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Die Kirche von Suderburg
Die einsamen, ganz von der Welt abgeschnittenen Dörfer der Lüneburger Heide liegen in glücklicher Ruhe wie Oasen in der Wüste. Am Ufer eines braunen Baches, zwischen Gebüsch und Baumgruppen versteckt, entdeckt man sie kaum, weil sie oft keinen oder nur einen sehr kleinen Kirchturm haben.
Dieses war auch mit dem Dorf Suderburg der Fall, das in der Gegend von Ülzen behaglich zwischen Buschwerk an einem Bache lag, in dessen braunem Wasser sich Forellen befanden, Fische, die ein Fremder wohl hier nicht gesucht haben würde. Das Dorf barg aber noch manches, was man in der Heide nicht vermutet und was den Bewohnern die Einsamkeit versüßt. Da gab es vor allem Honig wie Gold und in solcher Menge, daß die Bewohner damit und mit dem ausgepreßten Wachs einen nicht unbedeutenden Handel trieben.
Außerdem verspeisten die Suderburger in ihrer Abgelegenheit den besten Schinken, Schweine- und Kalbsbraten, dergleichen Butter und Käse, geräucherte Würste, Hühner, Gänse und ausgezeichnetes Brot und Kartoffeln. Dazu tranken sie zwar ein Bier, dessen sie sich nicht rühmen konnten; da jedoch zur Zeit unserer Erzählung der Segen des Zollvereins noch nicht über sie gekommen war, so hatten sie billige und vortreffliche Wein- und Rumsorten sowie Tee, Kaffee und sonstige Kolonialwaren als Ersatz, den Kümmel und Genever noch vervollständigten.
Da sie viel Zeit hatten und sich nicht um die Außenwelt kümmerten, so beschäftigten sie sich um so mehr mit diesen nahe liegenden Sachen und erfreuten sich dabei eines behäbigen, gesunden Daseins und soliden, kräftigen Aussehens. Obgleich der Ort sehr klein war, ein Kirchturm befand sich dennoch darin, wenn auch von etwas sonderbarem Aussehen und mit dem eigentümlichen Umstand verbunden, daß er einige hundert Jahre früher dastand als das Dorf. Man erkannte auf den ersten Blick, daß das Kirchturmgeschäft nicht seine ursprüngliche Bestimmung gewesen. Seine runde Form, die dicken Mauern mit starken Strebepfeilern, die kleinen Fensterlöcher, alles dies gab ihm ein trotziges Aussehen und zeigte dem Kundigen sogleich an, daß er eines jener Nester vor sich habe, wie sie die Schnapphähne des fünfzehnten Jahrhunderts gern erbauten. Die Sage ließ auch hier früher einen solchen Herrn wohnen, der vom Stegreif lebte. Jetzt hatte man dem Kastell des verschollenen Herrn ein Dach aufgesetzt, einige kleine Glocken hineingehängt und eine viereckige Kirche in holländischem Stil daran gebaut, deren Fenster in dem Maße zu groß waren, wie die des Turmes zu klein.
Auf dem Platz vor diesem Turm standen die Männer des Dorfes versammelt und sahen wartend nach dem Hause des Vogtes. Sie befanden sich alle im reisefertigen Zustande und besprachen zwei wichtige Ereignisse. Erstens war Pferdemarkt in Ülzen und zweitens stand der Vogt im Begriff, eine ungeheure, tollkühne Reise zu unternehmen, wie sie seit Menschengedenken kein Einwohner von Suderburg gewagt. Er wollte nach Hamburg, um zwei Brüder aufzusuchen, die vor undenklichen Zeiten als junge Burschen dorthin wanderten und ihr Schäfchen ins trockene gebracht haben sollten: der jüngere und wirkliche Bruder als Weinwirt und der ältere Stiefbruder gar noch höher, als Bürgermeister, Minister oder so etwas. Das Gerücht hierüber war unklar, und Peter Laarsen, der Vogt, faßte den Entschluß, die Sache an Ort und Stelle zu ergründen. Jetzt saß er in seinem Haus und machte sich reisefertig, d. h. er versorgte seinen Magen mit allen möglichen Dingen, die auf dem massiven, weißgescheuerten Holztisch standen, für alle möglichen Fälle.
Der Vogt Peter Laarsen stieß endlich einen tiefen Seufzer aus, weil es ihm unmöglich war, den Tisch in seinen Magen abzuräumen. Dann stand er auf, nahm den Quersack, in welchen er zwei große Schachteln voll Honig steckte und machte nochmals einen Rundgang durch das Hauswesen. Es verstand sich von selbst, daß die Pfeife in Brand gesetzt wurde, ehe der Vogt das Haus verließ, um zu den Männern zu gehen und dann mit ihnen fürbaß zu wandern. Sie gingen aus der Suderburger Oase in die wüste Heide hinein, wohin die Frauen den Abziehenden noch lange mit den Augen folgten, bis jene zwischen den Hügeln verschwanden.
Die kleine Karawane rückte stetig vorwärts und freute sich des schönen Herbsttages. Die Sonne lag auf der Heide und zog einen leichten Dunst daraus empor, in dem die entfernten Gegenstände zitterten. Kleine Büsche und Stauden schienen ihren Platz zu wechseln und sahen am fernen Horizont viel größer aus, als sie waren. Man glaubte öfter Tiere und Menschen zu erblicken, so daß selbst der kundige Heidebewohner die Gegenstände einige Sekunden lang scharf ins Auge fassen mußte, um sich über sie Gewißheit zu verschaffen.
Endlich erblickte man jedoch wirklich lebende Wesen am Horizont. Erst tauchten sie einzeln auf, dann kamen sie von allen Seiten zu Fuß und zu Pferd in der unermeßlichen Heide daher und zogen alle nach einem Punkt hin. Nach einem Kirchturm, der im zitternden Nebelschleier hin und her zu spazieren versuchte, aber endlich das leichtsinnige Gebaren ließ und seine würdige Stellung festhielt, als die Wanderer näher kamen. Es war der Turm von Ülzen, wo die Heidebauern den Pferdemarkt schon im besten Gange fanden, als sie ankamen.
Nachdem die Suderburger einige Zeit gegessen, getrunken und gehandelt, trennte sich der Vogt von ihnen und ging nach Ülzen hinein, wo er ein altes Haus mit spitzem, vielfach verziertem Giebel aufsuchte, das vielleicht schon den Till Eulenspiegel gesehen haben mochte, als er einst den Jahrmarkt in Ülzen besuchte und dort einen Bauer mit Hilfe eines losen Gesellen und eines Pfaffen um ein grünes Londoner Tuch betrog, indem er ihm weismachte, es sei blau, denn »Gesottenes und Gebratenes wollt Uhlenspiegel allzeit gern essen, darumb so müst er sehen, wo er das nehme«, sagt Dr. Thomas Murner in seiner Straßburger Ausgabe von 1519. – In dem alten Hause summte es von Gästen wie in einem Bienenstock, und der Vogt trank dort Kaffee, bis Laarsens Handelsfreund Meier vorfuhr und sie dann zur Stadt hinaustrabten, um nach Lüneburg zu gelangen, wo Laarsen bei seinem Handelsfreunde blieb, der es sich nicht nehmen ließ, ihn am andern Tage nach Harburg zu kutschieren.
Peter Laarsen konnte kaum schlafen, da er sich so nahe bei Hamburg und seinen Brüdern wußte. Er dachte sich die schlanken Jungen und war neugierig, wie sie aussehen und wie ihre Familien ihn, den Onkel, aufnehmen würden. Mit Tagesgrauen stand er am Köhlbrand, dem Elbarm, der bei Harburg vorbeifließt und blickte verwundert nach den kleinen Seeschiffen, die hier vor Anker lagen. Er sah sie zum erstenmal in seinem Leben und staunte über die Verschwendung von Tauen und über die Matrosen, die hoch oben ein Segel festbanden. Dann wandte sich seine Aufmerksamkeit einer kleinen Ewerflotte mit roten Segeln zu, in die man unablässig gefüllte Milcheimer trug und nebeneinander aufstellte. Er vermutete ganz richtig, daß man diese Milch nach Hamburg bringen wollte und fragte an, ob man geneigt sei, ihn für Geld und gute Worte mit hinüberzunehmen. Als ihm dies freundlichst gewährt wurde und er in einem Ewer Platz genommen, fragte er einige Milchleute, ob ihnen in Hamburg ein gewisser Laarsen bekannt sei, der einen Weinhandel führe.
Welche Frage den Milchleuten gegenüber, die eher von Napoleon nichts gewußt hätten, als von Jan Laarsen an den Kajen! Sobald bekannt wurde, daß der Wanderer ein Bruder des Kellerwirtes war, der ihn besuchen wolle, stieg das Interesse und man lud ihn sogleich in einen Ewer um, der direkt bei Laarsen anlegte. Die Bemannung des Fahrzeuges betrachtete den Passagier wie einen kostbaren Schatz, der ihrem Grogfürsten im besten Zustande überbracht werden mußte.
Laarsen traf es glücklich, denn der Wind stand gut und der Ewer, in dem er saß, lief lustig zwischen den Ufern des Köhlbrandes hin, auf dem es von kleinen Fahrzeugen wimmelte, während behäbige Häuser auf dem Deich lagen, bei denen Vieh umherlief. Der Reisende betrachtete die lebendige Umgebung mit Interesse. Wie erstaunte er aber, als man aus dem Köhlbrand in die große Elbe einsegelte und sich das ganze Panorama von Altona und Hamburg vor seinen Blicken ausbreitete.
Der Ewer legte sich an die Kajen, und Laarsen stieg mit jener beklommenen Neugier an das Land, die wir fühlen, wenn wir einen Verwandten oder einen Freund aufsuchen, der seit unserer Kindheit fern von uns lebte, oder wenn wir nach einem Vierteljahrhundert in unsere Vaterstadt zurückkehren, wo wir weder Verwandte noch Freunde finden und fremd durch die Straßen wandern, in denen wir unsere Kindheit verlebten.
Jan Laarsen saß wie immer bei gutem Wetter auf der Brüstung seiner Kellertreppe und rauchte die holländische Pfeife. Er sah augenblicklich, daß der Ankömmling kein Milchmann, sondern ein Landsmann aus der Heide sei und starrte ihn regungslos an. Er erkannte ihn so wenig, wie dieser ihn, denn der Bauer blieb mit seinem Quersack und weit geöffnetem Mund mitten auf der Straße stehen, blickte verwundert und ungläubig auf Jan und fragte endlich lachend: »Un dat is würklich Jan Laarsen ut Suderburg?«
»Suderburg!« – Das Wort klang wie ein leiser Akkord in die Ohren des Kellerwirtes. Er hatte es lange nicht gehört und nicht daran gedacht, und jetzt stand der runde, trotzige Turm mit der viereckigen Kirche daran und dem Vaterhaus daneben vor seinen Augen. Und der da mit dem Quersack heraufgestiegen war und vor ihm stand – war das nicht sein Vater, wie er ihm vor dreißig Jahren das Geleit nach Ülzen zum Jahrmarkt gab? Gerade zur selben Herbstzeit?
Jan Laarsen saß sprachlos und sah rings im Kreis der Milchleute umher, die neugierig um beide standen. Er zeigte mit der Pfeife fragend auf den Mann, und als der Chor das Wort Bruder aussprach, ließ er die Pfeife fallen, daß sie in vier Stücken die Kellertreppe hinabkollerte und öffnete die Arme weit, um den unerkannten Bruder hineinzuschließen, während ein paar große Tränen aus seinen Augen über die weiße Schürze rannen.
»Bist du der lüttje Peter, der so groß war?« sprach er, mit der Hand an Peters Hüfte zeigend. »Wahrhaftig, ich dachte, es wäre unser Vater, wie ich dich sah.«
»Nee, Jan! Jan!« entgegnete Peter lachend. »Was warst du für 'ne Stange, als ich dich damals fortgehen sah, und was bist du jetzt für 'ne Tonne geworden! Er ist aber immer noch der alte Spaßvogel. Er hält mich für meinen Vater«, wandte er sich lachend an die Milchleute.
Jan war aber aufgesprungen und packte Peter beim Arm. »Runter, Junge! Runter alle Jungens!« rief er und schleppte seinen Bruder die Kellertreppe hinab, um ihn seiner Frau zu zeigen und ihm Quartier zu machen, während die Milchleute nachtrampelten, um einen guten Schluck zu nehmen und dann die Milch auszutragen.
Peter war indes feierlich installiert und die Brüder saßen bei der besten Flasche Wein, die der Keller barg, wozu Peter ungeahnte Leckerbissen kostete und erzählte, was es aus der Heide zu erzählen gab. Das war nun freilich nicht viel, denn dort rann das Leben im stillen, gleichmäßigen Strom wie der braune Bach und blieb sich durch Jahrhunderte gleich. Anders war dies bei Jan, der von Kämpfen und Mühen, von Gewinn und Verlust zu berichten, aber nun sein Schäfchen im trocknen hatte.
»Und was macht unser Stiefbruder?« fragte Peter endlich, nachdem die eigenen Angelegenheiten ziemlich erschöpft waren. »Hee sall jo woll gor Bürgermeister oder so wat worrn sin?«
»Senater!« erklärte Jan. »Ja! ja! Hee harr ümmer banniges Glück. Senator is Eiskuhl worrn!«
»Blixen noch mal! Wie hat er denn das angefangen?« schrie Peter verwundert. »Senator? Das ist ja wohl so viel wie Minister oder so was.«
»Oh, das ist noch viel mehr! Unter Umständen. Na, Eiskuhl war immer so pfiffig, zuerst am Platze zu sein und zuzugreifen. Dann hat er Glück – Glück as de Swinegel vun Buxtehude, un so is hee Senater worrn.«
»Dann besucht er dich wohl oft und trinkt seinen Wein bei dir? Denn ein gutes Glas führst du, das muß ich sagen«, sprach Peter mit Anerkennung.
»Nee«, entgegnete Jan kopfschüttelnd. »Ich habe ihn seit zwei Jahren nicht gesehen.«
»I was?« rief Peter verwundert, »seid ihr euch böse?«
»Nicht im geringsten«, sprach Jan kopfschüttelnd. »Aber unsere Geschäfte sind zu verschieden. Er is Millionär un Senator, un ich bin man 'n Kellerwirt.«
Peter schüttelte ebenfalls mit dem Kopf. Er verstand das nicht und bemerkte, er möchte Eiskuhl noch heute besuchen.
Jan schmunzelte und sprach: »Gut, geh zu ihm und erzähle mir dann, wie du ihn gefunden hast und wie dir seine Frau gefällt. Gestern war der alte Jost bei mir und bestellte Portwein, den ich für Eiskuhl liefere. Er erzählte mir, daß die Senatorin letzthin ein Quartier am Neuen Jungfernstieg bezogen hat und gerade heute abend einen Einzugsschmaus oder so was gibt. Da geh hin, Peter, und erzähle mir dann, wie dich die Schwägerin aufnahm.«
Hier lachte Jan Laarsen pfiffig und nickte seinem Bruder zu. Dieser wollte sich eben nähere Aufklärung über den älteren Stiefbruder geben lassen, als seine Schwägerin meldete, daß aufgetragen sei und man zum Essen kommen solle.
Der Heidebewohner wurde deshalb wieder an die Oberfläche der Erde und dann in den ersten Stock geführt, wo die Privatwohnung des Kellerwirtes war und wo man speiste. Hierauf machte er sich »fein«, d. h. er ließ den langen Rock auskehren, der für Spickmann jun. ein würdiges Seitenstück zu dem Freimaurerhut bildete; dann wurde aus dem Quersack von der Seite für den äußeren Menschen eine Weste hervorgeholt, von der sich Peter ungeheure Erfolge versprach. Obwohl ein weniges kürzer, als eigentlich für die Hosenträger wünschenswert, war sie auf eine Art mit dunklen Querstreifen versehen, die sehr an ein österreichisches Schilderhaus oder an einen Grenzverschlag erinnerten, weil Gelb mit Schwarz wechselte, was durch den blauen Rock ungemein gehoben wurde.
Als Peter dieses Garderobenstück hervorholte, schlug er sich vor die Stirn, denn er erinnerte sich, etwas total vergessen zu haben. Er zog deshalb aus der Abteilung für den inneren Menschen zwei neue Schachteln hervor, von denen er eine seiner Schwägerin überreichte. Etwas von zu Haus, wie er bemerkte. Die Schachtel war mit ausgesucht schönem Honig gefüllt, gelb und durchsichtig wie Bernstein, ohne eine schwarze Zelle. Die andere Schachtel war für den Stiefbruder bestimmt.
Jan hatte indes seine weiße Schürze abgebunden, ein Umstand, dessen sich niemand seit zehn Jahren erinnern konnte. Er trug zu Ehren Peters einen schwarzen Rock und wollte diesem die Stadt zeigen. Vor allen Dingen führte er ihn deshalb nach dem Jungfernstieg, was ziemlich lange dauerte, denn Peter war nicht von dem Glockenspiel des Petriturms wegzubringen, das gerade beim Vorbeigehen zu hämmern begann. Er hielt es für ein unbegreifliches Wunderwerk und wollte durchaus die Wiederholung des Konzertes abwarten. Jan zeigte ihm Eiskuhls altes Haus, wo man erfuhr, daß der Senator nicht gegenwärtig und Madame Eiskuhl im neuen Quartier am Jungfernstieg sei.
Hier angekommen, staunte Peter die Hotels an, ging vor Salomon Heines Haus aus Respekt vor den Millionen desselben fast aus dem Leim und hielt dann, das Alsterbassin betrachtend, dieses für einen Feensee. Er wollte die Senatorin mit aller Gewalt besuchen; da man jedoch Blumen und Pflanzen vor dem Hause ablud und hinauftrug, so brachte es Jan dahin, daß er erst zum Abend seinen Besuch machen sollte. Jan, der Schalk, versprach sich viel Spaß von Peters Weste und ihrer Wirkung auf die Schwägerin.
Nun wurde Peter über die Steinwege zum Millerntor hinaus nach dem Spielbudenplatz geführt und ihm nebst dem Kasperle auch das Elysiumtheater gezeigt.
*
Jan Laarsen ging systematisch zu Werke, indem er seinen Bruder mit den Kunstgenüssen bekannt machte, die diesem in seiner Heide gänzlich fremd geblieben waren. Er führte ihn von Stufe zu Stufe, erst Kasperle-, dann Elysium-, hierauf St. Pauli-, St. Georgs- und zuletzt Stadttheater. Das war sein Plan. Heute führte er ihn nur noch über »den Berg«, um ihm das Matrosenleben zu zeigen, denn es war Zeit umzukehren. Die Torsperre, dieses Schreckgespenst der damaligen Hamburger, war nicht fern, außerdem war es an der Zeit, den Besuch bei Eiskuhl zu machen.
Man nahm also beim Hafentor ein Boot und ließ sich durch den Hafen nach den Kajen zurückrudern, wo Peter die Honigschachtel unter den Arm steckte und damit nach dem Neuen Jungfernstieg ging. Er fand das Haus des Senators leicht wieder und stieg eine hellerleuchtete, mit Blumen geschmückte Treppe hinauf, denn es war indes Abend geworden.
Die Ausstattung der Salons am Neuen Jungfernstieg war in aller Stille und mit aller Pracht beendet, worauf Madame Eiskuhl ihren Gemahl mit dem fait accompli überraschte und dieser davon so verblüfft wurde, daß er sich staunend in die neuen Räume führen ließ und mit einer grimmigen Resignation in einen neumodischen Lehnsessel warf, als ihm die Senatorin mitteilte, daß die Empfangsfeierlichkeiten sofort beginnen würden und die Gäste in seinem Namen eingeladen wären.
Sein Grimm war besonders durch Henri hervorgerufen, der in schwarzer Balltracht mit weißen Glacés und frisiertem Haar zwischen einer Palmengruppe in dem zum Wintergarten verwandelten Entree saß, um die Gäste zu empfangen und mit farbigen Karten zu versehen, nach denen sie ihre Tischplätze in den verschiedenen Zimmern erhielten. Die Senatorin hatte aus Henri ein Ding gemacht, das zwischen Sekretär, Kammerdiener und Portier schwankte und diesem Herrn nicht zusagte. Er wäre lieber der Wirt selbst gewesen. Die Senatorin tröstete ihn jedoch damit, daß er von nun an ihr Sekretär sei und nicht mehr bei Tisch aufwarten solle. Beim heutigen Fest mache er gewissermaßen an Stelle des Senators die Honneurs.
Bernhart, der den ganzen Tag mit Anordnen beschäftigt war, wollte fortschleichen, weil er ermüdet und sich verstimmt fühlte. Die Töchter Eiskuhls befanden sich nun in der Stadt und draußen war es recht einsam. Er trat deshalb in die Garderobe, um seinen Hut und Überrock zu holen. Als er durch den Wintergarten ging, verlor Henri eben ein paar Karten und kauerte sich hinter die Palmen und Blattpflanzen, um sie aufzusuchen. Da in diesem Augenblick Selma und Emma erschienen, so blieb er hinten sitzen, weil er sie nicht erschrecken wollte.
Die Mädchen sahen nach der Garderobe hin, die ein zeltartig gestreifter Vorhang schloß, der sich am Ende eines Laubenganges zeigte. Der Boden zwischen den Pflanzenkasten war mit einem dicken Teppich belegt, auf dem es sich ging wie auf einem waldigen Moosgrund. Das Zimmer, das ein Glasdach hatte, erhielt abends sein Licht durch eine große Ampel von mattgeschliffenem weißem Glas, in der eine Lampe mit drei Flammen brannte. Diese Ampel hing über den Wipfeln der tropischen Pflanzen und Palmen, wodurch eine phantastische Beleuchtung erzielt wurde, die an den Mond erinnerte, da die Ampel über den Zweigen diesem gleichsah. Der Eingang zu den Salons war durch eine seidene, orangefarbene Gardine mit roten Streifen geschlossen, die durch das reiche Licht von innen transparent erschien und einen höchst angenehmen Farbenkontrast bildete.
Die beiden Mädchen waren leise wie ein paar Nymphen erschienen, während Henri wie ein lauschender Faun hinter den Palmen kauerte.
»Ich habe gesehen, daß er hier heraus ist. Pass' auf, er hat Lust, sich fortzuschleichen und wird draußen allein sitzen, während wir uns hier langweilen. Wir wollen ihm den Weg verlegen«, sprach Selma zu ihrer Schwester.
»Laß ihn doch gehen,« meinte diese, »er befindet sich unter den Geldsäcken nicht wohl. Laß ihn doch! Doktor Schnepfe ist ja auch nicht da!«
»Oh, du böse Schwester! Also weil du nicht hier siehst, was du gern sehen möchtest, brauche ich auch nichts zu sehen?« flüsterte Selma vorwurfsvoll.
»Ich gern sehen möchte?« lachte Emma. »Oh, ich kümmere mich wohl was um den Doktor?«
»Gott bewahre! Du kümmerst dich gar nichts darum. Hast bloß den ganzen Vormittag geweint, weil er nicht auf der Liste stand und du seine Einladung nicht bewerkstelligen konntest«, bemerkte Selma lachend.
»Dummes Zeug, Selma«, sprach Emma ängstlich. »Übrigens schrei nicht so! Der lateinische Pomadenbengel, wie ihn der Doktor nennt, könnte kommen und uns hören. Der Kerl wäre imstande, der Mama etwas zu sagen, was dem armen Doktor das Kommen noch mehr erschwerte.«
Der lauschende Henri, der etwas in die Höhe gerückt war, tauchte schnell wieder unter und biß grimmig die Zähne zusammen, da gerade Bernhart erschien, den die Mädchen sofort von zwei Seiten packten, den Hut wegnahmen, samt dem Rock auf eine Ruhebank warfen und ihn dann nach der Salontür zogen, durch die sie verschwanden.
Henri kam jetzt mit einem leisen Fluch hinter den Palmen vor und setzte sich an seinen Tisch. Er lächelte grimmig und nickte mehrmals mit dem Kopfe nach der Salontür.
»So, ihr Gänschen«, murmelte er dann. »Ich will euch euren Doktor wohl versalzen und der lateinische Pomadenbengel soll doch über den lateinischen Pflasterschmierer kommen. Oh, wartet nur. Ein Weilchen Geduld. Henri geht langsam, aber sicher!«
Er drohte mit der Faust nach den Salons, besann sich aber gleich darauf, daß man in Glacéhandschuhen nicht gut eine Faust machen könne, weil es nicht passe und sie dabei leicht platzen. Er machte also die Faust in Gedanken und nahm seine gelehrte Miene an, weil er die Leute kommen hörte.
Da kamen sie dann, die Aristokraten der freien Republik, die Marks, die Morgendämmers, die Schröpfers und Zwickers, die Spickmanns und so herunter bis zum Proletariat von nur zweihunderttausend, bis zu den Hanf- und Eisenmölckes. Nur die wirklich Intelligenten und die ganz Schweren von dem Dreißigfachen wie Heine und dergleichen fehlten, was ein bitterer Tropfen in dem Kelch der Senatorin war. Dagegen kam mit Brausen und lautem Gelächter Kirchhoff an und brachte Leben in den Palmenwald und die Salons.
Und Herr Henri empfing sie wie ein Hofmarschall und gab jedem die schon bestimmte Karte und öffnete die Gardine, indem er der Gebieterin mitteilte, wer erscheine.
In einer Ecke thronte die Senatorin und empfing gnädig die Gäste, die sich dann in die übrigen Salons verbreiteten, woraus man bald den Klang des Flügels hörte und wo in kurzer Zeit vier Pagoden um je einen Tisch saßen und je dreizehn Karten in der Hand hielten, in denen sie lautlos herumsuchten, um, wenn sie ausgespielt waren, vier Geldstücke bald neben- bald übereinander zu rücken, wobei sie mit ihrem Visavis zornige Vorwürfe wechselten.
So vertrieb man sich die Zeit bis zum Souper. Die Senatorin schwamm in Wonne, und da die Gäste vollzählig waren, so erwartete sie Henri, ihn um die Zurichtung der Speisetische zu bitten, für die Gäste mit blauen Karten (unter einer Million) im blauen Zimmer, für die grünen im grünen Salon und so weiter nach Farben und Millionenzahl.
Herr Henri war aber indes draußen beschäftigt, den Heidebewohner zu examinieren und hörte staunend, daß diese Figur der Bruder des Senators war und ihn zu besuchen kam. Er traute lange seinen Augen nicht. Die Weste Peters hatte ihn förmlich niedergeschmettert, und er berechnete mit innerlichem Jauchzen die Wirkung dieser verwandtschaftlichen Weste, wenn sie im hellen Salon erscheinen würde. Das war etwas für den Senator, gerade heute.
Peter glaubte im Anfange einen Sohn des Senators und Neffen von sich zu sehen und war sehr erstaunt, einen lebendigen Sekretär zu finden. Er dachte, diese seien stets von Holz. Er bat, ihn zum Bruder zu führen.
Henri hätte vor Lust krähen mögen wie ein Hahn, der den ersten Maikäfer findet. Er hob die Gardine auf und ließ Peter eintreten, der vor der Pracht und dem Lichtmeer zurückprallte und am Eingang stehenblieb, weil ihm die Figur Spickmanns jun. Schreck und Erstaunen einjagte, da ihn dieser wie ein Basilisk anstarrte.
Die Weste Peters machte einen überwältigenden Eindruck auf Spickmann. Sie kam in dieser Sphäre so unerwartet über ihn, daß er einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken konnte, wodurch sich alle Augen auf Peter richteten.
Die Senatorin sah indigniert, der Senator zornig nach der Tür.
Da schob Henri Peter vollends herein, ließ die Gardine hinter ihm fallen, trat mit einem wehmütigen Blick auf die Senatorin und einem milden auf den Senator vor und verkündete mit lauter Stimme:
»Der Herr Bruder des Herrn Senators, eben erst angekommen – aus – aus –«
»Suderburg!« ergänzte Peter und suchte den Bruder unter den Anwesenden zu entdecken, was ihm aber nicht möglich war, da Eiskuhl vor vielen Jahren schlank fortgegangen und nun kugelrund dasaß, mit offenem Mund die Erscheinung anstarrend, wie sie alles ringsum anstarrte.
Vom Thron der Senatorin erklang aber ein lauter Schreckensruf bei der Anmeldung dieser Figur als Schwager. Das war also ein Mitglied der Familie, auf die der Senator stets hingewiesen, die er immer im Munde geführt?
Wie dieser Bruder dastand, mit der entsetzlichen Weste und der Schachtel unter dem Arm, wie er sich verblüfft umsah und den Blick immer wieder auf Spickmann jun. wendete, der ihn wie eine Klapperschlange fixierte. Die Senatorin sah alles wanken und wirbeln. Sie sah, wie Henri höhnisch auf den Senator blickte, und die Sinne vergingen ihr. Sie fiel wirklich in Ohnmacht.
Der arme Peter hatte seinem Stiefbruder, dem Senator Eiskuhl, eine schöne Suppe eingebrockt. Dieser nahm ihn, halb zornig, halb gerührt vom Wiedersehen, unter den Arm und führte ihn aus der Gesellschaft, die um Madame Eiskuhl beschäftigt war, in ein Zimmer, wo er ihn erst bewillkommnete und die Töchter rufen ließ, die ihn als Onkel herzlich empfingen. Dies tat dem armen Teufel wohl, denn er merkte nur zu gut, daß er wie eine Bombe in die Verwandtschaft geflogen war. Er wäre am liebsten wieder umgekehrt und sagte dies auch dem Senator, da er nicht als armer Verwandter gekommen sei. Dabei hielt er immer noch seine Schachtel unter dem Arm, bis ihn Selma fragte, ob er ihnen vielleicht Spielzeug mitgebracht habe.
Peter hielt ihr die Schachtel hin, die sie öffnete. »Honig, Papa!« rief sie freudig und gab ihm die Schachtel. Nun war Honig nebst gelbe Rüben ein Ding, das Eiskuhl über alles ging. Dazu war der Honig aus den Bienenstöcken seiner Heimat, und sein Herz wurde dadurch erweicht. Er drückte dem Bruder die Hand und gab Befehl, daß man ihm einen Platz neben sich für das Souper einräume. Er wollte seiner Frau zeigen, daß er seinen Bruder anerkenne.
Wenn nur die fürchterliche Weste nicht gewesen wäre, die selbst die beiden Mädchen laut lachen machte und später eine so magnetische Anziehungskraft auf Spickmann jun. ausübte, daß er sie alle zehn Minuten mit einem Gesichtsausdruck betrachtete, als sähe er einer Hinrichtung, einem Schiffbruch oder sonst einem grausigen Naturereignis zu.