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Vor der Schifferkneipe
Mit dem Frieden und Glück im Kühnmannschen Hause war zugleich besseres Wetter gekommen, und die Sonne lachte wieder auf den Strand nieder.
Dagegen war bei Stubborn stummer Unmut eingezogen und die Familienmitglieder mieden einander.
Stubborn ging mit finsterem Grimm umher, denn die Zahlungen, die er an Trick machen mußte, nagten an ihm wie Bohrwürmer im Schiffsholz. Er spekulierte Tag und Nacht, wie er sich seines Buchhalters entledigen könne, fand aber kein Mittel dazu, während dieser Herr borstiger als jemals erschien und ihn wie eine wilde Katze umschlich.
Scapin war, als er Julie zum ersten Male sah, bewundernd stehen geblieben, bis ihn das Kalb gewaltsam fortzog. Julie hörte noch aus dem Mund des Fremden ein Lob ihrer Schönheit, das so wirksam aus Shakespeare, Schiller und Goethe zusammengesetzt war, daß sie sich höchst geschmeichelt fühlte und nur noch ergrimmter auf das Kalb wurde, das auch diesen Mann kannte und sich sicher zwischen sie und ihn stellen würde, wenn jener Absichten auf sie faßte.
Sie schloß nicht unrecht, denn Spickmann bemerkte nicht so bald den Eindruck Juliens auf Scapin, als er auch schon eine Schilderung von ihr entwarf, die den Verächter der Millionäre abschrecken sollte, jedoch die Wirkung hatte, daß sie ihn sofort bewog, der Dame seine ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden. Um Spickmann aber den Glauben beizubringen, daß keine ernstliche Absicht zugrunde liege, fragte er ihn, ob die Dame von Adel sei, und dann ob von hohem Adel, in welchem Fall er von einem Späßchen mit ihr absehen müsse, sei dies aber nicht der Fall, dann wäre er nicht abgeneigt, seinen Scherz mit ihr zu treiben.
Das änderte die Sache und machte Spickmann bereit, den hochgestellten Fremden dabei zu unterstützen, weil Fräulein Julie köstlich angeführt werden konnte. Freilich nicht in dem Sinn wie das Kalb dachte, das eine hohe Meinung von der Person Scapins faßte.
Dieser machte ungemeine Fortschritte in der Verachtung der Millionäre und erwarb sich eben dadurch immer mehr ihre Gunst. Er teilte mit seinem treuen Diener und Kollegen ein paar gemütliche Zimmer in Altona, erschien aber jede Woche einmal im ersten Hotel dort in einer Droschke und blieb die Nacht über, worauf er am nächsten Tag wieder verschwand, nachdem der treue Diener eine Tasche voll wichtiger Depeschen gebracht. Auf diese Weise galt das Hotel für seine Wohnung, und es wurden dort Briefe und Einladungen für Herrn von Scapin abgegeben, denn mit diesem bescheidenen Titel wollte er nur genannt sein; durchaus nicht anders, wie er dem zerknirschten Diener streng befohlen, als ihn dieser vor mehreren Kellnern mit Durchlau – – – anreden wollte.
Herr Trick saß an seinem Pult auf dem hochgeschraubten Kontorsessel, hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und baumelte mit den Beinen in der Luft, wodurch seine schon kurzen Hosen ungebührlich in die Höhe gezogen wurden. Dabei hielt er mit grimmiger Miene eine Feder quer im Munde, wie die Husaren ihren Säbel halten, wenn sie, in jeder Hand eine Pistole, zum Angriff reiten, und starrte so in einen Brief, der vor ihm lag und aus Neuyork datiert war. Er enthielt nur die wenigen Worte:
»Ihr Mann hat durch mich eine Anstellung in den mexikanischen Schwefelbergwerken erhalten, womit unser Geschäft abgemacht und unsere Verbindung erledigt ist. Versuchen Sie nicht, mir weitere Aufträge zu geben, ich könnte sonst wieder dienen, denn ich kenne alles und bleibe hier in Neuyork.
Ihr ergebener Müller.«
»So! Du kennst alles!« murmelte Trick ingrimmig. »Was ist alles? Was hast du mit den Schwefelbergwerken zu tun? Heißt das beiseite gebracht? Ist das der Lohn für meine Gutmütigkeit, für das Vertrauen, welches ich dir Halunken geschenkt habe? Ha! Hätte ich dich nur hier, ich wollte dich schon besser kriegen! Du solltest mir erst einen kleinen Raubmord oder so was begehen, ehe ich dich losließ. Etwa der alte Wolf, das wäre was –«
Herr Trick wurde hier in seinem Monolog unterbrochen. Der Briefträger kam und gab Briefe ab, die ihm auf das Pult gelegt wurden, damit er sie dem Prinzipal einhändige.
Dies war die eingeführte Geschäftsordnung, auf die man streng hielt, weil die Art der Stubbornschen Geschäfte eine Einsicht Unberufener in die ankommenden Briefe nicht wünschenswert machte. Trick sah die Adressen durch und fuhr beim Anblick eines Briefes mit dem Poststempel Batavia empor. Er steckte schnell das Schreiben aus Neuyork in die Tasche, stieg vom Stuhl herab und trug die Briefe in das Kabinett Stubborns.
Dieser saß kalkulierend da und stützte den Kopf in die Hand. Als der Buchhalter eintrat, fuhr er auf und sah ihn erstaunt an. Er war jedenfalls in Gedanken auf eine Art beschäftigt, wo er ihm unerwartet erschien, denn nach einigen Sekunden kam er zu sich und sprach: »Ach so!« – worauf er die Hand nach den Briefen ausstreckte.
Herr Trick beeilte sich jedoch nicht mit der Übergabe. Er zog vor allen Dingen den Brief von Müller aus der Tasche und hielt ihn Stubborn hin. Dieser nahm und las, worauf er einen leisen Fluch zwischen den Lippen murmelte und Trick finster anblickte.
»Da haben Sie es nun ja mit Ihrem Müller. Weshalb besorgten Sie die Sache nicht selbst und gingen hinüber?« grollte er.
»Gehe nicht über See. Kann mich nicht von Ihnen trennen«, brummte Trick, indem er den Umschlag des Briefes aus Batavia erbrach und den Inhalt las, bei dem sein Gesicht immer freundlicher wurde. Als er fertig war, sprang er schnell von der Tischecke herab, auf die er sich ungeniert gesetzt und gab Stubborn den Brief, wobei er ihm auf die Achsel klopfte.
»Famoses Geschäftchen, Kompagnon«, kicherte er. »Ausgezeichnet! Schneller Umsatz. Geht nichts darüber – ha, ha, ha!« Er rieb sich die Hände vor Vergnügen und machte einen kleinen Luftsprung. »Nun? Was sagen Sie?« fragte Trick, das Gesicht seines Prinzipals betrachtend, in dem sich Befriedigung zeigte. »Können nur immer fünfzigtausend Mark für mich zurecht legen! – – halb und halb!«
Das Gesicht Stubborns verfinsterte sich bei diesem Schlußsatz wieder ganz und gar. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und entgegnete: »Das ist bei Gott unerhört! Können Sie den Hals niemals voll kriegen? Sie schleppen das Geld zu Hunderttausenden fort. Was tun Sie damit? Weshalb lassen Sie es nicht im Geschäft?«
»Weil ich es in meinem Geschäft brauche«, sprach Trick, sich in die Haare greifend.
»In Ihrem Geschäft?« fragte Stubborn erstaunt.
»Ja, ja, ja! In meinem – – Ge – schäft«, antwortete Trick grimmig.
»In was spekulieren Sie? Das muß sehr bedeutend sein,« forschte Stubborn.
»Gottv– –! Allerdings ist's bedeutend. Geht Sie aber nichts an. Ist meine Sache. Ich halte mich an unser Abkommen, halb und halb«, erwiderte Trick grob.
»Halt!« sprach Stubborn die Hand ausstreckend. »Wenn Sie das immer geltend machen wollen, dann will ich's auch. Ich beanspruche dann auch halb und halb von Ihrem Geschäft.«
Trick sah seinen Prinzipal verwundert an und begann entsetzlich zu grinsen, bis er in ein lautes Gelächter ausbrach und sprach: »Sie – wollen – al – so halb und halb – mit mei – nen Privat – geschäften ge – hen? – Ha – ha – ha! – Gut! Ich werde eine Bilanz machen und Sie vom Stand der Dinge unterrichten, sobald – – ich Lust dazu habe. – Ha – ha! – Eine gute Idee. – Wahrhaftig, sehr gut!« –
Herr Trick lachte so laut, daß man im Kontor verwundert horchte und die Ansicht aussprach, es müsse etwas sehr Lustiges passiert sein, besonders als Herr Trick an sein Pult zurückkehrte und dort von Zeit zu Zeit neue Anfälle von Heiterkeit bekam.
Stubborn aber saß noch ein Weilchen regungslos und sann darüber nach, was Trick wohl Komisches an seiner Forderung gefunden habe. Er kam ihm in der letzten Zeit überhaupt etwas komisch vor. Sollte er etwa gar überschnappen? dachte der Prinzipal. Dann kalkulierte er wieder, zündete endlich ein Licht an und verbrannte die Briefe aus Neuyork und Batavia sehr bedächtig. Die Asche rieb er klar, weil man noch ganze Worte darauf erkennen konnte.
Hierauf überlegte er nochmals und schien endlich einen bestimmten Entschluß zu fassen; er stand auf, nahm seinen Hut und ging.
Die Bekannten des Herrn Stubborn würden sich gewundert haben, wenn sie ihm in der Dämmerung gefolgt wären und bemerkt hätten, wie ihn der Weg nach den Matrosenkneipen in St. Pauli führte, an deren Fenstern und Türen er umherlungerte. Er suchte etwas und mußte es endlich gefunden haben, denn er trat in den grünen Jäger, wo ein buntes Treiben herrschte und rauschende Musik aus dem Saal erschallte, bei der eine große Trommel und eine Trompete in eigentümlichem Rhythmus obligierten.
An der Tür standen, zwischen Seeleuten aller Nationen, einige Mädchen, welche, in verschiedene Phantasie-Nationaltrachten gekleidet, die Matrosen freundlich zum Eintritt ermunterten. Durch die Musik und laute Unterhaltung, die in dem Flur stattfand, hörte man einen dumpfen Lärm, der, vom Hintergrund des Saales ausgehend, immer stärker anwuchs und sich nach der Tür wälzte, aus welcher plötzlich zwei Matrosen flogen, zu deren schnellerem Fortkommen die jungen Damen im Vorbeigehen oder vielmehr Vorbeifliegen hilfreiche Hand anlegten, ohne ihre Unterhaltung groß zu unterbrechen. Die Seeleute, die die Sache nichts anging, zogen nicht einmal ihre Hände aus den Taschen, ein so alltägliches Ereignis schien die Verabschiedung der Gäste zu sein.
Die Hinausgeworfenen waren in ihren Vermögensumständen so weit gekommen, daß ein aufgenommenes Inventar ihres Besitzstandes nicht mehr als ein wollenes Hemd und ein paar leinene Beinkleider nebst einem Riemen mit einem Messer aufzuzeichnen gehabt hätte. Es waren zwei schmächtige, gelbbraune Burschen mit kohlschwarzen Haaren und Augen, die in fürchterlicher Glut aufloderten, als sie wieder vom Boden emporschnellten, wo sie vor Anker gegangen. Ihre Hände griffen instinktartig nach dem Messer, mit welchem sie in das Haus stürzen zu wollen schienen. Die deutschen Matrosen sahen nicht sobald die Klingen in den Händen der Spanier blitzen, als sie auch ihre Fäuste aus den Taschen brachten und kaltblütig einen Angriff erwarteten.
Stubborn, der neben den Spaniern stand, sprach einige spanische Worte, worauf sie ihre Messer sofort einsteckten und mit ihm nach dem Zaun der Wiese hinübergingen, wo sie eine leidenschaftliche Erzählung vortrugen, während der sie von den anderen Seeleuten vergessen waren. Die Spanier machten Stubborn mit dem furchtbaren Unrecht bekannt, das man ihnen in diesem Hause angetan, in das sie mit gefüllten Taschen gekommen und nun beinahe nackt hinausgeworfen waren. Daß ihnen dieser Unfall nach jeder Fahrt und in jedem Hafen passierte, daran dachten sie nicht – die Vergangenheit war total vergessen, die Zukunft lag bei diesen Leuten noch in weiter Ferne.
Stubborn machte ihnen einen Vorschlag, bei dem sie ihn überrascht anblickten. Dann begann ein eifriges Handeln, das damit endigte, daß er jedem zehn Goldstücke gab, wogegen sie einen Schwur zu leisten schienen, um kurz darauf ganz vergnügt in den grünen Jäger zurückzukehren, wo sie äußerst zuvorkommend aufgenommen wurden, sobald man ihr Geld bemerkte. Die Vergangenheit war wiederum total vergessen.
Herr Stubborn machte sich indes so schnell wie möglich davon und ging zum Hafentor hinein und nach den Vorsetzen, wo er in verschiedenen Tavernen nachsah und fragte, bis er den Kapitän eines spanischen Schiffes traf, das er als nach Batavia bestimmt an der Börse angeschlagen gefunden und dessen Matrosen er soeben aus der Klemme geholfen hatte.
Er fragte den Kapitän um seine Abgangszeit und erfuhr, daß er bei Cuxhaven vor Anker gehen würde, um einige Güter einzunehmen, die von Bremen kommen sollten. Stubborn bemerkte, daß er vielleicht um dieselbe Zeit in Cuxhaven sein und eine Kleinigkeit mitgeben würde, worauf er sich verabschiedete und in die Stadt ging, um mehrere Einkäufe zu machen. Ein Beobachter würde gesehen haben, wie er verschiedene Eisenhandlungen besuchte, um dort bleierne Gewichte für Wanduhren zu kaufen, von denen er nach und nach gegen fünfzehn Pfund zusammenbrachte und in seinen Rocktaschen nach Hause trug. Die Last wäre jedem anderen unangenehm geworden. Herr Stubborn schien jedoch fast Vergnügen daran zu finden und beschäftigte sich in seinem Zimmer noch lange damit.
Herr Trick war während dieser Zeit mit seinem Schutenführer Wilm zusammengeraten und hatte ihn nach einem tüchtigen Wortwechsel davongejagt, weil er den Lohn für den Raubzug gegen Wöllers haben wollte. Unter den Papieren, die er davon zurückbrachte, war der Brief an Schwarz nicht. Er hatte nach der Meinung Tricks seine Sache schlecht gemacht und nicht gehörig gesucht, deshalb wollte der Auftraggeber nichts zahlen, und da ihn in dieser Sache schon der Neuyorker Brief in sehr üble Laune gebracht, so ließ er seinen Zorn an Wilm aus und jagte ihn fort, als dieser grob wurde.
Es war Wilm gegangen wie dem Hund in der Fabel mit dem Stück Fleisch. Er war allerdings im Besitz des Briefes, dachte aber, das Geld von Trick sei ihm einmal sicher und den Brief an Schwarz könne er an diesen gut verkaufen und so einen doppelten Nutzen aus dem Geschäftchen ziehen. Da er eine vertraute Stellung bei Stubborn einnahm und von manchem Geheimnis des Hauses wußte, so wurde er natürlich grob und gab Trick bei seinem Abschied zur Antwort, daß er ihn auf den Knien zu sehen hoffe, damit er seine Stelle wieder antrete. Er werde jeden Vormittag bis neun Uhr auf dies Ereignis warten, aber keine Minute länger. Hierauf ging er hohnlachend, kam jedoch bald zurück und machte Trick mit dem Umstand bekannt, daß er darauf bestehen müsse, daß Trick die ganze Saaltreppe zu Wilms Wohnung kniend hinaufrutsche, ohne nur eine Stufe auszulassen.
Wilm hatte denselben Morgen sechs Bergen voll seidene Tücher gepackt, die er als Abschlagszahlung zu nehmen dachte. Er lauerte deshalb um den Speicher herum, bis Trick fort war, warf dann die gefüllten Bergen in sein Boot und legte andere mit wertlosem Inhalt an deren Stelle.
Herr Trick wunderte sich deshalb nicht wenig, als er in den nächsten Tagen von Magdeburg einen Brief erhielt, in dem man ihm anzeigte, daß ein Versehen stattgefunden haben müsse, da die Bergen nichts als Lumpen enthielten. Er ahnte die Sache, konnte jedoch nichts tun, da am nächsten Tag Sonntag und Wilm schwer zu finden war. Außerdem sollte das Bogenschießen in Neumühlen stattfinden, wozu man alles ins Werk gesetzt. Übrigens gab er auch die Tücher verloren, denn er konnte Wilm auf keine Weise zur Herausgabe zwingen, da er die Polizei nicht anrufen durfte. Herr Trick wollte deshalb über die Schlechtigkeit der Menschen verzweifeln und fand nur einigen Trost darin, daß er den Schaden in der Kostenberechnung für den Senator wieder auszugleichen hoffte, was in der Art für ihn vorteilhaft war, weil Stubborn den Verlust der Foulards allein tragen mußte. Den Grundsatz halb und halb wandte er bloß auf den Gewinn an.
Aber auch andere Leute waren nicht geneigt, Geschäfte auf halb und halb zu machen, wenngleich sie ihre Waren umsonst bezogen. So Takel-Jan, der mit stillem Ingrimm die Abnahme seiner Vorräte im Wrack bemerkte. Er ließ sich in der letzten Zeit oft bei allen Lumpenhändlern sehen, ohne etwas zu verhandeln. Im Gegenteil suchte er unter den Tauen, als hätte er Lust, welche zu kaufen.
Auch beim alten Wolf wühlte er eifrig umher, wenn er etwas ablieferte und besah kopfschüttelnd einiges Tauwerk, in welchem er verschiedene Knoten entdeckte, bei deren Anblick er einen leisen Pfiff hören ließ.
Er sagte nichts – ließ jedoch seine Augen spähend umherlaufen und sie einen Augenblick auf Jakob ruhen, der eben die Treppe herabkam und den Mund breitzog, als er ihn bemerkte. Dann ließ er die Taue fallen und ging fort. Er glaubte Jakob einmal in der Gegend des Wracks gesehen zu haben und faßte den Entschluß, diesen jungen Mann zu beobachten.
Von der Zeit an vernachlässigte er fast sein Geschäft und man wunderte sich am Strand, daß so wenig abhanden kam. Takel-Jan lag Tag und Nacht auf der Lauer hinter den Kohlenschiffen und hielt den alten Schiffsrumpf im Auge, bis er endlich die Gestalt Jakobs daran hinaufklettern und ihn im Raum verschwinden sah.
Der Bootsmann ergriff seine Ruder und wollte sofort hinüber, um den unbefugten Kompagnon auf frischer Tat zu ertappen. Er überlegte jedoch, daß er entwischen könnte, wenn er ihn am Schiff hinaufklettern hörte und blieb ruhig sitzen, bis er Jakob mit etwas Tauwerk davonschleichen sah. Hierauf ließ er einige Stunden vergehen, worauf er nach den Kajen ruderte und von seinem Boot aus Wolfs Keller so lange beobachtete, bis er Jakob bemerkte. Er stieg sofort nach und eröffnete dem alten Wolf, daß er eben eine große Ladung Tauwerk und Kupfer auf sein Lager gebracht habe, das er am nächsten Morgen nach Tagesanbruch herschaffen wolle. Von Jakob schien er gar keine Notiz zu nehmen, obgleich dessen Augen aus dem Winkel, in dem er herumkramte, wie die einer wilden Katze leuchteten.
Der Junge war den ganzen Tag über sehr lustig, obgleich er von Wolf mehrere Rippenstöße erhielt, was zu dessen Gewohnheiten gehörte, wenn ihm Jakob in den Weg kam. Die Aussicht auf eine Teilung mit Takel-Jan, die er, sobald der Abend heraufkam, im Wrack vorzunehmen gedachte, erheiterte ihn ungemein. Die Torsperre genierte ihn dabei gar nicht, weil er im Besitz des Geheimnisses vom Dammtorweg war.
Dieses Geheimnis war Eigentum der Hanseaten Hanseaten waren im Gegensatz zu den Bürgergardisten die Angehörigen des sog. Bundeskontingents; die Truppe war nicht sehr angesehen, weil sie sich aus den Angehörigen aller möglichen Staaten zusammensetzte und die Disziplin nicht allzu streng war. und eine fortwährende Einnahmequelle. Ein Kapital, das für die Wache eine Kümmelquelle eröffnete. Der Dammtorweg war ein Werk der Hanseaten. Ein Anklang an die Bauwerke, die die römischen Legionen in ihren Mußestunden auszuführen pflegten. Er zeigte zwar nicht das Großartige dieser Bauten und verbarg sich bescheiden vor den Augen der Menge, da er unter dem Wasser des Stadtgrabens ausgeführt war. Der Nutzen, den er dem Publikum gewährte, war jedoch weit größer, denn er diente dem Eingeweihten dazu, die Torsperre zu umgehen.
Dort, wo die Außenalster sich zum Stadtgraben verengt und hinter der Esplanade bis zum Dammtor hinzieht, war das Wasser mit Gebüschen eingefaßt. Vom Tor ab zog sich eine Planke nach dem Wasser hinunter, die ein Stück darüberragte und mit Eisenspitzen garniert war. Um diese Planke hatten die fleißigen Hanseaten jenen geheimen Weg hergestellt, indem sie Ziegelstein um Ziegelstein in das Wasser warfen, bis es nur noch etwa zwei Zoll tief, um die Eisenspitzen gangbar war, die nun als prächtige Anhaltspunkte dienten. Der Weg führte im Gebüsch fort, aus dem man hinter dem ersten Haus trat. Außerhalb des Tores mußte man die Hanseatenwache passieren.
Hatte nun die Stadt ihre Torsperre mit steigenden Preisen an die linke Seite des Tores gesetzt, so hatten die Hanseaten eine kleine Privattorsperre an der rechten Seite angelegt, die ungleich billiger war. Es stand stets ein Mann auf der Lauer, der sich von Abonnenten die Marken zeigen ließ, denn solche gab es; während er von Nichtabonnenten bis zehn Uhr einen Sechsling, nach zehn Uhr einen Schilling einkassierte Anm. Reinhardts: »Wir selbst wurden damals durch einen Sachsen – aus ›Zwicke‹ –, der in Hamburg diente, mit der Sache bekannt und erhielten für 8 Schilling eine Marke, die in einem Siegel auf Kartenblatt bestand, auf dem die Türme und die Jahreszahl 1842 befindlich waren. Der Zwickauer war der Geschäftsführer dieser Branche. Der Weg wurde von Leuten benutzt, von denen man es nimmermehr erwartet hätte. Im Jahre 1855 schien er jedoch nicht mehr zu existieren, da das Gebüsch gelichtet war und das Wasser sich tiefer zeigte.«.
Jakob machte sich also gegen Abend nach St. Pauli hinaus und trieb sich auf dem Spielbudenplatz umher, bis die Dämmerung eintrat. Dann schlich er vorsichtig an den Strand hinunter, lugte in alle Winkel und kletterte, da er die Luft rein fand, wie eine Katze am Wrack empor, in dem völlige Finsternis herrschte, worin er durch ein Loch im Verdeck verschwand.
Es waren indes keine zehn Sekunden vergangen, als in dem alten Kasten ein dumpfer Rumor entstand. Ein Gepolter und Planschen im Wasser, nach dem Jakob plötzlich mit triefenden Haaren und erschrockenem Gesicht aus der Luke auftauchte und sich herauszuschwingen versuchte. Dies gelang ihm jedoch nur bis zum halben Leib, während der Unterleib im Raum blieb, offenbar festgehalten und von einem Tauende bearbeitet, dessen Spitze in der Luke erschien, sobald es auf Jakobs Rückseite geschwungen ward. Und es ward mit ungemeiner Schnelligkeit geschwungen und platzte weit hörbar auf den stillschweigenden Kompagnon nieder, der sich mit den Nägeln in die verfaulten Planken krallte und verzweifelte Anstrengungen machte, um das Deck zu gewinnen. Endlich schien der unsichtbare Arm mit dem Tau zu ermüden, verabreichte der inneren Hälfte noch einige Schlußhiebe und ließ dann los, worauf Jakob wie von einer Armbrust emporgeschossen aus der Luke schnellte und über das Deck kugelte, von wo er sich vom Wrack herunterschwang, aus dem nun der Kopf Takel-Jans erschien, dem der übrige Takel-Jan schwerfällig folgte.
Jakob war blitzschnell verschwunden, indes Takel-Jan in sein Boot stieg, das hinter einigen Schuten verborgen lag. Da für ihn ebenfalls keine Torsperre existierte, weil er mehrere geheime Wege in die Stadt kannte, so ging er mit großer Befriedigung nach Haus und erlaubte sich einen Extragrog.
Das Geschäft war für Jakob zwar diesen Sonnabend schlecht ausgefallen, er tröstete sich aber bei dem Gedanken, daß morgen sein Weizen blühe, wo er bei dem angezeigten Bogenschießen in Neumühlen den Preis davonzutragen dachte.
Er verstand diese Kunst so vortrefflich, daß er Jagdzüge auf den Hausdächern unternahm und sich dort als Wilddieb umhertrieb. Den Taubenbesitzern zum großen Ärger, denn er schoß die Tauben weg, ohne sich darum zu kümmern, ob das Paar zehn Groschen oder zehn Taler kostete. Er war darin so luxuriös, daß er sogar einmal ein seltenes Exemplar mit aller Seelenruhe verspeiste, das der Besitzer zwei Tage vorher mit fünfzig Mark bezahlt hatte.
Jakob besaß einen alten Baschkirenbogen, den er bei Wolf gefunden. Er machte am Sonntag morgen dies Instrument zurecht und suchte ein halbes Dutzend Rohrpfeile aus, die schön gerade und im richtigen Gleichgewicht waren. Hierauf trollte er sich nachmittags nach Neumühlen, um sich in stolzer Siegesgewißheit bei Herrn Trick zu melden, wo schon einige Schützen angekommen waren. Er ging am Garten der Eiskuhlschen Villa vorüber und warf einen Blick hinein, infolgedessen er festgebannt stehenblieb, denn er sah den Senator hinter einem Busch lauernd nach Stubborns Haus hinüberblicken und einen Polizeidiener neben ihm. Er drückte sich an den Zaun, um sich im Laubwerk zu verbergen, als er plötzlich eine Hand auf seiner Achsel fühlte.
Ein Satz von etwa vier Ellen war die natürliche Folge dieser Berührung. Indem er dann das Weite suchen wollte, warf er einen Blick auf seinen Angreifer und blieb abermals erstaunt stehen, denn er sah Henri, der, den Finger auf den Mund legend, mit der andern Hand nach dem Hohlweg zeigte und ihm abwinkte, worauf Jakob, die Situation erkennend, sogleich verschwand und sich im Gebüsch einige Nasenstüber versetzend sagte: »O, Jakob, du Esel, hättest du nicht gleich an den Senator denken können? Also darauf war's angelegt? Nun wartet mal 'n bißchen. Ich will euch zeigen, daß ich treffen kann!«
Jakob schnaubte jetzt Rache, weil man ihn so fangen wollte. Er ärgerte sich furchtbar, daß er beinahe in die Falle gegangen wäre. Das Geschäft fiel dann jedenfalls noch schlechter aus, als das von gestern abend. Er hatte in den letzten Tagen kein Glück.
Unter diesen Gedanken stahl er sich im Gebüsch den Hügel hinauf, bis er an ein Haus kam, bei dem er früher einen Wagen stehen sah. Hier nahm er die Bleispitzen von zwei Pfeilen, steckte kleine Steine hinein, umwickelte sie mit Bindfaden und schmierte sie sehr fett mit Wagenteer aus einer Büchse, die unter dem Wagen hing. Dann verschwand er wieder im Gebüsch und nahm eine Stellung, von wo ihm sowohl der Senator als auch Herr Trick auf etwa sechzig Schritt schußrecht war, während er zugleich den Rückzug vollkommen frei wußte.
Herr Trick stand eben bei den Schützen und musterte jeden einzelnen, um eine Physiognomie herauszufinden, die fähig war, sich an einem Senator zu vergreifen, als er plötzlich einen Puff vor die Brust erhielt und mit der Hand danach fassend einen Rohrpfeil ergriff, von dessen Teerspitze sein Hemd arg zugerichtet war.
Jakob ließ diesen Pfeil kaum von der Sehne fliegen, als auch schon der zweite darauf lag und nach der Brust des Senators gerichtet wurde. Ehe er aber abschoß, änderte er sein Ziel und sandte den Teerboten dem Polizeidiener zu, damit dieser auch etwas davon habe, wie er lachend bemerkte, worauf er verschwand.
Der gute Polizeidiener stand erst einen Augenblick samt dem Senator wie vom Donner gerührt, dann faßte er seinen Stock und brach in das Gebüsch, in dem er den Schützen vermutete, während der Senator einen Seitensprung machte, der in Hinsicht auf die Korpulenz dieses Herrn wirklich glänzend ausfiel, hierauf aber schnell verschwand, denn er hielt sich nun nicht mehr für sicher.
Daß unter solchen Umständen das Wettschießen sofort eingestellt wurde, war ganz natürlich, da es nun zwecklos erschien. Herr Trick mußte zwar von den Schützen viele Grobheiten einstecken. Er behauptete jedoch, daß einer von ihnen meuchlings auf ihn geschossen habe und beschloß, die Grobheiten samt einem halben Dutzend Hemden Herrn Eiskuhl extra anzurechnen.
Vorderhand tröstete er sich damit, daß er nächsten Mittwoch wieder einen Wechsel von Stubborn kassieren würde und freute sich im voraus über dessen Grimm, in welchen ihn jede Zahlung brachte. Außerdem sollte der Prinzipal zehntausend Taler nach Batavia schicken. Das mußte ihn auch in der Seele brennen. Herr Trick beschloß, ihn gleich frühzeitig daran zu erinnern und rieb sich die Hände vor Vergnügen, wenn er sich die Qual des Geizhalses dachte.
Am Montag erschien denn auch Herr Trick im Kabinett Stubborns und erinnerte ihn grinsend an die Geldsendung nach Batavia. »Wir müssen es jedoch bar senden. Er will keine Papiere und uns muß es auch wünschenswert sein, nichts in seinen Händen zu wissen«, bemerkte er.
Stubborn sah Trick wieder mit einem Blick an, als stehe er in weiter Ferne und komme ungerufen in seine Nähe.
»Bar?« murrte der Geizhals, »bar? Nun ja, verdammt. Ich habe es in Gold liegen. In Gold,« sprach er grimmig lächelnd, »es muß fort, denn sie wollen drüben nicht länger warten. Die Schufte! Alles will Geld haben. Alles bar.«
»Natürlich!« entgegnete Trick. »Wenn alles für Sie arbeitet und Geld verdient, dann ist es unverzeihlich, daß man es Ihnen nicht allein läßt und umsonst arbeitet. Das wäre so was für Sie. Also machen Sie nur das Bare flott und denken Sie ein wenig dabei an Ihren besten Freund und Mitarbeiter, an mich, der auch Mittwoch wieder eins jener beliebten Papierchen bringt, die Sie so gern einlösen.«
Stubborn biß die Zähne zusammen und blickte Trick mörderisch an, worauf er sprach: »Es gibt jetzt keine bessere Gelegenheit, das Gold nach Batavia zu schicken, als mit der spanischen Brigg ›Cid‹. Es ist das einzige Schiff, das jetzt nach dort segelt. Leider ist es aber vorgestern abgegangen und liegt bei Cuxhaven vor Anker, wo es einige Tage liegen bleibt. Da ich nun Nachricht bekommen habe, daß morgen oder übermorgen zehn Helgoländer nach Cuxhaven kommen, um Vorräte für den Winter einzukaufen, weil sich die Spitzbuben wegen unserer Felle nicht heraufwagen, so denke ich, wir gehen zusammen hinunter, fangen die Helgoländer ab und übergeben dem Kapitän der ›Cid‹ das Gold, wobei Sie als Zeuge dienen.«
Herr Trick fühlte keine große Lust zu dieser Fahrt; da es ihm aber der Prinzipal als dringend nötig vorstellte und selbst mitreiste, ihm auch einen Teil der Summe versprach, die man den Helgoländern abnehmen werde, so ging er, wiewohl ungern, darauf ein, indem er sich wenigstens ein ungemeines Vergnügen von der Überraschung der Helgoländer versprach, wenn sie sich gefangen sahen. Da Stubborn schon alle möglichen Vollmachten für die Unternehmen besaß, so beschloß man, abends mit dem englischen Dampfer zu fahren, wobei sich Trick vornahm, nicht zu schlafen.
Stubborn zeigte bis zur Abfahrt des Dampfers ein fieberhaftes Wesen. Er trug Tricks Gesellschaft wie eine Last, die abzuwerfen sein einzigstes Bestreben war. Dabei trug er auch noch die wirkliche Last des Goldes bei sich. Rollen voller Louisdore, die er niemand anvertrauen wollte, um die er die Finger krallte, als könnten sie ihm gestohlen werden, und womit er alle seine Taschen füllte, als sich Trick erbot, sie in eine Geldtasche zu tun und zur Hälfte zu tragen oder tragen zu lassen. Stubborn stürzte sich bei diesem Vorschlag mit solcher Last über die Goldrollen und sah Trick mit einem so ängstlichen Gesicht an, daß dieser laut lachen mußte.
Auf dem Wege nach dem Dampfschiff fühlte Stubborn beständig nach seinen Taschen und hielt sich vorsichtig mitten auf der Brücke. In der Kajüte angekommen, sank er atemholend auf eine Bank und ließ sich ein Glas Madeira geben, das er hastig hinuntertrank und sich dann in eine Ecke drückte, das Gold hinter und neben sich in den Taschen haltend.
Je näher sie Cuxhaven kamen, um so fieberhafter ward er. Kam Trick in seine Nähe, so blickte er wild nach ihm hin und griff nach dem Gold, wobei er heiser und mit trockner Stimme fragte, ob das Reiseziel schon da sei. Trick bemerkte dann freundlich, daß man augenblicklich ankommen müsse und er die Last des Geldes nun bald los sein werde, worauf Stubborn jedesmal ein verzweifeltes Lächeln blicken ließ und seinen Buchhalter mißtrauisch anstarrte.
Endlich langte das Schiff noch in der Dunkelheit vor Cuxhaven an, wo das Fährboot erschien, in das Stubborn mit ungemeiner Vorsicht hinabkletterte. Bei der »Alten Liebe« angelangt, stieg er ebenso vorsichtig hinauf und ging in das Badehaus Das Badehaus in Cuxhaven stand da, wo jetzt der Seepavillon ist; es brannte 1823 nieder, wurde dann wieder neu erbaut. 1862 wurde es abermals eingeäschert., wo er ein Zimmer nahm, um sich einige Stunden schlafen zu legen. Vorher brachte er jedoch sein Geld unter sicheren Verschluß, worauf er seine Tür verriegelte, die Tür eines Nebenzimmers, das Trick bewohnte, ebenfalls abschloß und noch mit einem Nachtkasten und einigen Stühlen verrammelte. Dann erst wagte er sich niederzulegen und sank in einen unruhigen Schlaf.
Aber auch hier verfolgte ihn die Angst um seine Geldrollen. Er träumte, daß Trick drüben an der Tür stehe und gewaltig an seine Nase klopfe, um Einlaß zu fordern.
Stubborn fuhr endlich voller Schreck aus dem Schlaf und starrte nach der Tür, an die wirklich geklopft wurde.
»Wer ist da?« rief er nach einer Weile, während der er erwartete, Tricks Haare durch das Holz dringen zu sehen.
»Wachen Sie auf, alter Harpax!« rief Trick draußen. »Auf, auf! sprach der Fuchs zum Hasen. Hörst du nicht den Jäger blasen?« rezitierte er lustig, indem er von neuem klopfte. »Es sind eben wieder sechs Helgoländer Schlupps eingelaufen«, rief er dann durch das Schlüsselloch.
Stubborn zog sich eilig an, indem er murmelte: »Er muß wahrhaftig schon getrunken haben. Nun desto besser. Er soll nur noch mehr trinken. Er trinkt ja gern. Ha, ha. Wird ja doch wohl auch hier genug zu trinken finden!«
Dann drohte er grimmig mit der Faust nach der Tür, sah nach, ob der Sekretär, in dem das Geld lag, gut verschlossen war und öffnete, um zum Frühstück hinab zu gehen, wobei ihm Trick mitteilte, daß bereits acht Helgoländer im Hafen lägen, weshalb man etwas tun müsse.
»Laufen Sie schnell zum Amtmann, ich will indes die Helgoländer draußen bewachen. Wenn Sie aber etwa das Gold in den Taschen haben und nicht laufen können, so will ich gehen«, sprach Trick lachend. Dann fuhr er fort: »Machen Sie übrigens, daß Sie das Geld loswerden, dann hat Ihre Angst ein Ende. Fort muß es einmal. Wir wollen deshalb vorher nach der Brigg hinüber.«
»Nein! Nein! Erst die Helgoländer festhalten«, schrie Stubborn. »Laufen Sie zum Amtmann. Hier sind die Papiere. Ich passe indes auf die Schluppen.«
Stubborn schlich sich vorsichtig nach der »Alten Liebe«, damit er nicht von den Helgoländern gesehen werde, die sich seiner gewiß erinnert hätten. Am Bollwerk angekommen, drückte er sich hinter die Balken und sah nach der Elbe hinaus, wo die spanische Brigg lag. Dann zog er sein Taschentuch und ließ es über die Brüstung im Winde wehen, als er bemerkte, daß ein Boot am Schiff klargemacht wurde.
Der Kapitän fuhr an das Land und ging nach dem Ort, während das Boot mit zwei Matrosen unter dem Bollwerk liegenblieb.
Die beiden Spanier streckten sich auf den Rücken und bliesen den Rauch der Zigarren in die Luft. Ihre Augen waren auf die von Stubborn gerichtet, der, nachlässig über die Balken gelehnt, einige leise Worte zu ihnen sprach und sich dann langsam zurückzog, um nach dem inneren Hafen zu gehen.
Hier wartete er versteckt auf Trick, den er von weitem mit drei Männern auf dem Deich daherkommen sah, deren einer eine lange, dünne Kette über die Achsel hängend trug.
Am Hafen angekommen, stieg dieser Mann in ein Boot und ließ sich neben die Helgoländer Schluppen rudern, die alle beisammen lagen. Hier begann er dann ganz phlegmatisch die Kette durch die Stevenringe der Fahrzeuge zu ziehen und die Fahrzeuge förmlich anzureihen, nachdem er einem seiner Begleiter das Ende der Kette gegeben, das dieser durch einen Ring am Ufer zog.
Jetzt erhob sich aber ein Heidenspektakel auf den Fahrzeugen, aus denen die Schiffer durch das Rasseln der Kette gelockt wurden.
Die ersten waren kaum angelegt, als die letzten eiligst ihre Taue loswarfen, die Haken ergriffen und das Weite suchen wollten, denn sie merkten sogleich, um was es sich handelte. ›An die Kette gelegt‹ – das ist ein Schreckenswort für die Schiffer. Es ist zu Wasser das, was zu Land etwa ›in Wechselhaft gebracht‹ besagt.
Der Weg war jedoch den Flüchtigen versperrt, denn auf der Drehbrücke, unter der sie durchmußten, um die freie Elbe zu gewinnen, stand Herr Stubborn, bei dessen Anblick sie erbleichten, und neben ihm ein wohlbekannter Beamter mit dem Haftbefehl. Unter der Brücke aber lag ein Boot mit Herrn Trick und einigen handfesten Hafenleuten, die ihre Haken in Bereitschaft hielten, um die Ausreißer zu entern.
Es blieb ihnen nichts übrig, als sich zu ergeben und bei den anderen Leidensgefährten anreihen zu lassen, worauf die Kette durch ein Vorlegeschloß befestigt wurde und die Schluppen so fest lagen, als hingen sie an einer sechs Zoll starken Ankerkette, denn wehe dem Schiffer, der wagen wollte, die schwache Fessel zu sprengen. Die Elbe wäre ihm und seinem Fahrzeuge für immer verschlossen gewesen.
Nun gab es ein großes Geschrei über Gewalt. Die Helgoländer wollten freie Engländer sein und drohten mit englischer Flotte. Die Beamten ließen sich dies jedoch wenig anfechten und so ging denn der ganze Trupp lamentierend und schimpfend auf dem Deich nach Ritzebüttel zu, um dort vor dem Amtmann die Sache auszumachen.
Da half ihnen denn alles nichts. Sie mochten leugnen so viel sie wollten, sie mochten mit Kriegsschiffen drohen oder ihre Armut vorschützen, sie mußten die Felle, die sie klarierten, bezahlen oder an der Kette liegenbleiben, das war der Ausspruch des Amtmanns.
Da sie sehr gut wußten, daß für sie, einmal an einem nachbarlichen Strand gefaßt, keine Gnade zu hoffen war, so legten sie sich auf das Handeln und jeder wollte etwa »so zehn Taler« bei sich haben, die er anbot. Ihre Kasse war jedoch in besserem Stande als jemals, denn die Badesaison war gut, und da jeder wenigstens dreißig bis vierzig Felle verkauft hatte, so dachten sie sich für den Winter recht gut zu versorgen und wollten Wein, Rum, Schinken, Butter, Mehl und Gott weiß was für gute Sachen einkaufen, wozu mancher an die zweihundert Taler im Beutel trug. Stubborn bestand auf seiner Forderung und verlangte sofortige Zahlung der notierten Felle, wofür die Anwesenden die Summe von mehr als zweitausend Taler erlegen sollten, was entsetzliches Lamento hervorrief.
In dieser Situation kam ein Beamter und meldete, daß noch vier Helgoländer eingelaufen und festgehalten seien. Als er die Namen der Schluppen nannte und Trick die Liste nachsah, brachte er wieder die Summe von tausend Talern zusammen und bemerkte, die Reise werde sich bezahlt machen.
Die Besatzung der letzten vier Schluppen brach in neuen Jammer aus. Es half aber alles nichts. Stubborn war härter als der Helgoländer Felsen, Trick so gutmütig wie ein Haifisch. Der Beutel mußte gezogen werden, und da sämtliche Barschaft nicht langte, so ward ein Fahrzeug entlassen, um das Fehlende für die Gefangenen zu holen, die mit tiefem Schmerz ihren Wein, Rum, Butter, Schinken und Käse in Stubborns Beutel fließen und einen Winter mit geräuchertem, getrocknetem und gesalzenem Schellfisch vor sich sahen, weil sie im Bewußtsein ihrer Sicherheit schon den Sommer über geschwelgt hatten.
Die Verhandlung nahm so viel Zeit in Anspruch, daß Herr Trick nach ihrem Schluß zum Essen trieb, denn es war bereits gegen fünf Uhr geworden und er fühlte einen kannibalischen Hunger und Durst. Herr Stubborn war in einer grimmig-fidelen Laune und bestellte sogleich Champagner, was Trick in die höchste Verwunderung setzte. Da Stubborn kein großer Trinker zu sein schien und schon nach den ersten Gläsern etwas berauscht wurde, so trank Trick für ihn, ohne Schaden zu befürchten.
Beide saßen noch bei Tisch und Stubborn machte soeben Versuche zum Singen, wobei ein schauerliches Gekrächze zum Vorschein kam, als ein spanischer Matrose eintrat und die Botschaft vom Kapitän der »Cid« brachte, daß dieser wahrscheinlich bei nächster Ebbe die Anker lichten und in See gehen würde. Wenn der Herr also etwas mitgeben wolle, sollte er es an Bord schaffen.
Stubborn stand auf und fiel fast auf Trick, als er ihm in die Ohren schrie: »Behalten es selber – halb und halb!« wobei er mit der Hand ins Weite winkte.
Herr Trick sah, daß sein Prinzipal ziemlich betrunken war und nahm ihn deshalb unter den Arm, worauf er ihn nach seinem Zimmer schleppte und den Matrosen warten hieß. Dieser betrachtete ihn mit finsterm Lächeln und blieb an der Tür stehen.
Herr Trick schleppte Stubborn ohne weiteres nach dem Sekretär und forderte ihn auf, das Gold einzustecken und nach dem Schiff zu kommen.
»Behalten! Halb und halb!« lallte Stubborn schläfrig.
»Unsinn!« sprach Trick ärgerlich, »es muß fort, also machen Sie keine Geschichten.«
Stubborn zog trübselig einen Schlüssel hervor und holte die Goldrollen aus dem Sekretär, die er einzustecken versuchte. Sie fielen ihm jedoch aus der Hand und neben die Tasche auf den Boden, worauf er hastig danach griff und sie wieder aufraffte.
»Geht nicht. Habe keine Taschen bei mir«, lallte er immer mehr betrunken.
»Nun, das ist ein prächtiger Kerl, wenn es gilt«, lachte Trick. »Geben Sie her«, fuhr er fort, »ich will sie einstecken, damit wir weiter kommen.«
Stubborn legte sich über die Rollen und sah ihn stier an, wobei er den schwachen Versuch machte, Hilfe und Diebe zu schreien.
»Oh, so hol' doch der Teufel Sie Schwachkopf«, schrie jetzt Trick ärgerlich. »Da passen Sie auf: eins, zwei, drei, vier«, und bei jeder Rolle so weiter zählend, steckte er sie in seine Taschen, zum stummen Entsetzen des Prinzipals, der nun den mißlingenden Versuch machte, ihn bei der Brust zu packen und die Ansicht aussprach, daß Trick mit dem Gelde durchgehen wolle, worauf er seinen Hut ergriff und, diesen in der Hand, einzuschlafen begann. Plötzlich fuhr er aber wieder empor, befühlte alle Taschen Tricks und sprach schluchzend: »Sie werden – doch – nichts ver – lieren?«
»Nein, nein!« tröstete dieser und wollte gehen. »Schlafen Sie Ihren Rausch aus«, sprach er dann, und Stubborn fiel auch auf einen Stuhl zurück und schloß wieder die Augen.
Trick ging lachend mit dem Matrosen nach der »Alten Liebe« zu. Er war aber noch keine fünfzig Schritt weit, als Stubborn in einem großen Bogen aus dem Haus schoß und im Zickzack bei ihm ankam. Er fühlte sofort nach seinen Taschen und sah dann tiefsinnig auf den Weg, wobei er die Befürchtung aussprach, daß einige Rollen verloren sein müßten. Dann setzte er den Hut schief und erklärte, er wolle mit an Bord gehen und Quittung haben.
Da weiter nichts mit ihm anzufangen war, so nahmen ihn Trick und der Matrose unter die Arme und führten ihn zu dem Boot, das nach der Brigg hinüberruderte.
Als das Boot am Schiff unter dem Fallreep lag, das aus zwei Tauen und schmalen Querhölzern bestand und für einen Nüchternen schwer genug zu ersteigen war, wobei die Jolle noch auf und ab tanzte, machte Trick den Vorschlag, seinen Prinzipal an ein Tau zu binden, um ihn sicher hinauf zu bringen. Damit kam er jedoch schön an. Stubborn blickte eine Weile aufmerksam umher und erklärte dann, daß er zuerst hinauf wolle. Wenn einer angebunden werden müsse, so sollten sie Trick anbinden, aber an den Hals. Hierauf stieg er ohne weiteres auf die schwanke Leiter, auf der ihm Trick unmittelbar folgte.
Stubborn war auf der Reeling angelangt und hielt sich an einer Pardune fest, als Trick die Hand auf den Rand legte, im selben Augenblick jedoch einen solchen Tritt von Stubborns Fuß darauf erhielt, daß er mit einem Schrei losließ. Einer der spanischen Matrosen wollte ihn bei der andern Hand festhalten, riß sie aber aus Ungeschick gleichfalls los und Trick stürzte infolgedessen rücklings in die Flut, die über ihm zusammenschlug, weil das Boot abgetrieben war und ein Ruder verloren hatte, nach dem die Matrosen fischten.
Auf das Geschrei vom Bord kamen sie wieder heran, aber zu spät.
Herr Trick war zwar sogleich wieder aufgetaucht und suchte sich an die Schiffsplanken zu klammern, diese waren jedoch zu glatt, er trieb an ihnen hin und sah in Todesangst hinauf, wo er Stubborns Gesicht mit grimmig höhnischem Lächeln weit über Bord gebogen erblickte und dann unter dem Stern des Schiffes verschwand.
Die Dämmerung war bereits eingetreten, als das Unglück geschah. Man sah auf das Wasser. Es zeigte sich nichts – Herr Trick war mit dem Gold versunken.
»Zehntausend Taler in Gold!« jammerte Stubborn, plötzlich ganz nüchtern geworden. Dann blickte er wieder suchend über Bord und murmelte: »Nun hat es mit dem ›halb und halb‹ ein Ende.«