Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Es ist schade, daß es uns Menschen nicht vergönnt ist, bereits einige Monde vor unserer leiblichen Geburt irgendwo, vielleicht als Falke auf einem Bergturm, auf der Welt zu sein und beobachten zu dürfen, wieviel Mühe sich die Erde geben und wie sie sogar Naturkräfte zusammennehmen muß, um alle diejenigen Vorbedingungen zu schaffen, aus deren Folge dann endlich ein kleines menschliches Körperlein hervorgehen darf. So zum Beispiel habe ich mein Dasein einem argen Gewitter zu verdanken, das in einem heißen Frühling über die königlich böhmische Kreisstadt Budweis niedergegangen ist. Dieses Gewitter hat die Wäscherin Andalusia Schima – gewöhnlich bloß Anda gerufen –, auf der Bleichwiese überrascht und sie gezwungen, sich in der Feldscheuer des Knappenbauern zu bergen. Dort ist sie wahrscheinlich dem Geiger Krauspenhaar gar unsanft auf den Bauch getreten, so daß der Geiger gotteslästerlich fluchend aus dem Schlafe fuhr, der ihn hier nach allzu spätem Heimweg von einem tollen Tanz plötzlich überrascht hatte.
Wie lange die beiden einander ob ihres gegenseitigen Schreckens beschimpften, konnte ich leider nie erfahren, obgleich es mich nach diesem Wissen sehr dürstete. Ich glaube nämlich, daß der Stand der Gestirne und Umstände in der Zeugungsstunde eines Menschen für die Gestaltung seiner künftigen Schicksale wichtiger sei, als die Konstellation bei seiner Geburt. Sicher ist aber, daß die Anda von diesem Augenblick an öfter mit dem Geiger gesehen wurde.
Der Mensch kann schließlich viel verschmerzen, besonders das, was er vor seiner Geburt versäumte. Das eine werde ich aber bis an mein Lebensende nicht verwinden, daß ich das Gesicht des Geigers Krauspenhaar nicht sehen durfte, das er bei der Nachricht aufsteckte, auf welche Weise und wie mächtig das Frühlingsgewitter in das Leben der Anda eingeschlagen habe. Über dies Gesicht hätte ich wohl hellerlaut auflachen müssen, und ich glaube, daß mein Gelächter nicht einmal vor dem Sorgenblick gekuscht hätte, mit dem die Anda von jetzt an in die Zukunft sah und von Schande sprach.
Es begrüßte mich die Welt also nicht besonders freundlich, und am wenigsten die, welche unaufhaltsam daran waren, meine Eltern zu werden. (Ich trage jedoch keine Wehmut und habe keinen Groll ihr gegenüber, die bloß ein schlichtes Waschweib war und mich ihre Schande geheißen hat. Von dem Kupferling, den die Anda allabendlich in der wundgewaschenen Hand nach Hause trug, hat sie Linnen und Federn gekauft und hat dann, als am zwölften Dezember ihre Stunde vorüber war, die Schande darein fein weich eingebettet, damit ihr ja nichts geschehe, hat sie vor niemand verheimlicht, sondern sie zu jeder Arbeit und in jedes Haus mit sich genommen. Sie schämte sich nicht einmal, wenn man es sah, daß sie diese Schande sogar herzte, sooft sie nur von Waschtrog loskonnte. Ich habe sie auch zeitlebens immer »Frau Mutter« genannt, wie es die Kinder der vornehmen Häuser damals zu tun pflegten.)
Meine Taufe muß ein rechtes Gaudium gewesen sein, und die Engel auf dem marmornen Taufbecken der Klosterkirche sowie die Heiligen an den Wänden, vom Chrysostomus bei der Kirchentüre angefangen bis zur Mutter Maria am Hochaltar, mögen gar fröhlich geschmunzelt haben, als die Frau Mutter auf die Frage des Paters, wie denn das Kind heißen solle, die Antwort schuldig blieb. Der Kirchendiener half schließlich aus der Verlegenheit, indem er das Kalendarium herbeiholte, mit einer Nadel hineinstach und den Namen ablas, auf dem die Nadelspitze just stecken geblieben war.
So wurde ich in die Matrikel eingetragen als Krispinus Schima, unehelicher Sohn der Andalusia Schima, Wäscherin allhier, und des Cäsar Krauspenhaar, Musikanten aus Meinetschlag, zur Stunde unbekannten Aufenthaltes. Zeugen: Wenzel Spielvogel, Kirchendiener allhier, und Josef Reutter, genannt Dudelsacker, Findling der Gemeinde Kaplitz. Unterschrift des taufenden Priesters: Adrian Schmidt.
Der Krauspenhaar soll zu dieser Zeit mit drei anderen Musikanten gerade auf einer Spielfahrt gewesen sein, so daß er von dem freudigen Ereignis nicht hatte verständigt werden können. Es ist aber auch möglich, daß sich der Cäsar vor der Schande auch bloß ein wenig gedrückt hatte. Er kümmerte sich ja auch in Hinkunft, nämlich während der ersten fünf Jahre meines Lebens, wenig um die Frau Mutter und mich, es sei denn, daß er einmal in gottheiliger Zeit durch einen seiner Kumpane einen Brotwecken oder ein Stück Wurst sandte. Heute weiß ich freilich, daß er um dieser Gaben willen rechtschaffen hungerte, und daß diese Geschenke gar oft nur deshalb ausblieben, weil der Bote selber ein Hungerleider war und sie auf dem Wege zu uns im eigenen Magen verschwinden ließ.
In diesen Jahren bekam ich den Geiger so selten zu Gesicht, daß ich ihn von einem aufs andere Mal längst wieder vergaß und immer erst durch einen Rippenstoß der Frau Mutter wieder daran erinnert werden mußte, den Fremdling als immerhin nahen Verwandten doch etwas freundlicher als andere Leute zu begrüßen.
Zwischen Waschfässern, Bottichen und dampfenden Kesseln, in dumpfigen Waschküchen und inmitten von bleichenden Wäschestücken auf sonnigen Wiesen gerät ein Junge bald stämmiger als anderswo. Und ein eigener Spürsinn wird wach, der den Stadtkindern abgeht, nämlich: an den Spitzen der Frauenhemden und -hosen, besonders aber an dem Zustand der Wäsche des Herrn Ehegemahls zu erkennen, wie groß die Butterschnitte sein würde, die neben dem Lohn der Frau Mutter noch für einen selbst abfallen dürfte. Da lernt man die Wahrheit des Sprichwortes, daß die Menschen so sind, wie ihre Wäsche, und man richtet sich danach und behandelt die Leute so, wie ihre Wäsche es verdient. Die Sachen der Oberamtmännin werden an die beste Sonne gelegt, und ihr Kater will gestreichelt sein, denn die Dicke der Butterschichte richtet sich nach der Behaglichkeit seines Schnurrens. Hingegen darfst du dem Kater der Kaufmannsfrau Kutsching unbeschadet eine Wäscheklammer an den Schwanz kneifen.
Wenn alles besorgt und eben frisch besprengt war, saß die Frau Mutter stets abseits von den anderen Wäscherinnen auf der Bleiche. Sie wußte, ohne daß es die anderen groß merkten, auch mich stets wieder in ihre Abgeschiedenheit zurückzulenken, wenn es mich allzunahe zu dem großen Kastanienbaum hingezogen hatte, wo ein Geschwätz und Geschnatter herrschte, als wäre ein Schwarm Stare in die Zweige eingefallen, oder als wären der Weiber Maulwerke ein Schock Mühlräder.
Die Wortführerin war dort die alte Zenzin. Sie stand im Rufe eines großen Reichtums, seitdem sie sich ihr fehlendes Gebiß durch das künstliche Kauwerk hatte ersetzen lassen, das ihr die reiche Bergstadteinnehmerin als Zeichen besonderer Huld vererbt hatte. Der Schneider aber, der es ihr in den Rachen einpaßte, muß sich dabei vermessen haben, denn beim Reden knaxte es der Zenzin nebenbei, als bisse sie auf Sand, und manchmal geschah es auch, daß in der erregtesten Rede der Oberkiefer an seinem Platz zu bleiben vergaß und mit dem unteren Genossen gleichzeitig nach abwärts fiel. Jedesmal, wenn unter dem Kastanienbaume das Kreischen der Zenzin für einige Augenblicke verstummte, wußten wir, daß es in ihrem Maule eine Verwirrung gebe, die erst mit dem Daumen wieder ins Gleichgewicht gebracht werden mußte, ehe die Zenzin wieder weiterlispeln konnte.
Dieses Kauwerk der Zenzin verhalf mir dazu, die Ehe meiner Eltern zu stiften.
Und das war so gekommen:
Ich war mittlerweile ein Bengel von bald sechs Jahren geworden und hatte bereits manchen Baum erklettert und manchen Zaun bezwungen. So war ich einmal heimlich vom Bleichplatze fortgeschlichen, durch ein Zaunloch in den Garten des Kürschners Lorenz gekrochen und hatte den Kirschbaum erklettert, der doch eben voll von Früchten hing. Kaum hatte ich die Mütze damit vollgestopft, begann mich der Hosenboden zu jucken. Das ist immer ein Zeichen, daß Gefahr in der Nähe sei, denn so ein richtiger Jungenhinterer ist feinfühliger als ein Wetterglas. Ich machte mich also schnellstens davon, kauend, schluckend und die Steine von mir speiend, daß es nur so schnalzte. Ritt mich der Teufel oder stach mich der Haber, ich kannte plötzlich keinen höheren Wunsch, als die Zenzin Kirschen essen zu sehen. So machte ich denn, wieder in der Nähe des Bleichplatzes angelangt, einen großen Bogen um die Frau Mutter, die da eben eifrig Linnen wendete und mich scheinbar noch nicht vermißt hatte, pirschte mich an die Zenzin heran, hielt vor ihr und machte einen Kratzefuß, wie ich ihn dem Herrn Aktuario Hammerschlag abgelugt hatte: Die Hand mit dem Hut vom Kopf ans Herz und dann mit gestrecktem Arm weit nach hintenhin, während das rechte Bein einen Halbkreis in den Sand zirkelt, zum Zeichen dessen, daß der devoteste Diener Ihrer Liebden dies eben abgegrenzte Königreich zu Füßen legen wolle. Da ich die Mütze nun nicht auf dem Schädel, sondern ausnahmsweise als Körbchen an der Brust trug, riß ich mir ein Haarbüschel aus dem Schopf und tat damit, wie der Herr Aktuarius mit dem Hute. Ob meiner Reverenz sah die Zenzin zunächst drein, als hätte sie in eine sauere Gurke gebissen, wußte aber nicht, ob sie den Brotladen zum Schimpfen aufsperren, oder die Lefzen lieber zu einem liebreizenden Lächeln von einem zum anderen Ohre spannen sollte. Mit diesem Zwiespalt im Gesicht kam sie mir ordentlich vornehm vor, fast wie die Frau Bürgermeisterin, wenn sie einen Gruß entgegennimmt. Da ich der Zenzin aber die Kirschen anbot, hing ihr der Mund bald wie ein freundlicher Neumond im Gesicht, und ich mußte scharf an mich halten, nicht ein weidliches Gelächter herauszubellen. Als die Zenzin aber erst die Kirschsteine auszuspeien begann, und dabei das künstliche Kauwerk den Steinen sogleich einen halben Fuß weit nachrutschte, so daß es die Zeugin jedesmal erst mit einem Schnalzer wieder hereinziehen mußte, wie man einen ausgerissenen Hund heranpfeift, da bog mich das Lachen zu einer Kugel und ließ mich erst wieder los, als mir die Zenzin mit erhobenen Kitteln ärschlings einen Tritt versetzte, so daß ich bis in die Arme der Frau Mutter kollerte. Dort kam ich gerade zur rechten Zeit an, um obendrein noch eine tüchtige Schelle mit den Ohren aufzufangen.
Durch die mühsam unterdrückten Tränen bemerkte ich aber ein kleines Lächeln in den Augen der Frau Mutter, und es war wieder wie ein Sonntag in mir. Auf die noch immer keifende Zenzin weisend, fragte ich, warum die Zenzin denn nicht ebenfalls lache.
»Ist nicht immer leicht«, antwortete die Frau Mutter und ging mit dem Sprengeimer zum Bach.
Es fiel mir ein, daß ich die Zenzin noch nie im Leben hatte lachen, sondern höchstens nur das Gesicht verzerren sehen, wie es meine alte Puppe mit dem Sägespähnekopf tut, wenn man in ihre Wangen kneift.
Auf einmal tat mir die Zenzin furchtbar leid. Ich wußte nicht, warum, aber es drängte mich, zu ihr hinzugehen und ihr die Hand zu geben. Nachher ließ ich es aber doch wieder bleiben.
Als die Sonne sank, luden wir die Wäsche in den Fässern auf den kleinen Wagen. Just zu dieser Zeit kam die Zenzin an unserem Platze vorbei. Sie hatte ein galliges Gesicht aufgesteckt und etwas in den Augen kauern, was mich ängstlich hinter die Kittel der Frau Mutter trieb.
»Wann wird endlich geheiratet, Fräulein Anda?« knarrte die Zenzin, und es schien, als rinne ihr dreckiger Honig von den Lefzen.
»Hat keine Not«, meinte die Frau Mutter und ergriff die Wagendeichsel.
»Es wär' aber Zeit, daß der Saubalg unter Manneszucht käme. Ein lediges Kind taugt nicht.«
Die Frau Mutter nahm mich so fest bei der Hand, daß ich am liebsten geschrien hätte. Aber ich tat keinen Mucks, denn ich fühlte, daß es jetzt auf mich ankomme. Auf dem Heimweg plauderte die Frau Mutter nicht wie sonst mit mir, sondern sie schwieg auf alle meine Fragen beharrlich. Ich bemühte mich, ihre Augen zu erlugen, es wollte mir aber nicht gelingen. Nur ihre Wangen sah ich, und die waren röter als sonst. Und diese Farbe war schön wie das Rot der Rose zwischen den weißen Fingern der Maria in der Kirche. Damals wurde ich auch zum ersten Male inne, daß die Mütter immer gehen, als ob sie just aus der Kirche kämen. Diese Entdeckung überraschte mich so, daß ich der Frau Mutter auf die Brust sah, ob ihr nicht auch das siebenfache Schwert darin stäke. So schön war sie mir und zum erstenmal so bewußt lieb. Der Abend war ganz fromm. Und der Weg, der mitten durch seine Sanftheit führte, war selbst wie ein sichtbar gewordenes Gebot zur Frömmigkeit. Ich fühlte, daß ich jetzt etwas sagen müsse, was das Schönste wäre, das ich wußte. Und ich sagte:
»Müde bin ich, geh zur Ruh,
Schließe meine Augen zu.
Vater, laß die Augen dein
Über meinem Bette sein.«
Denn ich wußte nichts anderes. Und obgleich es mir das Schönste schien, ist es doch wohl das Dümmste gewesen, was ich hatte sagen können, denn die Frau Mutter hat mir kurz Schweigen geboten und ist sich dabei mit der Hand über die Augen gefahren.
Nun war mit einem Schlage alle Sanftheit ringsum dahin. Fühlbar sank der Abend ein und scheuchte die Nebel auf. Der Weg war plötzlich voll von Steinen. Müde stolperten die Füße darüber hin, und etwas drückte in der Kehle, so daß es schier den Hals verwürgte. Ich selber fühlte mich schuldig an allem Unschönen ringsum und an der plötzlichen Trauer, weil ich nicht zur Zenzin gegangen war und ihr die Hand nicht gegeben hatte. War meine Schuld aber so groß, daß sie auch an der unschuldigen Frau Mutter so hart hatte gesühnt werden müssen? Hätte die Zenzin mir in diesem Augenblick noch einen zweiten Tritt geben wollen, wahrlich, ich hätte ihr gern noch einmal den Hintern dazu hingereckt. Bloß der Frau Mutter hätte sie mit ihrer Rede nicht wehtun müssen. Diese Ungerechtigkeit empörte mich und ich beschloß Rache.
»Wenn einem Großen etwas entfällt, muß ich mich da bücken und es ihm aufheben?«
»Freilich mußt du!«
»Der Zenzin heb' ich nichts auf, und wenn es selbst das kostbare Kauwerk wäre!« wütete ich und schüttelte die Faust.
Da nahm mich die Frau Mutter beim Ohr und drehte es zu einer Tulpe. Es schmerzte aber nicht, weil es die Frau Mutter wieder lächelnd tat.
»Auch der Zenzin wirst du zu Diensten sein, wenn es sich fügt!«
(O schweigt still, wenn ihr der Frau Mutter in die Augen blickt und ihr merkt, daß sie lächelt! Da wachen die Amseln aus den Träumen auf, die Gräser neigen sich, die Erde hält den Atem an, die Nacht wird blühend, und die Sterne sagen einander, was Wunders geschehen sei. Alsdann öffnet Gott seinen Mantel und entblößt sich die Brust, damit nach der Fahrt durch die festlich gebreiteten Welten das Lächeln an seinem Herzen ruhen könne und es wärme. Und habt ihr euch dieses Wunder erschwiegen, dann wird euch das andere offenbar, das Wunder des Tags: daß, wenn die Sonne über den Himmel zieht, der Gärtner über die Erde geht, und durch die Falten seines Kleides nur sein Herz herscheint, das von dem mütterlichen Lächeln voll ist.)
So gingen wir durch einen auf einmal neuerglühten Abend dahin, und um und um haben die Glocken gesungen.
Des Nachts ließ mich das Erbarmen um die Zenzin nicht ruhen. Als die Frau Mutter nachsah, ob ich schon schliefe, lag ich noch wach und fragte:
»Die Zenzin war nie ein Kind?«
»Warum denn?«
»Weil sie nicht lachen kann.« Plötzlich erschrak ich, und es erfaßte mich arge Not. »Aber Ihr, Frau Mutter? Ihr waret ein Kind!«
»Freilich!«
»Und Ihr werdet nie alt werden, gelt?«
»So lang ich dich hab', nicht.«
Darauf hatte ich einen ruhigen Schlaf und einen Traum: Ich sah die Frau Mutter in dem Bilde über dem Altar und sie hatte kein Schwert in der Brust. Und ihre Hand war gar nicht wund von der Arbeit, sondern schneeweiß, und die Knospe darin war ganz aufgegangen.
(Ich habe mich mein Lebtag um Pfaffenrede und Pfaffenweisheit nicht gekümmert, obgleich sich einer später redlich mühte, sie mir löffelweise einzugeben. Ich hatte vor ihrem Handwerk immer ein großes Unbehagen. Ich glaube, daß sich der Herrgott nur am Abend, wenn alle Welt aus- und inwendig still ist, zur Zwiesprache neigt und nur dem, wer mit ehrlichem Schweiß tagsüber ein Feld bestellt und sich einen Feierabend verdient hat. Aber dem Herrgott den ganzen Tag nachhetzen wie ein Jäger auf der Fährte eines Wildes und ihm Fallen stellen, auf daß man ihn endlich in dem armseligen menschlichen Hirn bezwänge und in dem Wort wie in einem Käsig gefangen nähme, um den so Erniedrigten darin herumzuzeigen und zu sagen: Sehet, wie groß er ist! – das erschien mir stets als Lasterwerk der Gottlosen. Denn wer Gott wahrhaft besitzt, braucht keine Beweise seines Daseins und kein vorgeschriebenes Gebet, wie er mit ihm zu reden habe. Denn Glaube ist Leben. Somit lebt er in Gott und weiß, daß Gott nicht aufs Maulwerk achten muß wie ein Taubstummer, um dich zu verstehen, sondern sein Ohr auf deinem Herzen liegen hat. Somit konnte ich nie glauben, was sich der Pfaff zu lehren mühte, und habe keinen anderen Gott gekannt als den, der fein helles Herz über den Weltgarten trägt, keine anderen Sittengebote, als die, zu sehen, daß sich dieser Herzglanz nicht trübe. Auch glaubte ich an keine Heiligen. Einzig nur die Mutter mit der Rose, die kannte ich wohl, besonders seit dieser Nacht. Und bis heute bin ich auch immer gut mit ihr gestanden.)
Nach diesem Traum konnte es nur einen schönen Morgen geben. Es durfte auch gar nicht anders sein! Und der Tag hielt sich nach dieser Regel.
Die Frau Mutter pflegte bereits um vier Uhr früh aufzustehen, Feuer im Herde anzumachen, um zugleich mit dem Frühbrot auch das Mittagessen zu bereiten. Die Scheite zu holen und in dem Herd zu schichten, war aber meine Sache. Während dann die Frau Mutter die Stube fegte, hielt ich auf dem Hof meinen Schädel unter das Brunnenrohr, rieb die Brust, bis sie brannte, und tanzte dann dampfend in der jungen Sonne, ließ mir von ihren Strahlen Bauch und Buckel kraulen und piepste lustvoll den jungen Spatzen unterm Strohdach entgegen. Dann schlüpfte ich in den Schuppen, meckerte wie die Ziege, die vor Zeiten einmal hier gehaust hatte, kroch in den leeren Gänsestall, um es der seligen Gevatterin nachzutun, die einst von meiner Großmutter hier gemästet worden war zu fetten Zeiten, als noch der Großvater manch einen guten Groschen damit verdiente, daß er mit Kugel und Spiraldraht in anderer Leute Essen herumstocherte.
Ich habe die Großeltern kaum gekannt und weiß mich ihrer Züge nicht mehr zu erinnern, denn sie hatten sich, kaum daß ich drei Jahre zählte, beide in der gleichen Woche hingelegt und hatten nicht mehr aufstehen wollen. So oft ich an den alten Kaminfeger dachte, tat es mir jedesmal ordentlich leid um ihn. Nicht aus irgend welchen gründigeren Gefühlen, sondern weil man von ihm sagte, wie er sich zu freuen verstand, wenn ihm die Knirpse auf der Straße nachsprangen, so daß die Hemdfahnen wie lustige Dackelschwänze aus den Hosenschlitzen wedelten, und wenn sie ihm ihr Sprüchlein nachschrien: »Rauchfangkehrer! – Hosenscheißer!« Der Nachfolger des Großvaters wollte sich hingegen dieses Grüßgott leider nie recht gefallen lassen.
Es müssen rechtschaffene und werktätige Leute gewesen sein, die beiden Alten. Von der Astgabel des Nußbaumes aus sah man erst so recht, was sie sich alles erwirtschaftet hatten: das Häuschen – es hatte zwar nur vier Fenster und umfaßte bloß zwei Stuben, dafür aber reckte es sein Strohdach so steil auf, daß der Nußbaum sich gewaltig mühen mußte, bis er endlich darüber hinwegsehen konnte; den angebauten Holzschuppen, den Hof mit dem Brunnen, das Gärtchen mit seinen Gemüsebeeten und das Kartoffelfeld jenseits des Zaunes. Als ich erfahren hatte, daß dies alles unser Eigen sei, fühlte ich mich glücklich und reich und, wenn ich auf dem Hochsitz des Baumes thronte, recht als König weit über dieses Fleckchen Erde hinaus, soweit das Auge nur geht: über die Felder, über die Stadt, unbegrenzt durch das Schlingband der Moldau über den Heiderwald hin bis zu den Bergen, die vor dem Bayerland lagern. Es war mir, als neige sich das alles vor meinem Winke.
Saß ich einmal auf dem Nußbaum oben, dann kroch ich nie früher wieder hinab, bevor nicht die Frau Mutter zum Frühbrot rief. Diesmal sollte ich freilich zeitiger hinunter, als ich es mir gewünscht hatte.
Ich war eben dabei, den Ferdinand zu locken. Ferdinand war kein Mensch, kein Kind. Die Kinder der Nachbarn waren zu alt für mich, und von denen, die weiter stadtwärts wohnten, wurde ich von der Frau Mutter ferngehalten, weil sie mich immer nur »den Bankert« hießen. Mir selbst gefiel dies Wort seines absonderlichen Klanges wegen zwar recht gut, die Frau Mutter mochte es freilich weniger gern leiden, zumal ich auf den Titel langsam stolz zu werden begann und ihn für meinen Familiennamen ausgab.
Es war vielleicht ein Zeichen der Sehnsucht nach dem versagten Umgang mit Kindern, wenn ich jede Ameise – Luise, jede Ziege – Kathi und jedes Kaninchen – Peppi nannte. Ferdinand hieß ein Fink, der im Nußbaum nistete. Ich muß sagen, daß die Tiere gar nicht so böse darüber waren, wenn ich ihnen menschliche Namen gab, obgleich sie deshalb sicherlich mehr Grund zum Grollen gehabt hatten, als etwa ein Mensch, der umgekehrt nach einem Rindvieh benamt wird.
Mein Fink ließ sich locken und stellte bei seinem Namen keine einzige Zornfieder auf. Er saß bereits ganz nahe an meiner Hand, schon um das Krümlein aus den Fingern zu picken, und sah mir zutraulich in die Augen, als ich wie ein balzender Schulmeister die Lippen spitzte und das Pink-pink flötete. Statt aber vollends zuzugreifen, flatterte der Ferdinand auf und davon, weil tief unter mir ein anderer unliebsamer Vogel hüpfte und mit der Spitze seines Stockes meinen Hosenboden erreichen wollte.
»Krutzi!« fluchte ich zornig und schrie, den Kerl dort unten erkennend: »Frau Mutter! Der Geigen-Cäsar ist wieder zu Land und hat mir just den Ferdinand verscheucht.«
»Du hast einen salzigen Willkomm für deinen Vater, muß ich sagen«, meinte der Geiger und ging ins Haus hinein. Die Frau Mutter holte mich dann schneller als eine Walnuß vom Baume herunter und zog mich in die Stube. Dort saß der Cäsar bereits auf der Bank, den geöffneten Schnappsack vor sich auf dem Tisch. Ich konnte aber, so sehr ich den Hals auch reckte, nicht eräugen, was er berge.
Die Frau Mutter ließ mich jedoch nicht lange raten. Ich bekam einen Stoß in die Seite und wußte auch, was das bedeutete. Ich ging also zum Geiger hin, fragte ihn jedoch zuerst, ob er die Wurst mitgebracht hätte oder etwa nicht.
»Ich komm nicht mit leeren Taschen«, knurrte der Geiger.
»Na, dann grüß dich auch Gott recht schon dafür«, schenkte ich ihm jetzt erst meine Gnade.
Die Wurst war so hart, daß die Kante der weichen Tischplatte eine Rille bekam, als ich mir daran ein Stück abschlagen wollte. So mußte denn der Cäsar ein Ende mit einem Feitel absägen. Während ich dann an der Wurst nagte wie ein Hund an einem Knochen meldete der Cäsar, daß er eine gar ergiebige Fahrt gehabt hatte, und daß der Beutel voll zum Platzen sei. Wir mögen nur sehen. Krachend flog die Geldkatze auf den Tisch und lag prallvoll da wie eine gemästete Sau, die sogleich notgeschlachtet werden wollte. Mitleidig stach ihr der Geiger das Messer in den Kugelbauch. Da quoll es nur so und überstürzte sich, als könnte es keines der runden Dinger erwarten, über den Tisch zu kollern. Da rollte es kupfern, klein und groß, hie und da aber auch silbrig und mit einer gar kichernden Stimme. Ich aber konnte nicht mitten in die Münzen langen, so sehr es mich auch danach verlangte, denn die Wurst hatte sich eben zwischen meinen Zähnen festgeklemmt, und das schmerzte höllisch. Als ich endlich wieder von der Wurst losgekommen war, hatte aber die Frau Mutter alle Münzen bereits in einen Strumpf getan und ließ zuletzt den Geiger noch gewaltig hineinspeien, damit die runden Dinger das Rollen vergäßen. Dann barg sie den Schatz eilends unter dem Strohsack.
Inzwischen schloß der Geiger seinen Bericht mit der Erklärung, daß den Bauern wegen der guten Ernteaussichten heuer der Groschen lockerer in den Hosen gesessen sei als in irgendeinem Jahr zuvor. Es sei auch so toll geheiratet worden, daß nun wohl ein fahrender Musikant ein wenig rasten könne.
»Was heißt das: Heiraten?« fragte ich noch mit vollem Mundwerk.
Der Geiger war bester Laune und vergaß gänzlich, daß ich noch ein junger Hase und hinter den Löffeln noch naß war. So scherzte er ohne Vorsicht:
»Heiraten? Das ist ein wenig Zauber, ehe ein Kind kommt.«
»Warum hat denn dann der Cäsar-Geiger nicht gezaubert, ehe ich gekommen bin?« fragte ich weiter. Dabei bemerkte ich nur so nebenbei, daß gerade in dem Augenblick, als ich diese Frage stellte, zwischen den Fingern der Frau Mutter ein Topf in Scherben ging. Ich begriff nicht, warum sich der Geiger plötzlich so zusammenduckte, als hätte er eins mit einem nassen Hader gefangen.
»Kusch dich, Spindel!«
Damals hatte ich es schon längst heraus, daß die großen Leute die Kinder immer dann kuschen lassen, wenn sie selber nicht mehr aus und ein wissen, oder wenn sie den Kindern etwas verheimlichen wollen. Diesmal steckte ich aber meinen Trotz auf und wollte just einmal wissen, wie es stand. Aber sogar beim Geiger kam ich damit grob an und gab mir deshalb die Antwort selber:
»Wenn der Geiger gezaubert hätte, wäre ich wohl kein Bankert geworden.«
»Es kommt auf etwas anderes an, als bloß auf diesen Zauber«, meinte der Cäsar noch immer geduckt und nach der Frau Mutter schielend. Dann aber reckte er sich vorsichtig empor, legte mit einem plötzlichen Entschlusse die Hand auf die Schulter der Frau Mutter und sagte groß: »Und darauf kommt es an, wie man es sonst noch hält. Es gibt dann ein Wunder auch ohne Hokuspokus.«
Die Frau Mutter wollte ihm etwas entgegnen, was gewiß kein Honig geworden wäre, wenn sie es hätte laut werden lassen, denn sie hatte das Haderngesicht aufgesetzt. Ich meine ein Gesicht, wie sie es machte, sobald sie mit dem nassen Hader zum Schlage ausholte. Der Cäsar aber fürchtete sich nicht davor, er machte nicht einmal einen Satz zur Seite, so daß er trotz seiner spindeldürren Gestalt in meinen Augen plötzlich wie ein Held erschien. Es stand ein eigentümliches Licht auf seinem Antlitz. Es wurde mir ordentlich warm davon, obgleich es mir nicht galt. Auch über das Gesicht der Frau Mutter ging plötzlich ein Leuchten hin, aber noch viel tiefer und klarer. Und sie gab dem Geiger die Hand, anstatt sie ihm hinter die Löffel zu balbieren, wie ich es erwartete.
Auch mich ließ diesmal die Frau Mutter meiner Frechheit wegen ungeschoren. Sie war vielmehr besonders sanft, als sie mich zur Tür hinausführte und mir im Hof ein Spiel anwies.
Mir stieg aber der Verdacht auf, daß dem Cäsar vielleicht doch noch nicht alles geschenkt wäre, und daß mich die Frau Mutter bloß entfernte, weil sie mit ihm unter vier Augen abrechnen wollte. Ich beneidete den Cäsar nicht um seine Lage und stahl mich immer wieder zum Fenster, um einmal in meinem Leben zu sehen, wie der Hader sich mit einem fremden Hintern verständigt. Ich konnte jedoch weder etwas eräugen noch erlauschen und so bemühte ich mich wieder um den Ferdinand. Gar bald wurde ich jedoch wieder in die Stube zurückgerufen, und die Frau Mutter trug mir auf, diesmal mit dem Vater zu Hause zu bleiben, während sie heute allein zur Arbeit gehen wolle. Das Mittagessen sei zubereitet und stehe warm. Die Frau Mutter würde heute abends früher zurück sein als sonst, da es ja bei Mischkes ohnehin nicht viel Wäsche gäbe, denn man trage dort aus Sparsamkeit ein Hemd zwei Wochen lang am Leibe.
Darüber, daß mich die Frau Mutter zu Hause lassen wollte, war ich zunächst unwillig und zog ein Fischmaul. Dann aber war es mir mit einem Male hell, was sie mit diesem Befehle bezwecken wollte. Sie konnte den Cäsar-Geiger wohl nicht an die Luft setzen und nicht gut vor ihm das Haus versperren, weil er ja schließlich doch auch mein Vater war. Andererseits durfte sie ihn auch nicht ganz ohne Aufsicht zurücklassen, denn von Musikanten spricht man vieles.
Ich war stolz auf dieses Vertrauen und auf diese Sendung. Die Frau Mutter sollte sich auf mich verlassen können und der Geiger nichts zu lachen haben. Ich wollte auf seine Finger sehen.
Sobald dann die Frau Mutter gegangen war, forderte ich den Cäsar auf, mit mir den Garten anzusehen. Draußen wollte mir seine Gegenwart weniger gefährlich erscheinen, als hier in der Stube.
Der Geiger aber mochte nicht. Er sei von der Fahrt noch zu müde, ich möge nur allein gehen. Er werde auf der Bank hier ein wenig schlafen.
»Wenn du wirklich nur auf der Bank liegen bleibst, ist es gut. Dann bleibe ich aber auch bei dir.«
Er war einverstanden, rückte sich alles zurecht und streckte sich aus. Ich setzte mich vor ihn hin und ließ ihn nicht aus den Augen.
Ringsum war alles still. Nur eine Fliege summte irgendwo in der Stube herum. Plötzlich umkreiste sie des Geigers Nase. Wahrscheinlich hielt sie den rötlichen Knopf für eine Tulpe. Der Cäsar schien schon zu schlafen, denn er verscheuchte ihre Zudringlichkeit nicht.
Plötzlich aber fragte er, ohne sich nach mir zu wenden, warum ich denn immerwährend in seinen Buckel hineinstarre.
Ich durfte meine Aufgabe nicht verraten und überlegte die Antwort. Schließlich fragte ich: »Sag einmal, wie oft hast du denn eigentlich schon gestohlen?«
Da fuhr er hoch, als hätte ihn die Fliege in den Rüssel gestochen.
»Was sagst du?«
»Ich will wissen, wie oft du schon gestohlen hast?«
»Ja, warum denn, du?«
»Weil es halt so Brauch ist bei den Musikanten. Sonst müßte man doch vor euch die Türen nicht versperren!«
Den Cäsar rüttelte das Lachen. Plötzlich aber wurde er ernst, legte sich auf die Bank zurück und kehrte sich von mir ab. Er schlief aber ganz gewiß nicht, denn sein Atem ging unruhig und ruckweise.
Unterdessen sann ich hin und her, was nun die Frau Mutter machen möge, und daß sie mit mir wohl zufrieden wäre, wenn sie sähe, wie gut ich sie verstanden hatte und wie aufmerksam ich nun den fremden Mann bewachte, so daß er vor mir liegen blieb und sich nicht zu rühren wagte.
»Ich glaub' es kaum, daß der da mein Vater ist«, dachte ich laut.
»Ich will's werden, Spindl!«
Oha! – Das klang gerade, wie wenn einer schluchzt.
»Wenn du schon mein Vater bist, brauchst du es nicht erst zu werden. Und die Frau Mutter hat gesagt, daß du es bist. Damit basta!«
Der Geiger regte sich nicht mehr, und ich überlegte, ob ich nicht gar zu klobig gegen ihn gewesen sei. Nach einer Weile hörte ich ihn noch etwas brummen, aber ich verstand keine Silbe.
Vielleicht aber fühlte ich seine Gedanken, denn es war mir gerade so, als taste eine unsichtbare Hand nach der meinigen. Vielleicht war auch bloß die Stimme des Blutes in mir erwacht und begann eine traurige Geschichte zu erzählen. Mir war so locker ums Herz, wie bei der Stelle aus Hansel und Gretel: »und die Kinder stunden im Wald und weinten, denn sie verlangten nach Hause und konnten doch den Weg nicht finden.« Dem Cäsar wieder mag es zumute gewesen sein wie dem Besenbinder, der seine Kinder allein im Walde wußte und sie nicht zurückholen konnte. Wir beide hatten es aber schwerer als die Märchenleute, denn wir konnten uns sehen und sogar miteinander sprechen, und waren doch soweit voneinander, daß einer den anderen nicht errufen konnte. Wir waren ratlos und wußten keinen Weg.
Erst viel später, als mir das erste eigene Kind um die Füße lief, ahnte ich vollends, wie es damals in dem Geiger ausgesehen haben mag. Dann wurde ich inne, daß er eigentlich vor mir bettelte, als er versprach: »Will dein Vater werden, Spindl!« Dann erkannte ich aber auch, daß in jener Stunde ein armer Geiger um die Lösung des gewaltigen Rätsels gekämpft hatte, das verschleiert über all denen steht, die sich um ihre Kinder mühen, sie erreichen wollen und doch nimmer erreichen können, je mehr sie um sie kämpfen.
Jetzt weiß ich:
Nicht streiten um deine Kinder mit der Gewalt eines Stromes, dem sie folgen müssen und der sie mit sich reißt. Halt ein damit, denn dieser Kampf ist müßig und ohne Sieg! Du darfst aber auch nicht ruhen bleiben oder dich abseits wenden, während deine Kinder aus dem Tal deiner Zeit dahintreiben in eine Zukunft hinter den Bergen. Jeder säumige Augenblick läßt dich soweit zurück, wie es den Cäsar-Geiger hinter mir zurückließ. Auch sollst du nicht glauben, es sei alles an einem guten Ende, wenn dir zu irgendeiner Stunde ein Kind geboren wird. Achte, daß dein Herz, ehe es zu spät ist, sich entsinne und dich lehre, dem, was dir lang schon geboren wurde, immer wieder aufs neue Vater zu werden. Dann stürzt sich dein alternder Fluß auf glückhaften Strecken in gleiche Bahnen mit dem jungen Bach, und in gleichem Schritte erreichst du mit ihm, Schulter an Schulter, den Rand des jenseitigen Tales. Freilich wirst du, da du verebbst, dieses Tal nicht durchschreiten, du wirst aber seinen Eingang mit deinen Blicken segnen können: für den Durchgang des Kindes. Und nur dann kann dir das Glück zuteil werden, daß der Abschiedsgruß deines Kindes dir den eigenen Abend überstrahlt als Gruß eines Freundes. Gott, gib mir einen solchen Abend, Amen!
Der Cäsar-Geiger hatte einen solchen Abend nicht haben dürfen, wie rechtschaffen er sich auch mühte, mir nachzuspringen, und auch ich hatte ihm einen solchen Abend nicht geben können, trotzdem ich mir den Hals verdrehte, den Geiger von meinem Floße aus zu erspähen. Mein Fahrzeug wäre eher zerschellt, als daß ich es hätte ankern können. Ich nannte ihn immer bloß den Cäsar-Geiger, wie ihn auch die anderen Leute stets zu nennen pflegten. Es war mir so immer mundgerecht. Und als mir endlich das Wort »Vater« herzgerecht werden wollte, war es damit schon zu spät.
Auch ich möchte gerne, daß mich einmal meine Kinder bloß den »Spindl« heißen, aber erst, bis sie sich werden an dem »Vater« sattgerufen haben, und bis wir miteinander, Schulter an Schulter, zu dem jenseitigen Tale werden gewandert sein. Und dann lebet wohl, gute Kameraden!
Ich anerkannte damals den Cäsar gleichsam bloß im Amte eines Vaters, weil er mir von der Frau Mutter darin vorgestellt worden war. Die Frau Mutter hatte mir einmal eine Holzpuppe gegeben und gesagt: »Hier hast du einen Paul!« Ich habe die Puppe darauf hin Paul genannt. Hätte sie mir den Schreiner-Thomas oder einen anderen vorgelegt und gesagt: »Hier hast du einen Vater!«, hätte ich den Schreiner-Thomas oder sonst irgendwen ebenso angenommen. – – –
Der Cäsar schnarchte wie die Frau Mutter, wenn sie beim Kaufmann Kneisl gewaschen hatte. Denn die Steinklöße, die es dort gab, gingen albdrücken.
Mit der Zeit wurde mir das sitzende Geschäft eines Schutzengels denn doch zu langweilig. Ich war überzeugt, daß die Frau Mutter den Geiger schon erjagen würde, falls er etwas Unrechtes ausführen sollte. Schließlich konnte ich ja auch die Haustüre im Auge behalten, während ich die Kohlweißlinge fing, die ich durch das Fenster über dem Kartoffelacker auf und nieder schweben sah, als spielten die Stauden mit ihren Blüten wie am Frühlingsmorgen auf dem Kirchplatz die Mädchen mit den Bällen.
Leise schlich ich mich davon und begab mich auf die Jagd. Bald hatte ich an zwei Dutzend Kohlweißlinge zur Strecke gebracht und in stattlichen Reihen auf dem Brunnenrande niedergelegt, als der Pater Adrian vorüberkam. Gerade flog ein besonders großer Weißling auf und lockte mich in des Paters Nähe. Auf den Anruf des geistlichen Herrn blieb ich zwar stehen, aber meine Blicke folgten dem Weißling, welcher in einem tollen Spiel unaufhörlich des Paters schwitzendes Haupt umkreiste.
»Nun?« mahnte der Pater, »kannst du nicht grüßen?«
»O ja«, gab ich zur Antwort. In diesem Augenblick ließ sich der Weißling mitten auf dem Bauch des Paters nieder. Das Jagdfieber siedete in meinen Schläfen. Wenn ich jetzt zuschlagen dürfte!
»Nun also!« ermunterte der Pater.
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, leierte mein Gelobt sei Jesus Christus! und hieb zu. Der Bauch dröhnte wie ein hohles Faß. Ich erschrak mächtig.
Der Pater aber lachte aus vollem Halse. »So dir einer auf die eine Seite schlägt, reich' ihm auch die andere, daß er dort desgleichen tue.« Er wies mir seinen Hintern und befahl: »Jetzt schlägst du hierher auch!«
Ich gehorchte, stellte jedoch mit Bedauern fest, daß es an dieser Stelle nicht so schön klingen wolle, wie bäuchlings.
Der Pater brauchte lange, bis er sich aus dem Lachen fand. Endlich fragte er, noch immer glucksend wie eine Henne, welche gleichzeitig vier Eier legt, ob es denn wahr sei, daß der Cäsar wieder ins Land gefunden hätte. Ich solle dem Geiger bestellen, daß ihn der Pater gleich morgen früh im Kloster zu sprechen wünsche.
»Ich kann ihm jetzt nichts ausrichten, denn er schläft gerade auf der Bank wie ein Toter.«
»Du kannst damit ja warten, bis er erwacht. Aber vergiß nicht darauf, sonst gebe ich dir die Schelle mit Zins vom Zinse wieder! Hörst du?«
Ich besah mir des Paters Hände, die wie gewaltige Fladen neben seiner Kutte auf- und abpendelten, und hatte keine Lust, die Hiebe für mich auf große Zinsen anwachsen zu lassen. Ich wußte zwar nicht, was Zinsen seien, ich hielt sie aber für ein höllisch brennendes Zeug. Deshalb lief ich lieber gleich in die Stube, rüttelte den Cäsar wie einen Hafersack und schrie meinen Auftrag mitten in seinen Schlaf hinein. Dann ging ich wieder zu meinen Weißlingen zurück.
Wie erstaunte ich aber, als ich vor den Weißlingen ein Mädel stehen sah. Es hatte ein weißes Hemdlein an und ein rotes Tuchröcklein mit einem Flicken an der Stelle, wo einem Kind selbst das gröbste Zeug nicht lange halten will. Ich pirschte mich von hinten heran und konnte deshalb das Antlitz des Mädchens nicht sehen. Dafür aber sah ich zwei braune Zöpfe steif nach rechts und links über die Schultern ragen, als wären sie auf Weidenruten geflochten. Ich wollte mich fest an diese Zöpfe hängen, falls nur ein einziger von meinen Weißlingen fehlte.
»Laß davon, du hast sie nicht gejagt«, knurrte ich und duckte mich zum Ansprung. Das Mädel aber regte sich nicht. Gebannt starrte es auf die zerrissenen Flügel und zerdrückten Brüste. Zum Schutz vor der vermeintlichen Begehrlichkeit deckte ich meinen Hut über die Schmetterlinge. Wie von einem Banne erlöst sah das Mädel aus. Seine Augen waren voll Wasser.
»Sie sind alle tot«, flüsterte es. »Die liebe Frau mit der Rose wird weinen, wenn die Sonnenvögel nicht mehr auf der Wiese tanzen und tot sind.«
Diese Worte gaben mir einen Stich durch die Brust, und mein Herz vergaß wohl zweimal auf seinen Schlag. Es war eine Ewigkeit von Angst und Qual, bis sich das Herz wieder ans Leben besann. In diesem Augenblicken erlitt ich zu soviel Malen den Tod, als ich ihn selbst den Weißlingen gegeben hatte. Auch an meiner Brust lag der Finger eines Riesen und drohte, sie zu zermalmen. Ich hielt meine mörderischen Hände weit vom Leibe. Sie erschienen mir blutig. Ich wäre dankbar gewesen, wenn sie mir jemand mit einem Schwerte abgeschlagen hätte. Mit dem ersten Atem, den ich mir mühsam wieder erkämpfte, bekannte ich mich zu der blutigen Tat. Ich fühlte, wie mich das Bekenntnis entsühnte und die Klammern von der Brust löste. Aber das Erbarmen mit den Schmetterlingen in den Augen des Mädels machte einem furchtbaren Abscheu vor mir Platz. Es schrie auf und lief, von Ekel gejagt, davon.
Erstarrt stand ich endlos. Ich wagte nicht, meine Hände anzusehen. Mir graute vor dem Blute, das an ihnen kleben mußte. Die Arme schmerzten bald, aber ich durfte sie doch nicht sinken lassen, um mich nicht noch mehr zu besudeln. Ich hatte nur eins im Sinne: Du bist elend, mußt jetzt so stehen bleiben, bis die Gerechten am jüngsten Tag an dir vorbeikommen und dich anspeien. Und wenn du glaubst, daß das, was du glucksen hörst, der Brunnen ist, dann irrst du. Es sind die Tränen, die aus den Augen der lieben Frau mit der Rose fließen, und die Rose ist ein zu kleiner Kelch, um sie alle zu fassen. Sie läuft über, und Bächlein rinnen von ihr zu Tal. Und das liebe Lächeln der Frau ist ertrunken, und du wirst es nie mehr leuchten sehen, Spindl. Und ich hörte es glucksen und glaubte, es komme vom Himmel her, und merkte nicht, daß ich selber im eigenen Schluchzen schier zerbrach.
Von der Straße her riefen zwei Männer, warum ich denn so heule wie ein Kettenhund in einer Vollmondnacht und ob ich mich etwa der Läuse im Pelz nicht erwehren könne. Ich aber glaubte, man hole mich bereits vor das Gericht. Die Angst davor zerschlug meine Erstarrung. Ich riß mich zur Flucht zusammen. Ich mußte mich retten vor der furchtbaren Strafe. Ich jagte vergebens um das Haus herum. Ich fand kein Versteck. Endlich stürzte ich in den Ziegenstall und verriegelte die Türe mit der letzten Kraft.
Ich preßte mich in einen Winkel und heulte in die Finsternis wie in einem Kerker. Aber wie sich die Augen an das Dunkel gewöhnten, so ließ auch allmählich das Weinen nach. Behutsam blickte ich um mich, erkannte beglückt den Ziegenstall als alten Bekannten und begann mich heimisch zu fühlen.
Mir gegenüber bewegte sich eine Kellerassel langsam an der Wand empor. Die körperliche Leistung des kleinen Tieres nahm meine ganze Aufmerksamkeit gefangen. Mit einem Schlage hatte ich meine Lage vergessen und beschäftigte mich nur mehr mit der Frage, ob es der Assel gelingen würde, den schwierigen Übergang von der Wand zur Decke zu nehmen. Schon kroch sie unentschlossen an dem Kantenstoß entlang. Plötzlich stürzte sie ab und schlug klatschend zu Boden. Nun lag sie vor mir auf dem gewölbten Rücken. Die Hilflosigkeit ihrer Beine reizte mich zum Lachen. Als ich mich an diesen vergeblichen Leibesübungen sattgesehen hatte, bot ich der Assel schließlich fein ritterlich einen Finger an, damit sie sich daran aufrichte. Als sie dann jedoch ohne Dank und Gruß davon strich, beschloß ich erbost, künftig gegen eine Assel nie mehr höflich zu sein. Es stank mir auch bald zu sehr in dem Loche. Zuerst meckerte ich ein paarmal, dann stieß ich die Stalltüre auf und sprang wie ein Geißlein ohne alle Sorge ins Freie.
Erst der Anblick des Hutes auf dem Brunnentrog stimmte mich wieder ernst. Ich schämte mich deshalb und nannte das Maidlein wegen seines Märchens eine saudumme Gans. Aber als ich mich schließlich doch ermannte und den Hut an der Krempe berührte, wollte mir plötzlich das Märchen doch nicht so ganz dumm erscheinen. Es wäre auch schade, wenn das Lächeln der lieben Frau nie mehr glänzen sollte. Für alle Fälle wollte ich doch lieber sehen, wie ich meine Tat durch das Opfer des Liebsten, was ich besaß, entsühnen könnte. Ich sann hin und her, was mir denn das Liebste wäre. Der Nußbaum ließ sich schlecht aus seiner Erde heben und wie eine Topfpflanze in die Kirche tragen. Mit dem alten Puppenkopf hätte die liebe Frau sicher nur wenig anzufangen gewußt. Aber die kleine Truhe aus rotem Leder, mit der glänzenden Blechschließe, wäre wohl das Richtige. Ich holte sie sogleich aus einem Winkel des Schupfens hervor, rieb sie an den Hosenbeinen von Staub und Spinnweben blank und leerte sie von den vielen Knöpfen, die ich einst hineingesammelt hatte. Ihr Inneres war arg zerschunden und beschmutzt, so daß mir die Wangen bei dem Gedanken, daß dahinein ein Blick der lieben Frau gehen solle, schamrot werden wollten. Ich rupfte Gras, das unansehnliche Innere auszufüllen, und streute Gänsblumen darüber. Jetzt sah das Trühlein bald wie ein Körbchen aus, das die Mädchen an Fronleichnam vor dem Herrn tragen.
Die Frau Mutter hatte einmal gesagt, daß auch die Blumen elend verkommen und sterben müssen, wenn man sie ausrupft und in den Staub wirft. Ich fragte mich jetzt, warum denn die liebe Frau nicht ebenso über den Tod der Blumen weine. Sie würde somit auch über die Sonnenvögel ihr Lächeln gehen lassen, wenn ich ihr diese inmitten der Blüten in dem Trühlein brächte.
Dieser neue, glückhafte Gedanke ließ keine Angst und Scheu mehr hochkommen, als ich den Hut nun endlich wirklich hob, um die Sonnenvögel in der Truhe zu versammeln. Da war aber bereits ein Wunder geschehen. Denn als ich den Hut nur ein wenig lüpfte, flatterte einer der toten Schmetterlinge neubelebt darunter hervor. Dieses Wunder nahm ich als Zeichen dafür, daß mein geplantes Sühnwerk das rechte sei. Voll Seligkeit lief ich auf die Straße und rief durch die getrichterten Hände über alle unbekannten Fernen dem längst entschwundenen Maidlein nach:
»Sie schlafen ja nur!«
Im Herzen flatterte das Glück, und die Brust war so weit, wie sie der Lerche sein muß, wenn sie hoch oben schwingt und den Himmel austrinken will. Und wie dann die Lerche voll Trunkenheit zur Erde niederstößt, stürzte ich zu meinen Weißlingen zurück, tat sie in das Trühlein und lief mit wehenden Haaren und fliegenden Lungen davon, nichts achtend, nichts sehend, immer nur davon, über die Landstraße, quer über ein Feld, mitten in die Stadthäuser hinein, durch die Leute hindurch und durch den Klang der Glocken, die da gerade vom Kloster her entgegenkamen. In der Kirchentüre mußte ich erst lange warten, bis sich die Brust bändigte und ich eintreten konnte.
Die Kirche war menschenleer und voll Ruhe. Nur die gedämpften Glocken begleiteten mich, als ich auf den Zehenspitzen zum Altare hinschlich. Je näher ich dem Bilde aber kam, desto tiefer sank mein Mut. Ich wagte nicht mehr, die Augen aufzuheben. Es hätte doch sein können, daß die liebe Frau über mich weinte. Und das zu sehen, hätte ich nicht ertragen. Mit einem Male schien das Trühlein wie mit Steinen gefüllt, und die Knie wankten unter der Last, als ich die Altarstufen erstieg.
»Mach's leicht!« bat ich. »Will dir ja nur mein schönes rotes Trühlein schenken.« Aber die Not wuchs ins Übermaß, als ich dort stand, wo sonst nur der Mann im goldenen Kleide stehen darf. Ich hatte plötzlich eine ähnliche Angst, wie sie mich sonst nur auf den Apfelbäumen in fremden Gärten befiel. Wenngleich ich aber dort zu stehlen pflegte, hierher aber doch um zu geben gekommen war, juckte mich hier an dem Altar der Hosenboden ebenfalls und ärger als dort auf den Ästen. Zitternd schob ich das Trühlein auf das weiße Tuch des Tisches und stieß unter Tränen, wenngleich schon mehr gekränkt als bittend, hervor:
»Da hast du! Aber wein' nur nicht!«
Dann lief ich flugs zur Kirche hinaus, hielt aber auf der anderen Seite der Straße, gegenüber dem Eingange, an und ließ das Tor nicht aus dem Auge. Ich glaubte, es müßten mir die Sonnenvögel bald neubelebt nachgeflogen kommen. Aber ich wartete lang und vergeblich. Wahrscheinlich hatte ich die Weißlinge allzu gründlich in den Schlaf gedrückt, so daß es selbst der wunderreichen Frau zu viel Mühe machte, sie wieder aufzuwecken. Statt der Sonnenvögel schlürfte bloß ein altes Weiblein aus dem Tor, und da ich nicht mehr so lange warten wollte, bis die liebe Frau ihr Wunder endlich doch noch zustande brächte, fragte ich, ob denn die auf dem Bilde schon wieder lächle oder nicht. Das Weiblein sah lustig darein und kicherte ein verschmitztes Ja. So durfte ich denn befriedigt weitergehen.
Ich hatte die Hände in den Hosentaschen, trat das Pflaster mit festen Füßen und warf die Augen stramm rechts- und linkshin wie der Hauptmann von der Bürgerwehr. Als ich mich auf der Landstraße des dummen Maidleins wieder erinnerte, spie ich verachtungsvoll von mir.
Drei Tage lang hatten die Sonnenvögel vor mir Frieden, dann aber war ich wieder hinter ihnen her, und toller als ehedem. Ich hatte ihrer oft schockweise zwischen den Fingern, erdrücken konnte ich sie aber seit diesem Tage nicht mehr. Ich sammelte sie bloß unter meinen Hut, und sobald ihrer so viele waren, daß sich schier kein Platz für einen nächsten mehr finden ließ, streute ich sie hoch in den Himmel hinein als weiße wirbelnde Wolke.
Hätte mir einer gesagt, ich ließe die Sonnenvögel von nun an bloß deshalb leben, weil ich mich vor dem Bilde in der Klosterkirche fürchte, dann hätte ich wohl einen Lacher aufgesteckt und gefragt, ob ich denn so saudumm aussehe, als könnte ich an ein solches lügnerisches Märchenzeug glauben. Ich wisse sehr gut, daß die Frau auf dem Bilde bloß gemalt sei und immer lächeln müsse, ob sie nun wolle oder nicht.
Es war aber recht gut, daß nie jemand so zu mir sprach. Bei der Antwort, die ich darauf hätte geben müssen, um meinen ganzen Jungenstolz zu bewahren, hätte tief innen in mir etwas geweint wie ein Kindlein, dem man etwas sehr Liebes nimmt. Denn dann wäre mir in Wahrheit das Lächeln der lieben Frau gestorben, nicht das auf dem Bilde und keins im Himmel, sondern das Lächeln in mir selbst, das mich fürder auf allen Wegen und durch alle Lande geleitete, die Tage überscheinend und die Nächte als milder Abendstern mit warmem Lichte erfüllend. Und hatte mich später einer einmal so weit, daß ich ihm Rede stehen sollte auf die Frage, ob ich denn an Wunder glaubte, dann wußte ich noch jedesmal rechtzeitig mit einem Sätzlein zur Seite auszuweichen. Wer dieses Ausweichen als ein bejahendes Geständnis deutete, nannte mich gar oft im stillen oder laut ein Kind und kehrte sich mitleidig von mir. Auf diese Weise verscherzte ich zwar die Freundschaft manch eines Biedermannes. Dafür war ich aber zeitlebens euch verbunden, euch Kindern: Brüderlein auf der Landstraße mit den Rotznasen, die ihr euch eher von mir mit Stroh, Gras oder Heu scheuern, als von euren Eltern mit weichen Tüchern abtupfen ließet; Schwesterlein in Hütte oder Haus, mit den kleinen Stimmchen, die wie silberne Glöcklein zu meiner Geige läuteten! Vielleicht war ich euch um so inniger nah und vielleicht bin ich euch deshalb so treu geblieben, weil ich erst so spät zu euch hindurfte. Und weil ihr meine Hände nie von der Geige fortließet, nahm euch dafür mein Herz in die Arme und gab euch nie mehr frei.
Ich habe ein wunderliches Herz. Es ist ein guter Schrein, den des Herrgotts Finger unaufhörlich vernagelt, damit er nicht zerfalle. Darinnen sind neunundneunzig Bäumlein aufgestellt, ein jedes mit neunundneunzig Ästen. Und auf diesen Ästen sitzen eure Seelen, die ich mir aufbewahrte. Und alle habt ihr die runden Augen, die von dem vielen Schauen in lauter Wunder groß und klar sind.
Ob ihr heute noch dieselben Augen habt? Ich glaube daran. Euch selbst will ich aber nicht wiedersehen, damit mir dieses Glaubensbild nicht zerstört werde. Denn ein einziges Mal bin ich einem aus euch wiederbegegnet. Aber vom vielen Wissen hat es erblindete Augen gehabt mit roten Rändern von den ungeweinten Tränen. Es war wohl in gar manchen Nächten vor seinem toten Wunderglauben auf den Knien gelegen und hatte sich die Hände zerrungen im vergeblichen Gebet, der Glaube möge wieder lebendig in ihm auferstehen. Vor diesem wehen Wiedersehen versuchte ich mich damals in meinen Seelchenschrein zu flüchten. Sonst ist unaufhörlich Sonne darin. Jetzt aber war sie untergegangen, die Bäumchen waren von einer nächtlichen Trauer verhüllt, und nur die Augen leuchteten noch wie Sterne aus dem dunklen Sammet der Äste, alle in ruhigem Lichte. Zwei Sterne aber flackerten in Not, wankten und fielen in einer langen Bahn, verloschen und zerstürzten. Es hat damals in dem Seelchenschrein lange nicht mehr tagen wollen.
Und du, Maidlein mit den braunen Zöpfen, bist mir nicht gram, daß ich dich wegen deines Märchens ein dummes Gänslein geheißen. Ich tat zwar damals, als ob ich die Weisheit plötzlich löffelweise geschluckt hätte und hoch über dir, abseits vom Wunder, stünde. Innerlich aber hielt ich mich doch an dich und wäre später sogar glücklich gewesen, wenn ich Arm in Arm mit diesem Gänslein hätte durchs Leben ziehen dürfen. Es ist freilich anders gekommen: Du bist mir, zum Weibe erwachsen, verlorengegangen. Aber dein damaliges Seelchen ist noch immer bei mir. Ich habe mir später ein anderes Gänslein von der Weide gefangen und glaube, daß es sich mit ihm auch nicht gerade schlecht fahren läßt, zumal es nicht gram darüber ist, daß ich deiner noch immer gedenke.
Damals war ich nach Hause gegangen, wie ein Hahn in seinen Stall stolziert, und hatte eine Miene aufgesteckt, als ob mir bereits alle Dinge bekannt seien, und mich nichts mehr erstaunen könne, weil alles bloß nach Bedingung und natürlicher Regel vor sich geht, und weil über den Sternen keine Träne über ein geschlachtetes Kalb rinnt, geschweige denn über einen erquetschten Sonnenvogel, und weil auch auf Erden niemand danach kräht, wenn nicht ich selber.
Als ich durch unser Gartentor trat, bemerkte ich rückblickend erst, daß mir auf dem ganzen Wege keine einzige Menschenseele begegnet war. Vor wem hatte ich mich also groß aufgepludert und mächtig gemacht? Ich hatte mit allem Getue wohl nur mir selbst etwas voragieren wollen und einen Helden gemimt, weil ich entgegen aller verstandesmäßigen Erkenntnis im Innersten dem verleugneten Wunderlande doch nicht entreift war. Und wenn das Hirn auch schwatzte, ich hätte mich um einer bloßen Fabel willen erhitzt und ich müßte das nächste Mal gescheiter sein, wußte doch das Herz dagegen: Der Spindl ist froh, daß die liebe Frau wieder zu ihrem Lächeln gefunden hat, und er wird, wenn er sie wieder einmal gekränkt weiß, abermals zu ihr hinrennen, und sollte er dabei ganze Tränkeimer vollschwitzen.
Hinter dem Hause griff ich heimlich nach meinen Ohren. Ich glaubte, daß sie in der letzten halben Stunde ein ganzes Stück emporgewachsen wären.
Sooft ich später im Leben Menschen antraf, vor deren Wissen bereits die ganze Welt ihre Märchensprache verloren hatte, glaubte ich sie immer hinter einer solchen Hausecke stehen zu sehen. Bloß daß sie nie nach ihren Ohren zu greifen wagten, um deren Wachstum nicht zu merken und es sich nicht eingestehen zu müssen. Dann mußte ich immer über die Hilflosigkeit ihrer armen Hände lachen, die den Weg zu den Ohrenspitzen deutlich finden wollten, ihn aber nicht gehen durften. Andererseits taten mir die Leute leid, daß sie ihren Händen diesen Wunsch versagten, denn gerade das Betasten seiner Ohren hätte manch einem traurigen Kauz ein freundlicheres Dasein vermittelt.
Es mußte, als ich dann endlich die Stube betrat, schon weit hinter Mittag gewesen sein, denn die Sonne wollte bereits durch das Fenster an der Abendseite hereinkriechen, und mein Magen knurrte ärger, als der Cäsar auf seiner Bank zu schnarchen vermochte.
Der Geiger lag noch genau so da, wie ich ihn verlassen hatte. Er schien sich im Schlafe nicht einmal geregt zu haben. Trotzdem sah ich nach, ob die Bettstatt der Frau Mutter unberührt geblieben sei, und der Geldstrumpf im Strohsack inzwischen nicht etwa zu einem Beine gefunden habe. Dann machte ich mir beim Herd zu schaffen, nahm die Töpfe mit den Speisen heraus, setzte mich, um den Geiger nicht zu stören, auf den Fußboden und begann mit dem Essen. Eine Wespe ließ sich auf den Rand des Suppentopfes nieder. Ich mußte sie am Hinterteilchen kitzeln, um ungefährdet in den Topf fahren zu können. Kaum hatte ich einen Schluck getan, saß die Wespe wiederum auf dem anderen Topf, das Köpfchen unsichtbar in die Tiefe tauchend, während sie das Hinterteilchen wie zu einer neuen Aufforderung über den Rand emporragen ließ. Ich folgte der Aufforderung, kitzelte das Stietzlein abermals und fuhr, weil ich nun schon einmal in der Nähe war, mit der Gabel gleich vollends bis zu den Klößen nach. Auf diese Weise neckte ich die Wespe einmal links, einmal rechts, bis mir vor lauter Neckerei der Bauch zum Bersten voll war. Es schien mir zwar ein wenig bedenklich, als ich in dem einen Topf nur mehr eine schwache Neige Suppe, in dem anderen zwei kleine Klöße sah, die sich in ihrer Einsamkeit sichtlich grämten.
Prüfend sah ich nach dem Cäsar hinüber. Aber er sah mit einem Male gar nicht mehr so mager wie sonst aus. Deshalb machte ich mir über die Leere in den Töpfen keine weiteren Sorgen, füllte den Suppentopf beim Brunnen mit Wasser nach, rührte ein paarmal mit der Hand die Mischung um und stellte sie mit den traurigen Klößen wieder in den Herd.
Befriedigt lag ich dann unter dem Nußbaum und sah den Wolken zu. Wie lautlose Kähne zogen sie von fernher über mich hin und weiter durch ein unendliches, blaues Meer. Auf der höchsten und glänzendsten Wolke stand der Spindl, befehligte die Flotte als Herr und steuerte nach den Sternen in rechter Bahn. Plötzlich reckte sich eine Klippe jäh aus dem Meer empor. Unaufhaltsam hielt der Kahn darauf zu. Ich schrie und riß an dem Steuer. Ein furchtbarer Stoß warf mich von Bord. Ich stürzte in unendliche Tiefen, einer Felsnadel entgegen, die turmhoch aus dem Abgrund starrte. Es gab keine andere Rettung, als mich an dieser Nadel zu erfangen, um nicht in der Tiefe zu zerschellen. Verzweifelt griff ich zu und hing an einem Bein des Geigers. Unbarmherzig bohrte sein Fuß in meiner Flanke. Ich wälzte mich davon und wollte eben wieder einschlafen, als ich den Geiger wie aus weiter Ferne nach dem Essen fragen hörte. Ich sagte, wo es stehe, und daß er sich ja schließlich ein Stück von seiner Wurst abschneiden dürfe, falls er nicht satt werden sollte. Dann träumte mir, der Geiger hätte die ganze Wurst aufgefressen, und ich sei deshalb sehr gallig auf ihn gewesen.
Erst bei Sonnenuntergang erwachte ich. Ich schlich zum Fenster und sah nach, ob die Frau Mutter schon zu Hause sei, und was der Geiger treibe. Ich traute meinen Augen kaum; denn ich erblickte ein seltsames Bild: Beide saßen, mit dem Rücken dem Fenster zugekehrt, auf der Bank und hatten die Arme einander um die Schultern gelegt.
Sieh einer an! dachte ich bei mir. Sooft wir auf unseren Wegen einem so verschlungenen Paare begegneten, konnte mich die Frau Mutter nie schnell genug vorüberziehen. Nur ein lockeres Pack betrage sich so. Und jetzt tut es die Frau Mutter genau so. Sie ist eben auch eine Feine!
Im gleichen Augenblick aber wurde mir klar, daß an dem sittlichen Verfall meiner Frau Mutter nur der Cäsar-Geiger schuld sein könne, und es ergriff mich eine unbeschreibliche Wut. Ich suchte nach einem Wort, das den Geiger tief verletzen und das ich ihm wie einen Blitzstrahl entgegenschleudern könnte. Ich erinnerte mich der giftigen Worte der Zenzin, und sie schienen mir gerade geeignet, die Frau Mutter von diesem Verführer und Lumpen zu befreien. Wütend riß ich die Türe auf. Mit großen Schritten und mit in die Hüften gestemmten Fäusten trat ich den beiden entgegen. Aber sie saßen jetzt wieder sittsam nebeneinander und hatten die Hände artig vor sich auf dem Tisch liegen, als wäre nichts geschehen. Ich ließ mich jedoch nicht täuschen und von meinem Rettungswerk nicht abhalten. Ich konnte mein strafendes Wort dem Geiger ja auf Vorrat und für die Zukunft hineinsagen und legte also los, auf den Cäsar genau so mit dem Finger weisend, wie es vormals die Zenzin nach mir getan hatte:
»Es ist Zeit, daß der da unter Zucht kommt. Ein lediges Kind taugt nichts!«
Meine Worte wirkten aber anders, als ich es erwartete. Anstatt daß sich der Cäsar vor diesen Worten, so wie ich damals, hinter die Kittel der Frau Mutter verduckte, sprang er empor und lachte sich den Ranzen voll.
»Recht hast du, und heiraten werden wir! Alle drei!«
Es gab damals noch einen langen Abend. Die Frau Mutter hatte mit dem Geiger viel zu besprechen, während ich in einem Winkel kauern und nach Herzenslust an der Wurst nagen durfte, ohne daß mir der Hunger nachgemessen wurde. Endlich erhob sich der Geiger und ergriff seinen Hut. Verwundert fragte ich, warum er denn heute nicht wie sonst immer oben unter dem Dache schlafe.
»Unter ein und demselben Dach schläft man mit einem ledigen Mensch, aber nicht mit einer Braut«, gab er zur Antwort und ging.
Am Schlusse meines Abendgebetes dankte ich dem Herrgott dafür, daß er der Zenzin ein künstliches Kauwerk hatte wachsen lassen, und dann träumte ich von meiner Hochzeit.
Am nächsten Morgen, als ich die Augen aufschlug, war der Geiger bei mir. Die Frau Mutter war nicht mehr in der Stube, und ihr Bett war bereits gedeckt. Auch loderte schon das Feuer unter der Herdplatte, und so gab es für mich keine Morgenarbeit mehr.
Ich stellte mich wieder schlafend, denn es wollte mir gar nicht einleuchten, daß ich meinen ersten Gruß an den Geiger und nicht an die Frau Mutter vergeben sollte. Durch die verkniffenen Lider hatte ich aber eine scharfe Acht auf den Cäsar, denn er trieb ein verdächtiges Spiel. Er wandte und drehte sich einmal rechts-, einmal linkshin, besah sich das Loch, wo sonst einem rechtgebauten Menschen der Bauch zu sitzen pflegt, dann leierte er sich nach seinem Bürzel herum und lief ihm nach wie ein Hund seinem grimmenden Schweif. Es sah aus, als hätte Sankt Veit den Geiger befallen, und ich wollte bereits die Frau Mutter zu Hilfe rufen. Rechtzeitig aber bemerkte ich noch, daß der Geiger bloß nach den Strohhalmen jagte, die etwa von der Nacht her noch an Hosen oder Rock haften geblieben waren. Dann zog er seinen Schnupfen aus der Nase in den Mund, daß es klang, als rassele eine Kette aus einem Brunnen hoch, schluckte glucksend, wobei sich der Adamsapfel auf dem dürren Halse jählings hob, um sich nur langsam wieder zu senken. Es sah aus, als würge sich ein Frosch mühsam durch einen Gänsehals hinab. Ich war neugierig, ob mein Adamsapfel ebenso drollig turnen könne, legte die Hand auf meinen Hals und versuchte es wie der Geiger.
»Bist du wach?«
Ich aber gab keinen Gruß, sondern ermahnte: »Hätte es die Frau Mutter gehört, wie du den Schnupfen ziehst, hätte sie dich bei schönem Wetter einen Schweinigel geheißen.«
»Und was täte sie, wenn es regnete?«
»Dann lässest du es lieber bleiben, rate ich dir!«
In diesem Augenblick trat die Frau Mutter in die Stube. Der Geiger verschluckte die Antwort, spie sich in die Hand und glättete vor dem Fenster das Haar. Auch ich bekam es plötzlich mit der Eile zu tun und sprang aus dem Bett. Dabei hatte ich das unbeschreibliche Gefühl, den Geiger nunmehr wegen seiner Unart fest in die Hand bekommen zu haben.
Ein ganz winziges Schrittlein waren wir – der Geiger und ich – in diesem Augenblick einander näher gekommen, wenn es auch bloß ein Mückenschrittlein auf einem jahreweiten Wege war. Später taten wir wohl noch ein oder das andere Mal ein solches Schrittlein. Dazwischen aber gab es lange Zeiten, wo große Stücke des Weges unmerklich wieder versanken in stumm sich öffnenden Klüften.
Daß wir anfänglich einander fern standen, war nicht meine Schuld, aber auch nicht die des Geigers. Denn als er abseits von uns blieb, gehorchte er nur dem unbeugsamen Gebot seines Lebens und folgte nur eben demselben trotzigen Winke, als er sich eines Tages endlich wieder zu uns fand. Schicksal war, daß dann die Stimme des Blutes, der Ruf zueinander, in uns beiden lauter sein mußte als in anderen Kindern und Vätern. Schuldig wurden wir aber erst dadurch, daß wir diese Stimmen ins Bewußtsein zwangen, mit dem Verstande in ein Gebot drängten und dann mit dem Wort das Leben dieser Stimme langsam erwürgten. Denn, sagst du auf dem Gipfel einer Freude: »Ich freue mich«, dann bist du bereits in diesem Wort aus der Höhe der Beglückung in das Tal der Freudlosigkeit abgestürzt; weißt du von deiner Schönheit, so zerpflückst du mit diesem Wissen eine Knospe zu welkenden Blättern; und sagst du, daß du liebst, dann stoßest du der Liebe einen Dolch mitten ins Herz. Worte sind Hände. Und wie du das Leben nicht mit den Händen greifen kannst, fassest du auch mit dem Wort nur Totes, was da heißt: daß du mit dem Herzen töten mußt, bevor du greifen kannst mit Wort oder Hand. Somit ist es Mord an noch Ungeborenem, wenn du befiehlst: Geh hin und lieb'! Diese Liebe wird nie aufblühn, denn sie ist gestorben, bevor sie wird, weil du sie weißt, indem du sie willst oder sollst. Und wenn dir, der du die Liebe zu Vater oder Mutter noch nicht haben kannst, einer befiehlt: Ehre Vater und Mutter!, so tötet er alle Keime. Und wenn er dich sogar anweist, die Eltern zu lieben, auf daß es dir wohlergehe auf Erden, so will er dich verleiten, gegen einen irdischen Lohn eine Komödie zu spielen. Denn wie wenig sich das Herz befehlen läßt, ebensowenig ist es käuflich durch Geld oder Gut. Und wenn schon ein Gebot sein muß, so halte dieses auf deiner Stirne: Lebe dich selbst und lebe dich gut! Erlebe dein Herz! Dann bist du auch voll Güte inmitten der Welt, denn dein eigenes Herz wohnt auch in der Brust des anderen.
Mein Ganskiel kreischt auf und spritzt schwarzen Unrat mitten auf die schönen Gesetze meiner Erkenntnis. Und der Ganskiel tut recht damit; denn wozu nützt diese Weisheit anders, als zu dem Geständnis, daß wir, der Geiger und ich, nicht nach dieser Erkenntnis gelebt haben. Es bringt also nur Bitternis und Weh. Die Frau Mutter stieß mich mit dem Ellenbogen zum Geiger hin und legte damit doch nur eine Schale um die andere um den Keim der Liebe. Auch der Geiger versuchte, mit Hand und Wort danach zu langen, und zerschrie und zerrang dadurch nur, was er ersehnte. Wir hätten zuerst Brüder sein müssen, toter Geiger, und hätten noch so manchen Schnupfen gemeinsam durch die Nase in den Rachen ziehen sollen, bevor du es wollen durftest, nicht bloß leiblich mein Vater zu sein! Du hättest mich leichter erschnüffelt als erjagt oder erkämpft.
Aber hat denn all dies überhaupt sein müssen?
O Gott! O mein Gott!
Der Kiel verspritzt eine wässerige Tinte. Und der Kiel selbst, scheint mir, ist von keiner Gans, sondern aus dem Steiß einer Sau gezogen, welcher von einem witzigen Wunder an Stelle des Leierschwanzes ein Federbusch aufgepflanzt worden war.
Ich muß eine andere Feder suchen!
Der Pater Adrian hatte den Cäsar zuerst im Beichtstuhl und danach in seiner Klosterzelle gewaltig in der Arbeit, und der Teufel, den er ihm austrieb, muß ein besonders harter gewesen sein. Denn als der Geiger abends endlich heimkehrte, sah er gänzlich gebrochen aus. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, und ein jeder Gegenstand mußte ihm eine Stütze abgeben. Sicherlich hatte er während der Beschwörung eiserne Rosenkranzketten an der Nase getragen, denn sein Rüssel war feuerrot und hoch angeschwollen. Aus seinem Maul stank es so arg, daß ich glaubte, der Teufel müsse ihm durch den Rachen entfahren sein. Erst nachdem die Frau Mutter dem Geiger einen Eimer Wasser zum Willkomm über den Schädel gegossen hatte, erholte er sich einigermaßen. Er rief alle Heiligen des Kalenders zu Zeugen an, daß er von nun an, von allen Versuchungen unangefochten, aufrecht durchs Leben gehen werde, und daß seine Geige mit ihren lockeren Weisen für das balzende Volk nun immerdar ruhen müsse. Das schwöre er beim Kopfe der Muttergottes. Es sei ganz gut, daß der Eimer entleert worden war, denn die Frau Mutter könne nun sogleich ein frisches Wasser holen, aber nicht aus dem Brunnen, sondern aus der Kirche, weil für einen richtigen Mesner nur noch geweihtes Wasser tauge.
Die Frau Mutter meinte, der Affe rede aus ihm, und er solle mit heiligem Ding keinen Unfug treiben. Der Cäsar bot ihr aber eine Wette an. Sie würde diesem Affen noch gerne zuhören. Er habe noch ganz andere wunderbare Dinge zu verkünden. Es müsse jedoch durchaus nicht gerade sogleich sein. Beleidigt warf der Cäsar ein abgegriffenes Heft auf die Tischplatte, setzte sich davor und glotzte auf die aus den Blättern stierenden Buchstaben. Während er mit den Ellenbogen beinahe Löcher in die Tischplatte bohrte, buchstabierte er langsam und mühevoll ein »Kyrie eleison« und schlief ein.
Trotzdem es weder die Frau Mutter noch ich glauben wollten, hatte der Affe dennoch die Wahrheit gesprochen. Die ganze kommende Woche hindurch war der Cäsar nur mit dem alten Heft in Händen zu sehen. Schwitzend rannte er damit im Hofe herum, fluchte mitten in die frommen, fremden Worte hinein, zerkaute das Credo zugleich mit den Kartoffeln und selbst aus dem Notdurfthäuschen drang sein »Deo gratias«. Die Abende verbrachte er angeblich beim Pater Adrian, um das Amt bei der heiligen Messe einzuüben und die Kirche auszufegen, kurz zu allen Diensten, welche von einem Ungeweihten an heiligen Orten und heiligen Sachen vorgenommen werden dürfen. Es sei die höchste Zeit, daß endlich ein tüchtiger Kerl in diese Wirtschaft hineinfahre. Der alte Mesner sei bereits so blind, daß er den Kelch nicht mehr von einem Leuchter zu unterscheiden vermöge und einen Schmutzfleck nur dann erkenne, wenn er daran kleben bliebe. Außerdem sei er so taub, daß ihm der Pater alle Stichworte zweimal und noch dazu so laut vorsagen müsse, daß die Gläubigen vor diesem Gebrülle immer aus ihrer Andacht aufführen und sich nach einer wirklich stillen Messe schon rechtschaffen sehnten.
Eines Abends teilte uns der Geiger mit, daß nun alles seine Richtigkeit habe. Er selbst habe heute zum ersten Male ein heiliges Amt zelebrieren helfen, und der alte Mesner hocke nun endgültig im Ausgedinge. Deshalb werde der Cäsar am nächsten Sonntage in der Frühmesse zum ersten Male mit der Frau Mutter aufgeboten werden, und in drei Wochen könne dann das Hochzeiten losgehen.
Bei dieser Botschaft wurde mir ordentlich feierlich zu Mute. So mag es den Jüngern des Herrn ums Herz gewesen sein, als sie um die Pfingstzeit zusammensaßen und auf die Ankunft des Geistes warteten.
Ich war eben ein Glückspilz und sollte nun dafür, daß ich nicht schon vor meiner Geburt auf der Welt sein durfte, reichlich entschädigt werden.
Jawohl, du bist ein Glückspilz, Spindl! Denn nur Glückspilze dürfen es spüren und langsam in süßen Schlücklein verkosten, wie wonniglich es ist, wenn ein Mensch auf Erden allmählich aus einem Bankert zu einem Ehelichen wird. Bei dieser Verwandlung erstarkt einem das Rückgrat mehr und mehr, wie zu einem Wäschestock. Die Beine lernen gehen wie ein Gauklerpferd, wenn es in hoher Schule reitet, und der Hals wächst und hebt den Kopf so jäh himmelwärts, daß die Büsche und Bäume fast zusammenzuschrumpfen scheinen. In diesen Tagen sah man mich nie anders als mit einem Kranz von Löwenzahn und Maßliebchen um den Hut und mit einem festlichen Schurz aus einem Huflattich in dem hinteren Hosenschlitze. Ich fühlte mich bald als Bräutigam, bald als Braut.
Bei diesem Spiel kam mir einmal der Tureck-Karl in die Quere. Er war nur wenige Wochen jünger als ich und von der Kräuter-Tureckin beim Beerensammeln in gleich unversehener Weihe empfangen worden, wie ich von der Frau Mutter beim Bleichen. Es muß dazumal eben eine hitzige Zeit gewesen sein.
Der Karl spreizte sich und mußte erst gefügig gemacht werden, meine Braut abzugeben. Er wollte durchaus immer nur der Bräutigam sein. So verabreichte ich ihm denn zunächst eine Schelle und schilderte ihm, als das nichts nützte, dann mit englischer Zunge die ehelichen Freuden, wie ich sie eben sah. Und da er, der Karl, doch ein armer Kerl sei und diese ehelichen Freuden nicht wirklich erleben dürfe wie ich, so solle er gescheit sein und eine Ehe wenigstens im Spiele verkosten wollen. Ich ließe einem armen Buben gern ein Quäntlein meines Glückes zukommen, denn ich hätte kein hartes Herz. Unter meiner honigsüßen Rede wurde der Karl allmählich so weich, daß er sich ins Gras warf und heulte wie ein milchsüchtiges Kalb. Auf meine erschrockene Frage, was denn los sei, vermochte er nichts hervorzubringen, so beutelte ihn der Bock. Ich stand teils ratlos, teils verzweifelt vor diesem Ausbruch. Ich befürchtete, der Karl würde sich noch das Bäuschel zum Halse herauswürgen.
»Du mußt halt eben auch heiraten«, tröstete ich.
»Ich kann ja nicht heiraten«, drückte er hervor.
»Warum denn nicht, Karl?«
Da trompete er seinen unermeßlichen Schmerz in die Winde:
»Die Mutter sagt, wir wissen nicht, wer mein Vater ist!«
»Vater?« fragte ich verächtlich. »Du Trottel! Zum Heiraten brauchst du ja keinen Vater.«
»O ja!«
»Du heiratest eben die Mutter!«
»Aber du hast ja auch den Cäsar-Geiger.«
»Den?« Meine ganze Verachtung lag in dieser Frage. »Wenn es nur an dem Geiger liegt, den kannst du haben, wenn wir selbst erst mit dem Zauber fertig sind.«
Ich glaubte damals nicht anders, als daß der Geiger eben eine Art Amtsperson wäre, die durch ihr bloßes Beisein meine eigene Standeserhöhung zu bezeugen hätte, wie etwa ein Metzger einen Zeugen mitführt, wenn er von den Bauern ein noch ungeborenes Kalb erhandelt, oder wie der Kaufmann, wenn er bereits im Frühling die herbstliche Ernte unseres Nußbaumes ersteht. Und wie der Zeuge des Metzgers oder des Kaufmanns keinen anderen Lohn erhält als das Zeugengeld und dann nicht auch noch vom Kalb oder von den Nüssen mitfressen darf, so würde auch meine Frau Mutter dem Geiger geben, was recht ist, und nicht mehr. Sicherlich würde sie ihn aber nicht von den Schüsseln essen lassen, die er nie zu füllen, sondern nur zu leeren gelernt hatte. Außerdem sei der Geiger Mesner, und der Karl wisse doch wohl auch, was eines solchen Mannes Pflicht sei. Wie er beim Gottesdienst amtet und auf dem Friedhof zusieht, daß die Leichen richtig in die Erde fahren, so sei es eben auch eines Mesners Amt, bei den Hochzeiten zu zaubern, und weiter nichts.
»Legt sich etwa der Zeuge zur Leiche ins Grab und läßt er sich mit einschaufeln? Ebensowenig darf sich auch der Mesner in unsere Betten legen. Auf dem Friedhof geht der Zauber um die Leiche, bei einer Hochzeit ums Kind. Der Mesner macht den Hokuspokus und erhält nachher den Laufpaß. Verstehst du? Es kostet nur den Sold. – Hast du Geld?«
»Zwei Groschen habe ich gefunden«, strahlte der Tureck-Karl.
»Nun also! Das langt schon.«
Dessen war der Karl zufrieden, und wir begannen mit dem Spiele.
Als jedoch die Zuckerl-Resi mit ihrem Wagen vorbeikam, erhandelte der Tureck-Karl um seine zwei Groschen Süßes von ihr: Marzipan und Bärendreck. Wir Brautleute saßen dann im Gänsestall wie in einem Wirtshaus und feierten ein reiches Mahl.
Als am nächsten Sonntag die ersten Glocken riefen, nahm mich die Frau Mutter zur Kirche mit. Sie hatte das schwarze Kleid an, das weiße Tuch lag ihr über den Schultern und floß von dort in weichen Falten auf die Brust hinab.
Es müßte schön sein, oben in den Armen zu liegen, den Kopf in die Falten zu tun und zu schlafen. Dann müßte das Herz im Traum wie die Drossel singen, die sich dort im Fluß der Glocken wiegt und den englischen Gruß flötet.
Aber ich war traurig und von einer Last beschwert, ich wußte jedoch nicht zu sagen, von was für einer Last. Wie wenn Kinder halb vor einem Großen einherlaufen, die Hand heben und betteln, so hielt ich der Frau Mutter eine namenlose Bitte in den Weg. Sie aber übersah meine Hand. Ihr Ohr war allzu sehr den Glocken geneigt, als daß es meinen Ruf erhört hätte. Auch wußte ich nicht, ob ich hätte mit den Lippen sprechen dürfen. Aber auch wenn es erlaubt gewesen wäre, hätte ich in diesem Augenblick das richtige Wort doch nicht gefunden. Erst als wir bereits durch das Kirchentor eingetreten waren, stand dieses Wort auf der Zunge und wollte sich lösen:
»Kehrt um, Frau Mutter, in unser Haus! Kehret um und versperret die Tür!«
Aber da war es damit schon zu spät.
Wir saßen in der letzten Kirchbank. Die Frau Mutter blätterte in dem Büchlein mit dem weißen Deckel und dem schwarzen Kreuz darauf. Ich hoffte, sie würde dort irgendwo auf meinen Wunsch treffen, ihn zwischen den fremden Zeilen lesen, wenn er sich erst durch die Kraft meines Willens zu leuchtenden Lettern geformt hätte. Die Frau Mutter aber schlug das Kreuz und versank ins Beten.
Und ich war weit von ihr, allein inmitten all der vielen Menschen, die sich in den Bänken preßten oder zu ihren Seiten stehend drängten. Wenn nicht die tanzenden Lichter auf dem Altar gewesen wären, hätte ich nicht hinabschlucken können, was da Bitteres im Hals immer wieder hochkommen wollte. Und als ich dann im flackernden Licht die liebe Frau mit der Rose entdeckte, dachte ich bei mir:
»Sie weint über einen erdrückten Weißling, aber sie lacht über mein Weh. Das ist nicht schön von ihr.«
Mit meiner Kraft war es beinahe zu Ende. Die Tränen ließen sich kaum mehr bändigen. Es war ein Glück, daß gerade in diesem Augenblick die Schelle silbern aufsprang, und daß der Pater Adrian im goldenen Gewand zum Altar hintrat. Der Geiger ging neben ihm her und hatte ein Gesicht aufgesetzt wie der Wirt vom »Goldenen Hirschen«, wenn sich einmal in der Zeit ein vornehmes Fuhrwerk vor sein Haus verirrt und er den Wagenschlag öffnen kann.
Plötzlich hob über meinem Scheitel ein tiefes Brummen an und schwoll übermächtig, als öffne sich in der Erde ein Schlund und wolle in sich hinabgähnen die ganze Kirche samt den Menschen und samt dem Himmel, der sich auf den Kirchturm stützt. Schon wankte der Boden, schon schwankten die Pfeiler, die Heiligen drohten eben von ihren Sockeln und Thronen zu fallen, da stürzten sechstausend Pfeifen in den Schlund hernieder und füllten ihn mit einem Jubel aus. Und aus dem gefestigten Grunde wuchsen die Säulen wieder himmelan gleich Bäumen, und in ihren erhobenen Kronen harfte ein Engel mit sonnigen Fingern. Und silberne Tauben flogen von Geäst zu Geäst, neigten sich und flohen einander, versteckten sich und suchten, wogten auf und nieder, brannten als beschwingte Sterne und verloschen, leuchteten wieder, erst einzeln, dann alle in unermeßlichem Glanz, schlossen sich in den Händen des Engels zusammen und banden ihre Leiber mit den Flügeln zu einer unermeßlichen Fackel, die aus der Schale der englischen Hände emporwuchs, das Kronendach zerlohend, den Himmel durchstechend und sich als Opfer neigend in den Schoß des ewigen Herrn.
»Spindl, mach's Maul zu!« flüsterte die Frau Mutter. Da zerbrach die tönende Fackel, sprengte im Sturz die Schale der englischen Hände, und die Trümmer sausten auf mich herab. Bar jedes Schreis, warf ich die Arme schützend vor die Brust, aber die schweren Trümmer zerstäubten in der Wucht des Sturzes und rieselten als Sonnenflitter mild in meine Hände, Und die hungrigen Hände sogen den Flitter auf, sodaß kein Stäubchen übrig blieb. Zu Schalen hielt ich sie geformt, wie eben der Engel, eng geschlossen. Aber im Augenblicke wußte ich beglückt, daß ich dereinst die Finger würde öffnen und mit ihnen ausstreuen müssen, was von der Harfe hineingefallen war als ein goldener Samen.
Jäh erwachte das Leben in den Andächtigen. Ich sah nach der Frau Mutter und wußte: Heute ist dir etwas genommen, was du nicht nennen kannst, aber es ist etwas sehr Liebes. Und heute ist dir etwas gegeben worden, das du noch nicht kennst. Du stehst an einem Ende und an einem Anfang, zugleich in Weh und Glück.
Das Geschiebe, Geräuspere und Gehuste verscheuchte alle Versunkenheit. Der Geiger wischte sich mit dem Lavabotüchlein den Schweiß von der Stirne, faltete es und legte es über die Kännchen. Der Pater Adrian bestieg mit polterndem Schritt die Kanzel. Was er predigte, verstand ich nicht recht. Seine Geschichte handelte von zwei Weibern, von denen die eine »Tugend«, die andere »Keuschheit« hieß. Es müssen jedoch arge Luder gewesen sein, denn je mehr der Pater von ihnen erzählte, desto wilder wurde er. Ich befürchtete, es müßten ihm sogleich die Stirnadern platzen oder die Augen aus dem Schädel und der Bäcken-Lori in den offenen Rachen rollen. Schließlich hieb der Adrian so heftig mit der Faust auf die Kanzelbrüstung, daß dem heiligen Antonius, der dort auf einem Pfeiler stand, vor Schreck beinahe die Lilie aus der Hand gefallen und sein Schädel, der bloß mit einem lockeren Nagel im Holzwerk stak, fast vom Halse gesprungen wäre. Ob dieser Predigt mag dann dem heiligen Antonius der Kopf ärger gebrummt haben als den sündigen Bauernmenschen. Der Pater besänftigte schließlich das unmutige Hirn durch eine Prise aus seinem Schmalzlertrühlein. Das Trühlein versorgte er dann wieder umständlich unter der Kutte, wie die Weiber ihre Groschen in den Unterkitteln verstecken, nieste noch schnell einen kräftigen Segen über die Gläubigen hin und begann endlich alle diejenigen zu verlesen, die in den Stand der heiligen Ehe treten wollten:
»Die ehrsame Jungfrau Engelberta Saldsiederin aus Strodenitz und der ehrenwerte Bürger Franz Nachtmann, Bäckermeister allhier. Die ehr- und tugendsame Jungfrau Anna Amalia Neubertin allhier und der ehrenwerte Gildemeister Wenzel Bitzan aus Frauenberg. Die ehrsame Jung…« – das Wort blieb dem Pater in der Kehle stecken, und er tat, als ob er abermals niesen müßte –. Ohne das Wort zu vollenden, setzte er fort: »Andalusia Schima, Wäscherin aus Netolitz, und der Cäsar Krauspenhaar, neubestellter Mesner, beide wohnhaft allhier.«
»Jawohl, das sind wir!« rief ich dem Pater zu, wofür ich von der Frau Mutter eins in die Seite bekam. Die Gläubigen verließen dann trotz der unflätigen Predigt alle mit lachenden Gesichtern die Kirche. Mir aber bedeutete die Frau Mutter, daß man mich erst dann wieder unter große Leute mitnehmen könne, bis ich lernen würde, das Maul an der Leine zu halten wie einen Hund.
So kam es, daß ich drei Wochen danach in der Sakristei hocken mußte, während im Innern der Kirche gehochzeitet wurde. Ich äugte jedoch durch das Schlüsselloch auf die ganze Hexerei. Der Geiger kniete neben der Frau Mutter. Dahinter standen zwei fremde Männer mit einem dummen, gelangweilten Gesicht. Vor dem Brautpaar stand der Pater und sprach ellenlang. Schließlich nickte der Cäsar und die Frau Mutter desgleichen. Das war alles. Es war kaum der Rede wert und enttäuschte mich mächtig. Die Verehelichung eines unehelichen Kindes hatte ich mir nicht so einfach vorgestellt und dachte jetzt in aller Stille bei mir, wie wenig unklug es doch vom Tureck-Karl gewesen sei, daß er seine Groschen lieber verfressen hatte, als sich damit einen Vater zu kaufen. Selbst die große Schrift, die in einem Buch verfaßt und nebst der Frau Mutter, dem Geiger und den beiden anderen Männern unterzeichnet wurde, selbst dieses Buch und der gesiegelte Zettel, den der Geiger zum Abschluß erhielt, konnten keine Feierlichkeit mehr in mir erwecken.
Auf dem Heimweg ließ ich die Frau Mutter mit dem Geiger vorausgehen und bewarf hintennach lieber die Spatzen mit Kieseln wie an einem gewöhnlichen Werkeltage.
Kurz vor unserem Hause stieß der Tureck-Karl zu mir. Ich fragte ihn, ob er wieder Bärendreck gekauft habe. Als er jedoch verneinte, schoß der Stolz auf meine neue Würde in mir hoch, und ich wurde mir plötzlich des Abstandes bewußt, der mich von nun an von dem Karl trennte.
»Dann fahr ab, du Bankert!«
Ich stand dann lange vor dem Spiegel und prüfte mein Gesicht. Es glänzte als frische Kartoffel aus dem Rahmen wie der Mond im Fenster, wenn er in vollen Nächten ins Zimmer lugt. Mitten im Antlitz stand das Ende eines Hörnchens, wie es der Bäcker mit fettigen Händen als Kunstwerk dreht, um seiner Zunft alle Ehre zu machen. Wie ein Fingerlein (das aber noch zu einer weiblichen Gurke zu werden versprach, wenn des Himmels Güte erst noch in rechter Weise seinen Sonnenschein und Regen spenden würde) wies die Nase auf einen Kahn, der da von einem Ohr zum andern schwamm und tüchtige Mengen Brotes, mehr aber noch Zuckers und gestohlener Früchte zu laden verstand. O, du, mein Mund!
Du bist mir fast das Liebste an mir, und ich habe dir deshalb den größten Raum in meinem Gesicht gern vergönnt. Du bist ein zaubrisches Ding, das sich nach Lust und Gebrauch verändern kann; bist ein Schnäbelchen jetzt, wenn du den Finken pfeifst und sie aus ihren bräutlichen Betten lockst und den Kuckuck in seiner Eifersucht narrst; zerreißest dann, wenn du nach einem Bissen schnappst, das Antlitz wie ein Froschmaul in zwei Hälften; drehst dich wieder zu einem Rüssel, wenn du schmollst; kannst fluchend ein Eimer sein, herzbefreienden Zorn auszuspeien; bist bald wieder eine Osterknarre, die aber nicht bloß am Karfreitag klappert, und kannst vor allem lachen, so daß die Freude gleich mit Heuwagen durch dein Scheunentor hinausjagen kann, um in jähem Lauf die Nebel zu zersprengen und neue Blumen auszustreuen über die ganze Welt. O, mein Mund, mein lieber Mund! Schwebende Schaukel, auf den Öhrlein aufgehängt, schwingend das fröhliche Herz!
Öhrlein? Du bist ein Schwätzer, Spindl, und übertreibst ins Kleine. Sieh hin! Könntest du mit diesen Öhrlein wedeln und sie wie eine Türe zuschlagen, du erschlügst mit einem einzigen Hieb ganze Schwärme von Fliegen, und in wenigen Tagen müßten alle Singvögel umkommen vor Hunger. Es ist also ein Glück für die Kreatur, daß deine Ohren an dem Schädel fest vernutet und vernagelt sind. Sie sind aber gar fein gebaut, deine Ohren. Und wie Wassertropfen an einer Traufe rinnen in ihren Tälern selbst die feinsten Töne zartester Stimmlein hinab und sammeln sich als in einem Märchenbrunnen, der dann nächtens so wundersame wortlose Märlein zu raunen weiß, daß du oft aufschluchzen möchtest vor lauter Seligkeit und hinwiederum bangst vor der Überfülle.
Ihr und die Augen, welche die ganze Welt in sich saugen mit all ihren Farben von Gras, Blumen, Baum, Wald, Fluß und Berg, mit allen Tönen sommerlicher Pracht und winterlichen Glanzes, und so den Becher der Sonne austrinken vom Aufgang bis zur Neige – Mund, Ohren und Augen, keins von euch ist mir lieber als das andere! Was schadet es, daß ihr überdacht seid von einem Fell wie von einer gebadeten Sau? Ich liebe euch als meine Trautgesellen alle gleich. Und ich danke euch, daß ihr dieselben geblieben seid wie ehedem, daß ihr heute vor der gesiegelten Schrift nicht erschrakt und euch von der Hochzeit nicht behexen ließet.
Bin ich aber heute etwa innerlich ein anderer geworden? Dreck heißt Dreck, solange du ihm keinen anderen Namen gibst. Mich aber hat man aus einem Schima-Spindl zu einem Krispinus Krauspenhaar gemacht. Es ist zum Kotzen, wie der neue Name kratzt! Gerade so, als ob man mit dem Fingernagel über eine Kalkwand schabe! Wer ihn richtig aussprechen will, muß erst in einen Gallapfel beißen.
Aber tröste dich, Spindl! Wie der Dreck ein Dreck bleibt, selbst wenn man ihn zehnmal eine Nelke nennt, und niemals wohlriecht, sondern unbesorgt weiterstinkt nach Gottes Ratschluß, genau so tust auch du's. Du bleibst wie deine Trautgesellen treu, was du vorher warst, und wirst, abseits deinem krätzigen Namen, was du nach dem Herzen, nicht nach dem Kleide werden mußt.
Leider aber blieb uns nicht bloß der neue Name, sondern auch der Cäsar haften, wie sehr ich ihn auch eine »Luft« nannte und mich bemühte, ihn mit manchem Wind dorthin zu wünschen, wo das Pfefferrohr steht und nicht unser Haus.
Noch am Tage der Hochzeit zog er bei uns ein. Für diesen Umzug bedurfte es freilich keines Fuhrwerks. Vier schäbige Säcklein waren seine ganze Habe. In dem ersten und zweiten staken die Geigen. (Ein Geiger mit zwei Geigen ist eine Besonderheit. Gott allein weiß, wieso er zu der zweiten kam, und verzeih ihm die Sünde.) In dem dritten Säcklein war ein linnen Hemd und ebensolche Hosen, welche hernach drei Wochen lang an der Sonne liegen mußten, bis sie endlich erbleichen wollten. Und in dem vierten Säcklein wanderte die Handvoll Gebeine und die wenigen Pfund Fleisches einher, die in ihrer Gesamtheit und Verbundenheit von nun an meinen Vater abgeben sollten.
Kaum war der Geiger zur Türe herein, spie er sich in die Hände wie der Leichensepp, wenn er einen Sarg zu fassen bekommt, und begann, mein Bett aus dem Zimmer in die Kammer zu schieben. Darob ergriff mich Entsetzen. Ich hängte mich schreiend hinten an die Bettstatt an und klammerte mich so fest, daß auch die Frau Mutter nicht imstande war, mich davon zu lösen. Aber all diese Kraftentfaltung nützte nichts. Ich wurde samt dem Bette in die Kammer gefahren. Als es dann Abend geworden und die Schlafenszeit gekommen war, mußte man mich hinwiederum hineinstoßen in das kleine Loch mit den schiefen Wänden, wo du meinst, es laste das ganze Dach auf deiner Brust, gleichzeitig mit deinem Weh.
Nicht das war meine große Not, daß ich nun nicht mehr mit der Frau Mutter in einem Raume schlafen durfte, sondern vielmehr, daß auch sie mich mit eigener Hand hier herein verstoßen hatte, mich allein auf dem Bettrand sitzen ließ und nicht einmal hörte, wie sehr es mich rüttelte.
Dort, wo ich nur an Sonntagen für ein einziges kurzes Märchen lang hatte liegen dürfen, dort sollte jetzt der Geiger an allen gewöhnlichen Werkeltagen lungern. Jetzt wird die Frau Mutter alle Märchen dem Geiger erzählen und wird müde sein für mich.
Ich besaß einmal ein Rotkehlchen und liebte es heiß. Als es eines Tages tot im Käfig lag, bettete ich es in eine Schachtel wie in einen Sarg. Seine Beinchen schienen noch einmal wie zum Abschied nach meinem Finger greifen zu wollen. Ich kniete viele Stunden davor und weinte. Aber ich konnte es doch nicht mehr ins Leben zurücklocken.
Ist euer Herz ein Rotkehlchen? O, Frau Mutter!
Die Türe ging.
»Kommt Ihr zum Abschied, Frau Mutter?«
»Kein Abschied, Spindl. Ich glaube, wir fangen neu an: selbdritt.«
»Nein«, bockte ich. »Den Geiger schmeißen wir wieder hinaus, sobald es tagt. Ihr dürft nicht abrücken von mir, seinetwegen!«
»Ich will doch noch näher zu dir kommen, wenn das überhaupt noch geht. Ich will dir nun auch an Werkeltagen die Märlein sagen.«
»Aber dem Geiger sagt Ihr sie nicht?«
»Nein. Und jetzt schläfst du?«
»Ja.«
Mein ganzes Leid machte bald der Freude darüber Platz, daß der Geiger, obgleich er mich von meiner Stätte verdrängt hatte, die Märlein nun doch nicht zu hören bekommen sollte. Die Schadenfreude hätte mich nicht einschlafen lassen, wenn ich sie dem Cäsar zuvor nicht noch gründlich hätte zeigen können. Ich stieg also nochmals aus den Federn, schlich in die Stube und leise durch den Mond bis zu dem Bett hin, wo die Frau Mutter bereits mit dem Cäsar lag. Ich beugte mich über den Geiger, ob er schon schlafe. Er aber hatte die Augen offen und vermutete wohl, daß ich ihn küssen wollte, denn er spitzte die Lippen und ließ sie schon vorzeitig in der Luft schnalzen. Ich aber wies ihm ellenlang die Zunge und stolzierte befriedigt in mein Loch zurück.
Es war aber trotzdem ein Abschied gewesen an diesem Abend.