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Nach dem Süden.

Horch! Was ist das für ein Rennen und Lärmen in den Straßen? Was für ein Jubel und wirres Durcheinanderrufen von aufgeregten, eifrigen Stimmen?

Die Sperlinge, die sich's schon überlegt haben, ob es nicht Zeit wäre, die Federn aufzuschütteln und den Kopf unter den Flügel zu stecken, schwirren eilig unterm Dach hervor, um neugierige Ausschau zu halten. Sie wählen sich hierzu auch gleich einen passenden Platz aus und setzen sich eifrig zwitschernd auf den Sims gerade vor das hübsche Fenster mit den Butzenscheiben, die im Abendsonnenschein so goldig leuchten. Aber kaum haben sie sich hier festgesetzt und unter gewaltigem Schimpfen und Zetern einige andere Vöglein vertrieben, die in ihrer Harmlosigkeit sich auch hier niedergelassen, als plötzlich das Fenster sich öffnet und zwei weitere neugierige Zuschauer mit blonden Locken, strahlenden Augen und wißbegierigen Stumpfnäschen in dem offenen Fensterrahmen erscheinen.

Und es war in der Tat der Mühe wert, herauszuschauen!

Wohl fünfzig Störche hatten sich zu einer wichtigen Beratung im Städtchen eingefunden und die umliegenden Dächer in Besitz genommen. Und immer noch kamen neue Truppen hinzu. Von Ost und West, von Süd und Nord, von allen Seiten segelten die stattlichen Luftschiffer herbei, so flink und eilig, als ob der große, stolze Storch, der hoch oben auf dem Kamin im Neste stand und so aufmerksam und scharf nach allen Seiten ausblickte, ein gestrenger Heerführer wäre, der mit der Uhr in der Hand das pünktliche Eintreffen seiner Untergebenen erwarten wollte!

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Endlich schien die Gesellschaft vollzählig zu sein. Im weiten Kreise saßen sie auf Dächern und Kaminen mit den ernsthaften Gesichtern und den angeborenen Abzeichen deutscher Reichszugehörigkeit geschmückt: Schwarz-weiß-rot! Einer wie der andere! Ein Weilchen waren alle ganz still; sämtliche Augen und Schnäbel richteten sich auf den Heerführer. Jetzt hob sich dieser noch stolzer empor als vorher. Dann sah er sich langsam im Kreise um und dann begann er zu klappern, erst ganz ernsthaft und leise, dann lauter und eifriger, als wollte er von der großen Reise sprechen, die sie nun alle zusammen unternehmen müßten; und so eindringlich und eifrig klapperte er, als wollte er jeden ermahnen, doch tapfer und mutig auszuhalten und nicht zu ermüden und nicht zu erlahmen bei dem großen Fluge über das weite Meer.

Und nun kam die Antwort. Ei! was war das für ein Klappern und Lärmen, ein Beraten und Hin- und Wiederfliegen, ein Flügelrauschen und Schwirren! Und dazu schrie die liebe Gassenjugend in den Straßen und begleitete die stürmische Verhandlung mit ohrbetäubendem Jauchzen und Händeklatschen! Einen solchen Lärm hatte das friedliche Städtchen wohl in hundert Jahren nicht vernommen.

Endlich wurde es still. Man sah, die Beratung war zu Ende; die Störche hatten ihren Entschluß gefaßt.

Alle schauten nun auf den Anführer. Der stand wieder ernst und gedankenvoll und spähte mit scharfem Blick gen Norden: dort glänzten im Abendrot die herrlichen Sümpfe, auf denen er in manch fröhlicher Jagd Ruhm und reiche Beute erobert. Aber nicht dorthin wird nun sein Weg mehr gehen! Gen Süden, gen Süden führt ihn jetzt seine Straße!

Langsam wendete er sich von dem lockenden Anblick der leuchtenden Sümpfe ab. Dann plötzlich hob er den Kopf, wie in raschem, festem Entschluß. Ein kurzes, scharfes Klappern! Ein lautes Flügelrauschen! Mit Blitzesschnelle hob sich das beflügelte Heer empor und segelte dem Süden zu!

»Ade, ade!« klang es von tausend Stimmen hinter ihnen her. »Ade, ade! Auf Wiedersehen!« riefen auch die beiden Schwesterchen und winkten mit den Taschentüchern zum Abschied, bis der Zug in der dämmernden Himmelsferne verschwunden war.

Dann blickte die kleine Maria mit betrübtem Herzen hinüber auf das nun auch leere Kirchendach und das verlassene Nest. »O, wie schade!« rief sie und verzog schmollend das sonst so strahlende Gesichtchen, »nun will ich die alte Kirche auch gar nimmer ansehen; nein, gar nie mehr wieder, bis die Störche zurückkommen!«

Aber die Mutter, die auch herzugekommen war, hob lächelnd den Finger auf und sagte: »Ei, Miezchen, schäme dich! Wer wird so etwas sagen?! Die schöne Kirche, in der Papa jeden Sonntag predigt! Und habe ich nicht erst gestern ein kleines Mädchen seufzen hören: ›O Mama, wenn doch bald der Weihnachtsabend käme! Ich kann es gar nicht mehr aushalten, so lange zu warten, bis der große Baum in der Kirche angezündet wird und alle Fenster so herrlich glänzen und all die schönen Lieder gesungen werden!‹ Ja, ja, so sagte das kleine Mädchen und mir ist's fast, als solltest du das Mädchen kennen? Nicht?«

Da lachte Maria halb verlegen, halb schelmisch und sagte: »Ei Mama, ich habe ja nur das Kirchendach gemeint! Die Kirche mag ich schon!«

»Ja, ja! besonders wenn ein Christbaum darin brennt!« lachte die Mutter. »Ich kenne mein schlaues Miezchen wohl!«

»Doch nun flugs ins Nest mit euch! Der Sandmann steht schon hinter der Türe und wundert sich, daß er heute so lange keinen Eingang gefunden hat!«

C. L.


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