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Niemand hätte geglaubt, daß Ilse und Meta Schwestern seien, sie sahen sich gar so unähnlich. Ilse war ein schlankes, niedliches Mädchen, »gerade wie eine Tanne,« Pflegte der Turnlehrer zu sagen. Die arme Meta aber hatte eine schiefe Schulter und war klein und schmächtig; trotzdem aber liebte Ilse die Schwester aufs zärtlichste; stets gingen die beiden Hand in Hand zur Schule. Gar oft geschah es, daß ungezogene Kinder der armen Meta spottende Worte nachriefen, dann wandte sich Ilse mit blitzenden Augen gegen die Frechen und schwang drohend die Schulmappe, daß sie schreiend auseinanderstoben. Dafür hing aber auch Meta an der Schwester mit rührender Treue.
Ilse war ein kleiner Trotzkopf und zog sich deshalb zu Hause und in der Schule häufig Strafe zu. Wenn Ilse dann Hausarrest bekam, blieb Meta bei ihr, wenn sie in der Schule vor die Türe gestellt wurde, weinte Meta, bis die Lehrerin sich erweichen ließ und sie hinausschickte, um Ilse wieder zu holen.
Heute aber half kein Flehen und Bitten Metas, Ilse hatte sich zu sehr vergessen. Als die Glocke bereits das Zeichen zum Beginn des Unterrichts gegeben hatte, lärmte sie noch ausgelassen draußen im Gange. Die Klassenlehrerin kam eben dazu, und zur Strafe sollte Ilse vor der Türe stehen. Da übermannte sie der Trotz, sie schüttelte den Kopf und weigerte sich hartnäckig, dem Gebote Folge zu leisten.
Diese offene Widersetzlichkeit mußte streng bestraft werden: Ilse mußte den heutigen freien Nachmittag im Arrest zubringen. Das war doppelt hart, weil Ilse und Meta heute von Cousine Berta zu einer großen Kindergesellschaft eingeladen waren.
Schluchzend trennte sich Meta von der Schwester, die zur Verschärfung ihrer Strafe nicht einmal zu Tisch nach Hause durfte. Ilse tröstete Meta mit den einsichtsvollen Worten:
»Weißt du, Meta, dir will ich es sagen, es gehört mir gar nicht besser, aber die andern brauchen das nicht zu wissen.«
Als aber alle Kinder die Schule verlassen hatten, da wurde es Ilse doch recht traurig zumute, der Nachmittag war so endlos lang und im Garten bei Cousine Berta war es so wunderschön! Eingeschlossen war sie zwar nicht in der Klasse, allein gefangen war sie doch; nebenan, in ihrem Stübchen, saß die Schuldienerin, ohne deren Erlaubnis sie die Klasse nicht verlassen durfte.
Seufzend nahm sie ihre Hefte zur Hand und schrieb emsig die Strafarbeiten, um nur nicht an Schwesterchen Meta und Cousine Berta zu denken.
Zwei Stunden waren so verflossen, die Schuldienerin hatte ihr einmal einen Teller Suppe gebracht, sonst war keine Abwechslung in ihre Langeweile gekommen. – Da wurde die Türe geöffnet und Meta trat herein.
»Meta, was willst du denn? Ich darf ja noch lange nicht fort!« rief Ilse erstaunt.
»Ich will bei dir bleiben, liebe Ilse, bis du fortgehen darfst. Bitte, laß mich!« antwortete Meta.
Ilse wollte das Opfer der Schwester nicht annehmen, als Meta aber versicherte, sie könne es nicht ohne sie aushalten, wenn es auch in der Gesellschaft noch so schön wäre, gab sie nach.
»Aber Meta, was wird die Mama und die Schuldienerin dazu sagen?«
»Die Mama,« erwiderte Meta, »wird sich nicht ängstigen, denn deine Strafzeit ist um sechs Uhr zu Ende, und vor sieben erwartet sie mich ja gar nicht, und die Dienerin, die glaubt, ich habe nun auch Arrest, vorhin rief sie mir nach: ›Aber, aber, die auch noch‹!«
So waren denn die beiden Schwestern wieder vereint. Meta half Ilse beim Arbeiten und hörte sie ab, dann erzählten sie sich halblaut Geschichten.
Als um sechs Uhr die Schuldienerin die beiden fortschickte, sagte sie freundlich: »Ihr seid aber brav und still gewesen, so ist's recht.«
Ilse lachte schelmisch, umschlang die Schwester zärtlich und sagte: »Wenn ich nur halb so gut wäre, wie du, Kleine; aber ich werde mich jetzt wirklich bessern, damit du nicht wieder freiwilligen Arrest nimmst.«