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Die kleine dreijährige Suse war ein reizendes Kind. Ihre ungezwungene Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit, ihr offenes, zutrauliches Wesen gewannen ihr aller Herzen.
Fragte jemand: »Wer bist du, Kleine? Wie heißest du?« – so erwiderte sie treuherzig: »Ich bin die kleine Suse, Papas Herzblatt!«
Papas Herzblatt! Ja, das war sie wirklich, die niedliche Kleine, und sie tat ihm dafür zuliebe, was sie nur konnte.
Kam der Papa abends müde aus dem Geschäft nach Hause, so trug Suschen Stiefelknecht, Hausschuhe und Käppchen herbei, holte sich dann ein Fußbänkchen und setzte sich zu Papas Füßen; sie legte ihr Köpfchen an seine Knie und erzählte ihm nun alles, was sie den Tag über getan und erlebt hatte; zuweilen sang sie ihm auch ein Liedchen vor, welches Mama sie gelehrt hatte. Bei Tisch hatte Suse ihren Platz zwischen den Eltern und bekam immer die besten Bissen von Papas Teller.
»Aber Papa, verwöhne doch Suse nicht so!« bat Mama oft; doch Papa erwiderte: »Ach, laß nur, Suse ist ja unsere Einzige!«
Und Mama gedachte der drei Kleinen, welche schon gestorben waren, und sagte nichts mehr. Liebte sie ja selbst die Kleine so zärtlich und schlug ihr selbst nur ungern eine Bitte ab.
Doch die Verhältnisse änderten sich; Suse bekam ein kleines Brüderchen. Die Kleine war überglücklich. Was für ein prächtiger Spielgefährte würde das Brüderchen sein, wenn es erst größer ward. Denn Mama hatte nicht immer Zeit, mit Suse zu spielen; allein aber spielte Suse gar nicht gern. Allerdings hatte Mama gesagt: »Ehe das Brüderchen mitspielen kann, dauert es noch lange!« – Doch Suse war ja geduldig. Sie wollte das Brüderchen pflegen helfen und immer fein still sein, wenn es schlief, vor allem aber es recht lieb haben.
Doch bald merkte sie etwas, was ihr kleines Herz schwer betrübte und die Liebe zu dem Brüderchen ein wenig schwankend machte; Suse besaß nämlich nicht mehr Papas ganze, ungeteilte Liebe. Kam er nach Hause, so galt seine erste Frage dem Kleinen; sein erster Gang war zu ihm. Erst nachdem er an Fritzchens Wiege gewesen, begrüßte er Suse. Einmal, als Suse dem Papa sein Lieblingslied vorsang, hatte er sogar nicht ordentlich darauf gehört; denn als unerwartet im Nebenzimmer Fritz zu weinen anfing, sprang Papa auf und sagte: »Sei still, Suse, Fritzchen weint!« worauf er zu ihm eilte.
Suse blieb allein zurück. Sie hörte, wie Papa das Brüderchen zu beruhigen versuchte, hörte die Schmeichelnamen, die er ihm gab, und sie ging still an ihr Spieltischchen in der Ecke und weinte. »Papa hat das Brüderchen lieber als mich! Ich bin nicht mehr sein Herzblatt!« Das waren die Gedanken, welche die Kleine unaufhörlich beschäftigten und so traurig machten.
Von nun an ging mit Suse eine Veränderung vor. Sie erwartete Papa nicht mehr wie bisher am Fenster, sondern im Kinderzimmer an Fritzchens Wiege. Erst wenn er hinausging, schlich sie leise heran, nahm ihn bei der Hand und begleitete ihn in das andere Zimmer. Hier tat sie ihm alle die kleinen Dienste, welche sie ihm schon früher so gern geleistet, und Papa belohnte sie auch stets mit einem Kusse; aber es war doch nicht mehr wie früher.
Wohl merkte Papa, daß sein Töchterchen stiller geworden war, doch dachte er nicht über den Grund nach; sein kleiner Bube nahm alle seine Gedanken in Anspruch. Suse war ja auch schon sechs Jahre, da brauchte sie nicht mehr soviel Pflege wie der Kleine. –
Die Zeit verging schnell. Fritzchen hatte sich schon kräftig entwickelt und war schon zwei Jahre alt geworden; Suse beschäftigte sich viel mit ihm und war eine brave, kleine Pflegemutter.
Der Papa bekümmerte sich jetzt auch mehr wie vorher um Suse; denn sie ging schon zur Schule und war ein lernbegieriges, fleißiges Kind. Wenn er aber mit Fritzchen spielte und scherzte, meinte Suse, er sei viel zärtlicher als zu ihr, und eine leise Eifersucht regte sich in ihrem Herzen.
Eines Tags führte Suse das Brüderchen spazieren. In der Nähe des elterlichen Hauses lag eine schöne blühende Wiese, von einem kleinen Bächlein durchschnitten. Der Besitzer der Wiese kannte Suses Eltern und erlaubte den Kindern gern, Blumen zu pflücken; nur an den Bach durften sie nicht gehen.
Suse setzte sich mit dem Brüderchen auf die Wiese, pflückte Blumen und wand Kränzchen daraus. Auf einmal klatschte Fritzchen freudig in die Hände und rief: »Ach, die schönen, blauen Blumen; Suse, sieh einmal!«
Suse blickte auf. Dort am Rande des Baches wuchsen unzählige Vergißmeinnicht und nickten mit den blauen Köpfchen herüber, als wollten sie rufen: »Komm und pflücke uns!« Suse überlegte einen Augenblick, dann fuhr es ihr durch den Sinn: »Vergißmeinnicht, Papas Lieblingsblumen!« Wenn sie Papa einen Strauß mitbrächte, würde er sie gewiß küssen und sagen: »Danke dir, mein Herzblatt!« Ach, wie lange hatte er sie nicht mehr so genannt!
»Bleib sitzen, Fritz!« rief sie zurück und eilte rasch zum Bache hinab, ohne sich noch einmal nach dem Brüderchen umzusehen.
Der Kleine aber war ihr, des Zurufs nicht achtend, gefolgt, so schnell es seine kleinen Beinchen erlaubten; er bückte sich, um gleich Suse zu pflücken, verlor aber das Gleichgewicht und stürzte ins Wasser.
Suse hörte das Plätschern. Erschreckt sah sie auf. Die Wiese war leer; doch dort auf dem Wasser tauchte das Kleidchen des Kleinen auf.
Einen Augenblick war die Schwester starr vor Schreck, dann rief sie laut um Hilfe.
Da kam der Besitzer der Wiese, welcher sich in der Nähe befand, mit seinem großen Hunde eiligst herbei.
»Harras, apport!« befahl er, und sogleich sprang das Tier ins Wasser, faßte mit den Zähnen das Kleidchen des Kindes und brachte so den Knaben sicher zu seinem Herrn ans Ufer zurück.
Dieser trug den kleinen Verunglückten ins Haus, zog ihm die Kleider aus, legte ihn ins Bett, und bald schlug Fritzchen die Augen wieder auf.
Die schnell herbeigerufenen Eltern hüllten den Knaben in warme Kleider und Decken und trugen ihn nach Hause, nachdem sie dem freundlichen Retter herzlich gedankt hatten.
Suse folgte still mit gesenktem Köpfchen. Sie war sehr blaß; niemand kümmerte sich um sie. Leise ging sie ins Wohnzimmer, setzte sich an das Tischchen, an dem sie immer mit dem Brüderchen spielte, legte das Gesicht auf die Arme und schluchzte leise. Die Vergißmeinnicht lagen neben ihr; sie waren ganz welk geworden.
Jetzt hörte sie im Nebenzimmer den Hausarzt sagen: »Es ist keinerlei Gefahr vorhanden, Sie können ohne Sorge sein. Eine leichte Erkältung wird der Kleine allerdings davontragen, und einen oder zwei Tage das Bett hüten müssen; aber das ist alles.«
Er verließ das Zimmer. Suse hörte ihn die Treppe hinabgehen; dann traten die Eltern ins Zimmer zu ihr.
Suse rührte sich nicht. Ihr kleiner Körper bebte vor Aufregung, ihre Wangen glühten wie im Fieber. Jetzt trat der Papa heran; die Kleine blickte scheu zu ihm auf, senkte aber das Köpfchen sogleich wieder; der Papa sah gar so böse aus.
Und jetzt begann er in ernstem Tone: »Ich hätte nicht gedacht, daß du eine so schlechte Behüterin des Brüderchens sein würdest, Suse; denn du weißt, wie lieb wir den Fritz haben, und wie ängstlich wir über ihn wachen, und du paßt nicht besser auf? Ohne die schnelle Hilfe wäre er ertrunken, und du hättest die Schuld gehabt, du böses, unachtsames Kind! Wie ist es zugegangen? Erzähle!«
Doch Suse antwortete nicht. Ein einziger Blick, in welchem sich all das Weh der Kindesseele spiegelte, traf den Vater; doch die Antwort blieb aus.
Da beugte sich die Mama zu Suse herab, zog sie an sich und fragte mild: »Wie kam es, Suse?«
Jetzt brach Suse in Tränen aus.
»O Mama,« bat sie, »sei nicht böse! Ich spielte mit Fritzchen auf der Wiese, da sah ich die schönen Vergißmeinnicht! – Ich dachte, Papa hat sie so gern – ich wollte ihm einen Strauß mitnehmen – dann würde er gewiß wieder, wie früher so oft, sagen: »Danke dir, mein Herzblatt!« – Ich hatte nicht gesehen, daß Fritzchen mir nachkam; denn ich habe das Brüderchen ebenso lieb wie du und Papa; ich wollte nur Papa eine recht große Freude machen, daß er mir wieder so gut wäre wie früher.«
Stückweise, oft von Schluchzen unterbrochen, hatte die Kleine erzählt, und jetzt schloß sie die kurze Beichte mit den traurigen Worten: »Ach, ich glaube, er hat mich gar nicht mehr lieb!«
Da zog der Vater Suse zu sich aufs Sofa, nahm sie auf den Schoß und sagte mit mildem Ernst: »Meine kleine Suse! Ich habe dich noch ebenso lieb wie früher; aber du bist schon ein großes, verständiges Mädchen, während unser Fritzchen der Pflege und Aufmerksamkeit noch sehr bedarf, weit mehr als du. Willst du mir nun versprechen, nie mehr auf das Brüderchen eifersüchtig zu sein und es immer treu zu hüten, so will ich dir verzeihen, und du bist und bleibst mein Herzblatt! Willst du mir das versprechen, Suse?«
Ob sie wollte?! – Stürmisch umarmte sie den Vater und sagte: »O Papa, wie gern will ich! Wenn du mir nur nicht mehr böse bist! Und ich will Fritzchen auch recht lieb haben, wenn ich nur wieder dein Herzblatt bin!«
Sie küßte den Vater, und dieser sagte: »Nun, meine Suse, das sollst du sein! Fritzchen aber sei unser aller Liebling!«
Und so blieb es. Fritz wuchs heran, sorgsam gehütet und gepflegt von allen; auch Suse war ein folgsames, braves Mädchen. Den kleinen Vorfall mit dem Brüderchen aber hat sie nie in ihrem Leben vergessen.
Else Frey.