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Kalanderlein

Wer aber vergibt meiner Hand?

Blut, das an ihr klebt, ist ein anderes als das Blut der Weißlinge und läßt sich nicht ebenso leicht abwaschen.

Die Geige hat einen Sprung, aber ich selbst trage innen eine noch tiefere Wunde als sie. Alles ist tot in mir und um mir herum: die Seele, die Menschen und das Land.

Alles.

Die Felder und die Weiden sind zertrampelt von Mannestritt und Roßhuf, und wo elende Trümmer rauchen, dort stand gestern noch ein Dorf. Jetzt ist alles vertan. Die Not ward mit Schuld bezahlt, die Schuld wiederum mit Not gerächt. Wo hat diese Kette ein Ende? Wo ist ein Erlöser?

Im letzten Augenblicke hatte der Schmied noch ein Erlöser werden wollen. Am Morgen, als zugleich mit der Sonne rings um uns Soldaten aus der Erde wuchsen, als sie uns wie Mäuse in der Falle hatten, und als es nach keiner Seite hin ein Entrinnen mehr gab, da stand der Schmied allein unter den Bauern auf:

»Jetzt zeigt, daß ihr nicht bloß rauben und morden könnt, sondern noch etwas anderes wollt als ein irdisches Gut: daß ihr bloß frei ackern wollt auf freier Scholle. Jetzt sind sie da, die euch knechten.«

Die Bauern aber blieben feig und trunken liegen, und kein einziger fand den Mut, sich neben den Schmied zu stellen. Da schwoll dem Schmied die Ader. »Wer das Recht versaut hat, soll es auch mit Blut wieder reinwaschen«, schreit er und wartet. Aber kein einziger rührt sich. So speit denn der Schmied über ihre Schädel, hebt den Hammer und geht allein gegen die Soldaten vor. Auf halbem Wege wendet er sich nochmals um. »Ich schlage drein. Aber nicht für euch, ihr Schweine!« In demselben Augenblick stürmen die Söldner heran, die Bauern schreien auf und kriechen in sich zusammen. Zweimal blitzt der Schmiedhammer empor. Zwei Rosse knicken, dann aber schwankt der Schmied, und sein Brustkasten gibt Platz für dreißig Säbel.

Was aber nützte dieses Opfer. Das Leben des Schmieds und des alten Simm, der zugleich mit der Krippe von einem Huf zerdrückt worden war, wogen alle Greuel nicht auf. Und die Todesangst und der blutige Schweiß des Schallers, während die Rosse seinen Leib vierteilten, das zählte doch bloß wie eine Flaumfeder auf der Waage des Gerichtes.

Der Schaller war wenigstens für seine eigene Schuld mit dem Leben aufgekommen. Meine Schuld aber blieb ungesühnt. Ich hatte meine Sendung, dem leidenden Volk auf seinem Wege Beistand zu geben, vorher erkannt. Ich hatte gewußt, was Gott in diesen Augenblicken von mir erwartete, und doch hatte ich nichts darnach getan. Ich hätte die Geige bloß recht gebrauchen dürfen, und ihre Kraft hätte zum Guten wirken können in mancher Nacht, wo die heiseren Mäuler von dem Brüllen rasteten, und wo einem jeden für einen Augenblick das innere Ohr offenstand. Da hätte ich ein Evangelium singen, ein Apostel der Tat sein müssen! Statt dessen haben meine Finger immer nur das Trutzlied der Schicketanzin gefunden. Ich habe Abgründiges gereizt, noch mehr aufzustehen und zu herrschen, anstatt meine Lieder auf Wunden zu legen und mit meinen Weisen einen geduldigen und gerechteren Weg zu zeigen.

Jetzt war mir nicht einmal die Ausrede vergönnt, meine Besinnung wäre im Rausche aller erstickt, denn ich hatte Warner genug. Ich hatte nicht verstehen wollen, warum mir der Schmied immer wieder in den Arm fiel, sooft ich das Trutzlied spielte, und warum er meinte, es wäre nicht recht, was ich da geigte. Ich überhörte auch die Stimmen meines eigenen Gewissens, das mir die Worte des Cäsar-Geigers ins Ohr flüsterte, ich möge die Geige nicht versauen.

So trage ich selbst die meiste Schuld von allen, nicht bloß wegen der weißen Frau allein.

Und jetzt weiß ich auch, daß mir die Soldaten keinen Pardon gaben, während sie bloß lachten, als ich mich ihnen mit der Geige entgegen stellte, sondern daß sie mich deshalb bloß mit den dreckigen Stiefeln in den Arsch traten, weil ich ihnen für einen Hieb mit einer ehrlichen Waffe zu erbärmlich war.

Das Leben ekelte mich wie die Zunge im Munde nach einem Suff. Ich wollte und mußte ein Ende damit machen. Ich faßte diesen Entschluß nicht so wie damals nach dem Unglück mit dem Mariedlein in jenem wilden Schmerze, den nur die erste Enttäuschung einer jugendlichen Liebe kennt. O wie schön ist doch eines Jungen Ungestüm, und wie viel Glauben an das Leben zeigt er gerade darin, wie er daran zu verzweifeln meint! Und sein Entschluß, das Leben wie ein faules Stück Holz hinzuwerfen, wird doch nur gefaßt, um es im nächsten Augenblicke in um so innigerer Liebe an sich zu drücken. Jetzt hatte ich aber bereits zu viel gesehen, zu viel erfahren und zu viel vertan, um noch so jung wie damals zu sein. Der Rest meines Pfundes war zu leicht und erschien keiner Mühe wert, sich weiter damit herumzuschlagen. Aber ich hatte nicht einmal mehr die Kraft, den Leibriemen zu einer Schlinge an einen Baum zu binden. Auf dem Wege, den ich jetzt dahin schlich, mußte sich bald irgendein Loch finden, das Pfund kurzerhand darin zu versenken.

Ich trollte dahin wie auf einem Begräbnis, dessen Leiche einem gleichgültig ist, und fingerte in dem Sprung des Geigenkörpers herum. Es tat wohl, außerhalb meiner auch noch eine Wunde zu fühlen.

So gelangte ich in ein Dorf. Mit den verkohlten Dachbalken spielte der Wind wie ich mit der zerbrochenen Geige. Alles Leben hier war ausgestorben. Wie nackte Mäuler gähnten die eingeschlagenen Fenster. So ähnlich sah der Rachen der Zenzin aus, wenn sie sagte: »Das Kind taugt nicht.«

O wie recht hatte die Zenzin behalten von damals, von der Zeit auf der Bleichwiese an, bis zum heutigen Tage. Plötzlich erinnerte ich mich an die Frau Mutter. Da verließen meine Finger die Geige, krochen über meine Brust zum Hals empor und krallten dort an dem Adamsapfel herum. Es war hoch an der Zeit, daß sich der Dorfbrunnen fand, um darin mit mir ein Ende zu machen. Das Dach des Brunnens war eingedroschen, ich brauchte es also nicht erst wegzuräumen. Der prüfende Stein fiel endlos, bevor er auf Wasser schlug. Zum letzten Sprung bereit, trat ich auf den Brunnenrand. Durfte ich die Geige mitnehmen? Aber selbst dieses Recht hatte ich wohl verwirkt. Wenn noch ein Funken Anstand in mir war, mußte ich sie auf dem Brunnenrand für irgend jemanden zurücklassen, der sie ja doch nur besser, in keinem Falle jedoch schlechter verwenden würde, als ich es getan hatte.

»Ich weiß, was du jetzt tun willst.«

Was in diesem Augenblicke kein Männerarm imstande gewesen wäre, die traurige schwache Weibesstimme riß mich aus dem angesetzten Sprung zurück.

»Wenn du es weißt, dann gib mich frei!«

»Ich möchte auch ganz gerne dort hinunter. Ich darf aber nicht. Und du darfst es auch noch nicht.«

Jetzt erst sah ich mich nach der traurigen Stimme um, die mir den letzten freien Willen verbieten wollte. Die schwarzen Augen des Mädchens zwangen mich willenlos vom Brunnenrand hinab und vollends auf die sichere Erde zurück. Es war bloß grenzenlose Verlegenheit, als ich fragte, warum ich nicht dürfe, was immer ich wolle.

Weil ich ihr vorerst helfen müsse. Das ganze Dorf sei vor vier Tagen von den Soldaten zerstört worden. Sie hätten dazu nicht viel Zeit benötigt, weil das Dorf ja bloß aus sechs Häusern bestanden hätte. Wie es eigentlich geschehen sei, wisse das Mädchen nicht. Man hätte schon längst einen Überfall befürchtet und deshalb sei sie, die älteste Tochter des Lärchner-Bauern, mit allen Kindern des Dorfes im Walde in einer Fällerhütte versteckt worden. Es sei nicht leicht gewesen, die Kinder dort zusammenzuhalten und ihr Heimweh zu bändigen. Jeden anderen Tag sei ein Bauer zu ihnen hinausgekommen und hätte die ärgste Notdurft auf seinem Rücken mitgebracht und hie und da auch ein Schleckerlein aus seiner Tasche geholt. Lange wäre es gut gegangen, und man hätte geglaubt, die Kinder bald wieder heimnehmen zu können. Vor sechs Nächten aber sei der Mond plötzlich groß gewesen und hätte ein feuerrotes Schirmdach über sich gehabt. Tags darauf sei der Bote ausgeblieben und die Tage nachher ebenfalls. Sie hätten im Walde kein Brot mehr gehabt, und mit dem Hunger sei das Heimweh der Kinder gewachsen, so daß sich die Dirn, entgegen dem strengen Gebot, schließlich doch mit den Kindern hätte aufmachen müssen.

»Am Waldrand ließ ich sie zurück und ging zunächst allein ins Dorf auf Kundschaft voraus. Ich fand es so, wie du es jetzt siehst. Ganz so freilich nicht, denn der Vater, der Ohm und die Ullrichin lagen noch tot auf der Straße. Sie hatten zerbrochene Sensen in der Faust, und die Ullrichin ein blutiges Holzscheit. Die Mutter und alle übrigen sind wahrscheinlich in den Häusern verbrannt. Ich trug die Toten von der Straße weg und verbarg sie hinter ein paar Mauern. Die Löcher darin verrammelte ich mit den verkohlten Balken, damit keines der Kinder die Leichen fände. Dann erst holte ich sie vom Walde. Es hatte keines ein schönes Wiedersehen mit seinem Häuschen, du kannst es glauben. Lobingers Schupfen ist wie durch ein Wunder verschont geblieben. Dort schliefen sie dann alle. In der Nacht räumte ich die verkohlten Balken wieder fort, holte meinen Schatz hinter den Mauern hervor und begrub ihn heimlich in unserem Garten.« Bei diesen Worten flackerten ihr die Lider. Aber nur ein wenig. Ihre schwachen Arme wollten mir nicht tauglich erscheinen, ein solches Totengräberhandwerk in einer einzigen Nacht zu vollenden. Ich fragte, wie alt sie denn wäre, und maß sie ohne Glauben.

Das Mädchen aber reckte sich unter meinem Zweifel wie eine Gerte. Es war für mich nicht leicht, unter einem solchen Blick ruhig dazustehen.

»Ich habe nur ein einziges Mal gelogen«, sagte sie fest. Dabei rieselte es ihr rot von den Wangen über den Hals, bis auf die Brust hinab. »Ich tue es aber mein Lebtag nicht mehr. Als die Kindlein allzusehr weinten, tröstete ich sie, die Eltern würden sicher wiederkommen, wir alle müßten bloß Geduld haben. – Dieser Lüge wegen habe ich nun meine Not. Nirgends ist mehr ein Korn zu finden, auch der Wald gibt keinen Pilz und keine Beere mehr. Aus Hunger nagen die Kinder an Blättern und Halmen. Aber sie wollen nicht fort von hier, bevor der Vater nicht gekommen ist oder die Mutter. Alles Betteln und Zureden ist umsonst. Und wenn ich eins mit Gewalt davonzerren will, verkriecht sich inzwischen ein anderes in einem Winkel. – Jetzt sollst du helfen. Für dein anderes Vorhaben hast du dann noch immer Zeit.«

Ich lachte bitter über eines Weibes Verstand. »Ich soll mir wohl den Tod erst noch verdienen? Ich habe schon ein genug großes Recht darauf! Meine Hand ist voller Dreck und rührt kein Kind an.«

Das Mädchen aber achtet nicht auf meine Rede, sondern sieht unverwandt nach der Geige auf dem Brunnenrand.

Es hat bereits einmal ein Weib mit den Augen so sehnsüchtig nach der Geige verlangt. Damals war ich aber noch ein anderer und habe diese Bitte noch in Reinheit erfüllen dürfen.

»Die ist versaut und hat einen Sprung«, brülle ich und will die Geige mit dem Fuße über den Brunnenrand hinabstoßen.

Das Mädchen spricht keinen Laut dagegen. Regungslos und demütig steht es da und hat die Hände über die Brüstlein gelegt. Es rührt sich nicht, und dennoch spüre ich deutlich, daß es mich an meinem Tun hindert. Ich senke den Kopf. Ich sehe die Dirn nicht an, und dennoch weiß ich, daß sie die Augen naß hat. Und dann fühle ich, wie heiß sie mir dafür dankt, daß ich die Geige endlich doch unter das Kinn nehme und sie streiche, wenn auch sinnlos und dumm.

Hinter den verrußten Mauerresten raschelt es wie von Mäusen. Bald lugt es da und dort hinter den Ecken hervor. Langsam kommen sie näher. Da eins, dort zwei, jetzt sind es sechs und dann neun. Die Kindlein stehen in einem halben Kreis. Ihre Mündchen staunen, aber ihre Augen sind rot und tun weh. Deshalb wollen sie wohl nicht glauben, was da geschieht. Die Beinchen sind dünn und können nicht recht tragen. So setzen sie sich denn alle nieder vor mir in den Staub. Die Wänglein sind sehr tief. Darüber kreischt die Geige auf. Aber die vielen Augen werden immer gläubiger, und so lernt auch die Geige langsam wieder einen Sang. Und dann öffnet sich ein Mündchen und piepst wie ein Vögelchen der Geige nach, und endlich singen sie alle:

Heile, heile, heile!
Das Kätzchen lief zum Berge 'nan,
Und als es wieder 'runterkam,
War alles wieder gut.

Ich habe den Herrgott schon lange vergessen. In diesem Augenblick aber erinnere ich mich seiner. Ich bete wohl nicht. Denn wenn ich früher betete, pflegte ich dabei stets lange Reden zu halten. Jetzt aber finde ich immer nur zwei Worte, nicht mehr: »Lieber Gott! Lieber, lieber Gott!« Und unter den dünnen Kinderstimmen will der Sprung in der Geige nicht mehr so weh tun.

Da tritt die Dirn in den Kreis und beginnt sich im Tanze zu drehen. Bisweilen knicken freilich ihre Knie wie in einem Schmerz zusammen, und wenn sich der Rock über ihre Waden emporschwingt, zeigen sich Wunden. Aber die Dirn lächelt darüber und nickt den Kindlein so lieb und lockend zu, daß sich eins nach dem anderen erheben muß und mit in den Reigen einspringt.

»Der Geiger geht voran«, singt die Dirn mehr, als daß sie es spricht.

Ich weiß plötzlich genau, was sie von mir will. Ich stelle mich an die Spitze des Reigens, und wie der Rattenfänger in der alten Sage die Kindlein aus der Stadt Hameln lockte, so führe ich jetzt die zwölf Waislein aus dem verbrannten Dorf hinaus.

Wir gehen über Hügel und Feld, ohne Weg und Steg.

Wenn die Kinderstimmen ermüden wollen, dann wird die Geige ganz von selber immer heller. Voller Staunen horche ich in ihren zersprungenen Leib hinein. Ist ihre Seele in all dem Unrat doch nicht ganz erstickt? Wie sauber kann sie sich noch erheben! Aber es geschieht nicht unter meinem Strich, sondern nur weil die Kinder so singen. Es schadet der Geige nicht einmal, daß sie jetzt unter meinem Gesicht naß wird.

An einem Waldrand verstummt sie plötzlich, denn die Kinder singen nicht mehr, und die Geige will nicht mehr allein sein. Vielleicht fürchtet sie sich davor, zumal sie sich selbst kennt.

Weil mir kein Schritt mehr nachfolgt, bleibe auch ich stehen. Aber ich darf mich nicht umdrehen, bevor der Wind meine Wange nicht getrocknet hat, denn es ist abscheulich anzusehen, wenn ein ausgewachsener Mann greint.

Die Dirn steht mitten in einem Acker. Sie hält den kleinsten Jungen in den Armen. Schwer hängt er ihr an dem Hals und schläft. Sie mag ihn schon lange getragen haben. Jetzt hat sie nicht den Mut, sich zu setzen, und ist besorgt um diesen Schlaf. Die anderen Kinder knien im Acker und graben mit den Händen Kartoffeln aus.

Ich mache mich auf die Suche nach Reisern, Holz und trockenem Laub und denke darüber nach, wie man ohne Zündstein und Zunder ein Feuer macht. Schließlich versuche ich es mit zwei Holzstücken. Ich reibe sie aneinander; aber das ist eine verfluchte Arbeit.

Während die Kinder die Kartoffeln zu mir heranschleppen, gehen ihre Mündchen wie Spinnräder.

»Das wird schmecken, Geiger. Mir knurrt der Bauch. Wächst das Feuerlein noch nicht bald? Mach schnell, Geiger, ich halte es fast nicht mehr aus.«

Daß sie mich Geiger nennen, beleidigt mich wie ein Schlag. »Spindl heiße ich«, knurre ich und denke daran, daß ich meinen Vater auch immer bloß Geiger genannt hatte, mochte ihn dieser Titel auch noch so unangenehm in den Ohren gebrummt haben. Warum soll mir das jetzt nicht vergolten werden? Und während ich dann die Hölzer reibe, daß mir der Schweiß von der Stirne trieft, wünsche ich mir, einmal noch vor dem Geiger stehen und ihm sagen zu dürfen: Sei mir nicht böse.

Wo mochte der Geiger jetzt sein? Wo trieb er sich um? Wohin jagte ihn sein unstetes Blut? Jetzt, da ich daran war, mein Leben ernsthaft abzuschließen, sobald ich von diesen Kindern und diesem Mädchen nur erst loskäme, jetzt sehnte ich mich nach dem Geiger. Wie gerne träte ich vor ihn hin und gäbe ihm ein einziges Mal das Wort: Vater. Sobald er aber mein Leben kennte und sobald er erführe, was ich Blutiges in Jessenei getan, verböte er sich das Wort, nach welchem er sich so lange vergeblich gesehnt hatte. Ich hatte das Recht verwirkt, mich den Sohn eines ehrlichen Mannes zu nennen, selbst wenn er bloß ein armer Teufel von Geiger ist. Deshalb hatte ich auch kein Recht, das Wort Vater als eine Bitte vorzubringen, geschweige denn es als eine Gnade auszuteilen.

Unter dem Druck meiner Fäuste stöhnten die Hölzer und fingen zu dampfen an.

»Wird's bald, Spindl? Es qualmt doch schon!« freute sich ein Maidlein.

»Ich bin der Spindl nicht mehr. Du kannst schon Geiger zu mir sagen. Am besten ist es freilich, du gibst mir gar keinen Namen.«

Ein winziges Flämmchen schlug in das dürre Gras. Ich kauerte und duckte mich tief, um es in das Laub zu blasen.

In dieser Stellung kroch mir ein kleiner Knirps auf den Rücken. »Wenn wir gegessen haben, spielst du aber wieder«, flüsterte er mir ins Ohr und drückte dabei sein Gesicht zärtlich in meine Haare.

Halt still! Deine kleine Last tut wohl. Sie läßt schier das Schwere vergessen, was auf der Seele liegt.

Und ich spielte den Kindern, während sie aßen, während wir wanderten, während sie einschliefen in einer Köhlerhütte oder in einer barmherzigen Scheune. Eines Tages hatten sie einen neuen Namen für mich gefunden. Liedleinmann nannten sie mich. Sie umtanzten mich, sangen, und meine Geige durfte niemals schweigen. Sie liebten mich wegen meiner Geige. Aber ich habe sie niemals dafür streicheln können, wegen meiner verfluchten Hand.

So zogen wir landein, landaus, ein seltsames Bettelvolk. Vor jeder Bauernhütte hielten wir. Ich spielte vor der Türe, und die Kindlein sangen dazu, als hätten sich die Wolken aufgeschlossen, und als hörte man ein himmlisches Musizieren. Wenn die Dirn dann mit einem lachenden Gesicht wieder aus der Hütte herauskam, wußte ich, daß hier hartherzige oder allzu arme Leute hausten, die sich aus Geiz oder Not scheuten, eines aus unserer Schar an Kindes Statt zu behalten. Dann konnte die Dirn so wundersam glücklich sein, weil sie keins von ihren Lieben hergeben mußte. Dann war das Wandern und Betteln und alle Sorge um Brot wie ein lustiges Spiel. Wenn sie aber wiederkam mit dem schweren Sammet in den Augen, dann hatte zwar ein Waislein ein neues Heim gefunden, dann gab es aber für uns wegen der Trennung traurige Tage.

Das auserwählte Kindlein weinte bitter an der Hand der fremden Leute, und alle anderen schluchzten um das zurückbleibende. Tröstend fragte ich es, ob es denn hier nicht auf den Vater und auf die Mutter warten wolle, und die Dirn wurde feuerrot im Gesicht, als sie bestätigte, daß die Eltern hierher kommen würden. Es war keine Lüge, was sie sagte, sondern bloß ein Märchen. Es sollte sich später freilich anders erfüllen, als es die Kindlein damals noch glaubten. Dieser Märchen wegen aber kam Unruhe in unsere Schar. Jetzt wollte ein jedes wissen, ob seine Eltern nicht auch ein Häuslein genannt hätten, wo es auf sie warten könnte. Und alle wollten ebenfalls zu einem solchen Häuschen kommen.

Von dem vielen Geplapper gereizt, fand auch mein Mund wieder zu seiner alten Rüstigkeit. Er ging bald wie ein Spinnrad, und während ich geigte, sang ich, und wenn ich nicht sang, erzählte ich zur Begleitung der Musik die tausend alten Geschichten vom Rotkäppel angefangen bis zum Hockauf und zum Rubenzagel. Und ich war inmitten der Kleinen selbst wie ein leibhaftiger Schwan Kleb-an. (Mein totes Frau Mutterlein, wie nah war ich euch in diesen Stunden!)

Nachts lag ich immer neben dem kleinen Tonlein. Der Junge war mir der liebste von allen. Aber wenn ich so recht beglückt auf seinen ruhigen Atem hören konnte, dann hob im selben Augenblick aber auch mein ganzes Elend an. Denn des Blutes von Jessenei wegen durfte ich seine Stirne niemals berühren. Dann verbiß ich mich im Stroh oder im Heu, oder wenn sich der Schrei gar nicht mehr bändigen lassen wollte, in meinen Arm. Denn die Kinder sollten von meiner Not nichts merken, Und die Dirn auch nicht.

Aber vor der Dirn blieb nichts verborgen. Nach jeder Nacht, die ich mit meinem Leid durchwacht hatte, sah sie mich am Morgen jedesmal besonders lange an. Und ein solcher Blick war mehr als ein gewöhnlicher Gruß.

In diesen Tagen mußte ich besonders häufig an das Mariedlein denken. Vielleicht geschah es nur deshalb, weil die Dirn so ganz anders war als meine erste vermeintliche Liebe.

Einmal fiel mir ein böser Witz ein. Ein halber Leichnam verliebt sich nicht, sagte ich zu mir und lachte laut auf. Aber dieses Lachen verscheuchte das Tonlein. Es duckte sich vor mir, als hätte ich es geschlagen. Ich wollte künftighin Hirn und Maul besser in acht haben.

Eines Tags geschah ein großes Unglück. Wir waren damals nurmehr zu viert auf der Straße: Die Dirn und das Elslein, ihr Liebling; das Tonlein und ich. Alle anderen Kinder hatten bereits ein neues Nest gefunden, und auch für die letzten beiden war es bald an der Zeit, denn die Sonne konnte nicht mehr hochkommen, der Herbst neigte sich und wurde allmählich unwirsch.

Wir wollten gerade in einen Hohlweg einbiegen. Da zerschreit die Dirn mein Lied, rafft die Kinder an sich und reißt sie in ein wirres Jungholz hinein. Es stehen auch schon zwei Reiter vor mir. Es ist ein Glück, daß ihnen das Dickicht die weitere Jagd verwehrt. Ich sehe ihnen an, was sie von dem jungen Weibe wollen. Seit Jessenei verstehe ich, solche Blicke zu deuten. Weil ich die Hände nicht falten kann, hebe ich die Geige bittend empor. Mit einem Fluche haut sie einer der Reiter mit dem Säbel mitten entzwei. Dann sind sie wieder verschwunden. Ich stehe vor den Geigentrümmern und kann nicht fassen, was geschah.

Als die Kinder zurückkamen, weinten sie um die Geige. Doch ihr Schmerz focht mich nicht an. Es kümmerte mich auch nicht, daß die Dirn die Geigenstücke mit den letzten heilen Saiten an die Arme eines Wegkreuzes band. An meinen Lefzen klebte ein starres Lachen wie saurer Rahm.

»Es tut nichts«, flüsterte die Dirn. »Wir können ja singen, wir beide.« Aber als sie dann wirklich zu singen begann, zitterte ihre Stimme wie ein flügges Vöglein, das den ersten Ausflug versucht. Je länger sie aber sang, desto sicherer wurde das Lied, desto mehr taute aber auch das gefrorene Lachen von meinem Munde ab. Und obgleich ich nichts mehr hatte, als das nackte Leben, (was man am meisten haßt, verliert man am schwersten), ging ich ohne Verzweiflung einher, stumpf ergeben, wie sich ein Ochse zum Metzger trollt. Aber ging ich denn? Wurde ich nicht vielmehr von dem Lied der Dirn halb getragen, halb gezogen? Während das Lied selbst hoch oben wie eine Kalanderlerche schwebte und trillerte, hielt es mich an einer unsichtbaren Fessel. Es war eine große Gnade, daß mir vor meinem Ende offenbar wurde, wie selbst aus dem größten Elend noch ein schwaches Fädlein zu des Herrgotts Güte führt. Diese Offenbarung sollte mir das Ende leichter machen, denn der Herrgott schien mich zu verstehen, und ich konnte hoffen, daß er deshalb meine Schritte verzeihen würde.

Für die Dirn aber hatte ich einen neuen Namen gefunden. Von jetzt ab wollte ich sie – aber nur bei mir und in aller Stille – Kalanderlein nennen. In der letzten Stunde wollte ich an sie und an alle Lerchen denken, welche ich nicht mehr sehen würde.

Pfui! Ich wurde weich wie ein Butterwecken an der Sonne oder wie eine Altjungfer bei einer rührseligen Geschichte. War das ein Zeichen, daß meine Schicksalergebenheit bereits unecht geworden war und daß ich jetzt wie ein Schauspieler nur mehr eine Rolle agierte? Aber ich wollte mich dagegen wehren und ich schwor mir zu, daß es der Dirn nicht gelingen sollte, mich in das Leben zurückzulocken. Ich versuchte die Abwehr gegen ihren Einfluß, indem ich gegen sie unwirsch wurde und kein Wort mit ihr sprach. Wenn sie mir aber einmal das Maul aufzwang, kam es kotzengrob daraus hervor.

Der Teufel aber kämpfe gegen die Hexenkunst eines Weibes! Selbst seine spitze Gabel wird an einem ewigen Gleichmut stumpf. Wenn wir vor einem Bauernhaus bettelten, brauchte mich ihr Blick bloß zu streifen, und schon löste sich mein Widerpart bescheiden und artig in die zweite Stimme zu ihrem Gesange auf. Wenn wir aber nicht singen mußten, dann stellte ich ihr mein Rauhbein, daß es eine Schande war. Aber mir blieb keine andere Waffe gegen ihre Kunst.

Trotzdem nahm die Dirn Rücksicht auf mich und gab lieber ihr Elslein her, als daß sie mir früher das Tonlein genommen hätte. Aber kaum daß wir das Elslein auf einem Hofe bei Trautenau zurückgelassen hatten, schöpfte ich Verdacht, daß dieser Verzicht auf das Elslein nur eine ganz abgefeimte Tücke wäre. Denn während die Dirn sonst immer, sooft wir eins der Kinder hatten hergeben müssen, betrübt die Wege meilenweit mit der Nase geackert hatte, war sie diesmal voll Heiterkeit und strich dem Tonlein öfter als sonst über den Scheitel. Ich war schließlich davon überzeugt, daß sie mich mit ihrem Opfer bloß umgarnen wollte. Jetzt haßte ich die Dirn, und mir träumte eines Nachts, ich wäre nochmals in Jessenei und ich erstäche meine Frau Mutter. Dann aber lag nicht die Frau Mutter, sondern das Kalanderlein tot vor mir, und ich trauerte um beide.

Es mußte ein Schluß gemacht werden. Auch das Tonlein gehörte so schnell als möglich unter ein Dach.

Doch es durchschaue jemand eines Weibes Seele! Bereits am nächsten Tage hatte die Dirn von selbst eine Heimatstelle für das Tonlein gefunden. Als sie es von meiner Seite fortholte, vergaß ich allen Trotz und fragte erschrocken, ob es für das Tonlein gut sei. Die Dirn aber küßte den Jungen auf die Stirne und nahm ihn stumm in das fremde Haus mit fort.

Ich starrte auf das verschlossene Tor, und mir war, als hätte man mir mein eigenes Fleisch und Blut fortgenommen. Nach einer ganzen Ewigkeit kam dann die Dirn allein aus dem Hause zurück.

Als wir später auf dem Hügel angelangt waren, wo sich der Weg gerade ins jenseitige Tal hinabzusenken beginnt, hörte ich ein Stimmchen nach mir weinen. »Liedleinmann!«

Einen Augenblick zögerte mir der Fuß, dann aber lief ich, ohne mich umzusehen, bergab, so schnell ich konnte.

Wie elend muß es dem Geiger damals nach dem Abschied von mir gewesen sein. O wenn ich ihn nur ein einziges Mal noch sehen dürfte in diesem Leben! Aber ich habe nicht mehr so viel Zeit, die ganze Welt nach ihm zu durchsuchen; meine blutige Schuld schreit nach Sühne. Ich kümmere mich nicht mehr um die Dirn. Ruhelos wie ein tollwütiger Hund irre ich durch die Wälder, krieche ich über die Blöcke, und Äste zerreißen meine Gesicht. Ich weiß nicht mehr, wen von beiden ich suche, ob den Geiger oder den Tod.

Plötzlich sind beide für mich eins geworden, und ich ahne, daß ich sie bald finden werde.

Jenseits einer Waldwiese huscht etwas im Mond.

»Geiger!«

Dann glaube ich, es wäre das Kalanderlein. Aber alles ist doch nur ein Spuk.

Und ein Spuk ist wohl auch bloß, was ich am nächsten Tage sehe, als ich aus dem Walde herausfinde:

Im Straßengraben hockt das Kalanderlein. Ich will es mit einem groben Wort davonscheuchen. Aber es hält den Zeigefinger so gebieterisch an die Lippen, daß ich gehorchen muß.

Ein grauer Mann liegt auf dem blanken Boden. Sein dürrer Schädel ist in dem Schoß des Kalanderleins gebettet. Er hebt die Brust stoßweise. Man sieht ihm an, wie weh jeder Hub tut, und wie es ihm den Leib verkrampft. Es ist wie beim Klauzal-Ott, und doch wieder ganz anders. Denn hier geht es ans Letzte.

Jetzt erblickt mich der Mann. Lange starrt er mich an. Plötzlich reißt es ihn empor. Er verlangt nach seinem Schludersack, der abseits im Graben liegt, so inbrünstig, als hänge seine Seligkeit von der Erfüllung dieses Wunsches ab. Als ich mich über den Kranken beuge, um ihm den Sack zu reichen, packt mich sein Blick und hakt sich in mir fest. Aller Wille liegt in der Kraft dieser Augen. Plötzlich erglänzen sie in einem unendlichen Glück, das sich über das ganze Gesicht hin ausbreitet und auch dann noch unverändert als seliges Lächeln um den Lippen bleibt, als in den Augen selbst das Leben bereits zerbrochen ist. Langsam drückt die Dirn die erloschenen Augen zu. Unter ihren Händen lächelt der Tote wie über eine sehr große Wohltat.

Langsam gleitet der Sack aus meinen Händen. Als er zu Boden schlägt, gibt es einen summenden Ton. Da stürze ich nieder, reiße den Sack auf und finde eine Geige darin. Ich brauche sie nicht erst anzustreichen. Diese Geige erkennte ich an Form und Farbe aus Tausenden heraus.

Ich werfe mich über den Toten hin, schüttle, drücke ihn, als wolle ich ein Quäntlein Lebens aus einem Stein herausdrosseln.

Dann aber presse ich den Mund an sein Ohr.

Ich weiß, daß es schon zu spät ist, ich aber schreie trotzdem tausendmal den nie gesprochenen Namen hinein, als könnte ich noch nachholen, was ich versäumt hatte. Ich schreie ihn, bis ich ihn endlich nurmehr röcheln kann mit den letzten Resten meiner Kraft. –

Und dann schlief ich.

Nie war ich dem Geiger so nahe wie damals, als ich an der Seite seines Leichnams schlief, und ich war grenzenlos sein Kind, als ich ihn auf dem Rücken ins nächste Dorf auf den Kirchhof trug.

Der Pfarrer war vor den Bauernhorden geflohen und noch nicht zurückgekehrt. Das Verhandeln mit dem Küster um eine Ruhestatt fiel nicht mehr schwer, als ich den ganzen Beutel hingab, der sich neben der Geige gefunden hatte. Den Zettel freilich, der über dem Gold und Silber in dem Beutel gelegen, den behielt ich mir. Dem Spindl möge es dereinst besser gehen, stand mit grober Faust darauf geschrieben. Dieser Zettel wog mehr als alles Geld. Er sollte für mich eine Ablaßbitte im Jenseits sein.

Das Grab grub ich selbst. Und als ich dann den Hügel darübergeschichtet hatte, gab es für mich auf dieser Welt nichts anderes mehr zu tun, als aus ihr zu gehen. Ich war jedoch so müde, daß ich erst ein wenig ausruhen mußte, bevor ich mich auf diese Reise machen konnte.

Ich saß auf dem Grabhügel des Cäsar und hatte die Geige auf den Knien liegen. Je länger ich sie ansah, desto mehr wurde mir auch bewußt, was mir der Tote gewesen ist, trotzdem er auch immer abseits von mir gestanden war. Mir stockte der Atem unter einer unendlichen Last. Es ergriff mich eine namenlose Sehnsucht, vor meinem Tode diese Geige noch einmal zu spielen. Was ich jetzt mit ihrem wortlosen Mund zu sagen gehabt hätte, dazu mußte aber selbst diese Geige zu schwach sein. Nur ab und zu zuckte ich mit den Knöcheln durch die Saiten. Vielleicht verstand mich der Vater auch so.

Blutrot fiel der Abend ein. Mitten in der versinkenden Sonne stand die Dirn mit gefalteten Händen. Sie fror. Aber sie wartete.

»Aus ist es! Scher dich!«

Langsam schüttelte sie den Kopf.

Ich ergriff einen Stein, um sie wie einen lästigen Hund zu verscheuchen.

Sie aber ging ein paar Schritte auf mich zu, wie um mir die Stirne noch besser anzubieten.

Ich mußte sie mit einem tauglicheren Mittel verjagen. Ich winkte sie vollends zu mir heran. Gehorsam drückte sie sich vor mir nieder. Dann erzählte ich mein Leben, von Anfang an, soweit ich es wußte. Je länger ich erzählte, desto mehr vergaß ich die Dirn. Ich sprach vor einem Beichtiger. Ohne etwas zu beschönigen, klagte ich mich aller Erbärmlichkeit, aller Schwäche und Verwerflichkeit an, die ich jemals begangen hatte und womit allein mein ganzes Leben ausgefüllt schien. Doch als ich dazu kam, wie ich unter die tollen Bauern geriet, stockte meine Beichte. Eine letzte Schwäche überfiel mich, und das Bekenntnis meiner größten Sünde wollte mir nicht über die Lippen.

Atemlos horchte die Dirn. In meinem Schweigen verblutete sie an namenloser Angst.

Plötzlich aber tat es mir leid um die Dirn. Ich wollte sie ja gar nicht von mir jagen. Ich hatte ja keinen einzigen Menschen mehr als sie. Aber dann ergriff mich die Verzweiflung und eine satanische Lust, selbst mit meiner Beichte gleichzeitig noch eine Sünde zu begehen und der Dirn weh zu tun. Jetzt erzählte ich alle Grausamkeiten so kraß, wie ich sie mit den Bauern erlebt hatte, und ohne Schonung. Von Jessenei und von der weißen Frau und wie ich das Messer hineinrannte in ihren Leib. Ich freute mich, daß die Dirn unter diesen Worten wie unter Peitschen taumelte. Aus vollem Halse lachte ich:

»Was tätest du, wenn du die weiße Frau wärst und mir am Jüngsten Tage begegnetest?«

Sie aber hält meinem Lachen ebenso stand wie meinem Blick. Vergebens suche ich ein Entsetzen in ihren Augen, vergebens warte ich darauf, daß sie sich wende und von mir fliehe. Nichts geschieht von dem, was ich gewollt und erwartet hatte. Sondern sie hebt sich langsam in die Knie und drückt ihren Mund auf meine verfluchte Hand.

Und während die Sterne dann schon längst über den Himmel gehen, sitze ich noch immer auf dem Grabe, habe mein Gesicht in den Haaren der Dirn und immer wieder muß ich schluchzen oder jauchzen: Kalanderlein!

Immer wieder: Kalanderlein!

Mehr kann ich nicht.


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