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Urselchen im Schloß und Urselchen in der Hütte.

Zwölf Grad Kälte, und Frau Holle schüttelt heute so fleißig ihre Betten, daß die weißen Schneeflocken nur so herunterfliegen! Ei! ei! das kann eine schöne Schlittenbahn zum lieben Weihnachtsfest geben.

Und dem kleinen Urselchen war es ja vom Papa versprochen worden, daß sie mit dem niedlichen Schlitten und den zwei Eselchen davor zum großen Weihnachtsmarkte fahren dürfte, um beim Aussuchen zweier Weihnachtsbäume zu helfen. Jetzt kam der Papa aus der Fabrik; Urselchen hatte deutlich seinen Schritt erkannt und flog nun pfeilgeschwind die Treppe des eleganten Landhauses hinab, jubelnd ihrem Väterchen entgegen.

»Nicht wahr, guter, bester Papa, heute holen wir uns doch die Tannenbäume? Laß doch, bitte, unsere Eselchen anschirren, ich selber möchte sie lenken. Ach, wie freue ich mich! Und dann sollen wir ja auch viel Zuckersachen einkaufen, um dieselben an die Bäume zu hängen. Sage: Ja, – lieb Väterchen; bitte, bitte, und dann will ich dir auch gleich zeigen, welche wunderschöne Puppe ich mir wünsche; die ist so groß wie ein kleines Kind und hat ein prachtvolles Bettchen mit seidenen Vorhängen und seidenen Decken, und einen echten, weißen Federhut, ein Samtmäntelchen und Stiefel aus schönstem weißen Atlas.«

»Genug, genug, mein kleiner Wildfang; du wünschest dir wohl gleich ein ganzes Schaufenster voll schöner Sachen? Nun, wir wollen einmal den Weihnachtsmann darüber befragen; vielleicht treffen wir ihn heute beim Tannenbaumkauf.«

»Also erlaubst du, Papa? Vielen, vielen Dank! Wann wollen wir denn fahren? Jetzt gleich?«

»Ja, sonst wird es zu dunkel und zu spät,« antwortete der Vater, »eile dich nur, Karl hat schon Auftrag, vorzufahren.«

Wie ein flinkes Reh hüpfte Urselchen die Treppe hinauf und ließ sich von der Bonne umkleiden. Sie war eben fertig, als das Schellengeläute schon unten ertönte, und hurtig sprang sie hinunter und zum Papa in den Schlitten, um sogleich die Zügel in die Hand zu nehmen, welche Karl schon bereit hielt. –

Klein-Urselchen war ein aufgewecktes, liebliches Kind, heute noch lieblicher durch das dunkelrote Kleidchen, welches ebenso, wie die Kappe, mit weißem Pelz besetzt war. Sie lenkte die zwei Esel ganz sicher durch das Menschengewühl, trotzdem sie erst acht Jahr alt war. Der Vater saß neben ihr und betrachtete mit Entzücken sein kleines liebes Töchterchen.

Von ferne sahen sie schon den Marktplatz, wo Tausende von Weihnachtsbäumen feilgehalten wurden. Jetzt machte man Halt; Karl nahm die Zügel, und der Vater stieg mit Urselchen aus, um die Bäume näher zu besichtigen.

»Da ist ein prächtiger Baum; den könnten wir schon nehmen,« sagte der Vater. »Wir werden auch noch einen zweiten finden.«

Sie gingen weiter und sahen an der Säule auf dem Markte ein kleines, barfüßiges Mädchen in dünnem Röckchen und ohne Kopfbedeckung. Das lief vom einen zum anderen und bat flehentlich, ihr doch ein Stückchen Seife abzukaufen.

Als es Urselchen mit dem Papa erblickte, zögerte es ein wenig, ob es auch wohl so feinen Leuten seine Ware anbieten dürfte. Urselchen aber machte es dem kleinen Mädchen leicht. Sie hatte ein gutes Herz, und es dauerte sie so sehr, daß das arme Kind gegen solche Kälte gar nicht durch warme Kleider geschützt war.

»Arme Kleine,« sagte Urselchen, »friert dich denn nicht? Warum zieht dir denn deine Mutter keine warmen Schuhe und Strümpfe an?«

»Meine Mutter ist krank,« erwiderte das fremde Kind, »mein Vater ist tot, und wir haben keinen Pfennig Geld. Der Hunger quält uns sehr und – und – bitte, bitte, kaufen die Herrschaften mir doch ein Stückchen Seife ab, damit ich meinem kranken Mütterchen ein Brot heimbringen kann.«

»Wo wohnst du denn?« fragte der Vater.

»In diesem engen Gäßchen hier, Nr. 24 in der Dachstube,« war die Antwort.

Der Vater gab dem frierenden Kinde Geld zu einem Brot und ließ ihm seine Seife. Freudig lief das kleine Mädchen davon und voll Seligkeit brachte es der kranken Mutter das gekaufte Brot.

Gerade als sie sich einmal ordentlich satt gegessen hatten, ging die Türe auf und herein trat der fremde Herr mit seinem Töchterchen. Urselchens Vater hatte sich von dem großen Elend selbst überzeugen wollen, und er fand alles so, wie es das kleine Mädchen geschildert hatte.

Urselchen hatte ein Paket mitgebracht und gab es der Kleinen.

»Nimm,« sagte sie, »das kommt vom Weihnachtsmann.«

Diese wußte gar nicht, wie ihr geschah. Sie nahm das Paket, schnürte es auf und hell glänzten ihre Augen, als sie den Inhalt sah. Da gab es wollene Strümpfe, warme Schuhe, ein gefüttertes Röckchen und eine Kappe, unten im Päckchen lagen Äpfel, Nüsse und Kuchen. Auch die kranke Mutter war bedacht; sie bekam ein schönes, warmes Tuch, Brot und Speck, und ein großes, frisches Stück Fleisch. Das war ein Fest für die beiden, wie sie es schöner noch nie erlebt hatten. Heiße Dankestränen füllten die Augen der Kranken, und voll inniger Freude über das Glück, welches sie in diese Hütte gebracht hatten, standen Urselchen und ihr Vater im Dachstübchen und schauten, ebenfalls Tränen in den Augen, auf die beiden.

»Wie heißt du denn, Kleine?« fragte Urselchen endlich.

»Ich heiße Urselchen

»Ach, wie merkwürdig! Also eine Namensschwester? Nicht wahr, du wirst uns bald einmal besuchen? Dann sollst du dir von meinen Spielsachen mitnehmen, soviel du tragen kannst, und sollst dich auch jedesmal recht satt bei uns essen. Und habt ihr einmal wieder kein Brot, dann komm nur gleich zu uns; ich werde dir einen großen Korb mit allerlei schönen Sachen packen, so voll, daß du ihn kaum heben kannst.«

»Nun ist es aber Zeit, mein liebes Kind,« sagte Herr von Winkler – so hieß Urselchens Vater – »wir müssen jetzt nach Hause, damit sich's Mütterlein nicht ängstigt.«

Damit nahmen sie Abschied voneinander und fort sauste der Schlitten nach Hause.

»Gott sei Dank!« rief die Mutter, »daß ihr wieder da seid. Wie lange seid ihr fortgeblieben! Ich glaubte schon, der Schlitten wäre umgeworfen oder ihr stecktet im Schnee.«

Urselchen lachte und gab der Mutter einen Kuß.

»Ja, höre nur, Mütterlein, du wirst gleich alles begreifen. Ich habe dir so viel, so viel zu erzählen,« und sie fand kein Ende, bis es die höchste Zeit war, ins Bett zu gehen. –

Die ganze Nacht träumte Urselchen von der kleinen Namensschwester; sie spielten im Traume miteinander.

Gar oft nun besuchten sie sich, die beiden kleinen Urselchen aus »Schloß« und »Hütte«. Der Vater sorgte für die armen Menschen, daß sie keine Not mehr zu leiden hatten.

Als »Urselchen aus der Hütte« einmal weinend zu ihrer kleinen Wohltäterin kam, da brachte sie die traurige Nachricht, daß ihr armes Mütterchen in der letzten Nacht die Augen für immer geschlossen habe.

Jetzt bat »Urselchen aus dem Schloß« die Eltern, die arme verlassene Waise ganz zu sich zu nehmen, und weil es ein so artiges, liebes Kind war, gewährte man dem Töchterchen die Bitte sehr gern.

Die beiden Urselchen gingen nun zusammen zur Schule und lernten fleißig. In späteren Jahren trennten sie sich schweren Herzens voneinander – das Hüttenurselchen wollte sich sein Brot als Erzieherin verdienen. Aber auch dann noch blieb ihnen eine Freude, – die Freude des Wiedersehens in der schönen Ferienzeit, welche Hüttenurselchen stets bei ihren lieben Pflegeeltern zubringen mußte.

Léonie Walddach.


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