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Gerettet.

Ein Frühlingstag war's, ein schöner, strahlender Frühlingstag! Schon hatten sich Hecken und Buschwerk mit einem grünen Schleier überzogen. Die Vögel jubilierten, die Schneeglöckchen nickten im warmen Winde, und die blauen Cyllablumen schauten aus ihren Sternenaugen fröhlich zum Himmel auf, als wollten sie sagen: »Wo wir sind, da ist auch ein Himmel voller Sterne!«

Und Himmel und Sonne, Blumen und Vögel, der lustige Wind – alles lockt und ruft mit heller Stimme: »Heraus! heraus aus dumpfer Stube!«

Und wer irgend kann, der folgt dem Ruf und freut sich draußen all der neuen Herrlichkeit, mit welcher der liebe Gott die schöne Erde geschmückt hat.

Auch Lisa und Lora sind mit Bruder Franz ausgezogen, um im nahen Wäldchen die ersten Frühlingsblumen zu suchen. Eifrig pflückend schlüpfen die Schwesterchen durchs Gebüsch und hüten sich dabei gar sorglich, eine der zarten blauen Blüten zu zertreten, die im Verein mit Anemonen und Schlüsselblumen einen herrlichen Teppich mit blauem Grund und weiß und goldenen Sternen im Walde ausgebreitet haben.

Bruder Franz hat sich indessen auf einen Baumstumpf gesetzt und singt sich eins. Er runzelt dabei die Stirne und zieht nach Knabenart die Augenbrauen scharf zusammen, daß er ganz grimmig aussieht. Aber sein junges Herz ist dabei voll Frühlingslust.

Da kommt ein schmutziger Junge des Wegs. Mit grobem Fuß tritt er mitten in den blauen Cyllahimmel hinein und steuert dem nahen Bache zu, der zu dieser Zeit, vom Schneewasser der Berge angeschwollen, rauschend dahinfließt. Im nächsten Augenblick spritzt das Wasser klatschend hoch auf und gleich danach taucht mitten im Bach ein kleines Kätzchen auf, das kläglich schreiend mit den Wellen kämpft.

Der rohe Junge steht am Ufer. Er hat die Hände in die Taschen gesteckt und schaut lachend dem verzweifelten Kampfe zu. Lora aber birgt ihr blasses, erschrockenes Gesichtchen weinend an des Bruders Brust, während Lisa flehend seine Hand erfaßt: »O Franz, Franz! hilf ihm doch!«

Einen Augenblick zögert Franz; dann mit einem mächtigen Satz springt er mitten auf den großen Stein, der aus dem Bache aufragt, und ehe die Kinder sich besinnen können, steht er wieder am Ufer, das triefende, zitternde Kätzchen im Arm! Mit Jubel empfangen ihn die Schwesterchen; aber der schmutzige Junge ist voller Zorn.

»Das ist meine Katze!« schreit er mit trotzigem Gesicht. »Gleich gibst du sie heraus!« und sucht nun das arme Tierchen wieder zu erlangen. Doch der kleine Franz hat großen Mut.

»Komm nur her!« lacht er und schaut den trotzigen Bengel, der ihn um einen halben Kopf überragt, fest an.

»Meinst, ich getrau' mir's nicht?« ruft batzig der andere und dringt auf Franz ein.

Der aber faßt seinen Feind mit geschicktem Griff am Kragen und rüttelt und schüttelt ihn kräftig.

Endlich hält Franz inne und sagt dann ganz ruhig und gemütlich: »So! Hast du nun genug, du Tierquäler, oder willst du noch mehr haben?« Aber der böse Bube verlangte nichts mehr. Schreiend und scheltend rannte er davon, während die Kinder im Triumph den Heimweg antraten. –

Das kleine Miezchen erholte sich bald von seiner ausgestandenen Todesangst und war stets fröhlich und guter Dinge. Nur zuweilen dachte es noch daran, wie an einen bösen, bösen Traum. Dann wurde sein lustiges Gesichtchen ganz ernsthaft und gedankenvoll und es vergaß auf ein Weilchen all sein gegenwärtiges Glück: den schönen warmen Korb, die süße Milch, die treuen Pflegemütterlein und – sich selber!

Aber im nächsten Augenblick hüpfte und sprang es wieder mit Lisa und Lora um die Wette und war seelenvergnügt.

Und als es größer und stärker wurde, da fing es alle Mäuse im Hause, und das war der Dank für seine Errettung!

C. L.


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