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Auch ein Gänsekiel hat eine empfindsame Seele. Wie leicht tänzelte der meine dahin, als er die Tage meiner Kindheit beschrieb, und die runzelige Hand, welche ihn führte, wurde, von seinem Übermut angesteckt, beinahe wieder straff vor Jugendlichkeit. Je weiter aber mein Bericht fortschritt, desto müder wurde auch der Fuß des Kiels, bis er schließlich nurmehr mühsam über das Papier ackerte wie ein abgerackerter Gaul. Jetzt aber übersteigt die Aufgabe seine Kräfte vollends, und wenn meine Kinder einmal diese Zeilen lesen, mögen sie mir deshalb nicht gram sein, weil ich nicht so viel Verwandlungskunst wie der heidnische Dichter Ovidius besaß, um den Ganskiel in eine Orgelpfeife zu verzaubern.
Denn eine wundersame Orgelpfeife müßte er sein, aus purem Silber und groß wie die Unendlichkeit, zugleich aber auch aller Register fähig, damit er sich mitten in des lieben Herrgott Ohr aufstellen und ihm das gebührende » Jubilate Domino!« hineinzirpen, hineinflöten und hineinposaunen könnte, um ihn wissen zu lassen, daß sich der Spindl wieder selber beim Schopfe hat und auf seine Art dankbar ist.
Ihr, meine Kinder, bekommt ja selbst gar oft zu spüren, wie heilsam sich euere kleinen Schmerzen aus der Brust herausweinen lassen, wenn die Mutter den Arm auf euren Schultern liegen läßt. Deshalb werdet ihr es sicherlich verstehen, wie wohl mir damals auf dem Grabe meines Herrn Vaters der Arm des Kalanderlein getan hat.
Wie tanzte seit jener Stunde die Erde nur so leicht unter den Füßen hinfort! Und wenn schon der Winter trotz all seinem Frost und Gezänke eine Freude war, so war dann der Frühling erst recht eine Lust. Star und Amsel ermüdeten vergebens ihre Kröpfe im Sängerstreit mit unserem Lied.
Das Land lag freilich noch ständig unter einem grauen Himmel, der scheinbar wegen des vielen vergeblichen Blutes nicht aus der Trauer kam. Die Menschen waren mißtrauisch wie Dachse und verschanzten sich bei jedem nahenden Schritt in ihren Bauen. Sie trauten dem Sohn nicht aus Angst, er könnte sich bei der Herrschaft zu einem schönen Kind machen wollen, indem er den eigenen Vater wegen eines rebellischen Wortes oder wegen eines Fausthiebes damals in der aufständischen Zeit verschwärzte. Jeder mißtraute dem Nachbar jenseits der Hufe und machte einen Bogen um den andern oder warf sich, wo er stand ins Feld, sobald er einen Menschen nur erblickte, um nicht selber gesehen und belauert zu werden.
Kalanderleins Stimme und die Geige des Herrn Vaters aber waren gute Schlüssel, die beinahe zu jeder Tür paßten. Es dauerte nie lange, und die Augen der Leute waren von uns wieder blank gescheuert worden, und ein Grüßgott in der Richtung zum Nachbar hin durfte alsbald wieder auf ein herzliches Echo gefaßt sein.
Wir sangen und geigten nicht um eine Münze. Ein Stück Brot und ein Dach für den Leib, ein Lachen für die Seele war ein genügender Lohn. Trotzdem fand sich aber manch Kupfer- oder Nickelstück in meinem Sack, von einer heimlichen Hand als Zehrpfennig hineingetan. Und während ich oft zum Dank für Unterschlupf und Unterhalt in einem Winkel sitzend die Schuhe besserte und auf diese Weise dem Handwerk des Meisters Scholze eine Ehre antat, pflegte das Kalanderlein mit Herz und Hand manch einen Leib und manch eine Seele gesund.
Es war nirgends schön, wohin wir kamen. Von wannen wir aber gingen, dort hatte es sich aufgehellt.
Oft dachte ich im stillen, dieser oder jener Ort könnte uns ein Obdach für immerdar geben, und das Umherschweifen hätte ein Ende. Sobald sich aber die Stirnen der Leute zu glätten und ihre Munde aus eigenem Drang wieder nach einem Lied zu tasten begannen, befiel mich doch die alte Unrast immer wieder, und die Sohlen juckten mich. Um des Kalanderleins willen unterdrückte ich diesen Trieb, doch es geschah immer wieder, daß es eines Tages von selbst das Bündel schnürte, als hätten wir es verabredet.
Aber meine Unrast war jetzt anders als früher. Nicht mehr wild und ungestüm, bewegte sie mich bloß wie ein Kahn, nach dessen Ziel man nicht zu fragen braucht, weil man dem Fährmann vertraut. So zogen wir selbander, das Kalanderlein und ich, und die Winter und die Frühlinge vergingen in einer bunten Reihe. Wir gingen eines seligen Weges, aßen vom gleichen Brote und schliefen unter ein und demselben Dach. Dennoch streckte ich niemals Sinn oder Hand aus nach der Dirn, die an meiner Seite aus einem Kind zu einem wonniglichen Weib erblühte. Ich hätte damit nur im gleichen Augenblicke alles verloren, wenn ich alles genommen hätte. Aber wenn sich auch unsere Hände nicht hielten, so sind doch unsere Seelen immer Hand in Hand dahergegangen. So oft ich die Dirn ansah, wurde meine Brust so warm wie einem Wanderer, der im Winter in ein gastliches Haus tritt. Dann fühlte ich die wortlose gute Sprache der Liebe.
Wie hatte ich mich doch gewandelt! Früher hätte ich ein solches Glück nicht bei mir behalten können, sondern ich hätte es über Berg und Tal hinausjauchzen müssen. Jetzt aber trug ich es still in mir wie einen kostbaren Schatz, den Man nicht aller Welt zeigt. Oder war das, was früher so leicht einen Weg vom Herzen über die Lippen gefunden hat, in Wahrheit noch nie ein wirkliches Glück gewesen? Ein ewiges Licht flammt nicht wie ein Schober, sondern brennt in einer milden Beständigkeit. Trotzdem hat es eine größere Macht. Denn während die Flamme bloß deine Stimme in wildem Jauchzer zu den Wolken mit sich reißt, erhebt das stille Licht mit seiner Wärme deinen Leib aus der Erde und dein Gemüt sogar bis in den Himmel hinein, und dein Fuß sucht sich wie von selbst die Berge und geht aufwärts ohne eine jede Not.
So zog es auch uns damals aus den Tälern hinaus und immer in die Gebirge hinein.
An einer Lehne lagen zwanzig Hütten, nicht zu einem geschlossenen Ort vereinigt, sondern so verstreut, als hätte sie ein Krippelschnitzer aus einer löcherigen Lade verloren. Zuhöchst stand eine steinerne Kirche, weit von allen hölzernen Hütten abgerückt. Es sah aus, als hätten sich die Häuser mit aller Armut begnügt, nur damit die Kirche um so stolzer und schöner werden konnte, und als hätten sie sich dann aber wegen ihres eigenen Elends vor der Pracht des Gotteshauses geschämt und als wären sie deshalb dann so weit zurückgewichen.
Das Antlitz eines jeden Hauses und selbst das eines ganzen Ortes wird eher von der Laune der Einwohner, als von der Macht ihrer Geldkatze bestimmt. Ich habe schon unfrohe Herrensitze gesehen, hingegen aber auch arme Buden, deren magere Wangen vor Frohsinn glänzten. Wir waren zu jenen Zeiten von unseren Fahrten her an ein gutes Stück Grobheit gewöhnt. Eine solche Kälte aber wie hier, hatten wir noch nirgend angetroffen. Schon vor der ersten Türe froren meine Finger an den Geigenhals, und auch in des Kalanderleins Hals erstarrte der Ton. Aus diesen Totenlöchern ließ sich keine Nase mit einem Lied hervorlocken.
Steil und stracks führte uns der Weg zur Kirche empor. Der Turm hatte das Dach verloren und sah eher wie der Wachturm einer Burg aus. Von seinem Giebel starrte ein einziger verkohlter Balken empor und spießte mit der Verkündigung, was Grausiges hier geschehen war, eine bittere Anklage gegen den Himmel.
Vor einem Loch am Fuße des Turmes hing ein geborstener Torflügel schief an einer einzigen Angel. Als wir eintraten, stolperten wir über eine zersprungene herabgestürzte Glockenkrone, die halb aus Schutt hervorlugte.
Am Ende eines kurzen Ganges verleitete eine steinerne Treppe zum Anstieg. Sie drehte sich einige Male um einen granitenen Zapfen und mündete plötzlich auf einem weiten Chor. Die hölzerne Chorbrüstung war verbrannt und wir schwebten unvermittelt ohne Trennung mitten im Raum. Die Scheiben der hohen Fenster waren zerborsten und herausgefallen und das Schiff gottlos hell erleuchtet, ohne die Frömmigkeit und Demut, wie sie dem Tageslicht von dem gemalten Glase erst verliehen wird.
Nackt und kahl waren die Wände. Nur an den Stellen, wo einstens die heiligen Bilder gestanden, waren sie von rußigen Flammen bis ins steinerne Gebälk empor zerteilt. Vom Altar stand nur mehr der marmorne Tisch, wie ein vergessener nackter Sarg. Tief unter uns, auf dem Boden der Kirche, lagen die Reste des verkohlten Gestühls wirr durcheinander, geblichenes Gebein, mit einem bösen lebendigen Glanze inmitten der lautlosen Dämmerung. So oft eine Schwalbe in einem Neste an den Säulen die hungrige Brut aufrührte, zerbrach die Stille, aber nur um dann desto unheimlicher wieder aufzustehen.
Die Hand der Dirn berührte meinen Arm wie eine furchtsame Bitte, und ich wandte mich zum Gehen. Aber ich erschrak bis in das Mark. Plötzlich ragte die Orgel mächtig vor mir empor. Unter dem dünnen Staub glänzten die Pfeifen in unzerstörter Reihe hervor, als schliefen sie wie heilige Reliquien unter einem Schleier. Der Spieltisch war verdeckelt, und über dem unversehrten Fußspiel stand die Bank, als warte sie und sei bereit. Unwiderstehlich zog es mich Ohnmächtigen dahin. Der Deckel hob sich willig und gab das Spiel frei. Blink und blank breiteten sich die Tasten vor meinem Schauern aus.
Fauchte der Wind durch die Löcher der Fensterscheiben und füllte er die Bälge? Der Leib der Orgel zitterte wie ein Tier, wenn es erwacht und tief aufseufzt. Das Beben und Stöhnen aber ging in meinen Körper über. Ich saß wie im Fieber.
Plötzlich fiel von hoch oben ein breites Sonnenband auf den Spieltisch her und zündete die Tasten an wie Kerzen. Ich wußte nicht mehr, wo ich mich befand. War ich wieder der kleine Bube im Hause der Frau Mutter in Budenweiß? Durfte ich denn wieder in diesem Hause sein, und war mir denn alles vergeben?
Das Kalanderlein hatte mir zwar im Namen des Weibes von Jessenei verziehen, aber des Herrgotts Gnade und Barmherzigkeit war mir in gar wehen Zweifeln nicht gewiß. Jetzt aber, aus dieser Orgel wollte ich mir die Gewißheit der Gnade holen. An Gottes Statt wollte ich die Orgel versuchen. War das Wunder geschehen, und war die Orgel inmitten all des Brandes ringsum heil geblieben und tönte sie jetzt unter meinen schuldigen Händen wieder auf, o wie gut sollte es mir dann auf der Erde gehen, und wie lieb wollte ich sie haben um dessentwillen, der über sie wacht. Wenn sie aber schwiege, sollte mir auch die Dirn versagt sein als liebes Weib.
Jetzt ging es um alles. Und in einem wilden Mut, entschlossen und doch verzweifelnd zugleich, stieß ich die Hände in das Spiel als in mein Schicksal.
Hart schlugen die Tasten nieder, und in der Stille, die dem Aufschlag folgte, stockte das Herz. Brauste der Wind endlich durch die Gänge, oder war es bloß das Blut im eigenen Ohr? Ich starb schier an dieser Stille und an diesem leeren Brausen. Dann aber begann es. Und es sang die Orgel. Voll und weich. Meine Finger auf den Tasten wankten trunken in den Gelenken. Ich aber hing in diesem Klang wie in einer tiefen Gnade. Die Hände hielten die Tasten endlos. Aus Angst, es würde dieses Tönen wieder und für immer vergehen, wagten sie nicht, diese Tasten zu verlassen. Dann aber jubelten ihre Nachbarn von selber auf mit silbernen Munden, und jetzt versuchten die Hände das ganze Spiel.
Erst war es ein verworrenes Schwanken, sinnlos, wie wohl ein Gefangener taumelt in der Befreiung und sich ganz damit begnügt, bloß wieder gehen zu dürfen, nicht an des Gehens Ziel und Zweck denkt und der Dinge nicht achtet, an denen er sich stößt. Und wie dann die Wirklichkeit diesen Unwirklichen nur schonend und langsam wieder an sich bindet, indem sie ihm zunächst noch kein Halt gebietet, sondern ihn nur behutsam einengt und seinem sinnlosen Drang zunächst nur eine Richtung zu geben wagt, ihn hinaus und nur hinaus stürmen läßt ohne Ende, so flog auch ich aufwärts, nur aufwärts, bis zu des Herrgotts Fuß.
Ein Register nach dem anderen riß ich heraus. An der Kraft des ganzen Werkes drohte der Raum zu zerbrechen. Irrsinnig brandeten die Töne durcheinander, ein jeder für sich. Des andern nicht achtend klirrte es auf, verbiß sich in einem Gegensatz und zerbrach nur, um sich bald wieder neu aus dem Sturze zu erheben. Ich lag mit der Brust an der Orgel, und ihre Brandung war die meinige. Sie schlug meinen Puls, sie jagte meinen Atem an. Zugleich mit meinem Herzen fand auch die Orgel erst allmählich einen ruhigeren Gang; je mehr mein Puls zu einem Gleichtakt kam, desto mehr bändigten sich auch die Pfeifen. Langsam lösten sich geordnete Weisen aus der Wirrnis hervor. Diese Weisen waren mir irgendwoher bekannt, irgendwie vertraut. Während die eine schluchzte, jubelte eine andere; während die erste in der Beichte meiner eigenen Sünde klagte, jauchzte die nächste die Vergebung darüber hin. Ich horchte ihnen nach, wie ein Kind nach einem Gewitter den Vögeln nachlauscht.
Und plötzlich erkannte ich sie alle. Aus Irrfahrten in hoffärtigem Willen für ein Evangelium ersonnen, in verzweiflungsvoller Erkenntnis elend und unwert befunden und auf dem Satteler Stein verbrannt, wuchsen sie jetzt groß und rein aus dem Feuer der Demut durch die Gnade wieder empor.
Je mehr unter meinen Händen der Choral aufblühte, desto tiefer wurde aber mein Nacken von der Last eines Steines gebeugt, und mitten in die Klänge seufzte ich hinein: Ich bin nicht würdig, mit deinem Mund zu beichtigen. Erdrück mich nicht mit deiner Fülle!
Er aber achtet nicht auf mein Flehen, sondern forderte mit einer großmächtigen Stimme: Ich habe dir dereinst einen Samen anvertraut, jetzt begehre ich die Frucht von dir!
Ich habe schlecht geackert und bestellt, schrie ich. Strafe mich und zertritt in meiner Seele jeden Ton!
Die Orgel stöhnte.
Er aber breitete die Hand aus. Und die Orgel träumte wie ein schlafendes Kind.
Ich frage nicht, warum du mich zerwühlst und stillst, betete ich. Denn dein Wille steht vor allem.
Über den Pfeifen schwebte ein feiner Schatten, irrte unschlüssig umher und setzte sich auf den Gipfel der Orgel nieder. Die Sonne verließ den Spieltisch, glitt an den Säulen empor und traf den kleinen Schatten. Aber sie zerstörte ihn nicht, sondern zündete ihn an. Zweimal zuckte es auf und nieder, dann hob sich ein rotes Flämmchen empor und schwebte kurz über der Geige. Dann verschwand ein Rotkehlchen im Dunkel des Raumes.
Es erwachte die Orgel und schluchzte über einen sehr guten Traum.
Habe ich denn heimgefunden?
O Gott, ich habe heimgefunden!
Immer lauter wird die Orgel und dankt mit eintausend Kehlen. Das Chor bebt wie ein Flügel. Der ganze Raum hebt sich, schwankt, tut seinen Mund auf und dröhnt. Die Pfeifen sind an ihrem Ende, aber noch ist der Dank nicht erschöpft. Die Orgel stimmt das Tedeum an, aber sie ist zu klein dafür. Sie wird darüber zerbersten. Verzweifelt bricht sie mit einem Notschrei ab. Ich werfe die Hände von den Tasten empor und erwarte den Einsturz und den Tod.
Aber die Orgel stürzt nicht zusammen. Der Raum ist barmherzig und nimmt ihr das Lied ab. Weit wie eine Glocke schwingt dann der Raum, schwingt und tönt und dröhnt ein menschliches Wort.
Ich reiße mich empor und starre in das Wunder. Unten im Kirchschiff drängt es sich Leib an Leib in einer dichten Masse. Nach langen Jahren stehen die Bauern wieder hier, und durch mein Spiel hat sie der Herrgott eingeführt. Entblößten Hauptes blicken sie zu dem verrußten Gebälk empor und singen mit einer rauhen Stimme: »Großer Gott, wir loben dich!«
Sie sehen einander an, Vater und Sohn, als wären sie lange getrennt gewesen und als müßten sie sich jetzt erst wieder erkennen. Langsam gehen sie von dannen, und ich sehe durch das Turmfenster, daß sie selbander und froh sind.
Das Kalanderlein reicht mir beide Hände. Seine Wangen glühen noch von der Arbeit mit den Orgelbalken.
Habe ich es denn vollbracht?
Da geht in den Augen der Dirn die Liebe ganz auf, und sie reicht mir ihren Mund zum Zeichen, daß ein Wunder beschlossen ist, und ein neues anheben darf.
Und es begann gleich am selben Abend und ist seither noch nicht zu Ende. Und niemals wird es zu Ende gehen, sondern wird dauern, über mich hinaus. Amen.
Wie ein bräutliches Paar verließen wir die ausgebrannte Kirche. Die Amseln streuten ihre Lieder aus den Kirschen, und wir gingen hindurch wie durch ein Fest.
Langsam stiegen wir bergan und hatten die Augen auf den jenseitigen Hügeln, die sich eben mit der versinkenden Sonne krönten. Auf einem Acker neben unserem Weg wollte ein elender Alter mit einem rostigen Spaten die Erde für die Saat umstechen, als hätte er Zeit bis zum Jüngsten Tag. An der Hütte lehnte der rostige Pflug.
Wir blieben stehen, wünschten einen guten Abend und fragten, warum er denn den Pflug nicht benütze.
Er hielt mit der Arbeit inne, wischte sich den Schweiß von der faltigen Stirne und prüfte uns lange und stumm. Endlich fragte er, ob ich der Spielmann sei, der vorhin in der Kirche gespielt habe.
Erst dann gewann er Zutrauen und kam ganz an uns heran. Sichernd sah er sich um, ob niemand zugegen wäre, und zischelte mir ins Ohr: »Sie haben mir zuerst den Buben erschlagen und dann die Schecke geraubt, weißt du? Es war ein gutes Stück Vieh, die Schecke. Es ist ein Jammer um sie. Jetzt bin ich halt allein, weißt du?«
»Wenn der Boden nur gekratzt wird, gibt er keine Frucht. Es ist schade um die Saat.«
Er nickte. »Aber es wird für mich schon reichen, wenn Spatz und Maus ein Einsehen haben, weißt du?«
Das Kalanderlein drückte heimlich meine Hand, und ich wußte, was es damit meinte. Ich legte also die Geige und den Sack am Hause nieder und nahm den Pflug. Ich spannte mich davor, und das Kalenderlein lenkte die Schar. Der Alte zog an meine Seite mit, und wenn seine Kraft auch nicht viel bedeutete, so war ein Doppelgespann doch vornehmer anzusehen, als ein einzelner Ochse. Wenn das Kalanderlein hie und da die Schar zu tief in den Boden eindrückte, verbrannte die Schulter beinahe unter dem Seil. So oft wir einhielten und Atem holten, sah uns der alte Dengler-Bauer ungläubig von der Seite an und schüttelte wie über ein großes Wunder den Kopf.
Von dieser Stunde an verblieben wir in diesem Hause, das Kalanderlein als freiwillige Magd und ich als Knecht. Und der Herrgott spottete nicht über unser mühseliges Ackern und über das armselige Säen, sondern er hat seine Hand als einen guten Schirm darüber gehalten. Die Nachbarn taten es bald nach unserem Beispiel, und gab es auch nicht gerade viel zu beißen, so hatte am Abend unter der Linde meine Geige auch keine schwere Arbeit. Einer stand dem andern mit Kraft und Saatgut bei, und als das letzte Korn der Erde anvertraut war, gab es ein frohes Fest. Wer am fleißigsten gewerkt hatte, sollte zum größten Zugochsen erkürt und zur Ehre mit einem Strohkranz geschmückt werden. Der Titel schien für mich geschaffen zu sein, für den Ehrenkranz hielt ich mich jedoch für zu gering. Als er mir von den Bauern dann doch noch überreicht wurde, nicht etwa zum Spott, sondern mit einem ehrlichen Blick, da jauchzte ich wie ein toller Junge und von da an achtete ich diesen Strohkranz höher als einen goldenen Stirnreif.
Nach zwei Ernten stand bereits manch eine Kuh in den Ställen, und auch der Dengler-Bauer hatte wieder eine Schecke. Und abermals im andern Herbst konnten wir sogar damit beginnen, auch dem Herrgott sein Haus wieder neu zu bereiten. Mit der Frucht unserer Arbeit wuchs auch der Zehnte. Wir führten ihn gern und pünktlich ab, und der junge Graf war schon deshalb ein gütiger Herr. Mit seiner starken Beihilfe schritten wir nun an das fromme Werk.
Ich konnte den letzten Hammerschlag an der Kirche und den Einzug des neuen Pfarrers kaum mehr erwarten, denn am Tage der Weihe sollte mir das Kalanderlein angetraut werden als ein liebes Weib. So wünschte es der alte Dengler, so hatte es die ganze Gemeinde beschlossen, und so ersehnte es auch mein eigenes Herz.
Das war dann endlich ein Tag, an dem der ganze Himmel wie ein einziges frohes Auge strahlte. Alle Häuser waren mit Blumen und Kränzen ausgeschmückt, und an der Straße, über die der geistliche Herr mit dem Grafen herkommen sollte, wehten die Fahnen. Ich mußte selbst an diesem Tage die Orgel bedienen, und so war ich denn, lang bevor das Fest begann, allein auf dem leeren Chor. Da bin ich denn einige Male rund um die alte Orgel gegangen und habe immer wieder die flache Hand auf ihren Leib gelegt, wie es der Dengler mit der Schecke im Stalle tat, wenn er sie liebkoste.
Plötzlich krachten die Böller, und zum ersten Male sangen die neuen Glocken durch unser Tal. Aus allen Orten weit umher kamen die Nachbarn und geleiteten in einem unendlichen Zug die hohen Herren bergan. Bald konnte ich durch die Fensterluke die goldenen Gewänder der geistlichen Herrn erkennen. Ihnen folgte der Graf mit seinen Dienern. Dann aber war der Zug ein großes Stück unterbrochen, als hätte man einen ehrfürchtigen Abstand vor und hinter den beiden bäuerlichen Gestalten gelassen, die da allein einherschritten. Die harrende Menge begrüßte die hohen Herren ehrerbietig mit stummem Schwenken von Hüten und Tüchern, dem einsamen Paare aber stürmte ein lauter Jubel entgegen. Schon vernahm ich die kindlichen Stimmen der Ministrantenglöcklein und jetzt erkannte ich auch die beiden Gestalten: mit entblößtem Haupte und auf zitterigen Beinen stelzte der alte Dengler einher und führte das Kalanderlein an seiner Hand.
Ich riß das Schneuztuch aus dem Wams, zwängte mich durch die Fensterluke und winkte dem Kalanderlein zu. Seine Augen waren auf mich gerichtet und glänzten mehr als die Brautkrone. Und wenn ich auch nicht zu ihm hinabdurfte, so waren wir für einen Augenblick doch innig beisammen.
Wie ertönte dann die Orgel unter meinen Händen hell und klar, als raffte sie alles Menschenglück auf der Erde zusammen und trüge es vor dem Altar zu Nest! Und immer war es noch nicht genug, immer wußte sie irgendwo noch ein verstecktes Licht und mußte es einholen. Ich versank so sehr in das Spiel, daß ich auf den Spiegel oberhalb des Spieltisches zu blicken vergaß, der mir den Gang der Handlung beim Altar verkünden sollte. Der Pfarrer hatte sich der Gemeinde zugewendet und stand zur Predigt bereit. Ich ließ ihn jedoch nicht zu Worte kommen, sondern vermehrte nur noch die Stimmen. Der Balkentreter ließ die Balken stehen. Der Orgel ging die Luft aus, und sie schwieg. Ich aber spielte auf dem stummen Werk weiter und bemerkte nicht, wie unsinnig es klang, als die Orgel später plötzlich wieder laut wurde. Ich hatte heute so viel zu sagen, und das mußte bis ans Ende herausgesungen werden, weil ich es nicht weiter hätte ertragen können.
Erst als mir einer ins Ohr schrie, daß das Amt beendet sei, und die Dirn bereits zum Altar trete, und ob ich denn nicht einmal bei meiner eigenen Hochzeit dabei sein wollte, erst da fuhr ich empor. Das Kalanderlein stand bereits vor dem geistlichen Herrn und der Dengler daneben winkte verzweifelt mit dem Hute zum Chor herauf. Da erfaßte mich eine unmenschliche Angst, der Priester könnte plötzlich ungeduldig werden und das Kalanderlein an meiner Stelle dem alten Dengler verbinden.
»Aushalten schrie ich, daß die Kirche hallte, stürzte die Treppen hinab und ackerte mich mit beiden Ellenbogen durch die gedrängten Leiber. Erhitzt und atemlos kam ich endlich neben dem Kalanderlein an.
Es lächelte der Graf und die hohen Herren, es lächelte der Priester und sagte dann in seiner Rede, daß sich auch der Herrgott freue über ein frohes Gemüt.
Und ein lächelnder Abend beschloß diesen festlichen Tag. Der alte Dengler führte das Kalanderlein rechts und mich links unter dem Arme schweigend durch den Garten und über sein Feld. Mit keinem Fuße trat er dabei aus seinem Eigentum. Als dann der Mond ein helles Silber über das Haus legte, blieb der Dengler stehen und sagte ein kurzes Wort: »Du sollst das alles gut halten, Bub! Weißt du?«
Von dieser Stunde an tat der Dengler, als wäre er nicht mehr der Herr, sondern als säße er auf dem Altenteil. Ein stilles Feuer war auf seinem einsamen Herd aufgegangen, es tat ihm wohl, und er hatte damit genug.
Ein reicher Segen lag über Haus, Feld und Leuten, und übers Jahr, als die Sensen wieder auf einen starken Schnitt warteten, hast du, mein liebes Tonlein, deinen ersten irdischen Schlaf neben deinem Mutterlein getan. Damals bin ich vor euerer Bettstatt auf den Knien gelegen, habe euren Atem bewacht und meine Augen nicht von euren Gesichtern gelassen. Wenn sie sich an deinem Gesicht, mein Tonlein, sattgesehen hatten, trugen sie einen Dank zu dem Antlitz deiner Mutter hin. Und so immer wieder.
Damals ist mir auf deinen Wangen, Kalanderlein, das Lächeln der lieben Frau wieder aufgegangen und hat mich ganz zu sich nach Hause genommen. Und als du dann endlich wieder die Augen aufschlugst, ahntest du wohl, warum meine gefalteten Hände auf deinem Kissen von guten Tränen naß waren.
Ich habe dann den Jungen zum Fenster getragen, damit sein junges Stimmlein die Anda begrüße und den Cäsar, den Lerchner-Bauern und sein Weib. Als ich das Kind zum Himmel empor hielt, forderte es mit einem gar kräftigen Laut den Segen seiner Ahnen. Ich selbst hatte dabei zwar keinen Ton in der Kehle, aber mein Herz hat trotzdem noch nie ein so helles Wort für den Herrgott bereit gehabt wie damals.
Weil das Kalanderlein in den nächsten Wochen nicht sogleich mit zugreifen konnte, mußte der Dengler doch noch einmal nach der Sense langen. So oft er beim Mähen verschnaufte – und das mußte oft geschehen, denn sogar ein kleiner Hub fiel ihm schwer –, fragte er, ob das Kind nicht greine, oder ob das Kalanderlein die Zeit mit der Nahrung nicht verpasse. Er hatte an der Ernte keine Freude mehr und auch das Ackern überließ er mir nachher allein. Er hockte lieber auf der Hausbank mit dem Kind auf dem Arme und duldete keiner Fliege ein vorwitziges Plätzchen. Am Abend kramte er aberhundert alte Geschichten aus und erzählte sie über die Wiege hin, als verstünde ihn das Kind. Er erzählte mit einer innigen Hingabe, aber gleichzeitig auch mit einer Hast, als bliebe ihm nicht mehr genug Zeit.
Mit viel Ungeduld wartete er dann auf das zweite Kind, und hat es doch nicht mehr erwarten können. Eines Morgens fanden wir ihn in seiner Kammer, lächelnd in dem ewigen Schlaf.
Es war damals hoch an der Zeit, daß du kamst, mein kleines Elslein, und die Trauer in dem herrenlosen Hause wieder ein wenig aufhelltest.
Eines Tages klopft eine herrische Faust an unsere Tür. Der Vogt steht davor und begehrt Einlaß für einen Herrn, der sich soeben vom Rosse schwingt. An den weichen Zügen um seinen Mund erkenne ich den Grafen wieder.
Ich gebe den Eingang frei und ihm einen Gruß. »Tretet ein in euer Haus, wenn es euch gefällt.«
Aber er geht nicht in die Stube, sondern vorerst durch Schupfen und Stall und mustert alles mit einem gar prüfenden Blick. Dabei braucht er auf seine feinen Schuhe nicht acht zu geben, denn der Boden ist bei uns überall blank. In der Stube begrüßt ihn das Kalanderlein freundlich, aber mit einem besorgten Blick. Die Herren nehmen am Tische Platz, und das Kalanderlein bringt einen Ranft Brotes und das Salz, wie es sich gehört.
Ich schneide für jeden ein Ende ab und reiche es dar. »Nehmt als Willekomm. Es ist nicht vom Zehent, sondern vom eigenen Teil.«
»Er hat sein Sach wohlbestellt, Krauspenhaar«, dankt der Graf und nimmt das Brot.
»Ich glaube schon, daß der Dengler zufrieden wäre, wenn er wieder aus dem Grabe stiege. Die Felder sind brav und vergelten den Schweiß. Morgen gibt es wieder ein neues Leben im Stall, denn die Blässe wird werfen. Die Hühner sind fleißig im Legen wie in der Brut. Auch die Bäume im Garten wetteifern mit der Frucht. Es ist eine Lust, Herr, zu schaffen, wenn der Segen dabei ist.«
»Er führt mir mehr ab, als mir der Bauer schuldet.«
»Ich bin euer Bauer nicht. Dem Dengler half ich aus freien Stücken. Jetzt verwalte ich ein fremdes Gut.«
»Haus und Hof sind nach des Denglers Tod heimgefallen, und ein neues Recht muß eingerichtet werden. Ich habe lange vergebens auf eine Bitte von ihm gewartet, Krauspenhaar. Jetzt frage ich ihn danach.«
Daher weht der Wind? Mir schießt das Blut in die Schläfen. Haus und Hof sind mir lieb geworden wie eine Heimat. Der Abschied von hier wird verflucht schwer fallen. Aber ich bin ein Gimpel, der noch niemandem auf die Rute gegangen ist. Der alte Wanderstock im Herdwinkel ist ausgeruht; es hat den Anschein, als sollte er bald Arbeit finden.
Da weint das Elslein in der Wiege auf, bloß kurz, aber es genügt, mir in die Füße zu fallen. Das schwache Leben des Kindes darf nicht auf die Straße gehetzt werden. Es könnte mir dort zu leicht sterben. Ich muß also dableiben. Und ich muß darum bitten.
Wie schwer ist es doch um den eigenen Stolz bestellt! Ich bin noch nie vor einem Menschen auf den Knien gelegen. Mögen meine Kinder es mir verzeihen, daß mir das Opfer meines Stolzes jetzt so höllisch schwer fällt! Meine Stirne ist voll Schweiß, und meine Brust keucht wie die eines erhitzten Pferdes, da ich mich wieder an den Grafen wende.
Aber das Kalanderlein steht bereits bei der Türe, hat das Elslein im Arm und das Tonlein an der Hand und sagt mit einer ruhigen Stimme: »Ihr mögt nur gestatten, Herr Graf, daß wir das Bettzeug für das Kind mitnehmen dürfen.« Und sie sieht mich mit einem solchen Blick an, daß mir das Herz voll Mut und so froh wie einem Staren wird.
Der Graf erhebt sich und tritt an das Weib heran, sieht dem Elslein unter das Tuch und faßt das Tonlein beim Kinn. Dann sagt er dem Tonlein: »Der Dengler hielt dich für seines Sohnes Kind. So will auch ich es halten.« Da hat auch mich der alte Schalk wieder. »Es ist wahr, Herr: der Dengler ist zu uns wie ein Vater gewesen und soll es in unserem Andenken auch bleiben. Aber, versteht mich recht! Ich bin ein freier Bürger einer königlichen Stadt, und meine Brut gedeiht in keinem Käsig, selbst wenn der Wärter noch so mild ist wie ihr. Ich kann mich euch also nicht zu eigen geben. Dieses Haus und dieser Acker gehören euch nach uraltem Recht und sollen es bleiben. Wenn ihr uns aber als freie Verwalter nehmt, dann sollt ihr gewiß nicht schlecht fahren. Schlagt also ein, wenn es beliebt!«
Der Vogt versinkt schier im Boden vor Entsetzen über meinen Mut. Der Herr Graf aber lächelt, wie damals in der Kirche, und scheut sich nicht, seine Hand in meine klobige Faust zu legen. Hernach befiehlt er eine Kanne Most aus dem Keller.
Ich hebe den ersten Becher und trinke dem Grafen zu: »Es hat seine eigene Bewandtnis mit den Menschen, Herr Graf. Auf dem zwei Sohlen breiten Land, wo er steht, ist ein jeder ein König. Es kann wohl ein anderer kommen und ihn mit Gewalt verdrängen. Dabei zwingt er ihn aber doch bloß, mit jedem Schritt ein anderes Land zu erobern. Und jagt er ihn durch die ganze Welt, muß er ihm schließlich doch ein Grab vergönnen. Wozu also die Jagd und der Kampf? Ein jeder möge seine Grenzen erkennen: Herr, wie Knecht. Nichts ist des Rechtes Wortlaut, aber alles ist sein Geist. Mögt ihr ein freier Herr im Geiste sein, und ihr sollt dafür aus der freien Erkenntnis unseres Rechtes einen doppelten Dienst von uns empfangen. Lasset den Vogt nicht immer mit dem Stab umhergehen, und ihr werdet sehen, wie wenig oft er ihn hervorholen wird.«
»Er führt eine freie Sprache«, zürnt der Vogt in kaum verhaltener Wut.
Aber der Herr Graf erhebt den Becher: »Es lebe ein freier Mund!«
»Und es lebe ein freimütiger Herr!«
Bei solcher Rede und Gegenrede bleibt es nicht bei einer einzigen Kanne. Der Most riegelt Mund und Herzen auf, und ich kann noch manches zu Nutzen der Bauern vorbringen. Erst spät am Abend bricht der Graf auf.
»Ich will öfter bei ihm einkehren, Krauspenhaar, denn bei ihm kann man manches lernen.« Er drückt mir fest die Hand und besteigt sein Roß.
»Es lebe der Herr Graf!« rufe ich ihm nach. »Und es lebe die Freiheit!«
Zu dieser Stunde hatte ich einen Freund gewonnen.
Wie ist doch der Tag so rastlos von Lieblichkeit. Schnee ist hinweggetaut, die Wiesen ersaften und atmen aus. Da und dort steht schon ein Safran und macht ein verwundertes Auge.
Ich finde heute aus dem Wege aus der Frühmesse nicht heim. Zum Ackern ist es noch zu naß, und zum Schustern ist es mir heute nicht angetan, denn ich trage einen Feiertag mit mir in der Brust herum.
Ich steige den Berg hinan, wo er am steilsten ist. Zwischen den Wäldern hindurch. Denn der ordentliche Weg ist für meine Kraft und für mein Ungestüm zu faul. Die Herbstsaat steht dicht und gut und verspricht ein reiches Jahr. Die Brache dampft voller Kraft und wartet auf den Pflug.
Sieh da! In der Birke streitet ein Enkel des seligen Ferdinand um sein Revier, während seine Holde im Schlehdorn einen Nistplatz aussucht. Und die Birke hat eine Not mit ihrem Blut, und die Weide hat an den abertausend Kätzchen noch längst nicht genug.
Allüberall ein Drängen und ein Auferstehen, und in mir drängt und gährt es mit. Mein Haar ist grau, und es wäre also schicklich, mich langsam für das Schlafengehen zu rüsten, denn die Jahre wollen ans Ende gehen. Ich aber stehe da mit ausgebreiteten Armen, mache die Brust weit und jauchze in den Frühling:
Ich bin nicht am Ende! Bin noch lange nicht am Ende.
Ich habe zwar in meinem bisherigen Leben nicht viel erreicht. Einst wollte ich ein großer Künstler werden und meinen Namen unter den des Johannes Sebastian in die Ewigkeit schreiben. Und ich bin doch bloß ein armer Musikant geblieben, der an allen Morgen dem Herrgott in die Ohren dudelt, im Frühling ein wenig ackert, im Herbste eine kleine Scheuer voll erntet und im Winter auf dem Dreibein hockt und alte Schuhe vernagelt. Ich bin also ein Haderlump geblieben, wie ich schon von Anfang an einer war.
Aber die Leute grüßen mich von weitem mit einem fröhlichen Gesicht, und wer mein Haus mit einem griesgrämigen Maule betritt, der kommt mit einem aufgezwirbelten Mund wieder daraus hervor. Und wenn sich einer aus Not und Bedrängnis in seiner Hütte vergraben hat, meine Geige hat ihn immer das Lachen wieder gelehrt. Am fremden Leid ist die Geige gewachsen und an fremder Not hat sie ihre Kunst bewährt.
Es sage mir keiner, ich hätte auf diese Weise mein Pfund vertan und meine Kraft für ein großes Werk verzettelt. Ich habe meine Grenzen in Demut erkannt und lieber eine kleine Seele geheilt, als nach einem falschen! Ruhm gegiert!
Habe ich damit etwa kein großes Werk vollbracht?
Und wenn nicht, bin ich dessen auch zufrieden. Das Leben, das mir der Herrgott beschieden hat, habe ich genützt, wie ich es konnte. Und es war ein lachendes Leben, trotz aller Not.
Ich habe mich selbst erlebt und glaube, daß es gut war. Es lenzt!
Und ich alter Bursche stehe mitten darin und drücke den Lenz an die Brust und sage: er ist mein.
Es lenzt!
Und Sonne ist über Böhmen!
Und mitten darin, dort unten im Tal, liegt mein Haus in einem jungen Saft. Vor der Haustüre sehe ich zwei blonde Pünktchen sich tummeln. Dort tollt und spielt mein anderes ewiges Leben.
Und wer weiß, ob sie dann nach meinem Tode neben dem Strohkranz in der Lade nicht auch die heimliche Symphonie finden werden? Wenn sie sie dann einmal spielen, bin ich erst recht unter ihnen, und dann sollen sie mich lachen hören:
Ich bin auch jetzt nicht am Ende!
Nie am Ende, in alle Ewigkeit!