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Seit dem Tode der Frau Mutter waren meine Tage zuerst mit bitterer Trauer, dann aber durch die tröstliche Musik immer mehr mit Freude erfüllt gewesen, so daß mir nicht allzuviel Zeit übrig geblieben war, mich auch noch um den Lebenswandel des Cäsar-Geigers zu bekümmern. Ich war seither zwar nicht selten vor die Stadt und zu unserem Hause gekommen, hatte aber den Geiger nie angetroffen. Ich brauchte ihn jedoch nicht dazu, Einlaß in das Haus zu finden, denn der Schlüssel lag immer noch im altgewohnten Versteck. Die Stube war stets rein gefegt und gut aufgeräumt wie vor Zeiten, als noch die Frau Mutter hier mit Besen und Lappen hantierte. Auch der Garten war gut gehalten und der Kartoffelacker je nach seiner Zeit bestellt. Für meinen Teil gab es also keine Ursache, über den Geiger zu klagen, und somit auch keinen Grund, auf ihn zu warten, oder ihn gar eigens aufzusuchen. Wir hätten uns bloß ganz dumm angesehen, wenn wir uns begegnet wären, und hätten ohnedies nicht gewußt, was wir miteinander anfangen sollten. Sofern der Cäsar nur mein Haus geziemend besorgte, brauchte es mich nicht weiter zu bekümmern, wie er im Munde der Leute stand. Daß man ihn einen Haderlumpen nannte, wunderte mich nicht. Ich durfte von den Leuten keine andere Meinung über den Cäsar erwarten, als ich sie selbst von ihm hegte. Seine häusliche Ordnung war noch lange kein Beweis dafür, daß er sich außerhalb ebenso führe. Im übrigen hielt ich seinen Leumund für seine höchst persönliche Sache. Sobald aber ein Mensch ein ausgeschämter Hurentreiber genannt wird, darf man es dem, der des also Gescholtenen Sohn zu sein die Freude und Ehre hat, nicht verdenken, wenn er schließlich doch die Ohren aufstellt und schärfer hinhört. Und was ich da bald rechts, bald links aufschnappte, war wahrlich nicht besonders erbaulich. Die Nachrichten, daß der Cäsar nachts aus dem Gasthof wieder einmal mehr getragen worden wäre, als er selbst zu seiner Beförderung beigetragen hätte, war nichts Erstaunliches mehr. Solche Kunden erzählten die Leute mit geringer Erregung, so wie eine andere gewöhnliche Zeitung, so daß ich aus dem Mangel einer sonst so leicht erregbaren Entrüstung schließen durfte, wie gut es der Cäsar bereits verstanden hatte, seinem Lotterleben durch fleißige Übung den Reiz für die Mitwelt zu nehmen. Da es obendrein dem Pater gleichgültig zu sein schien, daß sein Mesner außerhalb des Amtes auf allen Vieren kroch wie ein Ochs, glaubte ich keine Veranlassung zu haben, über den Wandel des Cäsars meinen ungewaschenen Kren zu reiben.
Anders wurde es freilich, als unter dem Lotterleben die Ehre meines Namens fühlbar zu leiden begann. Ein wenig Rost findet sich zwar auf jedem Schild und läßt sich schließlich auch ertragen. Wenn sich aber ein schier unsichtbarer Punkt mit der Zeit zu einem ganzen Fladen auswächst, dann wird es Zeit für den Scheuerlappen. Ich beschloß um so eher einzugreifen, je mehr ich mir eingestehen mußte, daß ich gewissermaßen selbst, wenn auch ohne Willen, zu dem Wachstum der Unehre mit beigetragen hatte. Denn wie so oft eine von bester Absicht geleitete Tat eine gegenteilige Wirkung auslöst und nur beschleunigt, was sie gerade verhindern will, so war es auch hier geschehen.
Ich hatte einst, als ich ahnungslos durch die Straßen schlenderte, den Geiger plötzlich vor der Schwelle des »Schwarzen Rosses« entdeckt, wo er mit Armen und Beinen absonderliche Bewegungen ausführte. Er hatte die Arme weit vom Leib gestreckt, als wurde er von einem unsichtbaren Hausknecht mit aller Gewalt daran zum Wirtshaustor hineingezogen. Die Beine stemmte er jedoch aus Leibeskräften gegen diese Vergewaltigung. Sobald eines der Beine im Widerstande erlahmte und einen Schritt über die Schwelle versuchen wollte, wurde er noch im letzten Augenblick wie durch einen jähen Zug im Genick daran gehindert. So wurde er von einem Teufel hü- und von dem Engel des guten Gewissens hott-gerissen, so daß der ganze Kerl wie ein Jammerlappen in einem zweiseitigen Winde schlotterte. Gerade noch im rechten Augenblicke, als sich der Cäsar schon dem Wirtshausteufel überlassen wollte, um unter dem Widerstreit der beiden Dämonen nicht mitten auseinandergerissen zu werden, sprang ich vor und versetzte ihm rücklings einen Stoß, so daß sein Hut die Straße weit aufwärtsflog. Der Geiger lief dem Hute nach und entkam dadurch dem magischen Kreise. Er mochte an das Wunder glauben, der Erzengel Michael höchstselbst hätte ihm einen so fühlbaren Beistand geleistet, denn er bekreuzigte sich wie vor einem Spuk und rannte eingezogenen Kopfes davon, ohne sich ein einziges Mal umzuschauen und mich zu bemerken.
Ich zerknäulte mein Lachen in der Faust und beschloß, dem Cäsar noch öfter als Erzengel Michael beizuspringen. Aber wie standhaft ich auch künftighin vor dem »Schwarzen Roß« lauerte, bekam ich trotzdem den Cäsar dort niemals mehr zu Gesicht. Ich glaubte, der einzige Stoß wäre bereits so kräftig gewesen, daß ein zweiter gar nicht mehr nötig sein sollte. Aber ich überschätzte die Wirksamkeit meines Heilmittels freilich gewaltig. Ich ahnte nicht, daß ich den Cäsar aus den Klauen des Teufels des »Schwarzen Rosses« nur vertrieben hatte, um ihn dafür um so sicherer in die Krallen Beelzebubens bei den »Drei Hahnen« zu jagen. Während ich das »Roß« hütete, soff er bei den »Hahnen«, fiel zur roten Magd des Hahnenwirts ins Bett und verluderte im Rausche seine Kraft, während in der Gaststube der Trompeter-Wenz achtgab, daß der Wirt vor lauter Einschenken keine Zeit fand, an seine Magd zu denken, und daß sich die Kreidestriche unter des Cäsars Namen mehrten wie die Söldner bei einer guten Werbung. Diese Kreidestriche waren zauberische Dinger. Denn wenn sie der Wirt von der Türe löschte, wuchsen sie dafür als tausend kleinwinzige Füße daheim unter den Möbelstücken, hoben und trugen sie eins nach dem anderen über die Straße zum dicken Seidl-Bauern hinüber. So schwanden die Schuhe und Kleider des Geigers, dann aber auch die Wäsche der Frau Mutter aus den Spinden. Was nützten schließlich einem Witwer auch eines Weibes Wäschestücke? Einen bespitzten weißen Unterkittel, der etwa noch zum Ministrieren taugte, hatte die Frau Mutter niemals besessen, denn sie war bis an ihr seliges Ende immer bloß ein schlichtes Waschweib geblieben. Es war also vom Cäsar nicht einmal unklug, wenn er sich für diese Sachen ein Vergnügen nach seinem Gutdünken eintauschte. Doch hätte er damit Maß halten können, meine ich.
Hinter alle diese Veränderungen kam ich freilich erst dann, als bereits kaum noch etwas übrig geblieben war, was noch durch die Zauberstriche des Hahnenwirts hätte ein Bein bekommen können. Daß mir diese Entdeckung gerade am heiligen Christtage beschieden war, ist freilich eine kleine Bosheit des Herrgotts, die ich ihm aber wegen seines sonst recht schicklichen Benehmens ganz gern einmal durch die Lappen gehen lassen will.
Der Scholze-Schuster hatte mich ausnahmsweise bereits zu Mittag von der Arbeit freigegeben. Der Pater Adrian war heute nicht zu sprechen, sondern hielt sich in seiner Zelle verschlossen, um die Predigten für die kommenden Feiertage aus dem Hirn zu pressen. Somit wußte ich nicht, was mit der Zeit zu beginnen wäre. Ich nahm schließlich ein Stück von dem Weißbrot, das mir an diesem Tage die Meisterin nach der Zunftordnung hatte bescheren müssen, steckte die Füße in ein Paar neue Rindslederne und pirschte vor die Stadt hinaus, stolperte über die Hügel und Felder und ließ mir von der scharfen Winterluft den Pelz und die Lungen weidlich durchputzen. Die Kälte kniff mit Zangen in den Rüssel und kelterte gar manchen Tropfen daraus. Auf ihrem Fall zur Erde froren sie zu kristallenen Kügelchen, und wenn ich den Schritt anhielt, konnte ich sie gegen die harte Schneedecke aufklirren hören wie Steinchen, die man schüchtern an ein Fenster wirft, um ein Jungmaidlein aufzuwecken. Alte Weiber, wie die Erde eines ist, lassen sich jedoch durch ein solches Gehaben nicht aus den Betten treiben, sondern ziehen die Federn nur noch fester über die Ohren. Auch die Sonne hatte damals gerade eine griesgrämige Stunde und blieb hinter dem Nebel zu Hause. Ein solches Wetter lockt kaum einen Hund hervor. Mir aber machte es einen Spaß, schon deshalb, weil mich von jeher freut, wovon andere Leute nichts wissen wollen.
Ich grüßte also die Kälte, weil sie klirrte, als sprängen gläserne Glocken. Und wenn mitten in diese Scherben eine Krähe ihren Schrei stößt, kann ich über sie wie über einen Lausbuben lachen, der dem Stadtbüttel einen Stein in die Laterne schmeißt. In solchen ausbündigen Stunden ist das Jauchzen ein Komet, entfährt der Brust wie ein Böller und läßt ein erkleckliches Weilchen das Ende seines Schwanzes als sichtbaren Dampf vor dem Mund. Ich bin schon einmal wie ein überschwenglicher Dichter und träume davon, daß sich meine Jauchzer in der Luft entzünden und am andern Ende der Welt als Sternschnuppen niedergehen. Ich freute mich unbändig über die Kälte bloß wegen dieser Träume und hätte damals mein Spiel auch noch länger getrieben, wenn der Wind nicht schließlich allzu grob gekommen wäre und mir nicht eine Ladung von Eisnadeln ins offene Maul geworfen hätte. Ich teilte also das Schicksal eines jeden sentimentalen Poeten und wurde mit Schimpf und Schande von meinem Parnaß gejagt. Ich war froh, als ich in allem Wirbel und Hagel plötzlich unser Häuschen vor mir sah und darin Schutz suchen durfte. Nur mit Mühe konnte ich den Schlüssel aus seinem Versteck hervorholen und mit der erstarrten Hand die Haustüre hinter mir ins Schloß drücken.
Sogleich erhob der Magen eine knurrige Melodie. Um sie zu stillen, kam das Weißbrot gerade zupaß. Aber der Frost hatte es härter gestählt, als je die weiland Würste des Geigers gewesen waren. Wenn ich die Zähne nicht einzeln daran lassen wollte, mußte ich nach anderen Bissen suchen. Aber es fand sich nirgends ein Endchen. Der Keller war leer, und selbst dort, wo sonst zu dieser Zeit die Kartoffeln noch immer in stattlichen Haufen lagen, war der Boden blank wie eine frisch gescheuerte Tenne. Ich erinnerte mich, daß die Gestalt des Geigers bei unserer letzten Begegnung gar nicht danach aussah, als hätte er in drei Monaten die Ernte eines ganzen Ackers allein bezwungen. Aber selbst mit der gütigen Beihilfe eines Vielfraßes, wie der Trompeter-Wenz einer war, konnte es unmöglich gelingen, mit einem solchen Haufen in so kurzer Zeit aufzuräumen. Als ich schließlich weder in der Stube noch in Kisten und Kasten mehr als einen alten Fußlappen des Geigers fand, fluchte ich zunächst über die Schweden, die hier gehaust haben mußten, dann aber erinnerte ich mich plötzlich eines von ungefähr aufgeschnappten Wortes des Nachtmann-Bäckers, daß der Seidel-Bauer bereits an der Schimabude nage, daß ihm einige Steine bereits gehörten, und daß es gar nicht mehr lange dauern würde, und der Cäsar müsse die Kate räumen. Wenn es bis dahin überhaupt noch etwas darin zu räumen gebe.
Aus Ärger über die Beschimpfung, daß der Bäcker unser schönes Haus eine Kate und eine Bude nannte, hatte ich damals den Kern dieser Worte gänzlich überhört. Desto härter traf mich dafür jetzt ihre Wahrheit. Jetzt bemerkte ich auch, wie schrecklich sich hier alles seit meinem letzten Besuche verändert hatte, wie kahl alles ringsum geworden war. Selbst die Wände gähnten, und an der Stelle der kupfernen Kessel äugten blinde Staubkreise. Im Bett des Cäsars lag anstatt des Strohsackes nur offene Streu. Aus einem alten Inlett, welches bereits die Frau Mutter nurmehr als Wischtuch verwendet hatte, und das plötzlich wieder zu einer unerwarteten Ehre gekommen war, stachen Schwungfedern von Gans und Huhn.
Um so mehr erstaunte ich jedoch, als ich im Gegensatze hiezu meine eigene Kammer unverändert fand, wie ich sie verlassen hatte. Das Bett war mit dem besten Zeug überzogen, und das Linnen spannte über dem Strohsack, wie es sich gehört, wenn ein Gast erwartet wird. Es roch auch frisch und gut in der Kammer. Sie war also unbenützt gestanden. Diese Achtung vor meiner Lagerstätte rechnete ich dem Geiger im stillen hoch an. Unter dem Bette lag allerhand alter Spielkram, der bereits eine lange Zeit auf dem Dachboden hinter einem Balken geschlafen hatte, und dem es auf dem neuen Ehrenplätze absonderlich vorkommen mußte. Da gab es eine Schachtel mit alten Knöpfen, einen Pferderumpf, einen zerbeulten Puppenkopf, ein verbogenes Blaserohr, einen zerrissenen Kleinkinderschuh und anderen Krimskrams mehr. Und während ich mitten unter den zerstreuten Dingen hockte und immer eins nach dem anderen hochhob, zerschmolz in meiner Brust ein Stein. Ich erriet, wie sehr der Geiger just diese Kammer und alles, was nur irgend mir gehörte, gegen den Teufel in seiner eigenen Brust bewachte und verteidigte, wie elend er sich peinigen ließ, aber von dieser Türe doch nicht wich und dem Teufel den Eingang nicht freigab.
Und seltsam war das: Nicht daß der Geiger das gute Linnen für mich bewahrte, nicht daß er mir den guten Strohsack ließ und sich selbst bloß mit Streu begnügte, sondern daß er den Pferdeleib und den Puppenkopf geschont und alle Kleinigkeiten hier in ein Asyl zusammengetragen hatte, dafür war ich ihm dankbar.
Was dereinst kein Wurstende, kein Zuckerzeug, keine Münze, dann kein Schelten und kein verstohlenes Betteln zuwege gebracht hatten, dem alten Gerümpel gelang es: Es füllte die Kluft zwischen dem Cäsar und mir, und während meine Hand den Puppenkopf zärtlich berührte, wußte ich, daß ich jetzt den Geiger liebte.
Plötzlich saß sein Geist fast leiblich inmitten meines Krams und spielte mit mir wie ein Kind. Und ich tat mit meinen Schätzen nicht groß, sondern ich zeigte sie ihm, wie ein Junge sein Spielzeug einem armen Schlucker zeigt, der gewiß noch nie solche Kostbarkeiten zwischen den Fingern haben durfte. Dabei war ich gleichzeitig aller Prahlsucht fern, die sich in solchen Augenblicken gern aufbläht und wehtut. Aber auch das Gefühl einer Macht unbegrenzten Besitzes, welche von der Begierde des Besitzlosen nur zu leicht aufgestachelt und von dem Besitzenden nur deshalb nicht gebraucht wird, weil die Möglichkeit, bloß mit einem einzigen Worte dem anderen alle Freude verschließen zu können, süßer ist als der Entzug selbst, selbst dieses Gefühl war mir fern, und ich schenkte und teilte wie ein guter Freund. Bevor ich aber ein Stück aus der Hand gab, erzählte ich seine ganze Geschichte, und unter diesen Geschichten wurde jedes Ding frisch und neu. Und mit dem neuen Erblühen sprossen die längst entschwundenen Tage in die Gegenwart. Je lieber sich mir wieder ein Ding erwies, desto lieber gab ich es dann dem Cäsar auf die Seite. Zugleich mit dem Puppenkopf schenkte ich ihm die Tage in den fremden Waschstuben, mit dem Pferdekopf gab ich ihm meine ersten Spiele auf der Bleichwiese hin, mit der rostigen Kinderschaufel die Abende mit der Frau Mutter auf dem Acker oder im Hausgarten. Stück für Stück vertraute ich ihm ein Leben an, das er niemals hatte erleben dürfen, nicht er selbst und nicht mit mir, mit seinem Kinde.
Ich war so tief in dem Traum versunken, daß ich, als ich zuletzt die Kiste mit den alten Krippenmännern unter dem Bett hervorzog, plötzlich von einem grenzenlosen Mitleid mit dem Geiger erfaßt, laut fragte, ob er denn schon einmal ein richtiges Weihnachtsfest miterlebt hatte. Ich war erstaunt, als ich keine Antwort auf meine Frage bekam, und enttäuscht zugleich. Während ich aber dann die Krippenmänner auskramte, ergriff mich der Zauber abermals, und ich glaubte dann doch wieder, der Cäsar stehe jetzt eben bloß vor der Türe und warte auf die Bescherung, die ich hier für ihn aufbaute. Eifer brannte mir in den Wangen. Das Öllicht im roten Glase glitzerte über dem Stall wie der morgenländische Stern. In seinem Scheine wurden die Hirten ringsum lebendig. Die Schafe hoben und senkten die Brüstlein im Schlaf. Es schien, als sei der König Kasper eben jetzt erst ins Knie gefallen, denn die hölzernen Falten seines Mantels rieselten noch. Der Balthasar und der Melchior erhoben ihre Gaben, und des Josefs Lippen zitterten, und die Muttergottes faltete die Hände, denn das Kind hatte eben seine Augen aufgeschlagen.
Auch ich muß knien vor dem Wunder in dem Winkel meiner Kammer. Ich weiß sicherlich: Wenn ich das Hirtenlied singe, wird sich die Türe auftun und den Cäsar hereinlassen, denn das Lied ist das Zeichen.
Laßt uns das Kindelein wiegen,
Das Herz zum Krippelein biegen,
Laßt singen und schalmeien,
Das Kindlein benedeien,
Das Jesulein süß!
Da kracht die Haustüre. In der Stube nebenan poltern vier schwere Füße. Mit dem pfeifenden, die Rede zersägenden Atem verrät sich der Seidel-Bauer.
»Alles leer«, japst er.
»Noch genug für dein schäbiges Geld«, rülpst der Cäsar. Er hat also wieder einen Affen aufhocken.
»Schäbiges Geld sagst du? Es ist aber immer noch zu gut für deinen Dreck. Der Schrein da ist zerborsten, in der Truhe wohnt der Wurm. Es ist nichts einen Pfifferling wert.«
»Du hast mich bei Linnen, Gewand, Bett und Kleinhausrat genug übers Ohr gehauen. Jetzt mach' dafür das Unrecht gut und lang' tiefer in deinen Sack!«
»Wer hat dich betrogen?« Die Stimme des Seidel zerknickt wie ein Span. »Ich selbst bin betrogen. Was kann ich mit den Lumpen und dem Gerümpel anfangen? Bloß ein Viertel von dem, was ich gebe, bietet der Jude. Bin denn etwa ich zu dir gekommen, und bin ich dir in den Ohren gelegen, und habe ich dir vielleicht gesagt, du sollst mir den Hafen verkaufen? Und habe ich dich gefragt, was du für den Hader willst? – Du selbst bist zu mir gekommen, hast die Türe beinah ins Haus mitgenommen, hast dich an meine Falte gehängt und hast gebettelt: ›Geh, nimm das Zeug. Es ist mir gleich was du gibst, nur ein kleines Geld muß es sein, sonst schmeißt mich der Wirt ins Loch.‹ Oder war's nicht etwa so? Ich hätte mich mit dir nicht erst einlassen sollen! Aber das hat man für seine Güte.«
»Du bist die leibhaftige Seelengüte, alter Hamster. Deshalb nimm dir die Truhe«, raunzt der Cäsar.
»Nichts nehme ich! Ich lasse mich nicht mehr von dir bescheißen. Mögen sie dich immer in den Kotter sperren, dich und deinen sauberen Kumpan! Kannst dich dann bei ihm in aller Ruhe für seine Mithilfe bedanken. Sauf nicht! Friß nicht! Hur' nicht um anderer Leute Geld! Verstanden?«
»Seidel«, winselt der Geiger, »nimm den Schrank!«
»Nehme ich nicht!«
»Die Bettstatt dazu!«
»Will ich nicht! Nichts aus dem Mistloch da!«
»Dann stoßen sie mich in den Turm!«
Der Cäsar schluchzt, wie wenn eine Henne nach dem Ei gackert. Dann verstummt er, und ich höre nichts mehr, als das eigene Herz unbändig im Hals rumoren.
Plötzlich flüstert der Seidel etwas, dann kracht ein Stuhl.
»Hundsfott, vermaledeiter! Das Haus gehört dem Buben. Da rührst du nicht daran!«
»Dann mußt du sehen, wie du selbst mit dem Büttel auskommst. Behüt dich Gott, Geiger!«
»Da bleibst du!« brüllt der Cäsar. Es klingt wie aus einem Ochsen. Der Schrei saugt mir das Blut aus, und ich bin leer.
Ein paar Schritte schwanken. Ein Schloß rasselt. Die Schranktüre quietscht. Ein Brett schlägt, und wieder gehen Schritte.
»Das nehm ich noch«, meint der Seidel dann.
Ein paar Münzen klimpern.
»Es ist wenig«, keucht der Cäsar.
Eins, zwei, drei Münzen fallen dazu.
»Wenig, Seidel!«
»Genug!« Der Seidel schneidet diese Antwort wie mit dem Messer. Aber ich höre doch, daß eine Saite zittert.
»Die Geige nicht!« Ich reiße die Türe auf. Ich springe den Bauer an. Verzweifelt ringe ich mit ihm. Die Saiten zerreißen und beißen dem Bauer wie eine Katze in die Faust. Und ich habe die Geige. Es ist die dunkle mit dem samtenen Ton. Mir ist wie dem Weibe zumute, das ihr Junges vor einem Löwen gerettet hat und, ganz von Sorge erfüllt, nur sieht, ob das Junge heil ist, und nicht darauf acht gibt, daß das Unheil inzwischen zu einem neuen Sprung ausholt. Während ich alles um mich her vergesse, nur die Geige zärtlich wende und drehe, vergeblich nach einem Schaden suche und sie glückselig an die Brust drücke, zieht der Geiger auf und schlägt mir die Faust mitten ins Gesicht.
Meine Brust wird vom Blute naß. Um mich herum dreht sich die Welt und stürzt ein. Der Seidel ist mit der Geige gegangen, aber dies ist mir plötzlich gleichgültig. Alle körperlichen Schmerzen, der Abschied von der Geige, alles ist nur ein kleines Weh und verschwindet als ein Nichts vor dem anderen Schmerz, daß ich in diesem Augenblicke den Geiger wieder verlor.
Das Öllicht in der Kammer ist verloschen. Als ich zum Bette hingehe, kracht etwas unter meinen Füßen. Die Krippenleute sind bloß aus Holz. Es ist nicht schade um sie, denke ich. Zerkleinertes Holz brennt leichter.
Dann liege ich auf der Bettstatt, leer, wie ein ausgeronnener Topf. Ich frage nicht, ob das Dunkel ringsum Blindheit vom Schlag ist, oder bloß die Nacht. Ich bin nicht mehr, und das tut wohl.
Und dann träume ich. Vielleicht ist es auch kein Traum. Ich fühle die Nähe eines Menschen. Ich glaube, es sei die Frau Mutter. Jetzt legt sich eine Hand auf meine Stirne: aber sie gehört nicht der Frau Mutter, sondern dem Geiger.
»Geh weg!« will ich sagen, aber ich bringe kein Wort hervor. Ich lache nur. Das klingt furchtbar und unerhört. Es erweckt mich vollends und treibt mich in die Höhe. Aufgereckt, sehe ich das Lachen körperlich. Wie einen Hagel von Steinen schmeiße ich es dem Geiger ins Gesicht und ihm nach, als er davonflieht. Dann werfe ich es noch lange weiter gegen die verschlossene Türe, bis ich erschöpft wieder aufs Bett zurückfalle.
Ich presse das Kissen an die Ohren, um den Widerhall dieses Lachens nicht von Wand zu Wand rollen zu hören. Aber es will nicht sterben. Herrgott im Himmel! Wenn diese gräßliche Stimme aus mir kommt, dann tritt mir den Atem aus! Wäre das Öllicht von der Krippe nicht erloschen, hätte es mit mir nicht so weit kommen können. Steck das Licht wieder an, damit ich mich wieder zurecht finde? Lieber Herrgott, steck es wiederum an!
Ein wenig lüpfe ich das Kissen vom Ohr und höre, wie in der plötzlichen Stille die Mettenglocken einen fernen ruhigen Gang gehen.
»Du wirst schon auch das Licht wieder anzünden, wenn du nicht willst, daß ich den Geiger hassen soll zu dieser heiligen Stunde. Amen.«
Während ich so bete, blicke ich voll Bangigkeit nach dem dunklen Winkel, wo das rote Glas ist. Ich schaue so stark und sehnsüchtig, daß es mir vor den Augen zittert. Erst flimmert und irrlichtert es wirr durcheinander, dann aber streben die Funken einem Punkte zu und sammeln sich. Es äfft mich das Fieber: im Winkel starrt ein einziges rotes Auge mitten aus der Stirne eines Tieres. Doch ein satanisches Tier kann inmitten geweihter Krippenleute nicht hocken, denn der Segen haftet am Holz und brennt das Teufelszeug hinweg. Es ist also das rote Auge wohl bloß der heilige Stern, der die drei Könige zum Kinde geleitet hat und jetzt in meiner Stube aufgeht, damit er mich erlöse aus meiner Not. Mehr und mehr hebt sich sein Schimmer an den Wänden empor. Meine Kammer ist wie ein Kelch, worin sich langsam ein heiliger Wein ergießt. Schon reicht sein Maß an meine Lippen, und ich stille meinen unendlichen Durst.
»Feurio! Feurio!« gellt es durch die Straße. Je mehr sich die Kammer mit dem roten Weine anfüllt, desto mehr wächst auch der Schrei. Ich reiße das Fenster aus den Angeln. Jenseits der Straße brennt das Haus des Seidel-Bauern loh.
Ich stürze hinaus, werde gefaßt und in eine Kette gepreßt, bekomme einen Eimer zu fassen, und wieder Eimer, und gebe sie weiter, immerzu von links nach rechts. Die Hände haben keine Zeit, aus dem Zwang dieser Kette auszubrechen. Von der wandernden Last werden meine Füße immer fester in den Boden gerammt. Ich bin in die Kette geschweißt, ein willenloses Glied. Nur wenn der Kopf von links nach rechts einem Eimer nachsieht, in den kleinen Augenblicken zwischen Reichen und Abnehmen, sehe ich den Brand und die Güsse aus den Eimern wie lächerliche Glaskugeln hineinspringen. Schrei, Befehle schwirren durcheinander.
Hinter mir sagt einer, dem alten Hamster geschehe recht. Das Blut, das er den armen Leuten ausgesogen, sei eben glühend geworden und habe das Dach angezündet.
Er möge nicht so saudumm daherreden, keucht mein Nachbar aus der Kette dagegen. Es stecke keine Teufelei dahinter, sondern der Seidel habe sich eben auf seine Art eine Christfreude machen wollen, sei auf den Dachboden gestiegen, um in den Reichtümern zu wühlen, und dabei sei das Unglück mit dem Licht geschehen.
»Die Strafe Gottes ist es«, schnauft der Ölmann-Schneider und reißt mir den Eimer aus den Händen. »Der Seidel hat mir die Bude ausgeleert und dem Nietsche-Klempner auch. Jetzt war der Mesner an der Reihe. Er werde die ganze Gemeinde auffressen, verschwor sich der Seidel. Eher ruhe er nicht, der Hund.«
»Warum hilfst du denn bei dem Löschen?« spöttelt ein anderer.
»Es ist wegen des Hausrates, Simon. Gehört er auch nicht mehr mir, trägt er doch noch etwas von meinen Urahnen her an sich. Das soll nicht verbrennen. Sakra, greif zu!« flucht er mich an. »Auch von dir brennt etwas mit!«
»Die Geige brennt!« brülle ich weidwund, aber ich darf nicht ins Haus, sie zu retten. Die Kette hält mich eisern.
Da schreit die Menge hundertstimmig, aus einem einzigen Mund. Die Kette zerbricht, die Eimer fallen aus den Händen. Auf dem Giebel ragt eine schwarze Gestalt empor. Auf dem einzigen Balken, der noch nicht glüht, mitten in den roten Flammen, steht der Seidel. Er hält zwei Säcke unter den Armen. Fast knickt er unter der Last zusammen. Rufe nach Decken für den Sprung. Aber es gibt keine Decken. Stroh herbei! Schichtet einen Haufen hoch! Aber bevor noch der Seidel springen kann, zündet es. Man schleppt eine Leiter herbei, aber sie reicht nicht zu. Da springt der Geiger vor, lehnt sich mit dem Rücken an die glühende Wand, hebt die Leiter mit schier unmenschlicher Gewalt und stellt sie sich auf die Brust. Und jetzt reicht die Leiter zu. Als der Seidel mit seinen schweren Säcken die Sprossen hinabkriecht, verzerrt sich des Geigers Gesicht. Er steht wie unter einem Marterholz. Aber er steht. Erst als der Seidel den Boden berührt, stürzt der Cäsar zusammen und hat Blut vor dem Munde.
Jetzt ist mein Tüchlein zu klein und kann das Blut nicht stillen. Jetzt bin ich auch zu schwach, den Geiger auf die Arme zu nehmen und heimzutragen. Und keiner steht mir bei. Denn in diesem Augenblick stürzt ein Geist als brennende Säule aus dem Haus und schwingt etwas Schwarzes hoch in der Hand wie einen Donnerkeil. Er brüllt des Cäsars Namen und schleudert die Keule bis vor meine Füße. Dann bricht er zusammen. In der verkohlten Leiche haben sie später nur mit Mühe den Trompeter-Wenz erkannt. Als der Cäsar schon lange in meiner Kammer auf meinem Bette lag, brachte man dann die Geige nach. Ich achtete ihrer nicht mehr.
Der Geiger lag regungslos vor mir. Nur manchmal rüttelte sich aus seiner Brust das Blut hervor, das sich innerlich aus den Wunden ergoß. Die ganze Nacht hindurch kämpfte ich mit nassen Tüchern gegen den Brand seiner Lungen, hatte acht auf seinen schweren Atem. Ich hielt seinen Kopf zwischen den Händen und bewachte mit den Fingern den Puls an seinen Schläfen. In dieser Stellung schlief ich gegen Morgen ein. Als ich über ein leises Stöhnen erwachte, lagen meine Lippen auf des Geigers Stirne.
Wir waren nicht mehr allein. In einem Winkel der Kammer, neben den Krippenleuten, hockte der Seidel-Bauer. Er hielt seine Säcke noch immer in den Armen. Seine Eulenaugen starrten durch das Fenster, in die schwarzen Rauchschwaden, die aus seinen Haustrümmern stiegen.
Mit den Frühglocken erwachte der Cäsar aus der Ohnmacht. Die Geige lag noch auf der Bettdecke, wie man sie ihm gestern hingelegt hatte, damit er sich daran erfreue. Aber er erschrak, als er sie erblickte, und sah immer von ihr weg zum Seidel-Bauern hin. So nahm ich sie denn und gab sie dem Seidel, der sie hastig an sich zog. »Gut, gut«, meckerte der Seidel.
»Gut so«, glaubte ich auch den Cäsar flüstern zu hören. Beruhigt schloß er die Augen.