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Es war einmal ein hübscher kleiner Silberfisch, der lebte in einem klaren Bächlein, das durch grüne Wiesen und freundliches Erlengebüsch fröhlich dahinplätscherte.
Und fröhlich und vergnügt war auch der kleine Silberfisch. Warum sollte er auch nicht gutes Mutes sein? War das Bächlein auch nicht groß, Wasser hatte es doch genug für einen so kleinen Fisch!
Schnaken und unvorsichtige, leichtsinnige Wasserspinnen, die sich beim Tanze gern vergaßen und in Gefahr begaben, Fliegen und Schneckeneier, große und kleine Wassertierchen: kurz alles, was ein Fischlein sich nur wünschen konnte, gab es da drin in Hülle und Fülle.
Da kamen einst zwei Kinder – ein Knabe und ein kleines Mädchen – zum Bach. Sie setzten sich an den Rand desselben und spielten mit den marmorweißen Steinchen, welche das Wasser ans Ufer gespült hatte. Das Fischlein hörte die Stimmen der Kinder und schoß neugierig herzu.
»O sieh doch, Fritzi!« rief das kleine Mädchen voller Freude, »sieh doch das hübsche Silberfischchen, wie es glänzt und funkelt und wie flink es durch die Steine schlüpft! Es sieht so lustig aus! Gewiß freut es sich, daß es hier in dem schönen Bach ein so herrliches Leben führen darf!«
»Ein herrliches Leben? Pah!« lachte Fritz verächtlich. »Wenn ich ein Fisch wäre, ich möchte nicht um die Welt in einem solch erbärmlichen Bächlein wohnen! Nichts als Wiesen und Bäume, ein paar langweilige Krebse und ein paar alte, dumme Grundeln: das ist alles, was man hier zu sehen bekommt!
»Und wenn nun erst der Sommer da ist und der Bach vom Gewitterregen braun und schmutzig wird oder vom heißen Sonnenbrand halb austrocknet – pah! das ist doch kein Leben!
»Wie herrlich haben es dagegen meine Goldfische! Die leben jahraus, jahrein sicher und wohlgemut in ihrem prächtigen Glaspalast. Sie haben Tag für Tag das herrlichste Futter und jeder, der ins Haus kommt, macht dem Glaspalast einen Besuch und lobt und bewundert die schönen Fische, die sich so vergnügt im Wasser tummeln!«
Immer weiter war das horchende Fischlein bei diesen Worten aus dem Wasser emporgestiegen. Mit offenem Munde lauschte es auf die wunderbare Schilderung. – In solch einem Glaspalast zu wohnen, wie schön, wie herrlich müßte das sein!
Die dicke alte Grundel, welche ihr gutmütiges breites Gesicht auch ein wenig unter einem Stein hervorgestreckt hatte, bemerkte mit Schrecken und Kummer, welchen Eindruck die Worte des Knaben auf das törichte, unerfahrene Fischlein machten. »Komm, komm!« flüsterte sie und zupfte das Fischlein am Schwanz; »komm, laß uns dort zu dem kleinen lustigen Wasserfall schwimmen! Du mußt nicht auf die Reden des Knaben hören; das tut nimmer gut!«
Aber das Fischlein stieß die gutmütige Grundel unwillig zurück. Was hatte der Knabe soeben gesagt: »Ein paar dumme Grundeln!«
Ja, ja, die Grundel war dumm; viel zu dumm, um die Worte des Knaben zu verstehen, und deshalb schalt sie über dieselben.
Betrübt schwamm die Grundel davon, das Fischlein aber blieb und lauschte. Und je länger es lauschte, desto übler wurde seine Laune, desto unzufriedener sein Sinn. Der Bach kam ihm mit einem Male so entsetzlich klein vor, das Wasser so fad und alles, alles so dumm und langweilig.
»Komm mit, komm mit!« bat die Grundel noch einmal, aber das Fischlein erwiderte: »Laß mich in Frieden, ich will mit dir nichts mehr zu schaffen haben! Ade, alte, dumme Grundel – ade, du langweiliger Bach!«
Bei diesen Worten schnellte sich das Fischlein mit großer Anstrengung so hoch empor, daß es nicht wieder ins Wasser zurückfiel, sondern neben den Kindern im Grase lag.
»Hei!« jubelte Fritz, »der Fisch ist nicht dumm! Der hat gewiß gehört, was wir gesprochen und will nun auch in den Glaspalast.« Auch Trudchen freute sich. Eilig ließ sie sich zum Bache nieder, füllte des Bruders Botanisierkapsel mit Wasser und setzte das zappelnde Fischlein hinein. Dann trugen sie es behutsam nach Hause.
»Nun komme ich bald in den Glaspalast!« dachte das Fischlein, aber es konnte keine so große Freude dabei empfinden, als es zuvor gemeint. Der Sprung aus dem Wasser war ihm schlecht bekommen: es fühlte sich recht wirr und elend im Kopfe. Dazu war es so erschrecklich dunkel in der Kapsel und der seltsame Lackgeruch machte dem Fischlein auch übel. Doch tröstete es sich selber immer wieder: »Im Glaspalast wird's herrlich sein.«
Endlich kam der ersehnte Augenblick, die Kapsel wurde geöffnet und das Fischlein in den Glaspalast gesetzt. Aber, o weh! wie ganz, ganz anders war alles, wie weit entfernt von dem, was das Fischlein gehofft und erwartet!
Das Wasser war so ruhig, so warm, so fad und so tot! Kein fröhliches Rauschen und Plätschern, kein frischer Fluß und Wellenschlag! Die Goldfische schienen sich zwar ganz wohl dabei zu befinden, aber unserem Fischlein wurde bang und weh!
»Fort! fort! o, nur wieder fort von hier!« dachte es verzweiflungsvoll. »O, wäre ich doch in meinem schönen Bach geblieben, bei der alten, guten, klugen Grundel, bei den drolligen Krebsen!«
»Ja, fort!« aber wo war der Ausgang? »Da hinaus!« dachte das Fischlein und schwamm eilig geradeaus, da stieß es mit dem Kopf an eine unsichtbare Wand. »Vielleicht auf der anderen Seite?« sprach es, aber ach, hier erging es ihm ebenso – und hier! – und dort! – überall, überall war diese entsetzliche unsichtbare Wand!
Immer müder, immer elender wurde das Fischlein. »Wenn ich nicht bald in eine frische Strömung komme, so muß ich sterben! Doch hier ist's so hell und sonnig, hier muß der Ausgang sein!« dachte es und machte eine letzte verzweifelte Anstrengung hinauszukommen. Da fühlte es einen heftigen Stoß. »Nun bin ich durch!« seufzte es, dann vergingen ihm die Sinne.
Einige Augenblicke später kam Trudchen zum Fischglas; sie hatte ein paar ganz besonders gute Krümchen für das hübsche Silberfischlein bereit. Aber mit verwunderten Augen blickte sie ins Glas. »O Mama, komm doch und sieh unser Silberfischchen! Es hat sich ganz umgewendet und schwimmt auf dem Rücken! Wie sonderbar!«
»O, wirklich?« sagte die Mutter und kam gleich herbei. »Wenn es auf dem Rücken schwimmt, dann ist's tot!« Sie holte das Fischlein aus dem Glas und trug es fort.
Fritz machte sich nicht viel aus dem Verlust; aber Schwesterchen Trude war tief betrübt, daß ihr kleines Fischlein so schnell gestorben. Und noch oft, wenn sie am Fischglas stand und den Goldfischchen zusah, dachte sie an das törichte kleine Silberfischlein, das so lustig im bescheidenen Bächlein geschwommen und so kläglich im blinkenden Glaspalast zugrunde gegangen war.
C. L.