Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

siehe Bildunterschrift

Auf dem Watt bei Neuwerk

Fünfundzwanzigstes Kapitel
Ein Jagdzug

Der Herbst war herangekommen. Die Abende begannen länger zu werden und die Leuchttürme an der Küste mußten schon zwölf Stunden lang Licht halten. Die Tage waren noch warm und freundlich, aber die Morgen und Abende wurden kalt und neblig. Die Torfewer segelten scharenweise von der Oste aufwärts, damit die Hamburger im Winter hübsch warm sitzen sollten. Die Kartoffelewer kamen elbabwärts, und die Schiffe, die noch fort wollten, machten sich möglichst klar, damit sie den Kanal hinter sich sahen, ehe die Herbststürme hereinbrachen.

Die schöne Zeit für die Jäger war da, und dem Wild wurde das Leben sauer gemacht. Vetter Schwarzknopf und Sekretär Förster erschienen eines Morgens mit langen Stiefeln, Jagdtaschen und Doppelflinten bei Vater Kühnmann in Neumühlen und setzten ihn durch ihre martialische Ausrüstung in solches Erstaunen, daß er ganz erschrocken nichts als »Ach, Herr Jesus!« herausbrachte. Nachdem er sich die Bewaffnung eine Weile betrachtet, tat er die Frage, was dies eigentlich bedeuten solle.

»Nun, Vetter, du weißt doch, daß du mir vier Tage Urlaub nach Cuxhaven gegeben hast. Förster hat auch welchen, und da wollten wir unten wilde Enten schießen. Vielleicht auch einen Seehund, wenn einer so gefällig ist. Aber wilde Enten bringen wir jeder wenigstens ein Dutzend mit.«

Kühnmann schüttelte mit dem Kopfe. Auf die Jagd zu gehen, hielt er für eine Sache, die einem Kaufmann nimmermehr einfallen dürfe. Das war ein adliger Übermut, und die beiden Leute kamen ihm mit ihrer Bewaffnung ganz ungeheuerlich vor. Er mußte mit dem Kopf schütteln, wenn er sie ansah.

Die Familie war ebenfalls erstaunt und geneigt, sie für rechte tollkühne Burschen zu halten, was Schwarzknopf ungemein schmeichelte und ihn bewog, den Jägerchor aus dem Freischütz mit einer Donnerstimme zu singen.

»Kinder,« sprach Kühnmann, »das ist ein rechter Unsinn mit euren Flinten da, die Dinger können losgehen und euch selber treffen, statt der Enten. Laßt den Kram hier und kauft euch Enten, das ist gescheiter.«

»Nein, wir müssen ins Boot. Lüddemann wartet schon, um uns an den Dampfer zu fahren, mit dem wir nach Cuxhaven gehen. Also lebt wohl indes.«

»Machen Sie immer Feuer zu zwei Dutzend Enten.« Mit diesen Worten gingen die jungen Leute zum Strand hinab und stiegen in das Boot, an dessen Mast der Schiffer einen Ball aufzog, um dem Dampfschiffe ein Zeichen zu geben, daß jemand an Bord wolle. Die verwunderte Familie folgte und sah der Einschiffung zu. Ein kleiner Dampfer, die »Elbe«, kam abwärts und stoppte nahe am Land. Der Kapitän, ein dicker Mann mit sehr rotem Gesicht, aus dem ein paar Kugelaugen hervorstanden, die ganze Figur einem großen Frosch nicht unähnlich, rief vom Radkasten einen Gruß zu Kühnmann hinüber und ließ weiter dampfen, nachdem die beiden an Bord waren.

Vater Kühnmann war gar nicht mit dem Jagdzug einverstanden und wollte nicht begreifen, wie man mit einem so gefährlichen Instrument wie eine Flinte nach wilden Enten herumlaufen könnte, die jeden Tag bequem auf dem Markte zu haben waren. Er ging stillschweigend mit der Familie nach dem Landhaus zurück, wo man bereits Anstalten zum Umzug in die Stadt machte, im Fall der Herbst etwa hinterlistig hereinbrechen sollte.

Als die beiden jungen Leute sich rüsteten, um elbabwärts zu gehen, stand Emil Schnepfe auf der »Alten Liebe« bei Cuxhaven und wartete auf den Helgoländer Dampfer, um damit nach Hamburg hinauf zu fahren.

Auf den Bohlen, die als Boden des Bollwerkes angebracht waren, stand eine Menge Sachen zu einem Haufen gestellt. Zu unterst ein paar Seemannskisten, unten weit und oben schmal. Darauf ein Lederkoffer, den Gegensatz als Landratte bildend. Neben dem Koffer einer jener Deckelkörbe zum Verschließen, wie man sie in Hamburg sieht, ein höchst praktisches Möbel, das mit Leinwand ausgefüttert, einer Kiste oder einem Koffer weit vorzuziehen ist, weil es mit Leichtigkeit große Elastizität und Haltbarkeit verbindet. Auf dem Korb hatte sich eine pappene Hutschachtel niedergelassen, die gar nicht für die nasse Umgebung geschaffen war und sich auch deshalb aufwärts zu sehnen schien. Sie mußte ihre ganze Jämmerlichkeit erkennen, wenn sie einige Pakete neben sich sah, die, in geteerte Leinwand eingepackt, zwar etwas stark rochen, aber auch jedem Wetteranfalle die Stirn bieten konnten.

Als Vorposten um diese Bagage standen zehn oder zwölf zylinderartige Körbe von grobem Geflecht, durch das hier und da grünes Gras heraussah. Sie waren mit gekochten Krabben gefüllt und wurden in Hamburg schon erwartet.

Hinter dem Bollwerk saßen ein paar Weiber mit weißen Mützen, von denen eine ein Stück geteerte Leinwand als Mantel umhatte, während die andere einen großen Männerlotsenrock trug. Beide gehörten zu den Krabbenkörben und führten außerdem noch einige Körbe voll Fische bei sich. Neben ihnen stand ein Ewerschiffer mit einer Pelzmütze auf dem Kopf. Unter seiner kurzen blauen Jacke steckte er die Hände hartnäckig in die sehr hoch gezogenen und engen Hosentaschen, wodurch die Spitzen der Jacke vorn hervorgedrängt wurden, so daß es aussah, als trüge er unter jedem Arm einen eingepackten Zuckerhut. Vor der Gruppe lag ein Schiffsjunge, dessen ganze Garderobe aus einem Paar Bramtuchhosen und einem wollenen Hemd bestand. Er gehörte zu den Schiffskisten und horchte aufmerksam der Erzählung des Schiffers, dem man seine Jolle gestohlen, und der sie nun »oben« suchen wollte, zu.

Die ganze Gruppe trug für den Binnenländer ein so entschieden fremdartiges Gepräge, daß sie Schnepfe mit Interesse betrachtete. Er hätte auch gern das Gespräch belauscht. Obgleich die Leute deutsch sprachen, so war es doch ein Plattdeutsch, von dem Schnepfe auch nicht eine Silbe verstand. Die Leute konnten eben so gut chinesisch sprechen, der Binnenländer verstand sie dann auch nicht weniger.

Der Schiffer sah jetzt wieder einmal, wie er dies alle Minuten tat, rundum, blickte mit seinen grauen Augen gespannt aufwärts nach einem Punkt, zeigte dann mit dem Mützenschild nach der Gegend, wo man den Rauch eines Dampfers aufsteigen sah und nickte den Weibern zu, worauf diese die Köpfe über die Brüstung steckten und das Schiff zu erraten suchten, während es noch als ein Punkt erschien. Der Schiffer erkannte es sofort als die »Elbe« und behauptete, den dicken Kapitän Grabert auf dem Radkasten zu sehen. Wenn er nun dieses auch nicht tat, das Schiff erkannte er sicher.

So kam denn richtig die »Elbe« mit Kapitän Grabert auf dem Radkasten an. Das Schiff legte an der »Alten Liebe« an und ließ seine Passagiere aussteigen, in denen Schnepfe freudig die jungen Leute aus Neumühlen erkannte. Als sie noch miteinander sprachen, warf Kapitän Grabert einen Blick seewärts und gab Befehl, die »Elbe« vom Bollwerk zu bringen. Er hatte den Helgoländer Dampfer an einer leichten Rauchwolke erkannt, ehe sogar der Schiffer etwas merkte, was dieser indes nur seiner hohen Stellung auf dem Radkasten zugute kommen ließ.

Der Helgoländer Dampfer blieb lange Zeit ein Punkt, bis er endlich sichtbar größer wurde und dann näher kommend aufschwoll wie der Pudel hinter Fausts Ofen, worauf er als pustendes Ungetüm an die »Alte Liebe« legte.

Die Krabbenweiber stürzten sich jetzt auf ihre Körbe und schimpften etwas auf den Schiffer, weil er ihnen nicht half. Er konnte aber seine Hände nicht aus den Taschen ziehen, wahrscheinlich, weil sie ungeheuer schwer hineinzubringen waren. Er hätte sie vielleicht nicht einmal herausgezogen, wenn er ins Wasser gefallen wäre. Weshalb also wegen der Körbe! Er ging still schmunzelnd an Bord. Der Schiffsjunge packte seine Seekisten und schleppte sie polternd und schonungslos auf das Schiff, die Hutschachtel wurde auf eine schändliche, rücksichtslose Weise hinübergeworfen, die Körbe, Koffer und Pakete hinterdrein, und jeder konnte sehen, wie und wo er seine Sachen wiederfand.

»Wahrhaftig, Doktor! – äußerst! – wilde Jäger! – seeehr!« rief eine Stimme vom Bord. Es war Spickmann jun., der von Helgoland zurückkehrte. Gesund wie ein Riese und bereit, es mit dem Modejournal aufzunehmen.

Mehrere bekannte Hamburger zeigten sich an der Reeling, und es wurden gemütliche plattdeutsche Witze ausgetauscht, während Schnepfe, von Spickmann beiseite genommen, gefragt wurde, ob er »einem hier auf der Spur gewesen«.

Währenddessen warf man die Taue ab, die Räder stampften und der Dampfer verschwand.

Die »Alte Liebe« lag einsam am Strom. Nur die beiden Jäger standen dort und blickten über das Wasser. Endlich gingen auch sie.

Sie wanderten auf dem Deich hin, dessen Weg mit Ziegelsteinen gepflastert ist. Unten zog sich der Fahrweg hin, an dem die Häuser von Cuxhaven stehen, die eine einzige halbe Straße bilden, welche sich an den Flecken Ritzebüttel anschließt. Die jungen Leute wollten das Schloß besehen und gingen deshalb durch den stillen Ort, wo man sie mit großer Neugier betrachtete.

Als sie am Eingang des Schlosses ankamen, standen sie plötzlich einer Schildwache gegenüber, die vor Schreck über die beiden Jäger beinahe ihr Gewehr fallen ließ und dann geneigt schien, es wegzuwerfen, da sie nicht wußte, in welcher Absicht die bewaffneten Männer erschienen.

Schwarzknopf und Förster waren so erstaunt über diese militärische Figur, die sich ihren Blicken hier unerwartet darstellte, daß sie sprachlos standen und nur mit großer Mühe ein Gelächter unterdrückten. Sie hatten in der Hamburger Bürgergarde schon manche heitere Figur gesehen, aber eine solche Karikatur noch niemals.

Da erschien in der Tür eine andere militärische Figur, bei deren Anblick die beiden Jäger in ein ungeheures Gelächter ausbrachen, von Schwarzknopfs Seite so schrecklich-donnerhaft, daß der Posten in sein Schilderhäuschen kroch.

Der Mann, der in der Tür erschien, war das Gegenstück zur Schildwache. Über die Maßen lang und dünn, trug er auch einen Monturrock, aber auf dem Kopf eine Zipfelmütze, wie sie die Fischer haben. Unter der sehr kurzen Hose sah man wollene Strümpfe, die sich in ein Paar Holzpantoffeln verkrochen. In der Hand hielt er ein Fischnetz, an dem er offenbar eben strickte, und im Mund einen Tonpfeifenstummel. Hinter ihm blickten noch einige Köpfe hervor.

Der Mann glotzte die beiden Jäger an und verschwand dann, um kurz darauf mit einem Tschako auf dem Haupt und einem Säbel an der Seite wiederzukommen. Hinter ihm her huschte die andere Mannschaft aus dem Hause und griff nach ihren Flinten. Es war ein Teil des Cuxhavener Armeekorps, ein Ableger der Hamburger Bürgergarde, der hier den Senator-Amtmann bewachte, der zugleich ihr Generalfeldmarschall war. Der Lange zeigte sich als Wachtkommandant und Feldwebel. Er rückte gegen die Jäger vor und legte zwei Finger an den Tschako, wobei er lächelte.

»Sie wollen vielleicht den Herrn Senatr beßuchen? Dat deit mi leed, de is na Ottendorf fohrt«, sagte er höflich.

»Das ist ärgerlich!« sprach Förster, indem er dachte, »es ist sehr gut!«

»Wir hätten schreiben sollen«, bemerkte Schwarzknopf.

»Nun, dann sehen wir uns nur mal das Schloß von außen an. Was ist das?« fragte Förster, auf einige Knochen und Vogelbälge deutend, die sich der Wache gegenüber an der Mauer befanden.

»Museeum«, erklärte der Feldwebel und fuhr von der Aufmerksamkeit der Fremden geschmeichelt fort: »Das hier sind ßwei Albatrossen aus der Südsee. Die hat mein Vetter, der Kapitän Nikelsen, mitgebracht und hierher verehrt.«

Die Jäger betrachteten aus Gefälligkeit die schmutzigen Vogelbälge und ließen sich dann die anderen Merkwürdigkeiten erklären, die in einigen Bogen und Pfeilen bestanden. Das ganze Armeekorps drängte sich herzu und war nicht wenig stolz auf sein Museum.

»Und zu was ist denn die Blechbüchse hier?« fragte Förster lächelnd am Ende der Erklärung.

»Oh! Das ist so für uns – wissen Sie, wenn jemand da 'n Kleinigkeit ßu Tabak oder so was 'reinlegen will. Aber ganz nach Belieben«, meinte der Feldwebel schüchtern.

»So? Dann erlauben Sie wohl, daß wir etwas hineintun?« sprach Förster lachend, indem er etwa 10 Schillinge in die Büchse steckte. Schwarzknopf ließ ebensoviel hineinfallen und das Rasseln dieser vielen Schillinge brachte eine so günstige Meinung für die Fremden in der Armee hervor, daß sie beinahe das Gewehr präsentiert hätte.

Die Jäger baten hierauf um die Erlaubnis, ihre Flinten unter den Schutz der Wache stellen zu dürfen und lehnten sie zu den übrigen Gewehren, um sich das Schloß anzusehen. Die Wache ging indes stolz und martialisch vor den anvertrauten Waffen hin und her. Der Feldwebel zählte die Schillinge und sprach die leise Vermutung aus, daß die beiden Herren zu den »Honoraßionen« gehören müßten. Soviel hatte seit Menschengedenken niemand in die Büchse getan. Das gab unendlich viele Gläser Kümmel. Er dachte ernstlich daran, ob er nicht präsentieren lassen sollte.

Die jungen Leute kamen zurück und nahmen Abschied von diesem seltsamen Armeekorps, um nach den Watten zu gehen. Sie schlugen deshalb den Weg nach Cuxhaven ein und gingen dann bei den ersten Häusern auf dem Deich fort und auf die Kugelbake zu. Hierbei sahen sie rechts die Wasserfläche und links das tieferliegende Land zu ihren Seiten. Die Häuser und Gärten, die innerhalb der Deiche lagen, wollten ihnen als etwas bedenkliche Wohnsitze erscheinen, da sie zur Flutzeit tiefer als das Wasser standen und bei einem Deichbruch etwas feucht sein mußten, wie Schwarzknopf bemerkte.

So kamen sie bis Duhnen, wo sie, um die Ecke biegend, die großen nassen Wattenflächen wie ungeheure Spiegel vor sich liegen sahen. Die Ebbe war so weit abgelaufen, daß die Sandflächen nur noch zollhoch mit Wasser bedeckt waren, während einige höhere Stellen schon matt daraus hervorblickten. Man sah aber weit draußen in dieser ungeheuren Wasserfläche einzelne dunkle Menschengestalten wie Pfähle oder Fischreiher stehen, ein eigentümlicher Anblick, der etwas Schauerliches hatte, wenn man sich an die Stelle der einsamen Wasserwanderer dachte. Es waren Krabbenfischer, eine Art Amphibien, die mit einem Netz und einem Korb auf dem Rücken jeden Tag hinauswanderten, um in den Flutteichen nach den kleinen Krebsen zu suchen, die hier millionenweise zu finden sind.

Außer den einzelnen Fischern sah man noch einige kleine Fahrzeuge ruhig auf dem Sand liegen. In der äußersten Ferne ragte dann der große Turm von Neuwerk Der Turm von Neuwerk, 1372 erbaut in ähnlichen Dimensionen wie das Ritzebütteler Schloß, trägt in seiner Krone einen Leuchtapparat. in die Luft und spiegelte sich lang im ruhigen Wasser.

Unsere Jäger fühlten nicht die geringste Lust, in diese Nässe hineinzuwaten und wollten das gänzliche Ablaufen des Wassers abwarten ehe sie ihre Jagd begannen. Sie wandten sich deshalb, um nach Duhnen hineinzugehen und wollten den Strand verlassen, als sie einen Herrn erblickten, der eben aus dem Dorfe kam.

Der Herr spielte eine Figur, die unsere Jäger in keine kleine Verwunderung setzte. Er trug einen schwarzen Frack, ebensolche Weste und Beinkleider, d. h. streng genommen war alles eigentlich grau und vom Alter gebleicht, nur der Zylinder auf dem Kopf nicht, der mehr ins Kupferfarbene schillerte und seine besten Tage lange hinter sich hatte. Man wird nun vermuten, daß wenigstens die Stiefel schwarz waren. Es machte aber den komischsten Eindruck, daß der Herr überhaupt gar keine Stiefel trug, sondern barfüßig daherkam. Auch dies wäre keineswegs auffällig in dieser Gegend gewesen, wo es wenig Ursache gab, sich in besondere Toilette zu werfen, wenn er nicht eine große Messingbrille auf der Nase getragen und einen – Schubkarren hinter sich hergezogen hätte, womit er direkt auf die Watten zusteuerte.

Bei dem Anblick der beiden Fremden ließ der Herr seinen Schubkarren so rücksichtslos fallen, als ginge er ihn gar nichts an, zog eine große Schnupftabaksdose aus der Tasche und nahm eine Prise, wobei er die Jäger durch die Brillengläser fixierte.

»Wo, um's Himmels willen, wollen Sie hin?« fragte er.

»Wir wollen jagen gehn«, antwortete Förster.

»Das sehe ich«, sprach der Mann. »Aber wo wollen Sie jagen und was wollen Sie jagen? Das ist der Kasus!«

Schwarzknopf sah ihn verwundert an und fragte: »Darf man hier nicht jagen?«

»Ih! Soviel Sie wollen. Sie können alles schießen, was die Naturgeschichte hier gibt. Aber nur in den Watten. Wollen Sie Möwen schießen?«

»Nein, wir wollen wilde Enten jagen«, sprach Förster.

»Ist hier kein Platz zu!« entgegnete der Mann, eine Prise nehmend, »da müssen Sie dort hinunter – immer am Strand hin – nach Ahrensch – Behrensch – das ist der Platz.«

»Wenn Sie uns denn einmal das Abc dieser Gegend lehren wollen, weshalb schicken Sie uns nicht nach Cehrensch?« fragte Schwarzknopf lachend.

Bei diesen Worten warf der Mann einen grimmigen Blick auf Schwarzknopf, gab seinem Zylinder einen Klaps auf den Deckel, um ihn festzusetzen, was indes nur die Wirkung hatte, daß er zusammenknickte und ihm ein jovial-liederliches Ansehen gab, erfaßte dann seinen Schubkarren, auf dem ein Sack von geteerter Leinwand lag, und marschierte ihn nachschleppend ganz rücksichtslos in die Wasserfläche hinein, ohne die Fremden noch eines Blickes zu würdigen.

Diese standen erstaunt. »Das ist hier eine wunderbare Gegend mit wunderbaren Kerlen. Erst die Schildwache und dann dieser Gentleman im schwarzen Frack, der mit dem Schubkarren ins Meer läuft. Ob es vielleicht ein spleeniger Engländer war? Wo er nur hin will? Da sieh mal, wie er die Beine hebt und aus dem Schlamm zieht!« sprach Schwarzknopf, in ein Gelächter ausbrechend. »Ich bin neugierig, was nun kommt!« Es kam jedoch nichts und die Jäger blickten dem Mann nach, der mit ungemeiner Sicherheit auf der nassen Fläche fortmarschierte und sich immer in der Gegend einer Reihe Reisbündel Reisbündel, richtiger eingesteckte Weidenbüsche, die den Weg von Duhnen nach Neuwerk kennzeichnen; wer bei ihnen entlang fährt, »up die Troje«, d. h. auf sicherer Bahn ist, kann den Weg nicht verlieren und kommt auch durch die Priele nach Neuwerk. hielt, die aus dem seichten Wasser ragten und sich in der Ferne zu einer dunklen Linie zusammenzogen wie der Mann, der zum Punkt wurde und endlich ganz in Luft und Wasser verschwand.

»Er geht offenbar nach dem Turm da draußen, das muß teufelsmäßig weit sein, denn ich sehe keine Spur von ihm, und er kann höchstens die Hälfte des Weges haben«, bemerkte Förster.

»Er ist rein aufgeweicht«, sprach Schwarzknopf kopfschüttelnd. »Komm, wir wollen ins Dorf gehen und sehen, ob es hier Wirtshäuser oder so was gibt.«

Damit gingen beide Freunde und suchten jemand, den sie nach einem Wirtshaus fragen könnten. Es war jedoch kein Mensch zu sehen, bis sie endlich vor ein Haus kamen, das sich etwas besser als die übrigen präsentierte und aus dem sie den Klang von Gläsern hörten.

Es war das Haus des Strandvogts und zugleich das Wirtshaus. In der Stube trafen sie einige Leute, die Grog tranken und um eine sehr große Schüssel saßen, in die sie abwechselnd hineingriffen, etwas herauslangten, zwischen den Fingern zerzupften und fortwährend in den Mund steckten.

Schwarzknopf guckte neugierig in die Schüssel und sah dieselbe mit blaßroten kleinen Krebsen von halber Fingergröße angefüllt.

»Wölen Se Knaat mit eten?« fragte der Strandvogt freundlich.

Die jungen Leute ließen sich dies nicht zweimal sagen und griffen zu. Es wollte ihnen jedoch nicht gelingen, die Schalen von den kleinen Schwänzen der Krabben zu ziehen, wie dies die anderen taten. Sie rissen jedesmal den ganzen Schwanz ab und verstanden nicht, die Schale so zwischen den Fingern zu halten, daß sie bei einer leichten Drehung losging und das Fleisch an dem Oberteil blieb.

Die Strandleute lachten über die vergeblichen Bemühungen, bis endlich die Frau Strandvogtin Erbarmen mit den Fremden zeigte und ihnen mit fabelhafter Geschwindigkeit einen Teller voll aushülste, der zu Butter und Schwarzbrot vortrefflich schmeckte. Die Knaat machten sehr guten Appetit zum Abendessen, wie der Strandvogt behauptete, weshalb die Bauern eifrig fortzupften.

Die Freunde machten sich Quartier aus und fragten dann nach der Jagd. Sie erhielten denselben Bescheid. Als sie sich nach dem Mann im Frack erkundigten und sein Benehmen erzählten, lachte alles. Der Strandvogt teilte den Jägern mit, daß dies der Schulmeister von Neuwerk, ein kurioser Kauz, gewesen sei, der wahrscheinlich geglaubt habe, sie wollten ihn mit dem Abc aufziehen. Wenn er sich mit dem Strandvogt wegen alter Geschichten vom Feuerturm gezankt, hole er sich seine Bedürfnisse aus Döse oder Cuxhaven per Schubkarre. Auch suche er stets in den Watten nach Schätzen und versunkenen Gütern. Kurz – er habe etwas den Knall, schloß der Strandvogt, mit dem Finger auf seine Stirn zeigend.

Die Jäger bestellten ein gutes Abendbrot und gingen nach Ahrensch zu, von wo sie in die jetzt trockenen Watten steigen wollten.

Am Strande stand ein Mann, der ihnen zurief, auf die Flut acht zu haben und dabei behauptete, es gäbe mit der Flut einen Schauer. Schwarzknopf war der Meinung, daß man lieber dableiben oder einen Führer mitnehmen solle. Förster, der schon mehrmals an der See war, betrachtete den Horizont aufmerksam, da er ihn aber ganz klar fand, so hielt er es für unwürdig, sich ängstlich zu zeigen, weil er glaubte, der Strandmann wolle sie nur schnüren, und trieb zum Aufbruch.

Schwarzknopf traute jedoch der Gegend nicht und erklärte, dableiben und nicht zugeben zu wollen, daß Förster sich in Gefahr begebe. Er setzte sich nach diesem Entschluß an dem Strand nieder und zündete eine Zigarre an.

»Nun, du alter langer Christoph!« rief sein Freund, »so bleib hier und sieh mir zu. Du bist ja so groß, daß du gar nicht ersaufen kannst, wenn die Flut kommt. Ich will dich schön hänseln, wenn wir in Hamburg sind. Komm mit! Nur ein Stück hinaus!«

»Nein, ich bleibe hier«, sagte Schwarzknopf sehr phlegmatisch. »Ich besinne mich eben, daß ich meine Stelzen hätte mitnehmen sollen.«

»Nun, dann will ich dir zeigen, wie wenig von Gefahr zu fürchten ist«, sagte Förster ärgerlich und ging in die Wattgründe hinaus.

»Teuf!« rief der Strandmann. »Halten Sie sich nach den zwei Ewern zu, die dort draußen liegen – 's ist wenigstens was!« Dann setzte er sich neben Schwarzknopf und blickte dem Dahinschreitenden nach.

Förster hatte seine Flinte geladen und trug sie schußrecht im Arm, wobei er nach allen Vertiefungen spähte, in denen er Enten zu finden hoffte. Vor ihm lagen die jetzt trockenen Wasserflächen, auf denen er in der Ferne Tausende von Möwen sah. In den tiefer gelegenen Stellen war das Wasser stehengeblieben, bald in größeren, bald in kleineren Flutteichen, an denen Förster vorüberschritt. Aus einem der Wasserbecken schwirrten plötzlich einige Enten auf, von denen er eine schoß, während die übrigen in der Ferne wieder einfielen.

Der Jäger hob seine Beute auf und wandte sich nach dem Strand, um sie Schwarzknopf zu zeigen. Er sah jetzt mit Verwunderung, wieweit er vom Lande weg war, denn er bemerkte die Zurückgebliebenen nur noch als ein paar Punkte. Die Jagdlust trieb ihn jedoch weiter, da er von den Enten einige mehr zu erlegen hoffte. Er ging schnellen Schrittes hinaus und trieb die Enten zweimal außer Schußweite in die Höhe. Dadurch hitzig gemacht, verfolgte er sie immer weiter, bis er endlich in der Ferne den Schein des Wassers bemerkte, das unter der Sonne wie mattes Silber glänzte. Es war ein langer, schmaler Streifen, über dem eine schwache Wolkenbank sichtbar wurde. Förster erblickte die See.

Dies mahnte ihn an die Rückkehr. Er sah nach seiner Uhr und bemerkte, daß es die höchste Zeit dazu sei, denn die Flut war bereits nahe. Zugleich betrachtete er die Wolkenbank unter der Sonne mit gespannter Aufmerksamkeit. Ein schwacher Wind hatte sich erhoben, und er glaubte wahrzunehmen, daß die Wolke aufsteige. Er drehte sich um und erschrak über die Entfernung, in der sich das Land zeigte. Es lag wie ein schwacher Nebelstreif ganz am Horizont, manchmal von den Erhöhungen der Wattenflächen verdeckt. Förster kehrte der See und Sonne den Rücken und begann mit eiligen Schritten nach dem Lande zu marschieren. Er ging unausgesetzt vorwärts, ohne sich auch nur einmal umzublicken. Der Wind stand mehr auf und wehte gerade in der Richtung, wohin der Jäger ging. – Plötzlich blieb er stehen. Er bemerkte, daß sein Schatten verschwunden war, der bisher immer vor ihm her schwebte. Dieser Umstand bewog ihn, sich nach der Sonne umzudrehen.

Die Szenerie hatte sich hinter ihm verändert. Die Wolkenbank war mächtig gewachsen und bis zur Sonne aufgestiegen. Ihre oberen Ränder zeigten sich wie locker gezupfte Baumwolle, in der der Sonnenball wie ein schwerer metallener Klumpen einsank und die Ränder glänzend vergoldete. Er war nahe daran, ganz in der Wolke zu verschwinden, die nach dem Horizont ein unheimliches Dunkel zeigte, unter dem es jetzt an der Grenze der Watten wie flüssiges Silber flimmerte.

Förster ging auf die Spitze einer Balje los, die sich wie ein Flußarm von der See hereinzog, und an der er früher vorbeigekommen war. Hier setzte er sich nieder, um die schweren Jagdstiefel auszuziehen und auf die Achsel zu nehmen, damit er besser laufen konnte. Er sah dabei scharf nach der Wassergrenze, an der er den feuchten Streifen vermißte, den das Wasser stets zur Ebbezeit dort zurückläßt. Ein kleiner Stein, der noch trocken lag, als er sich setzte, war jetzt bereits vom Wasser erreicht. Die Flut war also da. Ein Umstand, der den Wanderer in dieser Einöde mit Schrecken erfüllt.

Förster warf noch einmal einen ängstlichen Blick hinter sich, wo das flüssige Silber stärker glänzte und die Sonne mehr in der Wolke verschwand. Eine große Möwenschar kam von dort herangezogen und umschwärmte in der nächsten Minute den Wanderer mit schwirrendem Geschrei, als wolle sie ihn zur Eile antreiben oder betrachte ihn als ihre sichere Beute. Die weißen Vögel zogen große Zauberkreise um ihn, hoben sich hoch in die Luft und stürzten sich herab, um in kurzen Bogen neben ihm hinzustreichen, wobei ihr Schreien wie klirrende Ketten klang, die übereinander gezogen werden: »Fort! Fort! Flieh! – Die Flut! Die Flut! – Ha, sie wird ihn ereilen! Sie kommt und zieht ihre Kreise um ihn. Er ist unser, unser! Hurra!« Und der Haufe stieg wieder in die Luft und stürzte sich auf den Wanderer herab, um neben ihm wieder aufwärts zu schwenken und seinen Chor von neuem zu beginnen. Förster lief, wie von den unheimlichen Begleitern gehetzt, nach dem Strand zu, der trotzdem nicht näherrücken wollte. Er fühlte, daß der Wind stärker blies, und sah, einen Blick hinter sich werfend, die Wolke jetzt nach dem Zenit aufrücken und ihre zerzausten Ränder über sich. Er begann um sein Leben zu laufen, denn er wußte, daß die Flut, einmal im Steigen, in diesen Watten mit schrecklicher Sicherheit anrückt und den Verspäteten ereilt. Er hatte erst die Absicht, nach den Ewern zuzulaufen, wie ihm der Strandmann geraten. Da diese jedoch zu weit seitwärts lagen und er Wasserpriele dazwischen sah, so glaubte er den Strand ebensogut erlangen zu können und ging unausgesetzt dorthin.

Da brach eine auffallende Dunkelheit herein, und der Wind fegte Regenschauer, mit Hagel und Graupeln vermischt, neben dem Flüchtling her. Die Wolke war da und schickte ihre Hagelschauer auf die Watten herab. Die Möwenschar war verschwunden und der Wanderer wieder einsam in der unheimlichen Fläche, die jetzt von der Hagelbö eingehüllt war. Der Sprühregen und die Graupeln waren so stark, daß man nicht zweihundert Schritt weit sehen konnte. Vom Strande sah man nichts mehr.

Der Jäger lief indes immer in der Richtung des Windes vorwärts und glaubte damit an das Land zu gelangen. Plötzlich fühlte er, daß der Boden naß wurde, und sah vor sich Wasser. Er lief ein Stück hinein, es wurde tiefer – bis zum Knie. Er mußte umkehren. Er schlug eine andere Richtung ein und gewann trockenes Land. Er rannte schnell vorwärts, so schnell er konnte, wieder nach der Windrichtung, und stand wieder im Wasser. Jetzt lief er seitwärts, aber wo er hinkam, Wasser und überall Wasser, bis er einsah, daß er rings davon umschlossen war.

Dabei hatte er die Richtung vollständig verloren und wußte durchaus nicht mehr, wohinaus das Land lag, denn er glaubte zu bemerken, daß sich der Wind gedreht habe. Es war eine verzweifelte Lage. Er hoffte, daß sich der Schauer legen und die Aussicht frei werden solle und blieb deshalb ruhig stehen. Der Platz, auf dem er sich befand, war eine hochgelegene Stelle, auf der sich verschiedene Tanghaufen zusammengeschwemmt zeigten, aber alle durchaus naß und von der letzten Flut überspült. Er lief nochmals am Flutrand ringsum. Der trockene Boden wurde immer kleiner und rückte mehr zusammen. Der Jäger sah ein, daß er hier vom Unheil ereilt würde. Er faßte einen verzweifelten Entschluß und lief in das Wasser hinein nach der mutmaßlichen Strandgegend fort. Es stieg ihm bis an die Knie – er achtete es nicht, vorwärts im Wasser und Hagelschauer.

Da – horch! Was war das!

Ein langer Ton – ein dumpfes Rauschen. Der Jäger stand und horchte atemlos. »Gott im Himmel, Brandungen!« flüsterte er schreckensbleich und rannte rückwärts, bis er den Ton nicht mehr hörte und das Wasser wieder seichter wurde. Er watete nach einer andern Richtung hinaus, bis er wieder stehenblieb und lauschte. Wieder das lange unheimliche Rauschen. Er setzte die Flucht nach veränderter Richtung fort, aber wo er sich hinwandte, hörte er jetzt Brandungen.

Vor, hinter und neben sich das lange dumpfe Murmeln der anrückenden Wellen, von denen das Wasser zu seinen Füßen bewegt ward, und dabei fortwährende Hagelschauer, die jede Aussicht verhinderten.

Er hatte wieder eine etwas hohe Stelle gewonnen und faßte den verzweifelten Entschluß, seine Sachen von sich zu werfen und dann loszuwaten, um endlich mit dem Strom zu schwimmen, der ihn, seiner Meinung nach, an das Ufer bringen müsse. Er war ein sehr guter Schwimmer, der zur Not eine halbe Stunde aushalten konnte. Es war das letzte Rettungsmittel.

Der Jäger betrachtete die schöne Flinte, die er hier liegenlassen sollte, mit Bedauern. Da fiel ihm ein, daß vielleicht ein Schuß am Lande gehört würde, und daß Schwarzknopf wiederschießen könne, woraus sich die Richtung bestimmen ließ. Er schoß beide Läufe ab und lud wieder und schoß. Dann horchte er angestrengt. Nichts als Brandungen, die nach den höher gelegenen Stellen anrollten.

Das Wasser stieg indes unaufhaltsam. Er lud und schoß. Die Brandungen rollten hörbar näher. Eine weiße Schaumkante schlängelte sich zu ihm heran. Er konnte jetzt nicht mehr laden, da ihm das Wasser über die Knie stieg. Da dachte er an seine Jagdstiefel. Er band sich den Riemen darin in das Knopfloch fest und steckte die Flinte hinein. Auf diese Art war es noch möglich, das Gewehr zu laden. Er tat es bis zum Zerspringen und schoß. Dann horchte er. Es war ihm, als höre er eine entfernte Stimme, doch ward sie vom Windstoß und Wellenrauschen verschlungen. Es war vielleicht eine Möwe oder Täuschung. Er gab alle Hoffnung auf und machte sich zum Schwimmen bereit. Aber wohin wird ihn der Strom treiben? Eine verzweifelte Frage in dieser verzweifelten Lage.

*

Schwarzknopf und der Strandmann saßen schweigend nebeneinander und sahen dem Davoneilenden nach, bis er zu einem Punkt schwand. Dann sahen sie die Dampfwolke des Schusses wegtreiben, die unter der Sonne hell glänzte. Den Schuß hörten sie nur sehr schwach, wobei der Strandmann jedoch die Ohren spitzte und dann nach dem Horizont zeigte.

»De Wind kummt«, sprach er und rauchte dann schweigend weiter.

Schwarzknopf sah ihn an und hielt dann seine Hand in die Höhe. Es war nicht die leiseste Spur von Wind in der Luft.

»Ich merke nichts vom Wind. Woher wollen Sie wissen, daß Wind kommt?« fragte er seinen Nachbar.

Dieser nahm seine Pfeife aus dem Munde, zeigte mit dem Stiel hinaus und wiederholte lakonisch: »De Wind kummt.«

Schwarzknopf sah ihn ärgerlich an. Er kannte die schweigsame Art dieser Leute nicht, die halbe Tage lang ruhig sitzen und den Horizont ansehen können, bis sie endlich mit einem kurzen Wort ihre Meinung aussprechen. Er langte seine Zigarrentasche hervor und gab dem Windpropheten daraus zwei Zigarren der besten Sorte, die dieser genau rundum drehte und besah, worauf er eine anzündete und einige Male beifällig nickte, was soviel hieß als: sehr gut.

»Wollt Ihr wohl so gefällig sein und mir sagen, woher Ihr erfahren habt, daß der Wind kommt? Hat er Euch etwa vorher geschrieben? Ich merke nicht das geringste vom Wind!« sprach Schwarzknopf.

»Ihr habt den Schuß gehört?« fragte der Strandmann.

»Schwach«, sprach Schwarzknopf.

»Wenn der Wind nich käm, denn hätten wir den Schuß in der Entfernung nicht gehört. Der Luftstrom steht schon hierher – der Wind kommt nach«, bemerkte der Strandmann und rauchte ruhig weiter.

Schwarzknopf sah ihn überrascht an und fragte: »Wie kommt Ihr darauf?«

»Das weiß hier jedes Kind!« sprach der Mann. »Sobald es ruhig ist und wir hören weit draußen in den Ewern, die hier im Watt liegen, einen Riemen oder sonst was fallen, so wissen wir genau, daß der Wind unterwegs ist. Da!« schloß er, in die Ferne zeigend.

Schwarzknopf sah hinaus und erblickte die aufsteigende Wolke unter der Sonne.

»Teufel noch mal! Wo ist denn Förster hin?« sagte er, diesen vergeblich im Watt suchend.

»Dort geht er«, sprach der Strandmann.

Schwarzknopf strengte vergeblich seine Augen an, um die Gestalt des Freundes zu entdecken, er konnte ihn unter den verschiedenen Punkten, die in den Watten zu sehen waren, nicht herausfinden, während der Strandmann ihn immer noch sah und endlich sogar behauptete, er kehre jetzt um.

»Zu spät – zu spät«, schloß er kopfschüttelnd. »Er wird nicht trocken an Land kommen.«

»Ihr meint doch nicht etwa, daß Gefahr dabei wäre?« fragte Schwarzknopf ängstlich.

»Die Flut ist da«, bemerkte der andere und rauchte ruhig weiter. Sein wetterscharfes Gesicht sprach indes genug, denn er blickte gespannt hinaus und wog mit den hellblauen Augen offenbar die Umstände gegeneinander ab, indem er sie bald auf den für Schwarzknopf unsichtbaren Wanderer, bald auf die Wolkenbank richtete und endlich nach langem Schweigen, mit der Faust auf den Boden schlagend, in die hastigen Worte ausbrach: »Sie hat ihn!«

»Hat ihn?« schrie Schwarzknopf, die Augen aufs äußerste anstrengend. »Wer hat ihn? Die Flut? Um Gottes willen!«

»Die Flut noch nicht – die kommt all noch. Die Wolke ist über ihm«, sprach der Mann, auf die Flocken zeigend, die heraufkamen. Hierauf blickte er wieder scharf hinaus und rief dann aufspringend:

»Um Gott! Was tut er? Er muß nach den Ewern gehn, wie ich ihm geraten habe, und er läuft hierher. Das geht nicht gut. Das geht nicht gut! Die Watten liegen hier zu tief. Er kommt nicht mehr über die Kinderbalje. Er wird versaufen, wenn die Bö dort aufkommt!« schrie jetzt der Strandmann aufgeregt.

»Habt Ihr kein Boot?« schrie Schwarzknopf noch stärker.

»Was hilft das Boot! Bis wir es hinausbringen, ist er lange unter. Wir haben hier nur ein Boot und die in Behrensch auch eins, aber beide sind nach Bremen hinauf, um Öl für den Winter zu holen. Da! Jetzt ist er im Wetter! Nun mag ihm der liebe Gott helfen! Ich sehe ihn nicht mehr«, sprach der Mann, indem er seine Mütze abnahm und still vor sich hinhielt.

Schwarzknopf lief wie wahnsinnig umher und wollte in die Watten. Der Strandmann stellte ihm das Unsinnige eines solchen Ganges vor.

»Er schwimmt ganz ausgezeichnet. Vielleicht hilft er sich damit«, sprach endlich Schwarzknopf.

Der Mann schüttelte mit dem Kopf und sagte: »Die Flut treibt scharf an der Küste hin und zieht ihn entweder in die Weser oder nach der Elbe zu, je nachdem er in den Strom gerät. Ich glaube, daß er von da, wo ich ihn zuletzt sah, nach Duhnen getrieben wird. Dort zieht die Flut um die Kugelbake in die Elbe. Lauft und seht, ob sie in Duhnen ein Boot haben. Ich will nach der Weser zu. Vielleicht wird es hell indes.«

Damit hielt sich denn auch der Strandmann nicht länger auf, sondern ging scharf nach Behrensch zu, während Schwarzknopf in voller Verzweiflung nach Duhnen lief, so schnell er konnte. Er sah jedoch nirgends ein Boot am Strand und ging nach dem Wirtshaus, wo noch fortwährend Krabben gegessen wurden. Hier war das Boot wieder nach Cuxhaven aufgegangen, und man gab den Wattenjäger verloren und erzählte dem untröstlichen Schwarzknopf eine Menge Geschichten von verunglückten Wattengängern, die er in stiller Verzweiflung mit anhörte. Er beschloß, die Nacht hierzubleiben und am nächsten Tag mit den Krabbenfischern nach dem unglücklichen Freund zu suchen, wenn seine Leiche nicht von den Wellen in den Sand gewühlt war – das gewöhnliche Begräbnis der in den Watten Verunglückten.

Der Strandvogt konnte ihm wenig Trost geben und verwies ihn an die Fischer, da er selbst nach Cuxhaven ging, um mit der »Elbe« am andern Morgen sehr früh nach Hamburg zu fahren und seine nötigen Herbstgeschäfte abzumachen. Er ging mit aufrichtigem Bedauern und schüttelte dem traurigen Schwarzknopf gerührt die Hand.


 << zurück weiter >>