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Dankbarkeit.

Es war an einem herrlichen Frühlingstage, als Kurt und Erna die Mutter um Erlaubnis baten, in dem nahen Walde Erdbeeren suchen zu dürfen. Erna nahm ihr kleines Körbchen, und so wanderten die Geschwister fort.

Sie suchten hier und dort, aber soviele Erdbeerbüsche sie auch fanden, die Beeren waren meist abgesucht und nur noch unreife hingen daran.

»Komm, Erna,« sagte Kurt, »hier finden wir nichts, da haben schon zu viel Leute gesucht; wir müssen weitergehen.«

So wanderten sie fort und fanden bald eine Stelle, wo sie für ihr Suchen reichlich belohnt wurden.

»Ei!« rief Erna, »wie schön rot sind diese Beeren und wie süß,« und dabei steckte sie eine Beere nach der anderen in den Mund. – Auch Kurt machte es nicht besser, doch als er sich ein Weilchen an den schönen Früchten gelabt hatte, da sagte er: »Nun aber haben wir genug fürs ›Kröpfchen‹ gesorgt, nun laß uns auch ans ›Töpfchen‹ denken, damit wir der lieben Mama auch etwas mitbringen.«

Und so geschah es; bald war das Körbchen gefüllt, die Kinder erquickten sich noch an einigen Beeren und machten sich dann auf den Heimweg.

Inzwischen war es aber recht warm geworden. Die Kleinen, vom vielen Suchen erhitzt und ermüdet, wollten erst ein wenig ausruhen und suchten sich ein schattiges Plätzchen an der Seite des durch den Wald führenden Fahrwegs.

Bald darauf sahen sie einen Knaben langsam daherkommen, der mühsam einen mit Holz beladenen Wagen nachschleppte und laut schluchzte.

»Weshalb weinst du?« fragte ihn Kurt.

»Ach,« antwortete der Knabe, »an meinem Wagen ist ein Rad gebrochen, nun kann ich mit der schweren Fuhre Holz gar nicht fortkommen.«

»So lade doch das Holz ab, fahre mit dem leeren Wagen, der doch leichter geht, nach Hause und borg' dir in der Nachbarschaft einen anderen.«

»Das ist leicht gesagt,« erwiderte der Knabe, »aber wenn ich mein Holz hier ablade und liegen lasse, so kommt der faule Peter, der auch im Walde Holz sammeln soll, sich aber lieber ins Gras legt und schläft und nun nichts im Korbe heimbringt. Der nimmt dann das meine fort, denn er ist ein böser Bube. Heut' nachmittag muß ich aber zur Schule, kann also nicht wieder in den Wald gehen, und wir brauchen das Holz so nötig.«

Den Geschwistern tat der Knabe leid, der sehr ärmlich, aber reinlich gekleidet war und so gutmütig aussah, und sie besprachen sich heimlich, wie ihm wohl zu helfen sei.

»Lade dein Holz ruhig ab,« sagte Kurt zu ihm, »wir wollen es bewachen, daß niemand dir etwas fortnimmt. Fahre schnell nach Hause und hole einen anderen Wagen; aber länger als eine Stunde darf es nicht dauern, denn dann müssen wir nach Hause.«

»Ach!« rief Fritz, so hieß der Knabe, glückstrahlend aus, »wenn ihr das tun wollt, ist mir geholfen und ich will eilen, schon früher zurück zu sein.«

Schnell brachte er das Holz auf die Seite des Wegs und fuhr, so rasch es eben mit dem zerbrochenen Wagen ging, davon.

Es war auch kaum eine halbe Stunde vergangen, da sahen sie ihn schon zurückkommen.

Die Geschwister wanderten nun heim, nachdem ihnen Fritz noch herzlich gedankt hatte. Doch nicht nur in Worten bestand der Dank des armen Knaben, sondern solange es Erdbeeren gab, brachte er ihnen täglich ein Sträußchen aus dem Walde mit.

Einst gingen Kurt und Erna wieder in den Wald, da stolperte die Kleine über eine Baumwurzel, fiel hin und verletzte sich das Knie. Sie weinte bitterlich vor Schmerz, versuchte aufzustehen und zu gehen, aber es war ihr nicht möglich und sie konnte, vom Bruder gestützt, sich kaum bis zum nahen Fahrweg schleppen, wo sie eine Gelegenheit zur Heimkehr zu finden hofften.

Es dauerte auch nicht lange, da hörten sie ein lustiges Lied singen, und bald sahen sie einen Knaben mit leerem Wagen des Wegs daherkommen, in dem sie zu ihrer Freude Fritz erkannten. Dieser hielt an, als er sie sah, und kaum hatte er gehört, was geschehen war, so erbot er sich sogleich, Erna auf seinem Wagen heimzufahren. Er holte vorher noch etwas Laub und Moos herbei, um ihr einen weichen Sitz auf dem Wagen zu machen, und dann hoben die beiden Knaben vereint die weinende Erna hinauf.

»Aber nun versäumst du so viel Zeit durch uns, und wirst nicht genug Holz sammeln können,« meinte Kurt.

»Oh!« rief Fritz, »diese Zeit will ich schon wieder einholen, so daß Mütterchen gewiß das nötige Holz erhält, denn es freut mich zu sehr, daß ich euch, die ihr gegen mich so gut waret, einmal wieder gefällig sein kann.«

Und fort eilte der Wagen mit der kleinen Verwundeten.

A. Lambrecht.


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