sei, dessen Verlust Schwarz erst jetzt schmerzlich empfand, da er manche Aufklärung darin vermutete. Indem er noch mit Wöllers darüber sprach, hörte er sich rufen und sah Hansen vom Ewer aus winken, wohin er zurückging, nachdem ihm noch Wöllers den Kredit für einen Winterrock aufgedrungen hatte, den er wirklich nötig brauchte und dankend annahm.
In der Kajüte saß Wilm und hielt den eben als verloren bedauerten Brief in der Hand. Er gab ihn dem erstaunten Schwarz und machte diesen mit den Umständen der Erlangung bekannt, worauf er ihn allein ließ, damit er die Papiere ungestört durchsehen konnte. Er versprach, in einer Stunde wiederzukommen.
Schwarz saß in wirre Vermutungen gestürzt, bis er endlich das Schreiben seines Bruders öffnete. Er ersah daraus, daß er von der Beschuldigung, die man auf ihn geworfen, gar keine Ahnung gehabt und mit einem gebrochenen Herzen abgereist sei. Der herzlose Brief seiner Geliebten lag bei und erfüllte ihn mit Wut und Abscheu. Er fluchte dieser ganzen Familie, obwohl es ihn bei dem Gedanken an Berta mächtig packte. Konnte diese aber nicht von demselben Charakter sein wie ihre Schwester? Und was sollte noch für ein Band nach dem Vorgefallenen zwischen ihnen bestehen? Er riß das Bild des Mädchens gewaltsam aus seinem Herzen und ließ die Rachsucht dort einziehen, die finstere Pläne der Wiedervergeltung für den Bruder und für das ihm angetane Unrecht brütete. Er ahnte, daß man ihn mit Absicht entfernt und niedergetreten hatte. Er konnte nur keine Ursache dafür entdecken. Das wenige, was er indes jetzt wußte, war hinreichend, um ihn aus der Betäubung zu reißen und seinem Geist die Spannkraft wiederzugeben. Er beschloß, die Fährte Tricks und Stubborns zu verfolgen, fühlte nun aber doppelt seine Mittellosigkeit und dachte an irgendeinen Erwerb.
Es stand ihm aber noch eine harte Prüfung bevor, als Wilm kam und ihm den Untergang der »Gebrüder« meldete. Die Nachricht von dem wahrscheinlichen Tod des Bruders schlug ihn wieder zu Boden. Er weinte bitterlich.
Als der Ewerschiffer gleichfalls um Nielsen klagte, sprach Schwarz zornig: »O laßt doch diesen elenden Verräter zur Hölle fahren! Er hat mich zuerst gegen Stubborn verdächtigt, um die Kapitänsstelle zu erhalten. Ich habe seinen Brief gesehen.«
Hansen und Wilm waren erstaunt und beteuerten, daß Nielsen durchaus nicht fortgewollt und nur erst die Stelle angenommen habe, als er sich für die Ursache von Jörs' Tod gehalten. Hansen erzählte nun alle Umstände genau, und Wilm gab dazu, was er wußte, worauf man auf die Vermutung kam, daß auch Nielsen durch Intrigen weggebracht sei. Schwarz erfuhr erst jetzt, daß er auf dem Ewer des Lotsen wohne. Hätte er es eher gewußt, er wäre nicht an Bord gegangen. Nun blieb er, denn er begann an dem Brief Nielsens zu zweifeln und erinnerte sich, daß ihm die Handschrift des vorgelegten Dokuments aufgefallen war, weshalb, wußte er nicht. Er saß lange mit den zwei Männern in eifriger Beratung und stieg endlich mit der alten Energie aus der Kajüte, um mit Wilm nach der Stadt zu gehen.
Er war auf der Spur von Stubborn & Komp.
Der Winter trat indes entschieden auf. Er überspannte den Strom mit einer Decke, die den Dampfern trotzte. Sie waren im Hafen gefangen.
Die Milchleute kamen jetzt nicht mehr in den Eiskähnen, sondern schoben die Milch gemütlich in Schlitten vor sich her. Auf der festen Eisdecke zeigten sich Leute, die in dieser Zeit sonst nichts zu tun fanden, die Löcher hineinbohrten und Stangen darin befestigten, aus denen sie ein Gerüst bauten, um es dann mit Segeln zu überhängen. Andere verhüllten ihre Stangen mit einer Draperie von vereinigten Kaffee- und Reissäcken, zwischen denen wohl auch ein alter Strohsack zu sehen war, dann betrachteten sie wohlgefällig ihr Bauwerk und gaben es für ein Zelt aus, in das sie tags darauf irgendeinen alten Ofen schleppten, der in so ungewohnter Situation auf seinen hohen Beinen stand, als wolle er sie vom Eis emporziehen. Sein Los teilte ein alter Teekessel, dem man, ganz rücksichtslos gegen seine Natur, kalte Eisstücke in den Leib stopfte und dann Feuer darunter machte, um ihn zum Grog- oder Kaffeedienst zu zwingen. Dann entstanden solidere Buden mit wirklichen Türen und Fenstern, bis endlich sogar auch ein Tanzsaal aufgeschlagen wurde.
Bis dahin sah man nur zweibeinige Geschöpfe auf der glatten Fläche. Von Vierbeinern höchstens Hunde, die zum Ärger der Schlittschuhläufer zwischen deren Füßen umherliefen. Endlich erschien ein Wagehals von Droschke mit einem alten Gaul vor einem alten Schlitten, die er beide riskierte, indem er beim geringsten Krachen bereit war, hinten hinaus zu springen, wenn das Eis durchbrechen sollte. Es hielt jedoch und bald darauf jagten bespannte Schlitten vom Grasbrook nach Altona und zurück, eine Tour, die von dem lustigen Publikum stark benutzt wurde.
Nun baute man auch von der Dampfschiffsbrücke einen Fahrweg herab, und das fröhliche Gewühl auf dem Eis wurde fast undurchdringlich. Die wilden Kaffee-, Grog-, Met- und Warmbierstände mehrten sich, und Dutzende von alten, lebensmüden Öfen mußten auf dem Eis Sklavendienste verrichten, um dann in Nacht und Wind, knackend vor Kälte, mitten im Strom auf ihren drei oder vier Beinen zu stehen – eine fürchterliche Situation für einen Ofen von gutem Herkommen, der vielleicht gewöhnt war, im gemütlichen Winkel eines tapezierten Zimmers mit dickem Teppich zu konditionieren und nicht wußte, was ein Luftzug ist, bis er in die Hände des wilden Grogwirtes geriet.
An Stellen, wo sich das Eis besonders glatt zeigte, waren große Glitschen entstanden, auf denen Alte und Junge in langen Reihen dahinglitten, die sich von hinten ohne Ende ergänzten. War die Reihe einmal im Schuß und ein Ungeschickter fiel nieder, so purzelten alle Nachkommenden über ihn weg wie die Wagen eines verunglückten Eisenbahnzuges. Dann suchte sich jeder unter lustigem Gelächter aus dem Haufen hervor und das Glitschen begann von neuem mit ungeschwächtem Mut. Die Schlitten, die indes mehr jene Stellen suchten, wo sich die Schollen zusammengeschoben und eine dickere Eisdecke gebildet hatten, gerieten beim Ausweichen oft auf einen kleinen Eisberg, der zu hoch für eine Seite war, demzufolge die ganze Gesellschaft der Fahrgäste summarisch ausgeschüttet wurde und wie Äpfel umherkugelte, was mit allgemeinem Jubel aufgenommen ward, besonders wenn der Rosselenker dann weiterfuhr, ohne sich um seine Passagiere zu kümmern. So war lustiges Leben und Treiben auf dem Strom – die Öfen dampften, die Kessel zischten und die Flaggen wehten.