Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

.

Eine Hasengeschichte.

»Wo nur Else und Johanna sein mögen? Ich habe im Garten vergeblich nach ihnen gesucht!« sagte Frau Doktor Fink in besorgtem Tone. »Sie werden doch nicht in die Scheune gegangen sein! Else, der kleine Wildfang, ist gar so leichtsinnig!«

»Sorge dich doch nicht, Mama!« sagte der zwölfjährige Martin, der, in eine lateinische Aufgabe vertieft, am Tische saß. »Else ist ja so geschickt, daß ihr nicht leicht etwas zustößt und jetzt ist sie auch sicher nicht auf dem Heuboden, sondern drunten im Hofe, um Bäschen Johanna unsere Hasen zu zeigen.«

»Die Hasen! Ei, natürlich! Die hatte ich ja wirklich ganz vergessen!« rief die Mutter erleichtert und eilte in die Küche, um nach den Kindern zu sehen. Sie schaute durchs Fenster in den Hof hinab. Richtig, da sah sie die beiden Mädchen vor dem geöffneten Hasenstall! Jedes von ihnen hielt eins der jungen Häschen in der Hand und schaute mit zärtlicher Bewunderung darauf nieder, während Else mit stolzer Freude die Lobsprüche anhörte, welche ihrem kleinen Liebling gespendet wurden.

»Ja!« sagte sie triumphierend, »Vetter Konrad und Nachbars Franz haben auch junge Häschen bekommen, Und zwar am gleichen Tage wie wir, aber sie sind nicht halb so schön und groß wie die unsrigen; und das allerschönste ist noch, daß wir sie selber verdient haben!«

.

»Selber verdient?« fragte Johanna. »Wie kam denn das? Erzähle doch!«

Da setzten sich die Mädchen auf die sonnige Bank im Hofe und Else erzählte:

»Drüben auf dem Berge – siehst du dort, wo die hohen dunkeln Tannen stehen – wohnt Papas Bruder, Revierförster Fink. Sein Haus liegt mitten im Walde, und die Rehlein kommen im Winter oft, ganz nahe herbei und lugen mit ihren braunen Äuglein durch den Zaun.

»Eines Abends saßen Onkel und Tante am Teetisch und der Onkel erzählte nach seiner Art allerlei lustige Jagderlebnisse. Auf einmal hörten sie draußen etwas klagen. Es klang gerade so, als ob ein kleines Kind weine.

»›Hör' doch, Papa! Ist das nicht eine Kinderstimme? Das arme Ding muß sich verlaufen haben,‹ rief Tante Klara mitleidig. Allein der Onkel griff flugs nach seinem Gewehr und sagte: ›Nein, nein! da klagt ein junger Hase! Gewiß hat ihn die abscheuliche schwarze Katze, die sich schon seit einigen Tagen draußen herumtreibt, in den Krallen! – Aber wart', ich brenne dir eins auf den schwarzen Pelz.‹

»Im Nu war der Onkel draußen und schlich sich leise zu der Stelle hin, von welcher der Klageton kam. Es war jedoch nicht die schwarze Katze, was er sah. Nein, ein großer, stattlicher Hase saß aufrecht unter einem Baum. Vor ihm aber kauerte ein schwaches kleines Häschen, das die jämmerlichsten Klagelaute ausstieß, während der Alte das arme kleine Ding mit beiden Vorderläufen von rechts und links ohne Unterlaß beohrfeigte.«

»›Ei, daß dich!‹ sagte der Onkel, ›du unbarmherziges Ungetüm!‹« Ritsch, ratsch! fuhr die Flinte in die Höhe. Ein Funke – ein Knall! dann machte der Hase einen gewaltigen Luftsprung und fiel tot zur Erde, just neben dem armen Häschen, das sich nicht zu rühren vermochte und nur angstvoll zusammenzuckte, als der Hund kam, um den toten Hasen seinem Herrn zu bringen. Der Onkel aber hob das Häschen vorsichtig auf und brachte es der Tante zur Pflege; und als Bruder Martin und ich in den Sommerferien hinaufkamen, war aus dem kleinen Häschen schon ein ganz schöner stattlicher Hase geworden.

Da spielten wir eines Tags im Hof. Ich saß am Tor und baute mir ein Sandgärtchen. Martin aber hatte sich auf den Holunderbaum gesetzt und las in einem Märchenbuch.

»Auf einmal fuhr etwas an mir vorüber, so schnell, daß ich gar nicht erkennen konnte, was es war: erst ein weißer, dann ein schwarzer Schatten!

»›Tor zu! Tor zu, Else‹? schrie Martin. Flink drückte ich das Tor zu, doch in demselben Augenblick fuhr der schwarze Schatten wieder an mir vorbei. Es war die wilde Katze; aber sie kam zu spät! Das Tor war geschlossen und die Katze gefangen! Ihre grünen Augen funkelten und sie schlug zornig mit dem dicken Schwanz auf die Erde, während sie vergeblich nach einem Ausweg spähte. Hinten im Hof aber saß ein wundernettes, weiß und braunes, junges Häschen, das wie verzaubert vor Angst, unverrückt nach den funkelnden Augen der Katze sah. Es ließ sich auch ganz willig von Martin greifen und in den Hasenstall schieben, fast als wüßte es, daß ihm dort nichts Böses mehr widerfahren werde.

»Als der Hase geborgen war, gingen wir zusammen ins Haus. Dann holte Martin seine Zimmerflinte und schoß die wilde Katze tot. Ganz erschrocken über den Knall kam die Tante herbeigeeilt. Wie sie aber die tote Katze sah und alles erfuhr, da freute sie sich sehr, und noch viel mehr freute sich der Onkel, der eine Stunde später nach Hause kam.

»›Bravo! Bravo! Das hast du gut gemacht, Junge! Einen wahren Meisterschuß hast du getan: mitten ins Hirn hinein ist das Blei gedrungen! – Und unsere kleine Else hat auch noch so schön beim Fang geholfen und die Falle zu rechter Zeit geschlossen! Das lass' ich mir gefallen!‹

»›Aber nun soll eure Tapferkeit auch belohnt werden,‹ fuhr der Onkel fort. ›Was sagt ihr dazu, wenn ich euch den geretteten Hasen samt seinem Vorgänger und jetzigen Gefährten schenke und den hübschen Stall dazu, den Martin so herrlich angestrichen hat? Was sagt ihr? He?‹ –

»›Oh,‹ lachte Martin, ›ich sage gewiß nicht nein, lieber Onkel!‹

»›Und ich auch nicht!‹ rief ich und gab dem Onkel einen herzhaften Kuß und der Tante auch. Acht Tage später sind wir abgereist und die beiden Hasen und der Stall sind mitgefahren. Und siehst du, Johanna, nun sind schon acht junge Häschen dazugekommen und Martin sagt, daß nächstes Jahr vielleicht doppelt so viele kommen, und übernächstes Jahr doppelt so viele wie nächstes Jahr und so immerfort, bis wir eine ganze Herde haben, für die man einen großmächtigen Stall bauen muß und einen Kleeacker dazu und wenn du wieder einmal zu uns kommst, dann darfst du alles sehen: die Hasen und den Stall und den Kleeacker, und dann spielen wir so herrlich miteinander!«

»Ja, wenn ich aber recht lange nicht mehr kommen kann, dann bin ich vielleicht, bis ich wiederkehre, ein großes Fräulein und du vielleicht auch, und dann können wir doch nicht mehr mit Hasen spielen!« meinte Johanna nachdenklich.

»Oh, ich werde nie ein Fräulein und will immer mit Hasen spielen!« erwiderte Else in sehr bestimmtem Ton, während sie ihren kleinen langohrigen Freund behutsam in den Stall setzte. »Fräulein sein ist langweilig! – Nicht wahr, Schnuckelchen?«

Und das Häschen nickte ganz ernsthaft mit dem Kopf dazu und rümpfte das stumpfe Näschen. Es dachte gerade so, wie seine Herrin, das konnte man deutlich sehen!

C. L.


 << zurück weiter >>