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siehe Bildunterschrift

Haus am Jonas

Dreiundzwanzigstes Kapitel
Der »Seehund« macht wieder Streiche

Meister Wöllers hielt die Abenteuer seiner zweiten Reise für eine Strafe des Himmels, weil er seine Gattin über den Seehund ganz vergessen und noch nicht ein einziges Mal daran gedacht, sie mit einer Spazierfahrt in diesem noblen Geschirr zu vergnügen. – Er glaubte den Himmel wieder zu versöhnen, wenn er beschloß, am nächsten Sonntag eine große Lustreise zu veranstalten, wozu er die ganze Verwandtschaft bitten wollte.

Da Schünnemann einmal sein Elbsündenbock war, so mußte er die Sache auf sich nehmen. Er mußte als Besitzer des Kutters auftreten und die Wöllerssche Familie einladen.

Es war wirklich ein kleines Theaterstück, mit anzusehen, wie Gevatter Schünnemann kam und dem Meister mitteilte, daß er einen Kutter gekauft, wie dieser in Verwunderung darüber ausbrach, wie der Gevatter bedauerte, die Führung des Schiffs nicht zu verstehen und sie vertrauensvoll dem Meister anbot. Die beiden Spitzbuben spielten ihre Rollen so gut, daß die Meisterin nicht den geringsten Argwohn schöpfte und sogar die Besorgung des Proviants übernahm, den man für den ganzen Tag brauchte, denn man wollte sich, wie ihr Wöllers zuflüsterte, gegen Schünnemann nicht lumpen lassen.

Die Glocke hatte am nächsten Sonntagmorgen gerade vier geschlagen, oder »acht Glasen«, wie Wöllers erwachend murmelte, als er auch mit gleichen Beinen aus dem Bett sprang, in den Schlafrock fuhr und vor die Haustür rannte, um nach Wind und Wetter zu sehen. – Kopfschüttelnd sah er nach dem Himmel. Es stand schlecht. – Kein Wölkchen, das vom Winde dahergetrieben in die Bläue segelte, kein Lufthauch rührte sich. Der Meister steckte den Finger in den Mund, um dann, ihn emporhaltend, an der nassen Seite den Luftstrom zu fühlen. – Nichts! – Der Rauch der frühaufstehenden Kaffeekocher stieg schnurgerade aus den Schornsteinen der Nachbarschaft in die Höhe, und es blieb dem Meister nur das letzte Mittel übrig, wonach verzweifelte Seeleute greifen, wenn der Wind sich nicht rührt, das ist – ihn herbeizupfeifen, was in der Weise geschieht, daß der Lockende nach der Gegend hinblickt, woher der Wind kommen soll und dazu die chromatische Tonleiter tremando aufwärts pfeift. Dies Mittel ist so gewiß und unfehlbar wie der Hoffsche Malzextrakt, wenn es nur richtig angewandt wird und man die Geduld nicht verliert, denn es ist kein Beispiel vorhanden, daß einer länger als drei Tage vergeblich gepfiffen hätte. – Also Meister Wöllers pfiff nach Wind; während Tausende sich des ruhigen Morgens freuten, während die Besitzer der Ruderböte mit Vergnügen auf den spiegelglatten Strom blickten, stand der auf die Segel angewiesene Egoist dort und pfiff seine Tonleiter nach Wind, ja nach Sturm, denn er wollte segeln. Meister Wöllers tröstete sich indes damit, daß der Wind doch vielleicht so gefällig sein würde, mit Eintritt der Ebbe etwas zu tun und trank seinen Kaffee, indem er dabei die Frauen zur Eile antrieb, denn man sollte um sechs Uhr an Bord sein. Krischaan, heute ganz Schiffsjunge, hatte den Transport der Vorräte zu beaufsichtigen, und so machten sich endlich die Passagiere des »Seehund« auf den Weg, um unter Kapitän Wöllers ihre Reise elbabwärts anzutreten. Vor dem Millerntor traf man Gevatter Schünnemann, der zwei Vettern nebst ihren Zukünftigen bei sich hatte: die Vettern zu Matrosendiensten verwendbar und die Zukünftigen, um ihre Teuren als Seeleute zu bewundern.

Der Kutter lag unterhalb St. Pauli bei einer Werft, wo sich zugleich die Segel in Verwahrung befanden. Wöllers konnte seine Freude kaum verbergen, als er die Takelage des Fahrzeuges erblickte. Er bemerkte zugleich, daß aus dem Ofenrohr Rauch aufstieg und erschrak deshalb ein wenig, weil er glaubte, der frühere Besitzer des Kutters wolle ihm einen Empfang bereiten, wobei leicht seine Reederschaft an den Tag kommen konnte. Wie erstaunte er jedoch, als er, über ein altes Floß kletternd, an das Fahrzeug kam und sich aus der Luke ein wildfremder, struppiger Kopf erhob, der eine brandrote Schnapsnase und einen graustachligen Bart im Gesicht zeigte.

»Wat wöhlt Ji hier?« knurrte der Kopf die Gesellschaft an, indem er sie mißtrauisch musterte und unter ihren Röcken nach einem verborgenen Polizeischild spähte.

»Was wir hier wollen?« fragte Wöllers entrüstet. »Ei der Teufel, wir wollen in unser Schiff, mein Junge, was Schünnemann vorgestern gekauft hat; und was tust denn du da binnen?«

»De olle Kasten gehört Jo also?« fragte der Kopf höhnisch. »Na, wat sall ick doon? Ick hev de ganze Nacht als Wach drin seten und kaak mi nu Kaffee.«

»Als Wache?« fragte Wöllers ungläubig, »und weshalb denn?«

»Na, könt se nich de Takelage stehlen oder de Anker un de Ked?« sagte der Kopf, indem er die genannten Sachen mit begehrlichen Blicken betrachtete und sich vielleicht im stillen ärgerte, daß er nicht schon früher alles »klar« gemacht hatte.

»Welke is denn Schünnemann?« fragte er hierauf und eröffnete diesem dann, daß er einen Taler Wachgeld bekomme.

Schünnemann sah Wöllers verdutzt an, langte jedoch auf dessen Augenblinzeln sein Portemonnaie hervor und suchte vierzig Schillinge heraus, die er dem Strolch auf das Deck zählte, worauf dieser brummend mit seinem rauchenden Kaffeetopf aus der Luke und dann über Bord in ein altes, schmieriges Boot kletterte, womit er bald zwischen den Schiffen verschwand, und zwar gerade in dem Augenblicke, wo der Werftbesitzer herunterkam, um zu fragen, ob sie »ihre Wache« abgelöst hätten, wobei herauskam, daß man von dem Strolch angeführt war und sich Glück wünschen konnte, den Kutter nicht abgetakelt zu finden. Der Mann hatte übrigens dabei noch Schaden erlitten, denn hätte er die Takelage nebst Anker und Kette mitgenommen, so war dies ein Geschäft von wenigstens fünf Talern. »Er hatte also immer vier Taler eingebüßt«, wie der Werftbesitzer lachend behauptete.

Wöllers stand bei dieser Logik mit offenem Munde da; die letzte Reise fiel ihm ein; er sah im Geiste schon seinen geliebten Kutter eines Morgens abgetakelt und ankerlos irgendwo an den Strand getrieben und von den Uferbewohnern zu Küchenzwecken verwandt.

Zur Zeit war jedoch alles, Passagiere wie Proviant, an Bord geschafft und mit Hilfe des Werftbesitzers die Segel angeschlagen, die ohne diesen jedenfalls eine verkehrte Stellung eingenommen hätten. Die Ebbe war eingetreten und mit ihr erhob sich ein Gedanke von Wind. Die Umstände waren günstig und Kapitän Wöllers stand am Steuer, um unter Segel zu gehen. Zeigten nun der Kapitän und die Passagiere auch die reellste Absicht, unter Segel zu gehen, so war jemand da, der diese Absicht durchaus nicht hatte, und das war der Kutter selbst.

Das Tau, das ihn am Floß gehalten, war eingezogen, und die zwei Vettern stießen das Fahrzeug mit langen Stangen vom Ufer ab, während Schünnemann und Krischaan bereit standen, die Segel aufzuhissen. Es handelte sich jetzt darum, durch die vielen Kohlenschiffe, die hier liegen, zu kommen, um in die freie Elbe zu gelangen. Die Vettern schoben aus Leibeskräften, um die nächste Lücke zu gewinnen, die einen Ausgang in die Elbe bot. Der »Seehund« schien jedoch ein wichtiges Geschäft mit einem Eisbrecher vorzuhaben, auf den er, einmal im Strom, ruhig lostrieb, und auch liegengeblieben wäre, wenn nicht alle Mann mit vereinten Kräften dagegen angekämpft und die Strandung verhindert hätten. Da sich zugleich etwas Wind erhob und die Lücke zwischen den Schiffen zur Hand war, so gab Wöllers den Befehl, die Fock nebst Pick und Klaufall aufzuholen. In der Hoffnung, die rechten Taue zu finden, zogen nun Schünnemann nebst den Vettern und Krischaan an allem möglichen, was ihnen in die Hand kam. Dies hatte zur Folge, daß alles laufende Tauwerk in einen wunderbaren Zopf verflochten wurde, aus dem auch der geübteste Seemann das rechte Tau nicht sogleich herausfinden konnte.

Indes war man in der Durchfahrt angekommen, und da Wöllers fluchte und schrie und Schünnemann nebst den Vettern dasselbe taten und vergeblich am Tauwerk zerrten, so ersah der »Seehund« die Gelegenheit, sich zwischen die Vorderteile zweier Kohlenschiffe zu klemmen, wo er ruhig liegenblieb, während deren Mannschaft mit unendlichem Vergnügen auf ihn und seine Passagiere herabschmunzelte und die Meisterin in der gräßlichsten Todesangst zwei ungeheure mannsdicke rostige Anker über ihrem Haupte hängen sah, die jeden Augenblick abreißen konnten und sie dann wie eine Fliege zerquetscht hätten. Kapitän Wöllers stand verzweifelt beim Steuer und drehte dies hin und her, ohne ein Mittel zu wissen, das ihm aus dieser Klemme helfen konnte. Da man weder ein langes Tau, eine sog. Trosse, noch ein Boot besaß, um sich dem Strom entgegen aus diesem Winkel zu arbeiten, so stand das herrliche Sonntagsvergnügen in Aussicht, die folgenden acht Ebbestunden darin zu sitzen, um mit der nächsten Flut dann vielleicht zwischen zwei Hinterteile der nächsten Schiffe getrieben zu werden. Eine freundliche Bitte um Beistand an die Mannschaft der beiden Kohlenschiffe rief bei diesen ein doppelt vergnügtes Grinsen hervor, ohne daß jemand einen Finger gerührt hätte. Meister Wöllers kannte indes seine Leute und verschwand in der Luke, aus der er nach kurzer Zeit mit zwei Flaschen Rum wieder erschien, welche er der Mannschaft der beiden Schiffe anbot. Jetzt veränderte sich plötzlich die Szene, und die Matrosen zeigten sich außerordentlich bereitwillig, dem Kutter aus seiner Klemme zu helfen und ihn ins Fahrwasser zu bringen, denn für eine Flasche Rum holt der Matrose den Teufel aus der Hölle.

Man machte ein Boot los und brachte ein langes Tau hinein, um dies stromaufwärts an das nächste Schiff zu binden und den »Seehund« daran aufzuholen. Als die Matrosen jedoch damit am Schiff ankamen, verlangte dessen Mannschaft auch einen »Buddel Rum« und Wöllers war genötigt, die dritte und letzte Flasche zu opfern, um nur aus dem vertrackten Kohlenwinkel zu kommen. Den Seeleuten war es ein Kinderspiel, das Fahrzeug flott zu machen, und nach fünf Minuten lag der »Seehund« an der Außenseite der Kohlenschiffe; die Matrosen machten das Tauwerk klar, stellten die Segel, nahmen ihre drei Flaschen Rum in Empfang und brachten den Kutter mit einem Hurra in Gang, so daß ihn Wöllers, das Steuer in der Hand, plötzlich gegen den Wind ankreuzen und durch das Wasser laufen sah.

Es gibt aber zum Segeln keine schlechtere Stelle als bei St. Pauli, wo in der freien Elbe stets eine Menge kleiner Fisch- und Torfewer zerstreut vor Anker liegen und das Fahrwasser versperren. Es ist allerdings vollkommen Raum vorhanden, um ein Schiff zu bugsieren oder vor dem Wind zu segeln. Wer aber hier gegen den Wind ankreuzen will, muß es verstehen, da außer den Ewern jeden Augenblick ein kleiner Dampfer dahergeschossen kommt, um die Sache noch verwickelter zu machen. Kapitän Wöllers wünschte daher die Ewerflotte, auf die der »Seehund« eben loslief, ins Pfefferland und hätte am liebsten die ganze Elbe für sich allein gehabt. Er wollte gern mit einem Gang das Ende von Steinwärder erreichen und glaubte noch hinter den Ewern wegzukommen; da der »Seehund« jedoch nicht nahe genug an den Wind ging, so war er gezwungen, kurz vor dem letzten Ewer über Stag zu gehen, um nach der andern Seite zu kreuzen. Er kannte aber die Mittel nicht, um den »Seehund« zu diesem Manöver zu zwingen und warf nur das Steuer herum, um den Kutter durch den Wind zu bringen. Dieser ging auch anscheinend gutwillig darauf ein, drehte sich, flabberte mit den Segeln und fiel dann wieder auf seinen alten Strich ab, indem er dabei mit aller Eile gerade mitten auf den Ewer losrannte.

Nun saß auf dem Verdeck dieses Ewers einer jener hellblonden Wurstfriesen Wurstfriesen. Die Friesen aus dem Wurster Land. Der Name bedeutet: die auf den Worten sitzen, Wortsatten, Wurster. Mit Wurst hat der Name nichts zu tun., die die Hamburger von der Oste herauf mit Torf versehen und schälte ganz ahnungslos und in sonntäglicher Gemütsruhe Kartoffeln. Ob dies den »Seehund« ärgerte oder ob er den Mann überhaupt für ein gutes Ziel hielt, ist fraglich, kurz, er visierte mit seinem Klüverbaum so genau auf ihn und kam mit solcher Vehemenz an, daß der Kartoffelschäler wie ein Billardball über Bord gebracht worden wäre, wenn er sich nicht noch im letzten Augenblick durch einen ungeheuren Satz gerettet hätte, wobei freilich die Kartoffeln auf dem Deck umherrollten. Nach diesem kleinen Späßchen blieb der »Seehund« ruhig neben dem Ewer liegen, den Klüverbaum quer über dessen Bord gestreckt und etwa in der Stellung eines Pferdes, das seinen Kopf freundschaftlich über den Hals seines Kameraden legte.

»Das war die zweite Station«, wie Krischaan höchst unvorsichtig äußerte, denn er erhielt dafür sofort eine Ohrfeige.

Der Wurstfriese hatte sich nicht sobald von seiner Überraschung erholt, als er trotz des Sonntagmorgens eine Reihe zwar plattdeutscher, aber dennoch so wirksamer Blücherscher Kraftausdrücke gegen die Kutterbesatzung losließ, daß den Damen die Haare zu Berge standen und Wöllers in der Verzweiflung eine Flasche Portwein hervorholte, um ihm den Mund zu stopfen, was auch glücklich gelang und ihn soweit besänftigte, daß er den »Seehund« sogar wieder auf den rechten Weg brachte, so daß Wöllers nur noch einige Todesangst wegen der Harburger Dampfer und des dänischen Wachschiffes auszustehen hatte, worauf er endlich in freieres Fahrwasser gelangte.

Man war so ohne jeden weiteren Unfall bis unterhalb Blankenese gekommen, als Wöllers mit Erstaunen bemerkte, daß er plötzlich trotz allen Kreuzens und trotzdem der Wind stärker ward, wieder an die letzten Häuser des Dorfes zurückkam und daß der »Seehund« eben offenbar rückwärts ging, worüber sich die am Ufer stehenden Fischer halbtotlachen wollten. Er vermutete eine neue Teufelei des Kutters, der indes diesmal so unschuldig wie ein neugeborenes Kind war, denn die Flut war eingetreten, dagegen half alles Lavieren nichts mehr. Der Meister bemerkte dies auch bald an den Schiffen, welche sich vor ihren Ankern gedreht hatten, und lief Blankenese gegenüber an eine kleine Sandbank, wo er seinen Anker fallen ließ und die Segel einzuholen befahl. Die Damen wären nun allerdings lieber auf der andern Seite gewesen, um am Lande spazieren zu gehen. Wöllers behauptete jedoch, daß er den Blankenesern nicht in die Hände fallen wolle und erzählte so haarsträubende Wirtshausrechnungsgeschichten, daß man sich gern auf seine eigenen Mittel verließ und Krischaan den Befehl erhielt, Feuer anzumachen und heißes Wasser zu schaffen. Während der Zeit ward der große Lukendeckel zurückgeschoben, wodurch ein freier Raum in der Kajüte entstand, in den man den gedeckten Tisch mit dem Teezeug nebst anderm Geschirr aufstellte. Leider war der Rum auf der ersten Station verlorengegangen. Doch war Tee mit Rotwein auch nicht zu verachten. Die Flut stieg indes mehr und mehr, so daß bald die kleine Sandbank mit Wasser bedeckt war. Auch der Wind ward immer stärker und schien sich der Lockpfeife des Meisters zu erinnern, denn er blies, gerade zur Zeit als Krischaan mit dem Teekessel ankam, dermaßen, daß er nicht weit vom Sturm war und anfing Wellen vor sich her zu wälzen, die den »Seehund« bald zum Tanzen brachten. Der arme Krischaan hatte deshalb auch keine Schuld, wenn er mit dem Teekessel vor der Luke stolperte und den Gevatter Schünnemann beinahe wie einen Hummer abgesotten hätte. Zum Glück erhielt der Rinderbraten den heißen Aufguß und Schünnemann nebst den Damen und Vettern bloß das, was vom Tische ablief. Wöllers donnerte seine Flüche auf den ungeschickten Schiffsjungen herab und sprach von Kielholen. Da er aber über die Art und Weise, das Manöver auszuführen, nicht ganz im klaren war, so jagte er Krischaan vor der Hand wieder in die Vorderluke und befahl ihm, frisches Teewasser zu schaffen.

Während man das Teewasser von Tisch und Kleidern wischte, hatte sich der Wind in eine kleine Bö umgesetzt und blies mit vollen Backen stromauf. Die Wellen fingen an, sich in förmlichen Gängen zu wälzen und überschlugen ihre weißen Schaumkämme, der »Seehund« ritt vor Anker und stampfte so auf und nieder, daß das Teezeug und Geschirr anfing, vom Tische herabzukollern und Schünnemann einmal beinahe über den Tisch weg und auf die Damen geflogen wäre, die sich höchst unbehaglich fühlten und den Wunsch nach Tee hören ließen. Der Meister legte deshalb die Hände an den Mund und schrie: »Krischaan, Teewasser!« Krischaan saß in der Vorderluke vor dem Ofen und hatte allerdings genug Teewasser, ihm war aber so gottsjämmerlich zumute, daß ihm die Wünsche der Hinterdeckspassagiere höchst gleichgültig waren; er hätte gern selbst etwas Tee gehabt, wenn ihn jemand damit traktiert hätte. Das Stampfen des Schiffes war ihm unerträglich, und als er einmal den Kopf aus der Luke steckte und die Wellen anrollen sah, wünschte er sich auf den Gipfel des Süllberges. Wöllers schrie indes so fürchterlich nach Teewasser, daß er endlich mit dem Kessel auf allen vieren nach hinten kroch und ihn auf dem Bauch liegend in die Kajüte hinabreichte, worauf er dort liegen blieb und die Gesellschaft nebst dem Tisch mit großen Augen anstierte. Schünnemann, der dies bemerkte, glaubte seine Gedanken zu erraten. Er schnitt ein großes Stück Mettwurst ab und hielt es ihm lächelnd vor die Nase. Anstatt zuzugreifen, machte Krischaan die Augen noch größer, sperrte den Mund weit auf und – ergoß den ganzen Inhalt seines Magens über den Tisch und die untensitzende Gesellschaft. Die Meisterin war entsetzt über ein solches Benehmen und öffnete den Mund, um über den Verbrecher herzufallen. Sie konnte ihm jedoch nur in gleicher Weise antworten, wodurch die beiden Zukünftigen veranlaßt wurden, mit in das Quartett einzustimmen, wodurch so die Kajüte in eine schauerliche Verfassung geriet. Gevatter Schünnemann, dem es schon seit einiger Zeit nicht ganz gut war, ward bei diesem Stand der Dinge blaß wie eine Leiche und machte den Versuch, aus der Kajüte zu entwischen. Indem er aber zur Luke hinauskletterte, wandte sich auch ihm der Magen um, und da die beiden Vettern eben folgen wollten, so erhielten sie den Kugelsegen und purzelten nebst Schünnemann wieder in die Kajüte hinab, wo sie in den allgemeinen Jammer einstimmten, oder, wie sich der Dichter poetisch ausdrückt, »dem Neptun opferten«.

Es war eine unleugbar furchtbare Tatsache.

Die Seekrankheit war am Bord des »Seehund« ausgebrochen.

Meister Wöllers sah mit Entsetzen dies Unglück hereinkommen. Er hatte zwar im Anfang Krischaan bei den Beinen gepackt, um ihn von der Luke wegzuschleppen; da jedoch in der Kajüte bald nicht mehr viel zu verderben war, so ließ er ihn liegen, zog das große Segel über die Luke, um den Jammer nicht mit anzusehen, denn es ward ihm auch schlimm dabei zumute, er lief dann nach vorn, um den Anker aufzuziehen, damit der Kutter in die Fahrt käme und das schreckliche Stampfen aufhörte. Da der Anker jedoch ohne Winde war, so hätte ein kleiner Riese dazu gehört, das schwere Fahrzeug mit der Hand gegen Wind und Wasser anzubringen, und Wöllers erkannte bald seine Ohnmacht der Situation gegenüber. Er lief deshalb nach hinten, hob das Segel ein wenig in die Höhe und rief Schünnemann und die Vettern zu Hilfe. Wenn er ihnen jedoch zehntausend Taler geboten, um herauf und nach vorn zu kommen, sie hätten sich nicht nach ihm umgesehen. Ebensowenig war Krischaan geneigt sich zu rühren; Wöllers ging wieder nach vorn und setzte sich trübselig neben den Mast, um nur die Jammerlaute aus der Kajüte nicht zu hören, zwischen denen die Verwünschungen der Meisterin herausklangen. Er mochte etwa drei Stunden so gesessen haben und dachte eben daran, ob wohl noch alle in der Kajüte am Leben wären, als er ein Fischerfahrzeug erblickte, das eben in der Nähe vorbeisegeln wollte. Er schrie es an und winkte mit dem Hute, bis es beidrehte, das Segel einzog und heranruderte, wonach ihm Wöllers ein Tau zuwarf und die beiden ersuchte, ihm den Anker aufhieven zu helfen. Diese betrachteten ihn erst mißtrauisch, da er sie jedoch nicht zu kennen schien, so kamen sie an Bord und alle drei zogen nun an der Ankerkette und brachten endlich den Anker herauf, der sich tüchtig in den Sand gebissen hatte. Sobald der »Seehund« los war, drehte er ab und hörte auf zu stampfen, indem er mit dem Sturm ging.

Meister Wöllers wollte den Fischern gern etwas für ihre Mühe geben. Er trug jedoch unglücklicherweise nur zwei Fünftalerscheine bei sich und von den übrigen Passagieren war nicht zu erwarten, daß einer in die Taschen greifen würde. Er wollte die Fischer zu sich nach Hamburg bestellen, diese bedauerten aber, dort keine Zeit zu haben ihn aufzusuchen, versprachen jedoch, vier Taler herauszugeben, wenn er sie übermorgen an der Holzbrücke abholen wollte, und verschlangen den Fünftalerschein mit den Augen, als er ihn ihnen zögernd hingab. Der Älteste beteuerte, daß sie »ehrliche Finkenwärder« seien und daß er nur nach Peter Wübbe fragen sollte, worauf er schmunzelnd nach seinem Boot ging.

Wöllers zog nun sein Focksegel auf und ging an das Steuer, um das Fahrzeug nach dem andern Ufer hinüber zu bringen, wo das Wasser etwas ruhiger war. Als er dies getan hatte, hörten die Klagen in der Kajüte auf, und die Verwünschungen von Ehemännern, die ihre Frauen auf das Wasser schleppen, machten sich in obligater Weise hörbar. Endlich kam Gevatter Schünnemann, zwar noch lebendig aber mit der betrübenden Nachricht heraufgekrochen, daß Peter mit seinen unmenschlichen Stiefeln alle Weinflaschen zertrümmert habe und man nun nach diesem Jammer nicht einmal einen Tropfen trinken könne. Wöllers zog hinter dem Steuer eine Flasche Portwein hervor, die er beiseite gebracht hatte, und ließ den Gevatter einen guten Schluck nehmen. Dann beschwor er ihn, den Kutter bei seinem Hause zu behalten, damit Madame Wöllers keine Ahnung über die Person des wahren Eigentümers bekomme, denn es wollte ihn dünken, daß es dann nicht gut ginge. Die beiden Vettern, die jetzt wieder lebendig geworden, kamen auch heraufgekrochen, und man zog die übrigen Segel auf, um mit der Flut noch nach Haus zu kommen.

Als der »Seehund« nun so lustig vor allen Segeln dahinlief, vergaß Wöllers alles Ungemach, was heute über die Expedition hereingebrochen war, und wäre gern noch ein gutes Stück nach den Vierlanden zu elbaufwärts vor dem straffen Wind gelaufen, um dann mit der Ebbe wieder herunterzukreuzen. Da erschien aber in der Luke das unheilverkündende Gesicht seiner Frau und fragte nicht ohne Hohn, ob man bald wieder eine Station mache und wie lange es den Herren noch gefällig wäre, daß die Damen in dieser teerstinkenden Mördergrube stecken sollten. Diese Anfragen beschloß sie damit, daß sie Krischaan, der eben wieder lebendig geworden und sein Haupt in die Höhe richtete, eine Ohrfeige gab, worauf sie in der Luke verschwand. Gevatter Schünnemann mußte mit der Portweinflasche hinunter, und es gelang ihm denn auch, die Damen damit so weit zu beruhigen, daß sie bis St. Pauli aushielten, wo man gerade bei Hochwasser an Schünnemanns Haus anlegte und ausstieg. Madame Wöllers verschwand nebst den zwei Vettern und deren Zukünftigen nach der Landung ohne Abschied und Valet, während Wöllers, Schünnemann und Krischaan zurückblieben, um den »Seehund« wieder in Ordnung zu bringen, die Kajüte auszuscheuern und das Geschirr, was noch ganz war, zusammenzusuchen. Dann band man die Segel ab und trug sie zu Schünnemann hinauf, worauf der »Seehund« am Hause festgelegt wurde und die Mannschaft nebst dem Schiffsjungen nach St. Pauli hinaufging, um dort ein warmes Glas Grog auf die Leiden dieses Tages zu trinken.

Das war die dritte Reise Kapitän Wöllers mit dem »Seehund«, der jedoch noch mehr Streiche im Sinn hatte.

Gevatter Schünnemann bewohnte die erste Etage eines Hinterhauses am Jonas, wo sich außerdem noch eine große Schweineschlachterei und nach dem Wasser zu verschiedene Niederlagen befanden, worunter ein englisches Porzellanlager den ersten Platz einnahm und an die Wohnung Schünnemanns grenzte. Nach der Elbe zu war ein offener Bogen angebracht, in welchem ein Kran zum Aus- und Einladen der Waren stand und wo einige Stufen bis zur gewöhnlichen Fluthöhe hinabführten. Bis zu eben dieser Höhe hatte das Haus eine Grundmauer von Granit, in die große eiserne Ringe zum Anlegen der Fahrzeuge befestigt waren. An zwei dieser Ringe hatte man den »Seehund« gebunden und ihn so aller Berechnung nach für die Nacht wohl verwahrt. Auch hatte man die Stenge heruntergezogen, damit sie kein Fenster einschlagen konnte, denn der Wind erhob sich gegen Abend wieder stark und schlingerte den Kutter hin und her. Schünnemann hatte sich restaurieren müssen, wozu er eine geraume Zeit brauchte, so daß er erst nach Mitternacht heimkehrte.

Als er sich zu Bett gelegt hatte, verfiel er gleich in tiefen Schlaf; aber er wurde von unruhigen Träumen geplagt. Er sah den »Seehund« dauernd auf den Wellen vor sich her galoppieren und am Altonaer Fischmarkt direkt in die Körbe der Fischweiber hineinsausen, die den Kutter als »altes vertracktes Wrack« beschimpften. Plötzlich wachte er auf, er hörte ein lautes Klirren. Der Spektakel wiederholte sich und es klang, als wenn ruckweise ganze Lagen von Tellern und dergleichen umgeworfen würden. »Wat, Dübel, is denn da drüben los?« murmelte Schünnemann und strich ein Zündhölzchen an, um auf seine Uhr zu sehen. »Halwig twee«, sagte er. »Der Sturm muß en Fenster aufgerissen haben, un wirft nu all das Zeug 'runter. Na, die werden sich früh schön wundern. Wat geiht mi dat aber an!« Mit diesen Worten wollte er sich wieder niederlegen, als ihm ein schrecklicher Gedanke einfiel, infolgedessen er wie eine Feder aus dem Bett sprang, das Fenster aufriß und den Kopf hinaussteckte, um nach dem »Seehund« zu sehen, und richtig, da erkannte er mit Schrecken die Ursache des Skandals nebenan.

Der Sturm hatte noch zugenommen und die Flut war am Hause etwa um drei Fuß aufgelaufen. Da der Kutter fünf Fuß Wasser brauchte, um flott zu werden, so lag er noch schief auf der Seite, ward jedoch jedesmal auf und nieder geworfen, sobald der Sturm eine Welle daher wälzte. Nun war er dadurch um einen Fuß vorwärts geschoben worden und hatte, da er nach der Mauer zu lag, mit dem Mast ein Fenster der Porzellanniederlage eingeschlagen, in welchem dieser stak. Da er oben eine eiserne Sahlung hatte, die auf jeder Seite zwei Fuß breit herausstand, um die Stengenpardunen zu halten, so war er mit diesem Quereisen unter die Regale geraten, auf denen das Geschirr stand, und rüttelte nun bei jedem Wellenstoß so gewaltig daran, daß dieses haufenweise herabgeworfen wurde.

Schünnemann erkannte augenblicklich die Sachlage und die Folgen, wenn man früh den Kutter an dieser Stelle fand. Er lief deshalb, wie er war, hinab und stieg auf den Teufelskutter, um ihn aus dem Fenster zu bringen. Da er aber noch schief auf dem Grunde lag, so kletterte der Gevatter die Strickleiter hinauf, wobei ihm der Sturm das Hemd fast über den Kopf wehte. Am Fenster angekommen, hielt er sich dann an den Wanten fest und strampelte mit den Beinen gegen die Mauer, bis er den Mast aus dem Fenster brachte, worauf er ihn nach der andern Seite hinüberzuwerfen versuchte. Der Kutter fand jedoch den Spaß in der Porzellanniederlage zu gut und fiel jedesmal wieder nach dem Hause zurück, wobei Schünnemann wie eine Notflagge in der Luft hin und her wehte. Da die Flut mehr und mehr stieg, so begann sich der Kutter endlich aufzurichten und der unselige Mast blieb außerhalb des Fensters. Schünnemann sah jedoch ein, daß er den »Seehund« auf einen andern Platz schaffen müsse, wenn er und Wöllers nicht eine Porzellanrechnung zahlen wollten; er kroch deshalb, bis das Fahrzeug vollends schwamm, in die Vorderluke, weil der Wind sein Spiel gar zu arg mit seinem Hemde trieb.

Dem Hause gegenüber, etwa eine Straßenbreite, lag eine Reihe Dampfer und Kohlenschiffe an der Außenseite der Dückdalben und Eisbrecher. Dorthin dachte Schünnemann den Kutter zu dirigieren und festzulegen, worauf kein Mensch den Verdacht wegen des Porzellaneinbruchs auf ihn werfen konnte. Sobald der »Seehund« flott war, band er ihn deshalb los, nahm eine Stange mit einem Haken und schob ihn nach den Schiffen hinüber, wo er ihn dann hinten und vorn an einem Eisbrecher festband und sich nicht wenig über das Gelingen dieses Planes freute. Jetzt aber trat ein Umstand ein, der ihm die Freude bald verdarb. Es war nämlich kein Boot da, mit dem er hätte wieder hinüberfahren können, und Gevatter Schünnemann war auf dem Kutter gefangen, bis ihn irgend jemand übersetzte. Es blieb ihm vorderhand nichts übrig, als wieder in die Luke zu kriechen, da auch der Tag graute und es sehr kühl und tauig wurde. Schünnemann mußte in das Wasser springen und hinüberschwimmen. Da der Sturm nachgelassen hatte, faßte Schünnemann einen Entschluß, ließ sich langsam hinabgleiten und schwamm die kurze Strecke hinüber, worauf er, nicht ohne Mühe, das nasse Hemd abzog, es auswrang und dann, je vier Stufen auf einmal nehmend, nach seiner Wohnung hinauflief, ohne daß ihn jemand bemerkte oder daß ein Spitzbube dagewesen wäre. Hier angekommen, rieb er sich mit einem Handtuch ab, zog ein trockenes Hemd an und legte sich ins Bett. Vorher aber streckte er die Faust nach dem »Seehund« aus und tat den Schwur: »Mi sall de Düwel holen, wenn ik wedder eenen Foot op di setten doh, du Mordsoos! du!«

Es war ein Glück für Schünnemann und Wöllers, daß der Kutter am Sonntag abend an das Haus gelegt wurde, wo kein Mensch in den Niederlagen war, weshalb man sich denn auch am Montag morgen umsonst den Kopf zerbrach, wer wohl die Verwüstung in dem Porzellan angerichtet hätte. Die sämtliche Nachbarschaft besah den Schaden, Schünnemann natürlich voller Interesse mit. Das ganze Fenster war demoliert und eine blecherne Rinne daneben abgerissen. An Porzellan war wenigstens für vierzig Taler zerbrochen, und nachdem man die Sache von allen Seiten besehen und besprochen, glaubte man, daß irgendein böswilliger Schutenführer den Schaden mit seinem Haken angerichtet habe.


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