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siehe Bildunterschrift

Am Strand der Themse

Zwanzigstes Kapitel
Heimkehr

Ernst Schwarz wohnte in London unfern des Strandes in einem kleinen gemütlichen Wirtshaus, wohin ihn der Steuermann des Dampfschiffs brachte. Der Wirt war eine alte, gute Haut, der sich nach altenglischer Sitte seines Gastes wie ein Vater annahm und besorgt mit dem Kopfe schüttelte, wenn er sah, welch dünnes Scheibchen sich sein Gast vom Rinderbraten abschnitt und wie wenig er überhaupt, im Vergleich mit den englischen Gästen, aß, deren Appetit wiederum Schwarz ein gelindes Entsetzen verursachte und ihn nicht begreifen ließ, wie der Wirt bei solchen Gästen bestehen könne.

Im Anfang glaubte der gute Gastgeber, Schwarz sei krank und habe deshalb keinen Appetit. Als er sich aber endlich überzeugte, daß der junge Mann gesund war, geriet er auf die Idee, daß eine unglückliche Liebe im Spiel sein müsse, weil er einmal gelesen hatte, daß dies Leiden mit Appetitlosigkeit verbunden sei. Seitdem vom Wirt dies Faktum festgestellt war, nahm er sich mit doppelter Zärtlichkeit des Fremden an, denn er glaubte zu wissen, was unglückliche Liebe ist. Da Schwarz fast jeden Morgen nach dem Frühstück ein Weilchen auf einem Ankertau am Hafen saß und auf den Fluß hinausblickte, so schloß der Wirt endlich, daß er Selbstmordgedanken fasse und erwartete, ihn eines Tages zur Flutzeit kopfüber in die Themse springen zu sehen, weshalb er den Bootsleuten in der Nähe einige Winke gab.

Schwarz hatte sofort nach seiner Ankunft in London an Stubborn geschrieben, um sein Verschwinden von der Elbe zu erklären. Er fragte zugleich an, ob er bei dieser Gelegenheit etwas für das Geschäft in London oder England besorgen könne und bat um Ordre und Geld, worauf er sich die Stadt ansah. Es war umgehend ein Brief von Trick mit hundert Talern gekommen, worin dieser in dunklen Worten bemerkte, daß Schwarz vor der Hand in London bleiben solle, weil er jetzt dort allerdings gut am Platze sei und sich etwas entwickele, wovon er ihm in der nächsten Zeit Näheres mitteilen werde.

Schwarz war nun schon wochenlang in England und zerbrach sich den Kopf, weshalb er keine Antwort auf die Briefe erhielt, die er nacheinander an seinen Bruder, den Lotsen Nielsen und Berta, die Tochter Stubborns, absandte. Er wußte nicht, daß die ersten schon lange auf dem Atlantischen Ozean schwammen, und die Briefe an Berta von Trick unterschlagen wurden.

Er saß also auf dem Ankertau und blickte über den Fluß, als der Wirt plötzlich zu ihm trat und ihm einen Brief übergab, der den Poststempel Hamburg trug.

Schwarz griff freudig danach.

»Aha! Von ihr?« meinte pfiffig der Wirt.

Schwarz brach das Schreiben auf und las. Es ging aber eine so ungeheure Veränderung während des Lesens in seinem Gesicht vor, daß ihn der Wirt besorgt beim Rockzipfel erfaßte und ihn vorsichtig festhielt.

»Er wird die Verwandtschaft endlich durchprügeln müssen«, murmelte er.

Der junge Mann schien allerdings Lust zu haben, irgend jemand niederzuschlagen, so wild blickte er um sich. Dann sah er nach den Dampfschiffen hinüber und schien einen Sprung dahin machen zu wollen.

»Tun Sie's nicht! – Unsinn! – Sie machen sich nur naß, denn die Bootsleute dort warten nur darauf, Sie wieder 'raus zu holen«, sprach vorstellend der Wirt, indem er ihn vom Wasser wegzuziehen versuchte.

Schwarz sah ihm verwundert ins Gesicht und schrie: »Fort! Augenblicklich fort muß ich, um unter die Schufte zu fahren! Kommen Sie«, sprach er, den Wirt nun seinerseits hastig nach seinem Hause schleppend. »Schnell, meine Rechnung von dieser Woche. Ich muß augenblicklich fort!«

Damit sprang er die Treppe hinauf nach seinem Zimmer, packte seine wenigen Sachen in den Reisesack und lief, nachdem er bezahlt und kurzen Abschied genommen von seinen Wirtsleuten, nach dem Landungsplatz der Dampfer. Er traf es, daß ein Hamburger Dampfer mit Hochwasser absegeln wollte. Er nahm seinen Platz und setzte sich dann auf das Verdeck, wo er den Brief nochmals überlas.

Er war von Trick, und dieser Ehrenmann zeigte ihm nun, nachdem das gefürchtete Kästchen aus Nielsens Haus in seinem Besitz war, an, daß auf dem Kontor große Summen verschwunden seien, daß man dies mit seinem Verschwinden in Einklang bringe und daß er ihm als treuer Freund rate, allen Folgen aus dem Wege zu gehen, indem er in London bleibe und sich dort eine Existenz suche. Der Prinzipal werde ihn dahin aus Rücksicht auf alte Zeiten nicht verfolgen. Sein Bruder habe aus Verzweiflung über die Sache Hamburg verlassen und sei mit nach Singapore gesegelt. Er selbst, der edle Trick, sende ihm noch hundert Taler, im Fall er aus Leichtsinn etwa nichts mehr von den Geldern besäße, denn »Wie gewonnen, so zerronnen« hieße ja das Sprichwort.

»Der alte Schuft glaubt also wirklich, daß ich imstande sei, mich an Geld zu vergreifen?« knirschte Schwarz. »Das ist ja gräßlich!« fuhr er fort. »Es gibt nichts Schlimmeres. Ja, es ist die schändlichste Beleidigung, die man einem ehrlichen Mann nur antun kann, wenn man den Verdacht eines Diebstahls auf ihn wirft. Es ist so entwürdigend, daß ich den, der einen solchen Verdacht gegen mich faßt oder gar ausspricht, auf der Stelle ermorden könnte. Ha, ihr nichtswürdigen Halunken solltet mich doch besser kennen! Das ist also der Lohn für treue Dienste, die ich diesem Stubborn seit meiner Kindheit geleistet habe? Nun, nur Geduld, ich komme schon, um mit euch abzurechnen!«

Bei diesem Selbstgespräch schritt Schwarz auf dem Verdeck hin und her und sah ungeduldig in die Maschine hinab, als wollte er sie zum eiligen Gang antreiben. Dann blickte er wieder auf den Fluß hinaus, nach der See zu, und fühlte nicht eher einige Beruhigung, bis das Schiff in Fahrt kam und der Nordsee zudampfte.

Endlich erschien ein Punkt am fernen Horizont, der die allgemeine Aufmerksamkeit der Passagiere in Anspruch nahm. Er wuchs langsam in die Höhe und Breite und glänzte wie das neue Ziegeldach eines Gebäudes in roter Färbung über die Wellen. Bald hoben sich einzelne Punkte auf ihm ab: ein dunkles Bauwerk, eine Baake und ein weißer Leuchtturm – ein Kirchturm und Häuser, zuletzt ein grüner Rand von Rasen. Es war Helgoland.

Der Kapitän des Dampfers ließ auf die Lotsengaleote lossteuern und in deren Nähe stoppen. Er blickte vom Radkasten aus aufmerksam rund um, und besonders scharf nach Neuwerk hinüber, von woher die Lichter mit mattem, verschleiertem Schein leuchteten und blasser wurden, was ihn zu beunruhigen schien. Vom Lotsenschiff kam indes ein Boot herüber und legte an die Treppe, auf der nun ein grauhaariger Lotse heraufstieg, der einen ledernen Sack am Arme trug. Er grüßte den Kapitän, legte seinen Sack beiseite und ging nach dem Steuer, während das Boot wieder nach dem Feuerschiff zurückfuhr.

Die Seeleute sind meistens wortkarg und sprechen nicht viel ohne Not. Der Lotse sah also nach dem Kompaß, dann nach den Neuwerker Lichtern hinüber, kratzte sich hierauf am Kopf und nickte dem Kapitän zu, der ihn aufmerksam betrachtete.

» Yes, Käpt'n!« sprach er. »Wir bekommen Mist (Nebel). In einer Stunde können wir uns ein Stück davon mit dem Messer abschneiden. Lassen Sie den Anker klarmachen; wir tun am besten, wir gehn hier vor Anker.«

»Das wäre doch ein verfluchter Spaß, hier zu liegen, wo wir indes fast an die Stadt kommen könnten. Nein, nein, Lotse, wir gewinnen wenigstens Cuxhaven. Das Wasser ist ruhig. Der Nebel verzieht sich vielleicht wieder. Also vorwärts.«

Der Lotse zuckte mit den Achseln, sah sich nochmals um, stieg dann auf die Brücke und rief durch das Sprachrohr, das in die Maschine führt, einige Worte hinab, worauf sich die Räder in Bewegung setzten und der Dampfer wieder vorwärts ging. Obgleich die Feuer sich immer mehr verschleierten, blieben doch die Tonnen, die hier die Einfahrt bezeichnen, noch sichtbar, da das Wasser sehr ruhig und die Dämmerung stark war. Endlich aber schien die Prophezeiung des Lotsen, das Abschneiden betreffend, zur Wahrheit zu werden, denn es legten sich dichte Schleier auf das Wasser, während die Feuer ganz verblichen und kurz darauf nicht mehr sichtbar waren. Der Lotse rief jetzt durch das Rohr ein lautes »Stopp« hinab und wandte sich an den Kapitän.

»Kaptän,« sprach er, »wir müssen vor Anker gehen. Ich fahre aus meine Verantwortung nicht hundert Faden weiter!«

Der Kapitän sprang auf die Brücke und sah sich um.

»Unsinn! Es ist so ruhig wie auf der Alster. Fahren wir weiter!« sprach er.

»Ich nicht!« gab der Lotse zurück.

»Gut! dann fahre ich selbst. Ich kenne die Elbe wie meine Tasche«, erwiderte der Kapitän.

»Stürmann!« rief der Lotse. »Kommt alle her zum Zeugen. Der Kaptän nimmt das Kommando wieder. Ich habe keine Verantwortung mehr!« Hiermit stieg er sehr phlegmatisch nach dem Deck hinab und bestellte sich bei dem Steward ein Glas Punsch.

»Voraus,« rief der Kapitän, »daß wir hinaufkommen, bis es Tag wird.« Dann sah er aufmerksam nach dem Kompaß.

Der Dampfer setzte sich in Bewegung, »mit halber Kraft«, wie der Kapitän hinabrief. Der Lotse erschien bald wieder neben ihm und suchte den dicken Nebel mit den Augen zu durchdringen.

»Nehmt euch in acht, Kapitän! Ich glaube, wir sind aus den Tonnen. – Hört!« – Er faßte den Kapitän bei dem Arm und hielt den Finger in die Höhe, während er gespannt lauschte.

»Hört!« sprach er wieder und zeigte nach rechts.

Beide horchten, so gut dies durch das Gestampf der Räder möglich war. Man hörte ein sehr leises, langes Rauschen.

»Hol's der Teufel! – Dünungen! – Stopp!« schrie der Kapitän.

»Wir gehn auf Schaarhörnstört los! – Gott verdamm! – Peilt!« rief der Lotse den Matrosen vorn zu, die sofort das bereitgehaltene Lot auswarfen.

»Geht vor Anker, Kaptän!« riet er.

»Zwölf Faden!« rief eine Stimme von vorn.

»Voraus!« rief der Kapitän in die Maschine hinab und »Backbord!« nach hinten.

»Backbord is«, klang es vom Steuer her.

»Dreizehn Faden!« von vorn. Der Dampfer ging langsam vorwärts.

»Geht vor Anker!« riet der Lotse dringend.

»In Hamburg!« entgegnete der Kapitän lachend.

»Zwölf Faden!« rief der Matrose.

»Geht vor Anker!« drängte der Lotse.

»In Hamburg!«

»Neun Faden!« schrie der peilende Matrose.

»Da«, sprach der Lotse trocken kurz darauf. »Ihr braucht nicht vor Anker zu gehen!« In diesem Augenblick brauste das Wasser vorn auf, das Schiff erhielt einen gelinden Ruck, wie von einem starken Winddruck, und saß auf dem Sand. Die Räder wühlten Wasser und Sand durcheinander.

»Rückwärts!« brüllte der Kapitän in das Rohr.

Die Räder begannen sich folgsam rückwärts zu drehen. Das Schiff saß jedoch fest und lag mit jeder Minute ruhiger, da die Ebbe ablief.

»Nun, wir haben gute sechs Stunden Zeit und was das schönste ist, ihr braucht dann nicht erst den Anker aufwinden zu lassen, wenn wir flott werden«, sprach der Lotse lachend.

Der Kapitän brummte etwas und stieg vom Radkasten, wo er bisher stand; dann rief er den Steward und bestellte ein paar Beefsteaks und eine Bowle Punsch, wozu er den Lotsen in die Kajüte lud. An der Treppe stand Schwarz und blickte verdrießlich in den Nebel. Der Kapitän nahm ihn beim Arm und zog ihn mit in die Kajüte, wo er ihm etwas Besseres zu zeigen versprach.

»Es ist keine Gefahr«, sagte er, nachdem er einen Blick auf das Barometer geworfen. »Wir sitzen so ruhig, als wären wir oben in der Elbe, und das Wetter wird auch aushalten. Also kommen Sie und helfen Sie den Nebel mit vertreiben.«

Da man auf der See weder mager ißt noch hungert, so lange es Proviant gibt, kamen zu den höchst respektablen Beefsteaks, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihren schwindsüchtigen Verwandten oben im Binnenlande zeigten, noch verschiedene Sachen zum Vorschein, die einigen Trost gegen das Aufsitzen gewähren konnten. Der Kapitän, die Steuerleute und einige Passagiere saßen denn auch guter Dinge bei der Punschbowle, als ein Matrose zur Tür hereintrat, die Mütze abnahm und dem Kapitän winkte. »Was gibt's?« rief dieser über den Tisch. »Sag' nur, was du willst, Jan. Ich kann jetzt nicht vorkommen.«

Jan schüttelte aber mit dem Kopf und zeigte mit dem Daumen auf die Passagiere. Der Kapitän ging also zu ihm, und hatte kaum einige leise Worte gehört, als er auch schon die Treppe hinaufrannte. Der Lotse, der gleichzeitig den Matrosen befragte, sprach kopfschüttelnd: »Das ist ja gar nicht möglich, wir haben hier überall weichen Sandgrund.« Dann lief er aber auch hinauf, wohin ihm die Steuerleute folgten, die bemerkten, daß etwas nicht in Ordnung sein müsse. Die Passagiere, die bald darauf nachgingen, fanden alles bei den Pumpen, an denen die Matrosen arbeiteten.

»Was ist denn um's Himmels willen los? Jehn wir etwa unter? Sinken wir?« schrien einige Passagiere.

»Ich möchte wissen, wo wir hinsinken sollen? Wir sitzen ja schon vollständig auf dem Grund«, knurrte der Lotse.

»Es ist aber Wasser im Raum«, bemerkte Schwarz.

» Well«, murmelte der Lotse. »Ich glaube auch nicht, daß es Genever ist. Der Teufel weiß aber, woher es kommt, denn es ist fast nicht möglich, daß wir uns auf dem Grund hier leck gerannt haben. Es müßte eine Planke gesprungen sein, aber dazu dringt das Wasser zu langsam ein. Wie steht's?« wandte er sich an den Steuermann, der eben den Wasserstand maß.

»Zwei Fuß drei Zoll. Wir zwingen es mit der Pumpe, wenn das Leck nicht etwa jetzt über Wasser steht. Ein Boot hinunter!« kommandierte er.

Das Boot wurde schnell hinabgelassen und der Steuermann rutschte an den Tauen hinein, worauf er rund um das Schiff fuhr und es hart über der Wasserlinie untersuchte. Er fand alles heil und gewann die Überzeugung, daß das Leck tiefer liegen müsse.

»Wir können jetzt nichts tun, als tief Wasser abwarten«, sprach er. »Die Ebbe läuft nach drei Stunden ab und bis dahin bricht der Tag an. Wir haben vierzehn Fuß Tiefgang. Wieviel läuft hier ab?« fragte er den Lotsen.

»Jetzt? So 'n acht Fuß«, bemerkte dieser.

»Dann behalten wir etwa sechs und können schon was tun. Aber ein wenig gepumpt muß werden, sonst ersaufen unsere Güter unten.« Damit stieg der Steuermann wieder auf das Deck.

»Oh, verdammt noch mal!« schrie der Kapitän. »Unten liegen lauter Sheffielder Stahlwaren und darüber Baumwollenzeug. Das wird schön aussehen. Die Assekuranz wird sich freuen.«

»Nasse Waren! Alles natt, natt!« rief der Lotse lachend. »Na, die Juden auf dem Steinweg werden sich auch freuen. Wenn ich nur aber wüßte, wo das Leck herkäme?«

»Legt euch ein paar Stunden schlafen, Kinder«, sprach der Kapitän. »Sinken können wir auf keinen Fall.« Mit diesen Worten ging er in die Kajüte und überließ es den Passagieren, ihm zu folgen, was auch Schwarz nebst einigen andern tat.

Der Tag bricht hier im Hochsommer schon gegen zwei Uhr an, ja es wird um Johanni eigentlich gar nicht recht finster, indem die Nacht mehr aus einer Dämmerung besteht, die sich von Sonnenuntergang nach Osten herumzieht und bald wieder ins Tageslicht übergeht. Mit der Morgenröte verzog sich der Nebel und gestattete einen Blick in die nächste Umgebung. Der Lotse stand auf dem Radkasten und sah umher. Der Kapitän trat zu ihm.

»Donnerslag! Kaptän. Ich hoffe, Ihr laßt das Fahren im Nebel künftig sein. Wir sind gut abgekommen! Da seht, wir hätten schön auflaufen können.« Der Lotse zeigte bei diesen Worten auf einen Gegenstand, der sich in schwachen Umrissen aus dem Nebel abhob und dadurch riesengroß erschien. Es war ein Balkenwerk mit einer breiten dreieckigen Spitze.

»Goddamn! Wo sind wir hingeraten! Das ist ja die Schaarhörnbake!« sprach der Kapitän. »Und wir sitzen bei der Hundebalje! – Hallo! Hallo! Ihr verdammten Spitzbuben! Ihr Seeräuber!« schrie er jetzt nach der Bake zu, an deren Hölzern man eine durch den Nebel riesig erscheinende Figur herabsteigen sah, der ein langes Gewand von der Schulter hing. »Hallo! Hallo! Ihr Schurken! – Bemannt das Boot und schlagt sie tot. Es sind Blankeneser oder Finkenwärder, die die Decken und den Proviant stehlen, der für Schiffbrüchige in der Bake oben liegt. Schlagt sie nieder, Jungens!« rief er den Matrosen zu, die jetzt in das Boot stiegen, um die Diebe zu verfolgen.

Diese verschwanden jedoch im Nebel, wohin ihnen das Boot ohne Kompaß nicht zu folgen wagte. Sie wurden auch bald vergessen, da man mit der Untersuchung des Schiffes zu tun bekam.

Der Steuermann sondierte mit einer Stange unter dem Bauche herum und stieß bald auf einen Gegenstand, der sich als ein großer Anker erwies, der einmal hier verlorengegangen war. An ihm hatte sich das Schiff leckgerannt. Man verkeilte das Leck mit Werg, so gut es unter dem Wasser ging.

Bis zur Flut vergingen noch einige Stunden und der Lotse schlug vor, nach dem großen Feuerturm auf Neuwerk zu gehen und dem Strandvogt dort anzuzeigen, daß die Bake bestohlen worden sei. Da sich der Nebel mehr und mehr verzog, so stieg man ins Boot, wohin die Steuerleute und Schwarz dem Kapitän folgten.

Die Watten um Neuwerk lagen trocken und man mußte ein großes Stück zu Fuß wandern, bis man den Deich der Insel erreichte, wo die Landratten unter den Passagieren bald das Gras geküßt hätten. Der Strandvogt kam der Gesellschaft entgegen und erkundigte sich nach dem Schiff, worauf er sie nach dem Turm führte, wo man frühstücken wollte.

Als man beim Turme ankam, bemerkte man erst, was für ein kolossales Bauwerk er ist. Die unteren Mauern sind achtzehn Fuß stark und der Eingang ist ein Stück über der größten Fluthöhe angebracht, so daß man auf einer Holztreppe in die Tür gelangt. In der Mauer sind unregelmäßige Fensterlöcher. Nach der Elbseite zu ist er zur Hälfte mit Teer angestrichen, um ihn besser sehen zu können. Auf der Spitze trägt er das Lampenhaus, das mit halbzollstarken Glastafeln umgeben ist. Dieser Turm macht einen gewaltigen Eindruck und steht schon als jahrhundertealter Riese auf seinem Posten, wo er ruhig und fest den wütendsten Stürmen und Wellen trotzt, die bei einer Sturmflut um seinen Fuß rollen und ihn umbranden. In diesem Augenblick wurde er von der aufgehenden Sonne vergoldet und sah friedlich über die stillen Watten und die spiegelglatte Flut. Von dem hölzernen Ausbau vor der Tür hing ein großes Tau herab, das zum Aufwinden von Gegenständen diente. In diesem saßen die Kinder des Strandvogtes und schaukelten sich, was den Eindruck machte, als ob der Turm auf sie herabschaue wie ein Großvater, an dem die Enkel hängen.

Der Strandvogt, der fürchterlich über die Spitzbuben schimpfte, die ihre Raubzüge öfter nach der Schaarhörnbake ausführten, bewirtete seine Gäste mit köstlichem Schinken, Brot und Butter, wozu ein ebenso vortrefflicher Kümmel kam. Schwarz war mit nach der Insel gegangen, weil er einmal von Nielsen gehört, daß der Buchhalter Kern dort einen Verwandten habe. Er erkundigte sich beim Strandvogt danach und erfuhr von diesem, daß er selbst der Vetter des Verschollenen sei, seit seiner Abreise aber nichts mehr von ihm gehört habe, was auf diesem abgelegenen Erdenwinkel gar nicht anders möglich wäre. Er bat Schwarz um Nachricht, sobald er etwas von Kern erfahren werde, glaubte jedoch kaum, ihn jemals wiederzusehen, »denn alles flieht diese Wüste hier«, sprach er, einen Blick über die einsamen Watten werfend, worauf er sich eifrig mit an das Frühstück machte, das er für den schönsten Punkt in dieser Gegend erklärte.

Der Schulmeister der Insel schien gleicher Meinung zu sein und schickte ebenfalls einen langen Seufzer über die Watten, dann legte er ein großes Pflaster von Schinken auf seinen Schmerz und ertränkte ihn vollends mit Kümmel. Nach dem Frühstück fuhr man nach dem Dampfer zurück, der mit der Flut flott wurde und nach Hamburg abdampfte.

Das Schiff legte bei der Landungsbrücke in St. Pauli an, ließ seine Passagiere aussteigen, um dann die naßgewordene Ladung zu löschen und den Schaden zu reparieren.

Schwarz ging mit seiner Reisetasche über die Brücke auf eine Droschke zu.


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