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Stylkens Elbfahrt auf der Schubkarre
Die Wolke, die am erwähnten Nachmittag von Westen über das Watt heraufstieg, war nur der Vorposten einer großen Wolkenschar, die das Gefolge der Herbststürme bilden, wenn diese an unseren Küsten einziehen. Die graue feuchte Schar zog heran und rückte über die Ufer der See in das Land hinein. Sie ritt auf dem Sturm, der sie mitbrachte, und Massen um Massen rückten nacheinander an, scheinbar aus dem Meer steigend, als wäre dort ein ungeheurer Kessel, wo Regen für die Länder gebraut wurde, über die die Wolken dahineilten. Der Sturm brauste daher und trug die dunklen Gestalten am Himmel hin, endlos drängend, vorbei ohne Rast, immer nach Osten, als gälte es, dort die Sonne auszulöschen, die schon von ihnen verschlungen war und sich nicht mehr durchkämpfen konnte, so oft sie es auch versuchte.
Auch über das sonnige Gestade von Neumühlen war der Herbst gekommen. Die sonst silberhelle Wasserfläche war von dem Reflex der Wolken verdunkelt und zeigte eine braune Farbe, auf der weiße Wellenkämme gegen das Ufer rollten. Das Schilf bog sich vor dem Wind und drehte alle seine Blätter wie ebenso viele Wetterfahnen nach der Leeseite. Auch die Weiden fügten sich dem Luftdruck und zeigten mit den Blättern stromaufwärts.
Die Schiffe kamen mit vollen Segeln herauf und zogen in eiligem Lauf vorbei, um den Hafen zu gewinnen. Auch der kleine Dampfer, mit dem Kapitän Grabert auf dem Radkasten, kam von unten, wo er ein Tänzchen mit den Wellen gehabt, ehe er in ruhiges Wasser gelangte. Bei Neumühlen angekommen, stoppte der Dampfer eine Minute lang, und der Kapitän rief einen Lotsen, den er fragte, ob Herr Kühnmann da sei. Zufällig war dieser eben aus der Stadt gekommen und ging, neugierig zu sehen, was der Dampfer hätte, an den Strand hinab.
»Ahoi! Herr Kühnmann!« schrie der Kapitän vom Radkasten. »Die beiden jungen Leute, die gestern mit mir hinunter sind, gehören wohl zu Ihnen?«
»Ja! Was ist damit?« fragte Kühnmann.
»Nun, es ist schlimm! Der Blonde ist in die Watten und wahrscheinlich verlorengegangen. Der Strandvogt von Duhnen – hier ist er – hat's erzählt!«
»Ja, mein lieber Herr!« rief dieser vom Schiff hinüber. »Der große Schwarze kam gestern abend allein zu mir und sucht heute seinen Kameraden in den Watten. Ich fürchte, er wird ihn nicht finden.«
»Tut mir leid, Herr Kühnmann«, sagte der Kapitän. »Vorwärts!« rief er in die Maschine hinab und hob grüßend den Hut, indem der Dampfer wieder stromauf ging und bald verschwand.
Kühnmann schlug die Hände über dem Kopf zusammen und lief in den Garten hinauf, wo er etwa sechsmal um den Rasenplatz rannte und das Geschlecht der wilden Enten verfluchte. Plötzlich blieb er stehen und rief: »Da habt ihr's nun! Da habt ihr's!«
Die Familie war wie aus den Wolken gefallen und wußte nicht, was sie von ihrem Oberhaupt denken sollte. Kühnmann sah sie ein Weilchen stumm an und fuhr dann plötzlich wieder mit der Frage heraus: »Habe ich's nicht gleich gesagt?«
»Was denn aber?« rief es im Chor.
»Nun, Gott im Himmel, die wilden Enten hätten die verdammten Jungen kaufen können! Jetzt habt ihr's! Förster ist in den Watten verlorengegangen!«
Der überraschten Familie entfuhr ein allgemeiner Schrei des Schreckens. Aber daraus klang ein einzelner scharfer Schmerzenslaut hervor, der alles übertönte und von Fräulein Lina kam, die ohnmächtig zusammenbrach.
Mutter und Schwestern sprangen erschreckt zu dem Mädchen und beschäftigten sich mit ihm, während Kühnmann mit seinem verzweifelten »Da habt ihr's!« fortfuhr.
Die Tochter Kühnmanns rang indes die Hände und ließ verzweifelte Klagen über den Verunglückten hören, der ihrem Herzen näher gestanden, als man bisher geahnt. Die Mutter suchte sie liebevoll zu trösten, und Vater Kühnmann stand etwas verblüfft dabei, als er nach und nach herausbekam, daß ihm nicht nur ein naher Bekannter, sondern sogar ein künftiger Schwiegersohn verlorengegangen sei.
Die Entdeckung dieses Umstandes ließ ihn die Sache von einem ganz neuen Gesichtspunkte betrachten. »Das hätte ich ahnen sollen!« rief er plötzlich. »Beim Himmel, davon hätte ich nur das geringste merken sollen! Ich würde ihm die Jagd in den Watten vertrieben haben! Ha, es ist eine wahre Schwindelei von dem Mann! Er hat mich um einen guten Schwiegersohn beschwindelt – mich mit seiner Entenjagd auf eine schändliche Art darum gebracht! Der Mann hatte gar kein Recht, auf die Jagd zu gehen. Kein junger Mann, der einem Mädchen den Kopf verdreht, hat das Recht, auf die Jagd zu gehen oder sich sonst in gefährliche Geschichten einzulassen! Durchaus nicht!«
War der Sturm einmal bei der Stadt angekommen, so hatte er nicht viel Zeit mehr, sich um die Wellen zu kümmern. Es gab hundert andere Gegenstände, mit denen er anbinden mußte. Zuvörderst fiel er über das Heer der alten Schornsteine her, das sich ihm hier entgegenstellte, wie eine ungeheure Dornenhecke einem eiligen Wanderer. Da standen sie wie grimmige geschwärzte Ritterburgen mit eisernen Köpfen und scharf knarrenden Wetterfahnen, an denen sich der Wind pfeifend schnitt.
Ein besonders guter Tummelplatz für den Sturm waren die Gänge zur Nachtzeit, wo er den wenigen Laternen das Leben sauer machen konnte; wo er an ihnen herumrüttelte und blies und sie so ängstigte, daß sie hundertmal daran waren, ihren matten Geist aufzugeben, und bis auf ein winziges blaues Flämmchen herabgebracht, nur mühsam wieder zum Leben kamen.
Auf diese Weise siechten im Trampgang einige unglückliche Leuchtwesen hin und zeigten kaum ihre eigenen Körper, viel weniger die Umgebung und die Straße. Hatte auch eine solche Laterne, neben der Tür eines kleinen Hauses, wirklich die Absicht, die Tür zu beleuchten, so wurde ihr guter Wille doch zunichte gemacht, als sich diese öffnete, um einen Mann herauszulassen. Da der Sturm schon lange im Hofe des Hauses lauerte, um durch ein offenes Fenster in den Hausflur zu brechen, so benutzte er diese Gelegenheit und stürzte nach der Tür, die er so gewaltsam und plötzlich zuschlug, daß der Mann wie von einer Wurfmaschine über die Straße geschleudert wurde, wobei sein Hut in den Wildbach flog und fortschwamm. Er rannte fluchend nach, während die Laterne eine halbe Minute lang zwischen Tod und Leben schwankte und sich nur mühsam wieder erholte.
Der Mann und sein Hut wurden sehr schnell vom Wind vorwärts gejagt, weshalb der Hut erst kurz vor einer Ecke erwischt und festgehalten ward. Indem nun der Mann schimpfend im Wildbach fortstolperte und den Hut abschüttelte, bog er um die Straßenecke und geriet in einen tollen Wirbel, da der Sturm hier mit aller Macht gerade gegen die vorige Richtung anblies und einen kleinen Wasserfall von den Dächern mitbrachte. Der nächtliche Wanderer drehte sich einige Male um seine Achse, bis er zur Besinnung kam, wonach seine Haare gerade in die Höhe und er schnaufend stillstand, um den Kampf gegen den Wind mit neuen Kräften zu beginnen.
»Verwünscht wären diese Hunde!« knurrte er grimmig. »Bin da schön angekommen, wahrhaftig. Dachte die zu machen und kann's doch wahrlich. Aber ver– –«
Der Sturm packte ihn hier wieder und drückte ihn gegen eine Dachrinne, so stark kam er daher. Nach einem Weilchen bohrte sich Herr Trick wieder vorwärts in den Wind und fuhr fort:
»Dieser alte Wolf ist der größte Halunke, den ich kenne. Außer – hm – hm. Wer sollte diesem Gerippe die Gewandtheit zutrauen? Und ein Glück hat der Kerl bei allen Unternehmungen. Merkwürdig, daß solche Halunken das meiste Glück haben. Doch wart' nur, mein Junge, ich will dich doch noch kriegen. Es ist elf, und bis zwei Uhr lange Zeit. Oh, mein Herzchen, Trick kommt wieder.«
Damit bog der gute Trick in den Steinweg ein, um von dort nach der Deichstraße zu schwanken, denn er war nicht allein sehr ärgerlich, sondern auch etwas betrunken, was seine schlechte Laune bedeutend steigerte. Als er um die Ecke des Hopfenmarktes wankte, bemerkten ihn ein paar Nachtwächter, die unter einer Bude saßen, und äußerten lachend, daß der alte Junge sehr »duhn« sei.
Unglücklicherweise hörte dies Trick und fühlte sich dadurch im höchsten Grade beleidigt. Es war seiner Ansicht nach eine Verleumdung, die im Munde der Nachtwächter doppelt schwer wog, weshalb sein Zorn wuchs. Er schwenkte gegen die Buden ab und fuhr auf die Wächter los, indem er sie mit dem Titel »Verdammte Nachtuhlen« anredete, worauf er fragte, ob die »dummerhaftigen Dösköppe« weiter nichts zu tun hätten, als Hamburger Bürger zum besten zu haben.
Da die Wächter lachten und meinten, er solle nach Haus gehen und ausschlafen, so wurde Herr Trick wütend und ergriff einige Körbe, die er ihnen nach den Köpfen warf, worauf sich ein kleines lustiges Gefecht entspann, das damit endigte, daß Herr Trick beim Kragen gepackt und als Gefangener fortgeschleppt ward. Das war nun sehr ärgerlich, denn er wollte nach der Deichstraße und man zerrte ihn nach dem Neuenwall, weshalb er auf so ungebärdige Weise um sich schlug, daß ihn die zwei Wächter kaum bändigen konnten. Endlich kam einer auf die glückliche Idee, dem Gefangenen einen großen Korb über den Kopf zu stürzen, der ihn bis unter die Knie bedeckte. Hierauf packten die Sieger die Henkel von beiden Seiten und schleppten ihr Opfer auf eine höchst lächerliche Weise weiter, wobei nur zwei Beine sichtbar waren, die unter dem Korbe fortstrampelten.
Auf diese unwürdige Art wurde Herr Trick nach dem Stadthaus gebracht und dort unter dem Gelächter der Beamten vom Korbe befreit. Er wurde vernommen und vor der Hand mit fünf Mark vierzehn, der unausbleiblichen Steuer, belegt. Da er erklärte, kein Geld bei sich zu haben, entgegnete man lächelnd, daß man ihm kreditiere, da er ein gutes Haus sei, es werde jedenfalls noch eine kleine Rechnung nachfolgen und er könne es dann zusammen abmachen. Trick kannte die Rechtspflege der freien Stadt viel zu gut, um irgendein Wort zu erwidern. Er war etwas nüchtern geworden und ging, einige unverständliche Abschiedsworte brummend, seines Weges nach der Deichstraße, wo er das Haus aufschloß und in sein Zimmer trat. Hier machte er Licht und öffnete seinen Sekretär, aus dem er ein Buch nahm und eine Berechnung darin aufstellte, die seine Laune nicht verbesserte. Er schlug mehrere Male mit der Faust auf die Papiere und riß sich an den Haaren. Dann zog er ein Paket Banknoten aus einem Kasten, steckte sie zu sich und verließ das Haus, nachdem er einen herzstärkenden Schluck aus einer Flasche genommen, um, gegen den Wind ankämpfend, wieder im Gängeviertel zu verschwinden und seine geheimnisvollen Geschäfte zu verfolgen.
Der Sturm wehte indes weiter und zog unausgesetzt von unten herauf. Er bot dem Maler Bernhart manches neue Bild, das sehr verschieden von der sonnigen Ruhe des Sommers war. Der Frau Senatorin wollte es gar nicht mehr draußen gefallen. Auch ihr treuer Knappe Henri ließ merken, daß das Landleben nicht mehr nach seinem Geschmack sei und er sich nach der Stadt zurücksehne. Er fühlte ein leises Heimweh nach den verschiedenen Kellern, in die jetzt die Austern einzogen und mit ihnen die alten Stammgäste, die Herren Diener von Senators und Schröpfers & Comp., vortreffliche Austernkenner und Besitzer von Familien- und Geschäftsgeheimnissen, die dem Freundeskreise bereitwilligst und sogar ohne Siegel des tiefsten Geheimnisses mitgeteilt wurden.
Herr Henri mußte den Austernfreunden auch ein Geheimnis mitteilen, von dem er bis jetzt alleiniger Besitzer war und das er unmöglich länger bei sich tragen konnte, ohne davon erdrückt zu werden.
Es war eigentlich das Geheimnis der Frau Senatorin und bestand darin, daß sie eine Beletage am Neuen Jungfernstieg gemietet hatte, um den künftigen Winter nicht mehr in dem alten skandalösen Hause mit der Giebelseite und den geschnitzten Balken zuzubringen, in dem der Senator jeden Tag auf die Sonne wartete und das schreckliche Glockenspiel vom Petriturm anhörte.
Die Senatorin setzte schon jahrelang alle Hebel in Bewegung, um den Senator dahin zu bringen, ein nobles Quartier an der Alster zu beziehen. Herr Eiskuhl hielt jedoch mit eiserner Zähigkeit an seinem alten Hause fest. Er besaß den stillen Aberglauben, daß sich in diesem Hause das Glück eingenistet habe und durchaus nicht dahin zu bringen sein würde, die alten gemütlichen Winkel zu verlassen und mit in elegante Salons zu ziehen.
Da also der Herr Senator allen Erneuerungsversuchen einen beharrlichen passiven Widerstand entgegensetzte, so ging die Frau Gemahlin in aller Stille vor und mietete eine Etage am Neuen Jungfernstieg. Madame Eiskuhl war so klug gewesen, sich bei ihrer Verheiratung sowohl ihr Vermögen als einen beträchtlichen Teil der Zinsen zu sichern. Infolgedessen konnte sie denn auch die Einrichtung des neuen Quartiers betreiben und es brillant ausstatten, ohne daß Herr Eiskuhl das geringste davon merkte. Ihre einzigen Vertrauten dabei waren Herr Henri und Bernhart, dessen Geschmack die Farbe der Tapeten und Möbel sowie die Dekorationen von Pflanzen und anderen Gegenständen bestimmen mußte, während Prinz Henri mehr als stiller Bewunderer diente und die Ausstattung der Räume, als ihm gewidmet, mit gnädigem Auge betrachtete.
Der gutmütige Bernhart war für die Aufnahme, die ihm in Neumühlen geworden, so dankbar, daß er alles mögliche zur Verherrlichung des neuen Quartiers tat. Da er es für nötig hielt, den Salon mit einigen Ölgemälden zu schmücken, die Frau Senatorin jedoch wohl für Goldrahmen, aber keineswegs für Bilder Geld auszugeben gesonnen war, so machte er ihr den Vorschlag, sie solle ein Dutzend Rahmen kaufen, in die er Bilder malen wolle, und zwar unter der Bedingung, daß dies unentgeltlich und zur Feier des Einzuges in die Stadt geschehe. Die Frau Senatorin war darüber sehr entzückt und fand, außer dem Gewinn der Bilder, darin einen Grund, ihren Maler Spickmanns zu entziehen, die gerade deshalb auf das Porträt ihres Landhauses an der Alster brannten, weil Bernhart unablässig von der Senatorin beschäftigt wurde.
Der arme Teufel, der zu viel Zartgefühl besaß, um eine Anspielung auf Honorar zu machen, malte nun schon seit Wochen, um die glänzenden Rahmen auszufüllen, die die Senatorin möglichst groß und breit bei verschiedenen Vergoldern kaufte. Er kam dadurch ebensowenig in geschäftlicher Hinsicht vorwärts, wie in seiner Liebe zu Selma, gegen die er noch kein Wort von seinem Herzen gesprochen, die er in stummer Verehrung betrachtete. Wenn er nicht einige kleine Arbeiten nebenbei verkaufte, so hätte es um seine Kasse sehr schlecht gestanden. Er arbeitete indes mit vielem Fleiß und war dabei an einem großen Bild beschäftigt, das den Blick auf die Elbe von den Neumühlener Höhen als Motiv zeigte. Eine brillante Luft- und Fernsicht, mit großen Baumgruppen im Vordergrunde.
Wurde nun im Eiskuhlschen Hause Bernhart mit seiner Kunst vom Senator geduldet, von der Senatorin benutzt und von den Töchtern verehrt, so fühlte Herr Henri dagegen ein tiefes mit Verachtung gemischtes Mitleiden und sah kopfschüttelnd auf die Leinwand. Wie konnte sich nur ein Mensch von früh bis zur Nacht mit so unnötigem Zeug abquälen, ohne das Ziel zu haben, sich ein Vergnügen damit zu machen? Denn daß Bernhart bei seinem Geschäft kein Millionär werden würde, hatte Henri bald heraus. Wieviel besser und hoffnungsreicher war dagegen seine Stellung – wieviel wichtiger und nötiger! Welche Perspektive eröffnete sich ihm, der nichts zu tun hatte als zu spekulieren und Teller zu halten. Wie dumm, sich mit einer Sache zu befassen, die niemand brauchte! Henri ging kopfschüttelnd aus Bernharts Atelier, wohin er einen Auftrag gebracht. »Was es doch für dumme Kerle und für kuriose Geschäfte in der Welt gibt«, murmelte er, seine Betrachtung zugleich auf den Senator anwendend, den er im Garten stehen sah, wo er sich mit Herrn Trick unterhielt, zu dem sich bald Doktor Schnepfe gesellte, bei dessen Anblick ein grimmiger Zug über Henris Gesicht flog.
Schnepfe stattete Bericht über den Abgang des letzten Auswandererschiffes ab und hörte dann mit an, wie sich der Senator bitter über den meuchlerischen Schützen beklagte, der ihm neuerdings wieder zwei Hemden verdorben hatte, ohne entdeckt zu werden. Da ihm Herr Trick als ein spekulativer Kopf bekannt war, so bat er ihn um seinen Rat, der vielleicht zur Entdeckung des Verbrechers beitragen konnte, der die ganze Polizei in Atem hielt und ihrer spottete.
Herr Trick klopfte zwar einige Male an die Nase und strich sein Haar sehr stark nach vorn, wußte aber doch nicht sogleich, wie dem Feind beizukommen wäre, denn dieser müsse ein gewiegter Bursche sein und sollte sein Talent zu was Besserem gebrauchen, als den Leuten die Hemden anzuschwärzen. Dies war Tricks Meinung, und es ist etwas ungewiß, ob er mit dem Besseren vielleicht die Idee verband, lieber den Leuten die unverdorbenen Hemden vom Leibe zu ziehen. Er glaubte jedoch, jemand finden zu können, der der Sache eher auf die Spur kommen würde als die Polizei; worauf er wieder lächelnd an die Nase klopfte.
Herr Eiskuhl wandte sich ärgerlich an Schnepfe und sagte: »Nun, Doktor, Sie verstehen ja Lateinisch. Können Sie kein Rezept machen?«
Schnepfe nahm eine gedankenvolle Stellung an und sprach: »Hm, ich wüßte vielleicht ein Mittel, wie man der Sache wenigstens näherkommen könnte. Der Herr Senator müßte jedoch ganz aus dem Spiel bleiben und nur den unsichtbaren Beobachter abgeben; vielleicht auch die Kosten tragen.«
»Ach, Gott im Himmel, wenn ich mich doch unsichtbar machen könnte! Und was die Kosten betrifft, die will ich ja gern tragen«, lamentierte der Senator, der seit dem Frühjahr wenigstens um vierzig Pfund leichter geworden war, so hatte ihn sein Verfolger abgehetzt.
Trick horchte gespannt, denn ein Plan zur Entdeckung oder Ausführung einer Sache interessierte ihn stets. Man konnte so etwas weiter anwenden.
Schnepfe fuhr fort: »Wenn dieser Herr hier« – auf Trick deutend – »die Sache arrangiert, da er in Neumühlen als Bewohner bekannt ist, so würde der Bösewicht, der Ihre Hemden verdirbt, vielleicht ins Netz gehen.«
»Gut,« stimmte Herr Trick bei, »aber wie?«
»Nun, Sie machen in den Zeitungen bekannt, daß ein Engländer am nächsten schönen Sonntag ein Wettschießen mit Bogen und Pfeilen hier am Strande veranstaltet und Preise aussetzt, wozu er alt und jung, groß und klein einladet, gleichviel ob mit langen oder kurzen Bogen. Ich möchte fast wetten, daß sich der Bösewicht mit einfindet, und da er ein sehr guter Schütze sein muß, so brauchen ja nur ein paar versteckte Polizisten die besten Schützen im Auge zu behalten, oder Sie erkennen vielleicht selbst den Täter, wenn Sie ihn sehen. Eine Spur ist dann jedenfalls leicht gefunden«, schloß Schnepfe.
Herr Trick betrachtete den Ratgeber verwundert und schlug dermaßen an seine Nase, daß es klang, als würde ein Dampfkessel vernietet. Er nickte einigemal mit dem Kopf und bemerkte, daß er die Sache in die Hand nehmen wolle, wenn Herr Eiskuhl für alle Kosten gutstände, wobei der Edle sogleich den Entschluß faßte, den Senator dabei etwas übers Ohr zu hauen. Mehr zum Vergnügen als des Gewinnes wegen.
*
Der in Duhnen zurückgebliebene Schwarzknopf lief noch eine lange Weile in stiller Verzweiflung am Strande umher und sah umsonst nach dem Freunde aus. Jeder dunkle Fleck, jedes Stück Tang, das aus der Flut hervorschimmerte, zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Der Horizont ward wieder heller. Aber nichts zeigte sich den Blicken des Suchenden, der endlich nach dem Hause des Strandvogtes zurückkehrte, um dort die Nacht zu bleiben.
Es fanden sich mehrere Strandleute ein, die den Freund und Kameraden des Verlorenen neugierig und teilnahmsvoll betrachteten und dazu ihren Grog tranken, wobei sie ihn durch Geschichten von Wattenunfällen zu trösten suchten, aber doch alle der Meinung waren, »de is versopen«.
Schwarzknopf fuhr mit Sonnenaufgang aus dem Bett und wollte, ohne gefrühstückt zu haben, hinaus. Die Leute an der See unternehmen jedoch nicht gern etwas, ohne vorher den Magen tüchtig versorgt zu haben, denn »man kann nicht wissen wie lange es dauert, bis man wieder die nächste Mahlzeit vor sich hat«, ist ihre Meinung. Sie handeln meistens ohne Übereilung, scheinbar mit zu viel Bedacht und höchst phlegmatisch, jedoch den Umständen nach immer noch schnell genug und mit einer zähen Ausdauer, von der wir im Binnenlande keinen Begriff haben. Sie wissen, daß Zeit und Flut auf niemand warten. Aber sie wissen auch, daß beide ihren Gang gehen und niemand vergeblich warten lassen.
Auf das Drängen Schwarzknopfs schüttelten die Leute einfach mit dem Kopf und frühstückten ruhig weiter. Als der Ungeduldige wiederholt aufsprang und hinaus wollte, zeigte einer nach der Uhr und sagte mit vollen Backen: »Dat Watt is noch nich dröög«, worauf er fortaß.
Endlich machten sich die Strandleute fertig, um aufzubrechen. Es gehörte aber zur Sache, daß vorher noch ein ausgiebiger Genever genommen wurde, den man, da Schwarzknopf bezahlte, verdoppelte. Dann knöpften alle die Jacken zu, klopften sich auf die Bäuche, wahrscheinlich um am Klange zu prüfen, ob sie gehörig gefüllt seien, und waren nun bereit, mit Tod und Teufel anzubinden und alles zu unternehmen, was Menschenkräfte auszuführen vermögen.
Schwarzknopf hätte sich gar zu gern kopfüber in die Watten gestürzt, um den verlorenen Freund zu suchen. Er wollte fast aus der Haut fahren, als er sah, wie die Gesellschaft mit ihren großen Stiefeln in jenem Tempo durch den Sand marschierte, das beim Marsch im Propheten und im Oberon gebräuchlich ist, oder auch von den Hamburger Reitendienern Reitendiener, »reitende Diener«, Garde des Senats, die ihm zur Aufwartung und Begleitung bei feierlichen Gelegenheiten beigegeben waren. »Als Rest ihrer früheren Tätigkeit,« schreibt Wichmann 1863, »ist ihnen hauptsächlich nur die Leichenbegleitung geblieben, welche wohl den unruhigen Zeiten des 17. Jahrhunderts ihren Ursprung verdankt.« bei Begräbnissen mit vielem Effekt angewandt wird. Wie die Karawane bald die letzten Häuser des Dorfes erreichte, blieb der Anführer plötzlich stehen, besann sich auf etwas und sprach höchst lakonisch: »Teuf«, worauf alles anhielt und ihn ansah. »De Kieker«, bemerkte er dann, drehte um und ging möglichst bedächtig wieder nach dem Hause zurück, von wo er nach geraumer Zeit mit einem Fernrohr unter dem Arm wiederkam. Er hielt das Glas für höchst zweckmäßig und war jedenfalls beim Suchen danach auf noch andere Gläser gekommen, denn er schmatzte mehrere Male vergnügt mit den Lippen.
Statt gleich bei Duhnen in die Watten zu gehen und dort zu suchen, begab sich die Gesellschaft auf einen Sandhügel, von wo man eine weite Übersicht erlangte. Hier stellte sich einer der Leute breitbeinig fest, während der Führer das Fernrohr aufzog und auf seine Achsel legte, um damit die Wattenfläche zu durchsuchen. Er tat dies wohl eine halbe Stunde lang auf das genaueste und schüttelte dann mit dem Kopf.
»Nichts«, sprach er und setzte sich auf den Hügel, indem er gespannt rundum und besonders nach Neuwerk hinüberblickte.
Schwarzknopf drängte zum Aufbruch. Da erhob der Führer den Finger und sprach wieder: »Teuf.« Hierauf setzte er das Fernrohr nochmals an und sah nach dem Feuerturm hin. Er beobachtete lange und sagte endlich: »Es kommen zwei Leute von Neuwerk herüber.« Das Fernrohr ging nun von Hand zu Hand. Man konnte jedoch weiter nichts erkennen, als daß es zwei Männer waren und mußte sich noch ein halbes Stündchen gedulden, um sie näher kommen zu lassen. Der Führer beobachtete sie indes unausgesetzt und sprach endlich: »Der eine ist der Schulmeister, oder ich fresse ihn auf.« Dann sah er wieder lange hinaus, bis die Figuren auf eine Stelle kamen, wo sie aus dem Wolkenschatten in einen Lichtstreif traten. »Es ist der Schulmeister, und der andere? Dunnerslag! Hat Ihr Kamerad gelbe Haare? Viel Haare? So 'ne Schwerenotslocke auf die eine Seite 'nüber?« sprach der Beobachter, mit der Hand ein schwungvolles Toupet andeutend und ihm das Fernrohr hinreichend.
Schwarzknopf sah durch das Fernrohr und tat dann einen Freudensprung, worauf er ein furchtbares Hallo hinausschickte, was freilich für die beiden Wanderer, die dem bloßen Auge kaum sichtbar waren, unhörbar blieb.
Er hatte seinen Freund erkannt, der gesund und munter an der Seite des schwarzbefrackten Mannes daher kam, der gestern mit dem Schubkarren in die Watten ging.
Jetzt war kein Halten mehr. Er lief dem Verlorenen mit großen Schritten entgegen und ließ die übrigen weit hinter sich. Es dauerte jedoch nicht lange, denn da er in eine Schlickgegend geriet, so waren seine Füße bald von großen Schlammklumpen umgeben, die ihm das Weiterkommen erst erschwerten und dann unmöglich machten. Er mußte stehenbleiben, sein Messer herausziehen und den Schlamm von den Stiefeln schneiden, während die anderen lachend seitwärts gingen und trockenen Grund suchten.
Endlich traf man zusammen, und die Freunde umarmten sich und freuten sich des Wiederfindens. Auch die Begleiter waren wirklich vergnügt, »datt hee doch nich versaapen is.«
»Wie bist du aber nach der Insel dort draußen gekommen?« fragte Schwarzknopf.
»Nun, es ging wahrhaftig hart genug neben dem Tode her. Machen wir, daß wir hier weiter kommen. Ich habe von diesen Watten vollständig genug und denke, keinen Fuß wieder in sie zu setzen«, entgegnete Förster, indem er mit großen Schritten dem Lande zustrebte.
»Wir haben vollkommen Zeit und brauchen uns gar nicht zu beeilen«, sagte der Schulmeister. »Ich kenne die Watten so gut wie meinen Geldbeutel und habe schon manches Abenteuer darin erlebt. Ich habe manchen gekannt, der drin verloren ging und manchen, der wieder 'rausgekommen ist. Bin ich doch selber einmal auf meinem Schubkarren von hier aus nach Tönning an die Eider drüben gesegelt, wie's dem Herrn hier gestern bald mit dem Ewer passiert wäre.«
Förster und Schwarzknopf sahen erst den Mann und dann die anderen zweifelnd an und glaubten, der Schulmeister wolle sie zum besten haben.
»Nee, nee, dat is so. He is as 'n Papiernautilus ganz flott mit 'n Schuvkaar öber de Elf segelt. He wull man nich recht op't Stüer gahn«, sagte einer lachend.
»Bitte, erzählen Sie mal, wie ist das zugegangen?« fragte Förster.
»Das war 'ne närrische Geschichte«, begann der Schulmeister. »Es war im ersten Jahr, als ich die Stelle auf dieser verwünschten Insel antrat, von der ich wahrscheinlich in meinem Leben nicht mehr wegkomme. Ich wollte mir im Anfang ein Boot anschaffen, um nicht immer auf die Ebbe warten zu müssen, wenn ich einmal nach dem Lande hinüber und etwas holen wollte, denn der Vogt drüben hatte selten Lust, seinen Wagen anzuspannen, und ein Boot gibt's auf diesem gott – gesegneten Eiland, außer dem, das in der Scheune auf einem Wagen steht und mehr zum Ersaufen als zum Fahren da ist, auch nicht. Da ich also kein Boot haben konnte, so kaufte ich mir einen Schubkarren; 's ist doch wenigstens ein Fuhrwerk, mit dem man 'was transportieren kann.
»Nun war's im September wie jetzt, als ich eines Tages frühzeitig ein Paket Bücher nach Cuxhaven fuhr, die ich in Hamburg geborgt hatte. Ich wollte dafür eine Ladung andere für den Winter haben, weil ich etwas über Störtebeker schrieb; denn man kann ja auf dieser gott – gesegneten Insel sonst nichts machen. Zur selben Zeit wollte der Vogt ein paar Schweine schlachten und hatte in Cuxhaven Wurstdärme zu großen Rauchwürsten bestellt, die er mich mit hinüber zu bringen bat und wofür er mir eine große Zungenwurst versprach, die dieses Jahr besonders gut werden mußte, denn wir hatten sehr viel eichene Schiffsplanken zum Räuchern.
»Gut. Ich bringe also das Paket Därme auf meiner Equipage mit und stärke mich beim Vogt in Duhnen, ehe ich den Weg durch diese amphibische Gegend antrete. Weiß nun der Kuckuck, ob meine Uhr falsch ging, oder was es sonst war, ich hatte mich um eine Stunde versehen und keine Minute mehr übrig. Ja ich war schon gefaßt darauf, ein Stückchen waten zu müssen und ging los, trotzdem mich die Duhnschen nicht fortlassen wollten. Ich war etwa die Hälfte des Weges, als mich eine ungeheure Müdigkeit überfiel, die mich zwang, ein Weilchen auf meinem Schubkarren auszuruhen. Ich saß indes kaum, als ich auch schon eingeschlafen war. Es ging nicht mit rechten Dingen zu und ich glaube heute noch, daß mich Wattenpiter gepackt hatte.«
»Wer ist Wattenpiter?« fragte Förster neugierig.
»Wattenpiter oder Peter, wenn Sie hochdeutsch wollen, war ein Blankeneser, der als Steuermann auf der ›Bunten Kuh‹ diente, die Störtebekern bei Helgoland gefangen nahm. Es war ein böser Kerl, der hier umkam und seitdem nun spuken muß«, erklärte der Schulmeister.
»Alle Donner!« schrie Schwarzknopf, »hier spukt's auch? Ich war bisher der Meinung, daß es bloß in alten Häusern und Schlössern spukt. Aber in dieser Gegend – die Gespenster müssen ja hier ersaufen oder die Gicht kriegen.«
»Ich war also eingeschlafen,« fuhr der Schulmeister fort, »oder vielmehr vom Wattenpiter eingeschläfert und mochte eine geraume Zeit gesessen haben, als mich ein unangenehmes Gefühl weckte. Ich träumte, Wattenpiter schlösse mich mit ein paar Ankerketten an das Watt fest, damit ich der Flut nicht entlaufen könne. Ich wachte auf und erschrak des Todes, denn ich saß mit den Füßen im Wasser. Die Flut war vollständig da und ich sah sofort, daß es mir unmöglich sei, nach Duhnen oder nach Neuwerk zu kommen. Ich sage euch, Wattenpiter hatte mich. Aber Krischan Stylken ist nicht der Mann, der sich gleich unterkriegen läßt. Ich sah mich rundum, ob vielleicht ein Fischer da sei. Nichts als Wasser. Da fielen mir die Wurstdärme in die Augen und ich war gerettet. Zufällig trug ich zwei Pfund Bindfaden bei mir, die ich für den Jungen des Lampenwärters mitbrachte, der einen Drachen gebaut hatte. Ich blase also alle Därme auf und binde sie dann zu und an dem Schubkarren fest, hübsch rundum, so daß ich mittendrin saß. Das Ding hätte fünf Männer getragen, wie ich merkte, als mich die Flut hob, und so fuhr ich denn per Schubkarren zur See. Ich schwamm ganz prächtig, aber zu meinem Schrecken segelte das Fahrzeug ebenso prächtig vor dem Wind, der mich quer über die Elbe trieb. Das war eine verfluchte Reise. Wie ich erst in das hohle Wasser hinauskam, wurde ich von den Wellen herumgeworfen wie ein Kind in der Wiege und oft um und um gekugelt, daß ich Mühe hatte, an Bord zu bleiben. Endlich kam ein Ewer hinter mir her, den ich anschrie und der auf mich zuhielt. Ihr hättet mal die Gesichter von den Schiffern sehen sollen, wie die mein Fuhrwerk erblickten. Sie wollten sich halbtotlachen, als sie mich damit an Bord holten. So kam ich denn mit meiner Maschine nach Tönning hinüber, wo der Ewer anlegte. Dort wurde ich ebenfalls gehörig ausgelacht, jedoch gastfreundlich aufgenommen, mußte aber längs des Deiches bis Brunsbüttel karren; dort erst fand ich Gelegenheit nach Neuhaus überzusetzen und kam sechs Tage später heim, wo mich jeder für ertrunken hielt. Aber wie gesagt, Krischan Stylken ist nicht so leicht unterzukriegen!«
»Nun sag' mir aber, wie bist du nach der Insel gekommen?« drängte Schwarzknopf den Freund.
»Ich glaube durch den Zufall, daß ich von der Richtung nach dem Lande abgekommen war«, erwiderte Förster. »Ich stand, an allem verzweifelnd, schon bis an den Leib im Wasser und lud meine Flinte im Jagdstiefel, um Notschüsse zu tun, so lange es ging. Das Hagelwetter dauerte fort und ließ mich nicht hundert Schritt weit sehen. Das Wasser stieg immer mehr und ich wollte eben die Flinte wegwerfen und die Sachen vom Leibe ziehen, als ich einen Ruf vernahm. Meine Antwort schallte sogleich über das Wasser und kurz darauf sah ich die Umrisse eines Bootes durch den Nebel, den der Hagel verbreitete, herankommen. Ich kann sagen, daß mich niemals der Anblick eines Bootes so erfreut hat wie diesmal, und ich saß bald darauf gerettet darin.
»Das Rettungsboot gehörte zu den Ewern, die im Watt lagen und auf die mich der Mann am Strande hinwies. Ich war im Nebel und durch die veränderte Windrichtung von meinem Wege ab- und zufällig in die Richtung der Ewer gekommen, die mich schon lange bemerkten, mir aber nicht eher helfen konnten, als bis das Wasser hoch genug stand, um ein Boot zu tragen. Als dies jedoch der Fall war, sahen sie mich nicht mehr und getrauten sich auch nicht hinaus, weil sie fürchteten sich zu verirren und abgetrieben zu werden.
»Meine Schüsse zeigten ihnen die Richtung an, in der ich zu finden war, worauf die braven Leute nach mir suchten. Als ich im Boot war, ruderten sie in der Richtung ihrer Ewer zurück, auf denen man mit blechernen Teekannen und Töpfen läutete und klapperte, damit das Boot sie wiederfinden konnte.
»Die Fahrzeuge waren nach Tönning bestimmt und wollten die Zeit damit nicht verlieren, mich erst nach Duhnen zu bringen, weshalb ich in Neuwerk abgesetzt wurde, wo mich der Naturforscher hier traf und zum Vogt in den alten Feuerturm führte, der meine Sachen in der Küche trocknete und mir indes ein paar Schifferhosen borgte, damit ich nicht als Bergschotte bei Tisch erscheinen mußte. Den Männern vom Ewer habe ich fünf Taler gegeben, die sie durchaus nicht nehmen wollten, und so bin ich denn, Gott sei Dank, aus diesen Watten heraus, und kein Teufel soll mich wieder hineinbringen.«
»Es ist so ein eigen Ding mit den Watten«, begann der Schulmeister. »Man muß die Zeit sehr genau kennen und kann dennoch einmal in Verlegenheit kommen. Es passierte voriges Jahr sogar einem alten Knaatfischer, daß ihn das Wasser erwischte. Als er sah, wie die Sache stand, machte er sich an die Dornbaken, die den Weg nach Neuwerk anzeigen, steckte sein Netz mit der Stange in die höchste fest und hing daran in der Flut wie ein Papagei auf der Stange. Zum Glück war die Luft klar und eine Menge Fischer segelten in das Watt ein, die ihn bemerkten und zu Hilfe kamen.
»Sie umringten ihn, ließen ihn eine Weile zappeln und wollten sich halbtotlachen, als er aus seinem Netz gotteslästerlich fluchte und schimpfte, weil man schlechte Witze über ihn machte. Wenn die Fischer nicht kamen, so mußte er die ganze Flutzeit über im Netz hängen bleiben und froh sein, daß er diesen Stützpunkt hatte und sich daran über Wasser halten konnte.«
Da Schwarzknopf und Förster der Gegend so bald als möglich den Rücken kehren wollten, nahmen sie Abschied von den Strandleuten und dem Schulmeister und gingen nach Cuxhaven. Hier gab es jedoch keine Gelegenheit nach Hamburg. Man gab ihnen den Rat, nach der Oste zu gehen, von wo jede Stunde Torfewer aufsegelten, die bei dem stehenden Winde sehr schnell nach Hamburg gelangten. Die Freunde ließen deshalb einen Wagen anspannen und fuhren über Altenbruch und Otterndorf nach Neuhaus, wo die Oste in die Elbe mündet und wo sie sofort einen Ewer fanden, der mit Torf beladen aufwärtsging.
Bei dem starken Winde und der noch ablaufenden Ebbe standen ziemliche Wellen, auf denen das Fahrzeug bis Glückstadt dermaßen tanzte, daß die Reisenden beinahe seekrank wurden. Als die Flut eintrat, wurde das Wasser etwas ruhiger, und der Ewer flog mit großer Schnelligkeit vor dem Winde hin. Es war eine eigentümliche Fahrt, denn die Wasserfläche erschien von dem niedrigen Fahrzeug noch einmal so groß wie vom Dampfschiff aus, und die Wellenköpfe stiegen rundum oft über den Horizont, so daß die anderen Fahrzeuge hinter ihnen verschwanden. Die Schiffer ließen sich bewegen, den Anker bei Neumühlen fallen zu lassen und die Passagiere an das Ufer zu setzen, wo sie höchst vergnügt aus dem Boot sprangen, und zwar Förster mit der Ente, die er trotz aller Fatalitäten dennoch festgehalten.
Als Vater Kühnmann heimkam, hörte er mit Staunen, daß seine Tochter die Verlobte Försters war, der die Hand des schönen Kindes gegen das Versprechen erhielt, nie wieder auf die Jagd zu gehen. Die Ente, die zur Feier des Tages gebraten werden sollte, war jedoch nirgends zu finden, sosehr man auch danach suchte. Dafür war die Heiterkeit in das kleine Landhaus eingekehrt, und das fröhliche Gelächter erschallte aus allen Ecken.