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Auf der Düne von Helgoland
Die Landungsbrücke in St. Pauli zu Hamburg ist ein Platz, den man den bedeutendsten Grenz- und Scheidepunkt in Deutschland nennen kann. Wenn der eine Fuß des Darüberwandernden noch darauf steht, schreitet der andere schon nach einem fernen Weltteil hinüber, denn der nächste feste Punkt an dem dazwischenliegenden Wasser ist oft eine Landungsbrücke in Neuyork, China oder Australien. Wer auf dieser Brücke steht, kann als seinen Nachbar ebensogut den Harburger wie den Londoner, den Neuyorker, Batavier oder Melbourner betrachten. Er kann sich auch nach Belieben eine der Südseeinseln mit und ohne Menschenfresser als nächstes Ufer denken, das heißt, wenn er ein solches mit Dampf erreichen will, denn nur die Dampfschiffe legen bei dieser Brücke an.
Es ist hier ein ewiges Gehen und Kommen, ein Drängen an und von Bord. Ein Platz ohne Rast. Soeben wurde wieder ein Dampfer an die Brücke gelegt, um nach Helgoland abzufahren. Es war der »Merkator«, ein großes englisches Schiff, das die Verbindung zwischen Hamburg und der Insel unterhielt und nur zur Saison wöchentlich mehrere Male die Reise machte.
Fräulein Julie Stubborn befand sich mit unter den Fahrgästen. Ihre Abreise war eine Zeitlang unterblieben, weil die bestellte Seebadgarderobe erst angefertigt werden mußte. Jetzt war sie vollkommen im Stand, und Fräulein Stubborn besaß ein Badekostüm, einen Sturmanzug, einen für Windstille, für Seefahrten, für Mondnächte und Meerleuchten, und außer diesen Spezialitäten noch die Morgen- und Abendnegligés, Ball- und Promenaden- (resp. Kartoffelallee-) Garderoben und Seekrankheitsüberwürfe.
Es gab eine heillose Verwirrung auf dem Verdeck des Schiffes und der Brücke; denn obgleich das Seebad damals gewissermaßen erst noch im Entstehen war, so hatte die Neugier und das schöne Wetter, gerade an diesem Tag, eine große Anzahl Hamburger zur Seereise verlockt. Außerdem gab es eine Menge Frachtstücke nach der Insel: Körbe mit Eiern, über die schreiende Weiber gleich alten Hennen die Hände breiteten, damit niemand hineinlaufe; Fässer voll Butter, die fern von der Maschine untergebracht werden mußten, damit sie an der Wärme nicht ausliefen; Körbe voll Gemüse, die feucht und schattig gestellt werden sollten. Dann kamen zwei Hinterviertel eines gutgenährten Schleswig-Holsteiner Ochsen, die seewärts gingen, während ihre Vorderkollegen nach den Vierlanden wanderten. Auch sie sollten da untergebracht werden, wo sie ihrer Würde und hohen Bestimmung angemessen Platz fänden.
Die Gesellschaft hatte sich auf dem Hinterdeck versammelt und saß bunt durcheinander. Herr Stubborn begleitete seine Tochter, und zwar aus wichtigen Gründen. Erstens besaß er ein Verzeichnis von Helgoländern, die Ochsenfelle am Stader Zoll klarierten und dachte dem Gouverneur der Insel die Sache vorzulegen, und zweitens wollte Ernst Schwarz am selben Vormittag um zehn Uhr im Kontor erscheinen und eine Ehrenerklärung verlangen. Herr Stubborn fand es aber geratener, um diese Zeit auf der Elbe zu schwimmen und die Sache Herrn Trick zu überlassen, wobei er überzeugt war, daß dieser Ehrenmann sich den lange gefürchteten Schwarz ohne alle Rücksicht vom Halse schaffen würde. Dann hoffte er sein ungeratenes Söhnchen dort zu finden, der seit dem Abgang der »Gebrüder« mit einer Geldsumme verschwunden war und in einem Schreiben anzeigte, »er mache eine kleine Seereise und einige Geschäftchen, worüber nächstens mehr«. Der fidele Seehund Müller war nach Neuyork geschickt, um den Buchhalter in Hände zu liefern, die ihn festzuhalten verstanden. Es waren Steine aus dem Weg zum ungestörten Besitz gewälzt. Aber ein fürchterlicher Felsblock drohte diesen Weg zu versperren: der stillschweigende Kompagnon Trick, der nicht beiseite zu schaffen war, der alle Verhältnisse kannte und dadurch Herr seines Herrn war.
Die Gesellschaft wurde, in Helgoland angekommen, freudig am Ufer begrüßt. Da war Doktor van Aschen, der sich für das Bad entschieden, gewissermaßen die Honneurs auf der Insel machte und so viel für sie tat, daß man ihn den eigentlichen Gouverneur von Helgoland nennen konnte, da sich der Engländer, den man mit dieser Würde nach dem in Albion fast unbekannten Eiland schickt, nachdem ein Regierungsschiff einst nicht einmal den Kurs anzulegen wußte, fast um nichts als um seine Hühner kümmerte, was, beiläufig gesagt, zum Heil der Menschheit von allen Gouverneuren zu wünschen wäre. Da standen Karl und Franz Moor, die Gastwirte, neben ihnen Arnckens und Siemens und Reimers und mehrere andere – ckens und – ns, bereit zu allen Diensten auf Land und Meer, und über alle ragte der lange Fischer hervor, der auf die Gräfin wartete, die kommen sollte, ihn zu heiraten, wie der Graf gekommen war, der die schöne Helgoländerin wirklich geheiratet hatte, weshalb alle Helgoländerinnen nun nach Grafen über das Meer schauten und ein bürgerlicher Mensch dort beinahe gar keine Frau mehr kriegen konnte.
Den Badegästen war durch die Bemühungen des Doktors bald genügendes Quartier verschafft und man begab sich auf das Oberland, um den Ausblick auf das Meer zu genießen und dem auffallenden Geruch des Seetangs zu entgehen, der am Strand verbreitet war. Herr Stubborn ging zum Gouverneur und brachte seine Klage wegen der Ochsenfelle an. Der gute Mann liebte die Ruhe und war gar nicht besonders von der Sache erbaut. Er versprach jedoch zu tun, »was möglich wäre«. Auf Helgoland war ihm aber nicht viel möglich, weshalb dies nur als ein schwacher Trost gelten konnte.
*
Fräulein Stubborn hatte mit Hilfe ihres Mädchens die Windstillentoilette gemacht und erschien in solch blendender Schönheit auf der Falm, daß die alten Lotsen der See den Rücken kehrten und sie bewundernd betrachteten. Sie stieg die Treppe hinab, um sich nach dem Trichter oder Kaffeesalon zu begeben, wo sie ihren Vater erwarten wollte und zugleich ihren Verlobten zu finden dachte, nach dem sich der Papa erkundigte. Sie erfuhr jedoch, daß Spickmann jun. den ganzen Tag auf der Düne im Sande lag oder auf Hummer fischte und nur, wenn das Modejournal ankam, im Trichter oder Konversationshaus zu sehen war, wo er mit einem Herrn aus Leipzig, der sich Baron Heyse nannte, lange Verhandlungen führte.
Da die Badezeit, die in Helgoland den Vormittag ausfüllt, schon vorüber war, so beschloß man, eine Spazierfahrt nach der Düne zu machen und nahm einige Boote, die schnell über die glatte Flut flogen.
Spickmann jun. lag richtig auf einem Dünenhügel, zwischen Sandhafer versteckt, im weichen Sande und stützte den Kopf auf seine Ellbogen, indem er mit weit aufgerissenen Augen nach dem Landungswagen hinabsah. Neben ihm lag ein Fernrohr, durch das er die Boote betrachtete, ehe er es erstaunt in den Sand fallen ließ. Er glaubte in einem der Fahrzeuge ganz bestimmt seinen Schwiegervater in spe und seine Verlobte zu erblicken und war so verblüfft von dieser Entdeckung, daß er wie festgezaubert liegenblieb.
So schön nun auch Julie daherkam, so sehr stand doch der Apfelbaum mit dem Liebhaber und die schmeichelhafte Erwähnung seiner dabei vor seinen Augen und flößte ihm den größten Abscheu vor ihr ein. Man mußte ihn bemerkt haben, denn Stubborn stieg gerade den Hügel hinauf, auf dem er lag, während Julie mit der anderen Gesellschaft seitwärts abbog. Das Kalb sah Stubborn als rächenden Vater erscheinen, der kam, ihn zur ehelichen Schlachtbank zu schleppen. Er wollte sich aber nicht schlachten lassen und kroch deshalb, mit Hinterlassung von Flinte, Fernrohr und Kaffeemaschine, rückwärts den Hügel hinab, um sich in ein Seitental zu schlagen und aus dem Staube zu machen. Er war glücklich unten angekommen, fand nun Schutz hinter einer steilen Sandwand und war eben auf allen vieren dahinter weggekrochen, als er aufblickte und seiner Verlobten gerade ins Gesicht sah.
»Äh!« sprach er, sich erschrocken emporrichtend und sie anstarrend, während er einen verzweifelnden Blick hinter sich warf, um zu sehen, ob ihn nicht ein schneller Sprung aus dem Bereich der Dame bringen könnte.
»Ah, also mein Zukünftiger geht in den Sandwüsten auf allen vieren spazieren?« sprach diese laut lachend.
Herr Spickmann ward von diesem Spaß sehr betroffen, denn er wußte nicht, ob ihn das Fräulein etwa mit jenem höckrigen Tiere verglich, das, auf allen vieren durch die Wüste spazierend, auch das Schiff der Wüste genannt wird. Er dachte wieder an sein Loblied, welches er unter dem Apfelbaum gehört und sagte daher nochmals: »Äh!«
»Sie sind übrigens ein recht netter Bräutigam, der sich auf wüste Inseln im Meer verkriecht, während er seiner Braut den Hof machen sollte. Was tun Sie denn eigentlich hier? Wollen Sie vielleicht einen Seehund fangen, um ihn mir zum Geschenk zu machen?« fuhr sie heiter fort.
»Seehund? Äh, äh! Ich würde es nicht wagen, Ihnen einen zu schenken, da Sie auf ein Geschenk keinen Wert zu legen scheinen. Nein – wahrhaftig – es ist sehr! Wissen Sie – mein Geschenk wurde wieder zurückgeschickt – an Papa – hat ihn sehr gekränkt und eine Stutzuhr zum Fenster hinausgeworfen, daß die Räder auf der Gasse umhergeflogen sind! Wissen Sie, das ist sehr – – seeehr! – –« Er sprach dieses Wort, in dem seiner Ansicht nach ein komplizierter Vorwurf lag, so zornig aus, daß er nichts Geringeres erwartete, als die Dame davon vollständig niedergeschmettert zu sehen. Diese lachte jedoch hell auf und war entschlossen, die halbe Million durchaus nicht fahren zu lassen, wenn diese auch zehnmal auf allen vieren im Sande umherspazierte. Julie glaubte den Grund von Spickmanns unerklärlichem Zurückweichen nun darin gefunden zu haben, daß sie sein Geschenk, den unglückseligen Affen, nicht hoch und wert genug hielt und versprach ihm, seinen Liebling sofort wiederzuholen und zu pflegen, wenn sie nach Hamburg zurückkäme. Hierauf ergriff sie seinen Arm und wollte ihn aus den Dünenhügeln zur Gesellschaft ziehen und vorstellen, weil ein bedeutender Bremer Kaufmann dabei war, der sowohl mit Stubborn als Spickmann in Geschäften stand.
Das Kalb war jedoch widerspenstig und stand wie in den Sand gewurzelt, so daß ihn Julie erstaunt anblickte und im stillen dachte, es würde wohl einigen Kampf mit diesem störrischen Tier geben, bis es dressiert wäre. Sie beschloß, ihn wie ein ungezogenes Kind zu behandeln, das man mit Versprechungen beschwichtigt, und versicherte ihm nochmals, daß der Affe auf das liebevollste gepflegt werden sollte.
Der Pfeil der Verachtung, der ihn an jenem Abend unter dem Apfelbaum getroffen, war jedoch zu tief gedrungen und hatte ihn unheilbar verletzt. Er sah sich deshalb um, ob er allein mit Julie sei, und sprach dann leise und mit einem Hohn, den ihm kein Mensch zugetraut haben würde:
»Ich will ihn doch lieber behalten. Wissen Sie, er könnte Ihnen vielleicht die – Äpfel – von Ihrem Baum – vor dem Fenster – – abfressen.«
Julie ließ ihn bei diesen Worten los und trat zwei Schritte zurück, indem sie ihn erstaunt anblickte.
»Ja, ja,« fuhr Spickmann mit leiser Stimme fort, »und wenn er einmal unter dem Baum stände und es stiege ein – anderer hinauf – und er müßte dann zuhören, wie man ihm das Fell abzuziehen dächte, um ihn auszustopfen – das könnte das arme Tier doch zu sehr ärgern! Zu seeehr!« sprach er, dies Wort außerordentlich betonend und sich einige Schritte zurückziehend.
Fräulein Julie sah mit einem so entsetzten Blick auf ihn, als sei er ein Gespenst, das, eben dem Sand entstiegen, ihr Geheimnis offenbare. Sie erklärte sich jetzt alles und wußte, daß hier alles verloren sei. Es überkam sie ein grenzenloser Ärger, sich von diesem Dummkopf so abgewiesen zu sehen und dabei auch noch sein Geld zu verlieren. Sie warf ihm einen drohenden Blick zu, indem sie den Hügel hinauflief und sich dort zu Boden warf. Sie lag dort, bis man am Strande nach ihr rief; sie blickte hinab. Ein Bremer Kaufmann aus der Gesellschaft hielt ihren Hut in der Hand, was sie auf einen neuen Gedankengang brachte. Der Bremer war Millionär, wie sich das für einen guten Bremer schickt. Sie erinnerte sich aber auch, im Boot gehört zu haben, daß er Witwer war. Sie betrachtete ihn genauer. Er stand vor dem Wasser, das hinter und um ihn die weißen Wellen aufzählte und ihn mit einer Art Glorie umgab, die sich leicht aus Silber statt aus Wasserschaum denken ließ. Er besaß auch einen Sohn, wie er gesagt. Der Mann war beachtenswert, wie Julie dachte. Natürlich! Ein Millionär ist unter allen Umständen beachtenswert, besonders für diejenigen, welche nur im Geld das höchste Ziel des menschlichen Daseins erblicken.
Die Gesellschaft schiffte sich wieder ein, um nach der Insel überzusetzen. Julie entfaltete alle ihr zu Gebot stehende Liebenswürdigkeit gegen den Bremer Kaufmann und schien fortan von der Existenz eines jungen Spickmann gar nichts zu wissen. Dieser hingegen sah mit Verwunderung die Sirene ihr Netz nach einem neuen Millionär ausbreiten, grinste manchmal höhnisch dazu und wünschte dem guten Mann einen Apfelbaum der Erkenntnis, ehe es zu spät war.
Stubborn bemerkte augenblicklich, daß eine Kluft zwischen dem Brautpaar entstanden sein mußte, die er keinesfalls auszufüllen dachte. Er stellte deshalb Spickmann auch nicht als Verlobten seiner Tochter vor, sondern ließ die Sache gehen wie sie ging. Auf der Insel angekommen, stieg er sogleich nochmals zu dem Gouverneur hinauf, um ihn zum Einschreiten gegen die Ochsenfellhändler zu veranlassen. Dieser gute Herr war jedoch zu sehr mit seinen Hühnern beschäftigt, die im Garten herumliefen. Er gab ihm kurz und bündig den Rat, die Sache selbst auszumachen und wies ihn an die Ratleute. Herr Stubborn suchte nun diese mühsam zusammen. Sie wollten sich jedoch an keine Ochsenhäute erinnern. Besannen sich dann auf das Schiff und gaben zu, daß die Ratten einige Felle verzehrt haben dürften, weshalb sich der Hamburger jedenfalls an diese Tiere halten könne, und gaben ihm bereitwilligst die Erlaubnis, sich ihrer zu versichern und mit ihnen nach Gutdünken zu verfahren. Da sich aber schließlich Stubborn auf die Anzahl der Felle berief, die von Helgoländern beim Stader Zoll klariert waren, so behaupteten die Insulaner, daß dies ein Schreibfehler vom Zollamt sei, denn das wären Seehundsfelle gewesen, die man jedenfalls dort für Ochsenfelle angesehen habe.
Nur bei einem Helgoländer fand Stubborn Recht, dies war der Schiffbauer Jacob Siemens, den er in seiner Zimmerhütte fand und der schrecklich über seine Landsleute wetterte und fluchte und sie ein Liekendeelergesindel Liekendeeler, Vitalienbrüder, Seeräuber. Wörtlich: Gleichteiler. nannte, das die Nordsee in schlechten Ruf brächte. »Ich will ihnen aber die Lecke kalfatern,« sprach er, »denn ich werde ein Buch über die Nordseewirtschaft schreiben, das ihnen die Haare zu Berge treiben wird – einmal die Ecke hier gründlich ausfegen soll! Ich werde es den ›Nordseebesen‹ nennen!«