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Jedes Ding auf Erden, auch das unbelebte, hat ein eigenes Leben und eine eigene Seele. Du mußt es nur zu erkennen verstehen. So gibt es traurige Schränke, die in den Winkeln hocken und mit einem mürrischen Gesicht zeigen, wie sie der Bauch grimmt von den vielen Maden in den Därmen. Diesen Schränken gibst du die schmälste Kost, auf daß sie sich den Magen nicht noch mehr verdürben. Dein ältester Rock, vom vielen Scheuern schon recht leicht und dünn geworden, ist beinahe noch zu schwer für sie. Hingegen legst du dein feiertägliches Kleid in die lichte Truhe und siehst die Freude über ihr Gesicht huschen, sobald sie aufspringen darf, es dir blitzblank wiederzugeben. So führt auch ein eigenes und ganz besonderes Leben selbst ein so unscheinbares Zeug, das bescheiden immer bloß um den unteren unschönsten Teil deines Leibes hängen darf und von dir verächtlich »Hosen« genannt wird. Aber gerade die Hosen haben eine edle Sehnsucht nach oben, über der Erde und ihrem Unrat hinzuschweben. Will ihnen diese Erhebung nicht mehr gelingen, sondern müssen sie sich traurig und schlapp durch den Staub der Straße hinschleppen, dann ist dein eigenes gealtertes Herz in die Hosen gesunken und drückt sie hinab, wie ein Stein einen Sack zu Boden zieht. Bist du aber jung, dann füllen und spannen sich bald die faltigsten und schludrigsten Hosen zu einem prallen Beutel und kriechen von den Knöcheln an himmelwärts, bis über deine Knie, glänzen vor Freude auf und lassen übermütig die rosige Jugend deiner hinteren knusprigen Wänglein durchs Gewebe schimmern, bis sie es schließlich vor innerem Drang nicht mehr aushalten und wie eine Knospe platzen, auf daß die Blüte lieblich äuge in die herrliche Welt.
Heibumbei! Spindl, alter Lausejunge, weißt du noch, wie deine Grünlodenen am Wasser beim Burgenbauen zerkrachten, so daß du dir hernach erschrocken das Hemd besahst aus Angst, es könnte dir hierbei etwas schrecklich Unsauberes geschehen sein? Und wie du die Hosen dann auszogst, an einen Weidenstock bandest und mit ihnen wie mit einer Fahne durch die Stadt stiegst, obgleich dein Hemd vorn kaum etwas und hinten fast nichts bedeckte? Und wie dir dann die Frau Mutter eins über den Nackigen zog, daß du aufschriest:
»Au, Frau Mutter! – Heidijuchei!«
(Was gäbst du alter, grauer Esel trotz deiner nunmehr bald sechzig Jahre darum, wenn dir heute noch einmal die Hosen platzen wollten außerhalb des Ortes!)
Kaum hatte ich dieses mein viertes Hosenpaar nach dem Umzug durch die Stadt in unserem Kartoffelacker als Vogelscheuche aufgepflanzt, als der Pater Adrian bei uns erschien. Zuerst sprenkelte er den Weihwasserkübel zur einen Hälfte über sich, zur anderen Hälfte in die Stube und hob dann von einer goldenen Kinderzeit und ihren himmlischen Freuden zu singen an. Sie sei zwar ein lieblicher Rosenkranz von lauter Sonn- und Feiertagen, ganz mit Singen und Springen, Feiern und Leiern ausgefüllt, aber ein jedes Ding müsse seine Zeit und Weile haben.
» Quia omnia cum tempore et sine tempore nihil«, sagte er. »Die Zeit ist nach Ausspruch des Menanders der beste Ratgeber und, wie Plinius vermeldet, der größte Schatz. So hat es auch der liebe Herrgott gewußt und hat sich von sieben Tagen nur einen einzigen zur Ruhe vergönnt, die anderen sechs aber rechtschaffen verarbeitet, obgleich es bei ihm dessen gar nicht not gewesen wäre. Er hätte doch ganz ruhig die Hände in seinem heiligen Schlafrock halten mögen, hätte bloß seinen allmächtigen Wunsch ein wenig zu lupfen gebraucht, und schon wäre dieser Ball aus Asche und Wasser mit allem Zeug, was darauf wurzelt, kreucht und fliegt, durch den Raum der Welten gekollert, daß es nur so eine Freude gewesen wäre. Aber nein! Heiligselbst legte er die eigene Hand als ein guter Zimmermann an sein Werk. Und warum? Memento ut diem et labore sanctifices! Was da heißt: daß auch der Mensch seine Tage durch Arbeit heilige und sich jeden siebenten als Ruhetag erst verdienen müsse. Aber was tut ein Mann, den man aus Achtung vor seiner ehrsamen Ehefrau und aus Barmherzigkeit mit seinem Kind von Lotterwegen auf gerechte Bahnen gestellt, den man – mehr noch! – näher als andere an den Schoß der Kirche geführt, ihn sogar zum Mesner bestellt hat? Was duldet er? Leitet er etwa selbst sein Hauswesen so christlich, daß es für die anderen Schafe als ein Exemplum dienen könnte? Kotz Teufel, nein! Er läßt seinen Sohn dem Herrgott die Tage aus der Tasche stehlen und ihn jetzt obendrein halb nackend und mit wehender Scham durch die Straßen ziehen, daß das Weihwasser schier nicht mehr langt, den sittsamen Jungfrauen die erblickte Schande wieder aus den Augen zu waschen. Auf diese Weise führt das Leben schnurstracks Belzebuben in die Arme und auf den glühendsten Rost. Aber noch ist es Zeit, und wir werden sie nutzen!«
Als ich am nächsten Morgen zum erstenmal als Schüler des Paters den Weg nach dem Kloster nahm, läuteten die Glocken vom Sankt Vinzentius her. Dort hatte es der Mesner gut, denn sein geistlicher Herr schlief gern und lange. Und so kam es, daß im Kloster immer alles bereits beendet war, wenn der Vinzentius erst zu seinem Tische rief. Der Tau hing noch von der Nacht her auf allen Gräsern, als wären die Sterne in die Wiese gefallen und blühten dort noch einmal, ehe sie vor dem allmächtigen Licht der Sonne sterben mußten.
Auf der Landstraße karrten die reichen Bauern ihre Waren zur Stadt, während die ärmeren Eier, Butter und Hühner in Körben auf Rücken oder Kopf geladen hatten und achtsam einherstapften, von den Preisen schwatzend, die auf dem heutigen Wochenmarkte vielleicht zu erzielen wären. Die Enten schnatterten laut aus den weidenen Gefängnissen hervor, begrüßten das Wasser des Mühlgrabens und schrien einander ihre Entrüstung über die Menschen zu, von denen sie ohne Verständnis für ihre Sehnsüchte nicht ins Wasser gelassen, sondern unbarmherzig in die Körbe zurückgedrückt wurden. Die unbändigsten wurden sogar bei gebundenen Flügeln über den Mühlgraben weg und durch das Prager Tor zur staubigen Stadt hineingeschleppt.
Unter den Lauben hatten bereits die Tuchkrämer, Leinenhändler, Seiler, Seifensieder und Töpfer ihre Waren ausgelegt und begrüßten jeden neuen Ankömmling mit lautem Zuruf, die eigenen Sachen preisend und die des Nachbars in launiger Weise verunglimpfend. Dazwischen gellte das Hü, Hott und Hej der Fuhrwerker, das Wiehern der Pferde und Gebrüll der Rinder, überall flogen Neckrufe herüber und hinüber, Gekreische und Gelächter, und in einem Winkel bot eine jüdische Händlerin Heiligenbilder feil und sang mit schwermütiger Stimme einen frommen Marienleich.
Der müßte kein Junge sein, der da sogleich ins Kloster zu einem dicken Pater in die Lehre abböge, und nicht lieber vorerst einen Blick auf den Marktplatz täte.
»Der Pater Adrian wartet in seiner Zelle und möge noch einen Rosenkranz für sein Seelenheil beten. Das tut ihm gut, und man soll ihm für das fromme Geschäft Zeit lassen. Der Pater läuft dir nicht davon. Aber das Leben, Spindl, das Leben hat schnelle Füße und keinen Rosenkranz zwischen den Fingern! Du gehst dir also das Leben ansehen«, sprach ich zu mir, und ehe mein Gewissen noch eine Widerrede finden konnte, stand ich schon auf dem Markte. Rings um den Brunnen mit dem alten Simson herum, der einen armen Löwen zwischen den Knien hält und ihm das Maul aufreißt, daß er vor Schmerz immer Wasser daraus speien muß, war Stroh geschüttet. Darauf lagen die Hühner, Enten und Gänse inmitten von Körben mit Eiern, Butter und Käse. In der stinkigen Luft kam einem das Speien an, auch ohne daß einem der Simson dazu erst einen liebreichen Beistand geben mußte.
Ich wollte mich eben darüber wundern, daß wegen des Simsons Nacktheit keine einzige Jungfrau ein Weihwasser brauche, obgleich seine Nacktheit noch viel nackender war, als die meinige damals, als ich die Hose als Fahne trug. Es kam aber gerade der Stadtbüttel daher mit dem befiederten Hut. Es sah aus, als hätte er einen Gockel vom Stroh geklaut und sich ihn auf den Schädel gebunden. Über seiner Brust kreuzten zwei weißlederne Bänder. An dem einen baumelte ein alter Säbel, an dem anderen das Faß einer Trommel mit roten und weißen Rändern. Kaum hatte sich der Büttel unter dem Brunnen aufgestellt, als ihn bereits eine dichte Schar umdrängte. Ungeachtet dessen ließ er dennoch einen mächtigen Wirbel los, griff dann unter seinem Wams einen langen Zettel hervor und sang mit kräftiger Stimme, was da geschrieben stand. Er tat wenigstens so, als ob er lese, und ließ sich nicht beirren, als ihm einer aus der Schar zurief, daß er den Zettel ja umgekehrt in Händen halte. Wie ein Vorbeter bei einem Bittgang sang er die Marktpreise in die andächtige Gemeinde. Dann hob er die Stimme um einige Töne:
»Nunmehr wird öffentlich bekannt gemacht, daß dem Höckerweibe Leitgebin abermals gestohlen ward ein Linnensack mit Eibischkraut.«
»Amen«, beschloß ich den Kantus nach gregorianischer Weise, und der Chor der Lacher fiel ein.
Beim »Goldenen Hirschen« standen die Bauern in Scharen und tranken das Bier aus irdenen Maßkrügen in langen Zügen, hintübergeneigt, so daß die Sonne sich in den Talerknöpfen der Samtwämser spiegeln und mit den Ketten spielen konnte, die so dick den Bauch umspannten, wie sich die Kummetketten um die Hörner der Ochsen legen. Abseits wogte ein Meer von Weiberkitteln, als hielte ein Glockengießer seine Kunstwerke feil und als hätte er in voller Laune die Glockenkronen zu Weiberleibern geformt und oben darauf noch Köpfe mit roten Tüchern gesetzt. Obgleich diese Glocken, sogar mit zwei Klöppeln begabt, keinen Augenblick ruhten, als wären gleichzeitig hundert Glöckner am Werk, gab es doch kein Geläute, sondern nur ein Geklapper wie vom Strohkranze der Gevatterinnen Enten und Gänse her. Willst du wissen, wieviel Land ein Bauer bestellt, brauchst du nur die Kittel seiner Bäuerin zu zählen. Ackert der Bauer über sieben Morgen, dann trägt seine Bäuerin acht Kittel. Der eine Kittel mehr zählt nicht, er ist umsonst und bloß wegen der Keuschheit, nicht wegen der Ehre.
Es gab also mehr zu schauen und zu hören, als was durch Augen und Ohren Eingang finden konnte. Es mußte daher auch der Mund mit herhalten und sich wie ein Scheunentor zur Erntezeit auftun. Nichts entging mir, nur daß der Türmer bereits zu etlichen Malen die Stunde durch das Rohr gerufen hatte. Als ich eben meinte, der Pater könnte seinen Rosenkranz nun schon abgeperlet haben, drang gerade von der Rathausseite des Marktes ein seltsames Geschrei zu mir herüber, und alle Leute liefen aufgeregt dem Laden des Kaufmanns Mallner zu.
Hei, meine Füße! Hurtige Rößlein, schneller als die schweren Bauerngäule? Wie flogen sie dahin? Und wie ein Sperber in die Hühner stößt, wühlte ich mich durch die gestaute Menge bis in die erste Reihe vor.
Inmitten eines Kreises teils lachender, teils furchtsam dreinschauender Leute lag der Klauzal-Ott und hatte seine Krämpfe. Wie es der Kasper auf der Schützenwiese bei seinen Späßen tut, so verleierte auch er die Augen, blies Schaum von sich, als hätte ihm einer die Zähne balbiert, und hieb mit dem Schädel auf einen Stein, schier um ihn unter die Erde zu nageln. Es war ein absonderliches Spektakel.
Ein paar Jungen hüpften um den Ott herum, die Beine wie beim Kirchweihtanz schlenkernd, die Hände auf und niederschwingend, als zögen sie an einem Glockenseil, und äfften die Sterbeglöckchen in dem Takte nach, den der Klauzal-Ott mit dem Schädel schlug. »Bimbam! Bimbam!«
Ich sprang in den Kreis der Jungen und sang mit. Doch als der Klauzal-Ott nicht wie sonst, wenn er das Sterbegeläute vorgemacht bekam, weinend aufsprang und mit wüstem Drohen den Spöttern nachlief, sondern weiter am Boden liegen blieb und um sich hieb, wollte mir das Ding nicht weiter gefallen. Ich hielt also in dem Gehaben ein und erbat von dem ärgsten Schreier den Rock, weil ich selbst bloß ein Linnenkittlein hätte.
»Warum?« fragte der Junge.
»Wenn der Ott mit seinem Schädel noch lange auf die Steine weiter so einhaut, ist es mit dem Spektakel bald vorbei.«
Auf diese Erklärung hin folgte mir der Junge seinen Rock aus. Ich schob ihn behutsam dem Ott unter den Kopf. Dabei sah ich in die verleierten Augen hinein. Aus ihnen ging etwas Bleiernes in mich über, etwas Lähmendes, bis ins Herz hinein. Ich wollte mich zur Flucht aufraffen vor diesem zuckenden Leib, aber ich konnte es nicht. Der Blick des Ott hielt mich mit Klammern fest. Alles war in mir ausgelöscht, nur das Grauen nicht und nicht die Frage, wohin dieser Mann blicke. Er lag mit dem Gesicht gegen die Sonne, und sah doch wie in einen Brunnen hinein.
»Er stirbt wohl«, hörte ich sagen und ahnte zum ersten Mal den Sinn dieser Worte. Ich schrie, aber ich selbst hörte meinen Schrei nicht. Ich verlangte nach einer Hilfe, aber keiner bot sie mir an.
»Bimbam, bimbam!« hörte ich jetzt wieder. Da riß mich der Zorn empor. Ich sprang zu dem Schreier hin und hieb ihm zwei Schläge hinter die Löffel, daß ihm das Tanzen verging. Bald lag dann auch der Ott still auf dem Pflaster und stieß seine Brust mühsam auf, als wäre sie mit einem Stein beladen.
»Es drückt ihm das Leben ab! Seht nur, wie es ihn drückt! Hab dergleichen noch nie gesehen«, flüsterte lüstern ein braunes Händlerweib.
»Beten wäre besser als Gaffen«, mahnte ein zahnloses Mütterlein, bekreuzigte sich und murmelte das Vaterunser.
Das Weiblein hatte ihr Gebet bereits das dritte Mal bis zum Amen vollendet, aber dem Ott wollte noch immer nicht leichter werden. Ich schöpfte Verdacht, daß der Herrgott wohl gar nicht mehr vernehme, was ihm tagtäglich tausendmal aus den Weibermäulern zu Ohren steigt und sein Haar umspielt, wie ein gewohnter Wind eine Baumkrone umstreicht. (Ich höre ja auch die Wanduhr nicht mehr, obgleich sie tickt.) Es muß schon aus anderen Registern pfeifen, wenn der Baum aufhorchen soll. Ich stellte mich deshalb vor den Herrgott hin, gleichsam mit den Händen in den Hosentaschen, und ließ los:
»Nicht wahr? Da schaust du, was für ein Knirps da vor dir steht, sich reckt und nicht gehörig vor dir im Staube kniet, wie du es gewöhnt bist? Ich komme auch mit keiner Bitte für deine Hände. Deine Hände sind ohnedies mit Bitten schon so übervoll, daß fast die Ewigkeit nicht mehr langt, sie zu überklauben. Aber ich trete vor deine Güte hin und klage deinen Willen an. Indessen du mit deinen Augen über die Welt hinlugst und sie hütest, ist dir der Wille abhanden gekommen. Er weiß, daß ohnedies auf Erden alles nach seinem Kopf geschieht, und ergötzt sich deshalb einmal frank auf eigene Weise, so daß es eine Schande ist. Jetzt treibt er es mit dem Ott, wie ich es als kleiner Rotzer mit den Weißlingen getrieben habe. Dein Wille mit seinen vieltausend Jahren sollte aber bereits gescheiter sein, als ich es dazumal gewesen bin. Nicht wahr, so meinst du wohl auch? Aber du irrst. Dein Wille trügt dein Vertrauen.
Weißt du noch, wie mich damals die liebe Frau wegen der Weißlinge bei der Falte hatte? Wenn sie jetzt aber das Werk deines Willens erblickt, wird sie dir noch einen schlimmeren Text deuten als mir. Deshalb rate ich dir: Heiß ihn abstehen von seinem unguten Werk. Pfeif ihn herein zu deinen Knien und laß ihn sich ducken unter deine Güte. Wofern du es nicht tust, ist es aus zwischen uns! Hörst du?
Du brauchst aber wiederum über meine harte Rede nicht traurig sein. Gänzlich böse kann ich dir ja doch nicht werden. Das weißt du ohnedies. Du bleibst also mein lieber Herrgott, sofern du den Ott auslässest. Amen.«
Es behaupte keiner, daß der Herrgott eine solche Rede nicht verstehe! Denn noch bevor ich das Amen heraushatte, war der böse Wille von der Brust des Ott abgehockt, als wäre ihm plötzlich ein Nadelkissen unter den Hintern geschoben worden. Es konnte also mein Gebet nicht lästerlich gewesen sein. Es war höchstens absonderlicher Art. Weil des Herrgotts Ohr damals aber so schnell auf diese Melodie hörte, behielt ich sie für künftige Zeiten wohl im Gedächtnis und trat seit diesem Tage nie mehr in einen anderen Diskurs mit ihm. Wir beide, der Herrgott und ich, kamen einander oft kotzengrob. Hatte ich unrecht, dann jagte er mich mit Säcken und Knüppeln. Schlug hingegen er ohne besondere Ursache auf mich ein, dann sparte auch ich mit dem Maule nicht. Wir beide trugen einander jedoch niemals etwas nach, denn so oder ähnlich endete es immer:
»Hat es weh getan, Spindl?« fragte der Herrgott.
»Ich sitze auf einem Höllenrost anstatt auf einem Sessel, so brennt mir der Arsch.«
»Laß sehen! Ich will ihn streicheln.«
»Geh weg, du mit deiner klobigen Hand! Ich will nichts mehr von dir wissen, du Ungut!«
»So darfst du mich wieder nicht nennen, Spindl!«
»Weil's wahr ist!«
»Gut, du sollst recht haben, Spindl. Und als Ungut schenke ich dir gleich morgen in der Früh ein Grasmückenlied, du brauchst es bloß im Heiderwalde zu holen, ein Maßliebfeld darunter, einen Tropfen Silbers in einem Glockenblumenkelch, einen Himmel aus blauer Seide und Wolken darin wie Margariten und …«
»Sei still, du Nimmersatt im Schenken!« mußte ich ihm dann dazwischen rufen. »Mehr als du gibst, hast du ja schier selbst nicht. – Ich meinte es mit meinem Schelten ja ebensowenig ernst wie du mit deinen Schlägen. Gib deine Hand her! Ich will die meinige dareinhauen, daß es nur so patscht. – Sollst leben, Alter! Du bist schon der Rechte!« – –
Der Adrian empfing mich nachher nicht sonderlich liebreich und hatte einen roten Kopf. Ob vom Warten oder vom Beten, wußte ich nicht. Kaum hatte ich aber gestanden, warum ich so lange ausgeblieben war, und auf welche Weise ich dem Klauzal-Ott aus seiner Not geholfen hatte, brach sein gespannter Schimpfladen auf wie ein gefüllter Schweinsdarm. Die unflätigsten Namen rasselten um meine Löffel in einer so überhasteten Litanei, daß nicht einmal der geübteste Knierutscher sein Bittfüruns rechtzeitig hätte dazwischen rufen können. Dabei rann dem Pater der Schweiß über die Wangen, wie das Wasser nach einem Unwetter über den Schwabenhügel geht. Wie aber auch die Wasser nicht ewig rollen und stürzen, so versiegten auch dem Pater die bösen Quellen bald, und erschöpft wischte er sich mit seinem blauen Schneuztuch den triefenden Globus. Mich hatte das Donnerwetter nicht etwa niedergeschlagen oder zerknirscht. – (O was für ein verdorbener Kerl und abgesottener Sünder war ich doch schon damals!) – Ich wunderte mich bloß, daß es eine solche Überfülle der schönsten Schimpfworte gebe, und war zugleich stolz darauf, daß mir trotzdem kein einziges von ihnen unbekannt war.
»Das war die Strafe für das Wartenlassen. Jetzt aber wird exerziert als Sühne dafür, wie ungewaschen du mit dem Herrgott sprichst.«
Die Exerzitien aber vollzogen sich auf folgende Weise: Erst mußte ich das Vaterunser hersagen, wie es sich für einen anständigen Christenmenschen geziemt, langsam und würdig. Hierauf mußte es ein wenig schneller geschehen, das dritte Mal so, wie es der Taktschlag verlangte, den der Pater mit dem Finger auf den Tisch trommelte. Dann schneller, und abermals schneller, bis der Mund in den Gelenken wie ein heißgelaufenes Schubkarrenrad quietschte, und des Paters Fingerspitzen sich von dem Trommelwirbel wie Hagebutten röteten.
»Jappst du schon, Unband?« eiferte der Adrian in mein Schnaufen hinein. »Ich will dich rechten lehren mit dem Herrgott, als ob er mit dir beim Bach die Frösche geprellt hätte! Im Vaterunser hast du alles, was du vorbringen kannst. Mehr und anderer Worte braucht es nicht. Verstanden? Ich will dir schon zu der Weise verhelfen, du! Und jetzt betest du das Vaterunser vom Übelamen nach vorn und bevor du nicht auch das von hinten nach vorn Papageien kannst, von jeder Bitte an, die ich dir nenne, früher lasse ich dich nicht von hier!«
Wer noch nie mit dem Gesicht zu Tal, nach rückwärts steigend, einen Wagen zu Berge geschoben hat, der kennt die Mühsal des Weges nicht, der vom Amen bis zum Anfang des Gebetes führt. Hätte der Pater schließlich nicht fleißig mitgeschoben, ich hätte es wahrlich nie zustande gebracht. Während dabei der Pater langsam zu einem Lächeln fand, geriet dafür jetzt ich um so mehr in Schweiß und so arg, daß mir die Hosenbeine an den Schenkeln klebten, als ich endlich aus diesem Fegefeuer entlassen wurde. Mein Schädel war wie ein Tränkschaff mit Wasser voll. Bei jedem Schritt, den ich zur Türe tat, schlug es von innen einmal ans rechte, einmal ans linke Ohr. Taumelnd stammelte ich, die Türklinke in der Hand, die verzweifelte Frage, ob dem Herrgott wohl eine Ohrmuschel verkehrt an dem Kopfe klebe.
»Wieso kommst du wieder darauf«, staunte der Pater.
»Weil man ihm das Vaterunser einmal recht, und einmal von hinten hersagen muß, damit er es versteht.«
»Du sollst mich nicht mehr warten lassen!« wieherte der Pater und hieb die Türe hinter mir ins Schloß.
Mit einem Schlag war alles um mich her verändert. Die Mittagsonne stach zwar durchs Gewand bis auf den Rücken, aber ihr Licht hatte den lieben Glanz verloren. Es war hart und grausam. Meine Tritte weckten einen unfrohen Klang aus dem Boden. Sonst lächelten die Giebel zierlich über den Laubengängen, jetzt aber waren sie leblos und starr wie das ewig grinsende Gesicht des alten Narren, der an dem Eckpfeiler der Reichsbrücke zu lehnen pflegte und immer bloß in seinen Hut sah. Der Mühlgraben ging zwar im gleichen Gange, sprang über dieselben Steine wie früher, aber sein Wasser hatte plötzlich die Sprache verloren. Die Bäume auf der Landstraße, die Gräser im Graben und die Felder zur Seite hatten ein untrautes Gesicht. Mir war, als hätte ich mich verirrt, als wäre alles Sichtbare unwirklich, bloß an Bretterwände gemalt, die beiderseits der Straße aufgerichtet waren, um den Abgrund zu verbergen, den die Straße überbrückte.
Irgendwo sang ein Fink, aber es gelang ihm kein Lied, nur ein Krähen. Und es waren immer nur ein und dieselben Töne, immer nur die gleiche scheußliche Kraht.
»Kusch dich, Ferdinand!« schrie ich verzweifelt. »Hast du auch bloß ein Vaterunser mehr?« Ich zerbiß die Wut mit den Zähnen: »Dreh deine Kraht um, sonst hört dich des Herrgotts anderes umgekehrtes Ohr nicht!«
Von dieser Stunde an war ich außer mir. Ich sah mich selbst mit mürrischem Gesicht herumgehen, lief mir selbst nach und konnte mich trotzdem nicht erfangen. Wie die Welt ringsum, war nun auch ich daran, mein eigenes Gesicht zu verlieren. Während ich allem, Ding wie Menschen, auswich, ging ich nur mir selber aus dem Wege.
Mit allerhand Ausflüchten wußte ich es einzurichten, daß ich nie mit dem Geiger allein zusammentraf. Sogar der Frau Mutter wollte ich nicht in die Augen blicken, selbst wenn sie mit mir sprach. Nur manchmal schielte ich von der Seite nach ihr hin. Einmal glaubte ich zu erkennen, daß sie nicht mehr so aufrecht gehe wie früher und ihre Arbeit gebückter tue. Ich machte mir jedoch keine weiteren Gedanken darüber. Nicht einmal die Bleichwiese lockte mich mehr mit ihrer Sonne. Ich hockte lieber in irgendeinem Hauswinkel herum oder spaltete astfreies Holz im Schupfen.
Obgleich mich damals nichts hätte abhalten können, zur rechten Zeit beim Pater einzutreffen, ließ ich ihn trotzdem jedesmal weidlich warten. »Braten lassen«, nannte ich das bei mir.
Wenn ich dann endlich bei ihm eintrat, plärrte ich sogleich bei der Türe das Vaterunser von hinten nach vorn. Ich tat dies nicht etwa aus Buße und aus tätiger Reue über meine Ungehörigkeit, sondern aus der Bosheit eines unbestimmten Bedürfnisses nach Rache heraus, um durch das freiwillige Hersagen dem Pater von vornherein das einzige Strafmittel aus der Hand zu schlagen, welches ihm nach meiner Ansicht damals zur Verfügung stand. Ich freute mich über das Lächeln, womit der Pater meinem Tun begegnete, und welches ich für ein Eingeständnis seiner Machtlosigkeit hielt. Auch aus dem »Halts Maul!«, mit dem er gar bald meine Leier abschnitt, glaubte ich zu erkennen, wie gut mein Mittel wirke.
Der Pater begann jedoch mit seiner Lehre, ohne über meine Verspätung jemals mehr ein Wort zu verlieren. Was er katechetete, sprach ich ihm getreulich nach und behielt es im Gedächtnis, nicht weil ich daran glaubte oder zu meinem Frommen, sondern abermals aus Rache. Ich hatte nämlich bald heraus, daß es dem Adrian Freude bereite, sich reden zu hören, und meine schnelle Auffassung sollte ihm die Gelegenheit nehmen, diesen Genuß durch eine Wiederholung der Predigten auszudehnen. Als ich aber eines Tages dahinterkam, daß sich manches Lehrgesetzlein mit einem früher gehörten doch nicht ganz vertrage, sondern daß eins durch das andere wankend gemacht, wenn nicht sogar geschlagen werden könne, sammelte ich insgeheim, und mit einem Male nach den Lehrstunden geradezu begierig, ein Waffenlager, das ich schon zur rechten Zeit nützen wollte, wenn es erst genügend bestückt wäre.
Die kleinen boshaften Winkelzüge gab ich langsam auf und sparte die Kraft für den großen Schlag. Von Tag zu Tag kam ich pünktlicher, schließlich sogar früher, so daß ich nun manchmal selbst auf den Pater warten mußte. Er strahlte vor Freude über meinen Eifer, ohne zu merken, daß bereits ein Spieß geschärft wurde, der seinem feisten Hinteren zugedacht war. Der Pater sollte mir hüpfen!
Dieser Plan brachte mich auf den Weg zu mir selbst zurück. In meiner Schadenfreude keimte aber eine andere, reinere Freude: der Jubel über einen nahenden Sieg. Ich lebte in derselben Spannung, wie ich sie immer in dem kurzen Augenblicke fühle, welcher zwischen dem Ansatz einer Trompete an die Lippen und dem Aufflug des ersten Stoßes vergeht. Plötzlich wußte ich mich mitten in den letzten Entscheidungen des Kampfes mit einem Unbekannten zur Befreiung meines eigenen hellen Gottes.
Ich törichter Junge stritt einen ungleichen Streit gegen die Schriftgelehrsamkeit, welche mit Gesetz und Thesen zu Felde zog, um mir etwas aus dem Herzen zu reißen und dafür etwas Fremdes ins Hirn einzusetzen. Und dabei half mir niemand in meinem Notstand.
Trotzdem aber kniff ich vor keinem Hieb aus, der nach mir geführt wurde. Ich ließ mich sogar hinstellen, wohin der Feind mich führte.
Der Pater lehrte mich, wie man den Tisch des Herrn bedient, damit ich jetzt bereits manchmal, sooft es der Zufall verlangte, später vielleicht aber für immer den Cäsar-Geiger im Amte verträte. Er sprach mir die fremden Gesetze vor, enthüllte ihre Geheimnisse durch Ausdeutung und lehrte sie mich mit richtigem Ausdruck und mit gebührlichem Tonfall sprechen.
Die fremden Worte schmeichelten mit ihrem reichen Klang im Ohr. Sie verlangten nach Gesang und kamen fast von selber zu einer liedhaften Sprechweise. Wir wanden Blumenkränzlein, als wir die Responsorien übten, und wie ein rotes Sammetröslein band ich das »Kyrie eleison!« hinein.
Bald aber wollte mir des Paters Art nicht mehr ganz richtig erscheinen. Die Worte verlangten nach mehr und nach einem anderen Ton, als er ihnen gab. Und so ging ich denn eigenwillig und mit wachsendem Mut aus der erhobenen Rede allmählich in wirklichen Gesang über. In einer Melodie, wie sie gerade in der Brust aufblühte, jubelte ich das » Flectamus genua!« Es war freilich, entgegen dem Sinn der Worte, keine Unterwürfigkeit in meiner Weise, kein Kniebeugen, sondern vielmehr ein kühnes Aufmucken mit dem Kopf aus der geneigten Anbetung heraus, ein Aufstehen dann und schließlich ein Ausschwingen, so daß das » genua« von hoch her klang wie der trunkene Ruf eines Siegers, der auf dem Nacken eines Adlers steht.
Der Pater schalt jedoch. Dieses Singen sei gegen den Sinn. Es klinge gerade so, als ob ich dem Herrgott sogleich die Knie in den Ranzen stoßen wollte. Auch die Melodie der heiligen Worte sei geregelt, und man müsse sich an die Überlieferung halten. Ebensowenig wie an den Worten dürfe auch an der Weise des Vortrags gerüttelt werden. Wenn schon gesungen werden solle, werde er mich den Gregorianus lehren. Der allein sei gestattet.
»Erst verbietet Ihr die freien Worte, sagt, daß man so und nicht anders mit dem Herrgott sprechen dürfe, und nun laßt Ihr nicht einmal mehr ein unschuldiges Weislein auf«, widersetzte ich mich.
»Bloß das schönste Wort und die schönste Weise sind gerade für den Herrgott recht. Es dauerte ohnedies lange genug, bis man sie endlich fand.«
»Aber immer nur dasselbe, und dasselbe für alle? Wenn einer unaufhörlich und immerdar bloß Süßwerk frißt, klunkert ihm der Magen schon, wenn er desgleichen bloß riechen muß. Eine jede Seele schreit doch anders, aus einem anderen Wunsch und aus einer anderen Not. Und wenn ihr schon die Worte vorschreibt, dann gestattet jeder Seele wenigstens den eigenen Ton!«
Jetzt sprang der Pater vom Sitz, hieb mit der Faust auf die Tischplatte und nannte mich einen lausigen Rotzer, dem der Verstand noch lange nicht gekommen sei, wenngleich er auch seinen Hemdschwanz bereits in den Hosen verborgen halte.
»Habt ihr denn kein Erbarmen mit euerem Herrgott?« feuerte ich dagegen. »Warum bindet ihr ihm mit lauter Regeln die Füße, wie ihr auch uns die Hände bindet, damit wir sie nicht aufhüben nach eigener Weise? – Ob ich meinen Rotzer fege, meinen Hemdschwanz verberge oder ihn ans Licht hervorzerre, damit ihn jeder Mensch sehen kann, das geht niemand etwas an. Das ist meine Sache! Und wenngleich ich mich auch noch wie ein junges Böcklein treibe, bin ich hinwiederum bereits so weit, mehr zu wissen, als ein Saugflaschenbalg. – Jawohl! Bisher habt ihr immer gepredigt, jetzt rede einmal ich! Und ich sage, daß der Herrgott keine Drehorgeln haben will, sondern ein blutwarmes Herz, und ich lasse mir das Maul nicht verbieten oder vorschreiben, wenn ich mit ihm rede. Das sollt Ihr wissen, Pater!« »Erst vor kurzem lehrte ich dich von der Strafe am Jüngsten Tag, von der Hölle und dem Feuerrost. Gib acht, daß nicht jetzt schon einer für dich glühend werde«, antwortete der Pater.
»Satz wider Satz!« brannte ich wie ein Schober, in den der Blitz gefahren ist. »Es ist noch kürzer her, wo Ihr den Herrgott die größte Liebe und Güte nanntet und von ihm sagtet, daß er nichts wolle, als daß alle Menschen eingingen in sein hellfreudiges Reich. Es wird seiner Allmacht nicht schwer fallen, der Welt diesen Willen aufzuzwingen. Wenn es eine Hölle gibt, Pater, dann gibt's dafür auch keinen Herrgott!«
»Soll ich mit dir rechten, Junge?« Plötzlich veränderte sich des Paters Stimme. Sie wurde so traurig, daß ich seine Augen suchte.
»Nicht rechten, Pater. Ihr sollt bloß nicht mehr zwischen mir und meinem alten Herrgott stehen. Mit dem neuen finde ich mich nicht zurecht.«
»Willst du also künftig nicht mehr zu mir kommen?«
»Das schon.« Meine Stimme wollte auf einmal nicht mehr weiter. »Bloß Beistand mögt Ihr mir geben, nicht Widerpart.«
Der Pater legte eine Hand auf meine Schulter und hob mit der anderen mein Kinn. Er sah mir in die Augen, als hätte er darin etwas verloren.
»Willst du Priester werden, Spindl?«
Da schoß die Unbändigkeit wieder in mir hoch. Zornig hieb ich seine Hände von mir. Aufgereckt stand ich, selbst ganz die Flamme des Hasses, die mich durchglühte vom Boden bis zum Scheitel. So wäre ich stehen geblieben, auch wenn der Pater mit Knüppeln nach mir geschlagen hätte.
Aber es geschah etwas Seltsames mit dem Adrian. Sein Gesicht wurde glutrot, seine Augen funkten, aber nicht in Zorn, sondern wie in Freude und Stolz. Er wandte sich ab, um es zu verbergen, wie es in ihm überging. Er stand beim Fenster und sah lange in den Klostergarten hinaus.
Endlich bewegte ein leises Zittern den mächtigen Körper des Paters. »Genau wie ich«, murmelte er vor sich hin. »Nur daß ich selbst damals den Mut nicht hatte.«
Lobte er mich? Hatte ich nun einen Sieg? Eine Rache? Vor dem Klostertor mußte ich tief Atem holen wie einer, der endlich eine schwere Last am Ziel abgesetzt hat. Der Brustkasten war schier zu eng für die Luft, die da hineinfließen wollte in einem langen frischen Strom. Es brauchte Kraft, den Andrang der Luft zu dämmen und ihre Fülle dann endlich wieder auszustoßen. Aber dann war mir so leicht und frei wie schon lang nicht mehr. Der erste Schritt von der Schwelle hinweg war merklich aller Schwere entbunden. Wie nach einem guten Schlaf waren die Augen frisch, und in dem Augenblick, als ich voll Glück fühlte, wie sich nach der Schlaffheit der letzten Wochen das Gesicht wieder straffte und zu einem Lächeln zurückfand, kam auch die Sonne wieder hinter den Wolken hervor, als hätte sie bloß auf diesen Wink in meinen Zügen gewartet. Alle Hemmungen warf ich ab.
»Hejhott, goldener Stellwagen!« rief ich. »Ausgehalten! Der Spindl will wieder einsteigen. Aber der Weg soll nicht durch die Wolken gehen, sondern ich will über die Erde lenken, auf daß sie mir vor deinem Glanze wiederum aufblühe zu meinem alten, lieben, lachenden Land.«
In meinem Ungestüm rannte ich beinahe einen ehrsamen Bürger um. Er schimpfte mir nach, was es denn heißen solle, als großer Kerl noch wie ein Blindwütiger daherzustürmen.
O du seltsames Leben! Mach mich nicht taub und blind wie diesen Griesgram! Ich pfeife ein keckes Trutzlied auf alle Gesittung, wenn sie einem die Hellhörigkeit dafür nimmt, daß es nicht immer gewöhnliche Schuhe sein müssen, die bloß unartig über die Straße lärmen, sondern daß es auch der Hufschlag gar edler Rößlein sein kann, die da freudig dahintänzeln und bloß scheinbar dem Machwerk eines Schusters ähneln. Hei, wie sich da im Aufhorchen die alten Laubengänge in ihren Säulen kräftig recken, und wie sie lachen können im Widerhall!
Verzerrt euer Maul zum Schimpfen über einen lumpigen Unband nicht, sondern gebt lieber einen frohen Gruß dem Leben, das da als Prinzlein mitten durch eure Reihen geht!
Platz da! Ein Herz naht als geschmücktes Junkerlein auf weißem Füllen!
Und der Mühlbach rauscht wieder seine alte Weise, und grün, o so atmend grün sind Baum und Strauch. Die ganze Erde ist voller Liebe zu mir und hält mir auf tausend feinen goldenen Händen das Brot entgegen:
Da nimm mein Fleisch, da nimm mein Blut! Es ist alles dein!
O Herrgott, wir stehen wieder auf Du miteinander!