Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

siehe Bildunterschrift

Grottenbeleuchtung

Zweiundzwanzigstes Kapitel
Affenstreiche

Unter den Börsenbesuchern in Hamburg gibt es gewisse »Schwerenöter«, deren Seelen nicht bloß von Soll und Haben ausgefüllt sind, die nicht nur Proben von Leinsaat oder Steinkohlen, Weizen oder Kolophonium in den Taschen ihrer Fracks, sondern diese Fracks selbst als neuesten und bewundernswerten Artikel tragen. Es sind natürlich nicht die alten, gewichtigen Matadore, die plötzlich mit einer neuen Mode auf dem Leibe erscheinen, um ein allgemeines Ah zu erregen, denn sowohl die Bequemlichkeit als die Bäuche dieser Herren würden dies Geschäft zu einem so beschwerlichen machen, daß sie es lieber dem jungen Nachwuchs überlassen.

Junge Herren wie Spickmann jun. waren ganz die Leute dazu und nicht wenig stolz, wenn es ihnen gelang, mit einer neuen Westen- oder Krawattenform Aufsehen zu machen und den ganzen jungen Börsennachwuchs dadurch auf seine Schneider zu hetzen.

Heute mußte nun in dieser Branche etwas ganz Außerordentliches gebracht worden sein, denn es war lange keine solche Aufregung dagewesen. Nicht nur die knappe, frisierte Jugend drängte sich nach einem Punkt wie die Fliegen nach dem Zucker, sondern auch die alten, lange aus der Mode gekommenen Soll und Habner waren von ihrem ernsten Geschäft abgezogen und in die Allotria geraten, die Spickmann jun. nebst einem unbekannten Herrn, einem Baron, wie man sagte, hier trieb.

Die Schwerenöter waren außer sich – Spickmann und der Fremde erschienen nämlich nach Anfang der Börse am Eingang in schwarzen Sammetfracks nebst weißen Atlas-Beinkleidern und -Westen. Ja, Spickmann war noch weiter gegangen und hatte ein Hemd von weißer Foulardseide beigefügt, das von einer blauen Krawatte zusammengehalten ward. So kam er Arm in Arm mit dem Baron Heyse daher, gerade wie Don Carlos mit seinem Freund, dem Marquis Posa, wie Kirchhoff in der allgemeinen Stille erklärte, die beim Erscheinen beider eintrat. Der Effekt war indes ungeheuer, – so kolossal, daß sich unter der jungen Börse zwei Parteien für und wider bildeten und die alte Börse weder Proben erhalten noch anbringen konnte, daß ein Stillstand vieler Artikel auf vierundzwanzig Stunden eintrat und das Öl 16¼ sowie Sprit 13 blieb, während das Binnenland mit Spannung die Post und einen Abschlag erwartete. Die Sammetfracks kosteten dem Oberland wenigstens hundertfünfzigtausend Mark. Sie konnten vielleicht einen großen Sieg erringen, wenn Spickmann durch die Zugabe des seidenen Hemdes nicht den Leinwandmakler Kirchhoff gegen die Sache eingenommen und diesen zum Intrigieren veranlaßt hätte. Eine Sache, gegen die Kirchhoff Kirchhoff, bekanntes Original, gestorben 1844, seines Berufes Leinenmakler. (Vgl. Borcherdt, Das lustige alte Hamburg, II, S. 5 ff.) Einen Streich Kirchhoffs schilderte Reinhardt in der ersten Auflage seines Romans, Kapitel 20: »Der Millionen-Eulenspiegel.« Dieser Abschnitt, der in den späteren Auflagen ausgelassen war, ist auch hier wieder gestrichen. aber arbeitete, konnte sicher als verloren betrachtet werden, und Kirchhoff erschien in den nächsten Tagen in einem weißen Atlasfrack nebst schwarzen Sammetvatermördern, Weste und Hosen. Börse und Stadt wollten vor Lachen sterben, Baron Heyse nebst Spickmann vor Ärger platzen. Die Mode war unmöglich geworden.

Heute jedoch waren die Sammetfracks noch oben auf und erwarben sich staunende Bewunderung, ja als sie an der Spitze von etwa zwanzig schweren Börsenmännern am Neuenwall und Jungfernstieg daherkamen, um sich nach Spickmanns Landhaus einzuschiffen, wo man gerade den Geburtstag der Frau Spickmann durch ein solennes Diner feierte, entstand ein Auflauf und es verbreitete sich die Kunde, eine überseeische Gesandtschaft aus Japan oder Hinterindien sei angekommen und besehe die Stadt.

Als der Baron diesen Umstand erfuhr, war er außer sich vor Vergnügen und fast nicht in das Boot zu bringen, so sehr kitzelte es ihn, für einen japanischen Gesandten gehalten zu werden. Endlich mußte er jedoch einsteigen, und die Flottille setzte sich nach der Außenalster zu in Bewegung.

Der alte Spickmann erkundigte sich jetzt nach der Braut des Juniors, ein Punkt, den er seit der Ankunft seines Sohnes noch nicht berührt hatte. Das Kalb zündete sich eben eine Zigarre an und winkte dabei mit der Hand hinter sich, als läge die Geschichte weit rückwärts im Fahrwasser, worauf er »Gekentert« sprach und ruhig fortrauchte, während ihn der Alte mit einem ungläubigen Erstaunen betrachtete und die Idee faßte, daß es ein immer »verfluchterer Kerrel« würde.

»Ich habe ihr einen Korb gegeben! Will sie lehren, Geschenk nicht achten und zurückschicken. Was macht Kleiner?« fragte er endlich den Papa.

»Ach du mein gerechter Himmel! Dieses Mordsvieh macht nichts als Unfug. Hat mir zwei Frachtbriefe gefressen. Nahm ihn heraus, reißt draußen alle Blumen ab, frißt gestern bei Nachbar Siebers sechs Ananas aus dem Gewächshaus und schleppt dann alle Frauenzimmerhüte auf das Dach, wo er sie auf den Blitzableiter spießt. Kannst dir den Ärger denken. Muß die Bestie gleich an die Kette legen, sobald ich hinauskomme. Habe extra eine Schraube mitgebracht, um ihn an den Türpfosten festzuschrauben«, lamentierte der alte Spickmann.

»Hm – Kerl hat Talent. Ist eine Art Kirchhoff«, lachte der Sohn.

Man kam auf dem Landhaus an und fand alles zum Diner bereit. Nachdem die Herren der Frau vom Hause ihre Gratulationen dargebracht und den anwesenden Damen Komplimente gesagt, setzte man sich zur Tafel, die die Länge des ganzen Salons einnahm und mit Blumen, Porzellan und Kristallglas in eine wahre Schatzkammer verwandelt war, worin auch goldene und silberne Gefäße nicht fehlten und ein kostbares Sortiment von geschliffenen Weinflaschen, mit erhabenen grünen Weinblättern und Goldranken, die Bewunderung der Gäste erregte.

Als der alte Spickmann erschien, der den Affen nun sicher festgeschraubt wußte, begann das Mahl mit den unvermeidlichen Fleischpastetchen und Bouillontassen, worauf man von der Laune des Kochs abhing und je nach seinem Belieben Fleisch, Fisch oder Geflügel erhielt. Glücklicherweise war Spickmann nicht ein Narr der Art wie Schröpfer & Co., der alles zur Zeit haben mußte, wo es eigentlich nicht existierte, während sich Spickmann an die gesunden Gartenfrüchte in ihrer besten Zeit hielt. Das Diner ging prächtig und man kam bald in die Gegend der Toaste.

Der samtene Baron war eben aufgestanden, um, nachdem er an das Glas geklopft, einen Toast auf die Damen auszubringen. Er hielt sein Kelchglas zierlich zwischen zwei Fingern in die Höhe und begann im schönsten Leipziger Hochdeutsch:

»Ja, sähn Se, meine kuten Härren. Ich muß Se vor allen Dingen e Hoch auf diejenigen Mitglieder der Gesellschaft ausbringen, von denen unser Dichter so scheene sagt:

Eehret de Frauen, denn se flechten und wäben
Himmlische Rosen ins erdische Läben.

Flechten – – ei, Herr Jeeses!« unterbrach er sich plötzlich, nach dem Tischende blickend, das der Tür zunächst lag und wohin jetzt ein dunkler Gegenstand sprang, während zu gleicher Zeit das Klirren von Gläsern gehört wurde.

Alles sah erschrocken hin. Es war der unglückselige Affe, der an seiner Kette einen drei Fuß langen Holzspan nachschleppte, den er samt der Schraube aus dem Pfosten gerissen, woran ihn Spickmann festgeschraubt, und der nun in rasender Eile mitten auf der Tafel daher gerannt kam, mit dem nachschleppenden Span alles hinter sich abräumte und den Damen gefüllte Gläser und Teller in den Schoß warf. Er stürzte die Flaschen um, warf die Blumenvasen vom Tisch, kollerte die Fontäne hinab und schleuderte die kostbaren Gläser wie Spreu in der Luft umher. Dabei trat er rücksichtslos in die Teller, so daß sich diese überschlugen und auf den Rändern fortkollerten, während ihr Inhalt den Damen auf die Kleider geriet und die Atlaspantalons des Barons ein braunes Soßenmuster erhielten, kurz, er richtete eine grenzenlose Verwüstung an, die noch größer wurde, als ihn die Herren zu fangen suchten und er mit dem Span zwischen die Treibhauspflanzen geriet, die er umstürzte und abriß, bis man ihn endlich fing und an der Kette festhielt.

Der alte Spickmann war so wütend, daß er ihm sofort einen Stein an den Hals binden und in die Alster werfen wollte. Da jedoch Junior meinte, das wäre Mord, und der Baron sich das Tier ausbat, um es einem Bekannten zu schicken, so ließ es Spickmann sofort nach der Stadt schaffen, wo man es bis morgen in das Kontor sperren sollte, um einen Käfig dafür zu schaffen.

Das unterbrochene Diner wurde im Garten beendet, nachdem dort neu gedeckt war, worauf eine große Alsterpartie folgte.

Gegen Abend brachen dann die meisten Herren auf, um in der Kühle nach der Stadt zu schlendern, wohin die Damen bereits im Boot gefahren waren.

Der Abend senkte sich auf die Gegend, und der Spaziergang nach der Stadt war kühl und reizend. Man war bis in die Nähe des Dammtors gekommen, als plötzlich ein paar Hamburger die Ohren spitzten und sich dann, die Unterhaltung abbrechend, plötzlich in Galopp setzten, was mehrere andere ruhige Spaziergänger ebenfalls ohne alle sichtbare Ursache taten, und so ein Wettrennen nach einem unbekannten Ziel anstellten, bei dem sie so eifrig liefen, daß besonders den dicken Herren der Schweiß von den Gesichtern lief und es sich um das Leben zu handeln schien. Bernhart und der Baron wußten nicht, welche unbekannte Gefahr vielleicht im Anzug sei und liefen deshalb der übrigen Gesellschaft nach, die, je näher dem Tor, desto rasender rannte und rücksichtslos dahinstürmte, indem sie die Augen auf eine Glocke richteten, deren Klang man vernahm und die man über dem Torhäuschen hin und her schwingen sah. »Die Torsperre!« Torsperre, 1814, nach der französischen Besetzung, während der sie aufgehoben war, wieder eingeführt und 1836 verschärft, wurde erst am 31. Dezember 1860 endgültig aufgehoben. keuchte ein dicker Millionär, den Bernhart nach der Ursache des Wettrennens fragte. »Ah – gewonnen«, sprach er, sich erschöpft an eine Laterne innerhalb des Tores lehnend, als die Glocke eben schwieg, und »Gewonnen« ächzten halbtot die anderen Millionäre – halbtot, aber freudeglänzend, denn sie hatten vier Schillinge erspart, die sie ohne Gnade zahlen mußten, wenn sie eine halbe Minute später kamen. Vier Schillinge zu den Millionen! Baron Heyse sah erstaunt auf die erhitzten Fettbäuche und begann ernstlich an ihrer Millionärschaft zu zweifeln. Sollten sie vielleicht bloß aufschneiden mit ihren Millionen? Es schneidet mancher mit etwas auf, was er nicht hat und – nicht ist, dachte er. Um drei Neugroschen ums Leben rennen? Nein! Wir Wilden sind doch bessere Menschen – oder wir Leipziger vielmehr, verbesserte er sich und betrachtete die Herren nochmals sehr mißtrauisch. Diese fanden die Sache jedoch ganz in der Ordnung und beteuerten, sich eher die Schwindsucht an den Hals zu laufen, als die Torsperre zahlen zu wollen. Sie zählten bei dieser Gelegenheit mehrere Opfer auf, die dieser echt republikanischen Einrichtung schon verfallen waren, und sprachen mit tiefem Bedauern von einem reichen Teehändler, den vor acht Tagen der Schlag traf, nachdem er eben mit dem letzten Glockenschlag das Millerntor gewann. Man dachte ernstlich daran, ihm an seinem Sterbeplatz ein Denkmal zu setzen, so hoch stellte man die heroische Tat gegen die Torsperre, und doch trug man dieses Übel noch fast ein Vierteljahrhundert, ehe man es abschaffte.

Die Gesellschaft trennte sich am Jungfernstieg. Spickmann jun. ging mit dem Baron, der sich umkleiden wollte, und Bernhart suchte seinen Freund Schnepfe auf, um ein Glas Wein mit ihm zu trinken und dann nach Neumühlen hinauszugehen, auf welchem Weg er das Vergnügen genoß, erst am Millerntor für den Ausgang und dann am Altonaer Tor für den Eingang zu zahlen, wobei er murmelte: »Es geht nichts über die freien Städte.«

Der Baron Heyse lag am nächsten Morgen gegen zehn Uhr noch im Schlafrock in seinem Fenster in Streits Hotel und betrachtete die Vierländerinnen, die Blumen verkauften, durch sein Opernglas, wobei er die Echtheit der Zöpfe anzweifelte, – denn er war seit dem Wettlauf der Millionäre zweifelsüchtig geworden, – als er den alten Spickmann daherstürzen sah, dem ein Mann mit einem großen Papageibauer mühsam folgte, in dem der Affe saß, der heute ganz schwarz aussah. Spickmann und der Träger waren ebenfalls mit schwarzen Flecken übersät und der erstere stürzte außer sich zum Baron ins Zimmer.

»Gott im Himmel! Es ist schauderhaft!« schrie er. »Es ist fürchterlich! Hier ist das Teufelsvieh. Schicken Sie ihn um Gottes willen gleich fort, sonst ist er noch mein Untergang«, damit fiel er auf einen Stuhl.

»Ach, Herr Jeeses!« rief der Baron verwundert über Spickmanns Anblick, »was hat denn das Teufelsvieh wieder angefangen?«

»Eine gräßliche Verwüstung hat er angerichtet«, lamentierte Spickmann.

»Denken Sie sich, der Hausknecht sperrt ihn gestern ins Vorzimmer zum Kontor, da muß die Bestie ein Fenster offen finden, kriecht in das Kontor, schmeißt dort eine große Flasche mit sechs Kannen Tinte herunter, so daß sie zerbricht und ein schwarzer See am Boden steht. Darin hat sich nun das Teufelsvieh herumgewälzt und ist dann über unsere Bücher gelaufen, die offen dalagen, hat auch die Blätter umgewandt und alles voll schwarze Tintenflecke gepatscht. Meinen Buchhalter hat fast der Schlag getroffen, wie er das Hauptbuch erblickt, das wie Doktor Fausts Höllenzwang aussieht. Die Verwüstung ist so gräßlich, daß der arme Mann weinte. Ich habe gleich neue Bücher gekauft und zwölf Kopisten angenommen. Es muß alles kopiert werden. Außerdem hat aber das Mordsvieh uns alle voll Tinte geschmiert, wie wir ihn fangen wollten. Der Buchhalter, welcher einen Nankinganzug trägt, sieht aus wie ein Schachbrett und ich! – da sehen Sie mich an!«

Spickmann sah in der Tat auch sehr stark gemustert aus. Ungefähr wie mit schlechten Tulpen bemalt. Das Höllenvieh im Käfig schien eine teuflische Freude über sein neuestes Werk zu empfinden und fletschte die Zähne höhnisch gegen den Bemalten.

»Nun warten Sie, der soll seinen Lohn kriegen und ein anderer mit«, sprach der Baron, indem er sich ankleidete. »Ich werde ihn gleich nach Leipzig absenden. Sie müssen aber eine Droschke nehmen und sich umziehen, denn in dem Muster können Sie nicht an die Börse gehen, Sie müßten sich denn als Tintenprobe anbieten wollen.«

Spickmann sah das ein und ließ eine Droschke holen, in der er verschwand.

Der Baron schickte den Affen nach Leipzig, mußte aber am nächsten Tag den schrecklichen Ärger mit Kirchhoffs weißem Frack erleben und zog sich gleich darauf nebst dem jungen Spickmann nach Helgoland zurück, wo er seinen Schmerz über den Untergang des Sammetfracks den Wellen klagte und behauptete, die Menschheit sei nicht wert, daß man etwas für sie tue.

Auf der Insel angekommen, begann das Kalb seine Faulenzerei im Sande wieder, während der Baron die Gesellschaft suchte, um seine Ringe an den Fingern glänzen zu lassen, für welche die Sanddüne allerdings kein Platz war. Er schloß sich besonders an ein paar mecklenburgische Barone, die sich sehr freuten, ihn zu finden, da der Adel gerade nur in ihnen und dem Sachsen vertreten war, sonst in die schreckliche Lage kommen konnten, entweder mit der bürgerlichen Gesellschaft umzugehen oder eine Art Doppelrobinson zu spielen. Die schöne Julie übte allerdings eine große Anziehungskraft auf sie aus, der Bremer Millionär war jedoch ihr steter Begleiter und schien sich sehr stark in ihr Netz verwickelt zu haben, so stark, daß Fräulein Julie bereits wieder im stillen Dispositionen über seine Kapitalien für den nächsten Winter zu treffen begann. Ihren früheren Bräutigam behandelte sie mit grenzenloser Geringschätzung. Er schien gar nicht für sie zu existieren.

Das Kalb existierte aber doch für sie und besaß etwas mehr Bosheit, als die Spezies sonst zu haben pflegte. Es lauerte überall und war immer in der Nähe des Bremers, den es mit einem wehmütigen Mitleid zu betrachten anfing, das Fräulein Julie mit stiller Wut erfüllte, da sie sehr wohl den Grund dieser Gemütsbewegung kannte. Spickmann umschlich indes den Bremer immer beunruhigender und versuchte mehrmals, ihn zu Fischpartien zu verleiten, was Julie ihrerseits stets zu verhindern wußte. Das Kalb sprach dann von Apfelbäumen und bedauerte, daß in Helgoland keine Zimmer mit dergleichen vor den Fenstern existierten. Er zuckte mit den Achseln, wenn die Herren von Juliens Schönheit sprachen und kämmte dabei seinen Backenbart auf eine so geheimnisvolle höhnische Art, daß der Bremer dadurch beunruhigt ward und vorsichtige Erkundigungen einzog, wodurch er etwas von dem Verhältnis erfuhr, in dem Spickmann zu Julie gestanden haben sollte.

Er erklärte sich Spickmanns Benehmen als durch den Grimm einer Abweisung hervorgerufen und blieb an Juliens Seite.

So waren einige Wochen in das Meer gesunken und die Augustsonne durchwärmte Luft und Wasser, während der Seewind wieder eine herrliche Kühlung dazwischen legte. Die Nächte boten das unvergleichliche Spiel des Mondlichtes auf den Wellen und die Menschen waren mehr als je geneigt, die Erde schön zu finden und einander Liebe zu schwören, besonders wenn sie, wie die Badegäste, nichts weiter zu tun hatten. In einer solchen Nacht, in welcher der Mond sehr spät aufging, fand eine Grottenbeleuchtung statt, zu welcher sich zufällig noch ein starkes Meerleuchten gesellte, zwei Schauspiele, die niemand vergessen wird, der sie jemals sah.

Julie starrte in das geheimnisvolle Licht und sah darin Diamanten und Silber. Der Bremer war ihr am Tage vor den Wellen wie ein silbergebietender Gnom erschienen. Heute, wo er in der Dunkelheit neben ihr stand, kam es ihr vor, als ließ er seine Schätze zu ihren Füßen ausschütten und sollte jeden Augenblick sagen: »Sie sind dein und ich mit ihnen«, auf welch letzteren Besitz sie jedoch gern zu verzichten bereit war.

Der Bremer sah das Profil des schönen Mädchens im Widerschein des Phosphorlichtes erglänzen und wollte vielleicht etwas ihren Gedanken Entsprechendes zu ihr sagen, als das verzweifelte Kalb neben ihm auftauchte und ihn fragte, ob das Wasserleuchten nicht gerade so aussähe, als ob die Apfelbäume blühten?

Der Bremer war frappiert über den Vergleich, da er Spickmann schon mehrmals von blühenden Bäumen sprechen hörte und zu ahnen begann, daß etwas dahinterstecken möge. Er sah Julie an, die ihr Gesicht nach Spickmann kehrte und einen Augenblick lang den Ausdruck der schrecklichsten Wut darauf zeigte, während ihre Hand, wie die Macbeths, in der Luft nach einer Waffe umhergriff. Das Kalb strich aber seinen Backenbart in aller Seelenruhe und bemerkte ferner nur »äußerst« und »sehr«, wobei es die Diamanten zu Juliens Füßen mit ungemeinem Vergnügen zerrinnen sah.

Eine kleine bewegliche Figur kam jetzt an den hellen Dünungen daher und führte eine Gesellschaft mit sich. Es war der Doktor von Aschen, der zum Aufbruch nach den Klippen mahnte, da der Mond in kurzer Zeit aufgehen und dabei die Grottenbeleuchtung beginnen werde.

Man schiffte sich deshalb wieder ein und ruderte durch das flüssige Feuer nach der Insel zurück, wo sich eine Flotte von Booten vorfand, die nun, um den Mönch steuernd, nach den Höhlen fuhr, in denen die Feuer angezündet werden sollten. Die meisten Boote nahmen ihre Stellung westlich hinter Mörmers Gatt, durch dessen Felsentor man dann Jung Gatt erblickte und zugleich den Mond vor sich hatte, dessen Aufsteigen aus der Flut erst eine helle Stelle und dann einige glänzende Wolken anzeigten, bis er selbst emportauchte und am Horizont einen breiten, matten Silbergürtel über das Meer zog, von dem ab sich eine Säule zitternder Silberflimmer bis zu den Füßen der Klippe ergoß, eine Garbe glänzender Streifen und Punkte, die das Meerleuchten sofort zu einem schwachen Schatten schwinden ließen.

Aber auch dieses Licht ward jetzt selbst zum phantastischen Schein verwandelt, als plötzlich die Teertonnen in der Höhle aufleuchteten und mit ihren intensiven, grellen Flammen die Klippen erhellten. Die an sich schon rote Grundfarbe des Gesteins, welches von weißgelben Streifen durchzogen wird, gibt einer solchen Beleuchtung ganz besonderen Vorschub, indem sie das Licht der Teertonnen glühend wiederstrahlt und den Mondschein wie zartes Silbergewebe erscheinen läßt.

In einigen Booten stand die Champagnerflasche im Eiskübel und das Glas ging in der Runde. Aus einer anderen Gruppe erklang Männergesang durch die wundervolle, laue Nacht, und als die Teertonnen niedergebrannt waren, ging alles vergnügt und höchst befriedigt nach Hause.

Herr Wöstern, der reiche Bremer, brachte Julie bis an ihr Quartier und verabschiedete sich, ihr ein so schönes Ende der Nacht wünschend, wie der Anfang gewesen sei. Dann ging er nach der Treppe, um auf das Oberland zu gelangen. Auf dem Absatz, dort, wo sich die Treppe biegt, fand er Spickmann sitzen und nach der See hinausschauen.

Der Bremer blieb stehen und sah nach der Richtung, in die Spickmann blickte. Er sah ihn ein paarmal fragend an, als erwartete er eine Mitteilung von ihm, da dieser aber schwieg, so fragte er endlich: »Sehen Sie etwas?«

Spickmann nickte mit dem Kopfe.

»Was ist's?« forschte der Bremer.

»Bremer Schiff. Läuft direkt auf Sandbank, wenn Kurs nicht ändert«, antwortete Spickmann, auf die See starrend.

Der Bremer sah ihn stutzend an, blickte dann um sich und sprach: »Ich sehe hier nichts. Kommen Sie mit hinauf nach dem alten Leuchtturm, dort kann man sich ungestörter umblicken. Zeigen Sie mir die Sandbank, das Schiff will ich dann schon finden.«

Beide gingen schweigend hinauf und setzten sich auf die Bank am alten Feuerturm, von wo man über das Meer blickt, das in einem unbeschreiblich geheimnisvollen Dunkel dalag, in dem es bald wie eine große Heide, bald wie Hügelland mit Seen durchbrochen erschien, je nachdem gerade der Mond sein Licht durch die Wolken darauf fallen ließ. Nur unter dem Mond war sein Charakter als Wasser nicht zweifelhaft, weil sich dort eine lange, glänzende Lichtsäule widerspiegelte, die nach der Ferne zu matter und matter wurde und in ihrem Schimmer einige entfernte Schiffe erkennen ließ.

Spickmann jun. mußte dem Bremer in dieser Gegend das erwähnte Schiff und die Sandbank gezeigt haben, denn als sich Fräulein Julie am nächsten Morgen wunderte, daß Herr Wöstern so lange ausblieb und sich dann ängstlich nach ihm erkundigen ließ, erfuhr sie, daß er soeben mit dem Dampfschiff abgereist sei, ohne Zweifel, um das Schiff von der Sandbank abzubringen.


 << zurück weiter >>