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Mein Lebtag konnte ich den Aberglauben nicht loswerden, daß ein Gaukler mit mir im Schlaf sein Schindluder treibe. Denn im Traume werde ich oft aus meiner Kammer in absonderliche Gegenden, in seltsame Häuser und Räume und zu merkwürdigen Menschen geführt, erlebe die tollsten Abenteuer mit halbbekannten Zwergen und Riesen, Abenteuer, die gewöhnlich wieder in meiner Kammer ein so lebendiges Ende finden, daß ich nach dem Erwachen oft zweifle, ob ich nicht noch weiter träume. Dann muß ich mir erst einen körperlichen Schmerz zufügen, etwa mit der Ferse an die Bettkante oder mit dem Schädel an die Wand schlagen, um mich von meinem Wachsein zu überzeugen.
Diesmal träumte mir im Schlafe meines Rausches, ein Maikäfer komme zu mir in die Stube, habe die Kittel der Frau Mutter an und zerre mich mit einem seiner sechs Beine aus dem Hause und durch das Prager Tor zur Stadt hinein. In der Böhmgasse standen die Leute vor ihren Häusern. Obgleich sie Schädel von Schafen, Rindern und anderem Vieh auf den Schultern trugen, erkannte ich sie alle an ihren Hunden. Denn die Hunde trugen dafür die Köpfe ihrer Herren. Alle Bürgersleute sahen mir nach, wieherten, blökten und meckerten spottend. Nur ihre Hunde blieben ernst. Mancher von ihnen hob freilich ein Bein und besprengte die Spur meines Weges mit seiner Entrüstung. Diese üble Nachrede focht mich jedoch nicht weiter an, und ich lachte ihrer. Plötzlich hörte ich die Stimme der Zenzin sagen, daß es ein Unglück bedeute, wenn einem ein Hund auf dem Weg nachpißt. Darüber erfaßte mich Angst, und ich wollte nicht weiter und nicht in die Schanzgasse einbiegen. Dort stand, unmittelbar an den alten Wehrturm gelehnt, ein baufälliges Holzhaus. Alljährlich hatte es bedrohlich seinen Giebel weiter vornübergeneigt und sah jetzt aus, als lauere es darauf, gerade mich mit seinen Balken zu erschlagen. Ich stemmte mich aus Leibeskräften gegen den Boden, aber die Zugkraft des Käfers war stärker als die meinige. Eine unbekannte Stimme tröstete mich und wies nach dem Böttcher Wotruba, der von einer Leiter aus die Wand des Holzhauses mit einem langen Eisenstifte an der Mauer des Wehrturmes sicherte. Unter den Erschütterungen der Hammerschläge bebte die Giebelwand wie ein Brett, und wie eine Fahne pendelte ein blecherner Stiefel, der über dem Eingang verkündete, daß hier der ehrsame Meister Scholze seines Amtes walte. Aber auch der Stiefel bedrohte mich unheimlich. Ich duckte mich und wurde im selben Augenblick mit einem geschickten Fußtritt in das Haus hineinbefördert. In einer dunklen Stube brannte eine trübe Ölfunzel. Es stank nach Leder, Pech und übergeronnener Milch. Ich saß auf irgendeinem Brett, von einer Starre in den Gliedern gelähmt und gebunden. Die Frau Mutter wurde von einer meckernden Stimme begrüßt und gefragt, was sie da für eine Pflanze bringe.
»Ich bin doch keine Pflanze«, trotzte ich innerlich dagegen, fühlte aber in dem gleichen Augenblicke, daß ich in einen Krautstock verwandelt wurde, Wurzeln in meinen Sitz hineintrieb und dumpf ergeben wartete, bis einer käme, mich abzuschneiden und in ein Krautfaß zu treten. Neben mir flüsterte eine eigentümliche Stimme: »Dereinst warst du ein Mensch, dann ein Vieh, Hausschwein genannt, jetzt bist du ein Krautstock. Du wirst bald durch alle Reiche der Natur hindurchgekommen sein. Was aber wird dann aus dir?« Und der Angstschweiß rann mir über die Stirne, das heißt: der Angsttau benetzte meinen Krautkopf. Dann hörte ich die Frau Mutter sagen, daß es gut sei, und ich sah sie davongehen. Kaum hatte sich hinter ihr die Türe geschlossen, wurde ich aus meinem Erdreich gerissen, in einen Verschlag geführt und in einen Winkel gepreßt. »Das ist das Krautfaß«, stellte ich fest und fühlte, wie ich gemäß den Bestimmungen meines neuen Seins langsam von innen her sauer wurde. Mitten in der Nacht, just als ich mich bereits in der schönsten Gärung befand, bedrängte etwas meinen Bauch. Ich griff danach und bekam einen anderen weichen Krautkopf zu fassen. Wütend stieß ich ihn von mir.
»Kneif mich nicht in den Hintern!« schalt eine männliche Stimme. »Zunächst ist der Platz für den Gesellen da. Lern dich bescheiden, Lehrbube!«
Das klang gehässig und bedrohlich. Aber der Krautkopf besann sich eines Besseren und rückte immer weiter von mir ab, bis in den Himmel hinein. Dort blieb er als Vollmond stehen und erglänzte, wie schließlich ein jedes gute Werk im Himmel steht als ein mildes Gestirn. Und wie die Strafe für eine Untat nicht bloß den Schuldigen trifft, sondern auch leicht über ein gerechtes und unschuldiges Haupt hinfegt, so breitet sich gar oft der Segen einer Wohltat beglückend auch über die, welche ihn nicht selbst verdienten. – So streute das Licht, welches den Krautkopf im Himmel als Lohn für seine Zuvorkommenheit umrieselte, auch in meine unbescheidene Sauernis eine Helle und verwandelte, je weiter der Morgen herankam, mein Krautfaß in eine menschliche Kammer. Diese war freilich eng, und die schiefen Wände überdachten kaum den Strohsack, auf welchem ich neben einem fremden Manne lag.
Jetzt fuhr ich in die Höhe und begann, mich zu erwecken. Ich hieb den Schädel an einen Sparren, riß mich beim Schopfe, fühlte auch den Schmerz, aber der Gaukler ließ nicht ab, mich zu äffen. Ich faßte meinen Fuß, ringelte mich zusammen, so daß ich mit dem Munde die große Zehe erreichen konnte, und biß hinein.
»Friß dir nicht die sauere Zinke ab!« murrte der Mann neben mir und warf sich herum. Plötzlich war der Vollmond aus dem Himmel auf den Strohsack gefallen und lugte unter der Decke meines Nachbars nach mir hervor. Ich glaubte noch immer an den Traum und tupfte mit dem Finger nach dem Mond. Dafür bekam ich einen Tritt von einem richtigen Männerfuß, und jetzt war ich wach und wußte Bescheid.
Ich bedankte mich für die milde Erweckung und klaubte meine Siebensachen zusammen. Ich war wohl nachtgewandelt und wollte die Frau Mutter ersuchen, fürderhin das Haus zur Nachtzeit gut zu versperren und den Schlüssel zu verstecken, damit mich der Gaukler nicht mehr in fremde Stuben verführen und in fremde Betten legen könne. Dabei durfte ich noch von Glück sagen, daß er mich hierher, und nicht etwa zur Zenzin ins Bett gesteckt hatte. Vor diesem Gedanken überkam mich die Gänsehaut. Jetzt aber hieß es, ohne ein langes Federlesen abzustinken, denn mir ahnte Schlimmes, wenn man mich hier anträfe.
Behutsam öffnete ich die Türe. Aber ein dickes Weib verstopfte den Ausgang.
»Marsch! Und anfeuern!« keifte es so fettig, wie wenn der Finger an dem Rand eines pichigen Topfes quietschend abgleitet. Ich wollte das fremde Weib fragen, wodurch es zu einer solchen Redensart mir gegenüber berechtigt wäre, aber ich wurde kurzerhand bei den Löffeln gefaßt und unsanft in eine Küche gezogen. Die Kraft der dicken Finger erzwangen sich Hochachtung, und ich hielt es für das Klügste, zunächst zu gehorchen. Der geeignete Augenblick zur Flucht sollte mir nicht entgehen. Die Küche war ziemlich groß und hell, denn von zwei Seiten floß der Morgen durch je zwei Fenster ein. Die Dielen blinkten sauber, die Wände waren frisch getüncht. In einer Ecke standen eine Bank, ein Tisch und einige Stühle. Die andere Ecke zierte ein erhöhter dreibeiniger Thron. Ihm zur Seite lagen Leisten auf einem Haufen. Das Handwerkszeug darauf war jedoch säuberlich geordnet. In der dritten Ecke der Küche war aus Kisten ein Turm geschichtet und durch ein Tuch fürsorglich gegen Licht und Staub geschützt. Von dorther drang ab und zu ein Geräusch, als ob ein Stäbchen über ein feines Gitter zirpte. Ich hätte das Geheimnis dieser Kisten gern ergründet, aber das dicke Weib an der Türe befahl mich mit drohenden Augen an den Herd. Gehorsam kramte ich Holz und Zunder hervor.
Unterdessen löste sich hinter dem mächtigen Weibe ein dünner Schatten hervor. Über seiner dürren, eingefallenen Brust fältelte ein gelbliches Hemd, und seine Beine schlürften träge in den weiten Hosen. Knorrige Finger nestelten an dem Hosenbund und konnten nicht zu Ende kommen. Der Hals war dünn wie ein Rindsdarm, und der Adamsapfel stach spitz hervor, so daß man den Hut daran hätte aufhängen können. Das unscheinbare Knöpflein einer Nase schien bloß zufällig und wie ein Brotkügelchen ins Gesicht gepappt zu sein. Das Antlitz selbst war zerdrückt, als hätte sich gleich nach der Geburt die Wehmutter unversehens darauf gesetzt und hernach vergessen, den Schaden wieder glattzuplätten. Obgleich die Ohren wie Scheuklappen ins Gesicht hineinragten, vermochten sie das ständige Zwinkern der verkniffenen schwarzen Äuglein doch nicht zu verhindern. Der Haarschopf nickte wie ein schlaffer Hahnenkamm, als Meister Scholze zu den verhüllten Kisten schlapfte und den Vorhang hob. Schrrr! gabs ein Geflatter und Getose und ein ängstliches Gepiepse, so daß ich erschreckt vom Herd auffuhr und zu sehen lief, was es denn gebe.
In den Truhen toste eine Schar grüner Vögel wirr durcheinander und rannte gegen die Stäbe. Einer von ihnen verklemmte sich und blieb an dem Gitter hangen.
»Es erwürgt sich der grüne Spatz!« schrie ich entsetzt.
Der Meister löste den Vogel zärtlich aus den Banden und lächelte: »Es sind Erdzeisige und keine Spatzen. Sind alle frisch gefangen und deshalb noch dumm. In acht Tagen gehen sie aber auf die Hand. Wie dieser da.« Er öffnete das Türchen eines kleinen Gebauers mit einer Tuchdecke. Ein Vogel mit schillerndem Brüstchen sprang auf seinen Finger und wartete, vertraulich äugelnd, auf den Wurm, den der Meister mit der anderen Hand aus einer Schachtel holte.
»Sind alle Amseln so zahm?« fragte ich staunend.
»Es ist ein Star, du Trottel! Ein Matzl, ein liebes! Hehe! Tjütjü!« flötete er verliebt.
Dann gab er, sich plötzlich besinnend, den Vogel in das Gebauer zurück, zog seine Hosen hoch, setzte sich auf den dreibeinigen Thron und befahl mich vor sich hin. In der Rechten einen Hammer, in der Linken einen Leisten, so war er feierlich anzusehen wie der Kaiser auf den Talern mit Zepter und Reichsapfel, nur nicht ganz so erhaben. Seine Äuglein blinzelten wie Spitzbuben, die bereits manchen Schabernack auf dem Kerbholz hatten. Seine Stirne arbeitete zuckend an einem großen Gedanken. Der Mund spitzte sich bald, bald wurde er breit in einem fleißigen Wechselspiel, als ob er redete. Der Meister gab jedoch keinen Ton von sich. Trotzdem schlug er zeitweise, wie zur Bekräftigung eines besonders gewichtigen Wortes, mit dem Hammer auf den Leisten.
So standen wir beide einander eine erkleckliche Weile gegenüber und gaben ein absonderliches Bild ab. Endlich entspannte sich des Meisters Gesicht wie nach einer heißen Arbeit, und er sah mich triumphierend an. Während ich immer noch auf den Anfang seiner Rede harrte, schien er sie für sich selbst schon beendet zu haben und erwartete bereits mein »Vivat«.
»Hehe«, meckerte er endlich.
Darauf hielt ich es für geziemend, ebenfalls zu lächeln. »Er wird schon lernen, was ein Matzl und was eine Amsel ist.«
»Er wird schustern lernen«, keifte die Alte und ließ den Knieriemen pfeifen. »Schustern und nicht Vögel fitscheln! Verstehst du?«
Der Pfiff des Riemens riß den Schuster zu seiner ganzen Länge empor. Sein Gesicht schwoll blutrot auf. Er warf den Leisten wie einen Donnerkeil in die Ecke, schwang den Hammer und brüllte:
»Höllenpech und Türken! Geschustert wird und nicht gefitschelt! Verstanden, du Mistkerl? Untersteh dich, und hab Flausen!« Schließlich hieb er mit dem Hammer seine Wut in den unschuldigen Tisch hinein, daß die Späne flogen.
Hier bleibst du nicht, sagte ich zu mir. Und wenn dich die Frau Mutter zehnmal herschleift, reißest du elfmal wieder aus. Ich will klüger als die Vögel sein. Und wenn man mich noch so gut käfigt, finde ich das Türlein doch, das in die Freiheit führt.
Es sollte jedoch ganz anders kommen, als ich es geglaubt hatte. Das Türchen meines Käfigs sollte sogar ständig geöffnet bleiben, und ich sollte trotzdem nicht entfliehen können. Denn ein unsichtbares Zauberkettlein legte sich um meinen Fuß und hielt mich fester, als es Mauer und Schloß vermocht hätten.
O, wie wonnesam war dieses Kettlein zu tragen und wie bitter weh tat es zugleich!
Du hättest ohne Zaudern deiner inneren Stimme folgen sollen! Du hättest das fette Weibsbild bereits bei der ersten Begegnung einfach überrennen und das Weite suchen müssen! Als aber das Mariedlein zur Türe hereintrat und dich mit den Augen ansah, die wie zwei Waldbeeren schwarz waren, saßest du auch schon im Garn. Von dieser Stunde an war ich rein wie behext. Plötzlich hatte ich einen rosenroten Schleier vor den Augen. Die ganze Welt blühte gleichsam mitten in einen hellen Ostertag hinein. Selbst um die dürrsten Ruten von Baum und Strauch schienen lauter Röslein gewunden, und das Blühen löste sich von den Asten, kam durch das Fenster und umdrängte mich auf meinem Arbeitsplatz. In meinem Ohr war ein so liebliches Musizieren, ein Geigen und Schalmeien, daß ich gar oft Ahle und Draht sinken lassen und aufhorchen mußte. Dann hörte ich über allem Singsang die Flöten jubilieren.
»Mariedlein«, jauchzten sie, »Mariedlein!« Dazu schlug ich lustig mit dem Hammer den Takt auf die Sohlen. So komponierte ich, fleißig werkend, lauter wonnesame Mariedlein-Liedlein und beachtete es kaum, wie dabei mancher Stiefel zustande kam.
Trotz meiner unbändigen Verliebtheit wagte ich es jedoch niemals, das Mariedlein geradeaus anzusehen. Ich fürchtete stets, ich könnte ihr damit ein Unrecht antun, wie man ein gläsernes Figürchen von einer schweren Hand verschont, damit es darunter nicht zerbreche und zerfalle. Nur wenn nah am Feierabend das Mariedlein an meinem Fenster vorbei nach dem Anger lustwandeln ging, vergönnte ich mir einen kleinen Blick ihm nach und ließ es ein Stückchen Wegs von meiner plumpen Liebe begleiten. Dann aber werkte ich doppelt emsig mein Lied über den Leisten und war noch dessen froh, wenn mir der Geselle auch noch den Rest seiner eigenen Arbeit zuschob, wofern er mich nur allein ließ. Ich wußte damals freilich noch nicht, auf welchen Pfaden er unterdessen pirschte.
Wenn ich rastete, blickte ich in die Kugel vor mir auf dem Tische. Meine ganze wonnigliche Welt spiegelte sich darin:
Die Straße wird vom Fenster als zierlichem Rahmen umschlossen. Die Straße ist ein lebendiger Strom. Wenn ich den Kopf nur ein wenig bewege, sehe ich sie in geruhsamen Wellen fließen. Fernab von ihren Ufern weiden weiße Lämmer über die blaue Himmelswiese hin und gehen der Flöte nach, die ein unsichtbarer Hirte vor ihnen herbläst. Die Weise dringt durch die Wände in die Stube herein und erfüllt sie mit Sehnsucht. Rings um das Fenster ist es dunkel in der Stube. Aber es fallen Zymbeln herein und blitzen hindurch. Irgendwo flammt eine Klarinette empor wie ein Irrwisch. Ein Baß schnarcht aus dem Schlaf und schilt. Über sein Gebrumm lacht die Klarinette. Es echot ihr die Oboe. Da steckt sich ein Bündel Trompeten wie eine Fackel in Brand, und die Geigen sprühen Funken aus. Mit einem Schleier aus Sternschnuppen angetan, steht das Mariedlein mitten in der erstrahlten Kugel und lockt mich zum Tanz. Ich trete ein in den kristallenen Palast und sehe beglückt durch die Fenster hindurch, daß der Strom meine Welt gänzlich umfließt und schützend einen starken Arm um meine selige Insel legt. Das Mariedlein reicht mir ein Fingerlein, und ich führe es, während meine Musikanten aus seidenen Weisen ein Kränzlein winden. Und ich weiß, daß auf dem Fenster ein Myrtenstock steht.
Plötzlich wurde mein himmelblauer Traum (wer zum ersten Male liebt, träumt immer himmelblau!) von einem Gekeife, wie von zehn aufgebrachten Weibern gleichzeitig, gescheucht. Mit einem Huj fliege ich aus meinem Palast hinaus und ärschlings auf meinen Dreibein zurück. Unter den Zeisigen gab es eine helle Revolte, weil ein Hahn einer Henne allzusehr hofierte. Mitten in dem Tumulte hörte ich vor dem Fenster die Meisterin sagen, ihr Mariedlein sei nicht für einen lockeren Habenichts bestimmt, sondern zu etwas Besserem geboren. In meiner Bescheidenheit hatte ich mich noch nie für etwas Besseres gehalten. Ich bezog diesen Ausspruch der Meisterin daher auf mich und saß nun da, recht wie ein Kalb. Wie nun der gescholtene Zeisig auch nicht lange auf seiner Stange Maulaffen feilbot, sondern sich, aller Widerrede zum Trotz, schließlich doch noch ein Weibchen ergatterte, tröstete ich mich an seinem Beispiel. Aber eine trübe Bangigkeit wollte wieder gegen meine Hoffnung einen Streit vom Zaun brechen.
Dieser Streit und Widerstreit war aber kein Kampf der Gedanken, kein Strauß zwischen Wunsch und Vernunft, welche sich ja das Hirn als Turnierplatz erküren; mein Schädel war leer und widerhallte von keinem Waffengang. Dafür verspürte ich umso mehr einen gespannten Schmerz in der Gegend, die unterhalb des Herzens und oberhalb der Därme liegt. Ich mußte mich an der Liebe gewaltig überfressen haben, denn sie lag mir wie ein Stein im Magen und zwackte mich dort.
Beim Abendbrot, im Beisein des Mariedleins – und vielleicht gerade wegen seiner Nähe – plagte mich das Weh so stark, daß ich es nicht länger verheimlichen konnte. Mitleidig kochte mir das Mariedlein zwei Maß heißen Suds aus Linden- und Kamillenblüten, und ich soff alle beide aus, wie nach dem Ackergang ein durstiger Gaul einen Eimer auszieht. Das Mariedlein stand dabei und nickte mir freundlich zu. Unter ihren Augen hätte ich sogar den Sud von Galläpfeln hinabgewürgt. In der Nacht hatte ich dann freilich die ärgste Not. (Deshalb meine ich: ein jeder, den der Bauch grimmt, prüfe sich genau und nehme Abführmittel erst dann, wenn er sich fest davon überzeugt hat, daß ihn wirklich etwas anderes plage als die Liebe. Denn erstens nützt gegen Liebesschmerz keine Kamille, und zweitens ist nicht so bald eine Liebe so stark wie die meine, daß sie eine ganze Nacht in einem Notdurfthaus überdauert). In Demut erduldete ich mein sprudelndes Geschick, denn mitten in das Geplätscher meiner Not glaubte ich Mariedleins Stimmchen läuten und mir einen reichen Morgen verheißen zu hören. Das ewige Hocken auf dem Schusterschemel verzwänge mir den Magen, hatte das Mariedlein gesagt, und deshalb solle ich morgen frühzeitig einmal den Vater und sie in den Wald begleiten. Ei, wie wohl tat mir seine Sorge um mich, wie liebenswert war mir deshalb auf einmal meine Not!
Wie ein himmlischer Traum war dann am nächsten Tag das Wandern durch den Morgen, der eben erst seine Glieder streckte. Ich hatte mein bestes Zeug angelegt und einen Maßliebstrauß an den Hut gesteckt. Wie ein Brautführer geschmückt, zog ich in schicklichem Abstand hinter dem Mariedlein und dem Meister einher. Es kränkte mich freilich, daß er mir den Vogelkasten auf den Rücken gebunden hatte, denn der Kasten verunstaltete die Festlichkeit meines Gewandes.
Alle Fensterladen waren noch fest geschlossen, und kein Mensch begegnete uns auf der Straße. Trotzdem ging der Meister stumm und steif einher, hob die Beine hoch und setzte sie gemessen nieder, damit er sich nichts von seiner Würde vergäbe, wenn ihn etwa doch jemand durch den Spalt eines Vorhangs eräugte. Das Mariedlein ging sittsam an seiner Seite, trippelte wie ein Bachstelzlein, wiegte das steife Röckchen, drehte sich im roten Schnürleib, woraus das Hemd blühweiß lugte, und hatte die Nase im Himmel, wo bereits die Vögel flitzten.
Hinter dem Stadttor fiel dem Meister die Würde hörbar vom Leibe, und auch das Mariedlein gab ihrem Schnäbelchen die Zunge frei, ließ es zwitschern und tirilieren, daß den Finken und Amseln der Neid kommen mußte.
Ich konnte zwar den Sinn des Geschwatzes nicht verstehen, aber ich fühlte seine Fröhlichkeit. Tripptrapp, kicherten die Schühlein über die Straße dahin, hüpften beschwingt über die Schatten der Bäume, die von der aufgehenden Sonne auf die Straße gemalt waren. Gott, wie waren die beiden Knöchelchen so liebreizend und springlebendig! Wie zwei Zauberäpfel, von denen eins das andere erwartet, sich haschen lassen will, sich überholen läßt und dann doch wieder weit voraushüpft! Und wenn der Morgen nur ein wenig tiefer aufatmet und das Röcklein hochweht, dann siehst du – wahrhaftig, du siehst, wie zart geschwungen die Beinchen sind, als hätte sie der Herrgott einer Geigenmelodie nachgeformt, die er just im Ohre trug, während er an den Beinchen schuf. »Komm mit!« lockten die Füßchen und hüpften von der Landstraße ab, wie zwei Vöglein über den Graben hin. Und jetzt huschten sie wieder als Mäuslein durch die Gräser, läuteten an den Glockenblumen, wie ausgelassene Rangen an den Hausschellen reißen, und stupften den Tau aus den Margeriten. Erst aus dem Waldboden wurden sie leise und rasteten.
Der Meister nahm den Vogelkasten an sich und ging, Ruten für den Fang zu schneiden.
Da er uns bei diesem Geschäfte nicht brauchen könne, befahl er uns, im Walde nach eßbarem Zeug für die Töpfe der Meisterin zu suchen. Zum Hochstand der Sonne sollten wir uns hier wieder einfinden.
Mir frohlockte das Herz, als der Meister gegangen war und ich allein neben dem Mariedlein stand.
»Hasch mich!« rief das Mariedlein und lief zickzack durch die Waldbäume davon. Ich mußte mich mühen, und sobald ich es schon erreicht zu haben glaubte, schlug es doch immer noch einen Haken, flitzte davon und entschwand im Dickicht. Ich ersann eine List und durchkroch das Jungholz auf allen Vieren. Kaum war ich am jenseitigen Rande des Bestandes angelangt, sprang das Mariedlein just auf mich zu. Es bemerkte mich nicht, weil es das Köpfchen verdrehte und glaubte, ich käme hinter ihm nach. Plötzlich brach ich aus dem Dickicht hervor und versperrte ihm den Weg. Erschreckt schrie es leicht auf wie ein plötzlich ergriffener Vogel. Es stand gebannt und mit ohnmächtigen Gliedern und mit erschöpfter Brust. Jetzt war es in meine Hände gegeben, ich wollte es in die Arme fassen, es an mich drücken, fest, und es tragen, weiß Gott wohin.
»Wag es!« drohte das Mariedlein, und seine Augen blitzten seltsam, halb zornig, halb hingegen unsagbar anders.
Vor diesem absonderlichen Blick senkte ich die Lider.
»Tu es!« jauchzte mir eine innere Stimme zu. Doch als ich wieder aussah, war das Mariedlein verschwunden und nicht mehr zu sehen.
Ich irrte suchend umher und rief. Doch nirgendher kam eine Antwort. Ringsum war alles still. Nur die Sonne rieselte durch die Nadeln.
Dann war es, als riefe es hinter einer Silberbuche hervor. Doch es war wohl bloß der Kuckuck in der Ferne laut geworden. Enttäuscht ließ ich endlich vom Suchen ab und wollte mich eben dem Trübsinn ergeben, als mir das Herz zuflüsterte: »Verlaß dich nicht auf Ohr und Auge! Hier taugt mein Spürsinn besser. Mach ein Schrittchen vorwärts und gib hernach noch eins dazu. Du brauchst dich nicht zu eilen, Spindl. Jetzt wende dich rechts hin, links hin sodann! Ein bißchen mehr noch! Vor dem Berg Holunder halt! Und jetzt kannst du das Auge wieder in Dienst nehmen.«
Der Strauch, vor dem ich stand, war dicht und hielt das Laub schier bis an die Wurzeln. Durch eine spärliche Lücke aber glänzte es weiß hindurch. Ich bog den Vorhang auseinander und sah in einem weichen Bett aus Waldmeister das Mariedlein liegen.
In seinen Augen war der Zorn verloschen, dafür züngelte aber das andere um so zehrender aus ihnen hervor und steckte einen Brand in mir an. Und die Lippen standen wie die Erdbeeren, wollten gebrockt und verkostet werden. Da zertrat ich die Zweige, riß das Mariedlein in die Arme, holte das Versprechen von seinem Mund und fühlte, wie sehr heiß es sich erfüllte. In mir rauschten Trunkenheit und Begehren. Ich spürte das blühende Weib, wie sein Blut mir entgegenbrauste, aber – o ich neunmal gehörnter Schöps! – ich nahm es nicht. Es sage mir einer, was damals in mich gefahren war! Ich stand ja zu jener Zeit bereits in den Jahren, wo man sich auch in eine Hasenscheuche verliebt, sofern sie nur Weiberkittel trägt, und ich pflückte die Schönheit nicht, die sich von selbst bot! Ließ ich etwa deshalb ab, weil ich das Mariedlein wahrhaft und allzusehr liebte? Ich wollte damals mehr haben als bloß seinen Leib und ahnte wohl zugleich, daß ich mehr nicht bekommen sollte. Also floh ich nicht etwa aus der Heiligkeit, die den Josef einstens von der Potiphar gejagt hatte, sondern weil meine gesunde Liebe, die den Leib nur als Zugabe zur Seele begehrt, plötzlich enttäuscht ward. Und da ich mich nicht hinter den Zweigen verbergen konnte, die ich eben erst in wildem Ungestüm niedergetreten hatte, verschanzte ich mich hinter dem Worte. Ich sagte also, wie man vom Wetter spricht, daß die Sonne bereits in ihrem Hochstand stehe, und habe heute, da ich mich dessen wieder entsinne und während des Niederschreibens darüber erröte (es können eben auch alte Esel zuweilen noch die Farbe wechseln!), habe heute wenigstens den einen Trost, daß dies noch das Gescheiteste war, was ich damals hatte sagen können. Wahrscheinlich käme ich mir heute noch viel blöder vor, wenn ich damals etwa von dem Demokritos ein Sätzlein ausgeliehen und selbst ein so weises Wort gesagt hätte, wie: Aus nichts wird nichts.
Auf welche Weise wir beide hernach zum Meister gestoßen und dann selbdritt nach Hause gekommen waren, weiß ich heute nicht mehr. Aber ich weiß noch sehr gut, was mir das Mariedlein gerade beim Eintritt in die Haustüre heimlich und schnell zugerufen hatte.
»Esel!« hatte es gesagt und mich von dieser Stunde an keines Blickes mehr gewürdigt, Und wenn, dann geschah es nur, um mir weh zu tun, um eine lockere Stelle in meinem Harnisch zu finden und die Krallen hineinzuhaken. Ich trug von nun an eine Miene zur Schau, welche die schwerste Verachtung gegenüber diesem Spiele bekunden sollte. Innerlich aber heulte ich über meine Enttäuschung wie ein Leichenweib in einem reichen Hause, wo jede Träne mit einem Silberling ausgewogen wird.
Dazumal zeigte mir die Schusterkugel lauter kotztraurige Bilder. Ich sah das Mariedlein mit einem Unbekannten durch den Wald gehen und mußte mit ansehen, wie sie sich küßten. Zu anderen Zeiten und mit einer anderen Heldin wäre mir bei einem solchen Schauspiel das Wasser im Munde zusammengelaufen; jetzt aber trat es mir in die Augen. Dann wiederum sah ich das Mariedlein allein, vom falschen Liebsten verlassen von Stamm zu Stamm wanken und vor Liebesleid unter dem Bergholunder zusammensinken. Dann glaubte ich meine Zeit wiederum bei ihr gekommen. Ich sah mich zu ihr hingehen. Wie ein Koch die Speisen aufträgt, so trug ich mein Herz auf einer Schüssel als feinen Gansbraten im Schmalz der Liebe weich und gar gebraten. Die eigene Rührung über meine Treue bezwang das Mariedlein, und es langte mit spitzigen Fingern zierlich den Leckerbissen von der Schüssel und lächelte mir zu. Aber ich erschrak vor seinem Gesicht. Auf den einst so zarten Schläfen hatten inzwischen die Krähen ihre Füße abgedrückt, und vom vielen Knacken von Nüssen und Herzen fehlte im Munde ein Zahn. Da zog ich meine Schüssel unter ihren Fingern wieder fort, machte einen Kratzefuß, sagte, daß man vom Trödler ein altes Kleid nie um einen Preis erhandle, für welchen überall bereits ein neues Gewand feil sei, und ließ das Mariedlein sitzen. Meinen Braten trug ich dann nach anderen Märkten.
Auf diese Weise riß ich mich mit Spott von der Trübsal los und zog meine Saiten wieder auf, wenn sie bereits allzusehr verstimmt waren.
Gar bald sollte aber auch dieses Mittel nicht mehr verschlagen, und der Spott sollte mir vergehen, als ich erfuhr, daß durchwegs nicht alles unwahr sei, was die Kugel zeigte.
Einmal, bald gegen den Morgen, weckte mich ein Geflüster und Gekicher aus dem Schlaf. Es drang durch die Bretterwand aus der Kammer des Mariedleins in meinen Verschlag herüber. Und neben mir war das Lager des Gesellen leer.
O, der Schuft mit dem schwarzen Haarschopf aus des Teufels Schwanz! Schuft, Scheinheiliger, Schandpinsel, Schürzenzwickel, Scheißkerl! Hast mir sie abgezwackt? Deshalb habe ich deine Arbeit tun dürfen? Und ich erzblöder Hammel habe geglaubt, das Mariedlein blitze nur deshalb auf dich Rabenvieh, um mich zu plagen. Ich tobte und leierte zwei Litaneien untereinander her, daß es nur so prasselte: Die Schuftenlitanei betete ich für den Gesellen, die Eselslitanei für mich selbst.
Auf den Donner folgte der Regen. Ich verbiß mich in die Bettstatt und rüttelte mein Schluchzen in die Bretter, so daß sie in den Fugen quietschten. Es gab dies gewiß keine schöne Begleitmusik für ein Stelldichein ab, und in der Kammer wurde es still. Aber die beiden sollten nicht hören, wie bitter mich ihr Liebesspiel traf. Ich preßte daher mein Schneuztuch vor das Gesicht. Als es genug vollgesoffen war, nahm ich ein anderes und dann ein drittes vor. Allmählich liefen die Augen leer und ich tat, was ein jeder tut, wenn seine erste Liebe zerbricht, und er nicht mehr weinen kann: Ich dachte ans Sterben.
Dieser Gedanke gab mir mit einem Male eine seltsame Ruhe. Und weil jeder ordentliche Mensch seine Sachen in Ordnung bringt, bevor er ins Gras beißt, wrang ich zunächst meine drei Schneuztücher aus, nahm sie, wie ich es von den Waschweibern gelernt hatte, bei zwei Zipfeln zwischen die Finger und schlug sie in der Luft aus; dann hängte ich sie über die Leine, wo sonst der Geselle seine Fußlappen zu trocknen pflegte. Mit gefalteten Händen saß ich vor diesem flatternden Denkmal meines Jammers und rührte – lirum, larum, Löffelstiel! – meine Betrübnis zu einem zähen Brei. Als dieses Gericht genug dick geworden war, holte ich aus meiner Kiste eine Leine und schmiß einen Stiefel zum Lebewohl gegen die Bretterwand. Dann kroch ich aus dem Fenster, um irgendeinen Baum zu suchen, der einen schicklichen Ast für mein Sterben böte.
Ich hatte einen Schnupfen in der Nase. Ob vom Nebel oder von meinem Elend her, weiß ich nicht. Jeden zehnten Schritt mußte ich ihn hochziehn wie eine Hose, wenn der Leibriemen nicht halten will. Unter dieser Beschäftigung verging die Zeit und schwand der Weg unter den Füßen. Erst als ich im Walde anlangte, erkannte ich, daß ich denselben Weg wie damals mit dem Mariedlein gegangen war. Ich stand auch schon vor der Silberbuche, woher mich der Kuckuck genarrt hatte.
Welch einen schönen Schluß wird das für meine Tragödie abgeben, wenn der Kuckuck das Mariedlein anlockt und es gerade an dieser Stelle meine Leiche finden läßt. Wenn es dann alles erkennt und mich trauernd im Schoße hält, wird der Vogel Schluchzdichaus so rührselig von meinem Leid zu singen wissen, daß sogar ich selbst als Toter noch einmal darüber aufheulen werde. Wäre ich ein Dichter wie der Stadtschreiber Ottonius Arnoldus gewesen, dann hätte ich ebenfalls ein Buch unter dem Titel »Der dunkle Dom meiner Seele« mit Versen angefüllt und darin die Jünglinge und Jungfern der Stadt zu meinem Requiem eingeladen, dann hätte ich alle Vergißmeinnicht mit Sichel und Sense von den Bächen gemäht und sie den Maidlein in die tränennassen Vortücher gesteckt. Ich hätte dabei noch ein angenehm prickelndes Gefühl gehabt, wie es der Ottonius so schön zu besingen versteht. Aber der Ottonius Arnoldus hat es leicht. Er braucht bloß bildlich an den Baum oder ins Wasser zu gehen, und dennoch beweint ihn jedermann und spendet ihm Ehre. Unsereiner aber muß die Leichenfrauen schon wirklich bemühen, wenn er ebendieselbe Wirkung erzielen will.
Doch säum' nicht, Spindl! Der Strick in der Tasche will sein Geschäft besorgen, und die Buche hält dir bereits einen Ast vor.
Sieh einer her, was sie für ein feines Wämslein anhat! Es ist glitzerglatt, just wie aus Silber gewebt, und seine Äderchen sind hineingestickt. Ein solcher Baum taugt als Galgen für einen Edelmann, aber nicht für einen Schusterbuben. Du mußt für dich ein bescheideneres Holz suchen.
Horch! Der Vinzentius läutet die Sterbeglocke. Der Mesner weiß eben, was sich ziemt, sobald einer genug vom Tisch des Lebens geschmaust hat und den Löffel hinlegen will. Schönen Dank also für das Geläute! Ich werde es dem Vinzentius-Mesner im Tode nicht vergessen und als segnender Geist an seiner Türe vorbeigehen.
Hinter dem Böhmerwald richtete sich der Wind, blähte seine Backen und blies in den Nebel. Mit einem Schlag zog sich der Vorhang auseinander und gab den Blick noch einmal frei über das ganze Land. Und die Sonne fiel darüber und riß rings alles aus dem Schlafe. Die Hügel begannen zu atmen und erhoben die Brüste in den Morgen. Die Bäume schüttelten sich, das Zittern rann an den Stämmen nieder, blieb ein wenig an den Sträuchern haften, bevor es von den Ästen troff und im Grase verrieselte. So fiel die Nacht vom Walde ab.
Die Finken, Drosseln, Meisen, Ammern, Rotbrüstlein und Grasmücken stimmten ihr Spielwerk. Und dann ging es mit einem Male los: Tjuwitt, tirilli, tuja, siküh und pinkpink, haha, trallila, kuckuck! Bist auch du mitten darunter, alter Schreihals?
Kucku! Kucku!
Du brauchst mich nicht zu ermahnen. Es steht mir bereits die Seele offen, und ich schaue mitten in die neue Welt hinein. Hei, haha, wie sie mir lacht! Es muß sie ja der Bauch vor Lachen schmerzen. Warum sollte ich da nicht mit einstimmen? Etwa weil ich sterben will? Und weil das Lachen bei einem solchen Vorhaben nicht üblich ist? Wann habe ich mich jemals an den Brauch gehalten! Und wer sagt denn, daß ich es mit dem Sterben wirklich ernst gemeint habe? Ich bin immerhin noch so hell im Kopf, zu wissen, daß das Sterben ein unsicherer Zeitvertreib ist und die größte Dummheit, die man im Leben begehen kann. Ich bin zwar immer für Dummheiten zu haben, sobald sie mir nur in den Sinn kommen. Diese Dummheit spare ich aber bis zu allerletzt auf, wenn mir schon gar keine andere mehr einfallen will. Wenn der Tod bereits seine Lefzen leckte vor dem knusprigen Braten, den ich ihm voreilig abgeben sollte, darf er sich jetzt dafür als Betrogener das Maul wischen. Mag der Mesner jetzt seine Glocke läuten, wem er will!
An meiner Statt band ich einen Ast an die Fichte. Hier, Hans Mors, hast du ein dürres Stadtschreiberlein. Schneid es ab und leg es dem Mariedlein in den Schoß! Es möge sich daran erfreuen. Möge es mit ihm oder mit dem Gesellen oder mit irgendeinem anderen ins Lotterbett steigen! Meiner ist es nicht wert.
Läut' zu, Sterbeglocke! Mir giltst du nicht.
Ich gehe leben!
Ich umfing einen Ahorn und drückte die Brust an seinen Stamm. O, wie war er fest und stark! Wie treu hielt er zu seiner Erde und verlangte nicht nach mehr! Der gleiche Strom, der ihn durchrollte, ging aus der Erde her nun auch durch meinen Füße, durchpulste mich und klang durch mich hindurch. O, wie sie im Blute brauste, die Symphonie der Freude und des Lebens! O, wie sie uns beide, den Baum und mich, rüttelte in ihrem wogenden Takt! Auf den Gipfeln ihrer Wellen wurzelten wir beide.
Und ich preßte die Lippen an die Rinde und sang in den Stamm hinein:
Bruder! Ich und du! Du und ich! Und das Leben! Ei ja, das Leben!