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Seit dieser Stunde hatte ich das Gefühl, dem Herrgott einen großen Dienst erwiesen zu haben, und daß er mir recht dankbar dafür sein müsse, weil ich ihn aus aller Enge befreit hatte, zurück in sein All.
Die kommenden Wochen gingen wie ein einziger heller Feiertag vorüber, und ich lebte wie auf einem hohen Berge, von dem der Blick immerwährend durch Sonne geht, ohne Abend und Untergang. Die Brust war so weit und lastfrei, die Arme so stark, daß sie mich im Fluge ohne eine Feder mitten hineinzutragen schienen in die Luft, die hörbar klang vor lauter Klarheit. Die überstandene Lehrzeit beim Pater lag so fern wie etwa dem Vogel alle Ängste der Nacht, sobald der Morgen aufgegangen ist. Es war mir nach dem Vorgefallenen selbstverständlich, nicht mehr zum Pater in die Lehre gehen zu müssen, und ich glaubte auch die Frau Mutter von dieser Selbstverständlichkeit überzeugt, ohne daß es erst einer besonderen Erklärung bedurfte. Es fiel mir somit gar nicht eigens auf, daß die Frau Mutter bei ihrem Fortgehen ans Tageswerk mit keiner Silbe nach dem Grunde meines Zuhausebleibens fragte und nicht einmal den Hausschlüssel mehr an den vereinbarten Nagel im Schupfen hängte, sondern ihn mir in die Hand gab wie einem, von dem man weiß, daß er nicht weit und nicht für lang vom Hause fortgehe. Als wäre es immer so gewesen.
Die anderen Jungen gleichen Alters waren längst schon irgendwo eingestellt, um etwas zu lernen, was einmal seinen Mann ernähre. Bei mir schien man damit zufrieden, daß ich das Haus hütete, und machte sich im übrigen um meine Zukunft scheinbar keine Sorgen.
Vielleicht hatte die Frau Mutter auch die Obsorge über mich dem Cäsar überlassen, der Geiger aber mochte aus seinem eigenen Leben die Weisheit gezogen haben, daß es nicht nötig sei, sich um ein Essen zu kümmern, solange noch eine Ranft Brotes in der Kammer liegt, und daß sich in nothafter Zeit eine Krippe irgendwo schon von selber finde. Es komme lediglich auf die Nase an, zu erschnüffeln, wo eine Krippe steht. Und die Krauspenhaare hätten sich über die Feinheit ihrer Rüssel nicht zu beklagen.
Oder wurde ich trotz meiner Jahre noch immer als für eine rechte Zucht unreif gehalten?
Heute ahne ich freilich, welchen Kummer damals die Frau Mutter mit sich herumtragen mochte. Jetzt verstehe ich auch, warum mir unter ihren Blicken manchmal so seltsam wurde, und weshalb sie mich aus der Türe schob, sobald der Cäsar mit der Faust unversehens zu einem Hieb auf den Tisch ausholte.
Damals war mir jedoch alles gerade so recht, wie es eben war, und ich nahm die Sorge der Frau Mutter wie ein lindes Blümlein entgegen, das mit der Milde seines Krautes gar sänftiglich wohltut. Ich bedachte nicht erst, daß das Kräutlein die Kraft zu seinem Wachstum etwa aus dem Leben der Frau Mutter söge.
Es sage niemand, daß es für mich heilsamer gewesen wäre, wenn die Fäuste des Geigers, an statt auf die Tischplatte, auf meinen Hintern gefallen wären, und daß die Frau Mutter besser getan hätte, hierfür mein Hosenfell zu spannen, als es zu schützen und vor die Türe zum Lüften zu führen; daß mir auf diese Weise die Flausen eher vergangen wären, und daß ich noch zur rechten Zeit zu einem besseren Lebensweg und zu einem Geschäfte gefunden hätte, das nützlicher wäre als mein jetziges.
Je nun, es läßt sich darüber hadern, was ein nützliches Geschäft sei oder nicht. Diese Frage wird durch das Bedürfnis entschieden, und wer ein neues Gewand braucht, dem hilft der Schreiner nichts, außer wenn es zur letzten Reise geht.
Umgekehrt ist freilich auch gefahren. Wer einen Tisch benötigt, wird nicht beim Schuster fragen. Ihr habt also recht, ehrsamer Gevatter. Doch mit Verlaub: Das Brot, das der Bäcker bäckt, ist gegen den Hunger; aber ein Zuckerwerk ist zu nichts anderem nütze, als daß es mit seinem Lustgefühl den Fraß in den Zähnen fördere. Und trotzdem wollt ihr den Zuckerbäcker keinen unnützen Gewerbmann heißen?
Merket denn, daß mein Gewerbe nicht viel anders zu nehmen ist als das eines Zuckerbäckers! Wie dieser sich von seinem Zunftgenossen, der bloß mit Sauerteig hantiert, so scheidet sich auch mein Stand von dem eines Pfarrers. Der Pfarrer knetet aus seinem Sauerteig ein rechtschaffenes Brot für die Reise zurecht, die ihr nach dem letzten irdischen Schnaufer antretet, um im Jenseits Gott zu suchen. Ich aber drehe meine Zuckerpillen, auf daß ihr vor lauter Lächeln und Licht schon im Diesseits mitten in Gott zu gehen vermeint. Außerdem scheuert mein Brot die Zähne blank, denn beim Lachen können sie gar nicht genug zwischen den Lippen hervorblitzen.
Wie das Geschäft, so auch der Weg dazu. Auf den Rücken eines Fleischerbuben mögen die Fäuste niederknallen, und wer auf einen Pfarrer studiert, möge sich Fleisch und Bauch kasteien. Für diese Geschäfte, welche sich ein jeder wählen darf und die man erlernen kann, mögen immerzu erprobte Schulen vorgeschrieben werden. Wer aber die Seelen arztet, nicht weil er es will, sondern weil er es eben muß, der findet keine Schulen vor. Der kommt als fertiger Meister zur Welt und geht auf einem unbegangenen Weg.
Wenn mich nach einer solchen aufgeblasenen Rede jemand fragte, zu welch großem Ende ich denn schon gelangte, könnte ich ihm freilich mit keinem Titel aufwarten. Und doch bin ich an einem Ziel.
Die Frau Mutter sah in ihrer Einfalt dieses Ziel voraus und tat unbewußt das Richtige, um meinen Weg nicht zu stören.
»Wachs, Spindl! Wachs zu! So wirst du richtig«, sagte sie einmal zu mir. Heute verstehe ich, was sie damit gemeint hat. Ihr Vertrauen, welches sich sogar durch alle Sorgen nicht erschüttern ließ, war das beste Erdreich für mein Wachstum. (Habt Dank dafür, Frau Mutter, über euer Grab hinaus bis an mein eigenes seliges Ende!)
Man ließ mich also allein. Und es begann damals für mich eine Zeit der seltsamsten Entdeckungen. Ich hatte bis dahin die Welt des Hauses eigentlich kaum gekannt. Während die anderen Kinder sich zunächst schrittweise die Stube, dann das Haus erobern und, vom Heim kommend und immer wieder dahin zurückkehrend, von der Schwelle aus ihre weiteren Kreise ziehen, gleichsam sichernd sich erst in die Außenwelt vorwagen und diese langsam und allmählich sich vertraut und zu eigen machen, kam ich des umgekehrten Weges: Vom »Außen« her erst zu dem Heim. Der ich schon als Brustkind tagsüber in fremden Wohnungen abseits abgelegt oder in Gärten und auf Bleichplätzen unter einem Baum oder irgendeinem Gebüsch liegen gelassen worden war, ich war an das offene Leben gewöhnt, und das eigene Haus war für mich kein anderes als eins unter den vielen fremden, ebenso wie diese bloß in regelmäßigem Wechsel besucht. Ans Streifen in Luft und Licht gewohnt, mied ich die geschlossene Stube auch an Feiertagen. So kam es, daß ich nur den Kartoffelacker, den kleinen Garten, den Hof mit dem Nußbaum vor Augen hatte, wenn ich von »zu Hause« hörte. Das Haus sah ich wohl auch, aber nur von außen, nie von innen. Meine Vorstellung davon war also gleichsam an der Schwelle stehen geblieben.
Daß ich diese Schwelle jetzt erst und mit dem Herzen überschritt, gewährte ein um so größeres Glück, weil ich es mit gereiftem Bewußtsein erfassen konnte, und ein um so innerlicheres, als ich Form und Zweck der aufgestellten Dinge nicht mehr zu ertasten brauchte, sondern über alles Äußerliche und ihnen Aufgezwungene hinweg ihr inneres Eigenwesen und den Klang ihrer Gesamtheit ergriff.
Nicht daß und warum die Dinge da waren, sondern wie sie waren, das eröffneten mir ihre feinen Stimmen, jedes Ding in anderer Weise: Das eine mit einem harten Ton wie aus einer angeschlagenen Glocke, das andere zart und fein, als käme es von einer erregten Saite. Gewiß war mein Gehaben in jenen einsamen Stunden ein wunderliches. Und wer mich dabei gesehen hätte, wie ich leise durch die Räume schlich, vor den Dingen hielt, das Ohr zu ihnen neigte, der würde an der Richtigkeit meiner Sinne gezweifelt haben. Ich aber wurde niemals müde, von dem einem Ding scheidend, zu dem anderen zurückzukehren. Ich ging somit von einem ins andere Staunen über die Vielfältigkeit ihres Gesanges, der sich von Augenblick zu Augenblick änderte, einmal sehnsüchtig bangte, in Ahnung erzitterte, in Verzweiflung zerriß, dann in Trauer klagte, zur Hoffnung aufstand und schließlich doch immer einging in die jubelnde Gewißheit eines endlichen Glückes.
Und eines Tages entdeckte ich sogar, daß nicht etwa das eine Ding klage, während das andere sich freut, sondern daß sie alle gemeinsam weinen und gemeinsam lachen, nur daß Freude und Schmerz des einen sich durch eine aus den verschiedenen Wesen bedungene Farbe, also nur im Ausdruck und in der Stärke von Schmerz und Lust der anderen unterscheide. Daß sie im übrigen Gemeinsamkeit empfänden, wie auch über ihnen etwas schwebe, was sie zu gleichem Liede zwingt. Und plötzlich erkannte ich den gestimmten Gleichklang: Mit hundert Stimmen sang der Raum.
Ist das niedrige Zimmer ein Dom? Wer spielt mir?
Verwirrt tat ich die beiden Fragen zuletzt. Dann aber überstürzte mich eine Überfülle, wie damals in der Kirche das Orgelspiel. Ich brach in einem Stuhl nieder. Ich warf die Arme und den Kopf auf den Tisch und schluchzte unter der flutenden Last.
Wie am Waldrand eine Jungföhre wäre auch ich unter dem Sturme zerbrochen, wenn nicht von irgend woher eine milde Hand gekommen wäre und das Brausen mit einem leichten Wink eingeführt hätte in das geruhsame Schreiten eines erlösenden Chorals.
Ich erhob den Kopf und wußte mich inmitten der niedrigen Herbstsonne sitzen, welche vom Fenster her ein goldenes Spielbrett über den Tisch und unter meine Hände schob. Wie der dunkle, bärtige Mann in der Kirche saß jetzt auch ich an einer Orgel, und sie gehorchte einem Willen, der aus unbekannten Fernen auf mich niederströmte, sich in meinem Herzen sammelte und von dort in meine Hände ging, aus den Fingern in die Tasten rieselte und mit winzigen Befehlen dem Raum das Lied entzwang.
Aller Hausrat klang auf, achtsame Spielleute, und als eben der Wink der Sonne die kupfernen Kessel traf, standen Posaunen auf und begannen ein nie erhörtes neues Tedeum, so gewaltig und fordernd, daß auch meine übervolle Brust sich mitten hinein lösen mußte: Und ich sang. Zunächst stimmte ich bloß mit ein in die allgemeine Weise. Dann aber riß ich die Führung bewußt an mich, und ein Brunnen, unergründlich, unerschöpflich, tat sich in mir auf. Es strömten die Weisen und je mehr sie flossen, desto mehr wurden sie gedrängt von der Spannung der noch unerweckten, nach Auferstehung verlangenden.
Dankte der Herrgott so für seine Befreiung?
Ich jauchzte ihm einen Gegendank, jubilierte, bis meinem Körper endlich die Kraft ausging und ich über dem neugewonnenen Schatz tief und traumlos in Schlaf versank.
Mittags weckte mich der Geiger mit einer Backpfeife. Er hatte Hunger, und die Suppe war kalt. Mühsam mußten wir das Feuer im Herd neu anfachen. Das Schelten des Geigers berührte mich nicht. Ich vernahm es, als ob es sich gegen irgend jemand richtete, der mich nichts anging. Bloß daß der Cäsar meine Führung ein saugemäßes Lotterleben nannte, traf mich etwas tiefer, jedoch nicht so, daß es mich zu einer trutzigen Abwehr aufreizte. Sein Gekeife warnte mich bloß, die wundersamen Träume als tiefes Geheimnis bei mir zu behalten, um der Möglichkeit, sie in Hinkunft wieder zu erleben, nicht beraubt zu werden.
Der Frau Mutter gegenüber hatte ich zwar das Gefühl, mich eröffnen zu sollen, sie an dem stillen Glück teilhaben zu lassen, aus Mitleid mit ihrem unerklärlichen Anderssein und mit ihrem gebückten Gang. Aber wie oft ich auch bereits daran war, die Ichsucht und die Angst um das Geheimnis zu überwinden, verschloß sich mir zuletzt dennoch der Mund; denn, so sagte mir eine Stimme, jetzt gehst du bloß daran, deiner Frau Mutter ein Almosen zu geben.
Ich fragte damals nicht nach der Herkunft dieser absonderlichen Stimme. Ich sah zwar mit den Augen, daß die Frau Mutter von Tag zu Tag anders wurde, daß sich ihre Gestalt gleichsam langsam in sich selber zusammenzog, und ihr Körper immer kleiner und unleiblicher wurde; aber mein Herz wußte nichts davon. Weil es von der neuen Fülle brannte, war mein Herz blind und abseits von dieser Frau getreten. Es mochte meiner Frau Mutter damals nicht leicht gefallen sein, mich zu lassen und nicht nach mir zu langen, wie sehr es sie auch zu mir drängte. Sie umgab mich vielmehr nur mit jener stärkeren und unaufdringlichen Sorgfalt, mit welcher man einen Kranken umhütet, der seinen Zustand aus der Pflege aber nicht merken soll. Erst viel später sollte ich erfahren, wer zu einer so ungewöhnlichen Behandlung geraten hatte, und warum er es getan.
Ich ließ mir jedenfalls diese Pflege sehr wohl gefallen und gab mich den Träumen hin.
Je länger dieser Zustand währte, desto häufiger versuchte jedoch der Geiger, mich zu stören. Ich mußte bald diesen, bald jenen Botengang für ihn tun, für den Robl-Kaufmann vom Schindler-Bauern einen Sack Kartoffeln karren, ein Bund Holz für die Steuereinnehmerin besorgen und andere Dinge mehr. Scheinbar wollte mich der Cäsar auf diese Weise zum Gemeindeboten ausbilden. Ich wunderte mich bloß, wann und wie er die Aufträge für mich zusammenbrachte. Um wieder zu meiner Orgel zurückzukommen, entledigte ich mich ihrer so schnell als möglich. Dadurch befriedigte ich jedoch bloß die Besteller und bewog sie, ihre Aufträge zu wiederholen und zu häufen. Deshalb wurde ich immer säumiger und ungenauer in der Ausführung, und der Cäsar hatte als Auftragssammler immer seltener Glück. Nach kurzer Zeit bemerkte ich auch, daß er mir seine Befehle nur dann erteilte, wenn die Frau Mutter das Haus bereits verlassen hatte. Um den lästigen Geschäften zu entgehen, brauchte ich also nur zur rechten Zeit zu verschwinden und in einem Schlupfwinkel abzuwarten, bis auch der Cäsar nicht mehr bleiben konnte und zur Kirche ging. Dann schlüpfte ich wieder ins Haus hinein und begann die heimlichen Wanderungen von Ding zu Ding.
Bei einer solchen Wanderung stieß ich einmal unversehens an den Schrank des Geigers. Wie ein übelgelaunter Hund krisch er und riß seinen Rachen auf. Erschreckt fuhr ich vor dem feindlichen Anhauch des fremden Atems zurück, der mir daraus entgegenschlug.
In dem Kasten hingen an einem Holzrechen die Kleider des Cäsars in einer spärlichen Reihe. Darunter lagen auf einem vom Kastenboden erhobenen Brett die Wäschestücke und zuunterst neben ein paar Schuhen die beiden Säcke, aus denen die Geigenköpfe hervorlugten.
Nur mit Widerwillen überwand ich den Dunstkreis des fremden Geruches und hielt den Atem an, als ich die Geigen hervorzog. Während ich aber die Schlingen der Zugbänder an den Geigenhälsen löste, fieberte meine Hand. Als ich sie dann endlich enthüllt auf den Tisch legte, gab es jedesmal einen Ton, als schlüge der Wind eine scharfe Harfe an. Aus der einen Geige heller, wie etwa der verhallende Glockenton vom Sankt Vinzentius her, dunkler und wie Sammet aus der anderen.
Und dann geschah etwas, was ich mir heute noch nicht zu erklären weiß, da ich mich langsam als ein Sechziger anschicke, von der Jugend Abschied zu nehmen, und somit doch schon manches erlebt habe. Ich erinnere mich daran, als ob es erst heute gewesen wäre. Wie ein Feuer, das lange unter der Asche glomm, plötzlich jach aufschießt, genau so brennt mir auch jetzt wieder das Herz, genau so wie damals. Mein Gesicht wird purpurn, und die Schläfen jagen mir davon. Ich fühle auch jetzt die Unbedingtheit des Befehles, als ich die dunkle Geige an mich riß wie eine bräutliche Beute. Ich warf sie ans Kinn und raffte den Bogen und spielte. Obgleich es mich niemand gelehrt hatte, strich ich die leeren Saiten so, wie ich es bei den Spielleuten gesehen hatte, auf und ab, in langen Zügen, wie ein Trunkener in einem wilden Rausch. Und ich schraubte die Wirbel, daß je zwei Saiten zueinander blutrot klangen, und daß ich von der tiefsten zur höchsten jenen jubelnden, hellflammenden Aufstieg fand, den die Geigen in jauchzender Kraft nehmen, bevor sie einen gebändigten Gesang anheben. Ich warf die vier Töne übereinander, ließ sie zusammenstürzen, jagte sie wiederum hoch. Ich mußte die Beine stemmen, denn ich schwang eine Fahne, auf und ab, über den Zinnen der Erde eine mächtig brausende Fahne. Und mitten hinein stieß ich mit fliegenden Lungen ein wirres Lied.
Dann fielen meine Finger auf die Saiten und zerpflückten die großen Sprünge zu kleinen Schritten, ein Schritt nur immer um ein Weniges über dem anderen, näher dem Scheitel und heller, endlich die sichere Höhe der nächsten Saite erklimmend, dreimal so, bis schließlich auf der vierten Saite die Hand selber die Stufen bauen muß in solche Höhen hinein, wo auf feinen silbernen Strahlen die Sterne geigen. Und wenn sich dann die Finger wieder lösten, einer nach dem anderen, senkte sich auch der Ton langsam von den Sternen herab, bis er schließlich ruhte wie auf dem Grunde eines Sees.
So trieb ich es durch die Tage: Ich stand inmitten der Stube und leitete als Fürst mit der Geige das Lied des klingenden Raumes. Und die Finger wurden immer kundiger des Weges. Schon versuchten sie, ob sie dem Liede nachtasten konnten, das mein Mund sang. Schon stiegen sie – unbegrenzt von den Grenzen, die meine Stimme engten – darüber hinaus. Schon sagten sie besser als der Mund, was mir innerlich blühte und mich bedrängte. Die unbestimmten Ahnungen, die mich belasteten und beugten und in Worten unaussprechlich waren, dichtete ich in das Lied und machte mich damit ledig und neu. Es konnte nicht anders sein: die Weise begann stets dunkel und trüb, zerquälte sich in arger Not, dann aber fand sie aus allen Wirren einen gnadenreichen Ausgang, so daß sie sich schließlich in lichtestem Jubel verströmen durfte.
Ermattet sanken meine Hände. Ich saß wie in einem Lächeln. Nichts sonst war um mich, als das weite Land, wo die Täler der Wünsche ausgefüllt sind, und wo es keinen Gipfel mehr gibt, wohin dem Streben und dein satter Wille gehen wollte. Dein Bewußtsein ist nicht mehr, und wenn du in die Abendsonne dieses Lächelns schaust, bist du bloß ein Baum, bebst leise von der Erde her bis in den Wipfel, und träumst nur mehr die ferne unbestimmte Ahnung, daß du warst. Du ruhst tief in einer weißen Seligkeit, bis endlich von weither ein klingender Tropfen in deine Jenseitigkeit fällt, dich ruft und dich wissen läßt, daß du noch bist. Dann fühlst du die neu erstehende Fülle, neue Not, aber auch die Berufung deiner Kraft, zu überwinden.
In einem solchen Augenblick stand einmal die Frau Mutter plötzlich vor mir da. Sie war mit erschreckten Augen zwischen mich und die Geigen getreten, als gelte es, etwas zu retten.
Sie fragte beinah unhörbar; aber ihre Hände lagen auf der Brust und hielten den Schrei.
Plötzlich fühlte ich klar, daß ich in diesem Augenblick zum zweiten Male und gänzlich von ihr entbunden ward. Und ich war unermeßlich verpflichtet, ihr jetzt die hoffnungsvolle Bahn meines Lebens zu zeigen, noch einmal – und zum letzten Male noch ganz in ihrer Nähe –, zu ihr zu sprechen, ehe ich sie allein lassen mußte und weit hinter mir.
So stürzte ich denn nach der Geige und spielte das große Weh dieses Augenblicks über ihr abseitiges Schluchzen hin. Die Saiten verzweifelten und wollten bersten. Aber wie ein Ostertag ging der Trost auf, und ich sang einen Choral über das Thema der seltsamen Worte:
»Aus deinem Abend geht mein neuer Tag.«