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siehe Bildunterschrift

Elbe im Mondschein

Neunzehntes Kapitel
Abenteuer rechts und links der Elbe

Stubborns Schiff »Die Gebrüder« war kaum von Cuxhaven aus als in See gegangen signalisiert, als sich Stubborn in Begleitung des Herrn Trick nach dem Hause des Lotsen begab und es in fieberhafter Hast durchsuchte. Es war wieder ein Brief aus Neuyork an Ernst Schwarz eingelaufen, der Mitteilungen enthielt, bei denen der Prinzipal zitterte.

»Danken wir – dem Teufel, daß Schwarz den Brief nicht in die Hände bekommen hat. Indes, was wollte er machen, solange ihm die Beweise fehlen, die draußen bei Nielsen liegen«, sprach der Buchhalter.

»Was wollte er machen? Allerdings. Es lebt außer Kern und Ihnen zufällig niemand mehr, der die Verhältnisse kennt. Bedenken Sie aber den Skandal, die öffentliche Meinung. Mein Renommee wäre unrettbar hin«, sprach Stubborn finster.

»Und das meinige mit«, knurrte Trick.

Stubborn sah ihn mit einem leisen Hohnlächeln an, das der Buchhalter mit Zinsen zurückgab. »Es ist eine gar kitzlige Sache um das Renommee«, fuhr er fort. »Wenn man an der Börse erführe, daß wir hier nichts weiter –«

»Halten Sie – Ruhe von der Geschichte«, flüsterte Stubborn, nach der Tür blickend.

»– zu suchen hätten als jeder Kommis, und daß Schwarz –«

»Schweigen Sie, beim Teufel!« flüsterte Stubborn, Trick beim Arm packend.

»Es ist eine Sache um das Renommee«, sprach Herr Trick, bedenklich an seine Nase schlagend. »Ich muß wenigstens jetzt das meinige aufrechthalten und brauche deshalb fünfzigtausend Mark, und zwar bis acht Uhr!«

»Sind Sie ganz und gar des Teufels?« fragte Stubborn. »Sie haben ja erst vor drei Tagen wieder dreißigtausend Mark erhalten! Wollen Sie mich ausbeuteln? Glauben Sie überhaupt, noch viel zu bekommen?«

»Halb und halb«, sprach Herr Trick mit großer Ruhe. »Halb und halb – Geld und Strick – Renommee und Schande. Die letzten Artikel bleiben mir sicher. Vom ersten habe ich noch nicht den zehnten Teil. Also –« Hier machte er die Pantomime des Geldzählens.

»Aber wo tun Sie denn beim Teufel das Geld hin?« fragte Stubborn.

»Spekuliere damit – habe eingebüßt, muß wieder gewinnen«, knurrte Trick, sich wild in die Haare greifend. »Also rücken Sie 'raus. Es hilft Ihnen nichts. Ich muß heute abend das Geld haben! Ich muuuß es haben!« schloß er bestimmt. »Jetzt aber kommen Sie, wir wollen sehen, was bei Nielsen versteckt liegt, ehe uns der Teufel einen Strich dazwischen macht, und der versoffene Jörs etwa den Fund tut und uns auch noch in die Hände bekommt. Kommen Sie, der Zollwächter will heute abend in das Haus ziehen, um im Keller aufzuräumen.«

Es bedurfte keiner weiteren Aufforderung, um Stubborn anzutreiben. Er verließ mit Trick das Kontor und ging an das Baumhaus, wo Wilm mit dem Boot wartete, in dem Weinflaschen mit verschiedenen andern Viktualien verpackt lagen.

Stubborn stieg mit dem Buchhalter in das Boot und wollte eben abfahren, als Meister Wöllers die Treppe herunterkam und beide grüßend fragte, ob sie ihm nicht sagen könnten, wo er Herrn Ernst Schwarz fände. Er habe ihm etwas sehr nötig zu übergeben.

Trick sah seinen Prinzipal an und war einigermaßen frappiert, daß sie gerade jetzt an Schwarz erinnert wurden, wo sie auf eine Unternehmung gegen ihn ausgingen. Was konnte Wöllers wohl haben? Herr Trick erbot sich zur Übernahme der Sache.

Der Meister wollte es jedoch selbst abgeben. Es sei ihm auf die Seele gebunden, bemerkte er geheimnisvoll.

»Vielleicht aus Amerika?« fragte Trick lauernd.

Wöllers hielt es für äußerst interessant, Besitzer einer wichtigen Sache zu sein, die er nur dem Eigentümer selbst geben könne. Er sah also nach dem Telegraphen Telegraph. Der sog. optische Telegraph, der auf der Plattform des Postturms in der Poststraße Aufstellung gefunden hatte; er war 1837 durch J. L. Schmidt aus Altona aufgestellt und hatte anfangs acht Stationen: Cuxhaven, Dobrock, Klintberg (Hechthausen), Stade, Kösterberg, (Blankenese), Altona, Hamburg (Baumhaus und Postturm). Während des Brandes 1842 leistete er sehr gute Dienste. Später kam Schulau hinzu. Im Volksmunde hieß der Telegraph »Der lange Konrad«., der auf der Spitze des Baumhauses Turnübungen machte, und bemerkte, nachdem er sich bei ihm Rat geholt: »Hm, gerade nicht aus Amerika, aber so da herum. Ich hörte, daß er in London sei, und wäre schon in meinem Kutter hinübergesegelt, wenn ich seine Adresse wüßte. Wollen Sie die Güte haben, sie mir zu geben?«

»Ist die Sache so wichtig?« forschte Trick.

»Familienverhältnisse«, antwortete Meister Wöllers geheimnisvoll.

»Verflucht!« murmelte Trick. »Nun, wir können Ihnen allerdings jetzt keine Adresse geben, denn Schwarz wird wahrscheinlich von London abgereist sein und morgen mit dem Dampfer aufkommen. Sie könnten ihm ja aber entgegensegeln und ihn bei Stade erwarten. Es wäre vielleicht von Wichtigkeit, wenn Schwarz die Nachrichten erhielte, ehe er an die Stadt käme.«

»Wissen Sie, wann der nächste Londoner Dampfer kommt?« fragte Wöllers.

»Der wird morgen früh aufkommen«, erklärte Trick. »Wenn Sie jetzt mit dem Wind unter Segel gehen, so kommen Sie bis zum Dunkelwerden nach Twielenfleth, wo Sie über Nacht vor Anker gehen und den Dampfer dann bei Stade erwarten können. Das Wetter ist schön, und Sie hätten eine herrliche Fahrt.«

Meister Wöllers fand den Vorschlag sehr gut und das Unternehmen ganz nach seinem Geschmack. Da Krischaan nach dem Kutter beordert war, um ihn zu putzen, so beschloß er, sofort unter Segel zu gehen, versorgte sich mit den nötigen Vorräten, holte den Brief und sagte seiner Frau, daß er geschäftshalber nach Glückstadt müsse und die Nacht ausbleiben werde, worauf er den Kutter von der Werft hinauslegen ließ, um ohne Sorge und Anstoß abwärts zu segeln.

Herr Trick klopfte bedeutungsvoll an seine Nase und flüsterte dann Wilm zu: »Willst du zehn Taler verdienen?«

»Versteht sich«, antwortete dieser.

»Du hast gehört, daß dieser Schneider mit seinem Kutter abwärts will, um einen Brief oder ein Paket für Schwarz an den Dampfer zu bringen. Sieh zu, daß du den Brief erwischen kannst. Hole alle Papiere aus dem Kutter, die du findest. Ich gebe dir fünfzehn Taler dafür.«

Wilm schmunzelte und versprach, die Sache auszuführen, wenn er einige Bekannte mitnehmen könne. Herr Trick stieg deshalb mit Stubborn in St. Pauli aus und ging zu Fuß vollends nach Neumühlen, wohin Wilm bald mit einigen unternehmungslustigen Freunden folgte und die Vorräte ans Land schaffte, ohne daß Jörs etwas davon ahnte, obgleich er hart daneben im Gebüsch saß. Nachdem das Boot bis auf einige Flaschen geleert war, ging es abwärts und war längst aus Sicht, als der »Seehund« mit vollen Segeln erschien, an dessen Steuer Wöllers und Schünnemann saßen, während Krischaan vorn bereit stand, jeden Befehl seines Kapitäns auszuführen.

Trick schloß eben die Tür von Nielsens Haus auf und blickte dem Kutter höhnisch lachend nach.

Indem Trick mit Stubborn in des Lotsen Haus trat, zeigte sich die rote Nase von Jörs in der Gartentür. Dieser gute Wächter des Zollamtes hatte die moralische Kraft gehabt, die vollen Weinflaschen aus Wilms Boot hart an sich vorbeitragen zu sehen, ohne sich zu rühren. Die Zunge klebte ihm nach dieser übermenschlichen Anstrengung am Gaumen, und er erwartete deshalb mit Schmerzen den Augenblick, wo man ihm Nielsens Haus übergeben würde, in dessen Keller seine Phantasie Reihen von Flaschen erblickte.

Man konnte es ihm nicht verdenken, daß er einen seiner besten dänischen Kraftflüche ausstieß, als ihm Trick die Tür so vor der Nase zuschnappte, daß diese beinahe dazwischen kam.

»Ein wenig Geduld, Herr Jörs! Wir wollen erst ein kleines Inventarium aufnehmen, dann können Sie eintreten«, rief Trick heraus.

»Oh, verdamme! Inventarium? Von den Flasgen vielleicht?« schrie Jörs, an der Tür rüttelnd.

»Nein, nein! Die Flasgen bleiben Ihnen«, sprach Trick lachend.

»Ich lassen mich nicht so fangen«, schrie Jörs, »die Flasgen können Sie behalten, aber was drin ist, will ich haben!«

Er erhielt keine Antwort, denn Stubborn und Trick hatten nötiger zu tun. Sie untersuchten jeden Winkel im Hause, vom Boden bis in den Keller. Sie fanden nichts!

Jörs rannte indes rings um das Gebäude und sah zu jeder Öffnung hinein, die sich nur darbot. Er lauerte an dem Kellerloch und geriet fast in Verzweiflung, als er einmal Flaschen klirren hörte. Endlich schloß Trick die Tür auf und lud ihn mit sehr verdrießlichem Gesicht ein, hereinzukommen.

»Wir sollen unserem Kapitän einige Bücher aufheben und können sie nicht finden. Er hat sie irgendwo verborgen und vergessen, uns den Ort anzugeben«, sprach Trick ärgerlich.

»Sind sie vielleicht im Keller?« bemerkte Jörs.

»Nein. Dort haben wir alles durchsucht. Sie müssen oben stecken.«

»Ha, ha! Sie verßtehen nicht ßu suchen«, lachte Jörs. »Also hier in der Kommode und dem Schrank sind sie nicht? Gut, suchen wir anderswo.« Hiermit guckte Jörs in den Ofen, sondierte im Rohr und Kamin und begann sodann auf die Dielen und an die Wände zu klopfen. Man sah, er verstand sein Geschäft. Er nahm alle Bilder ab und sah dahinter. Endlich wollte er ein kleines Regal abnehmen, worauf ein Schreibzeug und einige Flaschen standen. Es war jedoch an der Wand festgemacht, und als er dazwischen klopfte, klang es hohl, worauf Jörs seine Zuschauer triumphierend anblickte.

»Ein Sgrank«, sprach er grinsend und begann überall am Regal zu ziehen und zu drücken, bis er eine Feder fand, bei deren Berührung es aufsprang und einen Wandschrank zeigte. Jörs sah mit Erstaunen, daß sich der sonst so kalte, ruhige Stubborn in wilder Hast auf ein Kästchen stürzte, das im Schrank sichtbar ward, und daß Herr Trick gleichfalls danach griff, worauf es beide wie ein gefangenes Wild nach dem Tisch trugen. Das Kästchen war verschlossen und versiegelt, worauf der Buchhalter jedoch keine Rücksicht nahm, sondern es mit einem Messer ohne Umstände aufsprengte.

Stubborn griff mit zitternden Händen nach einigen vergilbten Papieren. »Es ist mein Revers. Endlich habe ich ihn in den Händen«, murmelte er.

Trick hatte indes ein Buch durchgesehen. »Das vollständige Inventarverzeichnis – hier ein Testament – vollständig genug, um uns –« er sah nach Jörs und fuhr fort: »zu befriedigen. Kommen Sie jetzt, Herr Prinzipal«, sagte er, indem er plötzlich alle Papiere in den Kasten tat und diesen unter den Arm nahm, was Stubborn mit einigem Unbehagen zu erfüllen schien. »Kommen Sie, wir müssen die Papiere sofort deponieren.« Und ohne sich weiter umzusehen, ging er zur Tür hinaus. Ihm nach der Prinzipal, während Jörs erstaunt stehenblieb.

Er stand aber nicht lange untätig, sondern stieg nach dem Keller hinab, um die dort versteckten Schätze in seinen Magen zu versetzen. Er kam jedoch grausam enttäuscht und voller Wut wieder herauf, denn die ganze flüssige Hinterlassenschaft des Lotsen bestand in etwa einem Dutzend Flaschen, die Jörs unter den Armen trug und vor dem Bett aufstellte, auf das er sich niederließ.

Herr Trick ging indes mit dem Kasten unterm Arm so schnell vorwärts, daß sein Prinzipal fast in einen unanständigen Trab verfallen mußte, um ihm zur Seite zu bleiben. Als sie ein Stückchen gegangen waren, blieb Stubborn plötzlich überrascht stehen und rief keuchend: »Halt! halt! Wo wollen Sie hin?« denn Trick bog, statt nach Stubborns Landhaus, in den Hohlweg ein, der nach oben führte.

»Kommen Sie,« sprach Trick, ohne stehenzubleiben, »damit wir den Omnibus noch erwischen.«

»Was brauchen wir den Omnibus?« schrie Stubborn. »Kommen Sie herunter, wir wollen die Papiere verbrennen!«

»Daß ich ein Narr wäre«, lachte Trick und strich mit der freien Hand seine Haare nach vorn. »Diese Papiere werde ich deponieren.«

»Oh, Sie verdammter Schuft!« sprach Stubborn knirschend, »was gehen Sie die Papiere an? Die Sache betrifft nur mich, und ich mag sie am allerwenigsten in Ihren Händen wissen. Geben Sie den Kasten heraus, oder – – –«

»Nun, was?« fragte Trick grinsend, indem er herausfordernd an die Nase klopfte.

»Die Sache geht Sie gar nichts an. Geben Sie her. Ich gebe die fünfzigtausend Mark noch heute«, sprach Stubborn atemlos.

»Ah, sieh mal an, das hätte ich bald vergessen. Die fünfzigtausend, richtig. Kommen Sie,« nickte Trick und begann wieder aufwärtszusteigen – »davon hier,« sprach er, auf den Kasten schlagend, »werde ich Ihnen meinen Teil gegen gute Wechsel abtreten. Halb und halb, wissen Sie, war unser Abkommen und soll es bleiben – halb und halb! Sie werden bald zwanzig Wechsel, jeden zu zehntausend Mark, ausgefüllt haben, um sich dann das Vergnügen zu machen, die Geschichte zu verbrennen. Eher aber keinen Augenblick.«

»Ha! Zweihunderttausend Mark!« schrie Stubborn, in Verzweiflung die Hände über dem Kopf zusammenschlagend und wie angewurzelt stehend.

»Sie werden den Omnibus versäumen«, mahnte Trick vorwärtsgehend.

»Sie sind ein erbärmlicher Schuft, der mich ausraubt!« ächzte Stubborn.

»Ich bin genau ein solcher Schuft wie Sie. Habe aber noch lange nicht die halbe Million, die ich haben muß und kriegen werde, und dann bin ich erst genau soviel wert wie Sie«, entgegnete Trick in großer Seelenruhe, ohne einen Augenblick stillzustehen und auf Stubborn zu warten, der ihm voller Grimm nachlief und ihn endlich erreichte, als er an der Straße stand und den Omnibus erwartete.

Stubborn stand atemlos und betrachtete seinen Buchhalter und Kompagnon mit Blicken voll Haß und Wut, wobei er manchmal gierig nach dem Kasten sah und sich dann umschaute. Trick lächelte grimmig und nickte ihm einigemal zu.

»Ich weiß, was Sie denken. Oh, ich sehe es so gut, als stände es in Ihrem Gesicht geschrieben. Sie würden mich jetzt mit Vergnügen ermorden, wenn Sie könnten – he? Sie überlegen, ob Sie mich nicht drin im Hause beiseite bringen könnten. Vergiften vielleicht, oder erdrosseln, das macht keinen Lärm – he? oder zufällig ertrinken lassen? oder vielleicht zur See schicken! nach Singapore? – He! he! he!« schrie Trick, in ein wildes Gelächter ausbrechend. »Nein, nein, Kompagnon – damit ist es nichts – zu vorsichtig dazu«, schloß er, sich schmunzelnd und hörbar an die Nase schlagend und dem leichenblassen Stubborn zunickend.

In diesem Augenblick rollte der Omnibus heran, und Trick öffnete die Tür, um seinen Prinzipal mit einer tiefen Verbeugung in den Wagen steigen zu lassen und ihm dann hochachtungsvoll zu folgen. Stubborn saß still und biß sich in schrecklicher Pein auf die Lippen. Er mußte mit ins Kontor. Er mußte fünfzigtausend Mark bar auszahlen. Er wand sich und wimmerte, aber er unterschrieb zwanzig Wechsel über zweihunderttausend Mark und verbrannte dann den Inhalt des Kästchens, während Trick fortging, um die Papiere in Sicherheit zu bringen. Nicht im Hause, wie er ausdrücklich beim Abschied bemerkte.

Er brachte das Geld wo anders in Sicherheit. Vielleicht beim alten Wolf, der an der Ecke auf ihn wartete und mit ihm im Trampgang Trampgang. Einer der engsten, winkligsten Gänge des sog. Gängeviertels der Neustadt, 1612 im Stadterbebuch zuerst genannt. verschwand, wo sich noch einige fidele Seehunde an sie anschlossen, und wo vielleicht eine Bank zur Unterbringung von Kapitalien existierte, bei der der alte Wolf beteiligt war.

Währenddessen segelte der »Seehund« ungemein gutwillig abwärts, denn da der Wind ziemlich von hinten kam, ging die Sache glatt, und Meister Wöllers stand sehr zufrieden am Steuer. Er glaubte jetzt vollständig an seine nautische Kapazität.

Am hannoverschen Ufer mündet oberhalb Stade ein kleines Flüßchen, die Aue, in die Elbe, in dessen Nähe stromab einige kleine Inseln liegen. Der »Seehund« hatte diese kaum passiert, als der Wind einschlief und Meister Wöllers den Befehl erteilte, vor Anker zu gehen. Da hierauf des Kapitäns Frage »Alles klar?« mit »ai ai!« beantwortet wurde, warfen Krischaan und Schünnemann, der mit von der Partie war, den Anker über Bord, worauf die Kette durch das Klüsenloch rasselte und der Kutter um sie schwenkte und liegenblieb.

Nun befahl der Kapitän, die Segel zu streichen und festzubinden, sah nach Wind und Wetter, bedauerte, kein Barometer bei sich zu haben, und schickte dann Krischaan nach vorn, um das Abendessen zu besorgen.

Die Sonne war längst untergegangen und die tiefste Dämmerung eingetreten, als Krischaan das Abendessen aus der Luke brachte und auf dem Kajütendach servierte. Man wollte sich eben hinsetzen, als vom Lande aus der Ruf: »Kutter ahoi!« ertönte. Wöllers drehte sich um und sah am Ufer ein paar Männer stehen. Er fragte, was es gäbe.

»Was ist das für ein Fahrzeug?« klang es herüber.

»Kutter ›Seehund‹, Kapitän Wöllers, von Hamburg«, schrie der Meister zwischen die Hände durch.

»Was hat er an Bord?« fragte man.

»Nichts«, schrie Wöllers.

»Was tut er hier an der Küste?« war die weitere Frage.

»Spazierenfahren«, antwortete Wöllers.

»Dat kann wohr sien un ook nich«, schrie die Stimme. »Schickt ein Boot an Land, daß wir an Bord nachsehen können.«

»Wer seid ihr?« rief Wöllers argwöhnisch.

»Beamte vom Stader Zollhaus.«

»Wir haben kein Boot an Bord.«

»Ausflüchte! – In Grünendeich sind Netze gestohlen worden. Wir müssen euch visitieren«, schrie der Mann, worauf er einen langen Pfiff ertönen ließ.

»Das ist ja recht nett«, sprach Wöllers. »Jetzt hält man uns gar für Stranddiebe. Nun, sie mögen nur kommen. Sie werden ja sehen, wen sie vor sich haben.«

Auf dem Fluß zeigten sich die Umrisse eines Bootes, das die Männer vom Ufer einnahm und dann nach dem »Seehund« herüberkam, auf den ein paar Leute stiegen, die ohne weiteres in die Kajüte krochen und alle Winkel durchstöberten. Nach einer Weile kamen sie herauf und erklärten, der Kapitän und sein Begleiter müßten ihnen nach dem Zollhaus in Brunshausen folgen. Der Schiffsjunge könne indes an Bord bleiben.

Herr Wöllers meinte, ob man nicht lieber mit dem Kutter hinuntergehen könne.

»Wenn die Flut nicht dagegen stände, würde ich es schon getan haben«, meinte der Beamte. So aber wollen sie sich nicht einmal mit dem Boot dagegen abquälen, und das Endchen zu Fuß gehen. Hierauf lud er Wöllers und Schünnemann nochmals sehr dringend ein, in das Boot zu steigen, was beide taten, weil man sie, allem Anschein nach, sonst mit Gewalt in das Boot hineingesteckt haben würde. Am Ufer legte das Boot fest, und zwei Männer gingen mit Wöllers und seinem Gevatter auf den Deich nach der Schwinge zu, während sich die Bootsleute in ihrem Fahrzeug zum Schlafen ausstreckten, um später den Kapitän wieder an Bord zu setzen, wie sie sagten.

Bei der Schwinge, dem Fort gegenüber, angekommen, mußten die Abenteurer warten, während die Beamten am Flüßchen hinaufgingen, um den Fährmann zu holen. Es dauerte wohl eine halbe Stunde, bis endlich drüben ein Mann erschien, den sie anriefen. Er fragte, was sie wollten, worauf sie erklärten, daß man sie nach dem Zollhaus bestellt habe. Der Mann brummte etwas und machte ein Boot los, in dem er sie herüberholte. Auf ihre Frage nach den beiden Beamten zeigte er nach dem Zollhaus und ruderte dann mit dem Boot davon.

Meister Wöllers ging also mit Schünnemann auf das Fort zu, von wo ihm plötzlich ein lautes »Wer da?« entgegenschallte, wobei er ein Gewehr im Mondlicht blitzen sah, das jetzt die Gegend erhellte.

»Gut Freund!« schrien beide und duckten sich, im Fall die unvorsichtige Schildwache etwa voreilig losschießen sollte.

»Was wollt ihr?« rief der Posten.

»Wir sind nach dem Zollhaus bestellt. Die Beamten sind eben von uns gegangen.«

Der Posten sprach mit jemand, worauf man sie hineinrief. Ein Zollbeamter in Pantoffeln, mit einer holländischen Pfeife im Munde, kam heraus und fragte, was sie beim Teufel zu solcher nachtschlafenden Zeit von ihm wollten.

Wöllers erklärte ärgerlich, daß man ihn beim Abendessen von seinem Kutter weggeschleppt habe, damit er hier erklären solle, daß er keine Fischnetze oder so etwas am Strand stehle und daß er von zwei Beamten hergeführt worden sei.

»Ei weh, guter Freund!« sagte der Beamte lachend. »Ich fürchte, man hat Sie da bei der Nase herumgeführt. Es ist keinem Menschen eingefallen, von hier wegzugehen.«

Die Soldaten und herbeigekommenen Beamten lachten, während sich Wöllers und Schünnemann verblüfft ansahen und zu fürchten begannen, daß sie Spitzbuben in die Hände geraten seien.

»Herr Gott!« schrie Wöllers, »setzt uns wieder hinüber! Mein Kutter und mein Junge!«

Man nahm ein Boot und fuhr über die Schwinge. Ein paar Soldaten liefen aus Neugier mit, und so kam man bald an den Ankerplatz des »Seehund«. Aber kein Kutter war zu sehen, so weit man auch in dem hellen Mondschein über das Wasser blicken konnte. Wöllers schrie wie ein Löwe: »Krischaan!« und »Seehund ahoi!« Keine Antwort. Der »Seehund« war spurlos verschwunden.

Meister Wöllers lief nebst Gevatter Schünnemann den Deich entlang und schrie nach Krischaan. Dann horchten sie in die ruhige Nacht hinaus, deren Stille nur manchmal vom Geschrei einer Wildente oder vom leisen Rauschen des Wassers am Uferdamm unterbrochen wurde. So waren sie bis zum Eintritt der Ebbe herumgeirrt und der Verzweiflung nahe. Da erschien plötzlich der »Seehund« wie das Geisterschiff des fliegenden Holländers, indem er hinter einer der kleinen Inseln hervortrieb und lautlos ohne Steuermann mit der Ebbe weiterschwamm. Wöllers brüllte jetzt nochmals verzweifelt nach Krischaan, worauf man im Innern des Kutters ein dumpfes Hilfegeschrei vernahm. Der verzweifelte Kapitän sah sein Fahrzeug steuerlos dahintreiben und kein Boot in der Nähe. Er begann deshalb nebenher zu laufen, als er nach kurzer Zeit einen Plumps hörte und Gevatter Schünnemann, der kurz entschlossen die Kleider abgeworfen, im Wasser und auf das Fahrzeug zuschwimmen sah. Eine Minute darauf kletterte er an Bord und zog den Pflock von der Lukenklappe, woraus nun Krischaan, wie aus einem Mörser geschossen, hervorkam.

Es war keine Zeit zu Erklärungen, denn der Kutter mußte irgendwo festgelegt werden und konnte nicht länger treiben. Da er dem Lande nahe war, so band sich Schünnemann ein langes Tau um den Leib, sprang in das Wasser und schwamm nach dem Ufer, von wo aus er den »Seehund« herüberzog, bis er auf den Grund kam und so für die Ebbezeit festlag. Hierauf nahm er Krischaan auf den Rücken und trug ihn an das Land, worauf er sich wieder anzog.

Krischaan erzählte nun, daß nach dem Weggange des Meisters die Leute im Boot wieder herübergekommen seien und ihm befohlen hätten, alle Eßwaren und Flaschen auf Deck zu bringen, weil sie nach dem Zollhaus geschafft werden müßten. Sobald dies geschehen, hätten sie ihn beim Kragen genommen und in die Vorderluke gesteckt, worauf diese geschlossen wurde. Dann sei die Kajüte durchsucht worden, worauf man den Anker gehoben und den Kutter mit der Flut hätte treiben lassen, während oben unter Gelächter und Späßen alles aufgezehrt wurde. Endlich wären die Leute in ihr Boot gestiegen und fortgerudert, während das Fahrzeug an einem steilen Ufer fest liegen blieb, wie Krischaan aus der Strömung an den Planken hörte. Dann sei es wieder ins Treiben gekommen und die Stimme des Meisters zu dem Gefangenen in die Kajüte gedrungen.

Die Besatzung des Kutters saß nach diesem Bericht lautlos am Ufer und betrachtete den »Seehund«, der jetzt auf dem Grund festlag und sich beim Ablauf des Wassers auf die Seite zu neigen begann. Meister Wöllers dankte endlich dem Gevatter, daß er sich des Fahrzeuges so angenommen. Dieser entgegnete, daß er stets bereit sein werde, Leib und Leben für Wöllers Kutter einzusetzen. Er ahnte nicht, daß ihm dieses Ungetüm noch viele saure Stunden machen würde.

Endlich brach der Tag an, und man konnte trockenen Fußes auf das Verdeck gelangen.

Es war soweit alles in Ordnung. Der Anker sorgfältig festgemacht. Die Segel an ihrem alten Platz. Nichts fehlte, nur das was eß- und trinkbar war. Aber auch Wöllers Brieftasche mit dem Brief an Schwarz war verschwunden, obgleich er sie sicher im Kajütenschrank untergebracht hatte.

Hungrig und todmüde kroch die Besatzung des »Seehund« in die Kajüte, um bis zu seinem Flottwerden zu schlafen und dann nach Hamburg aufzusegeln.


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