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Heute will ich euch einmal eine kleine Geschichte aus meinen Kinderjahren erzählen.
Nichts war mir schrecklicher, als wenn der Kaminfeger zu uns kam. Ich fürchtete mich zwar nicht vor ihm, denn das hätte ich für ein achtjähriges Mädchen als große Schande angesehen, aber er war mir dennoch schrecklich. Sein Äußeres hatte dabei gar nichts Schreckenerregendes; noch sehe ich ihn vor mir stehen mit dem gutmütigen, lächelnden Gesicht, noch höre ich seine tiefe Stimme: »Na, kleines Fräuleinchen, heute bekomme ich aber doch eine Hand.«
Das war es eben, das Schreckliche, ich sollte ihm eine Hand geben!
Ich gehörte zu den wenigen Kindern, die sich peinlich sauber halten; nie war ein Flecken auf meiner weißen Schürze zu sehen, nie waren meine kleinen Schuhe beschmutzt, beim schlechtesten Wetter nicht, ich hüpfte von Stein zu Stein, »wie eine Bachstelze«, pflegte Großpapa zu sagen.
Und ich, ich sollte dem schwarzen, rußigen Kaminfeger die Hand geben!
Der alte freundliche Mann sah mich ganz traurig an, als ich eines Tags wieder abwehrend ihm beide Hände entgegenhielt, als er wieder, halb im Ernst, halb im Scherz, brummte: »Heut' aber bekomm' ich eine Hand.«
Mein ganzes Leben lang aber wird mir ein Tag im Gedächtnis bleiben, an dem der Kaminfeger zu uns kam.
Ich besaß ein reizendes, kleines, weißes Hündchen, »Milly« hieß es. Mein größtes Vergnügen war es, mit Milly zu spielen und mit ihm auszugehen.
Eines Tags ging ich mit dem Hündchen nach Hause. Als wir in den unteren Hausflur kamen, fuhr mit einem weiten Sprunge und wütendem Geheul ein großer Hund, eine graue Dogge, auf Milly los. Bebend stand ich daneben, ich wagte mich nicht zu rühren und schrie laut auf vor Angst, mehr um das arme, zarte Tierchen, als um mich.
Da fiel ein schwarzer Besen mit kräftigem Hiebe auf des Hundes Schnauze, daß er winselnd Milly freigab, zugleich rief eine bekannte Stimme:
»Mach', daß du fortkommst mit dem kleinen Ding da!«
Eilig flüchtete ich mit Milly hinter die Tür des Treppeneingangs und sah durch eine Spalte hinaus. Unser Kaminfeger war es, der gerade im gefährlichsten Augenblick zu Hilfe gekommen war. Er hatte sich in Gefahr begeben um meinetwillen, denn die gereizte Dogge fuhr jetzt auf ihn los; so wuchtig er auch mit dem Besen einhieb, der Hund war furchtbar stark, mit rollenden Augen und fletschenden Zähnen warf er sich immer wieder auf ihn.
Mit einem Gemisch von Bewunderung und Scham sah ich ihm zu. Er wagte sein Leben für mich, – und ich wollte ihm keine Hand geben!
Endlich, endlich war der Hund besiegt. Mit eingezogenem Schwanze lief er hinkend und knurrend davon. Jetzt öffnete unser Retter die Tür. Als er vor mir stand, beugte er sich zu mir nieder und sagte ganz ernsthaft: »Bekomme ich jetzt eine Hand?«
Ich weiß nicht, warum ich gar nicht an mein Kleid dachte, in diesem Augenblick schämte ich mich nur furchtbar; statt aller Antwort schlang ich meine Arme um den Hals des rußigen Mannes und gab ihm einen Kuß. Da sagte er treuherzig:
»Du bist ein gutes kleines Mädel, so etwas passiert einem Kaminfeger nicht alle Tage.«
Else Gernet.