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siehe Bildunterschrift

Am St.-Pauli-Fischmarkt

Achtundzwanzigstes Kapitel
Es kommen einige zu ihrem Geld

Stubborn stand noch lange über den Stern des Schiffes gebeugt und starrte in das Wasser hinab, auf dem die Dunkelheit lag. Der Flutstrom hielt das Schiff mit dem Hinterteil elbaufwärts, wo die Gegenstände im Wasser nicht so sichtbar waren wie seewärts im Abendschein, der sich auf den Wellen spiegelte. Die beiden Matrosen im Boot waren hinter den Stern getrieben und hielten sich dort an einem herabhängenden Tau fest, um wieder längsseit zu kommen. Stubborn sprach leise einige Worte mit ihnen und ging dann zum Kapitän, gegen den er in Klagen über den Verlust seines Buchhalters und der zehntausend Taler ausbrach. Er bat ihn um Papier und Feder und schrieb einige Zeilen an die Adresse, die das Geld empfangen sollte, worin er den Unfall meldete und Sendung mit nächster Gelegenheit anzeigte. Der Kapitän versprach, den Vorfall zu erzählen und die Verzögerung zu entschuldigen und ließ hierauf den trostlosen Kaufmann an das Land setzen.

Die Matrosen blieben lange aus, bis sie etwas betrunken zurückkamen. Sie hängten das Boot hinter dem Stern in die Kranblöcke, damit man es gleich aufholen könne, wenn der Anker gelichtet war, und kletterten an den Tauen in die Höhe, um sich ein wenig schlafen zu legen. Sie hatten jedoch an diesem Tag Malheur, denn der Kapitän wetterte sie nach kurzer Zeit heraus. Er fluchte greulich, weil das Boot abgetrieben und in der Dunkelheit verschwunden war.

Stubborn nahm die Tröstungen über seinen Doppelverlust mit großer Resignation hin und blieb noch in Cuxhaven, um die Sache mit den Helgoländern abzuwickeln. Als diese hörten, daß der Buchhalter mit zehntausend Taler Gold in den Taschen auf den Grund gegangen sei, löste sich sofort der größte Teil aus, indem sie zufällig noch Geld fanden. Die Helgoländer fischten dann Tag und Nacht nach Herrn Trick und ließen keine Sandbank und keinen Flußwinkel undurchsucht, – der Fisch wäre zu wertvoll gewesen, – sie fanden jedoch nichts, und Stubborn reiste nach drei Tagen mit der kummervollen Gewißheit aufwärts, daß sein Buchhalter unwiederbringlich versunken sei.

Er fuhr mit einem London-Dampfer und war während der Auffahrt besser gelaunt als jemals in der letzten Zeit. Der große Verlust schien ihm weniger Kummer zu machen, als man der Summe nach, Herrn Trick ganz abgerechnet, vermuten konnte. Er frühstückte mit sehr gutem Appetit und erging sich dann auf dem Hinterdeck, wobei er von Zeit zu Zeit lächelnde Blicke auf den Strom warf und einigemal laut lachte, wonach er sich jedoch scheu umsah, ob es jemand gehört habe.

Je mehr man sich Hamburg näherte, desto zufriedener wurde sein Gesicht, denn er fühlte sich von einer schweren Last befreit. Er nickte still vor sich hin, und als er über die Landungsbrücke ging, murmelte er: »Ja, ja, alter Junge. Es ist nichts mehr mit ›halb und halb‹. Nun haben wir es ganz.«

Es war fast Börsenzeit, als er sich seinem Kontor näherte und es doch nötig fand, sein Gesicht in einige Trauerfalten zu legen, um dem Personal die Unglückskunde mitzuteilen. Er mußte jedoch vor der Tür den Mund noch einmal zum Lachen breit ziehen, ehe es ihm gelang, die Mundwinkel hinabzusenken. Nachdem er ein würdevolles Gesicht zuwege gebracht, trat er endlich ein.

Er blieb an der Tür stehen.

Sein Gesicht überzog sich erdfahl, während die Augen aus dem Kopf traten und die Haare zu starren begannen. Sein Mund öffnete und schloß sich, ohne einen Laut hervorzubringen, denn an seinem Pult saß – Herr Trick, ganz wie gewöhnlich, mit emporgerutschten Beinkleidern, aber vor Vergnügen über die Ankunft des Prinzipals glänzend und mit beiden Händen die Haare gegen ihn kehrend.

Stubborn glaubte ein Gespenst zu sehen. Herr Trick sprang jedoch, ganz Fleisch und Bein, vom Sessel herab, öffnete die Tür zum Kabinett mit einer tiefen Verbeugung und einem einladenden Handschwenken, dem nicht zu widerstehen war. Stubborn ging maschinenmäßig hinein, wie ein verdammter Geist die Pforte der Hölle passieren muß.

Er setzte sich vor seinen Schreibtisch wie in den Richtstuhl auf einem Schafott. Auf dem Tisch lagen zwölf Stück bleierne Uhrgewichte in einer Reihe, bei deren Anblick er fast ohnmächtig wurde.

Herr Trick wies lächelnd darauf hin, klopfte an seine Nase, worauf er knirschend sagte:

»Sehr gut, halb und halb! Sehr gut. Hätte Ihnen den Spaß nicht zugetraut. War wirklich prächtig ausgedacht und prächtig ausgeführt. Zieht aber nicht bei mir. Trage stets Schwimmgürtel unter der Weste, wenn ich aufs Wasser gehe und habe deshalb die Louisdore gerettet. Sind freilich etwas seebeschädigt. Bitte mir deshalb genau so viel andere dafür aus, die sich besser halten. Bitte mir dann zweitausend Taler Schwimmgeld und fünfzehnhundert für die Helgoländer aus – halb und halb! Wollen dabei bleiben. Also dreizehntausendfünfhundert Taler preußisch. Habe keinen Pfennig dabei – ist fast der Selbstkostenpreis«, krähte Herr Trick entzückt, als er die Verzweiflung seines Prinzipals bemerkte.

Stubborn schnappte einigemal nach Luft und fand dann die Sprache wieder. »Weshalb haben Sie nicht gerufen, wenn Sie über Wasser waren?« fragte er heiser.

»Wollte mich nicht gern auf den Kopf schlagen lassen, wie Sie den Matrosen empfahlen, wenn ich auftauchte.«

Stubborn sank hier zusammen, da er sah, daß alles Leugnen seines Anschlages umsonst sei. »Nein, nein, bin nicht so leicht zu fangen, obgleich Sie Talent für die Branche haben. Wahrhaftig viel Talent«, sprach Trick aufmunternd. »Ich werde Ihnen Gelegenheit verschaffen, es zu üben. Aber nicht an mir – das müssen Sie sich aus dem Sinn schlagen. Geht wahrhaftig nicht«, schloß Trick kopfschüttelnd und fuhr fort:

»Habe mit Schmerzen auf Sie gewartet, weil ich Geld brauche. Die zehntausend Mark vom vorgestrigen Wechsel sind draußen. Deshalb zahlen Sie. Ich brauche bis sechs Uhr zehntausend Mark, das übrige morgen. Bleiben dann dreiundzwanzigtausendsiebenhundertundfünfzig Mark. Kann's nicht billiger liefern. Ist wirklich Selbstkostenpreis.«

Hiermit ging Herr Trick laut lachend in das Kontor zurück und ließ Stubborn in dumpfer Verzweiflung vor den Bleigewichten, die er anstarrte und die sich an ihn hingen als Schwerpunkte des mißglückten Versuchs, einen verhaßten Kompagnon abzuschütteln.

*

Trick verdankte allerdings seiner Vorsicht, den Schwimmgürtel anzulegen, diesmal sein Leben. Er hatte keine Ahnung von dem freundschaftlichen Plan, durch den sich der Prinzipal seiner entledigen wollte, denn er traute ihm nicht so viel Energie zu und hielt die Sache so lange für Zufall, bis er im Wasser lag. Als er jedoch das Gesicht Stubborns über der Reeling sah, wurde ihm alles klar. Er trieb mit dem Strom unter den Stern des Schiffes, wo ihn das Wasser an das Steuer drückte. Hier erfaßte er die Ketten, die an der Seite angebracht waren, um das Steuerruder bei einem zufälligen Aushaken festzuhalten, und hing ein Weilchen, um zu verschnaufen. In diesem Augenblick trieb das Boot hinter das Schiff, und Trick, den die Dunkelheit verbarg, weil nur sein Kopf über Wasser war, hörte die freundliche Ermahnung Stubborns an die Matrosen und hielt sich wohlweislich still. Er mußte eine verzweifelt lange Zeit in dem zum Glück warmen Wasser hängen, bis die Matrosen zurückkamen. Er würde nach Hilfe gerufen haben, da er aber den Spaniern nicht traute und sah, daß man die beiden Bootsblöcke herunterzog, um das Boot daran einzuhängen, so faßte er Geduld und schwur, sich die Partie bezahlen zu lassen. Da ihn auch in der nassen Lage der Spekulationsgeist nicht verließ, so gedachte er sich des Bootes zu bemächtigen, um den meuchlerischen Spaniern wenigstens noch einen Possen zu spielen. Außerdem malte er sich das Vergnügen lebhaft aus, das ihm bevorstände, wenn ihn Stubborn lebend erblicken würde.

Die Matrosen verschwanden kaum in der Höhe an den Tauen, als auch Trick seine Kette losließ und mit dem Strom gegen das Boot trieb. Er hielt sich am Bord fest und hakte leise die beiden Blöcke vorn und hinten aus, worauf das Fahrzeug mit der Flut und in der Dunkelheit unbeachtet aufwärts trieb. Trick blieb ruhig am Spiegel hängen und wartete, bis er außer Hörweite des Schiffes war, worauf er mit vieler Mühe in das Boot kletterte.

Da das Wasser wärmer war als die Luft, so fing ihn an zu frieren, und ergriff deshalb die Ruder, mit denen er sich warmarbeitete und schneller aufwärtskam. Endlich trat Totwasser und die Ebbe ein, deshalb mußte sich der einsame Schiffer nach einem Platz umsehen, wo er die nächste Flut erwarten konnte. Er saß in einer fast ebenso schlimmen Lage wie früher im Wasser, denn die Nacht wurde kalt und seine Kleider trieften von Nässe. Die Zähne begannen ihm bereits zu klappern, als er den Schein eines Feuers erblickte und darauf zurudernd eine holländische Kuff fand, aus deren Deckkajüte das einladende Licht glänzte.

Die drei phlegmatischen Holländer, die um den Ofen saßen und ihren Tee kochten, nahmen vor Verwunderung ihre Tonpfeifen aus dem Munde, als Trick an Bord stieg. Da sie sahen, daß er ganz durchnäßt war, so räumten sie ihm sofort einen Platz neben dem Ofen ein, während der Älteste eine tüchtige Portion Genever in seine Teekumme zu dem Tee goß und diese dann dem nassen Gast in die Hände schob.

Herr Trick führte die Schale auch ohne weiteres an den Mund und trank sie ohne abzusetzen aus, worauf er sich einigermaßen besser fühlte und den Schiffern mitteilte, daß er beim Fischen ins Wasser gefallen und mit dem Boot von einem Fahrzeug abgekommen sei, das nach Hamburg gehöre.

Er erfuhr, daß die Kuff nach Glückstadt aufsegeln wollte und Wind und Flut erwarte. Später wollte sie nach Hamburg. Trick verhandelte seine Mitreise bis Glückstadt. Glücklicherweise führte er noch Geld bei sich und brauchte die Goldrollen nicht sehen zu lassen. Er borgte sich von den Leuten einen alten Schifferanzug, gegen den er zwölf Taler einsetzte, um ihn später in Hamburg wieder abzuliefern.

Trick sah komisch genug darin aus und zwang den Schiffern ein Lächeln ab. Sobald er sich trocken fühlte, gab er einen großen Grog zum besten, bei dessen Vertilgung die schweigsamen Holländer gemächlich aber ausgiebig mithalfen, worauf sich alle in einem angenehmen Dusel schlafen legten.

So fest und gesund der Schlaf der Seeleute war, so bemerkten sie es doch sofort, als sich der Wind erhob und waren dabei, die Segel und den Anker aufzuholen. Dies hatte zur Folge, daß man schon nach Sonnenaufgang bei Glückstadt ankam, wo Herr Trick Abschied nahm, mit seinem nassen Kleiderbündel in das eroberte Boot stieg und mit der Flut aufwärtsruderte.

Da der Wind von unten kam, so stellte er zwei Ruder aufrecht, über die der nasse Rock gehängt wurde, um zu trocknen und zugleich als Segel zu dienen. Die Goldrollen legte er neben sich in das Boot, öffnete jedoch eine, um einige Louisdore für vorkommende Fälle einzustecken. Er betrachtete sie als sein sauer erworbenes Eigentum und dachte gar nicht daran, sie Stubborn wiederzugeben. Er erstaunte jedoch über alle Maßen, als ein bleiernes Uhrgewicht zum Vorschein kam, als er das Papier aufriß. Eine Untersuchung der übrigen Rollen ergab ein gleiches Resultat. Trick sah erst jetzt den ganzen schlau berechneten Mordplan seines Prinzipals ein und saß lange in Erstaunen über dessen ungeahntes Talent. Er wurde fast von Hochachtung für ihn erfüllt.

Das Boot, ein sogenannter Heckhänger von leichter Bauart, lief sehr schnell vor dem Winde und dem improvisierten Segel, so daß Herr Trick bei Hochwasser in der Gegend von Wedel ankam. Er versuchte bei dem steten Wind mit seinem Segelwerk auch gegen die Ebbe weiter zu kommen, und da ihm dies gelang, so rückte er, wenn auch langsam, aufwärts. Er dachte eben daran, ob es nicht besser sei, das Boot an einen Ewer zu hängen und sah nach einem solchen umher. Da fiel sein Blick unterhalb Blankenese auf ein Fahrzeug, das ihm bekannt vorkam. Er steuerte darauf zu und erkannte in dem Steuermann den Meister Wöllers und im Kutter den ›Seehund‹. Der Kutter wurde angerufen, worauf Wöllers sofort herüberkreuzte, denn es schmeichelte ihm stets, wenn ihn seemäßig aussehende Leute ansprachen. Er erstaunte nicht wenig, als er Herrn Trick erkannte und sein Schifferkostüm sah, wonach er vermutete, daß der Buchhalter ebenfalls für die Nautik schwärme. Trick erfuhr, daß der ›Seehund‹ eine kleine Spazierfahrt mache und eben im Begriff sei, wieder aufwärts zu segeln. Wöllers war sehr erfreut, einen Gast zu haben und befahl Krischaan, einen Punsch zu brauen und aufzutragen, was da sei. Dann stellte er dem Buchhalter einen alten Seemann als »Steuermann Starke« vor, der sich ein Vergnügen daraus mache, dem ›Seehund‹ Mores zu lehren und ihm seine Untugenden abzugewöhnen, weshalb man die schönen Herbsttage noch zu Kreuzzügen benutze.

Auf der Fahrt fragte Trick wie zufällig, ob Herr Wöllers damals den Brief an das Dampfschiff gebracht habe.

Der Meister erzählte nun mit großer Entrüstung, wie er auf der Fahrt von Piraten überfallen und ihm nicht nur alles Eßbare, sondern auch alle Papiere und mit ihnen der Brief an Schwarz geraubt worden sei.

»Wo ist jetzt Herr Schwarz? Ich habe ihn noch nicht gesehen«, wandte er sich an Trick.

Dieser zuckte mit den Achseln und sprach: »Wir haben nichts mehr mit ihm zu tun. Ich glaube, er ist noch im Winserbaum.«

»Im Winserbaum!« rief Meister Wöllers erschrocken, »und weshalb?«

»Ja«, sagte Trick bedauernd. »Es waren bei uns bedeutende Defizits und – und – der Bruder ist nach Batavia, und er sitzt eben im Winserbaum. Wir wollen die Sache so kulant wie möglich abwickeln und ihm, wenn er loskommt, sogar die Mittel geben, über See zu gehen. Aber der junge Mann ist hartnäckig, und da mag er sehen, wieweit er kommt.«

Meister Wöllers war ungemein erstaunt über die Sache und meinte, daß Schwarz keine Schuld habe.

»Und wissen Sie denn, ob der Brief, den Sie ihm bringen sollten, nicht vielleicht eine Warnung enthielt? Wer gab ihn Ihnen zur Besorgung?« fragte Trick lauernd.

»Hm, ich erhielt ihn von seinem Bruder, als dieser in See gehen wollte«, sprach Wöllers.

»Nun, da sehen Sie ja! Ist das nicht verdächtig? Wenn man nur den Brief auftreiben könnte. Wer weiß, ob man nicht gar Sie deshalb überfallen hat, und ob Schwarz nicht schon da war und von dem Brief wußte, den er in Sicherheit haben wollte, ehe man sich seiner versicherte.«

»Wahrhaftig,« murmelte Wöllers, »man hat nicht einmal auf dem Wasser mehr seine Ruhe. Ich glaube, man könnte sogar in einem Luftballon in Polizeigeschichten verwickelt werden.«

Am nächsten Vormittag saß Meister Wöllers wieder auf dem Kutter, der noch auf seinem Ankerplatz lag. Krischaan mußte ihn in dem von Trick erstandenen Boot hinausrudern, während er mit tiefsinniger Miene im Stern saß, wie das einem Kapitän geziemte. Der Morgen war wunderschön und man beschloß, mit eintretender Ebbe wieder abwärts zu kreuzen. Die Flut brachte frisches klares Wasser herauf, das in kleinen Wellen zwischen der Ewerflotte plätscherte, auf der alle Schornsteine rauchten. Drüben lagen die großen Schiffe und hinter ihnen die Häuserreihe von St. Pauli. Nach abwärts erhob sich Altona mit seinem spitzen Kirchturm, der den Hügel krönte, auf dem die Stadt liegt. An seinem Fuße zog sich der Hafen mit dem Mastenwald hin, vor dem sich die mit Schiffen übersäte Elbe weit in die Ferne streckte, bis sie am Horizont verschwand.

Mit der Flut kamen mehrere kleine Fahrzeuge aufgesegelt, wovon einige bei den Ewern Anker warfen, während andere nach der Stadt weiter liefen. Wöllers sah auf einem ein bekanntes Gesicht unter einer Zipfelmütze hervorschauen und schrie hinüber: »Holla! – Herr Peter Wübbe – Peter Wübbe – hierher!«

Peter Wübbe hatte jedoch kaum den »Seehund« erkannt, so braßte er sein Segel an und steuerte nach der Stadt hinüber, um aus Wöllers Stimmbereich zu kommen.

»Teuf, du Halunke! Dich wollen wir wohl kriegen!« schrie ihm Wöllers nach, »Krischaan, mach das Boot klar, wir wollen dem Seeräuber nach und ihm die vier Taler abnehmen, die ich dir hiermit schenke. Ich rudere zu Gevatter Schünnemann, den wir mitnehmen.«

Das Geschenk war nun zwar für Krischaan sehr problematisch. Er ruderte aber zu und dachte, Peter Wübbe würde schon zahlen müssen. Wöllers war wütend auf die Finkenwärder und wollte sich von ihnen nicht betrügen lassen. Er holte deshalb Schünnemann ab und begann seinen Kreuzzug gegen den Elbpiraten. Da man hoffte, diesen bei der Holzbrücke zu finden, wo sich die Fischewer meistens versammelten, so fuhr man dahin.

Hier war ein solches Durcheinander und Getümmel, daß es im ersten Augenblick unmöglich schien, ein Fahrzeug oder eine Person herauszufinden. Die Anlande und Treppe war mit Fischweibern erfüllt, deren weiße Mützen mit breiten Flügeln wie große Fische in der Luft umherwogten.

Wo Peter Wübbe hingekommen war, wußte kein Mensch, obgleich er vor fünf Minuten seine letzten Aale verkauft hatte. Wöllers suchte ihn überall und rief nebst Schünnemann umsonst seinen Namen. Er war nirgends zu finden. Der Meister glaubte, er sei nach dem Markt gegangen und suchte ihn eine Weile oben; da er ihn dort nicht fand, stieg er wieder ins Boot, um unverrichteter Sache abzuziehen. Krischaan behauptete jedoch, daß Peter Wübbes Zipfelmütze auf einen Moment in seiner Kajütluke erschienen sei, als der Meister die Treppe nach dem Markt hinaufstieg, und wo Wübbes Zipfelmütze sei, da müsse Wübbe auch sein, schloß er logisch. »Gut denn! warten wir's ab«, sagte Wöllers. »Schünnemann soll sich auf der Brücke postieren und ›Utkiek‹ halten. Ich gehe mit ihm scheinbar nach der Stadt hinein und du gibst vom Boot aus acht. Pass' gut auf, es kostet dich sonst vier Taler!«

Nun ging Wöllers mit Schünnemann nochmals in die Nähe des Fischewers und rief wiederholt nach dem Fischer. Dann sagte er so laut, daß es dieser hören mußte, wenn er im Fahrzeug war: »Na, du siehst, daß er nicht da ist! Laß uns jetzt nach dem Jungfernstieg gehen und dann auf dem Rückweg noch einmal nachsehen« – worauf er mit dem Gevatter langsam die Treppe nach der Straße hinaufstieg.

Krischaan hatte sich indes leise mit dem Boot neben den Ewer geschoben und lauerte dort zusammengekauert und die Luke im Auge behaltend, wobei er aus der Fangleine eine große Schlinge zurecht machte. Es mochten auch kaum zwei Minuten verflossen sein, als aus dem Dunkel der Luke die helle Troddel einer Zipfelmütze langsam emporstieg, der alsbald die Mütze selbst und unter ihr das pfiffig schmunzelnde Gesicht Peter Wübbes folgte, bis es, mit den Augen gerade über Bord, den Landungsplatz und die Treppe fixierte. Da sich dort nichts Verdächtiges zeigte, so schob sich der Kopf vollends heraus, welchen Augenblick Krischaan nur abgewartet hatte, um ihm die Schlinge überzuwerfen und zuzuziehen.

Peter Wübbe fühlte kaum die Berührung, als er wie ein gefangener Lachs untertauchte. Da jedoch Krischaan das Tau um die Rudertolle legte und außerdem noch aus Leibeskräften daran zog, denn Krischaan hätte, um die vier Taler nicht einzubüßen, eher vier Finkenwärder stranguliert, so blieb dem Fischer kein anderer Ausweg, als hervorzukommen oder sich erdrosseln zu lassen.

Wöllers und Schünnemann wollten sich vor Lachen ausschütten, wie Krischaan den Finkenwärder am Tau aus der Luke zog und ihn halb erhängt auf Deck brachte. Peter wollte zwar kein Geld herausgeben und sprach von »innerlichen Schäden« und »Doktorrechnung«. Es half jedoch alles nichts, er mußte endlich unter dem Gelächter seiner Kameraden die vier Taler aufzählen, da er, wie die Fischer bestätigten, eben erst zehn Taler für die Fische eingenommen. Krischaan steckte das Geld in die Tasche, knöpfte sie zu, schlug mit der Hand darauf und gab so pantomimisch zu verstehen, daß er den sehen wolle, der sie ihm wieder heraushole.


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