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Der brennende Stein

So war ich sorglos durch Tage, Wochen und Monde gezogen, als ich plötzlich mitten in ein verhextes Land geriet.

Während sich hier die Felder und Wiesen an sommerlichem Geduft nicht genugtun konnten, während die Wasserlein springlebendiger als anderswo durch die Täler tollten, und die Bühel schier buhlerisch die Brüstlein hoben, so daß einem vor Lust und Freude das eigene Innere geradezu schmerzte, hatten dagegen die Menschen hier einen scheuen Blick wie das Wild, wenn die Jagd mit Hui und Hund, Waffen und Sauspieß durchs Gehege hetzt.

Wenn ich auf meinen Wegen einem Menschen begegne, will ich lieber seinen Blick als seine Hand zum Gruße haben. Hier aber dankten die Leute mit keinem Wort, sondern nur mit einer Bewegung der Hand, welche den Grüßenden nicht heranwinkte, sondern ihn vielmehr abzustoßen schien. Wie Aale entglitten ihre Augen aus Angst vor einer Angel. Es war ein seltsamer Menschenschlag. Unterhalb der Hakenrüssel hingen ihre Lefzen bitter nach abwärts, wie bei Leichenbuben, wenn sie das Requiescat plärren. Obgleich die Augustsonne den Hunden die Tollwut einbrennen wollte, trugen die Weiber trotzdem wollene Tücher fest um die Schädel gewickelt wie im strengsten Winter. Als ich einer Jungdirne den türkischen Kopfputz scherzweise vom Scheitel zupfte, rannte sie aufkreischend davon, den Kopf mit den Händen verdeckend, denn er war kahl wie ein abgehauenes Feld.

Ich wunderte mich, daß die absonderlichen Käuze den Weibern die Haare abmähten, während sie die Gerste und das Korn überreif aus den Ähren bröseln und elend verkommen ließen, soweit es von Spatzen und Mäusen nicht mehr verzehrt werden konnte. Auch das Gras auf den Wiesen stand zwei Ellen hoch, strohte oder versäuerte. Kein einziges Rind almte ringsum, aber auch in den Ställen rührte sich nirgends ein Schwanz.

Sogar für meine Geige waren die Leute taub, wenn ich sie auch noch so aufreizend spielte. Und wo ich bescheiden anpochte, öffnete man die Türen bloß zu einem kleinen Spalt, hielt vorsichtig den Fuß davorgestemmt und ließ den Riegel nicht aus den Händen. Im Dunkel der Stuben blitzten bereite Messer und Äxte. Bevor ich meine Vorsprache noch anbringen konnte, knallten die Türen jedesmal wieder ins Schloß. Hätte damals der Wald nicht Beeren und Früchte abgegeben, wäre ich bei einer solchen Gastlichkeit verhungert. Für meines Leibes Notdurft war somit eben noch gesorgt. Aber mein anderer seelischer Teil litt umsomehr an Entbehrung.

Auf einem Gipfel der umliegenden Berge fand ich einen Stein mit einer Mulde, einem Bett, das gerade für mich geschaffen schien. Dort begann mein inneres Elend. (Hatte ich die höchste Lust immer auf den Bergen gefunden, warum sollte nicht auch mein Elend sogleich gegipfelt sein?)

Ich drückte mich in die Mulde und wärmte die kalte Mahlzeit an dem erhitzten Stein nachträglich im Bauch. Vielleicht zu demselben Zweck lagerte sich eine Eidechse neben mich hin. Wir lugten zusammen bald in die Sonne, bald in das Land hinaus.

Weit und faul dehnte sich die Ebene in der Glut des Nachmittags. Die fernen Dörfer lagen wie Flicken darin verstreut. Oder wie die Pusteln in des seligen Trompeter-Wenzes Gesicht. Einem anderen Menschen dreht sich über solche Bilder der Phantasie die Galle um. Mir Saumagen aber machten seit einiger Zeit solche und noch ärgere Scheußlichkeiten Spaß. Wie der Leib, meine ich, muß sich auch die Seele zeitweise von ihrem Kote reinigen. Das ist sicher nicht verwerflich, wenn damit für die Aufnahme einer neuen, guten Nahrung nur Raum geschaffen wird. Irgendwo an einer geheimen Stelle hat schließlich jeder Engel etwas von einer Sau. Wenn aber in ihm die Sau mit ihrer Lust am Dreck überwiegt, dann wird mit der Zeit ein jedes wohlgemeinte Halleluja zu einer Schweinerei. Ich war an der ungarischen Grenze wahrscheinlich durch zu viel Mist gegangen, so daß ich jetzt selbst nicht mehr wußte, ob an mir überhaupt noch ein englischer Teil zu finden wäre.

Dem eigenen Gelächter über diese krausen Gedanken folgte abermals der eigentümliche scheppernde Ton, der in der letzten Zeit auch mein Geigenspiel begleitete. Diesmal aber klang es wie zerspringendes Glas und verscheuchte sogar die Eidechse.

Plötzlich fühle ich meine Einsamkeit als Schmerz. Ich hatte einst meisterlich gezirpt, gesiept und gebalzt. Grille, nistender Fink, Urhahn, Bock und Geiß hatten meinen Lockungen nie lange widerstanden. Diesmal bemühte ich mich aber vergebens. Wie in den Dörfern unten die Menschen, so schien auch das Getier im Walde für meine Stimmen taub. Oder sollte etwa mein Mund die richtige Sprache und meine Geige den rechten Ton verlernt haben?

Ich wollte eine Probe auf das Exempel machen, pfiff eine Melodie und legte das Ohr daran, wie ein Bader an der Brust eines Kranken prüfend horcht, ob der Puls noch geht. Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich mit Willen erfinden, was mir bisher ungerufen und von ungefähr als eine Gabe geschenkt worden war. Wie sehr ich aber auch nachsann, und vielleicht gerade deshalb erst recht, fand ich doch keine Weise. Denn die Kunst ist keine Vettel, die sich dem Verstand und dem Willen ergibt und dem Winke eines Fingers beugt.

Früher brauchte ich bloß einen Baum zu berühren, und sogleich erschloß er mir den Ton seines innersten Wesens. Der Stein, auf dem ich lag, klang jedoch nicht einmal unter dem Schlag meiner Faust. Die Ebene vor mir löste sich nicht auf, ging nicht ins Ohr ein, sondern blieb nur im Gesicht als der widerliche Witz: als des Trompeters blatternsteppiges Antlitz.

Du hast Fieber, mein Junge. In deinen Gedärmen nagen die Würmer, die du mit den Beeren verschluckt hast, und lohnen deine Gastfreundschaft schlecht.

Der Schweiß rann mir von der Stirne. Ich befürchtete, es dörre mich aus. Trotzdem hielt ich es für nutzlos, aus dem äußerlichen Brand hinweg in den Schatten des nächsten Baumes zu kriechen. Mir konnte doch nur eine andere Herberge helfen: eine Stube, wo eine gedämpfte Sonne auf den Zimmerdielen harft, wo kupferne Kessel an den Wänden hangen. Eine Stube wie daheim.

Wann habe ich sie verlassen? Es muß schon lange her sein, denn die Zeit hatte inzwischen Zeit gefunden, einen Bart an meine Wangen zu kleben.

Und warum bin ich davongegangen?

Darauf wußte ich keine Antwort mehr. Einst hatte ich sie gewußt, aber auch das muß schon lange her sein.

Vor meinen Augen tanzten tausend kupferne Kessel, wirbelten umher, schlugen aneinander, aber – und jetzt wußte ich, was an diesem tollen Tanz so grauenhaft war –, obgleich die Kessel wild gegeneinander tobten, gab es doch keinen Ton. Sie umdrängten mich. Es schmerzte. Aber es geschah mir mit dieser Folter recht. Ich hatte diese Kessel ohne Not verlassen und war somit selber an ihrer Verzweiflung schuld. Aber warum habe ich das getan? Warum tue ich überhaupt etwas?

Wozu bin ich?

Ich weiß es nicht.

Auf alles immer nur diese schrecklich leere Antwort: Ich weiß es nicht!

Wenn ich wenigstens lachen könnte! Ich war schon einmal in einer ähnlichen furchtbaren Enge, aber damals hatte ich ja das Lachen noch bei mir. Heute habe ich es nicht mehr. Es ist mir abhanden gekommen, weil ich vergaß, warum ich jene Stube verlassen hatte.

Ich habe Durst. Die Zunge hängt mir zum Halse heraus und verbrennt sich an dem glühenden Stein. Ich hatte schon einmal einen wahnsinnigen Durst, einen Durst nach viel: nach der ganzen Welt. Und jetzt erkannte ich, daß ich ausgezogen war, um die Welt wegen der Erkenntnis für ein Werk zu trinken, daß ich aber schließlich über den Durst hinaus um des Saufens willen gesoffen hatte.

Plötzlich wußte ich also die Antwort wieder. Aber sie befreite mich nicht, sondern schlug mich nur in eine neue Verzweiflung, denn ich erkannte gleichzeitig, daß die Strafe Gottes vor meinem Geigenbogen den Quell ebenso verschloß, wie einst das Wasser vor Mosis Stab.

Mühsam raffte ich mich empor, stützte mich auf die Ellenbogen, der Kopf riß sich mir in den Nacken zurück, und ich schrie. Es klang wie von einem Ochsen, der sich im Berggehänge verirrt hat und seine Not ausschreit. Endlich versagte mir die Kraft; aber noch auf dem Munde liegend, lachte ich in den Stein hinein.

Die Gedanken spielten toll: Du mußt zurück! Von vorn beginnen. Du hast Heimweh. Der Rückweg fände sich leicht. Einige Namen hast du behalten: Altvater, Jablunka, Ungarische Berge, die March, und von da an immer gegen den Abend. Vielleicht gibt es auch einen näheren Weg. Du könntest ihn erfragen. Aber wenn man nach einer vergeblichen Fahrt den Heimweg erfragen muß, tut es weh.

Dann aber sah ich mich bereits heimgekehrt, vor dem Pater und auf dem Friedhof vor dem Grab der Frau Mutter stehen. Die Kläglichkeit dieses Bildes vernichtete mich wie ein Urteil. Ich durfte überhaupt nicht mehr zurückkehren. Ich war entwurzelt und hatte nicht einmal ein Recht auf ein Asyl. Was hätte ich denn auch als einen gültigen Einlaßschein vorweisen können?

Ich riß die Noten aus dem Wandersack. An ihnen wollte ich erkennen, von wann an ich in die Irre gegangen war und von wo ich vielleicht wieder aufs neue beginnen könnte, ohne erst bis ganz an den ersten Ausgang zurück zu müssen.

Aber ich wühlte nur in Schlacke. Nirgends fand sich ein Funken mehr. Nur für den Augenblick geboren, war alles Ingenium bereits in der Geburt verbrannt. Der Seele der Stunde beraubt, lagen Federn zerbrochener Flügel dort, wo ich ein lebendiges, auf die Auferstehung wartendes Vöglein zu finden hoffte.

Was war ich doch für ein eingebildeter Feuerwerker, als ich mich vermaß, mit armseliger Ausrüstung einen ewigen Stern in den Himmel zu setzen! Ein Großmaul! Ein Prahler mit einem zu schwachen Pfund! Ein Lügner, der ohne Selbstprüfung den anderen eine apostolische Sendung vorschwindelt, bloß um sich den Verpflichtungen ehrlich arbeitender Menschen zu entwinden. Bloß um nichts tun zu müssen! Nichts! Um ein Faulenzer und Tagedieb zu sein! Wie bitter schmerzt einem Schleckermaul eine solche Galle! Es würgte mich in der Kehle. Ich wollte mich übergeben, so ekelte mich vor mir selber.

Mein Königtum war zerfallen. Zum ersten Male war ich schrecklich allein. Und ich trug meine Verbannung nicht wie ein König oder wie ein Römer aufrecht und mit verbissenen Zähnen, sondern ich brüllte mein Elend unwürdig heraus. Gerade wie ein Vieh im Morast, so wälzte ich mich, ein erbärmlicher Wurm, in meiner Niedrigkeit.

Als der größte Schmerz dann endlich vorüber war, lag ich, weitausgestreckt an den Boden gepreßt, und wartete, daß der lange Zug all derer käme, die ich einst verlacht und verspottet, als Sklaven der Materie verachtet hatte. Ich wollte, daß er über mich hinübergehe und mich zertrete, der ich nicht einmal mehr zum Sklaven taugte. Mit dem letzten Bewußtsein, daß meine Augen wie nasse Schwärme schwer waren, losch ich aus.

Endlich ging eine kühle Luft über mich hin wie eine Hand und griff durch das Gras in die Bäume hinüber. Und dann begann die Orgel des Abends zu spielen. Immer breiter lud sie aus, steigerte sich rot in kühner Mischung der Register und hob auch meine Brust und meine Lider trotz ihrer Schwere wieder auf.

Gerade vor meinen Augen wagte es ein Halm, seine farblose Blüte in den Abend hinein zu halten, der selbst wie eine Tulpe groß aufgetan war. Ich meinte, der Halm habe seine eigene Farbe hingeopfert, damit der Abend nur um so mächtiger erstrahle, ohne daß damit die eigene unscheinbar gewordene Blüte zwecklos wäre. Und ich gelobte mir, es diesem Halme gleichzutun.

Ich sammelte zwei Arme dürren Grases, Reisigs und dünnen Geästes, legte alles auf den Stein und schichtete größere Scheiter oben darauf. Je länger die Arbeit mit Zunder und Kies dauerte, desto ruhiger wurde ich und war geradezu von einer gottesdienstlichen Festfreudigkeit erfüllt, als ich dann meine Kantaten, Motetten, Giguen, Sarabanden und alle Brösel meiner zukünftigen großen Symphonie mitten in die hochauflodernden Flammen warf.

Nun stand ich selber ohne Farben da wie der Halm. Dafür löste sich aber weit und breit das Land ringsum, wurde durchsichtig, wurde zur Schale des ewigen Lichtes aus Rubin, und aus der Mitte dieser Schale blühte die Orgel des Johannes Sebastian zu einem feierlichen Hochamt empor. Ich stand darinnen mit gefalteten Händen und ahnte einen neuen Tag.

Mochte das Feuer den Forst ergreifen und das ganze Land ringsum, ich kümmerte mich nicht mehr darum. Den Widerschein der Flammen im Rücken, ging ich auf dem Bergkamme die Schneise entlang, bis ein Pfad der Quere kam und mich seitab in den Wald verlockte. Über mir zog sich die Dämmerung immer mehr wie ein Sack zusammen, und das dichte Unterholz beengte den Schritt. Öfter schnappten ein paar Ranken mit ihren Dornen nach meinen Waden und schienen sich an den mageren Stelzen nicht genug gütlich tun zu können. Wie es der Pfad in seiner Laune hatte, so ließ ich mich bald rechts-, bald linksum drehen. Ich wunderte mich bloß im stillen über seinen Unverstand. Trotz allem Zickzack mußte er mich schließlich doch einmal zu einer Herberge führen.

Ich hatte wohl bereits eine Stunde lang die Wegwindungen mit der Nase nachgezogen, da erschrak ich vor einem Fluche aus einem fremden Mund. Ohne daß ich ihn bisher bemerkt hätte, stapfte ein grauer Kerl vor mir einher. Der Spitzhut auf seinem Schädel ließ ihn noch größer erscheinen, als er ohnehin war. Über Nacken und Schultern, beide breit wie bei einem Stier, lag ein gewaltiges Joch. Daran waren Eimer gekettet, die wohl bis zum Rande gefüllt waren, denn sobald sie an einen Ast oder Stein anstießen, gluckste es hell.

»Heholla, Freund! Ich brauche einen Einschlupf für die Nacht. Ist es noch weit zu einem Dach?«

Der Kerl stellte sich taub. Wer aber zu einer so späten Stunde noch zu Tal hastet, der hat sicherlich nicht die Absicht, seinen Leichnam in Brombeeren zu betten, sondern strebt, wenn auch keinem Dorfe, so doch wenigstens einer Einschichte zu. Ich band mich also an die Fersen des Riesen.

Alles, was recht ist: er hatte Kräfte wie ein Bär. Das armdicke Joch bog sich unter der Last bei jedem Schritte an seinem Nacken durch. Aber nach einer Stunde begann der Alte endlich doch zu keuchen. Ich sprang vor, vertrat ihm den Weg und bot ihm meine Hilfe an.

Es war bereits stockfinstere Nacht, und die Augen des Fremden konnte ich nicht erkennen. Ich fühlte aber, wie sie mich abtasteten. Mit einem kurzen verächtlichen Lachen ging der Mann seines Weges weiter, als hätte er mich nicht gesehen.

Jetzt floß neben uns ein Bach zu Tal. Ich hörte es an dem Plätschern. Gerade als der Mond groß und voll aufging, kreuzte ein neuer Pfad den unserigen. Dort hielt der Mann ein und setzte seine Last zu Boden. Jetzt sah ich seine Augen: aus dem Dickicht von Haaren, die fast das ganze Gesicht bedeckten, stach es grün wie bei einer Katze hervor.

»Obdach willst du?« Seine Stimme klang wie zerrissen. Mit einem erschreckend langen Arme deutete er wie mit einem dürren Ast gegen den Mond. »Fünf Steinwürfe von hier hebt das Dorf Sattel an.« Dann schob er sich das Joch wiederum auf den Nacken.

Mitleidig fragte ich, womit er sich schleppe.

»Wasser.«

»Du hättest es aus diesem Bach hier näher gehabt.«

»Wohl! – Es ist aber kein gewöhnliches Wasser. Ist aus der Wilden Adler am Vollmond-Tag geschöpft. Wer davon nimmt, säuft sich die Wildheit ins Blut!« Er schob seinen Schädel immer näher an mich heran. Seine Nase bedrohte meine Augen wie ein Schnabel. Sein Atem, im Mond sichtbar, stieß mir widerlich stinkend ins Gesicht. »Und wir können die Wildheit jetzt brauchen, wir Bauern«, brüllte er und verschwand plötzlich hinter einem Busch.

 

In dieser Nacht wollte scheinbar das Dorf Sattel dem streichenden Gesindel und Diebsgelichter ein besonderes Fest bereiten, denn die Häuser waren unbewacht, und ihre Türen standen angelweit offen. Ich rief in die schwarzen Löcher der Hausflure hinein, erhielt aber nirgends eine Antwort. Schließlich trat ich ohne besondere Erlaubnis in diese und jene Hütte ein, fand aber keine Sterbensseele darin. Überall roch es bewohnt, und der Hausrat lag verstreut umher, als wäre seine Benützung nur für einen kurzen Augenblick unterbrochen worden. Die Kissen in den Bettstellen waren noch warm. Die Leute mußten somit durch ein ganz ungewöhnliches Ereignis eben erst aus ihren Bauen gescheucht worden sein.

Von einer besonders gut ausgerüsteten Bettstatt konnte ich mich plötzlich nicht mehr trennen. Meine Hand, welche eben die Kissen durchwühlte, um darin einen Schläfer zu entdecken, blieb an den Pfühlen haften wie an den Federn des Schwanes Kleb-an. Die letzten Wochen hindurch hatte ich in freien Strohschobern, oder wenn es besonders gut ging, in Holzställen nächtigen müssen, wo man doch niemals weiß, ob einem nicht ein kalter Regen den Nabel salben wird. Ich hatte diese Herbergen gründlich satt, und mich ergriff plötzlich eine unendliche Sehnsucht, ein richtiger Durst, wieder einmal in einem solchen Bett zu liegen und den Leib bis zur Nase mit weichen Kissen zuzudecken. O, wie faßte mich plötzlich der Schlaf! O, wie sehnte ich mich nach einem Nest! Ich war zum Umfallen müde. Trotzdem aber getraute ich mich nicht, in diese Kissen hineinzusteigen. Sie gehörten ja nicht mir. Ich stand hilflos in der finsteren Stube und fühlte plötzlich, wie fremd und elend ich war. Wenn ich auf die Rückkehr des Bewohners wartete und ihn bäte, mir bloß für eine einzige Nacht sein Lager zu überlassen, jagte er mich mit Schimpf und Schande von hinnen, oder wiese mich mindestens in den Stall. Ich war ein Bettler seit jener Stunde, als meine Noten verbrannten.

Jetzt ermaß ich erst, was ich alles auf jenem Berge geopfert hatte.

Dahin mein lachendes Evangelium, dahin mein tanzendes Königreich!

Einst hatten meine Hände einen goldenen Samen aus dem Horn eines Engels aufgefangen, jetzt waren sie leer. O du armer, betrogener Engel!

Jetzt, in einer fremden Stube, in der ich mich widerrechtlich aufhielt, vor einem fremden Bette, dessen Wärme und Wohltat ich mit meiner kalten Hand betastete, weinte ich wie ein Kind, so daß es mir von der Nase troff wie von einer Traufe.

Wohl hörte ich Schritte. Aber man sollte nur kommen und mich wie einen Dieb mit einem Knüttel verprügeln. Ich wollte gerne standhalten und noch obendrein für die Hiebe danken.

Vor dem Fenster huschte ein Schatten vorbei. Die Umrisse dieses Schattens mußte ich kennen. Mein Kopf arbeitete schwer. Plötzlich stieß ich mich von der Bettstatt fort. Ich stürzte auf die Straße. »Wart auf mich, Cäsar! Ich will mit dir betteln gehen!«

Ich rannte dem Schatten nach, aber auf dem Dorfplatze verschlang ihn der Erdboden. Ich wollte ihm nachschreien, aber ein Bauer sprang auf mich zu und hielt mir das Maul zu.

Plötzlich sah ich mich mitten in einem Haufen von Menschen. Hoch, über alle Köpfe erhoben, stand ein alter Bauer auf dem Brunnenrand und zeigte nach den Bergen in der Richtung, woher ich gekommen war. Von einem der Gipfel stach eine unermeßliche Fackel in den Himmel hinein wie ein Schwert.

Die Stimme des Alten krächzte einen schauerlichen Spruch

»Wenns auf diesem Stein wird brennen,
Wird der Bauer zum Aufstand rennen!«

Die Bauern hoben die Fäuste. »Die Robot ist aus!«

Die Weiber rissen sich die Tücher vom Kopfe. Kahl und nackt glänzten die Schädel im Mond.

»Haben sie uns die Haare abgemäht und verkauft, so sensen wir ihnen die Schädel dafür und füttern die Schweine damit!«

»Anders können wir nicht aus. Aber Gott schützt das Land«, sagte einer.

»Und das Kind«, sagte ein anderer.

»Und das Vieh«, sagten viele.

»Amen!« sagten sie alle.


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